Tyraleen
16.01.2010, 12:17

Die Nacht war vorbei, der Morgen gekommen und selbst die Verkündung des Todes Banshees hatte Tyraleen überstanden. Jetzt, endlich, konnte sie sich der drückenden Gemeinschaft der ganzen Familie und - noch schlimmer - der des ganzen Rudels entziehen und endlich alleine ihrer Trauer entgegen sehen. Nicht ganz alleine ... aber nur mit einem Wolf, dessen Gesellschaft sie immer schätzte und bei dem sie nun endlos erleichtert war, ihn nach seiner langen Abwesenheit an ihrer Seite zu haben.
Fernab des Rudels, versteckt im südlichen Nadelwald auf weichen Teppichen aus Moos konnte sie ihr tränenverschmiertes Gesicht in Averics warmem Pelz vergraben und hemmungslos weinen, als könne sie nie wieder aufhören. Nur langsam beruhigte sie sich, nach vielen Momenten des Schweigens und des beieinander Trostsuchens.

"Du hast mir sehr gefehlt auf dem Weg zum Tod unserer Mutter ..."

Sie hob leicht den Kopf, sodass sie Averics Augen sehen konnte.

"Dafür hast du Papa gebracht. Warum?"

Es war nicht nur die Frage, wie es dazu gekommen war, dass Averic Acollon abgeholt und zu Banshee gebracht hatte ... es war auch die Frage nach dem Hass zwischen Vater und Sohn.

Averic
16.01.2010, 19:14

Es war vorbei. Sie waren nicht mehr und sie würden nie mehr sein. Zumindest nicht auf dieser Welt. Die ganze Nacht und den ganzen Morgen lang hatte Averic kein Wort mehr gesprochen, nur Wache gehalten, seine Aufgabe starr erfüllt. Es tat so weh, dass keine Mimik, keine Geste dem mehr Ausdruck verleihen konnte.
Nun war er alleine, nur mit Tyraleen an seiner Seite, weit weg von allen. Er spürte ihre Schnauze in seinem Pelz, die Tränen, die sich im Fell verfingen. Sie weinte schon die ganze Zeit und ihm saß inzwischen ein Kloß im Hals, viel zu fest, um ihn herunter zu schlucken, aber auch, um ihn heraus zu lassen. Die Ohren hingen schlaff herab und er schmiegte sich an seine Gefährtin, den Kopf über ihren Nacken gelegt. Bis sie sich beruhigt hatte und nur noch ein leises Schluchzen zu hören war.
Als sie mit ihren Worten das lange Schweigen beendete, kam ihm wieder das Bild Acollons in den Kopf, jener Wolf, der selbst seinem eigenen Tod noch stolz entgegenblickte, dann aber doch so schnell schwach wurde.

Für unsere Mutter ... Ich wusste, dass er kommt. Aber Acollon war schwächer, als er zugeben wollte, er hätte es fast nicht geschafft. Aber ich wollte ihr diesen letzten Wunsch unbedingt erfüllen und unseren Vater zu ihr bringen.“

Er erinnerte sich auch an das Bild seines zu Boden gehenden Vaters, das Blut und den Gedanken, dass er es nicht schaffen würde.

Tut mir Leid, dass ich nicht da war.“

Tyraleen
20.02.2010, 18:32

Natürlich hatte Tyraleen es gewusst. So wie sie immer Banshee nah oder fern gespürt hatte – gerade in der letzten Zeit oft fern – musste Averic auch Acollon gespürt haben. Selbst sein ewiger, unverstandener Hass hatte daran nichts ändern können. Wie gerne hätte auch Tyraleen ihren Vater gespürt um mit ihm diesen langen Weg gehen zu können und so viel mehr zu sagen, als es ihr in dieser kurzen Zeit möglich gewesen war.

“Bist du froh, dass er jetzt tot ist?“

Es war keine provozierende Frage, sie hatte nichts Gehässiges oder Böses an sich. Tyraleen wollte nur wissen, was in Averic nun vorging.

“Ich weiß, du hast ihn gehasst, weil er nie für Mama da gewesen war. Aber hättest du ihn lieben können, wäre er immer hier gewesen?“

Averic
01.04.2010, 12:41

( I'm sorry, hab' gar nicht mehr daran gedacht. x.x )

Averics Ohren zuckten leicht zur Seite, als ihm Tyraleen diese Frage stellte. Ob er froh darüber war?

"Ob lebendig, oder tot, das hat bei ihm keinen Unterschied gemacht.",

antwortete er und Bitternis schwang in seiner Stimme mit. Acollon war nie dagewesen. Er war quasi die ganze Zeit über tot gewesen, nur um zwischendurch doch wieder auf zu tauchen und Wunden auf zu reißen. Auf Tyraleens zweite Frage hin schwieg er noch ein bisschen länger, überlegte.

"Ich weiß es nicht. Zumindest wäre er da gewesen."

Im Grunde genommen war Acollon auch anwesend kein besonders toller Vater gewesen. Nur ein, zwei Mal hatte er seinen Vater nett ihm gegenüber erlebt.

"Als ich ihn noch nicht kannte, bin ich noch so furchtbar stolz darauf gewesen, dass er mein Vater war und habe sehnsüchtig darauf gewartet, dass er endlich zu uns kommt."

Er knirschte leicht mit den Zähnen. Nach dem ersten Kennenlernen, war dieser Stolz auf seinen Vater sehr schnell bitterer Enttäuschung gewichen.

Tyraleen
02.04.2010, 11:36

Tyraleen schüttelte ganz sachte den Kopf, dabei rannen zwei Tränen aus ihren Augenwinkeln, ohne dass sie noch weinte.

“Das habe ich nicht gefragt. Ich habe gefragt … ob es für dich befriedigend ist, dass Papa nun tot ist.“

Wieder war ihr Ton nicht provozierend, auch wenn der Inhalt ihrer Frage kleine Kratzer an ihrem Herzen hinterließ. Gleichzeitig hatte sie schon immer gewusst, dass ihr Gefährte und Bruder ihren gemeinsamen Vater töten wollte. Trotzdem nahm dieses Wissen ihr nicht die Traurigkeit, dass Averic Zeit seines Lebens den Hass nicht überwinden konnte – anders als sie selbst, die ihre Liebe zu Banshee entdeckt hatte, bevor es zu spät gewesen war.
Sie lauschte auf, als Averic ihr einen kleinen Einblick in die Zeit vor ihrer Geburt gewährte. Er war einmal stolz auf seinen Vater gewesen … es klang fast unwirklich.

“Was geschah, als er dann zum ersten Mal zu euch kam?“

Sie schmiegte ihre Schnauze an den Hals ihres Gefährten, sich nicht sicher, welche Gefühle bei dem Schwarzen nun aufkommen könnten.

Averic
02.04.2010, 13:40

Stumm sah der Pechschwarze seine Gefährtin an, als diese ihre Frage noch einmal anders formuliert wiederholte. Er spürte, wie ihre Worte auch ihm einen Stich versetzten. Wollte sie ein „Ja“ hören? Averic wandte den Blick ab. Befriedigung. Nicht mal, als er gegen Acollon gekämpft, als er ihn verletzt hatte, hatte er Befriedigung verspürt. Seine Enttäuschung über ihn war einfach immer zu groß gewesen. Und dieses letzte Treffen ... er würde wohl niemals beschreiben können, was das für Gefühle seinem Vater gegenüber gewesen waren.

Nein.“

Und immer noch; es machte sowieso keinen Unterschied. Der Schwarze lehnte sich an Tyraleen, genoss ihre tröstende Nähe, auch wenn die Fragen, die sie stellte, Erinnerungen hervorriefen, die schmerzten. Vor allem jetzt, da seine Eltern tot waren.

Es war ein furchtbar chaotischer Tag ...“,

begann er, innerlich die Ereignisse ordnend. Den Schmerz ausklingen lassend, der auch bei dem Gedanken an Cylin wieder leicht aufflammte.

Ich war schon fast ein halbes Jahr alt, Cylin und ich waren im Wald unterwegs. Mama war an diesem Tag auch nicht da, sie wollte Acollon suchen. Wir haben dann aber seine Witterung vernommen und sind bis zur Reviergrenze gelaufen, nur um ihn als Erste zu treffen. Und ich war so stolz, so furchtbar stolz, dass er genau so war, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Mit ihm sind wir zurück zum Rudel gegangen, auf halbem Weg habe ich Banshee abgefangen und ihr feierlich verkündet, dass Cylin und ich Acollon für sie gefunden haben.“

Nur an der Stelle, wo er erneut vom Stolz auf seinen Vater erzählte, schwang wieder etwas von dem endlosen, enttäuschten Ärger auf Acollon mit. Damals hatte er ihm seine Abwesenheit noch nicht übel genommen: Das zweite, dritte und vierte Mal schon. Und es war alles schon so furchtbar lange her ...

Tyraleen
08.01.2011, 23:08

Auch wenn Tyraleen nicht wusste, was sie für eine Antwort erwartet hatte, erleichterte sie das schlichte ‘Nein‘ ihres Gefährten. Auch wenn es wieder Fragen aufwarf, denn wenn es ihn nicht befriedigte, warum hatte er es sich dann Zeit seines Lebens gewünscht? Vielleicht konnte ihn weder ein lebendiger noch ein toter Acollon befriedigen … er würde sich immer einen anderen Vater wünschen.
Abgelenkt von dem Anfang der Erzählungen aus Averics Kindheitstagen ließ die Weiße diese Gedanken fallen und tauchte in diese fremde Welt vor ihrer Geburt ein. Es hatte Zeiten gegeben, in denen Banshee Acollon gesucht hatte. Nach Tyraleens Geburt, war das nie vorgekommen … vielleicht hatte ihre Mutter da schon gewusst, dass sie keinen Erfolg haben würde. Dass Acollon an Orten war, an denen man ihn nicht suchen, nicht finden und nicht treffen konnte. Aber siehe da, an diesem lang vergangenen Tag hatte jemand bei der Suche Erfolg, wenn auch nicht Banshee. Die Vorstellung wie Averic und Cylin ihren Vater an der Reviergrenze abholten, ließ sie leicht schmunzeln, ähnelte dieser Vorgang doch auf so eindeutige Weise den Stunden vor dem Tod ihrer Eltern. Und Averic war stolz gewesen. So wie es Tyraleen immer und auch noch heute war. Sie waren sich in ihrer Beziehung zu Acollon vielleicht doch ähnlicher, als gedacht. Nur dass Tyraleen verstehen konnte, warum Acollon nie da gewesen war, während Averic ihm genau das so übel nahm, dass er ihn dafür hatte töten wollen. Das Schmunzeln verblasste wieder.

“Wie hat er auf euch reagiert? Und wie Mama, als ihr ihn gebracht habt?“

Sie stellte zwar konkrete Fragen, wollte aber eigentlich nur zum Weitererzählen auffordern. Vor ihrem inneren Auge sah sie den kleinen Averic und den kleinen Cylin – sie ähnelten Chanuka und Chardím, mit weniger Fellzeichnungen – wie sie vor einem deutlich jünger aussehenden Acollon standen und voller Begeisterung an ihm hochsprangen. War Averic wirklich einmal ein solcher Welpe gewesen? Was hatte ihn sich so verändern lassen?

“Und wann hast du aufgehört stolz zu sein?“

Averic
12.02.2011, 20:45

Sein Geist driftete langsam durch das Meer der Vergangenheit, als er noch ein kleiner Welpe gewesen war. Diese Zeit war so weit fort, das sie kaum mehr realer als ein Traum erschien. Überall war das Gesicht seiner Mutter, sogar das Gesicht seines Vaters und das Cylins. An jenem einen Tag war er mit seinem Bruder im Wald gewesen, eine seltsame Atmosphäre hatte in der Luft gelegen und sein kleiner Träumer hatte sich gefürchtet, immer wieder von einem Schatten gesprochen, der kommen würde. Averic wusste, dass er nicht Acollon gemeint hatte – dennoch auch er, der Schatten des Todes war zu ihnen gekommen. Die Bilder vor seinem geistigen Auge waren etwas verschwommen, die Erinnerungen so fern.
So dumpf, als befände er sich selbst in einem Traum, drangen die Worte Tyraleens an seine Ohren. Wie hatte er reagiert? Und wie Banshee? Tyraleens warmes Fell an seinem Hals spürend, schloss Averic die Augen und was damals passiert war, wurde wieder etwas klarer.

Er stand uns einfach nur gegenüber und ich sagte ihm, dass Mama nach ihm suchte. Er meinte bloß, dass sie sich wohl verpasst hätten und fragte nach unseren Namen. Dann gingen wir zurück zum Rudel. Es war recht undramatisch. Acollon eben. Aber damals fand ich seine Art noch ziemlich ... cool.“, der Pechschwarze konnte kaum verhindern, dass das „Cool“ ein wenig bitter über seine Lefzen rutschte.
Und dann kam Mama wieder. Ich ... ich kann mich nicht daran erinnern sie jemals wieder so glücklich gesehen zu haben. Sie hat ihm seine Abwesenheit nicht eine Sekunde lang übel genommen. Das hat sie nie.“

Aber er hatte es. Mit der Zeit immer mehr und immer stärker. Bis aus Enttäuschung Hass geworden war. Damals war er wie ein Sturm gewesen. Unnatürlich heftig. Auch nach diesem fatalen Fehler, den er damals begangen hatte, hatte er ihn immer noch gehasst. Aber er hatte nie mehr das Verlangen gespürt ihn zu töten ... es war einfach nur noch eine tiefe Abneigung geblieben. Deshalb konnte er auch nicht froh darüber sein, dass sein Vater Heute gestorben war.

Acollon war nie der väterliche Typ. Nur einmal ist er für mich ein richtiger Vater gewesen. Das Rudel hat uns Jungwölfe zum ersten Mal mit auf die Jagd genommen, aber es endete in einer furchtbaren Katastrophe. Die Hornträger sind anstatt zu fliehen zum Angriff übergegangen, nur wenige haben das Chaos überlebt und viele Wölfe wurden verletzt. Ein Hirsch hat mich unter sich begraben und hätte Acollon ihn nicht von mir runter gezerrt, wäre ich vielleicht nicht mehr am Leben. Dann ... hat er sich zu mir gelegt und mir gesagt, dass er stolz auf mich sei. Er ist dicht bei mir geblieben, bis ich wieder aufstehen konnte. Es war das einzige Mal, dass er für mich da war.“

Averic bemühte sich um eine neutrale Stimmlage, schließlich aber verfinsterte sich sein Gesicht:

Wenige Tage später ist er verschwunden. Er kam nicht mehr wieder. Einmal noch zur Ranzzeit, ganz kurz, dann war er wieder weg. Er hat uns im Stich gelassen und Mama das Herz gebrochen. Als er dann damals, so viele Monate später in den Bergen wieder auftauchte und sich aufführte, als seie er nie weggewesen, konnte ich einfach nicht mehr stolz auf ihn sein.“

Tyraleen
21.02.2011, 14:40

Das Wort cool klang sehr seltsam aus Averics Fang und doch konnte sich Tyraleen vorstellen, was er meinte. Averic als kleiner Welpe, der beeindruckt war von dem lockeren Auftreten seines großen, starken Vaters und der seine Mutter glücklich machte, weil er Acollon für sie gefunden hatte. Er hatte sie nie wieder so glücklich gesehen. Nachdenklich betrachtete Tyraleen ihren Gefährten.

“Ja, das hat sie nie. Hast du dich nie gefragt, warum? Und, wenn sie es ihm nie übel genommen hat, warum konntest du das nicht auch, wenn dies doch offensichtlich ihr Wunsch war?“

Sie hatten sich diesem Thema unaufhaltsam genähert. Sie wollte sich mit Averic nicht darüber streiten, sie beide wussten, dass Tyraleen ihren Vater immer lieben und dass Averic ihren Vater immer nicht mögen würde, aber eines verstand die Weiße nicht. Warum Averic nie akzeptiert hatte.
Die kurze Geschichte über die missglückte Jagd und die Fürsorge Acollons rührte Tyraleen. Sie konnte sich kaum vorstellen, wie ihr Vater den kleinen Averic rettete und bei ihm blieb. Es war eine Szene, die ihr so unreal vorkam wie der Gedanke, dass ihr Bruder seinen Vater einmal geliebt hatte. Bitter fuhr Averic dann auch fort, kam zu der Zeit, in der sie schon geboren war und die sie mehr als deutlich vor Augen hatte. Sie schüttelte ganz leicht den Kopf, widersprach ihrem Gefährten jedoch nicht. Sie hatte ihre Fragen schon gestellt, die Diskussion bereits eingeleitet, sie wollte ihn nicht ärgern.

Averic
25.02.2011, 16:18

Averic sah seine Gefährtin an und ein bitterer Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus. Natürlich hatte er sich diese Frage gestellt. Immer und immer wieder. Aber genau so, wie er nicht verstehen konnte, warum Banshee seinem Vater blindlings immer wieder alles verziehen hatte, schien niemand seine Sicht verstehen zu können. Schien niemand seine Enttäuschung verstehen zu können. Es war fast erschreckend, dass Acollon alle, selbst seine Schwester so um die Pfote wickeln konnte, ohne da gewesen zu sein. Scheinbar konnte niemand von ihnen sehen, dass er nicht das gewesen war, wofür sie ihn so großmütig hielten. Acollon hatte immer nur das gemacht, wozu er gerade Lust gehabt hatte. Ohne Rücksicht auf seine Familie, oder die Wölfin, die ihn liebte.

Oh, natürlich. Immer wieder habe ich mich gefragt, wie sie ihm nur immer wieder verzeihen konnte. Ich verstehe es nicht. Damit hat sie ihn immerhin bestätigt! Er war in keiner Situation für sie da, er hat sich einen Dreck um uns geschert. Eigentlich hat er keine Vergebung verdient. Da kann er noch so viel Fenrissohn gewesen sein, wenn man Welpen in die Welt setzt, sollte man sich auch um sie kümmern. Ich könnte das nicht. Ich könnte unsere Kinder und dich nicht allein lassen. Deshalb verstehe auch nicht, warum er für dich so ein perfekter Vater war, denn auch für dich ist er nie da gewesen. Ich kann mir meine Welt nicht so schönreden, wie ihr.“

Es mochte anklagend klingen, tatsächlich fühlte der Schwarze wieder etwas Wut neben der Bitternis, in seinem Inneren. Nie hatte sein Vater etwas falsch machen können. Er erinnerte sich an die letzten Worte seiner Mutter an ihn, dass er nicht zum Leitwolf geboren worden war. Dass er nicht geeignet war. Aber Acollon war so viel besser gewesen? Der unsichtbare Leitwolf, den sein Rudel überhaupt nicht interessiert hatte? Es war ungerecht. Selbst damals, als sie sich gegenseitig umgebracht hatten, war er am Ende der einzig Schuldige gewesen, obwohl sein Vater ihn genau so skrupellos getötet hatte, wie er ihn. Er hatte Rechenschaft stehen müssen, Acollon hatte sich ungeschoren aus der Misere gezogen und war mal wieder verschwunden. Hatte ihm Banshee übel genommen, dass er sie getötet hatte? Nein, nicht. Nie. Gar nichts. Es tat weh. Er war kein schlechterer Wolf, als Acollon. Er liebte seine Familie und war niemals verschwunden. Aber hatte das je jemand mehr gewürdigt, als Acollons ständige Rückkehrten?

Ich hasse ihn dafür, dass er nie etwas falsch machen konnte. Egal was er gemacht hat, nie wurde er zur Rechenschaft gezogen. Immer haben alle nur hingenommen und auch noch so getan, als wäre er der Größte. Das ist nicht fair.“

Er wandte den Kopf ab und legte ihn auf einer Pfote ab, das weiche Moos an seiner Nase fühlend, den Blick starr in den Wald gerichtet.
Einerseits war da der Schmerz darüber, dass er sich von Acollon gewünscht hätte, dass er der Vater geblieben wäre, der er nur einmal, für ein paar Minuten gewesen war. Jemand, zu dem er auch weiterhin hätte aufsehen können, der ihm ein bisschen was von seiner Welt gezeigt hätte. Andererseits schmerzte es, dass er niemals die Annerkennung bekommen würde, die Acollon von jedem zuteil geworden war, ohne dass er sie verdient hatte. Der dicke Klos in seinem Hals trieb ihm Tränen in die Augen. Eigentlich hatte Acollon auch seine Vergebung nicht verdient gehabt. Seinen letzten Beistand. Aber was sollte es. Jetzt waren sie beide tot.

Tyraleen
25.02.2011, 17:30

Die Heftigkeit von Averics Reaktion erstaunte Tyraleen. Es waren nicht seine Worte, weder deren Inhalt noch die Art, wie er sprach. Viel eher spürte sie mit aller Deutlichkeit Wut und Bitterkeit, die plötzlich wie der Geruch einer eiternden Wunde von ihm ausgingen. Während sie selbst ruhig und ganz ohne Schmerz oder gar einem sonderlich positiven Gefühl über das immer wiederkehrende Verschwinden ihres Vaters nachdenken und sprechen konnte, schien es ihren Gefährten aufzuwühlen und zu quälen. Sie hatte nicht gewusst, dass ihn diese Gedanken noch immer so beschäftigten. Sie schmiegte sich noch ein wenig enger an ihn und versuchte keinen Blick auf sein Gesicht zu erhaschen. Auch ohne ihm in die Augen zu sehen, wusste sie, dass er weinte. Sie spürte die Tränen über seine Wangen rinnen, als wären es ihre eigenen und wollte ihm trotzdem die Wahl überlassen, ob er sie ihr zeigen wollte oder nicht. Irgendwann hob sie den Kopf und legte ihn in Averics Nacken, knabberte an seinem Fell ohne spielerisch zu wirken. Es war ein sanfter, unaufdringlicher Versuch ihn zu trösten.

“Aber wäre er ein echter, fehlerloser Fenrissohn gewesen, wäre er brav in diesem – Engayas Tal – geblieben und hätte an der Seite Banshees das Rudel geleitet? Wäre das in Fenris‘ Sinne gewesen? Oder hätte er damit seinen Gott verraten? So wie es Mamas Aufgabe gewesen war, ihre Welpen in Liebe großzuziehen, jedem Fremden ein Zuhause zu schenken und Güte und Liebe walten zu lassen, musste doch auch Papa handeln, wie es Fenris von ihm verlangte.“

Sie hielt kurz inne und versuchte nicht auf den ungerechten Vorwurf einzugehen, dass Banshee und auch sie selbst sich die Welt nur schöngeredet hätten.

“Ich habe ihn für das geliebt, was er war, wenn er bei uns war. Und ich habe akzeptiert, dass er immer wieder gehen musste. Es war seine Aufgabe und ihm diese vorzuwerfen ist falsch. Auch wenn sie für Mama hieß, dass sie so oft alleine war. Doch auch das war ihre Entscheidung. Sie hätte mit ihm gehen können, jeder von uns hätte das verstanden.“

Sie schluckte. Wie wäre ihr Leben hier gewesen, wenn weder Acollon noch Banshee bei ihnen gewesen wäre? Wären sie überhaupt ein Rudel gewesen? Es war doch immer Banshee, die diesem Rudel seine Rechtfertigung gegeben hatte. Deshalb waren sie nun auch so hilflos, weil niemand Banshee ersetzen konnte, nicht einmal Tyraleen.

“Ja, er war für mich immer der Größte. Weil ich ihn geliebt habe und er mich geliebt hat. So wie du für mich der Größte bist. Weil ich dich liebe und du mich liebst.“ Tief atmete sie seinen so geliebten vertrauten Geruch ein. “Warum quält es dich noch immer so?“

Ihr kam noch eine andere Idee, eine Idee, die ihr Angst machte. Sie beiden vermuteten, spürten, dass Averic der neue Fenrissohn war. Aber was hieß das für sie? Er schwor, sie niemals zu verlassen, aber konnten sie wirklich erwarten, dass Fenris ihn schlicht glücklich mit seiner Familie im Tal Engayas leben lassen würde? Das wäre falsch, das wäre gegen das Gesetz. Sie schluckte.

Averic
05.03.2011, 19:37

Averic rührte sich nicht, auch als er spürte, dass sich Tyraleen noch ein wenig enger an sie schmiegte. Stattdessen schloss er die Augen und fuhr sich mit der Zunge kurz über die Schnauze, um Tränen hinfort zu wischen, die so ungefragt über seine Wangen geperlt waren. Vor seinem inneren Auge sah er das graue Bild des Waldpfades, an dem er heute auf seinen Vater gewartet hatte. Doch was er sich jetzt ins Gedächtnis rief, war viel länger her. Er spürte die Enttäuschung von damals wie bittere Galle auf seiner Zunge. Das Bild veränderte den Winkel und zeigte seinen jungen Bruder, der neben ihm stand und traurig in die Ferne blickte, während er wütete und darauf schimpfte, dass Acollon einfach verschwunden war. Seine Fährte führte hinaus aus dem Revier. Dann der Rudelplatz und eine am Boden zerstörte, alleingelassene Mutter. Enttäuschte Gesichter der anderen Geschwister. Und Fenris’ Stimme in seinem Ohr, die ihm sagte, was für einen furchtbaren Vater er hatte, der alle so traurig machte, und dass er doch wirklich hassenswert sei.
Er öffnete die Augen wieder, aber die Wut war verraucht. Sie hatte einen unangenehmen Beigeschmack zurückgelassen, zürnte ihn aber nicht mehr. Vielleicht war es auch schlicht Tyraleens Schnauze in seinem Nacken, die ihn wieder beruhigte, die er nur genießen konnte. Es war egal. Acollon war jetzt für immer fort. Niemand wartete mehr auf ihn. Er kam nie mehr wieder.
Auf die Erklärung seiner Schwester hin, warum der Vater immer wieder verschwunden sei, schwieg er zuerst. Trotz regte sich in ihm, ganz besonders deshalb, weil er nicht glaubte, dass eine von Fenris gegebene Aufgabe Grund genug war. Denn das würde bedeuten, dass er auch irgendwann gehen musste, um Dinge zu tun, die in Fenris’ Sinne waren. Aber das würde er nicht. Auch als Sohn des Todes würde er sich nicht zu dessen Sklaven machen lassen.

Und was ist dann mit mir?“,

fragte er bloß. Schon lange wusste er, dass es seine Bestimmung war in Acollons Pfotenstapfen zu treten. Und bevor sein Vater gestorben war, hatte er sein Erbe auf ihn übertragen. Gleichzeitig schwor er sich nie so zu werden wie er. Den was er getan hatte, waren seiner Meinung nach Fehler gewesen, die er nicht wiederholen würde.
Auch auf Tyraleens weitere Worte hin schwieg er zuerst. Natürlich hätte Banshee mit Acollon gehen können, beziehungsweise sie hätte ihm folgen können, schließlich hatte sich sein Vater nie verabschiedet und war immer einfach so gegangen. Aber selbst wenn er es ihr angeboten hätte, Averic war sich sicher, sie hätte es nie getan.

Mutter waren die Bedürfnisse anderer schon immer wichtiger als ihre eigenen.“

Als seine Schwester weitersprach und erst erzählte, dass Acollon für sie der Größte war, ebenso wie er, drehte der Pechschwarze den Kopf wieder zu ihr herum. Ungeachtet dessen, dass es ebenso für Acollon zählte, der ihre Liebe eigentlich nicht verdient hatte, spürte er wie sich ein warmes, wohliges Gefühl in die Trauer über den Tod seiner Mutter und Bitterkeit über seinen nichtsnutzigen Vater drängte. Das erste Mal an diesem Tag. Sie wusste wahrscheinlich gar nicht, wie unglaublich gut ihm diese Worte taten und wie viel es ihm bedeutete der Größte für sie zu sein. Es hatte fast etwas Erlösendes. Averic beugte sich vor und küsste seine Gefährtin sanft auf die Schnauze, schmiegte dann sein Gesicht an ihres und hauchte ihr ein
Danke.“
in das Ohr. Ausdrucksstärker als jedes „Ich liebe dich auch.“, oder „Du bist für mich auch die Größte.“.
Aber da war auch immer noch ihre Frage, warum ihn die Gedanken an Acollon immer noch so quälten. Nun, die simpelste Erklärung dafür war vermutlich, dass der heutige Tag so erinnerungsschwer war und so viele Gedanken und Gefühle wieder ausgegraben hatte, die er gerne weiter Vergraben gesehen hätte ... jener tränenreiche Tag, an dem seine Mutter und sein Vater gestorben waren. An dem er Acollons Geleit auf seinem letzten Weg gewesen war. An dem sie die damalige Rolle getauscht hatten, und Averic neben seinem Vater gelegen hatte, bis dieser wieder weiterlaufen konnte. Und die letzten Worte seiner Mutter, von denen er sich gewünscht hätte, dass sie sie nicht gesagt hätte, die zuletzt auch noch das Gefühl von Ungerechtigkeit wieder ausgegraben hatten. Sie lagen ihm auf der Zunge, aber er sprach sie nicht aus und beschränkte sich also auf die simpelste Erklärung.

Naja ... jetzt ist er tot.“

Tyraleen
29.03.2011, 11:09

Hatte Averic in Tyraleens Kopf geschaut und ihre Sorge hinausgenommen um sie auszusprechen? Was war mit ihm … Die Weiße war keine Hellseherin, konnte Fenris‘ Entscheidungen nicht voraussagen und würde auch von Engaya keine Hinweise bekommen und dennoch war sie sich sicher, dass ihr glückliches Familienleben nicht lange anhalten würde. Das war nicht ihr Schicksal, nicht ihre Aufgabe, das hatten sie immer gewusst. Wie könnten sie auch die Kinder der Götter sein, wenn sie nur glücklich mit ihrer Familie in einem Tal lebten? Dafür wurden Götterkinder nicht geboren. Plötzlich hatte sie Angst und ein kalter Hauch fuhr ihr durch das dünne Sommerfell.

“Das weißt du ebenso wie ich. Es ist nicht unsere Bestimmung, zu leben wie jeder andere Wolf. Wenn du das wolltest, dann müsstest du dir eine Gefährtin suchen, deren Herz an Fenris hängt.“

Einen Gedanken ließ sie unausgesprochen, konnte sie ihn doch kaum greifen und erfassen. Wenn sie sich weigerten, gegen den Willen der Götter stellten, ihre Aufgaben ablehnten, dann würden sie sterben. Ihre Unsterblichkeit war eine Farce, sie hing am seidenen Faden und erst jetzt wurde Tyraleen klar, wie schnell sie ihren eigenen Tod beschließen konnte. Ebenso wie Averic. Sie hatten beide die Macht über das Leben des anderen – unter diesen Umständen wirkte das Versprechen ihres Bruders, sie nie alleine zu lassen wie eine Drohung. Wieder erzitterte sie und war froh, als ihr Gefährte sie ablenkte und sie so leicht auf seine Aussage antworten konnte.

“Natürlich, Mama war die Tochter Engayas. Papa aber war der Sohn Fenris, ihm waren seine Bedürfnisse immer wichtiger, als die anderer. Wäre dem nicht so gewesen, hätten wir sie beide vielleicht schon viel früher verloren.“

Ausgesprochen klang es so leicht, doch wenn man mit diesen Tatsachen lebte, dann wurde es sehr viel schwieriger. Ein Fenriswolf war nicht schlecht, nicht böse, nicht verachtenswert. Jeder normale Wolf hatte auch etwas von Fenris in sich und das war auch gut so. Doch Acollon war der Sohn des Todes, er hatte so viel von Fenris in sich getragen und hätte er es verdrängt, wäre er daran zu Grunde gegangen. Averic durfte diesen Fehler nicht begehen, nur weil er glaubte, es anders – besser – als sein Vater machen zu müssen. Doch besser war relativ und für einen Fenriswolf hieß ‚besser‘ etwas ganz anders, als für einen Engayawolf.
Sie freute sich, dass ihn ihre Worte zu beruhigen schienen, ihn erfreuten. Doch auf ihre Frage antwortete der Schwarze nicht richtig, speiste sie mit einer wahren und doch unehrlichen Antwort ab. Sie schwieg, ein wortreiches Schweigen.

Averic
21.05.2012, 01:17

(( OMGOMG, what's diiis! ))

Er konnte Tyraleen nicht sagen, was ihn quälte. Warum sich dieses nagende Gefühl von Ungerechtigkeit durch ihn hindurch bohrte und sein Innerstes biss. Seine Mutter hatte ihn schwer verletzt und dabei eine alte Narbe wieder aufgerissen, wenn auch nicht mit ihrer direkten Bitte, sondern mit dem, was der Pechschwarze dahinter versteckt sah. Aber darüber würde er schweigen, denn das war ihr letzter Wille gewesen. Averic drückte die Fänge ein wenig fester aufeinander. Er empfand es nahezu als Beleidigung, mit was sie ihre kostbaren, letzten Augenblicke verschwendet hatte. Immerhin hätte sie ihm das zu jedem anderen, vorherigen Zeitpunkt schon gesagt haben können. Da erschien es fast als ein gemeiner Trick das Totenbett für dieses Anliegen zu missbrauchen, weil sie gewusst hatte, dass er dort sicher keine Diskussion anfangen, oder überhaupt irgendwelche Widerworte geben würde. Er schob den Gedanken beiseite, weit weg, denn am Liebsten hätte er nie wieder darüber nachgedacht. So blieb die Antwort, die Averic Tyraleen gegeben hatte aber trotzdem ehrlich. Acollon war tot. Und er hatte ganze Dämme damit eingerissen. Sie mochten ihr Verhältnis zwar auf eine gewisse Weise bereinigt haben, eine Art Kreislauf hatte sich mit seinem Geleit geschlossen und trotzdem fühlte es sich so furchtbar leer an. Etwas war auf ewig verloren.
Die Ohren des schwarzen Rüden zuckten leicht, als seine Schwester meinte, mit einer Fenriswölfin an seiner Seite hätte er wie jeder andere Wolf leben können. Er schüttelte leicht den Kopf. Das war Unsinn. Eine Fähe, die dem Gott des Todes zugetan war, würde ihn nicht zu einem Wolf machen können, der leben konnte wie alle anderen.

Wir sind nicht wie jeder andere Wolf, auch eine Fenriswölfin an meiner Seite würde daran nichts ändern.“, meinte er und knabberte zärtlich am Hals seiner Schwester. „Und für kein Leben auf der Welt würde ich unsere Liebe tauschen.“

Er wollte jetzt nicht darüber nachdenken, was in der Zukunft passieren konnte, auch wenn sie mit Acollons und Banshees Ableben ein bedrohliches Gefühl verströmte, dem der Pechschwarze nun aber keine Beachtung schenken wollte. Die Zukunft würde sie schnell genug einholen.

Ich möchte nicht darüber nachdenken, was uns erwarten kann. Nicht jetzt.“,

sagte er leise. Im lastete für den Moment genug auf der Seele und er konnte sich nicht vorstellen, dass es bei Tyraleen anders war. Er wollte sie nicht noch schwerer machen, indem er jetzt, schon wenige Stunden nach dem Tod ihrer Eltern alle unangenehmen Konsequenzen abwog. Er wollte an dem, was er mit seiner Gefährtin hatte festhalten, solange er konnte.