Die Legende der Götter
Einst, als die Welt noch nicht ihr heutiges Antlitz trug und uns unwirklich und fremd vorgekommen wäre, lebten alle Wesen in Chaos. Eine jede Art zeugte Nachkommen ohne innezuhalten und doch konnte keiner von ihnen sterben. Tod war ein Wort, welches diese Wesen nicht kannten, doch es gab auch kein Leben. Sie mussten nicht essen und nicht trinken, brauchten keinen Schlaf und sehnten sich auch nicht nach Gemeinschaft und Liebe. Sie waren lebend Tote, ohne je gelebt zu haben oder gestorben zu sein. Es gab auch kein Licht und keine Dunkelheit, nur diffuses Grau. Es gab keine Kälte und keine Wärme, nur Taubheit. In dieser Welt lebten Wölfe, doch ihr Blick war leer und ihre Herzen ohne Gefühl. Sie empfanden keine Freude, aber auch kein Leid. Sie wandelten auf der Erde ohne Sinn, zeugten Nachkommen und bald gab es zu viele von ihnen. Sie fielen von den Rändern der Welt in das Nichts hinein, ohne dass ein Wesen Kenntnis davon nahm. Bis eines Tages, in zwei Tälern dieser leeren Welt, zwei Welpen geboren wurden. Die Fähe hatte reinweißes Fell, der Rüde Tiefschwarzes. Sie waren die ersten Wölfe, die keinen grauen Pelz trugen. Nicht nur die Farbe ihres Fells unterschied sich von dem anderer Wölfe, auch ihre Herzen waren erfüllt mit der Hoffnung auf eine andere Welt. Alleine brachen sie aus ihren Tälern auf und bald schon begegneten sie sich. Sie erkannten einander als Wölfe, die sich von all den anderen unterschieden und spürten die Macht, die ihnen innewohnte. Gemeinsam zogen sie los, um ihre leere Welt zu verändern und das Grau in Weiß und Schwarz zu trennen. Die Wölfin hauchte ihren Atem über die Lande und ließ Wärme die Herzen der Wesen fluten, der Rüde spie Kälte in eine andere Richtung. Das Grinsen des Schwarzen wurde zu Dunkelheit, das Lächeln der Weißen zu Licht und sie einigten sich darauf, den Tag gerecht aufzuteilen. Daraufhin nahm die Fähe das warme Strahlen ihres rechten Auges und formte aus ihm die Sonne. Das helle Glitzern des linken Auges wurde zum Mond und den vielen Sternen am Nachthimmel. Der schwarze Rüde ließ Schatten aus dem Boden wachsen, wenn die Sonne schien und ließ den Mond Abgabe leisten für jede Nacht, in der er scheinen durfte. Von da an musste der Mond jeden Tag ein Stückchen seiner selbst an den Rüden zahlen. Doch die weiße Fähe schenkte ihm stets etwas zurück, sodass wir heute das Zu- und Abnehmen des Mondes beobachten können. Die beiden Wölfe begannen nun, die Zeit in Jahre aufzuteilen, die von da an einen immerwährenden Kreislauf bilden sollten. Die Hälfte eines Jahres würde die Fähe viel Wärme und Leben spenden dürfen, in der anderen Hälfte würde Kälte und Tod über die Lande ziehen. So war gesichert, dass nie einer der beiden mächtiger werden und eines Tages den anderen verdrängen könnte. Als nächstes wollten die Fähe und der Rüde das Grau ihrer Welt in Farben verwandeln. So begann die Weiße ihr Blut über die Welt zu gießen, schenkte warme Töne, die im Sommer aus den Gesichtern der Blumen lachen und die Fellfarben der Wölfe zieren sollten. Aus dem Blut des Schwarzen wurden die Farben der Kälte und des Eises, er schuf das Blau eines Gletschers und das Grün dunkler Tannen. So verschwand die Leere der farblosen Lande und wurde zu einem Spiel aus Farben, die von da an jedem Lebewesen innewohnten. Dann machten sich die beiden Wölfe daran, Gefühle in die Herzen der Wesen zu sähen. Die weiße Fähe streute Liebe und Zufriedenheit, Glück und Freude und eine jede Art begann vor Fröhlichkeit alles zu vergessen, tollte wild herum und genoss ihre Ausgelassenheit. Doch der schwarze Rüde erkannte, dass keiner von ihnen so überleben konnte und schickte ihnen Sorgen, Hass, Unzufriedenheit und Unglück. Von nun an sollten alle Wesen die helle und die dunkle Seite ihres Daseins erkennen und genießen können. Zum Schluss mussten die beiden Wölfe etwas wahrhaft Großes erschaffen. Die weiße Fähe teilte ihr Herz in unzählbar viele Stücke und gab jedem Wesen einen kleinen Teil, schenkte ihnen Leben und machte aus den Wesen Lebewesen. Auch der Rüde teilte sein Herz in unzählbar viele Stücke und gab jedem Wesen einen kleinen Teil, nahm ihm damit die Unsterblichkeit und brachte den Tod über die Welt. Nunmehr hatten beide Wölfe kein Herz mehr, gehörten nicht mehr in diese Welt und wurden so zu Göttern, die wir noch heute als die Göttin des Lebens und den Gott des Todes kennen. Der Ort, an dem die beiden Götter sich zum ersten Mal begegneten kennt man noch heute als den Berg Nécar, der in manchen Nächten Feuer speit. Das Tal, in dem die weiße Wölfin geboren wurde, nennt man das Tal der Sternenwinde, das Geburtstal des Rüden trägt den Namen Tal der Raben. Der Berg Nécar liegt zwischen diesen beiden Tälern, deren Ort nur die dort lebenden Wölfe kennen. Seit diesen Tagen, in denen der dunkle Wolf und die helle Wölfin die Welt veränderten, schicken sie zwei Erben zu den Lebenden, damit kein Wolf je vergisst, wie die Welt, in der er lebt entstand und wie wichtig der Tod für das Leben ist. Die Göttin des Lebens schickt eine Tochter, der Gott des Todes einen Sohn, die unsterblich sind. Ihre Aufgabe ist es, das Gleichgewicht der Welt zu halten, niemals darf der Tod über das Leben siegen, doch auch das Gegenteil würde die Ordnung zerstören. Gelingt es den Kindern der Götter nicht, sterben sie und andere Wölfe treten an ihre Stelle.
Die Legende von Engaya und Fenris
Lange Zeit nachdem die Göttin des Lebens und der Gott des Todes die Welt geteilt
hatten, war das Dasein aller Lebewesen im Gleichgewicht, weder gab es zu viel
Leben, noch zu viele Tode. Es gab Zeiten, in denen man endlos glücklich war und
Zeiten, in denen das Leid jedes Licht zu verschlucken schien. Alles war zu einem
großen Kreislauf geworden – der Kreislauf von Leben und Tod. Die beiden Götter
hatten Namen bekommen, die wir heute nicht mehr kennen, sie sind in
Vergessenheit geraten, denn zwei andere Namen ersetzten sie, so wie die
vorherigen Namen wohl auch vor langer Zeit einmal andere ersetzt hatten. Sie
wurden nach ihren Kindern benannt, wenn diese Großes vollbracht haben. Und
Engaya und Fenris haben wahrhaft Großes vollbracht.
Wie jede Tochter des Lebens wurde Engaya im Tal der Sternenwinde geboren. Sie war eine weiße Fähe,
von hoher Statur und besaß ein strahlendes Lächeln. Doch leider zierte es nicht
oft ihre Lefzen, meist war sie traurig über ihr Rudel und die Wölfe im Tal. Denn
sie hatten vergessen, dass das Gleichgewicht von Leben und Tod niemals gestört
werden durfte – sie suchten nach dem ewigen Leben und vergaßen dabei den Gott
des Todes. Eine Wölfin namens Rasza bezeichnete sich als Priesterin des Lebens
und trank das Blut kleiner Vierbeiner um ewig zu leben. Sie war bereits zwölf
Jahre alt und schien noch immer in bester Verfassung zu sein. So begann das
Rudel ihr zu glauben und ihrem Wahn zu verfallen, sie tranken Blut und feierten
ihr ewiges Leben, wollten der Göttin des Lebens huldigen und merkten nicht, wie
sie ihre Ideale verleugneten. Die Wölfin Engaya sah das alles mit Schrecken und
verließ schließlich ihr Tal in Verzweiflung, wusste nicht, wie sie diesen Wahn
stoppen konnte. Zur gleichen Zeit war im Tal der Raben ein schwarzer Rüde namens
Fenris geboren. Auch sein Rudel verfiel einem Wahn, doch nicht dem nach Leben,
sondern einem Todeswahn. Sie huldigten dem Tod, opferten sich gegenseitig und
verführten Wölfe, sich ihnen anzuschließen um kurz darauf zu sterben. Es war ein
irrer Wahn, den Fenris verachtete und wegen dem er sein Tal verließ. Wie einst
die Göttin des Lebens und der Gott des Todes trafen sich auch Fenris und Engaya
am Berg Nécar und erkannten einander als Kinder der Götter. Doch anders, als
damals, vor unzählbar vielen Jahren, wussten sie keine Lösung für ihre Sorgen
und wanderten nur gemeinsam umher. Sie lernten sich lieben und zeugten sogar
einen Wurf Welpen, mit denen sie gemeinsam durch die Lande zogen. Nach vielen
Monden des Umherwanderns erreichten sie das Tal der Sternenwinde und Fenris war
entschlossen, Engayas Rudel aufzusuchen. Was sie im Tal fanden, war
furchterregend. Rasza und all die anderen lebten noch immer, ihre Mäuler waren
mit Blut beschmiert, ihre Augen leer und ihre Rufe nach der Göttin des Lebens
klangen heiser und tonlos durch die Nacht. Fenris tötete jeden von ihnen, bis
auf zwei Welpen. Zunächst war Engaya voller Entsetzen und Wut auf ihren
Gefährten, doch nach vier Tagen im Tal der Sternenwinde, das nur langsam wieder
erblühte, verstand sie, was geschehen war. Sie ließen drei ihrer Welpen – zwei
Fähen und einen Rüden – die mittlerweile zu Jungwölfen geworden waren, zurück
und verließen das Tal; nun mit der Absicht, das Tal der Raben aufzusuchen. Nach
zwei Monden erreichten sie es und auch hier erwarteten sie schreckliche Bilder.
Wohin sie ihre Pfoten auch setzten, starrten die leeren Augenhöhlen von
Wolfsschädeln auf ihren Weg. Auch hier waren noch Wölfe übrig, doch sie warteten
auf ihren Tod, waren ausgezehrt und schwach, riefen den Gott des Todes, ihnen
das Ende ihres Lebens zu schenken. Auch diese wollte Fenris töten, doch Engaya
hielt ihn davon ab. Sie schickte ihn mit ihren drei verbliebenen Welpen auf die
Jagd und blieb selbst bei den wenigen noch lebenden Wölfen. Sie begann die
Legende der Götter zu erzählen, wie die Göttin des Lebens und der Gott des Todes
die Welt teilten und die Seite des Lichts und die Seite der Dunkelheit schufen.
Sie erzählte von dem Kreislauf der Zeit und dem Glück, in Freude und Liebe
gemeinsam zu leben. Die Wölfe im Tal hörten diese Geschichte zum ersten Mal und
wunderten sich über die Verständlichkeit und die zwingende Logik. Als Fenris mit
den drei Welpen und reichlich Beute zurückkehrte, fraßen sie zum ersten Mal seit
langem und waren gewillt, Engaya zu folgen. Die klare Stimme der Weißen hatte
sie zurück ins Leben geholt.
Eine Zeit lang lebten Engaya, Fenris, ihre
Welpen und die Wölfe gemeinsam im Tal, dann beschloss Fenris eines Tages, ins
Tal der Sternenwinde aufzubrechen, um zu sehen, was aus den Wölfen und ihren
Kindern dort geworden war. Engaya wollte ihn begleiten doch die verbliebenen
Mitglieder des alten Rudels aus dem Tal flehten sie an zu bleiben, riefen, dass
sie sterben würden, würde sie gehen. So blieb die weiße Wölfin und ließ ihren
Gefährten ziehen. Es sollte das letzte Mal sein, dass ihre liebenden Blicke sich
trafen. Im Tal der Sternenwinde hatten die Wölfe Mühe zu überleben, noch immer
gab es wenig Beute und sie waren noch sehr jung. So blieb Fenris bei ihnen und
merkte nicht, wie sehr Engaya ihn vermisste. Ebenso entging beiden Wölfen, dass
sie etwas taten, was die Götter nicht billigten. Das Tal der Sternenwinde war
seit je her das Tal der Göttin des Lebens, doch nun wurde es von Fenris bewohnt
und verlor den Zauber der Wärme, des Lichts und der Liebe. Auch im Tal der Raben
herrschte nun das Leben, welches dort nicht hingehörte. Engaya und Fenris wurden
schwächer, verloren an Lebenskraft und verzehrten sich vor Sehnsucht nach
einander. Am Ende starben sie im Kreise ihrer Rudel und doch alleine.
Auch wenn Engaya und Fenris am Ende an Fehlern verstarben, so wie die
Götterkinder vor ihnen, gingen sie in die Geschichte ein, als die Größten ihrer
Art, die die Wölfe in ihrer Welt wieder auf den rechten Weg führten. Nach ihrem
Tod wurden ihre Namen zu denen der Götter und noch heute nennen wir die Göttin
des Lebens Engaya und den Gott des Todes Fenris. Bis eines Tages neue
Götterkinder wahrhaft Großes vollbringen und ihre Namen verdrängen werden.
Die Legende vom Feuer
Vor unzählbar vielen Monden, nachdem die
Göttin des Lebens und der Gott des Todes gemeinsam unsere heutige Welt
erschaffen und ihre ersten Kinder zu den Wölfen geschickt hatten, mussten sie
schmerzhaft mit ansehen, wie schwer die Aufgaben für die Tochter und den Sohn
waren und wie schnell sie daran scheiterten. Die Welt im Gleichgewicht zu halten
lag nunmehr in ihren Pfoten, aber sie waren noch immer Wölfe und keine Götter.
Sie hatten Gefühle und Bedürfnisse, machten Fehler und suchten ihr Glück,
erlebten Rückschläge und fanden manchmal keinen Trost. Viele Töchter des Lebens
und Söhne des Todes starben, bevor sie die Blüte ihres Lebens erreicht hatten
und viele von ihnen waren alleine und litten unsagbaren Schmerz. Vor diesem Leid
konnten die Götter nicht länger ihre Augen verschließen und beschlossen, Hilfe
zu senden. So nahm die Göttin des Lebens einen Strahl ihrer Sonne und der Gott
des Todes rief die unerbittliche Kraft eines Blitzes und zusammen formten sie
eine lodernde Energie, deren Selbstlosigkeit die eines jeden Wolfes übertraf und
deren Kraft kein Lebewesen je gespürt hatte. Sie nannten es Feuer und schickten
es wie auch ihre Kinder in der Gestalt eines Wolfes zur Erde. Von nun an war es
dazu bestimmt, mit seiner Kraft und Energie eines der Götterkinder – dasjenige,
das der Hilfe mehr bedurfte – zu unterstützen und sein Leben ihm zu schenken.
Durch welche Täler der Mutlosigkeit und Schluchten der Einsamkeit die Töchter
oder Söhne nun gehen mussten, sie würden einen Begleiter an ihrer Seite wissen,
der jeden Schritt mit ihnen ging und dessen unermessliche Kraft die ihre war.
Sie würden auch jetzt nicht vor dem Tode gefeit sein und früher oder später
würde selbst das Feuer gegen die großen Fehler der Götterkinder machtlos sein,
aber erst, wenn auch die Kraft eines so mächtigen Wolfes aus Sonne und Licht
versagte. Wenn die Götterkinder dann starben, würde auch die Energie des Feuers
langsam schwinden, bis es ebenfalls starb und einem neuen Feuer Platz machte,
das für ein neues Götterkinderpaar lodern würde.
Seit diesem Tag gehört
zu jeder Tochter des Lebens und zu jedem Sohn des Todes genauso untrennbar auch
noch ein Feuer, das für sie brennt und lodert und ihnen all seine Kraft schenkt,
wenn es gebraucht wird. Oft treffen sie sich erst spät im Leben und manchmal
wird es nicht einmal benötigt, aber stets ist es im Tod an ihrer Seite.
Das Feuer, das für Banshee und Acollon brannte, war Nyota.
Die Legende von Banshee und Acollon
Unzählbar viele Monde war es her, seit Engaya und Fenris gestorben und ihre
Namen zu denen der Götter geworden waren. Die Wölfe lebten in ihren Tälern und
erzählten die Legenden der Götter und doch war ihr Glaube klein geworden. Die
Göttin des Lebens und der Gott des Todes waren nur noch Ideale und
Fantasiegestalte, von ihrer Existenz waren nur noch wenige überzeugt. Selbst im
Tal der Sternenwinde war es nicht anders. Das dort lebende Rudel war schwach und
desinteressiert an seiner Welt, es lebte zankend und nörgelnd in seinem Tal, lag
meistens faul herum und stritt sich den Rest der Zeit. Natürlich kannte es die
Namen Engaya und Fenris, aber dass es im Tal der Sternenwinde lebten, war ihm
egal. Es spottete über die Liebe, die Engaya stets von jedem Wolf gefordert
hatte und machte sich über den bösen Fenris lustig. In dieses Rudel wurde
eine strahlend weiße Fähe namens Banshee hineingeboren. Aus großen,
bernsteinernen Augen blickte sie auf ihre verdorbene Familie und wurde schnell
zur Außenseiterin. Auch sie bekam die Legenden der Götter halbherzig erzählt,
aber ihr Glaube wuchs und erhob sich bald über den des Rudels. Als junge Wölfin
verließ sie dann mit ihrer Schwester Nyota das Tal, beschämt über ihre Familie
und in der Hoffnung, ein besseres Rudel für Nyota und sich zu finden. Doch
selbst nach langer Wanderschaft trafen die Schwestern immer wieder nur auf
halbherzig glaubende, herumlungernde Wölfe, manche kannten nicht einmal mehr die
Namen Engaya und Fenris. Entsetzt und unglücklich kehrten die Schwestern
schließlich in das Tal der Sternenwinde zurück und stellten voller Verwunderung
fest, dass das Rudel verschwunden war. Ob sie fortgewandert, vertrieben oder
verstorben waren, sollten Banshee und Nyota nie erfahren, doch sie beschlossen,
ihre Chance zu nutzen. Sie gründeten ein Rudel und von da an herrschte wieder
Engayas Güte und unendliche Liebe im Tal. Banshee schenkte jedem Wolf, der zu
ihnen kam ihren Glauben, erzählte von dem Strahlen der Göttin des Lebens und
wurde nicht müde, die Legenden immer und immer wieder zu wiederholen. Mit ihrem
Leuchten lockte sie viele Wölfe in das Tal, das Rudel wurde immer zahlreicher
und stärker. Es gab auch Wölfe, die das Tal wieder verließen, sie gingen mit der
Bitte, die Geschichten der Götter weiterzuerzählen und den Glauben in die Welt
zu tragen. Er versprach Hoffnung, Liebe und neuen Mut.
Zu dieser Zeit kam
auch ein Rüde namens Acollon in das Tal und schloss sich dem neuen Rudel der
Sternenwinde an. Anfangs sollte er ob seiner Boshaftigkeit verstoßen werden,
doch schnell erkannte Banshee ihn als den einen, auf den sie gewartet hatte. Der
Sohn des Todes hatte sich zu der Tochter des Lebens führen lassen, um gemeinsam
den Glauben der Wölfe wiederzuerwecken. Wie schon Engaya und Fenris verliebten
sich auch Banshee und Acollon ineinander. Doch ihr Glück sollte nicht lange
halten. So wie Banshee alle Wölfe Engayas in ihr Tal lockte und den Glauben von
ihrem Rudel aus neu entfachen konnte, so musste Acollon umherwandern, die
Präsenz des Todes beweisen und die Wölfe auf seine Art und Weise wachrütteln.
Banshee blieb alleine im Tal der Sternenwinde zurück, selbst Nyota war nicht
länger an ihrer Seite. Die Traurigkeit begann sich über das Herz der Weißen zu
legen. Noch immer lockte sie viele Wölfe in ihr Tal und ihr Name war weit über
das Tal der Sternenwinde hinaus bekannt, dennoch verlor sie an Kraft. Nyota
kehrte zu ihr zurück und schenkte damit Kraft, doch eines Tages beging die weiße
Fähe Banshee einen fatalen Fehler. In ihrer Einsamkeit und ihrer Sehnsucht nach
Acollon ließ sie sich auf einen Rüden namens Akru ein und besiegelte damit ihren
Untergang. Schon weit fort von Engaya und längst nicht mehr so hell wie
einstmals betrat sie den Pfad des Todes und verlor immer mehr an Kraft. Acollon
war weit fort, zog durch die Lande und sähte Fenris Samen in die Herzen der
Wölfe. Es war richtig, was er tat und doch verlor auch er an Kraft. Schließlich
war der Tag des Todes für Banshee gekommen und Acollon kehrte sterbend zu ihr
zurück. Seite an Seite verließen ihre Seelen ihre Körper und kehrten in die
ewigen Hallen ein.
Ihr Ende mag unrühmlich sein und wie alle
Götterkinder vor ihnen starben sie an ihren Fehlern – dennoch gingen sie in die
Geschichte ein, als das Götterpaar, das die Wölfe aus dem dumpfen Schlaf der
Vergessenheit erweckt hat. Der Glaube an Engaya und Fenris, an den Kreislauf des
Lebens, die ewige Liebe der Göttin und den dunklen Hass des Gottes, ward
vergessen, doch dank Banshee und Acollon erinnerten sich die Rudel wieder an
ihre alten Legenden und an das Glück, das in ihren Völkern geherrscht hatte. Die
Namen Banshee und Acollon werden langsam die Namen Engaya und Fenris verdrängen,
bis eines Tages die Göttin des Lebens den Namen Banshee und der Gott des Todes
den Namen Acollon trägt.