Malik Hikaji
20.10.2013, 18:51

Malik hatte nicht geschlafen. Er hatte in den letzten Tagen viel zu viel schlafen müssen, um zu regenerieren, was sein noch nicht komplett wiederhergestellter Körper am Tag verbrauchte. Doch so langsam wurde es besser, er fühlte sich von Tag zu Tag weniger müde und erschöpft. Und jetzt, wo rundherum alle schliefen, konnte er wach sein und den Himmel betrachten. Und er würde nicht eine Sekunde die Augen schließen, denn er hatte Madoc gefunden. Der rote Stern funkelte deutlich sichtbar am nachtschwarzen Himmel und zog den Welpen förmlich in seinen Bann. Ohne ein Gefühl für Zeit zu haben, saß er so wohl für einige Stunden, nahm nicht wahr dass zwischendurch Wölfe erwachten und sich wieder schlafen legten. Und auch nicht, dass langsam Wolken aufzogen. Irgendwann schoben sie sich vor den roten Stern und der Welpe senkte nach einigen Minuten weiteren Starrens blinzelnd den Kopf. Kurz saß er noch benommen da und konnte kaum begreifen, dass Madoc tatsächlich zurückgekehrt war. Dann erst begann er, sich und seine Umgebung wieder wahrzunehmen. Und sein Blick heftete sich auf Caylee, die abseits der anderen zusammengerollt im Schnee schlief. Ohne es gezielt zu wollen erhob er sich und bewegte sich leise auf sie zu, umging andere schlafende Rudelmitglieder und setzte sich schließlich mit klopfendem Herzen vor sie, betrachtete sie. Wenn sie lag war sie viel kleiner als er. Jetzt konnte er hier sitzen und sie sich angucken. Er sollte Angst haben. Er hatte auch Angst. Er könnte versuchen, sie zu beißen. Aber stattdessen saß er nur da, mit aufgestellten Ohren und frei von der Panik, die ihn vor zwei Wochen am Denken gehindert hatte.

Caylee schlief unruhig, die einsetzende Ranz verwirrte ihren jungen Geist und die vergangenen Ereignisse störten die meisten ihrer Träume. Auch jetzt hüpfte wieder ein blutender Malik durch bunte Federn, wütende kleine Krolocks kläfften hinter einem gesichtslosen Averic her und Tyraleen, die gleichzeitig Banshee war, schüttelte ununterbrochen den Kopf. Endlos zog sich diese Szene hin, bis nur noch Malik übrig blieb, dessen Blut zu Schnee geworden war und der sich an sie schmiegte, als wäre sie seine Mutter. Der Geruch des Kleinen hing ihr so penetrant in der Nase, dass sie halb aus ihrem Traum erwachte, unruhig blinzelte und erstarrte, als Malik tatsächlich direkt vor ihr saß. Beinahe angstvoll weiteten sich ihre Sternenaugen und sie brauchte einen Moment um sich sicher zu sein, dass sie nicht mehr träumte. Dann begann ihr Herz zu rasen und sie wäre am liebsten aufgesprungen. Mit viel Willkenskraft zwang sie sich zum Liegenbleiben und einem möglichst verächtlichen Blick, auch wenn die Dunkelheit sie zum Glück ohnehin versteckte. "Was willst du?", zischelte sie dem Kleinen entgegen.

Malik erschrak selbst ein wenig, als Caylee plötzlich die Augen aufschlug und ihn anstarrte. Er sog die eiskalte Nachtluft tief ein und verkrampfte sich ein wenig. Doch als nichts passierte, als sie ihn weder anfiel noch nach Krolock rief, blieb er sitzen und sah sie weiter an. Er hatte seit dem Vorfall nicht mehr gesprochen. Caylee und Krolock waren die letzten gewesen, die seine Stimme gehört hatten, und nun war Caylee die erste, für die er sie erneut erhob. Inzwischen hatte er sich so sehr ans Schweigen gewöhnt, dass er sich anstrengen musste, seine Gedanken auch wirklich zu äußern und sie nicht nur zu denken. "Dich besuchen", flüsterte er wahrheitsgemäß, bedacht leise um die Anderen nicht zu wecken. Er wollte nicht, dass irgendjemand davon erfuhr, dass er mit ihr sprach. "Hast du mich gewittert?"

Caylees Ohren drehten sich nach hinten und legten sich eng an ihren Hinterkopf. Er wollte sie besuchen? Warum? Wollte er ihr drohen? Sie dazu zwingen, irgendetwas zu tun, damit er sein Versprechen hielt? Sie besuchen ... sie heimsuchen? Dieser Welpe war beängstigend. "Und warum willst du mich besuchen? Soll ich dir Geschichten erzählen? Oder dir deinen Welpenbauch kraulen?" Sie versuchte möglich gelassen zu klingen, aber ihre Flüsterstimme war auffällig angespannt. "Klar, wenn du direkt vor meiner Nase sitzt, ist das nicht gerade schwierig."

Malik war zu ungeübt darin, Stimmungen allein aus der Stimme herauszuhören, besonders wenn sie tonlos war. So konnte er nicht einschätzen, was in Caylee vorging, aber ihre Antwort klang wie gewohnt. Die Ohren des Welpen zuckten. "Wolltest du mich töten?", fragte er direkt heraus und ohne dass es klang, als hätte das überhaupt etwas mit ihm und seinem Schicksal zu tun. Eine reine Interessenfrage, hinter der eine Art von Neugier stand, die er sich selbst nicht erklären konnte. Schließlich legte er sich auf den Bauch, so dass seine Nase nur wenige Zentimeter von Caylees entfernt war. "Oder wollte Krolock mich töten?", sprach er eine weitere Überlegung an. Doch dann kehrte die Sorge zurück, dass Caylee dieses Gefrage als Beginn eines Verrats betrachtete und seine Ohren klappen nach hinten. "Ich habe niemandem etwas gesagt. Und werde es auch nicht", flüsterte er deshalb schnell.

Caylee war froh, dass der Welpe so gar nicht zu bemerken schien, dass er ihr Angst einjagte. Das wäre praktisch ihr Todesurteil gewesen. Seine nächste Frage blieb gruselig, aber immerhin leicht zu beantworten. "Natürlich nicht. Du hast mich nur furchtbar erschreckt. Warum hast du mich einfach so angefallen? Sowas macht man nicht! Das war total bescheuert, da kann sowas passieren." Sie achtete darauf, so leise zu sprechen, dass wirklich nur Malik mit einiger Mühe ihre Worte verstehen konnte. Dieses Gespräch durfte nun wirklich niemand sonst mitanhören. "Krolock ist das schon eher zuzutrauen ... der ist ein bisschen verrückt, nimm dich wirklich vor ihm in Acht." Wie der Welpe jetzt vor ihr lag und sie beinahe berührte sah er immerhin nicht mehr angsteinflößend aus, trotzdem zog Caylee ihre Nase etwas zurück. "Das ist gut. Krolock versteht bei sowas nämlich wirklich überhaupt keinen Spaß." Aber sie entspannte sich etwas, das Versprechen des Kleinen beruhigte sie.

Malik hatte nicht mit dieser Antwort gerechnet. Er hatte in den letzten Tagen so viel nachgedacht und war zu dem Schluss gekommen, dass die weiße Wölfin vorgehabt haben musste, ihn zu töten. Dass sie böse war, eine Fenriswölfin. Aber er hatte trotzdem gefragt. Vielleicht hatte er Zweifel gehabt, ohne sich ihrer bewusst zu sein. Und dann erklärte sie ihren Angriff damit, dass er sie erschreckt hatte? Überrascht legte er die Ohren noch dichter an den Kopf und fühlte sich auf einmal sehr schuldig an dem ganzen Schlamassel. "Ihr habt Lina Angst gemacht", rechtfertigte er sich matt. "Krolock hat gesagt, dass sie dich angreifen soll. Aber sie kann das nicht. Das wusstet ihr." Seine Stimme wurde wieder etwas stärker, auch wenn er nach wie vor flüsterte. Selbstbewusster. "Wieso magst du ihn, wenn er solche Dinge tut? Weil er dich in Schutz genommen hat?" Das Interesse kehrte in seine nachtschwarzen Augen zurück und er sah die Weiße wachsam aus seiner Perspektive leicht von unten an.

Caylee verdrehte die Augen, als Malik wieder mit seiner blöden kleinen Angsthasenschwester ankam. Er schien wirklich so gar nicht durchblickt zu haben, was eigentlich passiert war. "Klar wussten wir das, wir haben sie geärgert. Das war ein Spiel - als ob ich Krolock quälen könnte, so ein Quatsch. Wir hatten ein bisschen Spaß und dann kamst du und musstest das ganze unbedingt übertreiben." Es tat gut, endlich dem rechtmäßig Schuldigen sagen zu können, dass er sich seine Wunde praktisch selbst zugefügt hatte. Die Frage des Kleinen war dagegen nicht ganz so angenehm - ging ihn auch eigentlich überhaupt nichts an. "Er ist vielleicht nicht sonderlich nett zu Nervensägen wie euch, aber man hat immer viel Spaß mit ihm. Und wenn es drauf ankommt, steht er zu seinen Freunden, genau." Naja, da war sie sich nicht ganz so sicher.

Malik schnaufte ein wenig, als Caylee weiter Schuld auf ihm ablud. Er hatte nicht übertrieben, Linalee hatte wirklich Angst gehabt. Auch wenn es vielleicht nur ein Spiel gewesen war, es war voll und ganz auf ihre Kosten gegangen. Und das blieb falsch. "Ich habe nicht übertrieben", beharrte er ruhig. Ohne ihr zu erklären, wie seine Sicht der Dinge aussah. Sie würde ja sowieso dagegen reden. Sie sollte nur wissen, dass sie ihn nicht ins Wanken bringen konnte, egal was sie sagte. Nun überraschte es ihn aber schon ein bisschen, dass sie ihn nicht wegschickte. Er hatte fast damit gerechnet, dass sie seine Fragen genervt ignorieren würde - und doch antwortete sie jetzt und es klang gar nicht mal so, als würde sie ihn nur abspeisen wollen. "Machen dir die bösen Dinge auch Spaß?", fuhr er fort. Ihre Aussage zu Krolock überzeugte ihn kein bisschen. "Er hat aber keine Freunde. Dann kann er auch zu niemandem stehen."

Caylee musste feststellen, dass Welpen wohl doch nicht so leicht zu manipulieren waren, wie sie gehofft hatte. Einfach so ihm die Schuld an allem geben ging wohl nicht. "Doch, hast du." Sie klang selbst wie ein trotziger Welpe. "Wären deine Zähne so groß wie meine, hätte ich jetzt auch so eine Wunde wie du. Nur weil du kleiner bist, gibt dir das nicht das Recht, mich zu beißen." Das klang gar nicht einmal so falsch. Seine Frage dagegen schon. "Mir machen keine bösen Dinge Spaß. Böse ist ein Wort, das jeder subjektiv auffasst, aber von sowas hat ein kleiner Welpe wie du keine Ahnung." Als Malik behauptete, Krolock hätte keine Freunde, kam ein unzufriedenes Brummen aus ihrer Kehle. "Ich bin seine Freundin."

Malik erwiderte Caylees Blick. Und er tat das so lange und still, bis er glaubte, dass ihr allein das reichte, um seine unausgesprochenen Widerworte zu erkennen. Er wollte nicht diskutieren. Aber letztendlich musste er auf ihre leider ziemlich logisch klingende Argumentation noch etwas antworten. "Und nur weil du groß bist, darfst du mit Kleineren nicht machen, was dir Spaß macht", bestimmte er nach einigem Nachdenken. Er runzelte die Stirn und sah sie ernst an - er wollte, dass sie ihn so ernst nahm, wie er gerade war. Aber dass das viele Wölfe nicht machten, einfach weil er ein Welpe war, hatte er inzwischen gemerkt. Und Caylee betonte das auch nochmal. Verärgert kräuselte sich sein Nasenrücken. "Ich bin nicht dumm." Dann legte er den Kopf zur Seite. "Sagt er das?"

Caylee gefiel es nicht, dass der Welpe schon viel weiter dachte, als ihm zuzutrauen war und dass er sie außerdem so ansah, als hätte er bereits die Welt verstanden. "Schonmal vom Recht des Stärkeren gehört? Die Kleinen werden von den Großen geärgert, bis sie selbst groß sind. So ist das eben, da ist jeder durchgegangen, das macht einen nur stärker." Als ob Linalee der erste Welpe, der von seinen älteren Geschwistern geärgert wurde, gewesen wäre. "Ich hab nicht gesagt, dass du dumm bist. Ich sagte, du bist ein kleiner Welpe und als ich so klein war wie du habe ich auch nicht alles verstanden, was ich heute weiß." Das war ja schon fast nett, was sie da gesagt hatte. "Keine Ahnung, sowas fragt man nicht."

Malik schwieg erneut und dachte über Caylees Worte nach. Darauf konnte er irgendwie nichts erwidern. Er hatte von diesem Recht schon gehört. Aber er hatte es nicht auf Wölfe bezogen. "Wer hat dich geärgert?", erkundigte er sich, um selbst um eine Antwort herumzukommen. Aber die Weiße redete ohnehin gerade von sich selbst und ihrer Welpenzeit, da konnte er sie einfach ein wenig drin bestärken. Noch nie hatte ihm jemand in dieser Form von der eigenen Vergangenheit erzählt. Und schließlich legte er die Ohren wieder an den Hinterkopf und lächelte ein wenig. "Niemand versteht, dass ich nicht spreche. Obwohl sie keine Welpen sind, verstehen sie Dinge nicht." Dann hob er den Kopf und blinzelte, kurz glitt sein Blick zum Himmel. "Hast du Freunde?"