18.05.2013, 21:49
Unruhig hatte Atalya ihre Kreise gedreht, hatte das Rudel im Blick behalten und hatte sich ihnen trotzdem nicht genähert. Kisha war wieder da, zwar hatte sie sich verändert, aber sie war zurück gekommen. Allein. Dieser Gedanke haftete an ihrem Gewissen, klebte an ihr wie Harz in ihrem Pelz. Sie hatte die dunkle Fähe gemieden, ersparte sich die Frage, was geschehen war. Es würde die Wunde vielleicht nur noch weiter aufreißen, und sie wußte nicht, in wie weit sie sich kontrollieren konnte. Schon allein, wenn sie daran dachte, stellte sich ihr Nackenfell auf und die Wut kochte wieder in der jungen Fähe hoch. Es war also vielleicht nur für alle das Beste, wenn sie Abstand nahm, wenn sie versuchte, allein damit zurecht zu kommen, irgendwie zu verarbeiten, dass Madoc keine Chance hatte, zu ihnen zurück zu kommen.
Das Rudel rastete, und die graue Wölfin gönnte sich erneut keinen Moment Ruhe, sie lief einfach weiter. Immer wieder schluckte sie Tränen herunter, blieb nur selten stehen, um zu verschnaufen und wenige Herzschläge später weiter zu laufen. Sie konnte keine Ruhe finden, in jedem Moment holten sie wieder die Bilder ihres besten Freundes ein.
S kam ihr selbst wie eine Ewigkeit vor, als sie stehen blieb, keinen Blick herum wandte und sich müde in den Schnee sinken ließ. Ihre Pfoten schmerzten vom kalten Schnee, und jeder Herzschlag schien ihr mehr und mehr den Atem zu nehmen. Sie konnte sich nicht aus diesem Teufelskreis befreien, und kaum, dass sie im Schnee lag, traten ihr erneut Tränen in die Augen. Sie versuchte sie herunter zu schlucken, sich irgendwie gegen dieses Chaos in ihrem Kopf zu wehren, aber es schien zwecklos. Zuerst bemerkte sie nicht einmal den Wolf, der sich in ihrer Nähe befand. Einen Moment blendete sie die Umwelt einfach aus, starrte nur auf die weiße Fläche unter ihren Pfoten.
19.05.2013, 12:43
Er hatte den Kopf auf die Pfoten gebettet und hob ihn erst, als der Schnee unweit entfernt verräterisch unter Pfoten knirschte. Er schnippte kurz mit einem Ohr, als er Atalya erkannte, die – ganz wie es schien – eher unwissend seine Nähe aufgesucht hatte. Ohne von ihm Notiz zu nehmen, ließ sie sich ein paar Wolfslängen entfernt nieder. Ihr Anblick war noch immer so unendlich weit entfernt von der Jungwölfin, die er damals am Flussufer kennengelernt hatte. Und genau das war schließlich der ausschlaggebende Punkt, der ihn doch dazu brachte, sich zu erheben, obwohl er eben noch beschlossen hatte, ihr ihre Zeit zu lassen. Mit ruhigen Schritten ging er auf sie zu und ließ sich schließlich einen Meter neben ihr auf der Hinterhand nieder. Einen kurzen Moment beließ er es bei Schweigen, ehe er leise und mit dem Blick in die Ferne die Stimme erhob.
„Er hat dir viel bedeutet, nicht? Wie lange hat er das Rudel bereits begleitet?“
Im Grunde rechnete er damit, dass die Graue ihn abermals abwimmeln würde. Dann würde er sie auch nicht weiter bedrängen.
22.05.2013, 22:29
Atalya verfluchte sich selbst dafür, als sie den Wolf in ihrer Nähe bemerkte. Der Schleier der Trauer und Wut hatte sich vor ihre Augen gelegt, hatte sie unaufmerksam werden lassen. Und auch Chivan hatte sie bemerkt, konnte sie den Schrotten lauschen, die sich ihr durch den fest gefrorenen Schnee näherten. Die graue Fähe wandte jedoch nicht den Blick herum, sie verzog nur die Lefzen zu einem stummen Knurren. Sie wollte keine Nähe, wollte nicht berührt werden. Und am liebsten hätte sie Ihre Ruhe gehabt. Jedoch blieb sie liegen, ohne sich jedoch weiter zu regen. Sie wollte sich einen Moment Ruhe gönnen, eine kleine Pause, ehe sie die schmerzenden Pfoten wieder belasten musste.
Auch als Chivans Stimme erklang, regte sich die Graue nicht, ließ den Blick stumm nach vorn gewandt. Sie hatte die Tränen noch nicht ganz aus ihren Augen vertreiben können, als sich schon wieder etwas Glitzerndes in ihren Augen befand. Sie konnte nicht vergessen, nicht verdrängen. Und die Worte des bunten Rüden ließen sie nur noch mehr die Verzweiflung spüren, die sie mehr und mehr zu ergreifen schien. Wie sollte sie ihm also antworten? Zuerst schwieg sie einfach, erst nach weiteren Momenten sanken die Lefzen ein wenig über ihren Fang, jedoch blieb ein Teil der drohenden Haltung zurück.
„Er war beim Rudel, bevor ich geboren wurde.“
Eine leise Antwort, kaum mehr als ein zitterndes Flüstern. Sie brachte nicht mehr Worte hervor, schluckte nur trocken, als sie geendet hatte und schloß dann erneut die hellen Augen, während ihre Ohren weiterhin auf die Bewegungen des Rüden achteten.
07.07.2013, 17:39
„Vor gut einem Jahr verunglückte ein Teil des Rudels, bei dem ich rastete.“, begann er und schnippte kurz mit einem der Ohren. „Eine Lawine löste sich vom Hang und begrub unter anderem auch meine Schwester unter sich.“
Entgegen der Erwartungen zeichnete sich ein blasses, wenn auch bitteres Lächeln auf seinen Lefzen ab, während er den Fang etwas zu Boden neigte.
„Aber auch, wenn unsere Wege sich damals trennten, weiß ich, dass ein Teil von ihr noch immer an meiner Seite weilt. Zumindest, solange ich sie in Erinnerung behalte. Ich kann mich an all die Abenteuer erinnern, die wir gemeinsam bestritten haben. Beispielsweise als sie als junge Wölfin ihren ersten Hasen erbeuten wollte. Damals war sie kaum größer als die Langohren selbst. Das Ende vom Lied war, dass das Langohr sie gejagt hat, bis es in einem der Bauten verschwunden war.“
Der Ausdruck auf seinen Lefzen wurde etwas heller, als er den Kopf nun zum wolkenverhangenen Himmel hob. Er wusste nicht, ob sie verstand, worauf er hinaus wollte, doch er wäre nur zu gerne nun ihr Zuhörer geworden. Er bezweifelte nicht, dass auch die beiden durchaus erfreuliche Geschichten erlebt hatten – wenn sie sie im Gedächtnis behalten würde, wurde es ertragbar. Er konnte nicht behaupten, dass das Gefühl von Verlust je gänzlich verschwand – doch man lernte, damit umzugehen. Wieder verfiel er in Schweigen. Das war der Punkt, an dem er sich wieder von dannen machen würde; zumindest, wenn es weiterhin so schien, als wäre die einzige Heilung im Augenblick die Einsamkeit und der alleinige Kampf mit all der Trauer.
16.07.2013, 19:16
Atalya musste sich bemühen, das schlechte Gewissen herunter zu schlucken, welches sie langsam befiel. Chivan war sicher nicht hierher gekommen, um sie mit Fragen und Geschichten zu belästigen. Er wollte ihr helfen. Und sie konnte seine Hilfe nur ablehnen, lag mit gehobenen Lefzen im Schnee und zeigte ihm allzu deutlich, dass sie ihn nicht hier haben wollte. Bei seinen Worten jedoch rutschten die Lefzen der Grauen ganz über die Fänge, und nur ihre Ohren blieben an den Hinterkopf geneigt. Jedoch wandte sie nicht den Blick zu ihm herum, beobachtete nur aus den Augenwinkeln, wie er leicht die Schnauze senkte. Ein tonloses Seufzen verließ den Fang der jungen Fähe, ohne dass sie sich dem Älteren zu wandte. Sie lauschte dennoch seinen Worten, ließ den rötlichen Blick dabei auf dem Schnee unter ihren Pfoten ruhen. Kurz fuhr sie mit einer Pfote über den Schnee, während Chivan weiter sprach, und wohl entgegen seiner Erwartungen wenigstens ein wenig zu der jungen Fähe durchdrang. Kurz wandte Atalya den Blick herum, musterte den Rüden von der Seite, ehe sie den Blick wieder nach vorn richtete, die Schneelandschaft betrachtete, ohne zuerst weiter auf die Worte des Rüden einzugehen. Ihre Ohren lagen noch immer nach hinten geneigt.
„Und wie... wie hast du gelernt, damit umzugehen?“
Sie schluckte, wieder war ihre Stimme nicht mehr als ein vorsichtiges Flüstern, als wäre ihre Frage falsch, als wäre jeder Versuch, damit umzugehen nicht ihr Recht.