26.09.2012, 21:57
((Drei Tage nach „Ein Tag im Sumpf“))
Drei Tage waren sie nun schon auf den Pfoten, hielten nur selten inne. Und die Angst war beinah zu riechen, die Unsicherheit schien greifbar zu sein. Atalya entlockte dieser Gedanke nur immer wieder ein Zucken ihrer Ohren, einen unbegeisterten Blick, wenn dieses Thema aufkam, und das tat es ja leider oft genug. Hätte sie nun auf die Gespräche der anderen Wölfe geachtet, so war die Graue sicher, dass der Großteil des Rudels noch immer über das Beben und den ach so grausamen Sumpf philosophierte. Sie selbst hielt ihre Schnauze da heraus, sie wollte Nichts mehr davon hören. Und bald würde auch der Rudelplatz erreicht sein, dann musste sie nicht mehr inmitten des Rudels herum laufen, konnte zu den geliebten, stillen Orten wandern... dort, wo sie für sich sein konnte, den eigenen Gedanken nach hängend. Genau das hatte ihr in den letzten Tagen gefehlt, auf dieser ganzen Wanderung hatte die junge Wölfin selten Ruhe gehabt, hatte kaum eine ruhige Minute gefunden. Doch nun kam still die Frage auf, was das Erdbeben wohl mit dem Rest ihrer Heimat angestellt hatte, wie das Revier dieses Rudels nun wohl an den anderen Stellen aussah. Den Sumpf würden die anderen wohl nicht so schnell wieder betreten, aber sie selbst war sich sicher, dass sie nicht das letzte Mal dort gewesen war. Und was mit dem Rest des Revieres geschehen war würden sie sicher auch noch zu sehen bekommen, und notfalls... konnte sie das auch noch allein tun.
Mit einem kurzen Schütteln ihres Pelzes setzte sich die Graue wieder in Bewegung, ließ kurz die Ohren schnippen und den Blick schließlich über das Rudel schweifen, das vor ihr lief. Die dunklen Augen suchten nach ihrem besten Freund, sowie nach Avendal. Sie konnte sie ein wenig weiter vorn sehen, wie es aussah, unverletzt. Der Anblick der beiden nahm der Fähe eine Last, die sie nun durchatmen ließ. Und schon im nächsten Moment ließ sie den Blick auf den Boden vor ihren Läufen sinken. Was hätte Liam wohl zu all dem gesagt? Was hätte ihr Pate von dieser Situation gehalten? Atalya wußte es nicht, und es war ihr mit schmerzlicher Gewissheit bewußt, dass sie nie erfahren würde, wie der bunte Rüde darüber denken würde. Nun schloß sie die Augen, hielt einen Moment die Luft an und richtete den Blick dann zum Himmel, als würde dort eine Antwort auf diese Fragen warten. Aber wer konnte schon sagen, ob Liam überhaupt noch lebte? Erneut schüttelte die Graue den Kopf, wandte den Blick dann wieder auf das Rudel, auf all die verschiedenen Wölfe, deren Angst sie förmlich auf der Zunge schmecken konnte.
04.10.2012, 14:05
Die Angst ließ die Wölfe nicht los, hielt sie auf den Pfoten, immer in Bewegung und ließ sie nur selten rasten, als könnten sie ihr entgehen, wenn sie nur schnell genug liefen.
Daylight beteiligte sich rege an den wilden Vermutungen darüber, was der Auslöser des Bebens gewesen sein und welche Geheimnisse der Sumpf noch bergen konnte – ihr tat es gut wieder unter Wölfen zu sein, an Avendals Seite fühlte sie sich willkommen, nicht länger als Fremdkörper in einem Rudel, ihrer Familie, die ihr seit ihrer Rückkehr so fremd wie vertraut schien. Sie musste mehr über all das erfahren, was sich in ihrer Abwesenheit ereignet hatte und sie wollte sich nicht länger zurückziehen, sie musste sich dem Urteil ihrer Familie stellen – jedem einzelnen. Nicht alle würde mit der gleichen Abweisung auf sie reagieren, wie Aléya es getan hatte.
Daylight hob den Blick und ließ ihn über das Meer von schwarzen, grauen, braunen und weißen Leibern gleiten; ein wenig abseits entdeckte sie Atalya. Sie hatte nie viel mit ihrer Nichte zu tun gehabt, hatte aber aus den Erzählungen der anderen schließen können, dass die Graue eher ihrem Vater als ihrer Mutter ähnelte. Und unwillkürlich musste sie Lächeln, als sie an ihr erstes Zusammentreffen mit Averic dachte – vielleicht sollte sie Atalya nicht gleich mit Freundschaft überfallen, überlegte sie, während sie sich langsam ihrer Nichte näherte. Äußerlich ähnelte Atalya weder Tyraleen noch Averic, weder der dunkle Pelz noch die rotbraunen Augen erinnerten an ihre Eltern, und sie war auch nicht in die Höhe geschossen, wie etwa Avendal, sondern glich von Größe und Statur eher Daylight selbst.
„Hallo Atalya“, grüßte sie ihre Nichte freundlich und neigte den Kopf, „störe ich dich? Du scheinst nicht sehr erpicht auf Gesellschaft...“
Sie behielt Atalyas Profil im Blick, während sie neben ihr lief, die Ohren abwartend nach vorn gerichtet. In ihren Augen strahlte matter Optimismus, der die Angst verbarg, die das Erdbeben erneut an die Oberfläche gebracht hatte, die seit Tascurios Tod fast in jedem von ihnen schlummerte. Daylight spürte die Angst aller Wölfe – doch sie lächelte, denn man hatte sie nicht umsonst 'Sonnenkind' getauft.
06.10.2012, 16:56
Atalya lief weiter, achtete nicht weiter auf die Wölfe, die in die selbe Richtung wie sie liefen. Um sie herum herrschte Stille, und diese wollte sie nutzen, vielleicht irgendwie so die aufgewühlten Gedanken lernen zu beruhigen. Und selbst wenn sich jemand zu ihr gesellen würde... wahrscheinlich kannten die meisten Wölfe in diesem Moment kein anderes Thema als die Erdbeben, oder eines der so merkwürdigen Erlebnisse am Sumpf. So konnte die Graue also ganz froh darüber sein, dass sie allein war. Bis zu dem Moment, als sich ein weißer Pelz zu ihr gesellte.
Daylight wurde mit einem sachten Zucken der Ohren begrüßt, als sie neben der Grauen auftauchte und sie sogleich begrüßte. Auf den Lefzen der Weißen lag ein Lächeln, und Atalya konnte sich daran erinnern, dass sie, wenn sie diese Wölfin gesehen hatte, selten etwas anderes gesehen hatte. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass jemand immer so glücklich war, dass ihm zum Lächeln zumute war, aber sie hatte auch nicht viel mit ihrer Tante zu tun gehabt, aber dies schien sich in diesem Moment zu ändern. Nur kurz richtete die Graue den Kopf herum, betrachtete die helle Fähe, deren Blick auf ihr selbst lag. Die Worte, die nach ihrer kurzen Begrüßung erklangen, ließen Atalya noch einmal leicht mit den Ohren schnippen, ehe sie den Kopf mit einem tonlosen Seufzen nach vorn wandte und wieder auf ihren Weg achtete. Sie schluckte ein kühles Auflachen hinunter, es schien von einigen Wölfin einfach eine Angewohnheit zu sein, andere anzusprechen, selbst wenn diese nicht so aussahen, als hätten sie in diesem Moment gern Gesellschaft. Auch die Weiße schien dazu zu gehören, trat zu Atalya, obwohl sie selbst festgestellte hatte, dass sie nicht wirklich auf Gesellschaft aus war.
„Ich habe nur keine Lust, mir wieder erzählen zu lassen, wie furchteinflößend der Sumpf ist, und wie viel Angst man doch vor den Erdbeben hat.“
Sie antwortete der Weißen, ohne den Blick noch einmal zu ihr herum zu wenden.