Atalya
24.08.2012, 01:37

Kisha hatte sich langsam durch den weniger werdenden Schnee bewegt. Das Rudel hielt sich am Rudelplatz auf, so fand sie einen Moment Ruhe. Sie genoß die Aufregung, die die Welpen, aber genauso brauchte sie jetzt einen Moment für sich. Ihr Ziel kam langsam in Sicht, und der ruhige Ausdruck wurde für einen Moment zu einem Lächeln, dem ein tiefer Atemzug folgte. Das Grab ihrer Eltern. Sie waren nun schon so lange tot... und trotzdem schienen sie an diesem Ort irgendwie immer da zu sein.

Die Grabstätte ihrer Eltern war der letzte Ort gewesen, den sie aufgesucht hatte, bevor sie zu ihrer Reise aufgebrochen war und es war der erste, an den sie sich am Tag ihrer Rückkehr begab. Daylight erkannte Kisha nicht gleich – das schwarze Fell und die hellbraunen Augen gehörten zweifelsohne ihrer Schwester, nur der ernste Gesichtsausdruck schien ganz und gar fehl am Platz. Kisha war lebensfroh, albern in fast jeder Situation, aufgeweckt und voller Energie. Doch die Wölfin, die nun vor ihr stand, schien keinen dieser Charakterzüge in sich zu tragen. „Kisha?“, fragte Daylight unsicher und näherte sich zögerlich der eigentlich so bekannten Gestalt.

Kisha auf ihr Ziel konzentriert achtete Kisha nicht auf ihre Umwelt, nicht auf die Wölfe in ihrer Nähe. Sie schloß erneut die Augen, atmete zitternd aus, als plötzlich eine Stimme in ihrer Nähe erklang, die sie rief. Erschrocken blieb die Dunkle stehen, wog den Kopf leicht herum. Eine weiße Fähe näherte sich ihr, sodass die Schwarze die Ohren kurz verdrehte, die Wölfin dann genauer musternd. Kisha neigte leicht den Kopf, blieb jedoch still stehen und blickte der Unbekannten entgegen. „Ja?“ Sie sprach leise, Unsicherheit schwang darin mit.

Da war kein Zeichen des Wiedererkennens auf Kishas Zügen, nicht die gewohnte Begeisterung, die Heiterkeit – nichts. Verunsichert hielt Daylight inne, ihre Pfotenballen gruben sich in den Schnee, sie blickte Kisha an, halb fragend, halb verunsichert. „Erkennst du mich denn nicht? Ich bin es... deine kleine Schwester Daylight... dein Patenkind“, erklärte sie und lächelte vage. Es fühlte sich an, als spräche sie mit einer Fremden.

Kisha trat einen kleinen Schritt zurück, während die braunen Augen auf dem unbekannten Antlitz ruhten. Sie konnte Erwartungen sehen, und scheinbar schien sie sie nicht erfüllen zu können. Kisha schluckte, neigte den Kopf dann noch ein wenig mehr zur Seite. Die Worte, die die Weiße dann sprach, brachten die Dunkle noch ein wenig mehr ab, ließen sie erneut schlucken. Sie bemühte sich um ein sachtes Lächeln, fand‘ es dennoch nicht ehrlich. „Ich...“ Kisha seufzte. „Es tut mir Leid, aber ich kenne dich nicht...“ Eine Schwester. Eine weitere, eine Kleinere. So wie Tyraleen.

Das Lächeln auf Daylights Lefzen fror augenblicklich, ihre Augen ruhten noch immer auf Kisha – doch es war nicht länger Kisha, die sie anschaute, ihr gegenüber stand eine Fremde im Pelz ihrer Schwester. „Aber ich bin es, Daylight...“, wiederholte sie, als hoffte sie endlich die Antwort zu erhalten, die sie erhofft hatte. Doch sie würde nicht kommen. Das hier war nicht Kisha, ihre Kisha. „... wie kannst du mich vergessen haben? Wir hatten doch so viel Spaß miteinander... Kisha... bitte...“, in ihrer Stimme schwang nun Verzweiflung mit, Verzweiflung und noch etwas anderes – Enttäuschung. Sie hatte gehofft, dass sie zurückkommen und alles wie früher sein würde, doch so war es nicht. Im Tal fiel Schnee obwohl es Sommer war, Kisha war nicht mehr dieselbe – und wer wusste schon, wer oder was sich noch alles in ihrer Abwesenheit verändert hatte.

Kisha musste schwer schlucken, als das Lächeln von den Zügen ihres Gegenübers wich. Sie sprach wieder, nannte sich Daylight. Hatte Tyraleen etwas von dieser Schwester erzählt? Die Schwarze wußte es in diesem Moment nicht, so konnte sie nicht antworten, die Hoffnung der Weißen bestätigen – so Leid es ihr in diesem Moment auch tat. Sie hatte das Gefühl, diese Wölfin das erste Mal in ihrem Leben zu sehen, und sie dennoch zu kennen. Aber dennoch... wie sollte sie nun mit ihr umgehen? Was sollte sie sagen? Einen Moment ließ die Schwarze den Kopf hängen, schluckte erneut, ehe sich die braunen Augen auf Daylight richteten. „Ich weiß nicht... wo ich anfangen soll. Ich wußte lange Zeit nicht, wer ich selbst bin, wer ihr seid... ich habe keine Erinnerung an dich... oder an meine Welpenzeit...“