Chivan
07.06.2012, 11:54
07.06.2012, 11:54
Die Nacht war über das bebende Tal gezogen. Immer wieder wurde das Land von leichten Erdstößen erzittert, nicht so heftig wie zuvor, aber deutlich spürbar für die Wölfe und wie eine dunkle Bedrohung, die Schlimmeres ankündigte. Schwere Wolken hingen am düsteren Himmel, schluckten Sterne und ließen nur spärlich das Licht des fahlen Halbmondes durch. Das Rudel zog zurück zum Rudelplatz, befand sich aber noch immer im Süden des Reviers. Wenige Stimmen des nächtlichen Waldes waren zu hören, als hätten die Erdstöße auch alle anderen Bewohner so verschreckt, dass sie stumm und ängstlich ausharrten. Nur einmal hatte ein Ruf die Nacht durchschnitten, ein Wanderer kündigte sich an und bat, das Revier betreten zu dürfen. Das hatte Verwunderung ausgelöst, schließlich konnte sich niemand vorstellen, warum ausgerechnet jetzt ein fremder Wolf zu ihnen stoßen wollte. Es gab wahrlich schönere Orte, als dieses bebende Tal. Dennoch wurde er freundlich beantwortet.
Tyraleen hatte die Ohren leicht zurückgedreht, als der Ruf des Wanderes verklungen war und ihre Antwort über das Tal hallte. Ein Rüde fand in dieser unwirklichen Nacht zu ihnen und schien sich nicht daran zu stören, dass die Erde unter seinen Pfoten bebte. Wer mochte das sein? Und empfand sie nur deshalb diese leichte Erregung? Als wäre der fremde Wolf bereits ganz in ihrer Nähe konnte sie seine Präsenz spüren und aus irgendeinem Grund fühlte sie sich fast froh. Vielleicht ja, weil er hier bleiben wollte, obwohl die Erde bebte und somit indirekt zu sagen schien, dass deshalb noch lange keine Gefahr drohte. Das klang nach einer guten Erklärung, aber tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie reichlich rational klang. Unruhig warf sie einen Blick auf das Rudel, sie alle waren zu dunklen Schatten verschmolzen und trabten gleichsam besorgt und verschreckt dahin. Aber Aszrem an der Spitze wirkte wie immer selbstbewusst und routiniert und Tyraleen war sehr froh darüber, nur schräg hinter ihm zu laufen. Vielleicht auch deshalb entfernte sie sich so einfach ein wenig vom Rudel und beschloss schließlich, dem Fremden ein wenig entgegen zu laufen.
Chivan verharrte kurz, den Blick auf die Pfote gerichtet, die am weitesten vorne stand, als erwarte er jeden Augenblick eine weitere Erschütterung des Bodens. Doch er blieb still, rührte sich nicht und wog das Gebiet, in dem er sich momentan befand, weiterhin in trügerischer Sicherheit. Seine Ohren schnippen abwartend und er ließ seinen Blick erneut wandern, als erhoffte er sich, gleich hinter dem nächsten Baum eine Antwort auf all die Fragen zu finden, die ihn seit seiner Ankunft an der Reviergrenze nicht mehr los ließen. Die Erdstöße hatten ein mulmiges Gefühl hinterlassen - ein Gefühl von Unsicherheit und Ungewissheit und dennoch trieb ihn sein Herz weiter in das Gebiet hinein. Neben seinem Instinkt, der ihn eigentlich von hier fortführen wollte, brach ein Licht in seinem Inneren die Finsternis und schien ihn förmlich näher zu rufen. Er glaubte, die Anwesenheit der Götter deutlich spüren zu können - deutlicher, als es je der Fall war und daher fühlte es sich auch richtig an, seinem Instinkt in diesem Fall den Rücken zu kehren. Seiner Bitte um Einlass in das Revier war eine Erlaubnis gefolgt und so hatte er sich in dieser düsteren, unheilvollen Nacht auf gemacht, um dem Rudel entgegen zu laufen, welches ganz in der Nähe gewesen zu sein schien. Ein leises Geräusch in der Ferne erinnerte ihn an sein Vorhaben und so setzte sich der große Rüde wieder in Bewegung. Seine Ohren hatte er etwas zurückgeneigt und je näher er dem Rudel zu kommen glaubte, desto deutlicher schien auch die Präsenz der Götter zu werden, die er tief in seinem Inneren spürte. Noch konnte er sich nicht wirklich einen Reim draus machen.
Tyraleen entfernte sich gerade so weit, dass sie das regelmäßige, leise Knacken von Ästchen und das Rascheln von Pfoten in Gras, Laub und Gehölz noch deutlich hören konnte. Das reichte aus, denn der stärker gewordene Geruch des Rüden, sagte ihr, dass er sich nur noch Pfotenschritte von ihr entfernt befinden konnte. Es war noch zu dunkel, um seine Gestalt auszumachen, aber bald hörte sie auch seine Schritte. Er setzte sie vorsichtig, schien sich jede Sekunde auf einen erneuten Ruck aus dem Erdreich einzustellen und musste sie ebenfalls bemerkt haben. Schließlich sah sie ihn, kaum eine Wolfslänge entfernt. Er war groß und selbst in diesem schwachen Licht strahlten seine Augen hellblau. Er war ihr vollkommen unbekannt. Und doch war es ihr, als wäre es gut, dass er da war. So wie Engaya ihr damals klargemacht hatte, dass es gut war, Averic zu lieben und mit ihm Welpen zu zeugen. Einige Herzschläge zu lang sah sie ihn nur an, dann wurde sie sich bewusst, dass auch in dieser seltsamen Nacht die Regeln des Zusammenlebens golten und sie die Leitwölfin war. Sie räusperte sich und wurde sich im gleichen Moment bewusst, wie wenig passend das klang. "Ich grüße dich, Wanderer." Immerhin ihre Stimme hatte die Festigkeit eines Leittiers.
Chivan lauschte den leisen Geräuschen der Nacht, doch auch diese schienen durch die Geschehnisse am Nachmittag zurückhaltender und scheuer als sonst. Selbst der Wind war leise und sanfter, als er ihn gewohnt war, doch in den Bergen war er ohnehin meist ruppiger und zorniger als in den Tälern. Seine Ohren schnippten, als er erneut ein Geräusch wahrnahm und es dieses Mal als Schritte eines anderen Wolfes identifizieren konnte. Er setzte die Pfoten nun bedachter und kaum, hatte er noch ein paar Wolfslängen hinter sich gelassen, erkannte er eine helle Gestalt vor seinen hellen Augen, die die Dunkelheit durchbrach. Er hielt inne, hob Kopf und Ohren und bedachte die helle, recht große Fähe einen schweigenden Moment. Irgendetwas an ihr schien ungewöhnlich, schien vertraut und gleichzeitig doch fremd. Sein Blick traf ihre bernsteinfarbenen Augen und noch bevor er einen Ton über seine Lefzen gebracht hatte, war sie es, die die Initiative ergriff. Und augenblicklich glaubte er die Stimme zu erkennen, die ihm vor wenigen Momenten noch die Erlaubnis gegeben hatte, seinem Weg weiter zu folgen. »Du warst es, die mir geantwortet hat.«, stellte er mit einem sachten, freundlichen Lächeln fest und neigte respektvoll den Kopf. Daran, dass sie die Leitwölfin war, hatte er keine Zweifel. »Ich danke dir. Mein Name lautet Chivan und ich versichere dir, dass ich dein Rudel ohne böswillige Absichten aufgesucht habe.«
Tyraleen war nicht entgangen, dass auch ihr Gegenüber sie gemustert und das kurze Schweigen gleichsam mit Bedeutung gefüllt hatte. Kurz fragte sie sich, ob er wohl ein Bekannter des Rudels war, zu Zeiten hier gelebt hatte, in denen sie noch ein Welpe gewesen war. Aber seine Worte verneinten diese Möglichkeit, sicherlich hätte er ihr gleich davon berichtet, wäre sie und das Tal ihm vertraut. Sie konnte sein Lächeln zwar kaum sehen, erahnte es mehr und fand es ihm Schimmer seiner Augen wieder, aber die angenehme Art mit der er ihr begegnete, verstärkten das Gefühl der Vertrautheit nur noch mehr. "Richtig. Ich bin Tyraleen, die Leitwölfin. Was fü..."
Ein Beben ging durch die Erde, erst schwach, dann mit einem Schlag heftig und fast wütend, um gleich darauf wieder ganz zu verklingen.
Tyraleen war die ganze Nacht gelaufen, hatte leichte und schwere, kurze und lange Beben mit stoischem Trotz überstanden, ohne einmal zu fallen. Aber nun kam es so überraschend, in einen Moment hinein, in dem sie ganz andere Gedanken hegte, sodass ihre Läufe einknickten und sie fiel.
Chivan wusste nicht, was es war, was so eigenartig und gleichzeitig so unheimlich richtig schien. Kurz glitt sein Blick in die Höhe, als er hinter der Wölfin die Schritte des Rudels ausmachte, doch die anderen Wölfe schienen in diesem Augenblick vollkommen unbedeutend. Die Dunkelheit hatte sie verschluckt und wollte sie seinen Augen nicht preisgeben. Unscheinbar zuckten seine rundlichen Ohren erneut, doch gleich darauf genoss wieder die helle Fähe allein seine Aufmerksamkeit, die sich sogleich auch als Tyraleen und - wie vermutet - Leitwölfin des Rudels vorstellte, welches hinter ihr in der Finsternis zu laufen schien. Noch bevor sie ihren Satz allerdings zu Ende bringen konnte, spürte der Rüde erneut, wie ein Ruck durch die Erde ging. Augenblicklich verlagerte er sein Gewicht, stand nun etwas breitbeiniger, um sein Gleichgewicht besser halten zu können, während die Erde unter ihnen zornig rumorte und wackelte, als wolle sie sie alle vertreiben. Anders als er aber schien Tyraleen nicht damit gerechnet zu haben. Instinktiv machte der bunte Wolf einen Schritt nach vorne, überwand auch die letzte Wolfslänge zwischen ihnen und versuchte sie zu stützen und vor dem Fall zu bewahren. »Alles in Ordnung?«, erklang schließlich seine Stimme und er wandte den Kopf sachte zu ihr herum.
Tyraleen erwartete den feuchtkalten Waldboden vielleicht ein wenig schmerzhaft an ihrer Seite zu spüren, aber stattdessen fiel sie in dichten Pelz und konnte sich schon im Bruchteil einer Sekunde wieder fangen. Das Gleichgewicht zurückerlangend und etwas erschrocken, so von dem Beben überrascht geworden zu sein, trat sie sogleich einen Schritt zurück, schenkte dem Wanderer namens Chivan nun aber ebenfalls ein Lächeln. "Entschuldige, danke, ja ... diese Beben sind zermürbend. Schon den ganzen Tag und die ganze Nacht wollen sie nicht aufhören." Kurz musste sie aussehen wie ein verlorenes Rehkitz im Wald, dann strafften sich ihre Schultern und sie versuchte wieder, sich in ihre Rolle als Leitwölfin einzufinden. "Was führt dich zu uns, Chivan?"
Chivan konnte glücklicher Weise feststellen, dass sein Vorhaben glückte. Er schaffte es, rechtzeitig auf dem wackelnden Boden einen Schritt nach vorne zu machen und schließlich ohne das eigene Gleichgewicht zu verlieren auch noch die Fähe vor dem Sturz zu bewahren. Auch er zog sich daraufhin wie selbstverständlich einen kleinen Schritt zurück, denn eigentlich sah es ihm nicht wirklich ähnlich, so schnell die natürliche Distanz zu überbrücken. Doch in diesem Fall schien es vollkommen richtig gewesen zu sein. Mit leichter Besorgnis nahm er das Lächeln der Hellen zur Kenntnis und antwortete mit einem kurzen Zucken seiner Lefzen, doch dieses Mal blieb er angesichts der Beben ernster. »Dafür nicht.«, versicherte er ihr schließlich und brachte doch wieder ein freundliches Lächeln zustande.»Also suchen die Erdstöße erst seit heute euer Tal heim?« Diese Frage hatte ihm im Grunde bereits von Anfang an auf den Lefzen gelegen und diese Möglichkeit, sie auszusprechen, konnte er unmöglich entgehen lassen. Die nächste Frage, die sie ihm stellte, war nämlich weitaus schwieriger zu beantworten - für ihn zumindest. Überlegend spielte er mit den Ohren, denn er wusste nicht, inwieweit die Wölfe hier mit den Göttern verbunden waren. Er wusste nicht, ob sie ihre Anwesenheit spürten und auch nicht, was diese Aura um die Wölfin herum zu bedeuten hatte. Er spürte die Anwesenheit des Lebens, doch zu oft war er auf seiner Reise auf Wölfe gestoßen, die blind dafür geworden waren. »Nun...«, begann er schließlich. »Sagen wir, dass es mehr Zufall war, dass ich in diese Gegend gekommen bin. Und die Erdstöße schließlich haben mein Interesse geweckt.« Erneut musterte er die Fähe prüfend und überlegte, ob er dem Gefühl in seinem Inneren vertrauen konnte. »Außerdem... Scheint etwas Einzigartiges von eurem Tal auszugehen.«, fügte er schließlich vorsichtig an.
Tyraleen versuchte, sich endlich wirklich zusammenzureißen und sich weder von Erdbeben, noch von ihrem Fall, noch von der Präsenz dieses Rüden weiter aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Sein freundliches Mienenspiel trug dazu bei, dass sie wieder sicherer wurde und seine Frage ließ sie schließlich ganz in die nachdenkliche Ernsthaftigkeit abgleiten. "Ja, ich lebe schon seit meiner Geburt in diesem Tal und noch nie hat die Erde unter mir gebebt." Sie sah kurz beinahe fragend aus, als könnte der Wanderer mehr darüber wissen, dann lenkte sie aber seine Nachdenklichkeit ab. Offensichtlich schien ihre Frage nicht ganz so leicht zu beantworten sein wie erwartet. Er wirkte zögerlich und seinen letzten Satz fügte er beinahe behutsam an. Nun war es an Tyraleen zu zögern, wusste sie doch nicht, ob er auf die Götter anspielen wollte. "Vielleicht sagt es dir ja etwas, wenn ich dir seinen Namen nenne. Es ist das Tal der Sternenwinde." Jetzt lächelte sie wieder, beinahe ein wenig stolz. "... Engayas Tal."
Chivan bemerkte, dass sie nach wie vor etwas unsicher wirkte durch das vorangegangene Beben der Erde, was auch nicht weiter verwunderlich war. Unbewusst rechnete der Rüde bereits mit dem nächsten Erdstoß und war nicht minder verunsichert was diese merkwürdige Laune der Natur betraf. Äußerlich tat er diesen Gedanken jedoch mit einem kurzen Schnauben ab und lauschte den Worten der Leitwölfin neugierig und aufmerksam. Sie bewohnte dieses Tal mit ihrem Rudel also bereits seit ihrer Geburt und auch, wenn er sich dank der Dunkelheit noch kein richtiges Bild hatte bilden können, stieß diese Aussage doch auf Verständnis. Ein Hauch von Sicherheit lag in der Luft, den Chivan trotz der beunruhigenden Erdstöße mit jedem Atemzug in sich aufsaugen konnte. Seine Miene zeigte sich nachdenklich in Anbetracht der offenbar vollkommen neuen Ereignisse, doch eine Antwort hatte auch er nicht darauf. Aufmerksam beobachtete er die Reaktion Tyraleens, die nun statt seiner zu zögern schien, was Chivan auf seine vorsichtig angeschobene Aussage bezog. Wachsam drehte er die Ohren nach vorne, als sie erneut zu sprechen begann und noch während ihre freundliche Stimme die Stille durchbrach, weiteten sich die Augen des Bunten vor Überraschung. »Das Tal der Sternenwinde?«, wiederholte er ungläubig und schüttelte kurz den Kopf, ehe sein Blick in die Ferne glitt. »Das Tal des Lebens.« Nun war jeder Zweifel aus seiner Stimme verschwunden. Es schien Sinn zu machen, schien zu erklären, weshalb sein Herz ihn unbedingt hierher hatte führen wollen. Kurz verfiel der Rüde in andächtiges Schweigen, bis sein heller Blick erneut zu Tyraleen wanderte und sich nun erneut ein Lächeln auf seinen Lefzen wieder fand. Er hatte sein Ziel erreicht - zumindest fühlte es sich in diesem Augenblick so an. Mit einer ganz neuen Sichtweise atmete er erneut tief durch. »Das Tal aus den Legenden. Das Leben - der Tod und das Gleichgewicht, was bestehen muss.« Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht.
Tyraleen spürte keinerlei Enttäuschung, als Chivan auf ihre Erklärung zu den Erdstößen auch keine neue Erkenntnis oder hilfreiche Antwort geben konnte. Obwohl sie eine leise Hoffnung gehegt hatte und sich ihre Freude doch vor allem so erklärt hatte ... dennoch schien es nun nicht wichtig zu sein. Wieder etwas irritiert, diesmal es aber nicht zeigend betrachtete sie seine Reaktion auf die Erwähnung des Tals und war einigermaßen erleichtert, als er den Namen zu erkennen schien. Sofort fühlte sie sich noch ein wenig wohler in der Gewissheit, von ihm nicht für eine Spinnerin gehalten zu werden. Dieses Gefühl kannte sie mittlerweile nur viel zu gut. Beinahe hätte sie Chivan an Nase oder Stirn berührt, konnte sich aber noch zurückhalten, lächelte ihn aber nun an, als wäre er ein verlorener Bruder. "Genau. Ich wurde hier geboren, genauso wie meine Mutter. Von ihr habe ich auch den Posten der Leitwölfin übernommen." Sie zögerte. "Es ist schön, einen Wolf zu treffen, der die Legenden kennt und schätzt. Unser Leben hier ist von ihnen geprägt und unser Glaube ist stark."
Chivan konnte in diesem Moment wirklich sagen, ob er jemals mit diesem Moment gerechnet hatte. Es schien wie ein ferner Traum, unwirklich und fast zu schön um wahr zu sein. Ihm war nicht bekannt gewesen, wo sein Ziel gelegen hatte und keinen Augenblick hatte er daran geglaubt, den Ort der Legenden irgendwann mit seinen eigenen Seelenspiegeln zu erblicken. Kurz dachte er an seine Schwester zurück, die stets mit ähnlicher Standhaftigkeit den Geschichten gelauscht hatte und ihren Glauben darin gefunden hatte, allerdings ließ die Begegnung mit der hellen Wölfin keinen Platz für trübe Gedanken. Chivan schien überwältigt von dieser Erkenntnis und sogar die unheilvollen Geschehnisse waren für diesen Moment vergessen. Abermals zuckten seine Ohren, als Tyraleen zu sprechen begann und erklärte, dass ihre Familie dieses Tal bereits seit Generationen bewohnte. Ein sachtes Lächeln galt ihr und nun schien auch dieses anfangs unverständliche Gefühl von Vertrautheit erklärt. »Das Leben muss euch gewogen sein, wenn es euch in der Sicherheit des Tals aufnimmt.«, versicherte er überzeugt. »Und ich kann dir versichern, Tyraleen, dass mein Glaube genauso stark ist. Viele Wölfe mögen blind dafür geworden sein, doch hier -« Er glaubte fest, dass sie verstehen würde, auch, wenn er den Satz nicht zu Ende brachte. Stattdessen schweifte sein Blick erneut in die Richtung, in der er das Rudel vermutete. Überlegend drehten sich seine Ohren erneut, doch der Entschluss stand im Grunde bereits fest. Er hatte nicht getroffen werden müssen - er war da. Von Anfang an. »Ich würde mich geehrt fühlen, wenn ich dein Rudel eine Zeit lang begleiten dürfte.« Wieder fixierte er die bernsteinfarbenen Augen der Leitwölfin, dieses Mal allerdings mit Ernst und der Bitte zugleich. »Ich weiß, dass der Winter nicht mehr fern ist und, dass ihr wahrscheinlich so schon zu kämpfen habt, aber ich würde euch mit meinen Fähigkeiten gewiss zur Seite stehen, soweit es in meinen Möglichkeiten steht.« Erneut senkte er respektvoll das Haupt.
Tyraleen betrachtete nun fast fasziniert, wie Chivans Freude über seinen momentanen Aufenthaltsort sichtbar wurde. Noch nie hatte sie eine solche Reaktion miterlebt, nachdem einem Fremden erklärt wurde, wo er sich befand. Sie musste auch kurz an ihre Mutter denken und war sich sicher, dass sie eine noch viel größere Freude über dieses Verhalten empfunden hätte, als der Graue zeigen konnte. Wieder umwehte Tyraleen einen Hauch von Stolz. "Das ist es. Wir stehen unter seinem Schutz und wenn wir keine Fehler begehen, so steht es uns bei." Hatte sie die Bitterkeit ganz aus ihrer Stimme verbannen können, als sie unverständlicherweise von Fehlern gesprochen hatte? Sie hoffte es. Eilig wandte sie sich der Bitte um Aufnahme zu und stellte erneut fest, dass sie sich freute. "Es würde mich sehr freuen, dich in unseren Reihen begrüßen zu dürfen, Chivan. Du wirst uns sicher unterstützen können." Nun trat sie doch wieder einen kleinen Schritt nach vorne und berührte den Rüden erstmals mit Absicht an der Nase. Es war eine Begrüßung, aber beinahe hätte sie es zu etwas mehr werden lassen, als sie ihre Schnauze erneut wenige Sekunden zu spät wieder zurückzog.
Chivan wusste nicht, ob er sich der Bedeutung ihrer Worte wirklich bewusst war, doch er spürte die Ehrfurcht vor diesem Privileg, welches dem Rudel gegeben wurde. Keine Fehler begehen - es sprach sich so einfach aus und doch lag weitaus mehr dahinter, als ein Geist in dieser kurzen Zeit erfassen konnte. Es stimmte den Bunten für einen Moment nachdenklich, doch dass dafür nicht die rechte Zeit war, war schnell erkannt. Stattdessen achtete er lieber auf den Stolz, den die Leitwölfin ohne Zweifel dafür empfinden musste, so viel Vertrauen von den Göttern entgegengebracht zu bekommen. Mit einem bewegten Lächeln nahm er es zur Kenntnis. Somit ging auch alles andere in ihrer Stimme vorerst unter. Und schließlich erlaubte sie ihm, sich dem Rudel anzuschließen. Etwas Erfreutes trat in seine Züge, ehe er kurz den Kopf neigte und die Berührung seiner Gegenüber schließlich erwiderte. Er hatte nicht damit gerechnet und während er bei manch anderem Wolf wohl zuerst zurückgewichen wäre, so genoss er es bei ihr sogar. Sie hatte etwas Außergewöhnliches an sich, was er bisher noch nicht zu deuten wusste. »Ich danke dir und werde mein Bestes geben, dein Rudel mit aller Macht zu unterstützen.«, fügte er schließlich leise an, nachdem die kurze Berührung vollzogen war. Einen ruhigen Atemzug lang schwieg er. »... Entschuldige meine Neugier, aber diese Erdstöße - sind sie lediglich in diesem Teil des Reviers zu spüren? Oder wisst ihr es nicht?« Irgendeine Lösung musste sich ja finden lassen.
Tyraleen fühlte sich wieder ein wenig unsicher und sah dennoch gerne mit an, wie sich Chivan über seine Aufnahme freute. Sie war sich jetzt bereits sicher, dass er ein wertvolles Rudelmitglied werden würde und auch wenn er wohl nicht mehr über die Erdstöße wusste, als sie, könnte er vielleicht helfen. Immerhin schien er den Göttern nahe zu sein ... und was auch immer in diesem Tal geschah, irgendwie hing es doch immer mit den Göttern zusammen. Und er schien daran wirkliches Interesse zu haben, fragte erneut nach, aber diesmal würde sie ihm keine ausreichende Antwort geben können. "Wir wissen es leider nicht. Wir kommen aus Südosten und als das erste, schlimme Erdbeben vorüber war, sind wir sogleich zu unserem Rudelplatz im Nordwesten aufgebrochen. Wir hoffen, dass es dort besser ist." Aber Tyraleens Stimme klang nicht hoffnungsfroh. Schon hatten sich die Sorgen wieder fest an ihr Herz geklammert. Sie versuchte sie zu ignorieren und deutete mit der Schnauze hinter sich. "Lass uns nun zum Rudel gehen, sie vermissen mich sicher bereits. Dort werde ich dich auch Aszrem vorstellen, er leitet mit mir das Rudel und ist der Gefährte meiner verstorbenen Tante." Sie lächelte ihm noch einmal zu, dann wandte sie sich um und wartete, bis er sich an ihre Seite gesellt hatte.
Tyraleen hatte die Ohren leicht zurückgedreht, als der Ruf des Wanderes verklungen war und ihre Antwort über das Tal hallte. Ein Rüde fand in dieser unwirklichen Nacht zu ihnen und schien sich nicht daran zu stören, dass die Erde unter seinen Pfoten bebte. Wer mochte das sein? Und empfand sie nur deshalb diese leichte Erregung? Als wäre der fremde Wolf bereits ganz in ihrer Nähe konnte sie seine Präsenz spüren und aus irgendeinem Grund fühlte sie sich fast froh. Vielleicht ja, weil er hier bleiben wollte, obwohl die Erde bebte und somit indirekt zu sagen schien, dass deshalb noch lange keine Gefahr drohte. Das klang nach einer guten Erklärung, aber tief in ihrem Inneren spürte sie, dass sie reichlich rational klang. Unruhig warf sie einen Blick auf das Rudel, sie alle waren zu dunklen Schatten verschmolzen und trabten gleichsam besorgt und verschreckt dahin. Aber Aszrem an der Spitze wirkte wie immer selbstbewusst und routiniert und Tyraleen war sehr froh darüber, nur schräg hinter ihm zu laufen. Vielleicht auch deshalb entfernte sie sich so einfach ein wenig vom Rudel und beschloss schließlich, dem Fremden ein wenig entgegen zu laufen.
Chivan verharrte kurz, den Blick auf die Pfote gerichtet, die am weitesten vorne stand, als erwarte er jeden Augenblick eine weitere Erschütterung des Bodens. Doch er blieb still, rührte sich nicht und wog das Gebiet, in dem er sich momentan befand, weiterhin in trügerischer Sicherheit. Seine Ohren schnippen abwartend und er ließ seinen Blick erneut wandern, als erhoffte er sich, gleich hinter dem nächsten Baum eine Antwort auf all die Fragen zu finden, die ihn seit seiner Ankunft an der Reviergrenze nicht mehr los ließen. Die Erdstöße hatten ein mulmiges Gefühl hinterlassen - ein Gefühl von Unsicherheit und Ungewissheit und dennoch trieb ihn sein Herz weiter in das Gebiet hinein. Neben seinem Instinkt, der ihn eigentlich von hier fortführen wollte, brach ein Licht in seinem Inneren die Finsternis und schien ihn förmlich näher zu rufen. Er glaubte, die Anwesenheit der Götter deutlich spüren zu können - deutlicher, als es je der Fall war und daher fühlte es sich auch richtig an, seinem Instinkt in diesem Fall den Rücken zu kehren. Seiner Bitte um Einlass in das Revier war eine Erlaubnis gefolgt und so hatte er sich in dieser düsteren, unheilvollen Nacht auf gemacht, um dem Rudel entgegen zu laufen, welches ganz in der Nähe gewesen zu sein schien. Ein leises Geräusch in der Ferne erinnerte ihn an sein Vorhaben und so setzte sich der große Rüde wieder in Bewegung. Seine Ohren hatte er etwas zurückgeneigt und je näher er dem Rudel zu kommen glaubte, desto deutlicher schien auch die Präsenz der Götter zu werden, die er tief in seinem Inneren spürte. Noch konnte er sich nicht wirklich einen Reim draus machen.
Tyraleen entfernte sich gerade so weit, dass sie das regelmäßige, leise Knacken von Ästchen und das Rascheln von Pfoten in Gras, Laub und Gehölz noch deutlich hören konnte. Das reichte aus, denn der stärker gewordene Geruch des Rüden, sagte ihr, dass er sich nur noch Pfotenschritte von ihr entfernt befinden konnte. Es war noch zu dunkel, um seine Gestalt auszumachen, aber bald hörte sie auch seine Schritte. Er setzte sie vorsichtig, schien sich jede Sekunde auf einen erneuten Ruck aus dem Erdreich einzustellen und musste sie ebenfalls bemerkt haben. Schließlich sah sie ihn, kaum eine Wolfslänge entfernt. Er war groß und selbst in diesem schwachen Licht strahlten seine Augen hellblau. Er war ihr vollkommen unbekannt. Und doch war es ihr, als wäre es gut, dass er da war. So wie Engaya ihr damals klargemacht hatte, dass es gut war, Averic zu lieben und mit ihm Welpen zu zeugen. Einige Herzschläge zu lang sah sie ihn nur an, dann wurde sie sich bewusst, dass auch in dieser seltsamen Nacht die Regeln des Zusammenlebens golten und sie die Leitwölfin war. Sie räusperte sich und wurde sich im gleichen Moment bewusst, wie wenig passend das klang. "Ich grüße dich, Wanderer." Immerhin ihre Stimme hatte die Festigkeit eines Leittiers.
Chivan lauschte den leisen Geräuschen der Nacht, doch auch diese schienen durch die Geschehnisse am Nachmittag zurückhaltender und scheuer als sonst. Selbst der Wind war leise und sanfter, als er ihn gewohnt war, doch in den Bergen war er ohnehin meist ruppiger und zorniger als in den Tälern. Seine Ohren schnippten, als er erneut ein Geräusch wahrnahm und es dieses Mal als Schritte eines anderen Wolfes identifizieren konnte. Er setzte die Pfoten nun bedachter und kaum, hatte er noch ein paar Wolfslängen hinter sich gelassen, erkannte er eine helle Gestalt vor seinen hellen Augen, die die Dunkelheit durchbrach. Er hielt inne, hob Kopf und Ohren und bedachte die helle, recht große Fähe einen schweigenden Moment. Irgendetwas an ihr schien ungewöhnlich, schien vertraut und gleichzeitig doch fremd. Sein Blick traf ihre bernsteinfarbenen Augen und noch bevor er einen Ton über seine Lefzen gebracht hatte, war sie es, die die Initiative ergriff. Und augenblicklich glaubte er die Stimme zu erkennen, die ihm vor wenigen Momenten noch die Erlaubnis gegeben hatte, seinem Weg weiter zu folgen. »Du warst es, die mir geantwortet hat.«, stellte er mit einem sachten, freundlichen Lächeln fest und neigte respektvoll den Kopf. Daran, dass sie die Leitwölfin war, hatte er keine Zweifel. »Ich danke dir. Mein Name lautet Chivan und ich versichere dir, dass ich dein Rudel ohne böswillige Absichten aufgesucht habe.«
Tyraleen war nicht entgangen, dass auch ihr Gegenüber sie gemustert und das kurze Schweigen gleichsam mit Bedeutung gefüllt hatte. Kurz fragte sie sich, ob er wohl ein Bekannter des Rudels war, zu Zeiten hier gelebt hatte, in denen sie noch ein Welpe gewesen war. Aber seine Worte verneinten diese Möglichkeit, sicherlich hätte er ihr gleich davon berichtet, wäre sie und das Tal ihm vertraut. Sie konnte sein Lächeln zwar kaum sehen, erahnte es mehr und fand es ihm Schimmer seiner Augen wieder, aber die angenehme Art mit der er ihr begegnete, verstärkten das Gefühl der Vertrautheit nur noch mehr. "Richtig. Ich bin Tyraleen, die Leitwölfin. Was fü..."
Ein Beben ging durch die Erde, erst schwach, dann mit einem Schlag heftig und fast wütend, um gleich darauf wieder ganz zu verklingen.
Tyraleen war die ganze Nacht gelaufen, hatte leichte und schwere, kurze und lange Beben mit stoischem Trotz überstanden, ohne einmal zu fallen. Aber nun kam es so überraschend, in einen Moment hinein, in dem sie ganz andere Gedanken hegte, sodass ihre Läufe einknickten und sie fiel.
Chivan wusste nicht, was es war, was so eigenartig und gleichzeitig so unheimlich richtig schien. Kurz glitt sein Blick in die Höhe, als er hinter der Wölfin die Schritte des Rudels ausmachte, doch die anderen Wölfe schienen in diesem Augenblick vollkommen unbedeutend. Die Dunkelheit hatte sie verschluckt und wollte sie seinen Augen nicht preisgeben. Unscheinbar zuckten seine rundlichen Ohren erneut, doch gleich darauf genoss wieder die helle Fähe allein seine Aufmerksamkeit, die sich sogleich auch als Tyraleen und - wie vermutet - Leitwölfin des Rudels vorstellte, welches hinter ihr in der Finsternis zu laufen schien. Noch bevor sie ihren Satz allerdings zu Ende bringen konnte, spürte der Rüde erneut, wie ein Ruck durch die Erde ging. Augenblicklich verlagerte er sein Gewicht, stand nun etwas breitbeiniger, um sein Gleichgewicht besser halten zu können, während die Erde unter ihnen zornig rumorte und wackelte, als wolle sie sie alle vertreiben. Anders als er aber schien Tyraleen nicht damit gerechnet zu haben. Instinktiv machte der bunte Wolf einen Schritt nach vorne, überwand auch die letzte Wolfslänge zwischen ihnen und versuchte sie zu stützen und vor dem Fall zu bewahren. »Alles in Ordnung?«, erklang schließlich seine Stimme und er wandte den Kopf sachte zu ihr herum.
Tyraleen erwartete den feuchtkalten Waldboden vielleicht ein wenig schmerzhaft an ihrer Seite zu spüren, aber stattdessen fiel sie in dichten Pelz und konnte sich schon im Bruchteil einer Sekunde wieder fangen. Das Gleichgewicht zurückerlangend und etwas erschrocken, so von dem Beben überrascht geworden zu sein, trat sie sogleich einen Schritt zurück, schenkte dem Wanderer namens Chivan nun aber ebenfalls ein Lächeln. "Entschuldige, danke, ja ... diese Beben sind zermürbend. Schon den ganzen Tag und die ganze Nacht wollen sie nicht aufhören." Kurz musste sie aussehen wie ein verlorenes Rehkitz im Wald, dann strafften sich ihre Schultern und sie versuchte wieder, sich in ihre Rolle als Leitwölfin einzufinden. "Was führt dich zu uns, Chivan?"
Chivan konnte glücklicher Weise feststellen, dass sein Vorhaben glückte. Er schaffte es, rechtzeitig auf dem wackelnden Boden einen Schritt nach vorne zu machen und schließlich ohne das eigene Gleichgewicht zu verlieren auch noch die Fähe vor dem Sturz zu bewahren. Auch er zog sich daraufhin wie selbstverständlich einen kleinen Schritt zurück, denn eigentlich sah es ihm nicht wirklich ähnlich, so schnell die natürliche Distanz zu überbrücken. Doch in diesem Fall schien es vollkommen richtig gewesen zu sein. Mit leichter Besorgnis nahm er das Lächeln der Hellen zur Kenntnis und antwortete mit einem kurzen Zucken seiner Lefzen, doch dieses Mal blieb er angesichts der Beben ernster. »Dafür nicht.«, versicherte er ihr schließlich und brachte doch wieder ein freundliches Lächeln zustande.»Also suchen die Erdstöße erst seit heute euer Tal heim?« Diese Frage hatte ihm im Grunde bereits von Anfang an auf den Lefzen gelegen und diese Möglichkeit, sie auszusprechen, konnte er unmöglich entgehen lassen. Die nächste Frage, die sie ihm stellte, war nämlich weitaus schwieriger zu beantworten - für ihn zumindest. Überlegend spielte er mit den Ohren, denn er wusste nicht, inwieweit die Wölfe hier mit den Göttern verbunden waren. Er wusste nicht, ob sie ihre Anwesenheit spürten und auch nicht, was diese Aura um die Wölfin herum zu bedeuten hatte. Er spürte die Anwesenheit des Lebens, doch zu oft war er auf seiner Reise auf Wölfe gestoßen, die blind dafür geworden waren. »Nun...«, begann er schließlich. »Sagen wir, dass es mehr Zufall war, dass ich in diese Gegend gekommen bin. Und die Erdstöße schließlich haben mein Interesse geweckt.« Erneut musterte er die Fähe prüfend und überlegte, ob er dem Gefühl in seinem Inneren vertrauen konnte. »Außerdem... Scheint etwas Einzigartiges von eurem Tal auszugehen.«, fügte er schließlich vorsichtig an.
Tyraleen versuchte, sich endlich wirklich zusammenzureißen und sich weder von Erdbeben, noch von ihrem Fall, noch von der Präsenz dieses Rüden weiter aus dem Gleichgewicht bringen zu lassen. Sein freundliches Mienenspiel trug dazu bei, dass sie wieder sicherer wurde und seine Frage ließ sie schließlich ganz in die nachdenkliche Ernsthaftigkeit abgleiten. "Ja, ich lebe schon seit meiner Geburt in diesem Tal und noch nie hat die Erde unter mir gebebt." Sie sah kurz beinahe fragend aus, als könnte der Wanderer mehr darüber wissen, dann lenkte sie aber seine Nachdenklichkeit ab. Offensichtlich schien ihre Frage nicht ganz so leicht zu beantworten sein wie erwartet. Er wirkte zögerlich und seinen letzten Satz fügte er beinahe behutsam an. Nun war es an Tyraleen zu zögern, wusste sie doch nicht, ob er auf die Götter anspielen wollte. "Vielleicht sagt es dir ja etwas, wenn ich dir seinen Namen nenne. Es ist das Tal der Sternenwinde." Jetzt lächelte sie wieder, beinahe ein wenig stolz. "... Engayas Tal."
Chivan bemerkte, dass sie nach wie vor etwas unsicher wirkte durch das vorangegangene Beben der Erde, was auch nicht weiter verwunderlich war. Unbewusst rechnete der Rüde bereits mit dem nächsten Erdstoß und war nicht minder verunsichert was diese merkwürdige Laune der Natur betraf. Äußerlich tat er diesen Gedanken jedoch mit einem kurzen Schnauben ab und lauschte den Worten der Leitwölfin neugierig und aufmerksam. Sie bewohnte dieses Tal mit ihrem Rudel also bereits seit ihrer Geburt und auch, wenn er sich dank der Dunkelheit noch kein richtiges Bild hatte bilden können, stieß diese Aussage doch auf Verständnis. Ein Hauch von Sicherheit lag in der Luft, den Chivan trotz der beunruhigenden Erdstöße mit jedem Atemzug in sich aufsaugen konnte. Seine Miene zeigte sich nachdenklich in Anbetracht der offenbar vollkommen neuen Ereignisse, doch eine Antwort hatte auch er nicht darauf. Aufmerksam beobachtete er die Reaktion Tyraleens, die nun statt seiner zu zögern schien, was Chivan auf seine vorsichtig angeschobene Aussage bezog. Wachsam drehte er die Ohren nach vorne, als sie erneut zu sprechen begann und noch während ihre freundliche Stimme die Stille durchbrach, weiteten sich die Augen des Bunten vor Überraschung. »Das Tal der Sternenwinde?«, wiederholte er ungläubig und schüttelte kurz den Kopf, ehe sein Blick in die Ferne glitt. »Das Tal des Lebens.« Nun war jeder Zweifel aus seiner Stimme verschwunden. Es schien Sinn zu machen, schien zu erklären, weshalb sein Herz ihn unbedingt hierher hatte führen wollen. Kurz verfiel der Rüde in andächtiges Schweigen, bis sein heller Blick erneut zu Tyraleen wanderte und sich nun erneut ein Lächeln auf seinen Lefzen wieder fand. Er hatte sein Ziel erreicht - zumindest fühlte es sich in diesem Augenblick so an. Mit einer ganz neuen Sichtweise atmete er erneut tief durch. »Das Tal aus den Legenden. Das Leben - der Tod und das Gleichgewicht, was bestehen muss.« Sein Gefühl hatte ihn nicht getäuscht.
Tyraleen spürte keinerlei Enttäuschung, als Chivan auf ihre Erklärung zu den Erdstößen auch keine neue Erkenntnis oder hilfreiche Antwort geben konnte. Obwohl sie eine leise Hoffnung gehegt hatte und sich ihre Freude doch vor allem so erklärt hatte ... dennoch schien es nun nicht wichtig zu sein. Wieder etwas irritiert, diesmal es aber nicht zeigend betrachtete sie seine Reaktion auf die Erwähnung des Tals und war einigermaßen erleichtert, als er den Namen zu erkennen schien. Sofort fühlte sie sich noch ein wenig wohler in der Gewissheit, von ihm nicht für eine Spinnerin gehalten zu werden. Dieses Gefühl kannte sie mittlerweile nur viel zu gut. Beinahe hätte sie Chivan an Nase oder Stirn berührt, konnte sich aber noch zurückhalten, lächelte ihn aber nun an, als wäre er ein verlorener Bruder. "Genau. Ich wurde hier geboren, genauso wie meine Mutter. Von ihr habe ich auch den Posten der Leitwölfin übernommen." Sie zögerte. "Es ist schön, einen Wolf zu treffen, der die Legenden kennt und schätzt. Unser Leben hier ist von ihnen geprägt und unser Glaube ist stark."
Chivan konnte in diesem Moment wirklich sagen, ob er jemals mit diesem Moment gerechnet hatte. Es schien wie ein ferner Traum, unwirklich und fast zu schön um wahr zu sein. Ihm war nicht bekannt gewesen, wo sein Ziel gelegen hatte und keinen Augenblick hatte er daran geglaubt, den Ort der Legenden irgendwann mit seinen eigenen Seelenspiegeln zu erblicken. Kurz dachte er an seine Schwester zurück, die stets mit ähnlicher Standhaftigkeit den Geschichten gelauscht hatte und ihren Glauben darin gefunden hatte, allerdings ließ die Begegnung mit der hellen Wölfin keinen Platz für trübe Gedanken. Chivan schien überwältigt von dieser Erkenntnis und sogar die unheilvollen Geschehnisse waren für diesen Moment vergessen. Abermals zuckten seine Ohren, als Tyraleen zu sprechen begann und erklärte, dass ihre Familie dieses Tal bereits seit Generationen bewohnte. Ein sachtes Lächeln galt ihr und nun schien auch dieses anfangs unverständliche Gefühl von Vertrautheit erklärt. »Das Leben muss euch gewogen sein, wenn es euch in der Sicherheit des Tals aufnimmt.«, versicherte er überzeugt. »Und ich kann dir versichern, Tyraleen, dass mein Glaube genauso stark ist. Viele Wölfe mögen blind dafür geworden sein, doch hier -« Er glaubte fest, dass sie verstehen würde, auch, wenn er den Satz nicht zu Ende brachte. Stattdessen schweifte sein Blick erneut in die Richtung, in der er das Rudel vermutete. Überlegend drehten sich seine Ohren erneut, doch der Entschluss stand im Grunde bereits fest. Er hatte nicht getroffen werden müssen - er war da. Von Anfang an. »Ich würde mich geehrt fühlen, wenn ich dein Rudel eine Zeit lang begleiten dürfte.« Wieder fixierte er die bernsteinfarbenen Augen der Leitwölfin, dieses Mal allerdings mit Ernst und der Bitte zugleich. »Ich weiß, dass der Winter nicht mehr fern ist und, dass ihr wahrscheinlich so schon zu kämpfen habt, aber ich würde euch mit meinen Fähigkeiten gewiss zur Seite stehen, soweit es in meinen Möglichkeiten steht.« Erneut senkte er respektvoll das Haupt.
Tyraleen betrachtete nun fast fasziniert, wie Chivans Freude über seinen momentanen Aufenthaltsort sichtbar wurde. Noch nie hatte sie eine solche Reaktion miterlebt, nachdem einem Fremden erklärt wurde, wo er sich befand. Sie musste auch kurz an ihre Mutter denken und war sich sicher, dass sie eine noch viel größere Freude über dieses Verhalten empfunden hätte, als der Graue zeigen konnte. Wieder umwehte Tyraleen einen Hauch von Stolz. "Das ist es. Wir stehen unter seinem Schutz und wenn wir keine Fehler begehen, so steht es uns bei." Hatte sie die Bitterkeit ganz aus ihrer Stimme verbannen können, als sie unverständlicherweise von Fehlern gesprochen hatte? Sie hoffte es. Eilig wandte sie sich der Bitte um Aufnahme zu und stellte erneut fest, dass sie sich freute. "Es würde mich sehr freuen, dich in unseren Reihen begrüßen zu dürfen, Chivan. Du wirst uns sicher unterstützen können." Nun trat sie doch wieder einen kleinen Schritt nach vorne und berührte den Rüden erstmals mit Absicht an der Nase. Es war eine Begrüßung, aber beinahe hätte sie es zu etwas mehr werden lassen, als sie ihre Schnauze erneut wenige Sekunden zu spät wieder zurückzog.
Chivan wusste nicht, ob er sich der Bedeutung ihrer Worte wirklich bewusst war, doch er spürte die Ehrfurcht vor diesem Privileg, welches dem Rudel gegeben wurde. Keine Fehler begehen - es sprach sich so einfach aus und doch lag weitaus mehr dahinter, als ein Geist in dieser kurzen Zeit erfassen konnte. Es stimmte den Bunten für einen Moment nachdenklich, doch dass dafür nicht die rechte Zeit war, war schnell erkannt. Stattdessen achtete er lieber auf den Stolz, den die Leitwölfin ohne Zweifel dafür empfinden musste, so viel Vertrauen von den Göttern entgegengebracht zu bekommen. Mit einem bewegten Lächeln nahm er es zur Kenntnis. Somit ging auch alles andere in ihrer Stimme vorerst unter. Und schließlich erlaubte sie ihm, sich dem Rudel anzuschließen. Etwas Erfreutes trat in seine Züge, ehe er kurz den Kopf neigte und die Berührung seiner Gegenüber schließlich erwiderte. Er hatte nicht damit gerechnet und während er bei manch anderem Wolf wohl zuerst zurückgewichen wäre, so genoss er es bei ihr sogar. Sie hatte etwas Außergewöhnliches an sich, was er bisher noch nicht zu deuten wusste. »Ich danke dir und werde mein Bestes geben, dein Rudel mit aller Macht zu unterstützen.«, fügte er schließlich leise an, nachdem die kurze Berührung vollzogen war. Einen ruhigen Atemzug lang schwieg er. »... Entschuldige meine Neugier, aber diese Erdstöße - sind sie lediglich in diesem Teil des Reviers zu spüren? Oder wisst ihr es nicht?« Irgendeine Lösung musste sich ja finden lassen.
Tyraleen fühlte sich wieder ein wenig unsicher und sah dennoch gerne mit an, wie sich Chivan über seine Aufnahme freute. Sie war sich jetzt bereits sicher, dass er ein wertvolles Rudelmitglied werden würde und auch wenn er wohl nicht mehr über die Erdstöße wusste, als sie, könnte er vielleicht helfen. Immerhin schien er den Göttern nahe zu sein ... und was auch immer in diesem Tal geschah, irgendwie hing es doch immer mit den Göttern zusammen. Und er schien daran wirkliches Interesse zu haben, fragte erneut nach, aber diesmal würde sie ihm keine ausreichende Antwort geben können. "Wir wissen es leider nicht. Wir kommen aus Südosten und als das erste, schlimme Erdbeben vorüber war, sind wir sogleich zu unserem Rudelplatz im Nordwesten aufgebrochen. Wir hoffen, dass es dort besser ist." Aber Tyraleens Stimme klang nicht hoffnungsfroh. Schon hatten sich die Sorgen wieder fest an ihr Herz geklammert. Sie versuchte sie zu ignorieren und deutete mit der Schnauze hinter sich. "Lass uns nun zum Rudel gehen, sie vermissen mich sicher bereits. Dort werde ich dich auch Aszrem vorstellen, er leitet mit mir das Rudel und ist der Gefährte meiner verstorbenen Tante." Sie lächelte ihm noch einmal zu, dann wandte sie sich um und wartete, bis er sich an ihre Seite gesellt hatte.