02.06.2012, 21:06
Die Dämmerung war angebrochen, doch die Wolken am Himmel zeugten nicht von Regen. Gleichweise sank auch die Stimmung Amáyas mit dem immer düsterer werdenden Himmel. Sie lag unter einem Haselnussstrauch, durch dessen nackte Zweige sie das herbstliche Gewölbe betrachten konnte. Nur hier und da kreuzte das sterbende Holz in verschlungenen, mystischen Bahnen ihr Blickfeld. Das Muster aus verschiedenen, dunklen Linien spiegelte sich in dem tiefen Regenblau ihrer Seelenspiegel. Es spiegelte das Unermessliche. Die Fülle an Dingen. Diese Augen waren nicht leer, doch war das Geschriebene in einer fremden Sprache in sie eingemeißelt. Noch hatte sich niemand getraut, diese Symbole zu entziffern. Es wurde der Regentochter eng ums Herz, als sie daran dachte, dass sie dies vielleicht bald ändern würde. Sie hasste das Gefühl der Hoffnung, welches seit dem letzten Regenguss in ihr aufgekeimt war. Sie hasste es, obwohl sie immer davon geträumt hatte. Und bei Fenris, sie wusste genau wieso! Am Ende kam doch immer nur die bittere Enttäuschung. In ihrer Wut darüber konnte sie nur noch mehr Schaden anrichten. Deswegen vertrieb sie dieses sündhafte Gefühl in die tiefsten Ecken des dunkeln Waldes, wo es wimmernd vor sich hin kauerte. Sie dagegen blickte nur in den Himmel und versuchte zu entziffern, was das Rutenwerk ihr erzählen wollte. Sie kam nie dahinter, auch wenn sie ganz genau wusste, dass diese Information lebenswichtig war. Es rief nach ihr und es erfüllte sie mit einem lähmenden Gefühl. Sie verlangte nach der Erkenntnis. Sie war da, zum Greifen nahe. Doch sie verstand nicht, was da geschrieben stand. Ebenso, wie andere die düstere Chronik ihrer Seele nicht lesen konnten, konnte sie das Rätsel auch nicht entziffern, welches sie fast so verbissen verfolgte, wie ihre arme Zwillngsschwester Mayhem. Angestrengt konzentrierte sich die Finstere darauf, ja nicht den Blick zu senken. Sie spürte ganz genau, dass Mayhem da war. Ihr Fluch, ihre Angst. Das dunkle Herz klopfte hektisch gegen den Glaskäfig ihrer Rippen, als wollte es sie warnen. Schau, schau, rief es. Da ist sie, da ist das Herzstück! Jenes, nach dem du so sehr verlangt hast. Du fühlst dich unvollkommen, lüg mich nicht an...
Es zerriss sie fast, diesem schreckhaften Verlangen standhalten zu müssen. Das sonst so perfekt ausdruckslose Gesicht der Fähe war nun von der Härte und Bitterkeit gezeichnet, den sie sich selbst entgegen brachte. Nie gesehene Furchen zogen sich durch das kurze, dunkle Fell und verzerrten ihre femininen Züge. Es war nicht ihr Herz, welches zu ihr Sprach, stellte sie erschrocken fest. Die Stimme war real, sie klang an ihre Ohren, so wie das Wispern des Windes. Dunkle Worte, sie waren so nah. Sie wusste, dass sie ihr gehörten. Es war ein Fehler gewesen, hierhin zu kommen, denn sie lauerte auf sie. Sie musste nur ihren Kopf drehen, nur ein winziges kleines Stück. Dann wäre sie da vor ihr, ihre Mayhem. Jenes Monster, zu dem Amáya sie gemacht hatte. Ein schmerzhaftes Stechen in den Augen verriet ihr, dass sie Tränen bilden wollte. Doch es kamen keine, sie hatte jahrelang schon zu viel im Stillen geweint. Die Tränen waren nach innen geflossen, Regentropfen gleich und hatten sich in ihrem Herzen zu einer wogenden See versammelt. Nun schien es, als würden die regenblauen Seelenfenster zersplittern wollen und mit ihren scharfen Kanten die Welt durchfurchen, sodass anstelle ihrer Augen nur noch schwarze, gähnende Löcher in ihrem Gesicht saßen. Tote Augen, aus denen sich alles Leid ergießen würde. Der Glaskäfig würde zerspringen und Mayhem würde die Gelegenheit am Schopfe packen. Sie würde in sie schlüpfen, durch die Augenhöhlen hindurch. Ein Schauder der Angst durchlief ihren grazilen Körper. Mayhem in ihr. Der fehlende Teil ihres Herzens wieder eingefügt. Die Regentochter wusste, es würde ihr Ende sein.
Bloß nicht den Kopf wenden.
Schau sie bloß nicht an.
Die Risse schmerzen, aber sie werden nicht brechen, solange du sie nicht anblicktst.
03.06.2012, 21:14
Über ein Jahr war vergangen – Frühling, Sommer, Herbst und Winter – und kein Tag, an dem Daylight nicht an sie gedacht hatte. Sie hatte sich oft ausgemalt, was sie ihr sagen würde, wenn sie einander wieder begegnen würden. Es gab so vieles, das Daylight ihrer Schwester sagen wollte, so vieles das ungesagt geblieben war; Fragen, die unbeantwortet geblieben; Fragen, die niemals gestellt worden waren. Und doch gab es kaum Worte, die auszudrücken vermochten, was Daylight am liebsten in die Welt hinaus geschrien hätte.
Und so blieb sie stumm, den Kopf voller unausgesprochener Dinge, als sie sich in der Dämmerung durch das Unterholz bewegte, Amáyas Fährte in der Nase, die nach Regen roch – obwohl der Himmel stahlgrau und wolkenlos zwischen dem dichten Geäst des Waldes hervor schimmerte. Stille umfing Daylight, deren Fell im Halbdunkel grau und stumpf wirkte, einzig ihre Augen schimmerten hell und golden im letzten Licht des sterbenden Tages. Sie setzte jeden Schritt mit Bedacht, schlängelte sich mühelos zwischen eng stehenden Bäumen hindurch, lautlos und sie blieb stumm, als sie ihre Schwester schließlich unter einem Haselnussstrauch liegend fand – und auch das Lächeln blieb aus, als Daylight geradewegs in Amáyas Augen sah. Augen, die stets die Farbe von Regen gehabt hatten und die jetzt tiefschwarz, pupillenlos in den Höhlen saßen. Daylight erstarrte noch in der Bewegung, der Schrecken grub sich in ihre Gesichtszüge und im selben Moment erfasste ein tiefer Schmerz sie – Amáyas Schmerz. Ein Wimmern entglitt ihren Lefzen, dann endlich, löste sie sich aus ihrer Starre, hastete vor und stand schließlich dicht bei Amáya, doch ohne sie zu berühren und noch immer nicht im Stande die richtigen Worte zu finden, bis schließlich ein leises, sorgenvolles
„Amáya...!“,
über ihre Zunge stolperte. Ihre Stimme war rau und durchsetzt von Verzweifelung, ja Angst. Sie wollte noch etwas sagen, irgendetwas, doch nichts schien ihr richtig genug – es gab nichts, das die ansteigende Panik in ihr zu unterdrücken vermochte. Nichts.
Und so blieb sie stumm, die Augen starr auf ihre Schwester gerichtet, oder das, was von ihr übrig war und wünschte sich, sie wäre früher hierher gekommen, wäre nicht so feige gewesen, wäre nicht davon gelaufen, sondern einfach nur da gewesen.
10.06.2012, 15:18
Es gab keine Rettung für sie, dass hatte sie schon lange akzeptiert, aber es hieß nicht, dass sie den endgültigen Untergang hinnehmen würde. Sie würde nicht kapitulieren, nur weil das die einfachste Lösung war. Sie kämpfte nicht dafür, wirklich leben zu können, aber sie gab auch nicht auf. Sie wollte ihre Leben so behalten, wie es immer schon war. Wollte dort wandeln, wo die düstere Landschaft ihr Vertraut war. Der Grat zwischen Leben und Tod, dort gehörte sie hin und nirgendwo sonst. Wenn Kirov sie ins Leben ziehen wollte, musste sie wiederstehen. Wenn Mayhem sie in den Tod reißen wollte, durfte sie nicht nachgeben. Verdammt, es war ihr Leben, so kümmerlich es auch war. Es war ihr Käfig, den sie nicht auf die eine und auch nicht auf die andere Weise verlassen wollte.
Wieso ließ man sie denn nicht einfach allein mir ihrem Leid?
Wer sie davon erlösen wollte, speiste jenes nur.
Trotzdem konnte sie sich nicht gänzlich isolieren. Sie brauchte ihre Familie um sich herum. Sie brauchte dieses auf und ab der Gefühle, den Schmerz, den sie ihr zufügten. Es machte ihre Kehle nur noch trockener, wenn sie das Glück sah, welches sie nie hatte und nie haben würde. Aber sie brauchte diese Dürre, denn in der Fülle von Freude und Glück wäre sie fehl am Platz. So war das mit ihr, der jungen Fähe, die Fenris treu diente und deren Rücken sich unter den Peitschenhieben des Lebens immer wieder von neuem bog. So war das mit Amáya.
Doch im Moment war die Angst das überwiegende Gefühl, welches sie in ihr Herz krallte. Angst, Schmerz und unterdrückte Wut tobten in ihrem Leib, sodass dieser bebte und zitterte. Unter dem dunklen Fell konnte man jede noch so kleine Bewegung genauestens erkennen. Sie hätte so gerne ihre Schwester engeblickt. Ihre Erlösung und ihr Fluch zugleich. So gerne hätte sie die lieblichen und doch bestialischen Züge ihres Zwillings gesehen. Das perlend weiße Fell, so hell und rein, wie es kein anderer Wolf besaß. Darin zwei Rubinen gleich die Augen, die Blutstropfen, die durch Amáyas Fänge entstanden waren. Eine Engelsgestalt, während sie gleich eines hässlichen und verfaulenden Ghuls der Versuchung eines simplen Blicks wiederstehen musste.
Sie war schon einmal durchgedreht und die Folge war verheerend gewesen, wenn auch noch das schlimmste Unheil hatte verhindert werden können, Fenris sei Dank. Trotzdem war ihre Lage im Moment fast genauso zweifelhaft wie damals. Ihr Gemütszustand spitzte sie immer weiter zu, ihre Gedanken waren im Moment schon ziemlich animalisch und schon lange nicht mehr klar.
Sie war so darauf fixiert, wenigstens ein Fünkchen Kontrolle zu bewahren, dass sie den feinen Geruch ihrer Schwester gar nicht wahr nahm, auch wenn dieser immer stärker wurde. Die Stille des dämmrigen Waldes war längst bedrohlich für sie geworden und ihre Ohren lauschten nur noch auf mögliche Bewegungen Mayhems - aber was sie hörten, waren nicht etwa die leisen Schritte Daylights sondern nur das verzweifelte Hämmern ihres eigenen Herzens.
Ein Fehler, so unachtsam zu bleiben, aber sie erwartete nichts anderes in diesem verlassenen Teil des Waldes. Ein Wimmern ertönte, kläglich und schmerzerfüllt und die Regentochter zuckte ein weiteres Mal zusammen. War es ihr eigener Schmerz, den sie dort hörte? Oder war es nur das Zeichen, dass Mayhem sie gleich zerfressen würde, wie Heuschrecken die reiche Ernte? Die Anspannung erfüllte jede Faser ihres Körpers. Die schlanken, muskulösen Läufe hatten sich tief in die weiche Erde gegraben und die Sehnen sahen unter Haut und Fell hervor. Verkrampf betete sie zu Fenris, er möge jegliche Spur von Erlösung jetzt in diesem Moment tilgen. Sie von Erlösung erlösen.
Hatte er sie erhört? Oder sollte das, was in den nächsten Herzschlägen passierte, ihr kläglicher Niedergang sein?
Denn plötzlich passierte alles mit rasender Geschwindigkeit. Sie hörte Pfoten auf dem Waldboden, einen rasselnden Atem, sie spürte noch deutlicher die Präsenz. Eine Stimme ertönte, rau und heiser. Die Regler sprangen auf und alles, was sie bis zu diesem zeitpunkt zurückgehalten hatte, ergoss sich über die Finstere.
Ihre Läufe lösten sich aus dem Boden, ihre Kopf schnellte herum und mit einem Geräusch, dass einem Zischen glich warf sie sich auf die helle Gestalt. Ohne eine letzte Unze vernunft, eine Marionette ihrer wallenden Empfindungen. Sie stürzte sich auf Daylight und die Wucht des Aufpralls schleuderte sie Beide zu Boden. Die Pupillen schienen unnatürlich geweitet in dem nassen Blau ihrer Augen und ein wenig Speichel troff von ihren makellos weißen Fängen.
"Verschwinde!", brüllte sie und Schmerz durchzuckte ihren Körper, von den Ohren bis in die Rutenspitze. "Wenigstens das, Mayhem. Lass mir dieses kümmerliche Da-"
Die Worte blieben in ihrem Hals stecken und der Satz würde nie mehr ausgesprochen werden. Die Pfoten, die eben noch mit ungebändigter Kraft gegen den fraglien Brustkorb gedrückt waren, wurden nun schon fast hastig zurückgezogen. Verwirrung zeichnete nun die Züge der Finsteren und sie fühlte sich wie leer gepumpt. Nach einigen Herzschlägen des ratlosen Starrens auf die hellen Züge ihrer Wurfsschwester - ihrer realen, lebenden Wurfsschwester, die kein Gespenst war - zog sie sich mit einem leisen Satz zurück und brachte erst mal zwei Wolfslängen leeren Raum zwischen sich und der Schwester, die nach Mayhem wohl am meisten unter ihr gelitten hatte und die sie am längsten nicht gesehen hatte.
"Daylight?", ihre Stimme war misstrauisch und unterkühlt. Das Durcheinander ihrer Züge legte sich und erstarrte langsam wieder zu dunklem Stein. Was tat sie hier? Es schmerzte ihr, sie wiederzusehen, aber es war kein Vergleich, zu dem Schmerz, den sie davor gespürt hatte. Wahrscheinlich lag der Schock noch zu tief, auch wenn man es ihr nicht so sehr anmerken würde, wie in den ersten Sekunden. Doch sie wusste, dass sich das bald ändern würde. Daylight hatte sie damals sehr viel Unrecht angetan. Sie war jünger gewesen, unbedacht, verletzt und bitter. Sie hatte eins auf die Böse getan um andere von sich selbst abzuschrecken.
Die lange Zeit mit sich selbst hatte sie verändert, doch wahrscheinlich hatte sich Dayight genauso verändert. Trotzdem würde allein die Zeit, sei sie Vergangenheit oder Zukunft nie das ungeschehen machen, was sie ihr damals angetan hatte. Das, was sie ihnen allen angetan hatte und noch antun würde.
18.06.2012, 13:48
Daylight hatte den Schmerz ihrer Schwester stets nachempfinden, aber nie wirklich verstehen können – erst in dem Augenblick als Amáyas Körper sie zu Boden riss, begriff sie, dass es da noch etwas gab, das Daylight all die Jahre lang übersehen hatte. Mehr als bloßen Schmerz, etwas, nein, jemand, der sich wie ein Parasit in Amáyas Seele fraß, bis er sie vollkommen zerstört hatte, bis nichts mehr blieb als eine leere Hülle, eine Puppe, ohne Verstand, die willenlos gehorchte; und dieser jemand hatte einen Namen – Mayhem.
Und so galt der Angriff auch nicht ihr selbst, wie Daylight noch im selben Moment klar wurde, sondern war gegen jene, körperlose Gestalt gerichtet, die den Geist ihrer Schwester heimsuchte, sie jagte, verfolgte und quälte. Sie blickte in Amáyas regenblaue Augen, und verspürte keine Angst mehr, ihr Gesicht war reingewaschen von jeglicher Emotion – sie wehrte sich nicht gegen den Angriff, sondern blieb regungslos liegen, während Amáyas riesiger Körper drohend über ihr aufragte. Einige Sekunden verstrichen, dann, endlich, ließ Amáya von ihr ab, und Daylight beobachtete, wie ihre Schwester sich hastig von ihr entfernte, als habe sie es eilig so viel Platz wie möglich zwischen sie zu bringen – nicht, weil sie sich vor Daylights fürchtete, sondern, zumindest interpretierte Daylight es auf diese Weise, weil sie Angst vor sich selbst hatte, oder vor dem wozu sie im Stande war. Daylight zögerte kurz, beobachtete Amáyas Mienenspiel, das sich alsbald zu einer steinernen Maske verhärtete, dann richtete sie sich langsam auf, verringerte den Abstand zwischen ihnen jedoch nicht, sondern stand bloß da, den Kopf leicht gesenkt, die Ohren nach vorn gestellt, die Augen stumm auf ihre Schwester gerichtet. Und endlich zeigte sich ein zögerliches, angedeutetes Lächeln auf Daylights Zügen.
„Lass mich dir helfen“,
sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, freundlich, bar jeder Verurteilung – sie wünschte sich nichts mehr, als Amáya von ihrem Leid zu befreien. Sie wollte ihre Schwester zurück, jene Amáya, die damals auf dem Berg für sie gesorgt hatte, deren warme Zunge, die Eisklumpen aus ihrem Fell geschmolzen hatte, die ihr Wärme geschenkt hatte. Es ging nicht um Schuld; es war bloß der reine Wunsch, Amáya die Freiheit, das Glück zu schenken, dass sie verdient hatte. Daylights Rute begann leicht hin und her zu schwenken.
„... bitte.“
26.06.2012, 16:14
Ja, Daylights Augen waren immer noch von dem selben Ton wie früher. Warmes Sonnenlicht, ein ganz ähnlicher Ton wie der Tyraleens. Selbst das Fell ihrer beiden Wurfsschwestern war von dem gleichen reinweiß. Unschuld. Die Dunkle war sich ziemlich sicher, dass ihre Schwester noch immer genauso unschuldig geblieben ist, wie sie es früher gewesen war. Nur sie trieb es auf immer finsterere Pfade, nur sie suhlte sich im Dreck der Sünde. Nein, das Sonnenkind schien so zierlich und rein wie früher. Urplötzlich überkam sie eine bittere Scham. Die Weiße hatte sie in einem ziemlich ungünstigen Augenblick erlebt. Ja, sogar sehr ungünstig. Erst jetzt wurde der Regentochter richtig klar, dass sie ihre Schwester angesprungen hatte, angeschrien. Sie hätte sich so gerne versteckt, doch natürlich war diese Option nicht mal in Betracht zu ziehen. Sie musste da jetzt irgendwie durch und durfte dabei keine Schwachstellen zeigen. Forschend durchforstete ihr Blick die Züge ihrer Schwester.
Es war seltsam, aber Amáya konnte sich nicht mal den kleinsten Reim darauf machen, was ihre Schwester wohl denken mochte. Einmal war das etwas anderes gewesen, damals, als sie noch beide Welpen gewesen waren. Nichts blieb so wie früher, diese Lektion hatte sie schon vor schier unendlich langer Zeit gelernt.
Daylights Züge waren seltsam leer, ja sie hatte sich nicht mal gerührt, als Amáya sie angesprungen hatte. Es erschien der Fenrisgläubigen seltsam unheimlich, ja sogar unwirklich. Ihre Schwester schien selbst in dem Dämmerlich zu strahlen und es machte ihr nur abermals bewusst, wie weit sie von einander entfernt waren. Wie weit die Kluft zwischen dem Regen- und dem Sonnenkind geworden war, wie weit die Kluft zwischen Illusion und Realität war. Denn in den Pfützen ihrer Vorstellung schwammen so verschwommene Reflektionen der Wirklichkeit, dass sie sich oftmals fühlte, als würde ihr Kopf gespalten.
Bildete sie sich Daylight auch bloß nur ein? Nein, das konnte nicht sein. Sie hätte es gemerkt, oder? Und was hieß schon Einbildung? Mayhem war real, sie war hier gewesen, hier neben ihr.
Da, ihre Schwester lächelte ein wenig. Es erinnerte Amáya wieder schmerzhaft, an Alles, was vergangen war.
"Was nützt es dir?", kam die unwirsche Antwort, als wolle sie die ersten freudigen Gesten ihrer Schwester schon im Keim ersticken. "Und wenn schon, wie würdest du es bewerkstelligen?"
Damit verstummte sie und hielt den Blickkontakt mit ihr trotzdem aufrecht. Helfen! Immer nur helfen, helfen. Wann akzeptierten diese Wölfe, die sich ihre Familie schimpften endlich, dass sie ihr nicht helfen konnten?
"Wieder mal barmherzigen Samaritaner spielen macht dir wohl Spaß, hm? Ich springe dich an, schreie dich an und du hast wieder mal nichts besseres zu tun, als..." , sie stoppte und seuftzte kurz. "Ach, lassen wir das." Sie wollte nicht weiter herumschimpfen. Schlimm genug, dass sie schon so viel gesagt hatte.