19.05.2012, 17:19
Nur langsam kroch die Sonne über den abendlichen rotgefärbten Himmel und tauchte den Rudelplatz in warme weiche Farben, die selbst das Fell der Silberweißen bräunlich schimmern ließ, die den Kopf in die Luft gehoben hatte, die Augen geschlossen, um den Wind zu begrüßen, der sich am Nachmittag eingestellt hatte, nun aber wieder zurück war und ihr nahezu liebevoll durch das Fell strich. Glücklich seufzte sie und atmete die frische Luft, die kühl und würzig nach Herbst schmeckte und die die Orte vor ihrem inneren Auge aufleuchten ließ, wo ihr Freund gerade gewesen war. Doch neben den Orten, von denen er kam, brachte ihr der Windhauch auch einen anderen Duft mit sich, wohlriechend und obwohl noch nicht sehr vertraut, erkannte sie ihn doch wieder, bevor der Luftstrom ihr seinen Namen zuflüstern konnte. Suchend glitt ihr Blick über die wenigen Wölfe in ihrer Nähe, denn sie hatte sich nach dem langen Gespräch mit Atalya an den Rand des Rudelplatzes gestohlen, um ein wenig allein zu sein, doch nun, da sie den großen Rüden in einiger Entfernung entdeckte, schwand dieses Gefühl und machte verhaltenem Interesse Platz. Mit bedachten und langsamen Schritten ging sie auf ihn zu, setzte ihre Pfoten nahezu behutsam in das noch immer grüne Gras und näherte sich dem Wanderer bedächtig. Den Kopf leicht geneigt betrachtete sie seine Silhouette, die sich nahezu majestätisch gegen den in warmes Rot getauchten Himmel abhob und beinahe ehrfürchtig trat sie an seine Seite.
„Guten Abend, Wanderer“
Ihre angenehm helle Stimme erhob sich sanft über den Wind, der sie begleitete und mit ihrem Fell spielte. Der Fremde war noch nicht lange bei ihnen und sie hatte ihn bis jetzt nur aus der Ferne beobachtet, nun wo sie hier neben ihm stand kam sie sich erstaunlich winzig vor. Freundlich legte sie den Kopf schräg und ließ sich auf ihre Hinterläufe sinken, wobei eines ihrer Ohren kurz nach hinten schnippte. Sie hatte seinen Namen aufgeschnappt, doch keineswegs wollte sie so unhöflich erscheinen ihn damit anzusprechen, obwohl sie sich noch nicht vorgestellt hatten. Sie wusste nicht, ob er an solchen Regeln festhielt, wie die meisten älteren Wölfe, doch sie selbst hielt nicht viel davon als Tratschmaul dazustehen und wie konnte sie sich sicher sein, dass die Informationen über ihn richtig waren? Nein, sie würde sich selbst vergewissern und sich ein eigenes Bild von dem Neuen machen, ehe sie urteilte – wobei sie dennoch ein wenig voreingenommen war, wenngleich eher zu seinen Gunsten.
„Mein Name ist Avendal, ich hoffe ich störe dich nicht?“
Tatsächlich hoffte sie es sehr, denn der Wanderer hatte ihr Interesse schon mit seiner Ankunft geweckt. Er strahlte etwas aus, was sie nie zuvor wahrgenommen hatte und ihn umgab eine so angenehm ruhige und beinahe weise Aura, dass sie nicht umhin konnte, ihn zu mögen. In den letzten Tagen hatte sie Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die sie neugierig gemacht hatten auf diesen großen Wolf, der so weit gewandert war und so viel erlebt hatte. Es war nicht leicht gewesen einen Augenblick abzupassen, in dem sie mit ihm ins Gespräch hätte kommen können, umso erfreulicher war es, dass sich ihr diese Chance gerade so offensichtlich anbot. Ein wenig beschämt fuhr sie sich mit der Zunge über die Nase, denn für einen kurzen Moment kam sie sich vor wie ein neugieriger kleiner Welpe, doch schon im nächsten Augenblick, da der Wind ihr wieder seinen Duft zutrug, der gemischt mit fremden Gerüchen von weit weg ihr Interesse weckte, waren ihre Selbstzweifel vergessen und ihre Augen funkelten aufmerksam, während ihr ein Lufthauch freundlich das Fell zerzauste.
25.05.2012, 22:15
Im Grunde hatte sich kaum etwas verändert. Es dauerte seine Zeit, sich an neue Situationen zu gewöhnen und so konnte aus einem Wanderer nicht vom einen auf den anderen Tag ein fester Bestandteil eines Rudels werden. Und doch schien hier etwas anders zu werden. Es war nicht das erste Rudel, auf das er während seiner Reise gestoßen war, aber dennoch eines der wenigen, bei denen er wirklich das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Das erste Mal war es ein Trug gewesen, eine Illusion, die ihn getäuscht hatte, als er sich danach gesehnt hatte, den Ort zu finden, an den er gehörte. Doch er hatte gelernt, hatte verstanden, dass man frei sein musste, wenn man sein Ziel wirklich finden wollte. Auch, wenn sich dieses warme Gefühl mit dem von damals vergleichen ließ – es hatte etwas Neues, etwas Fremdes in sich, welches den Rüden dazu veranlasst hatte, die Leitwölfin um Aufnahme zu bitten. Zwar spürte er gleichzeitig, dass etwas anderes in der Luft lag, was ihn erneut zum Aufbruch drängen wollte, doch die Nähe zu den Göttern, die er zu fühlen glaubte, widersetzte sich diesem Instinkt. Er wusste nicht, was es war, doch die Götter schienen zu wollen, dass er blieb. Er spürte die Wärme des Lebens, die Gefahr des Todes und gleichzeitig auch, dass er dem Ende seiner Reise vielleicht einen Schritt näher gekommen war.
Leise rauschte der Wind durch die kahlen Bäume und brachte das zu Boden gefallene Laub leicht zu rascheln. Seine runden Ohren drehten sich ein Stück nach hinten, als er glaubte, Schritte zu vernehmen und tatsächlich war es dieses Mal nicht bloß ein Schatten, der sich an seine Seite begab. Der Rüde hob den Kopf, wandte ihn herum und erkannte eine helle Fähe, die sich ihm mit langsamen Schritten näherte. Mit einem neugierigen Blick bedachte er sie einen Augenblick, ehe er sich wie selbstverständlich auf seine Hinterläufe erhob, als sie an seine Seite trat und respektvoll den Kopf neigte, als ihre Begrüßung an seine Ohren drang. Ein freundliches Lächeln stahl sich auf seine hellen Lefzen, als sie für einen kurzen Moment in Schweigen verfiel und schließlich doch wieder ihre junge, liebliche Stimme erhob.
„Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Avendal. Mein Name lautet Chivan, aber das hast du wahrscheinlich bereits mitbekommen.“
Seine Lefzen zogen sich einen kurzen Moment etwas weiter nach hinten, ehe er mit einer einladenden Geste seiner Schnauze deutlich machte, dass sie keineswegs unwillkommen war. Kurz nur verloren sich seine hellen Seelenspiegel wieder in den Farben des Himmels, ehe er den sanften Wind genoss, der nun weicher als zuvor – so schien es ihm – über seinen Pelz strich. Schließlich allerdings ruhten seine Seelenspiegel wieder auf der jungen, hellen Wölfin. Sie wirkte neugierig und bei weitem nicht so verschlossen und abweisend wie viele der anderen Wölfe, die er auf seinem Weg getroffen hatte. Aber insgesamt schien dieser Tag anders zu sein – besonders.
„Es ist ein angenehmer Abend dafür, dass der Winter bereits so nah ist, nicht wahr? Er ist warm – fast so, als wäre es der Frühling, der folgt und uns unsere Sorgen nehmen könnte.“
‚Warm‘ vielleicht nicht im Sinne der Temperatur, doch wenn die Wölfin so war, wie sie auf den ersten Blick schien, würde sie verstehen, was er meinte. Nicht die Seelenspiegel nämlich waren es, die das Eigentliche wahrnahmen – ganz allein mit dem Herz, mit der Seele konnte man die Wärme spüren, von der der Dunkle in diesem Moment gesprochen hatte. Und doch waren es auch Sorgen, die man in seiner warmen Stimme hören konnte – sie waren viele und die Winter waren nicht zu unterschätzen. Zwar war sich der Graupelz sicher, dass die Leitwölfin sehr wohl wusste, wie viele Wölfe sie mit ihrer Beute versorgen konnten und dennoch hinterließ es ein schlechtes Gefühl, dass er sich ausgerechnet in dieser futterarmen Zeit dem Rudel hatte anschließen wollen. Nichtsdestotrotz fühlte es sich richtig an.
25.06.2012, 10:41
Die weiß gezeichnete Schnauze der jungen Fähe neigte sich respektvoll, als sich der Wanderer mit der angenehmen Stimme vorstellte und nachdem sie sicher war ihn nicht zu stören verzogen sich auch ihre Lefzen einen Augenblick zu einem freundlichen Lächeln, wobei sie beobachtete, wie ihr der altbekannte Windfreund durch das Fell strich, als wolle er ihn begrüßen und zugleich einen Eindruck davon bekommen, welche seiner Windschwestern und –brüder er bereits in seinem Pelz hatte spüren dürfen und tatsächlich erschien ihr selbst das leise Flüstern in ihren Ohren erstaunt und ehrfürchtig, ehe ihr Freund zu ihr zurückkehrte und ihr neben all den Düften von Geschichten und Orten, die sie sich nicht einmal vorzustellen vermochte, noch etwas anderes zutrug, das sie einen Augenblick innehalten ließ, während er wieder zu sprechen begonnen hatte. Da war ein Hauch von Schicksal in der Luft, die ihn umgab. Ehrfürchtig ergriffen von einem leichten Prickeln in ihrer Haut, das sich bis in ihre empfindliche Nase zog, über die sie rasch mit ihrer rosa Zunge fuhr, um nicht zu niesen. Der Blick des großen Wolfes legte sich wieder auf sie und als er schließlich geendet hatte, war sie sich sicher ihn mit der Zeit lieb zu gewinnen, denn seine Worte riefen erneut ein Lächeln auf ihre Lefzen, als sie zustimmend mit den Ohren spielte und den Blick in den Himmel richtete.
„Sicher ist es der Frühling, der uns den Himmelslichtern gleich Hoffnung spendet durch den dunklen Winter, doch sind es nicht dessen Klauen, die den Frühling erst zu unserem rettenden Schein werden lassen?“
Ihre blauen Augen, dem jungen sternenlosen Abendhimmel nach dem Sonnenuntergang so gleich, legten sich interessiert auf die Züge des älteren Rüden, ehe sie leicht lächelte und den Kopf schüttelte. Sie hatte sich vom Thema abbringen lassen und so schnippten ihre Ohren kurz entschuldigend zurück und lachte leise, ehe sie zu einer richtigen Antwort ansetzte.
„Ich möchte dir dennoch in allem zustimmen“
Dies bezog sich demnach sowohl auf den Teil des angenehmen Abends, als auch auf die Wärme, derer nicht alle gewahr wurden. Hierbei begannen ihre Seelenspiegel freudig zu funkeln, denn es hatte nur wenige Wölfe außerhalb ihres Rudels gegeben, mit denen sie es bisher gewagt hatte sich über derlei Themen zu unterhalten. Sicher, mit Atalya oder selbst Daylight konnte sie über so etwas sprechen, aber wer nicht mit Engaya und Fenris aufwuchs, nicht gelernt hatte mit dem Herzen zu sehen, der würde sie nicht verstehen. Chivan tat es und das ließ ihr Herz höher schlagen in Hoffnung auf all die Gespräche, die sie hoffentlich mit ihm führen können würde.
29.06.2012, 14:43
„Für wahr. Ohne den Winter hätten wir wohl keinen Grund, den Frühling für seinen Neuanfang und all das neue Leben so zu schätzen, wie wir es tun. Und ohne die Nacht oder den Tag hätten wir wohl auch keinen Grund, uns so sehr an der Dämmerung zu erfreuen.“
Der Rüde neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte die junge Wölfin an seiner Seite einen Augenblick stumm, bis er den Kopf ein weiteres Mal abwandte und über ihre Umgebung schweifen ließ, den Wind genoss, der – seit sie neben ihm war – frischer schien und sanfter zugleich, während er kurz überlegte.
„Du bist noch jung und trotzdem hast du schon einen einzigartigen Blick für das um dich herum. Das ist bemerkenswert, junge Wölfin. Dein wievielter Winter ist das? Dein Zweiter?“
Er riet, doch er glaubte, dass er nicht wirklich weit von der Wahrheit entfernt sein konnte. Inzwischen lagen seine Seelenspiegel wieder auf ihrer grauen Gestalt, auf ihren blauen Seelenspiegeln und das freundliche Lächeln ruhte weiterhin auf seinen Lefzen.
02.08.2012, 18:19
Den Blick in die Ferne gerichtet hatte er ihr gelauscht, ein so herzliches Lächeln auf den Lefzen, dass das Gefühl in ihr erwachte, als hätten sie schon viele dieser Gespräche geführt. Als er sich ihr wieder zuwandte fand ihr Blick seine Seelenspiegel, die in der untergehenden Sonne funkelten und irgendwie kamen sie ihr anders vor als vorhin, doch das konnte daran liegen, dass sie das schicksalhafte Kribbeln, welches ihre Nase befallen hatte, noch immer nicht losgeworden war. Ein wenig verlegen wich sie seinen Augen aus, den Blick nun selbst in den erlöschenden Sonnenschein geheftet, der sich warm auf ihr Fell legte. Seine Stimme umfing sie, wie der Wind, der an ihr Ohr drang und seinen Worten einen mystischen Klang verlieh. Ehrführchtig schloss sie für einen Moment die Augen und nahm den Sinn seiner Worte in sich auf, wobei sich ein Lächeln auch auf ihren Lefzen ausbreitete. Ihr Blick – nun ernster, entrückter – lag noch immer auf die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der Ferne, als sie erst leise und schließlich mit immer festerer Stimme zu sprechen begann, während der Wind sanft mit ihrem Fell spielte.
„Mit jedem neuen Tag der stirbt, gibt es eine Nacht die geboren wird und umgekehrt, dieses Wechselspiel allein schon steht für das Leben selbst und ich denke das ist es was diesen Moment so faszinierend erscheinen lässt – es ist die Vereinigung von Frühling und Winder, Hell und Dunkel, Gut und Böse, der Moment in dem sie sich vermischen, das ist die Dämmerung“
Ihre Seelenspiegel richteten sich wieder auf den älteren Rüden, der ihr Alter schätzte. Einen Augenblick brauchte sie, um zu antworten, während sie ihn betrachtete mit einem Schmunzeln auf den Lefzen. Er war so groß und ruhig und zugleich strahlte er das pure Leben aus...
„Ja, es ist der zweite Winter. Ich danke dir für deine Worte, Chivan, und mehr noch. Zwar leben wir mit unseren Göttern, doch es ist schwer jemanden zu finden, der wirklich sieht, so wie du es tust“
Sie neigte den Kopf in tiefem Respekt und zugleich vor Dankbarkeit, ihr seine Zeit zu widmen, denn obwohl es nicht viele von ihnen Gab, die zu ihm kamen, bedeutete das nicht, dass es selbstverständlich war, dass ein Wanderer ihr Gehör schenkte, vor allem zu einem solchen Moment. Ihr Blick legte sich wieder auf die untergehende Sonne.
07.08.2012, 01:20
„Deshalb sind wir nicht unsterblich.“, warf er nach ihren Worten ein und lächelte ruhig, während seine Seelenspiegel das Rot des Abendhimmels fixierten. „So, wie Licht nicht ohne Schatten existieren kann und es kein Gut ohne Böse gäbe, so wüssten wir auch den Tag nicht zu schätzen, würde er niemals enden. Und gäbe es den Tod nicht, wüssten wir das Leben nicht so zu schätzen, wie wir es tun. Und der Einklang der Gegenteile ist meist das Schönste von beidem. Diese Dämmerung ist ein gutes Beispiel, ich denke, das hast du bereits wunderbar beschrieben.“
Zustimmend nickte er der jüngeren Fähe zu, als er den Kopf leicht zur Seite wandte und sie mit einem kurzen Schnippen seines Ohres wieder anblickte. Ein sanfter Ausdruck lag in seinen Augen, während er ihren Worten lauschte und seine Rute pendelte kurz über den Boden. Sie bestätigte seine Annahme und somit gleichzeitig auch, dass sie, trotz ihrer jungen Seele bereits viel gelernt hatte. Er schüttelte kurz den Kopf und lächelte ihr dann wieder herzlich entgegen.
„Ich habe zu danken, Avendal. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine junge Wölfin einem Wanderer wie mir so viel Aufmerksamkeit schenkt.“, entgegnete er, fühlte sich allerdings sichtlich geehrt von dem Respekt, den die junge höfliche Fähe ihm entgegen brachte. „Ich glaube, du ehrst mich zu viel. Ich bin nicht anders als die anderen Wölfe hier.“ Er schwieg einen Augenblick, in dem seine Miene wieder etwas ernster wurde. „Das Rudel ist wegen der Erdbeben ziemlich verunsichert, nehme ich an. Ich denke, es würde vielen gut tun, sich zumindest einen Abend diesem Anblick hinzugeben und die Sorgen für einen Augenblick zu vergessen.“
20.02.2013, 17:10
Ergeben lauschte sie seinen Worten über das Leben und diese Erkenntnis fügte sich nahtlos in jene, die sie bereits zuvor durchdacht hatte, doch er hatte sie nun vervollkommnet und ein strahlendes Lächeln zierte ihre Lefzen, als sie ihm ein erkennendes Nicken schenkte. Sie verstand, was er meinte und auch wenn sie dem nichts hinzuzufügen hatte, denn diese Worte beschrieben ein so vollkommenes Wissen, dass sie neugierig war, welche Gedanken den Wanderer Chivan noch beschäftigten, wollte sie ihm doch zu Verstehen geben, dass sie ebenso empfand.
Die Art, wie er ihren Worten begegnete, ließ ihn nur noch sympathischer erscheinen, denn die Bescheidenheit, mit der er ihre lobenden Worte zu schmälern versuchte, ließen einen wahrlich großen Charakter erahnen und für einen Augenblick begann ihr Herz schneller zu schlagen. Noch nie war sie einem ähnlichen Wolf begegnet und sie konnte nicht sagen, ob sie nun glücklich war, weil sie ihn getroffen hatte, oder schlicht, weil sie endlich jemanden gefunden hatte, der sie verstand. Kurz verzog sie ihre Miene nachdenklich und horchte in sich hinein, dann jedoch wurde ihr durchforsten ihrer eigenen Gefühle von seinen weiteren Worten unterbrochen, gegen die sie leicht aufbegehrte.
„Du bist anders, glaube mir, denn wäre dem nicht so, würden dann nicht mehr von ihnen einen Blick für diese Schönheit haben, anstatt dort herumzulungern und sich gegenseitig nur noch mehr Sorgen zu bereiten?“
Einen Augenblick hielt sie inne und schauderte, ob der harschen Worte. Sie hatte sich immer eins mit ihrem Rudel gefühlt und doch wiederum nicht und gerade jetzt wurde ihr bewusst wieso. Dennoch fühlte sie sich schlecht, denn das Gefühl beschlich sie ihr Rudel verraten zu haben, nur durch die Tatsache, dass sie es sich herausnahm sich in dieser Hinsicht über sie zu stellen. Es fühlte sich einfach falsch an, da sie nie jemand gewesen war, der sich über irgendetwas stellte.
„Vergib mir, es steht mir nicht zu über sie zu urteilen. Ich kenne ihre Gedanken nicht halb so gut wie meine eigenen und wenn es einen Wolf gibt, der dir gleich käme, so habe ich ihn wohl schlicht einfach noch nicht erkannt“
Kurz schnippten ihre Ohren nervös, denn obwohl es ihr eigentlich hätte egal sein können, was Chivan von ihr dachte, war es das nicht. Sie wollte nicht, dass er in ihr eine nörgelnde kleine Fähe sah, die zwar einen Blick für die Schönheit, Reinheit und Wahrheit der Dinge hatte, ihn doch wieder verschloss, indem sie sich denselben Hirngespinsten hingab, die sie zu eben jenen zählen würde, die sie gerade grausamerweise beschuldigt hatte keinen Sinn für das Wesentliche zu besitzen. Unglücklich wandte sie den Blick ab und sah wieder hinüber zu dem wunderschönen Himmel, während der Wind zaghaft durch ihr weiches silbriges Fell strich und sie langsam beruhigte.
25.02.2013, 14:23
„Ich habe wahrscheinlich einfach nur bereits mehr gesehen.“, stellte er fest, während seine Seelenspiegel wieder auf dem Antlitz der Fähe ruhten. „Die Zeit als Wanderer ist nicht zu selten einsam und still. Man zweifelt, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, den Wölfen, die man getroffen hat, den Rücken zu kehren. Man stellt sich diese Frage immer wieder aufs Neue mit jeder neuen Begegnung, die kommt und geht. Würde man nicht lernen, die schönen Dinge dieser Stille zu schätzen, würde man früher oder später an seinem Entschluss scheitern. Auch Sorgen haben so gesehen etwas Gutes. Du merkst, wie wichtig dir die Wölfe sind, um die du dich sorgst.“
Oh, er war oft stehen geblieben, hatte sich umgewandt und stumm gehofft, dass es all denen, die ihm ans Herz gewachsen waren, gut ging. Dennoch hatte ihn nie etwas dazu bewogen, umzukehren. Er fühlte sich richtig auf seinem Weg trotz all der Zweifel, all den unbeantworteten Fragen. Sein Vertrauen galt ihm selbst und den Göttern, auf dessen Führung er sich blind verließ.
„Und Angst... Angst ist so gesehen die Sorge um sich selbst.“
Natürlich durfte man nie aus den Augen lassen, dass ein gewisser Grad von Furcht nur erstrebenswert war. Ein Wolf, der nichts fürchtete, war früher oder später unglücklich, bis ihn dieser Übermut umbrachte. Es war nicht nur Mut, der einen vorantrieb, auch Furcht war etwas, was einen dazu bewog, weiterzugehen. Chivan verbarg nicht, dass auch ihn diese merkwürdigen Erdstöße beunruigten. Doch wie Avendal bereits festgestellt hatte – man durfte dennoch nicht aus dem Blick lassen, dass jeder dunkle Moment auch etwas Schönes hatte, wenn man sich nur darauf einließ. Die Dunkelheit durfte nur nicht selbstverständlich werden. Chivan schnippte kurz mit den Ohren, schüttelte dann aber ihre Bescheidenheit schätzend mit einer kurzen Geste den Kopf.
„Es ist der Eindruck, den du von ihnen hast und dieser verleitet uns dazu, zu urteilen. Aber du kennst diese Wölfe dein Leben lang, du kennst ihre Gedanken vielleicht besser als du denkst. Von mir wäre es falsch, zu urteilen, aber du weißt, was in ihren vorgeht, oder? Du teilst ihre Angst um eurer Zuhause. Das von mir zu behaupten, wäre falsch.“