Avendal
19.05.2012, 17:19

Nur langsam kroch die Sonne über den abendlichen rotgefärbten Himmel und tauchte den Rudelplatz in warme weiche Farben, die selbst das Fell der Silberweißen bräunlich schimmern ließ, die den Kopf in die Luft gehoben hatte, die Augen geschlossen, um den Wind zu begrüßen, der sich am Nachmittag eingestellt hatte, nun aber wieder zurück war und ihr nahezu liebevoll durch das Fell strich. Glücklich seufzte sie und atmete die frische Luft, die kühl und würzig nach Herbst schmeckte und die die Orte vor ihrem inneren Auge aufleuchten ließ, wo ihr Freund gerade gewesen war. Doch neben den Orten, von denen er kam, brachte ihr der Windhauch auch einen anderen Duft mit sich, wohlriechend und obwohl noch nicht sehr vertraut, erkannte sie ihn doch wieder, bevor der Luftstrom ihr seinen Namen zuflüstern konnte. Suchend glitt ihr Blick über die wenigen Wölfe in ihrer Nähe, denn sie hatte sich nach dem langen Gespräch mit Atalya an den Rand des Rudelplatzes gestohlen, um ein wenig allein zu sein, doch nun, da sie den großen Rüden in einiger Entfernung entdeckte, schwand dieses Gefühl und machte verhaltenem Interesse Platz. Mit bedachten und langsamen Schritten ging sie auf ihn zu, setzte ihre Pfoten nahezu behutsam in das noch immer grüne Gras und näherte sich dem Wanderer bedächtig. Den Kopf leicht geneigt betrachtete sie seine Silhouette, die sich nahezu majestätisch gegen den in warmes Rot getauchten Himmel abhob und beinahe ehrfürchtig trat sie an seine Seite.

„Guten Abend, Wanderer“

Ihre angenehm helle Stimme erhob sich sanft über den Wind, der sie begleitete und mit ihrem Fell spielte. Der Fremde war noch nicht lange bei ihnen und sie hatte ihn bis jetzt nur aus der Ferne beobachtet, nun wo sie hier neben ihm stand kam sie sich erstaunlich winzig vor. Freundlich legte sie den Kopf schräg und ließ sich auf ihre Hinterläufe sinken, wobei eines ihrer Ohren kurz nach hinten schnippte. Sie hatte seinen Namen aufgeschnappt, doch keineswegs wollte sie so unhöflich erscheinen ihn damit anzusprechen, obwohl sie sich noch nicht vorgestellt hatten. Sie wusste nicht, ob er an solchen Regeln festhielt, wie die meisten älteren Wölfe, doch sie selbst hielt nicht viel davon als Tratschmaul dazustehen und wie konnte sie sich sicher sein, dass die Informationen über ihn richtig waren? Nein, sie würde sich selbst vergewissern und sich ein eigenes Bild von dem Neuen machen, ehe sie urteilte – wobei sie dennoch ein wenig voreingenommen war, wenngleich eher zu seinen Gunsten.

„Mein Name ist Avendal, ich hoffe ich störe dich nicht?“

Tatsächlich hoffte sie es sehr, denn der Wanderer hatte ihr Interesse schon mit seiner Ankunft geweckt. Er strahlte etwas aus, was sie nie zuvor wahrgenommen hatte und ihn umgab eine so angenehm ruhige und beinahe weise Aura, dass sie nicht umhin konnte, ihn zu mögen. In den letzten Tagen hatte sie Gesprächsfetzen aufgeschnappt, die sie neugierig gemacht hatten auf diesen großen Wolf, der so weit gewandert war und so viel erlebt hatte. Es war nicht leicht gewesen einen Augenblick abzupassen, in dem sie mit ihm ins Gespräch hätte kommen können, umso erfreulicher war es, dass sich ihr diese Chance gerade so offensichtlich anbot. Ein wenig beschämt fuhr sie sich mit der Zunge über die Nase, denn für einen kurzen Moment kam sie sich vor wie ein neugieriger kleiner Welpe, doch schon im nächsten Augenblick, da der Wind ihr wieder seinen Duft zutrug, der gemischt mit fremden Gerüchen von weit weg ihr Interesse weckte, waren ihre Selbstzweifel vergessen und ihre Augen funkelten aufmerksam, während ihr ein Lufthauch freundlich das Fell zerzauste.

Chivan
25.05.2012, 22:15

Dass der Winter nahte, hatten sie alle im Gefühl und dennoch war es der Sonne an diesem Abend möglich, einen diese Tatsache schlichtweg vergessen zu lassen. Rötlich zog sich ihr Licht über den Horizont hinweg, schlich sich über den großen See hin zum Ufer, an dem es zwar in einem blasseren, aber dennoch deutlichen Ton ankam, um zaghaft nach dem Land zu greifen. Die Schatten trauten sich hervor und verließen allmählich das Unterholz, um dem Rudel auf dem Platz Gesellschaft zu leisten und ihnen zumindest für diesen Abend die Sorgen zu nehmen, die die Kälte bald mit sich bringen würde. Die letzten Strahlen streichelten die bunten Pelze wärmend und sanft, obschon die Sonne all ihre Kraft eigentlich in den Kampf stecken musste, den sie auch an diesem Tag wieder verlieren würde. Doch jedes Ende bedeutete einen neuen Anfang und auch, wenn das Licht bald vollkommen verschwunden sein würde – der Morgen nahte bereits und wartete darauf, die Jäger wieder führen zu können. Chivan hatte sich abseits der neuen Gemeinschaft niedergelassen, sodass zwar all die dunklen Umrisse der anderen Wölfe in seinem Blickfeld lagen, doch das einzige, was in diesem Augenblick wirklich seine Aufmerksamkeit hatte, war die untergehende Sonne und das Farbenspiel, welches sich glitzernd im fernen Wasser spiegelte. Nur flüchtig nahm er die Bewegungen wahr, während sich die Schatten allmählich immer näher an ihn herantrauten und sich zu ihm legten wie all die vergangenen Tage, die er alleine auf seiner Reise verbracht hatte.

Im Grunde hatte sich kaum etwas verändert. Es dauerte seine Zeit, sich an neue Situationen zu gewöhnen und so konnte aus einem Wanderer nicht vom einen auf den anderen Tag ein fester Bestandteil eines Rudels werden. Und doch schien hier etwas anders zu werden. Es war nicht das erste Rudel, auf das er während seiner Reise gestoßen war, aber dennoch eines der wenigen, bei denen er wirklich das Gefühl hatte, angekommen zu sein. Das erste Mal war es ein Trug gewesen, eine Illusion, die ihn getäuscht hatte, als er sich danach gesehnt hatte, den Ort zu finden, an den er gehörte. Doch er hatte gelernt, hatte verstanden, dass man frei sein musste, wenn man sein Ziel wirklich finden wollte. Auch, wenn sich dieses warme Gefühl mit dem von damals vergleichen ließ – es hatte etwas Neues, etwas Fremdes in sich, welches den Rüden dazu veranlasst hatte, die Leitwölfin um Aufnahme zu bitten. Zwar spürte er gleichzeitig, dass etwas anderes in der Luft lag, was ihn erneut zum Aufbruch drängen wollte, doch die Nähe zu den Göttern, die er zu fühlen glaubte, widersetzte sich diesem Instinkt. Er wusste nicht, was es war, doch die Götter schienen zu wollen, dass er blieb. Er spürte die Wärme des Lebens, die Gefahr des Todes und gleichzeitig auch, dass er dem Ende seiner Reise vielleicht einen Schritt näher gekommen war.

Leise rauschte der Wind durch die kahlen Bäume und brachte das zu Boden gefallene Laub leicht zu rascheln. Seine runden Ohren drehten sich ein Stück nach hinten, als er glaubte, Schritte zu vernehmen und tatsächlich war es dieses Mal nicht bloß ein Schatten, der sich an seine Seite begab. Der Rüde hob den Kopf, wandte ihn herum und erkannte eine helle Fähe, die sich ihm mit langsamen Schritten näherte. Mit einem neugierigen Blick bedachte er sie einen Augenblick, ehe er sich wie selbstverständlich auf seine Hinterläufe erhob, als sie an seine Seite trat und respektvoll den Kopf neigte, als ihre Begrüßung an seine Ohren drang. Ein freundliches Lächeln stahl sich auf seine hellen Lefzen, als sie für einen kurzen Moment in Schweigen verfiel und schließlich doch wieder ihre junge, liebliche Stimme erhob.

„Es freut mich, deine Bekanntschaft zu machen, Avendal. Mein Name lautet Chivan, aber das hast du wahrscheinlich bereits mitbekommen.“

Seine Lefzen zogen sich einen kurzen Moment etwas weiter nach hinten, ehe er mit einer einladenden Geste seiner Schnauze deutlich machte, dass sie keineswegs unwillkommen war. Kurz nur verloren sich seine hellen Seelenspiegel wieder in den Farben des Himmels, ehe er den sanften Wind genoss, der nun weicher als zuvor – so schien es ihm – über seinen Pelz strich. Schließlich allerdings ruhten seine Seelenspiegel wieder auf der jungen, hellen Wölfin. Sie wirkte neugierig und bei weitem nicht so verschlossen und abweisend wie viele der anderen Wölfe, die er auf seinem Weg getroffen hatte. Aber insgesamt schien dieser Tag anders zu sein – besonders.

„Es ist ein angenehmer Abend dafür, dass der Winter bereits so nah ist, nicht wahr? Er ist warm – fast so, als wäre es der Frühling, der folgt und uns unsere Sorgen nehmen könnte.“

‚Warm‘ vielleicht nicht im Sinne der Temperatur, doch wenn die Wölfin so war, wie sie auf den ersten Blick schien, würde sie verstehen, was er meinte. Nicht die Seelenspiegel nämlich waren es, die das Eigentliche wahrnahmen – ganz allein mit dem Herz, mit der Seele konnte man die Wärme spüren, von der der Dunkle in diesem Moment gesprochen hatte. Und doch waren es auch Sorgen, die man in seiner warmen Stimme hören konnte – sie waren viele und die Winter waren nicht zu unterschätzen. Zwar war sich der Graupelz sicher, dass die Leitwölfin sehr wohl wusste, wie viele Wölfe sie mit ihrer Beute versorgen konnten und dennoch hinterließ es ein schlechtes Gefühl, dass er sich ausgerechnet in dieser futterarmen Zeit dem Rudel hatte anschließen wollen. Nichtsdestotrotz fühlte es sich richtig an.

Avendal
25.06.2012, 10:41

Die weiß gezeichnete Schnauze der jungen Fähe neigte sich respektvoll, als sich der Wanderer mit der angenehmen Stimme vorstellte und nachdem sie sicher war ihn nicht zu stören verzogen sich auch ihre Lefzen einen Augenblick zu einem freundlichen Lächeln, wobei sie beobachtete, wie ihr der altbekannte Windfreund durch das Fell strich, als wolle er ihn begrüßen und zugleich einen Eindruck davon bekommen, welche seiner Windschwestern und –brüder er bereits in seinem Pelz hatte spüren dürfen und tatsächlich erschien ihr selbst das leise Flüstern in ihren Ohren erstaunt und ehrfürchtig, ehe ihr Freund zu ihr zurückkehrte und ihr neben all den Düften von Geschichten und Orten, die sie sich nicht einmal vorzustellen vermochte, noch etwas anderes zutrug, das sie einen Augenblick innehalten ließ, während er wieder zu sprechen begonnen hatte. Da war ein Hauch von Schicksal in der Luft, die ihn umgab. Ehrfürchtig ergriffen von einem leichten Prickeln in ihrer Haut, das sich bis in ihre empfindliche Nase zog, über die sie rasch mit ihrer rosa Zunge fuhr, um nicht zu niesen. Der Blick des großen Wolfes legte sich wieder auf sie und als er schließlich geendet hatte, war sie sich sicher ihn mit der Zeit lieb zu gewinnen, denn seine Worte riefen erneut ein Lächeln auf ihre Lefzen, als sie zustimmend mit den Ohren spielte und den Blick in den Himmel richtete.

„Sicher ist es der Frühling, der uns den Himmelslichtern gleich Hoffnung spendet durch den dunklen Winter, doch sind es nicht dessen Klauen, die den Frühling erst zu unserem rettenden Schein werden lassen?“

Ihre blauen Augen, dem jungen sternenlosen Abendhimmel nach dem Sonnenuntergang so gleich, legten sich interessiert auf die Züge des älteren Rüden, ehe sie leicht lächelte und den Kopf schüttelte. Sie hatte sich vom Thema abbringen lassen und so schnippten ihre Ohren kurz entschuldigend zurück und lachte leise, ehe sie zu einer richtigen Antwort ansetzte.

„Ich möchte dir dennoch in allem zustimmen“

Dies bezog sich demnach sowohl auf den Teil des angenehmen Abends, als auch auf die Wärme, derer nicht alle gewahr wurden. Hierbei begannen ihre Seelenspiegel freudig zu funkeln, denn es hatte nur wenige Wölfe außerhalb ihres Rudels gegeben, mit denen sie es bisher gewagt hatte sich über derlei Themen zu unterhalten. Sicher, mit Atalya oder selbst Daylight konnte sie über so etwas sprechen, aber wer nicht mit Engaya und Fenris aufwuchs, nicht gelernt hatte mit dem Herzen zu sehen, der würde sie nicht verstehen. Chivan tat es und das ließ ihr Herz höher schlagen in Hoffnung auf all die Gespräche, die sie hoffentlich mit ihm führen können würde.

Chivan
29.06.2012, 14:43

Noch hatte die Wölfin all das, was auf ihr geringes Alter hindeutete; die weichen, noch etwas verspielten Züge und die Leichtigkeit in ihren Bewegungen, die nach wie vor von kindlichem Optimismus und Übermut zeugte. Nicht, dass Avendal bereits irgendwas getan hätte, was auf diese Charaktereigenschaften hätte schließen lassen, doch die Jugend stand ihr noch deutlich ins Gesicht geschrieben, obschon sie auf der Schwelle in das Leben eines erwachsenen, selbstständigen Wolfes zu sein schien. Sie war offen, so schloss er, und vor allem an mehr interessiert als nur die eigene kleine Welt um sie und ihre Bekannten Gesichter herum. Tatsächlich war Avendal eine von wenigen, die so viel Interesse an ihm zeigten, dass sie seine Nähe aufsuchten, um sich mit ihm zu unterhalten. Es war nicht so, dass Chivan irgendetwas erwartete, immerhin verweilte er noch nicht allzu lange in der Gruppe der für ihn fremden Wölfe, doch so wenig, wie er erwartete – umso mehr rechnete er der jungen Wölfin ihr Verhalten an. Sein heller Blick war zum Horizont gewandert und während er gesprochen hatte, hatte sich das Rot des Himmels mit seinen warmen Tönen in die sonst so kühle Farbe seiner Seelenspiegel gemischt und ein eigenartiges Spiel hinterlassen, von dem der Dunkle selbst nichts ahnte. Auch entging ihm die kurze Regung der jungen Fähe, bis er sich – nachdem er wieder gesprochen hatte – erneut zu ihr herumwandte und sie mit einem aufmerksamen, interessierten Blick fixierte. Ein Hauch von unergründbarem Stolz legte sich in seinen Blick, als Avendal zu antworten begann und mit einem herzlichen Lächeln lauschte er den nur allzu weisen Worten dieses jungen Herzens. Ihre kindliche Art, zurück zum eigentlichen Thema zu kommen, obschon ihre Worte doch weitaus mehr Hintergrund hatten, als ein einfaches, kurzes Wort, erwärmte erneut sein Herz und mit einem Schnippen eines seiner Lauscher tat er es ab und nickte der Wölfin kurz zu.

„Für wahr. Ohne den Winter hätten wir wohl keinen Grund, den Frühling für seinen Neuanfang und all das neue Leben so zu schätzen, wie wir es tun. Und ohne die Nacht oder den Tag hätten wir wohl auch keinen Grund, uns so sehr an der Dämmerung zu erfreuen.“

Der Rüde neigte den Kopf leicht zur Seite und musterte die junge Wölfin an seiner Seite einen Augenblick stumm, bis er den Kopf ein weiteres Mal abwandte und über ihre Umgebung schweifen ließ, den Wind genoss, der – seit sie neben ihm war – frischer schien und sanfter zugleich, während er kurz überlegte.

„Du bist noch jung und trotzdem hast du schon einen einzigartigen Blick für das um dich herum. Das ist bemerkenswert, junge Wölfin. Dein wievielter Winter ist das? Dein Zweiter?“

Er riet, doch er glaubte, dass er nicht wirklich weit von der Wahrheit entfernt sein konnte. Inzwischen lagen seine Seelenspiegel wieder auf ihrer grauen Gestalt, auf ihren blauen Seelenspiegeln und das freundliche Lächeln ruhte weiterhin auf seinen Lefzen.

Avendal
02.08.2012, 18:19

Den Blick in die Ferne gerichtet hatte er ihr gelauscht, ein so herzliches Lächeln auf den Lefzen, dass das Gefühl in ihr erwachte, als hätten sie schon viele dieser Gespräche geführt. Als er sich ihr wieder zuwandte fand ihr Blick seine Seelenspiegel, die in der untergehenden Sonne funkelten und irgendwie kamen sie ihr anders vor als vorhin, doch das konnte daran liegen, dass sie das schicksalhafte Kribbeln, welches ihre Nase befallen hatte, noch immer nicht losgeworden war. Ein wenig verlegen wich sie seinen Augen aus, den Blick nun selbst in den erlöschenden Sonnenschein geheftet, der sich warm auf ihr Fell legte. Seine Stimme umfing sie, wie der Wind, der an ihr Ohr drang und seinen Worten einen mystischen Klang verlieh. Ehrführchtig schloss sie für einen Moment die Augen und nahm den Sinn seiner Worte in sich auf, wobei sich ein Lächeln auch auf ihren Lefzen ausbreitete. Ihr Blick – nun ernster, entrückter – lag noch immer auf die letzten Sonnenstrahlen des Tages in der Ferne, als sie erst leise und schließlich mit immer festerer Stimme zu sprechen begann, während der Wind sanft mit ihrem Fell spielte.

„Mit jedem neuen Tag der stirbt, gibt es eine Nacht die geboren wird und umgekehrt, dieses Wechselspiel allein schon steht für das Leben selbst und ich denke das ist es was diesen Moment so faszinierend erscheinen lässt – es ist die Vereinigung von Frühling und Winder, Hell und Dunkel, Gut und Böse, der Moment in dem sie sich vermischen, das ist die Dämmerung“

Ihre Seelenspiegel richteten sich wieder auf den älteren Rüden, der ihr Alter schätzte. Einen Augenblick brauchte sie, um zu antworten, während sie ihn betrachtete mit einem Schmunzeln auf den Lefzen. Er war so groß und ruhig und zugleich strahlte er das pure Leben aus...

„Ja, es ist der zweite Winter. Ich danke dir für deine Worte, Chivan, und mehr noch. Zwar leben wir mit unseren Göttern, doch es ist schwer jemanden zu finden, der wirklich sieht, so wie du es tust“

Sie neigte den Kopf in tiefem Respekt und zugleich vor Dankbarkeit, ihr seine Zeit zu widmen, denn obwohl es nicht viele von ihnen Gab, die zu ihm kamen, bedeutete das nicht, dass es selbstverständlich war, dass ein Wanderer ihr Gehör schenkte, vor allem zu einem solchen Moment. Ihr Blick legte sich wieder auf die untergehende Sonne.

Chivan
07.08.2012, 01:20

Noch immer war es ein fremdes Gefühl, so frei über solche Dinge reden zu können. Die meisten Wölfe gaben sich mit solchen Geschichten nicht ab, doch die meisten Wölfe ließ auch der Gedanke kalt, dass es etwas oder eher jemanden gab, der über sie wachte. In all den Jahren hatte der Bunte schon so oft zu hören bekommen, dass er ein Träumer sei, der sein eigenes Leben in die Pfoten anderer gab – in die Pfoten derer, die nicht einmal existierten. Ganz davon abgesehen also, dass Chivan keineswegs ein Rüde war, der sich blind seinem Schicksal hingab und nicht für das kämpfte, was er für richtig hielt, konnte er aus Erfahrung heraus behaupten, dass viele Wölfe bereits den Blick für die Dinge verloren hatten, die man zwar nicht sehen, schmecken oder hören konnte, dafür aber umso deutlicher fühlen, wenn man sich nur darauf einließ. Der Rüde vertraute auf sich selbst und schritt ehrgeizig und entschlossen den Weg, den er wählte. Immerhin war es auch seine Entscheidung gewesen, dem Ruf der Götter zu folgen, der ihn letztendlich hierher gebracht hatte. Er war stark gewesen, stark in seinem Glauben und hatte sich seine Überzeugung von niemandem nehmen lassen, dass sie irgendwo waren und zu ihnen herabblickten. Und nun bereute er es kein Stück, den Glauben nie aufgegeben zu haben, so viel leichter es manchmal auch geschienen hatte. Nein, sein Glaube war unerschütterlich, besonders jetzt, wo sie ihn tatsächlich in das Tal der Sternenwinde geführt hatten, in dem man von all den götterlosen Wölfen der Welt nichts mitbekam. Sie waren frei, hoffnungsvoll und hatten einen besonderen Blick auf die Dinge der Welt – Avendal zumindest, genau wie Tyraleen, allerdings hatte er auch noch nicht allzu viele andere kennengelernt.

„Deshalb sind wir nicht unsterblich.“, warf er nach ihren Worten ein und lächelte ruhig, während seine Seelenspiegel das Rot des Abendhimmels fixierten. „So, wie Licht nicht ohne Schatten existieren kann und es kein Gut ohne Böse gäbe, so wüssten wir auch den Tag nicht zu schätzen, würde er niemals enden. Und gäbe es den Tod nicht, wüssten wir das Leben nicht so zu schätzen, wie wir es tun. Und der Einklang der Gegenteile ist meist das Schönste von beidem. Diese Dämmerung ist ein gutes Beispiel, ich denke, das hast du bereits wunderbar beschrieben.“

Zustimmend nickte er der jüngeren Fähe zu, als er den Kopf leicht zur Seite wandte und sie mit einem kurzen Schnippen seines Ohres wieder anblickte. Ein sanfter Ausdruck lag in seinen Augen, während er ihren Worten lauschte und seine Rute pendelte kurz über den Boden. Sie bestätigte seine Annahme und somit gleichzeitig auch, dass sie, trotz ihrer jungen Seele bereits viel gelernt hatte. Er schüttelte kurz den Kopf und lächelte ihr dann wieder herzlich entgegen.

„Ich habe zu danken, Avendal. Es ist nicht selbstverständlich, dass eine junge Wölfin einem Wanderer wie mir so viel Aufmerksamkeit schenkt.“, entgegnete er, fühlte sich allerdings sichtlich geehrt von dem Respekt, den die junge höfliche Fähe ihm entgegen brachte. „Ich glaube, du ehrst mich zu viel. Ich bin nicht anders als die anderen Wölfe hier.“ Er schwieg einen Augenblick, in dem seine Miene wieder etwas ernster wurde. „Das Rudel ist wegen der Erdbeben ziemlich verunsichert, nehme ich an. Ich denke, es würde vielen gut tun, sich zumindest einen Abend diesem Anblick hinzugeben und die Sorgen für einen Augenblick zu vergessen.“

Avendal
20.02.2013, 17:10

Ergeben lauschte sie seinen Worten über das Leben und diese Erkenntnis fügte sich nahtlos in jene, die sie bereits zuvor durchdacht hatte, doch er hatte sie nun vervollkommnet und ein strahlendes Lächeln zierte ihre Lefzen, als sie ihm ein erkennendes Nicken schenkte. Sie verstand, was er meinte und auch wenn sie dem nichts hinzuzufügen hatte, denn diese Worte beschrieben ein so vollkommenes Wissen, dass sie neugierig war, welche Gedanken den Wanderer Chivan noch beschäftigten, wollte sie ihm doch zu Verstehen geben, dass sie ebenso empfand.

Die Art, wie er ihren Worten begegnete, ließ ihn nur noch sympathischer erscheinen, denn die Bescheidenheit, mit der er ihre lobenden Worte zu schmälern versuchte, ließen einen wahrlich großen Charakter erahnen und für einen Augenblick begann ihr Herz schneller zu schlagen. Noch nie war sie einem ähnlichen Wolf begegnet und sie konnte nicht sagen, ob sie nun glücklich war, weil sie ihn getroffen hatte, oder schlicht, weil sie endlich jemanden gefunden hatte, der sie verstand. Kurz verzog sie ihre Miene nachdenklich und horchte in sich hinein, dann jedoch wurde ihr durchforsten ihrer eigenen Gefühle von seinen weiteren Worten unterbrochen, gegen die sie leicht aufbegehrte.

„Du bist anders, glaube mir, denn wäre dem nicht so, würden dann nicht mehr von ihnen einen Blick für diese Schönheit haben, anstatt dort herumzulungern und sich gegenseitig nur noch mehr Sorgen zu bereiten?“

Einen Augenblick hielt sie inne und schauderte, ob der harschen Worte. Sie hatte sich immer eins mit ihrem Rudel gefühlt und doch wiederum nicht und gerade jetzt wurde ihr bewusst wieso. Dennoch fühlte sie sich schlecht, denn das Gefühl beschlich sie ihr Rudel verraten zu haben, nur durch die Tatsache, dass sie es sich herausnahm sich in dieser Hinsicht über sie zu stellen. Es fühlte sich einfach falsch an, da sie nie jemand gewesen war, der sich über irgendetwas stellte.

„Vergib mir, es steht mir nicht zu über sie zu urteilen. Ich kenne ihre Gedanken nicht halb so gut wie meine eigenen und wenn es einen Wolf gibt, der dir gleich käme, so habe ich ihn wohl schlicht einfach noch nicht erkannt“

Kurz schnippten ihre Ohren nervös, denn obwohl es ihr eigentlich hätte egal sein können, was Chivan von ihr dachte, war es das nicht. Sie wollte nicht, dass er in ihr eine nörgelnde kleine Fähe sah, die zwar einen Blick für die Schönheit, Reinheit und Wahrheit der Dinge hatte, ihn doch wieder verschloss, indem sie sich denselben Hirngespinsten hingab, die sie zu eben jenen zählen würde, die sie gerade grausamerweise beschuldigt hatte keinen Sinn für das Wesentliche zu besitzen. Unglücklich wandte sie den Blick ab und sah wieder hinüber zu dem wunderschönen Himmel, während der Wind zaghaft durch ihr weiches silbriges Fell strich und sie langsam beruhigte.

Chivan
25.02.2013, 14:23

Er musste gestehen, dass Avendal nicht zu all dem passte, was er bisher gesehen hatte. Er bezweifelte, dass er in ihrem Alter bereits so viel gewusst hatte, sich so viele Gedanken gemacht hatte oder ob all das, woran er inzwischen glaubte, irgendwann auf seiner Reise zu ihm gefunden hatte. In ihrem Alter hatte er seinem Rudel den Rücken gekehrt, war an der Seite einer Fähe davongezogen und hatte sie auf ihrem Weg begleitet. Selbst jetzt aber wusste er nicht, ob ihm dieser Gang wirklich mehr gebracht hatte als eine unersetzbare Freundin, die er wohl nie wieder sehen würde. Doch seine Zeit im Jungwolfalter schien sich so sehr von der Avendals zu unterscheiden – das einzige, was er zu fürchten gehabt hatte, war die endlose Weite und der unbekannte Pfad, auf dem ihn seine Pfoten und sein Herz gelenkt hatten. Sathriella hatte er damals zurückgelassen, doch die Götter hatten bewiesen, dass ein Abschied nie endgültig sein musste. Damals zumindest nicht – nun wusste er nicht einmal mehr, ob sie den Schneerutsch überlebt hatte, ob sie noch irgendwo dort draußen war oder bereits von dem Ort der Götter zu ihnen hinabblickte. Doch Chivan hielt sich ohnehin nicht für den Wolf, der einem in Gedanken blieb. Er erinnerte sich an viele Gesichter, an weniger Namen, doch jede Begegnung hatte ihn auf eine absurde Art und Weise zu dem gemacht, was er war. Für andere war er aber wohl meist nur ein Wanderer gewesen, ein Wolf ohne Ziel, ohne Heimat auf einer schier endlosen Suche nach etwas, was er nicht einmal benennen konnte. Ob er nun letztendlich am Ziel angekommen war, wusste er noch lange nicht zu sagen, doch zumindest fühlte es sich für den Augenblick richtig an, seinen Läufen hier etwas Ruhe zu gönnen. Es fühlte sich richtig an, hier zu sein und seine Zeit mit der aufgeweckten Fähe zu teilen, die trotz ihres Lebens in diesem Tal bereits so viel über die Welt zu wissen schien, wie er es wohl nie geschafft hätte, wenn er sich nicht auf seinen eigenen Weg gemacht hätte. Ihre Worte entlockten ihm abermals ein ruhiges Lächeln, als er den Kopf herumwandte und den Blick kurz über die dunklen Gestalten wandern ließ, die mit der untergehenden Sonne ihre Identität gänzlich zu verlieren schienen bis nichts mehr als ein Schatten zurückblieb.

„Ich habe wahrscheinlich einfach nur bereits mehr gesehen.“, stellte er fest, während seine Seelenspiegel wieder auf dem Antlitz der Fähe ruhten. „Die Zeit als Wanderer ist nicht zu selten einsam und still. Man zweifelt, ob es wirklich die richtige Entscheidung gewesen war, den Wölfen, die man getroffen hat, den Rücken zu kehren. Man stellt sich diese Frage immer wieder aufs Neue mit jeder neuen Begegnung, die kommt und geht. Würde man nicht lernen, die schönen Dinge dieser Stille zu schätzen, würde man früher oder später an seinem Entschluss scheitern. Auch Sorgen haben so gesehen etwas Gutes. Du merkst, wie wichtig dir die Wölfe sind, um die du dich sorgst.“

Oh, er war oft stehen geblieben, hatte sich umgewandt und stumm gehofft, dass es all denen, die ihm ans Herz gewachsen waren, gut ging. Dennoch hatte ihn nie etwas dazu bewogen, umzukehren. Er fühlte sich richtig auf seinem Weg trotz all der Zweifel, all den unbeantworteten Fragen. Sein Vertrauen galt ihm selbst und den Göttern, auf dessen Führung er sich blind verließ.

„Und Angst... Angst ist so gesehen die Sorge um sich selbst.“

Natürlich durfte man nie aus den Augen lassen, dass ein gewisser Grad von Furcht nur erstrebenswert war. Ein Wolf, der nichts fürchtete, war früher oder später unglücklich, bis ihn dieser Übermut umbrachte. Es war nicht nur Mut, der einen vorantrieb, auch Furcht war etwas, was einen dazu bewog, weiterzugehen. Chivan verbarg nicht, dass auch ihn diese merkwürdigen Erdstöße beunruigten. Doch wie Avendal bereits festgestellt hatte – man durfte dennoch nicht aus dem Blick lassen, dass jeder dunkle Moment auch etwas Schönes hatte, wenn man sich nur darauf einließ. Die Dunkelheit durfte nur nicht selbstverständlich werden. Chivan schnippte kurz mit den Ohren, schüttelte dann aber ihre Bescheidenheit schätzend mit einer kurzen Geste den Kopf.

„Es ist der Eindruck, den du von ihnen hast und dieser verleitet uns dazu, zu urteilen. Aber du kennst diese Wölfe dein Leben lang, du kennst ihre Gedanken vielleicht besser als du denkst. Von mir wäre es falsch, zu urteilen, aber du weißt, was in ihren vorgeht, oder? Du teilst ihre Angst um eurer Zuhause. Das von mir zu behaupten, wäre falsch.“