18.05.2012, 12:13
Ein Schweigen umgab den Gemusterten, während seine Pfoten ihn durch den Wald trugen. Die Dunkelheit war zusammen mit der Nacht gekommen und während die meisten Wölfe im Rudel wohl schliefen, trieb es ihn hinaus in den Wald. Er war nicht müde, ganz im Gegenteil, er war hellwach, obwohl er schon seit einiger Zeit nicht gut geschlafen hatte. Er ärgerte sich über sich selbst, wie so oft. Und anstatt nun umzukehren, um vielleicht noch nochmal eine Wolfsmütze voll Schlaf zu bekommen, lief er einfach weiter, die himmelblauen Augen nach vorne gerichtet und die Schritte irgendwie schleppend. Wo wollte er eigentlich hin? Ins Nirgendwo? Kirov schüttelte kräftig den Kopf. Gott, jetzt fing er auch schon an, so depressiv zu denken wie Amáya. Als der Name der Schwarzen sich wieder einmal in seinen Kopf schlich, verengten sich seine Augen leicht. Er war ihr schon lange nicht mehr begegnet und nach dem sie aus diesem stinkenden Sumpf raus waren, hatten sie auch nicht mehr miteinander geredet. Jedem anderen Wolf wäre es wohl egal gewesen, doch es störte ihn gewaltig. Vor allem die Tatsache, dass sie mit anderen Rüden redete, aber nicht mit ihm. Es war ja nicht so, dass es keine anderen Fähen im Rudel gab, aber sein Interesse hing nun mal an Amáya fest, wie eine Biene am Honig.
Mit einem Ruck stoppte Kirov und hielt für einen Moment in dieser nächtlichen Stille inne. Er sollte aufhören über Amáya nachzudenken. Und vor allem sollte er nicht über das nachdenken, was er irgendwo aufgeschnappt hatte. Allein schon, als ihr Name fiel, war er hellhörig geworden und hatte mit einer desinteressierten Miene zugehört. Und aus irgendeinem Grund, fand er diese Tatsache, dass Amáya jemanden getötet hatte, weder abstoßend noch erschreckend. Es zog ihn viel eher an. Ach, Himmel nochmal, er sollte endlich aufhören über sie nachzudenken!
24.05.2012, 22:39
Der schlanke Körper strich elegant um die Sträucher und unter dem nachtschwarzen Fell zeichnete sich das geschmeidige Spiel der Muskeln deutlich ab, als wäre es die See, welche von tausend Winden umweht wurde. Die schmalen Pfoten sprangen leichtfüßig über Äste und Steine hinweg. Sie eilten nicht, auch wenn es kein einfach Spaziergang war. Es war fast, als würden die Läufe der Fenrisgläubigen von sich selbst ihren Weg finden. Als würde etwas unsichtbares sie davonziehen. Es tat gut, wieder festen Boden unter sich zu haben und nicht den pampigen Schlamm. Sie hatte ja nichts gegen Wasser, aber in der Form war es einfach abstoßend.
Blätter streiften das schmale Haupt und die regenblauen Augen kniffen sich durch das Zusammenspiel der femininen Gesichtszüge der jungen Fähe zu. Ehrlich gesagt, hatte sie Angst davor, was sie erwartete. Es wiederstrebte ihr, sich weiter von dem Rudel zu entfernen. In die Wildnis zu gelangen, dorthin wo Mayhem auf sie lauerte. Das Herz der Regentochter pochte dumpf gegen ihren Brustkorb. Sie hatte nicht das Gefühl, dass ihre verstorbene Schwester sie rief. Zu sich rief... Nein. Vielleicht schrieb sie ihrem Waldlauf auch nur eine nicht vorhandene Bedeutung zu. Einfache Gehirngespinnste, mehr nicht.
Nein, das konnte nicht sein. Oh, Fenris! Was hatte er nur mit ihr vor? Sie war nur eine Sünderin in Trauertracht, die nicht mehr wusste, wo ihr Kopf stand. Jemand hatte ihn so gründlich verdreht und seitdem lief nichts mehr so, wie es laufen musste. Dabei wusste sie nicht mal ob es gut so war. Insgeheim sehnte sie sich nach dem Leid von Früher zurück, welches ihr Schutz geboten hatte. Sie wollte nicht, dass jemand ihren gläsernen Käfig zerschlug. Nicht mit jenen Himmelsaugen, welche Kirov trug. Wieso hatte sie sich überhaupt dazu herabgelassen, mit ihm zu sprechen? Nichts als Unruhe und Chaos war daraus entsprungen. Da sah man wieder, diese Fremdlinge gehörten hier nicht hin. Hinaus mit ihnen! Hinaus... Sie glaubten ja nicht mal an die Götter.
Ihre Gedanken reihten sich fugenlos aneinander, die Grenzen verwuschen und nach drei Herzschlägen wusste sie nicht mehr, was ihr vorheriger Gedanke gewesen war. Sie fühlte sich schrecklich schlecht, dabei war es nicht einmal jenes gewohnte, bittersüße Selbstmitleid. Sie konnte sich nicht in ihrem Schneckenhaus vor Mayhem und dem Rest der Welt verkriechen. Nicht, seitdem diese dumme Grinsebacke da war und sie raustrieb, immer weiter raus. Plötzlich versteinerte sie wieder. Ihre Mimik glich einer skeptisch blickenden Marmorbüste, als sie ihr schmales Haupt ganz langsam, trotzdem gleitend, zur Seite wandte. Sie hatte es im Grunde ihrer Seele schon längst gewusst. Oh, Fenris. Fenris, Fenris, Fenris. Sie wollte nicht zu den Lebenden gehören! Nein! Da gehörte sie nicht hin und niemand würde sie dazu zwingen können.
Inmitten des dunklen Gesichts glitzerten zwei unergründlich tiefe Lapislazulisteine auf den grauen Schatten nur einige Wolfslängen entfernt. Da war er, dieser verfluchte Wolf. Wieso hatte sie ihn so nah an sich heran gelassen? Wieso hatte sie ihn nicht forsch wegschicken können? Wieso war sie so glücklich gewesen, als er ihr jenes Versprechen gab? Kein blasser Schimmer einer Antwort wollte sich auf dem trüben Wasser ihres Geistes bilden. Wie ein Magnet den anderen zogen die himmelblauen Augen des Rüden ihren Blick an. Ein einziges Gespräch im Regen - für die meisten Wölfe würde es nichts großes bedeuten. Doch auch ein einziger Wortwechsel konnte im Endeffekt so viel verändern. Mit einem Versprechen hatte er sich an Amáya gebunden. Heute konnte sie in den Tiefen ihres dunkler Herzens nur Unsicherheit spüren. Wer war er und was wusste er über sie?
01.06.2012, 15:39
Wieso war die Nacht eigentlich immer so still? So still und … leer. Ein seltsames Gefühl von Einsamkeit überkam ihn, als er durch die Finsternis blickte. Schon lange hatte er dieses Gefühl abgelegt wie seinen Winterpelz, doch mit der Zeit stach es ab und zu wieder hervor, doch nie so stark wie jetzt. Es war wie eine Sehnsucht nach Jemandem. Er ließ ein kaum hörbares Seufzen hören und blickte sich um, doch egal wohin er blickte, es gab keinen Lichtblick in diesem Wald. Kirov wünschte sich nun, er wäre einfach liegen geblieben und hätte auf den Schlaf gewartet – irgendwann musste er doch mal kommen. Aber nein, er war aufgestanden und in den Wald gelaufen … wozu gleich nochmal? Achja – es gab keinen Grund. Der Rüde schüttelte seinen dichten Pelz und zuckte mit den Ohren, als er meinte ein leises Geräusch zu hören. Ein sanftes Auftreten von Pfoten auf dem Waldboden, die sich ihren Weg durch die Bäume suchten. Kirov drehte den Kopf und ließ seinen himmelblauen Blick umherschweifen. Erschrocken riss er die Augen auf, als er eine sehr wohlbekannte Gestalt sah. Überall hätte er sie erkannt, sei es nur ein Ausschnitt ihres schlanken Körpers oder ihres edel geformten Kopfes gewesen. Kirov erkannte sie sogar jetzt, in dieser Dunkelheit, als hätte er nie einen anderen Wolf gesehen. Manchmal fragte er sich selber, wieso er sich so mit jener Fähe ‚verbunden‘ fühlte. Vielleicht, weil sie ihm wichtig war, weil er ihr ein Versprechen, dass er niemals brechen wollte gegeben hatte.
“Amáya.“
Seine Stimme war leise und ruhig, kam fast einem Flüstern gleich. Seine hellen Augen legten sich auf ihre und eines seiner Ohren klappte nach hinten. Kirov drehte nun auch seinen Körper zu ihr und befand es für richtig, sie noch einmal kurz zu mustern. Ausnahmsweise spielte kein Lächeln auf seinen Lefzen und er vergaß vollkommen, sich selber daran zu erinnern, eines aufzusetzen. Merkwürdigerweise fühlte er sich nicht so selbstbewusst wie das letzte Mal … ganz im Gegenteil. Er war nervös, ihr wieder gegenüber zu stehen und vielleicht auch ein wenig verlegen, da er keine Ahnung hatte, was er sagen sollte. So oft hatte er sich vorgestellt, wieder mit ihr zu reden und ihm waren tausend Sätze und Fragen eingefallen, die er ihr hätte sagen können. Doch jetzt saß er einfach hier wie ein Idiot und bekam sein Maul nicht auf. Manchmal würde Kirov sich am liebsten selber schlagen, doch später hatte er noch genug Zeit, sich über sich selber aufzuregen. Etwas unsicher blickte er ihr wieder in die Augen, in die er doch schon so oft gesehen hatte. Wieso fühlte er sich auf einmal so unsicher?! Noch nie war er in so einer Situation gewesen. Er konnte jedem Wolf, wirklich jedem sein Lächeln zeigen, seine charmante Art, die er aufsetzte, um nicht anders zu wirken, als ein ganz normaler Wolf. Wieso ging es bei Amáya nicht mehr? Oh, Himmel nochmal. Er musste sich jetzt einfach zusammenreißen. So wie immer. Also atmete der Gemusterte aus und wieder ein, blickte kurz weg und sammelte seine Gedanken. Alles war gut. Jetzt konnte er einfach was sagen. Ihr sagen, was er wusste und dass es ihn nicht störte und vielleicht auch, dass er sich freute, sich ehrlich freute, sie wieder zu sehen. Na klar! Und dann hängte er am besten noch dran, dass er sie sogar vermisst hatte! Eifersüchtig war, weil sie mit diesem weißen Vollidioten geredet hatte! Kirov biss die Kiefer zusammen und blickte wieder auf, um abermals Amáyas Blick zu begegnen.
“Was machst du hier?“
03.06.2012, 16:35
Zögernd blieb sie stehen und starrte stumm die nächtliche Gestalt des Grauen an. In der Düsternis streifte nur wenig Licht seinen Körper, doch konnte sie immer noch die feine Musterung seines Pelzes erkennen. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hatte, war es klatschnass gewesen. Wenn sie es heute berühren würde, dann wäre es bestimmt trocken, aber es gab keinen Grund, dies zu tun. Oder? Zweifel drohten in irh aufzusteigen und mit inniger Verzweiflung kämpfte sie sie nieder. Törichte Gedanken, die ihr Haupt erfüllten! Es war wohl längst Zeit für einen Frühjahrsputz in ihrem Oberstübchen. Doch der Frühling war noch so weit entfernt, wie sie früher von dem Rest der Welt. Es schien ihr so, als würde sie ungewollt der Welt der Lebenden immer näher rücken, seit dem Gespräch mit Kirov. Dabei wollte sie das nicht, wurde ihr plötzlich klar. Es war unbekanntes Territorium, auf welches sie sich begab. Die Sicherheit ihrer alten Trauer war ihr lieber.
Die Finsternis umschmeichelte sie sanft, während die nun ihren ganzen Körper zu dem Rüden umwandte. Würde er sie überhaupt erkennen können? Sie war eins mit der Düsternis, nur ihre Augen mochten dem grau Gestromten wohl einen Anhaltspunkt bieten. Doch wenn sie diese Seelenpfützen schloss? Wenn er sie auch so erkannte, dann war es nur ein weiterer Rückschlag für ihren Kampf gegen das Leben. Mit einem gedachten Seuftzer gab sie zu, dass er sie wahrscheinlich auch so als Amáya identifizieren würde. Oh, welch tragisches Schiksal sie doch ereilte.
Ein schmerzhafter Stich durchzuckte ihr regennasses Herz, als sie den Schrecken in seinen Himmelaugen wahrnahm. Sie hasste es, es zugeben zu müssen, aber es war so gewesen. Sie wusste nicht, was für eine andere Reaktion sie statt des Erschreckens erwartet hatte. Ehrlich gesagt wollte sie es gat nicht wissen. Nach einer Ewigkeit erklang seine Stimme erneut und durchschnitt die Stille der Nacht mit einem ungewöhnlich scharfen Zischen. Es war Amáya fast, als würde die Luft brodeln. Dabei war es nur ein Wort, ein einziges. Es bedeutete Regennacht, wie der ältere Rüde es schon bei ihrem ersten Treffen auf das Genaueste verraten hatte. Amáya, ihr Name und kein Grund ihn zu nennen. Im Nachhinein war es ihr völlig unklar, wieso sie seine Worte als so brennend empfunden hatte. Schließlich klangen sie ruhig und bedacht leise über die zwei Wolfslängen Entfernung zwischen ihnen.
Sie schwieg weiterhin und ohne es zu merken verweilte ihr Blick auf den Seelenspiegeln des grauen Rüdens.
Es war fast, als würde durch die Schwärze der Nacht ein winziges Stück sonniger Tageshimmel aufleuchten. So strahlend blau wie eh und je.
Sie schwiegen einander eine Weile an und es kam der Fenrisgläubigen völlig natürlich vor, fast so wie Atmen oder Schlafen. Ganz im Gegensatz zu ihm verspürte sie nicht das Bedürfnis, von ihrer Stimme gebrauch zu machen. Ja, sie vergaß sogar, dass sie eine Stimme hatte, das es so etwas wie Sprache auf dieser Welt gab. Schließlich wurde sie wieder mal von Kirov daran erinnert, dass es auch noch eine reale Welt gab. Das dort die Lebenden lebten, zu denen er sie auch hinüberziehen wollte.
"Fenris führte meine Läufe.", antwortete sie schlicht und leise.
In ihrer femininen Stimme klang ein bisschen Misstrauen mit. Die blauen Augen blieben so, wie sie schon immer gewesen waren. Sie musterten Kirov und sie hatten insgeheim Angst davor, dass er sein Versprechen schon eingelöst hatte.
Dabei war es ihr sehnlichster Wunsch.
14.06.2012, 14:19
Kirov legte sanft ein Ohr zurück und sein Blick zuckte immer wieder zu Amáya und wieder weg. Sie in dieser Dunkelheit, die sich um ihren Körper schlang, zu erkennen, war nicht einfach, doch er sah sie einfach vor sich. Mit ihrem monotonen Gesichtsausdruck, den kühlen, regenblauen Augen. Dass er sich mal direkt neben ihr aufgehalten hatte, schien ihm jetzt vollkommen undenkbar. Manchmal schien der dünne Draht, der zwischen ihnen haftete und sie miteinander verband, bedenklich zu zittern. Ob er reißen würde? Kirov blickte die Regennacht vor sich einfach an und wartete auf ihre Antwort. Würde sie überhaupt antworten? Manchmal wünschte er sich nichts sehnlicher als zu wissen, was sie dachte. Oder es an ihren Emotionen zu erkennen. Nur war es ein sehr seltener Fall, dass die Nachtschwarze mal Emotionen zeigte, wie er festgestellt hatte.
Fenris führte also ihre Läufe. Kirov hätte am liebsten geseufzt, doch er ließ es lieber. Immer diese Götter. Wieso war hier nur jeder so versessen auf sie? Er blickte kurz weg und zuckte unsicher mit einem Ohr. Nein, seine Unsicherheit gegenüber der Fähe hatte bisher noch nicht wieder abgenommen. Er wusste selber nicht, wieso er auf einmal so zurückhaltend war. Doch wenn er jetzt so tat, als wenn nichts wäre, würde er sich vermutlich noch eher verraten dass war das, was er überhaupt nicht wollte. Also blieb er einfach auf Abstand und wünschte sich, sie hätte noch weiter mit ihrer angenehmen, leisen Stimmen geredet.
„Achso“,
antwortete er eben so schlicht und einfach wie sie und zog dann anschließend die Stirn in Falten. Er benahm sich doch gerade wirklich wie ein Schwachkopf. Zu gerne würde er normal mit ihr reden können, doch seine eigene Beschränktheit ließ es gerade einfach nicht zu. Vielleicht lag es an dem, was er gehört hatte … über sie. Wie er dieses Thema zum Gespräch bringen sollte, wusste er selber nicht. Hätte er sich mehr Gedanken darüber gemacht, wären ihm wohl tausend Anfänge in den Sinn gekommen, doch gerade war alles wie leergefegt. Nachdenklich lag sein himmelsblauer Blick auf dem von Amáya. Vielleicht sollte er einfach etwas sagen. Ganz gerade heraus. Das war vielleicht das Dümmste, was er tun konnte, doch anders würde er es wohl nie zur Sprache bringen. Sein Herz begann stark zu klopfen und er spürte, wie er nervös wurde, als er aufstand und ein wenig auf die schwarze Fähe zuging. Unsicher blieb er vor ihr stehen und sein Selbstbewusstsein sank bei ihrem kühlen Blick in den Keller. Okay. Einfach loslegen.
„Weißt du … ich habe etwas gehört, über dich. Vermutlich interessiert es dich nicht, weil es ja vielleicht nicht genau das ist, was wirklich passiert ist … es gibt ja immer mehrere Möglichkeiten.“, meinte er und er hätte am liebsten seinen Kopf in den Boden gerammt. „Ich rede vielleicht gerade totalen Schwachsinn, aber das ist jetzt egal, ich will nur, dass du weißt … es ist mir egal, ob du gemordet hast oder sonst irgendwas. Es schreckt mich nicht ab“
Himmel nochmal. Wenn er könnte, wäre Kirov gerade knallrot geworden. Sein Kopf war völlig leer und er wusste selber nicht mehr, was er da gerade für einen Wortsalat über die Lefzen gebracht hatte, was wahrscheinlich auch nur gut so war. In Gedanken sah er bereits eine grinsende Amáya, die sich zum Gehen umdrehte.
21.06.2012, 15:03
Ein wirrer Geist, ein Herz eingesperrt in einen Käfig aus Glas, steinerne Masken. Das alles machte sie aus und noch viel mehr. Die Frage war, wie viel sah Kirov davon? Wie viel hatte er in Erfahrung bringen können? Die ganze Wahrheit musste er erfahren. Wenigstens er sollte sehen, was für eine bemitleidenswerte und abstoßende Kreatur sie war. Er sollte verstehen, dass es reine Zeitverschweundung war, sich mit ihr zu befassen. Verschwende dich nicht an mir, hätte sie am liebsten gesagt. Sie wollte diesen klaren Augen nicht wehtun. Sie wollte nicht, dass er nur Einer unter Vielen wurde, unter den Vielen, die sie schon verletzt hatte. Dieses Wiedersehen tat der Nachtschwarzen weh, auch wenn sie sich all die Tage danach gesehnt hatte, wieder mit dem Grauen sprechen zu können. Sie hasste dieses Sehnen. Sie wusste das es echt war, wünschte sich jedoch, es wäre nur ein Trug. Jetzt wo es soweit war, wäre sie am liebsten weggelaufen, aber ihre Läufe gehorchten ihr nicht. Nicht einmal ihre Gesichtsmuskeln verrieten das Meer der Gefühle welches in ihrer Brust rebellierte. Das Blau ihrer Augen war so viel trüber, als das klare Wasser in denen von Kirov. Aber wieso lächelte er nicht? Da war kein Grinsen. Eine böse Vorahnung mischte sich schleichend unter ihre Gedanken. Was hatte er erfahren?
Er sah so unsicher aus, wusste wahrscheinlich nicht, was zu sagen. Auch sie wusste nicht, welche Wörter ihr über die Leftzen tropfen sollten. Nur zeigte sich ihre Unsicherheit nicht auf den Gesichtszügen. So starrte sie ihm wortlos in die Augen und folgte den feinen Mustern seines hellgrauen Fells. Sie hätte nie gedacht, dass sich so viele Nuancen im schlichten Grau verstecken konnten. Die Schatten der Nacht verstärkten das Spiel seiner Muskeln unter seinem glänzenden Fell noch. Er kam auf sie zu und sie ließ es ruhig geschehen. Da stand er nun vor ihr und zu ihrem Verblüffen bemerkte Amáya, dass er ein ganzes Stück kleiner war als sie. Die Kühle ihrer Miene verlinderte sich, irgendwie gefiel ihr diese Tatsache, dass sie ein klizekleines bisschen ihren Blick senken musste. Dann sprach er und es war der Regentochter, als hätte nun ihre letzte Stunde geschlagen. Er schien ziemlich nervös, fast als wäre es ihm peinlich, zu sprechen. Sie wusste nicht recht, wie sie damit umgehen sollte. Sie kannte ihn doch kaum, oder?
Sie kannte niemanden. Unbewusst fing ihr Herz an schneller zu schlagen, je mehr Wörter ihm aus dem Maul stolperten. Oh und wie es sie interessierte! Sie brannte schier darauf, mehr von seiner Stimme zu hören. Auch wenn sie wusste, dass sie an diesen Sätzen zu einem kümmerlichen Haufen Asche zerfallen würde.
Sie hörte, sie schwieg. Was sollte sie fühlen? Ein klein wenig Erleichterung war dabei. Aber Morden allein war nicht das Wort, was ihre Sünde beschreiben konnte. In diesem Moment hätte sie am liebsten alle ihre Masken zerbrochen.
"Ich bin etwas weitaus Schlimmeres, als nur eine Mörderin." Sie glaubte nicht,dass sie das sagte. Doch ihre Gesichtszüge waren ernst. "Erzähl ruhig. Sprich, denn was du sprichst, ist kein Schwachsinn. Sprich alles aus was du denkst, was du weisst. Ich will es hören."
Es kam ihr vor, als wäre sie noch nie so ehrlich gewesen. Aus großen Regenaugen blickte sie ihn an. Sie wusste nicht, ob er in ihnen lesen konnte und so sehr sie dieser Gedanke auch abschreckte, irgendwie wünschte sie es sich auch. In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie sehr sie ihn brauchte. Doch sie wollte ihn nicht verbrauchen, nicht auf Kosten ihrer sündhaften Seele. Er war dazu zu... Oh, Fenris. Sie fühlte sich, wie an einem tiefen Abgrund und alle ihre Gedanken fielen langsam von ihr ab. Lösten sich und trudelten federnstill in den Abgrund. Ihre leere Hülle, dann vom Wind erfasst, trieb über die Felder. Er musste weitersprechen und sie mit Worten füllen, so schwer wie Steine. Nur so konnte sie das Abheben verhindern und hier bei ihm bleiben. Nur so.
21.06.2012, 19:09
Stille herrschte. Stille, die es schon so oft zwischen den beiden gegeben hatte und die bisher eigentlich nie unangenehm oder peinlich gewesen war. Doch jetzt wünschte Kirov so sehr, diese Stille zu vertreiben, dass die Ohren an den Hinterkopf presste, was wohl auch ein großes Zeichen seiner Unsicherheit war. Er hatte Amáya gesagt, was er dachte, er hatte es aus sich raus schwemmen lassen wie ein Schwall von Wasser. Er hatte nicht wirklich mit einer Reaktion gerechnet. Vielleicht mit einem Grinsen, doch es blieb zu seiner Erleichterung aus. Noch immer etwas unbehaglich blickte er der Nachtschwarzen wieder in die regenblauen Augen. So gerne würde er wissen, was sie dachte, was sich hinter der Maske aus Stein abspielte und den unendlich tiefen Augen. Sein Blick zuckte von einem Auge zum anderen und er kam ihr unbemerkt etwas näher, sodass er meinte, ihren sanften Atem auf seinem Fell zu spüren. Es war ganz anders mit Amáya zu reden als mit Ahkuna oder auch Daylight. Dort war es völlig normal, wenn man sich mal berührte, oder lachte, doch niemals würde Kirov auf den Gedanken kommen, seine Schnauze in Amáyas weiches, pechschwarzes Fell zu drücken, das sich so an ihren Körper schmiegte. Er hatte eigentlich nie so richtig darüber nachgedacht, sie zu berühren. Es war ein vollkommen fremder Gedanke, den er lieber gar nicht umsetzen wollte, aus Angst vor ihrer Reaktion darauf.
Als sie sprach, schien für ihn eine Ewigkeit vergangen zu sein und sein Blick klebte an ihren vertrauten Augen, die noch tiefer wirkten als sonst. Er sollte reden. Ein feines, fast unmerkliches Lächeln schlich sich auf seine Lefzen. Ihre Stimme war so voller ernst gewesen, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass es nur ein Spaß ihrerseits war. Er wollte reden, nur für sie. Reden, bis es keinen Morgen mehr gab, bis er keine Luft mehr bekam. Nur für sie. Weil sie es wollte.
„Du willst wissen was ich denke, was ich weiß und gehört habe? Ja, vielleicht bist du eine Mörderin, eine, die einen anderen Wolf tötete, vielleicht sogar mit Absicht … aber wenn wir ehrlich sind, hat doch jeder schon gemordet. Die Feinde aus der Zeit als Jungwolf, Rivalen … sogar ich habe schon jemanden getötet. Es ist keine Schande, nur weil man das Blut von anderen Wölfen unter den Pfoten hat. Wer auch immer dich deswegen verabscheut, derjenige versteht den Sinn des Lebens nicht. So jemand hat dich gar nicht verdient.“,
er ließ ein bitteres Lachen hören, ganz leise, ebenso wie seine Worte. Die himmelblauen Augen des Rüden wanderten etwas in die Ferne, als würde sie jemand belauschen, ehe sie sich wieder auf die von Amáya legten. Er wusste selber nicht, wovon er genau redete, was ihm da über die Lefzen ging und eigentlich konnte ihm das gerade auch egal sein. Außer Amáya hörte es niemand. Außer Amáya würde es niemand mitbekommen.
„Ich rede nur für dich, weil es mir egal ist, was du getan hast, auch wenn du anders denkst. Ich habe dir nicht umsonst das Versprechen gegeben. Und ich halte sie. Es schreckt mich nicht ab. Es stört mich nicht. Im Gegenteil … du bist mir irgendwie wichtig geworden, auch wenn du völlig anders bist als alle Wölfe, die ich je getroffen habe. Aber weißt du, was ich am schlimmsten finde?“, er stoppte kurz und war ihr nun noch näher als zuvor, sodass seine Schnauze nur wenige Millimeter von ihrer entfernt war. „Das du dich selber umgebracht hast. Du hast dich schon längst weggeworfen oder? Man sieht es dir an, man sieht es in deinen tiefen Augen, die aussehen wie zwei Pfützen aus Regenwasser, so unendlich tief und unergründlich. Ich weiß, ich rede nur, vielleicht rede ich nur Müll, den du gar nicht hören willst … aber ich rede nur für dich.“
Kirov atmete aus und zog den Kopf etwas zurück, weil er erst jetzt die fehlende Distanz richtig realisierte. Etwas scheu nach diesen letzten Worten, die er einfach ausgesprochen hatte, weil sie ihm in den Sinn gekommen waren, klappte sich eines seiner Ohren zurück und er blickte die Nachtschwarze an.
21.06.2012, 19:50
Sie hatte Angst, bemerkte sie. So sehr sie auch seine Worte hören wollte, im Stillen hatte sie Angst vor ihnen. Sie konnte Kirov nicht einschätzen, sie wusste nicht, wie viel er noch wusste. Sie wusste nicht, ob die bösen Worte erst noch folgen sollten, falls es sie gab.
Unsicherheit. Eben hatte sie sich in seinen Zügen wiedergespiegelt und es war, als wäre sie durch den Blickkontakt der beiden Wölfe direkt in das Herz der Schwarzen gelangt.
Es war so verwirrend. Sie wusste nicht, was mit ihr passierte. Sie kannte die Bedeutung dieses Moments nicht, jedoch spürte sie, wie wichtig er war. Sie wusste noch nicht, was der graue Rüde ihr bedeutete. Eins war aber trotzdem war, stellte sie fest. Er bedeutete ihr viel, mehr als je ein Rüde zuvor. Sie hatte Angst vor dieser Bedeutung. Oh, sie war so feige. Sie schämte sich ihrer selbst.
Da, endlich lächelte er! Es war nur zaghaft, eine leichte Bewegung seiner Gesichtsmuskeln. Sonst wäre ihr so eine nichtige Veränderung gar nicht aufgefallen. Doch heute, selbst im Schatten der Nacht, fühlte sie ein bisschen Erleichterung bei diesem Anblick. Sie schaute ihm zu, folgte den Bewegungen seiner dunklen Leftzen. Seine Stimme schwang in langsamen Wellen zu ihr hinüber, echoten in ihren Ohren nach. Die Schwingungen fuhren ihr bis in die Pfoten, ja selbst bis in die weit entfernte Rutenspitze. Sie sog seine Worte in sich auf, wie sie sich sonst nur nach dem erlösenden Regen sehnte. Über soetwas hatte sie noch mit Niemanden gesprochen, noch nie hatte jemand soetwas zu ihr gesagt. Und irgenetwas, ja irgendetwas in seiner Stimme, in seinen Augen, sagte ihr, dass er begann, zu verstehen. Das er ein bisschen vielleicht davon verstand, was die Regentochter war.
Sie fühlte sich so weit von der Realität wie noch nie, gleichzeitig spürte sie ganz eindeutig, dass sie vielleicht endlich bald dort ankommen würde. Wie in einem Paralleluniversum, welches sich plötzlich in dem Wald des Tals der Sternenwinde aufgetan hatte und der nur Kirov und sie enthielt. Seine Worte waren wahr, so wahr, auch wenn sie nicht mit allem übereinstimmen konnte.
"Ja, ich verdiene mich selbst nicht.", flüsterte sie leise, den Blick trüb, fast als würde sie durch Kirov hindurchschauen. Das Kühle ihrer Miene hatte sich endgültig abgeschwächt. Ein ernster Ausdruck lag nun dort zwischen ihren Augen, gemischt mit einer Spur Melancholie. Sie war wie vor den Kopf getroffen.
Schließlich war sie die Einzige, die Amáya verabscheute. Sie hätte es tausendmal verstanden, würde es ihre Familie tun, aber sie tat es nicht. Sie vergaben ihr immer wieder. Aber wieso?! Leichte Wut mischte sich in ihren Blick. Sie verlangte Antworten, aber sie waren noch so weit entfernt. Das bittere Lachen erinnerte sie plötzlich daran, dass Kirov noch da war. Sie hob den Blick und alles was darin zu sehen gewesen war, verschleierte sich in den dichten Fluten ihrer Augen. Sie fühlte sich viel zu verletzlich. Sie wollte nicht, dass er sah, was sie fühlte, gleichzeitig sagte ihr etwas, dass er genau das wollte. Was tun? Sie fühlte sich hin und her gerissen und allein. Am Ende gab sie sich doch wieder seinen Worten hin. Die Herzschläge brachten sie weiter. In eine düstere, schmerzhafte Zukunft zwar, aber mit Kirov. Mit jemanden, der ihr diese Zukunft unsicher machte.
Sie war ihm wichtig geworden. Ihr Herz pumpte Blut durch ihre Venen und sie spürte den Druck in den Gefäßen deutlich. Es war mit Hoffnung erfüllt, die nur der Graue in ihr auslösen konnte und es drohte, den Käfig mit freudigem Licht zu zerbrechen.
Doch dann, dann erlosch das Licht, welches nicht in ihren Augen zu finden gewesen war. Er war ihr schrecklich nah gekommen. Sie konnte seinen flachen Atem gegen ihre Schnauze branden spüren. Millimeter trenten das Grau vom Schwarz. Es war ihr fast, als würde sie gleich zu zittern anfangen. Ihre Innereien zogen sich zusammen, ihr Herz duckte sich die Worte fürchten hinter ihre Rippen.
Sie konnte sich selber nicht mehr halten. Alle Regler geöffnet, alle Barrikaden zerstört wandte sie sich ab. Ihre Läufe zogen sie weiter und binnen mehrerer Herzschläge nur erklomm sie eine kleine Anhöhe, von der sie über die Bäume sehen konnte. Der bröckelnde Stein vor ihren Pfoten, die dunkel rauschenden Baumkronen um sie herum. Ihre Augen waren geschlossen, doch wenn sie herabgeblickt hätte und ihren Kopf nur ein wenig zurückgewandt, hätte sie Kirov entdecken können. Sie war nicht weit gegangen, weder schnell, doch sie hatte es einfach nicht mehr länger ausgehalten. Zu viel Nähe, zu viel Wahrheit. Trotz des leise wispernden Windes war die Landschaft totenstill. Die Dämmerung war der Nacht gewichen und der Mond sandte ein wenig seines Lichtes über den Wald, auch wenn sie ihn nicht entdecken konnte.
"Du weisst zu viel, als das ich dich gehen lassen könnte."
Leise kamen diese Worte, doch für Kirov klar vernehmbar. Ihre Augen waren starr in die Ferne gerichtet, traurig, aber wenigstens zeigten sie Gefühl. Alles war verloren, er hatte sie gesehen. Die Nachtschwarze fühlte sich entsetzlich nackt. Sie wartete darauf, dass er kam. Sie musste vieles sagen, denn vieles steckte unausgesprochen. Jetzt war es an ihr zu reden, sie hatte schon viel zu lange geschwiegen. Sie schuldete es ihm, auch wenn ihr Inneres sich immer noch davor wand, sich weiter zu offenbaren.
24.06.2012, 01:42
Diese Nähe. Nähe zu Amáya, die bisher nie da gewesen war. Kirov war froh, auf Abstand gegangen zu sein, denn es hatte nicht viel gefehlt, bis seine Schnauze die ihre berührt hätte und mit einer solchen Berührung hätte er selber nicht gerechnet. Doch nur einige Sekunden zuvor, hatte so etwas wie Panik seine Regennacht ergriffen. Sie war weggelaufen. Vor ihm, vor seinen Worten und vor seiner Nähe. Verwirrt blickte Kirov ihr nach, eines seiner Ohren klappte sich nach hinten und man sah deutlich, dass er nicht wusste, wie er darauf reagieren sollte. Gefühle durchfluteten ihn. Angst davor, dass er sie alleine durch seine Worte traurig oder wütend gemacht hatte. Dabei war das gar nicht mal seine Absicht gewesen! Alles war aus ihm herausgeflossen wie ein Fluss im Frühlingsanfang. Einfach alles, was ihm in dem Moment in die Gedanken gekommen war. Er erinnerte sich gar nicht mehr daran, jemals zu einem Wolf so ehrlich gewesen zu sein. Er war ein Lügner, ein Maskenspieler, jemand der zur neutralen Gliederung des Rudels gehörte. Selten konnte er vollkommen aufrichtig sprechen und es war schwer, die ehrliche Meinung geschickt mit Worten zu vertuschen, so dass es nicht so hart und grob klang, wie es eigentlich sein sollte. Doch bei Amáya hatte er das nicht getan. Nicht gedacht, nur geredet wie nie zuvor. Und jetzt … war sie weg. Leise Enttäuschung schlich sich in seine himmelsblauen Seelenspiegel. Die Schwarze war nicht weit gelaufen, nur ein paar Meter und es war verwirrend für den Gemusterten, die sonst so steinerne Fähe so zerbrechlich zu sehen. Es war anders und er mochte es nicht, obwohl er Veränderungen normalerweise ohne Wenn und Aber hinnahm und lernte damit zu leben. Doch wenn er Amáya so anschaute, weckte es eher das Gefühl in ihm, sie beschützen zu wollen und das war gewiss nicht das, was sie brauchte. Oder doch? Unschlüssig erhob sich der Rüde und trat einen unsicheren Schritt auf die Fähe zu, die am Boden lag, als hätten seine Worte sie getroffen wie Schlag ins Gesicht. Sollte er sie alleine lassen? Zu ihr gehen? Einfach hierbleiben und warten? Er wusste nicht, was zu tun war, schließlich hatte der Rüde sich bisher noch nie in einer solchen Situation befunden.
Amáyas Wispern war wie Sonne für sein Herz, in dem kurz zuvor der Nieselregen losgegangen war. Sie konnte ihn nicht gehen lassen. Wenn sie nur wüsste wie sehr ihn dieser Satz in dieser Lage aufheiterte, hätte sie ihn wahrscheinlich schief angeguckt. Die Sommeraugen des Rüden hellten sich wein wenig auf und neue Entschlossenheit fuhr durch seinen Körper, sodass seine Beine sich in Bewegung setzten und zu dem schlanken Leib auf dem Boden schritten. Gerne hätte er ihr Trost gespendet, sich neben sie gelegt und ihre unterkühlte Seele gewärmt, doch er wollte nicht, dass sie ihn wieder verließ. Darauf bedacht, sie nicht zu berühren, setzte er sich also neben sie, folgte dem starren Blick seiner Regennacht in die Ferne und atmete aus, sodass sein Brustkorb sich senkte.
„Du könntest mich immer gehen lassen, egal wie viel ich weiß. Ich werde niemanden etwas sagen. Das Problem ist nur … dass ich dich vielleicht nicht alleine lassen werde.“
Er blickte sie nicht an, starrte einfach geradeaus, ebenso wie sie es tat. Ob es richtig gewesen war, einfach das zu sagen, was er dachte und fühlte? Amáya zu vergessen war das letzte was er wollte. Er wollte nicht, dass ihre Wege sich kreuzten, dafür war sie ihm mittlerweile viel zu wichtig geworden. Wie ein Bestandteil, ein Ziel. Sein Ziel, dass er niemanden verraten durfte. Kurz blickte er sie von der Seite an, doch er befand es für besser, sie mit seinen Blicken in Ruhe zu lassen, anstatt sie damit zu belästigen. Er wollte nur, dass sie redete, ebenso wie er es getan hatte. Das sie ihm Antwort gab und ihn aufklärte, was mit ihr geschehen war. Er wollte alles wissen, das war sein Wunsch, ein Wunsch, den er ihr nicht verraten durfte, weil er doch insgeheim nicht wollte, dass alles zwischen ihr und ihm kaputt ging, bloß, weil er sie dazu zwang, alles was sie bedrückte auszusprechen. Es könnte alles zerstören, den dünnen Draht zum reißen bringen, obwohl er doch schon zitterte. Kirov wusste nicht, wie es im Rudel sein würde, wenn er dieses Gespräch mit Amáya beendet hatte. Sollte es so weitergehen wie bisher? Dass er nur mit stummen Blicken beobachtete, wie sie mit anderen redete? Er wollte das nicht, doch was sollte anderes geschehen? Ratlos wanderte sein Blick über den Horizont, während seine Gedanken über Amáya in seinem Hirn herumtanzten, als wäre es die letzte Nacht auf Erden.
17.07.2012, 20:37
Irgendwie gab es ihr ein berauschendes Gefühl, eine andere Seite von ihm kennenzulernen. Doch war es für ihn das selbe? Über sie gab es nichts schönes herauszufinden ; sie war schwach und hatte Angst vor der Veränderung. Während es sie faszinierte ein ganz neues, bitteres Lachen aus seinen Fängen zu hören, würde es ihn wahrscheinlich nicht freuen, wenn sie... Ja, wenn sie was? Sie wusste selbst nicht mehr wirklich, wie die wirkliche Amáya handelte. Wieso wohl! Es gab doch längst keine wirkliche Amáya mehr, nur dort drinnen, irgendwo in diesem Schädel. Verkleidet mit Masken wusste sie nicht mehr was zu tun, wenn sie plötzlich splitternackt da stand. Ihr schwindelte es, so wie zuletzt bei dem Erdbeben im Sumpf, als sie von einem Stein getroffen wurde. Sie hatte sich zurückgezogen, weil sie seine Nähe nicht weiter aushielt. Es schmerzte, ihn so nahe zu spüren, gleichzeitig wäre sie wohl endgültig durchgedreht, wenn Kirov jetzt gegangen wäre. Schon verachtete sie sich selbst, dass sie nicht dort stehen geblieben war. Verdammt, verdammt. Aber was konnte sie schon tun? Gedankenfetzen schwirrten durch ihren Schädel wie Kanonenkugeln. Gut, dass sie sie nicht durchlöcherten. Sie schluckte, zwang sich zu irgendeinem normalen Gedanken, ohne wirklich Erfolg zu haben. Langsam beruhigte sie sich ein wenig und nun waren es die Wörter des Grauen, die durch ihren Kopf geisterten. Hass kochte in ihr aus, als sie an den jüngsten Fehler ihrer langen Geschichte dachte, bitterer Selbsthass. Sie hoffte, Kirov nahm ihre (...) Flucht nicht falsch auf. Schließlich hatte sie ihn doch gebeten ohne Hemmungen zu sprechen! Er sollte nicht enttäuscht sein, nur weil sie in ihrer Dummheit nicht geahnt hatte, wie viel er wusste. Denn er war so viel mehr, als sie gedacht hatte, bemerkte sie jetzt dunkel. Sie schluckte entschieden und drückte ihre Schultern durch, das Steinerne langsam in ihre Körperhaltung zurücksichernd lassen. Nur ihr Gesicht war nun sanfter, eine spur ehrlicher als sonst. Beherrscht, aber nicht kühl und nicht abweisend. Nur das leichte Beben der Erde machte ihren überempfindlichen Sinnen bewusst, dass er auf sie zu kam. Erleichterung gepaart mit leichter Angst durchströmten ihren Körper. Es war so seltsam, plötzlich nicht mehr für sich allein zu sein. Es war so seltsam, plötzlich auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen, weil man nicht wusste, wie der andere dachte. Weil sie eigentlich gar nicht wusste, wer dieser Kirov war. Sie spürte die Wärme seines Körpers neben ihr in der kühlen Nacht, auch wenn keine Berührung sie streifte. Ein letzter, etwas zittriger Atemzug. Dann eine klare, leise und bestimmte Stimme. Anscheinend Ruhe zeigend, die in ihrem Inneren aber so gar nicht anwesend war.
"Gut. Du warst ehrlich zu mir und vielleicht muss ich das einmal im Leben auch verdammt nochmal sein." Ein wenig Wildheit strich über ihren Gesichtsausdruck, verschwand dann aber, wie ein kurzer Nieselregen im Sommer. "Ich habe dich unterschätzt. Dabei hast du tiefer gesehen, als es je ein Wolf vor dir konnte. Ich schäme mich dafür, ja, es ist ein ungewohntes Gefühl , und ja, ich habe ein wenig Angst...", sie zögerte ein wenig, spürte die Versuchung, ihn anzuschauen. "Aber ich bereue nicht, dich getroffen zu haben. Nur hast du mich wie ein Sommergewitter aus heiterem Himmel ertappt. Ich habe in meinem Leben eine Menge Fehler gemacht und wurde auch bestraft, für meine eigene Gier. Ich will nicht, dass du auch zu einem meiner Fehler wirst."
Sie hörte auf in den nächtelichen Himmel zu starren und wand ihren Kopf mit einer feinen Bewegung zu Kirov. Sie schwieg eine Weile, seine Züge studierend. Ein Sommergewitter, ja. Er war so viel entschlossener als sie. Und er spielte besser mit den Masken als sie.
"Was hoffst du denn damit zu erreichen, dass du bei mir bleibst?"
Die Frage klang leicht herausfordernd und ihre Augen blickten forschend. Ihr ganzes Auftreten schien nun wie ein einziger, zittriger, Balanceakt auf einem dünnen Grat. Ihre Mimik, ihre Augen, ja auch ihre Stimme schwankte zwischen dem Bedürfnis, sich zu verstellen und dem Verlangen, ehrlich zu sein. Sie wirkte nicht steinern, sondern eher wie seichtes Wasser. Man sah, dass sich etwas unter der Oberfläche bewegte, doch all der Flussschlamm verhinderte, dass man die Gefühle darunter wirklich klar sehen konnte. Neben ihr konnte sie den älteren Rüden leise atmen hören.
10.08.2012, 01:10
Ein sanfter, aber kühler Wind strich durch sowohl durch Kirovs gemustertes Fell, als auch durch Amáyas pechschwarzes. Es war wirklich kalt. Zuvor hatte er sich überhaupt keine Gedanken gemacht, denn in seinem Kopf war nur Amáya. Sein Blick wurde sanft, als er die Regenfähe anblickte, doch sie sah es nicht. Vermutlich war das nur gut so. Als sie ihre Stimme erhob war sie nicht zittrig und dünn, wie man vermutet hätte, sie war klar und drang an sein Ohr, so dass er sie gut verstehen konnte. Sein Blick legte sich auf ihr Gesicht und er studierte ihre schönen Züge. Sie wirkte nicht mehr so versteinert wie zuvor und als ein kurzer Ausdruck über ihr Gesicht huschte, lächelte er kurz, lauschte aber weiterhin ihren Worten. Leiser Stolz flammte in ihm auf. Er war der Erste, der hinter ihre Maske blicken durfte. Der ihr vielleicht sogar etwas bedeutete. Eigentlich war es genauso bei ihm. Sie war wohl auch der erste Wolf, der anfing, ihm wirklich wichtig zu werden. Amáya war anders, aber genau das war es, was sie wichtig machte. Und dass er ihr vielleicht auch wichtig war, machte ihn glücklich. Er lauschte ihren schönen Worten, bis sie ausklangen und erwiderte schließlich den Blick ihrer dunklen Augen. Innerlich schlug sein Herz schneller und er hätte ihr am liebsten entgegen geschrien, wie froh ihre Worte ihn doch machten. Das er bestimmt nicht als einer ihrer Fehler enden würde und das er glücklich war, dass sie es nicht bereute, ihn getroffen zu haben. Doch sein Gesichtsausdruck blieb neutral, auch wenn seine Augen vollkommen offen und sanft in ihre blickten. Er durfte ihr ihre Gefühle nicht zeigen. Jetzt noch nicht. Als ihre Frage kam, was er sich damit erhoffte, wenn er bei ihr blieb, zuckten seine Ohren. Auf die Frage wusste nicht einmal er eine geschickte Antwort. Es war aus reinem Impuls gewesen, was er vorhin zu ihr gesagt hatte. Und er hatte es ehrlich gemeint. Er wollte sie nicht alleine lassen, auch wenn sie ihn wegschickte. Was er sich dadurch erhoffte, wusste er selber nicht einmal, auf jeden Fall nicht in diesem Moment. Er brach den Blickkontakt ab und starrte in die Ferne.
„Ich werde keiner deiner Fehler sein, da bin ich mir sicher. Ich passe schon auf, dass das nicht passiert. Und ich bin froh, dass ich dich damals, als wir uns das erste Mal getroffen haben, nicht in Ruhe gelassen, sondern einfach weiter genervt habe“, er drehte den Kopf und blickte sie wieder an, diesmal zierte ein Lächeln seine Lefzen. „Und was ich dadurch erreichen will ... ich weiß nicht, vielleicht dich.“
Und schon hatte er es ausgesprochen. Einige Sekunden verstrichen und der Rüde wandte erneut den Blick ab, diesmal etwas beschämt. Es war ihm einfach über die Lefzen geglitten. Ja, er wollte sie erreichen. Sie war sein Ziel. Er hoffte, dass sie es nicht falsch sah, oder beleidigt war oder sonst was. Er wollte einfach nur, dass sie zu ihm ehrlich war. Er vertraute ihr, obwohl er sie doch kaum kannte und dieses Gefühl löste für ihn alle Barrieren. Kirov wollte sie nicht gehen lassen, auch wenn er wusste, dass sie jederzeit gehen konnte, wann sie wollte. Und er würde sie nicht aufhalten.
(Tut mir leid, etwas kurz, aber ich muss erst wieder in ihn reinfinden <3)
11.08.2012, 23:31
Sie fühlte sich so unendlich weit von allem Lebenden, von jedem einzelnen Mitglied ihrer Familie und ihres Rudels, ja sogar weit weit weg von allen Käfern, Vögeln und sonstigem Getier, welches auf dieser Erde wandelte. Gleichzeitig waren ihr die Toten, die Geister und sogar die Götter plötzlich fremd. Als hätten sie nie existiert.
Als gäbe es nur noch Kirov und sie und die Zeit wäre nie gewesen. Der Moment schien nie vorüber zu gehen, wie ein Einatmen, welches nie endete. Ihr erster Atemzug? Sie wusste es nicht. Die Welt um sie herum schien wie gelähmt und Kirov war der Herzmuskel, das Einzige, was weiterpulsierte, egal was passierte. Es war nicht real. Das musste ein Traum sein. Ein süßer Albtraum. In ihrem Herzen quirlte es unablässig und sie spürte ganz deutlich, wie eine unsichtbare Kraft an ihrem Kopf zog, immer stärker in die Richtung, wo der Melierte saß. Sie wollte ihn anschauen, aber sie hatte Angst davor, was sie in seinen Augen erblicken würde. Als wäre es eine verbotene Nachricht, von der man nicht weiß, ob man sie wirklich lesen will. Denn manchmal war die Wahrheit so niederschmetternd, dass man sich lieber weiter selbst belog. Manchmal war es besser, sich selbst etwas vorzugaukeln. Sich einzureden, es wäre anders, bis man sich selbst wirklich glaubte. Sie biss ihren Fang zusammen, sodass es leicht knirschte. In der Stille der Nacht, in der nur der Wind durch die Baumkronen säuselte, war es ein erschreckend reelles Geräusch. Sie fragte sich, ob dieser Moment ähnlich schwierig für Kirov war, wie für sie. Sie hätte ihn gerne gefragt, das erste Mal in ihrem Leben, dass sie die Situation nicht nur aus einer einzigen, starren Perspektive sah. Dieser Rüde begang Wunder. Wunder, welche sie aufhorchen ließen, ob da nicht doch mehr auf sie wartete, als das sinnlose ausharren ihrer Lebensfrist. Sie hasste die Hoffnung, die er ihr gab, aber überraschenderweise konnte sie diesen Hass nicht auf ihn projezieren.
Ihre Seelenspiegel huschten doch hinüber zu seiner dämmerigen Gestalt. Der Mond, erst vor kurzem augegangen, spendete ihnen spärliches Licht. Der kalte Wind streute diesen Silberschimmer über das Fell des älteren Rüden und zauberte damit nie gesehene Schatten in seine Züge. Das Mondlicht gab ihm eine Tiefe, die sie nie vorher gesehen hatte. Sie starrte ihn eine ganze Weile an, während der Wind, welcher eben noch sanft ihr Gegenüber gestreichelt hatte, nun unbarmherzig nach ihr schlug. Er pfefferte seine Kälte ihr direkt ins Gesicht, doch sie verzog nicht einmal die Mundwinkel. Sie war es gewohnt, so behandelt zu werden. Sie hatte so vieles akzeptiert, dass sie wohl aufgebracht gewesen wäre, hätte der Nachtwind sie umschmeichelt.
Der Sanfte Ausdruck seiner Augen machte sie unsicher. Ein Strahl Tageslicht, welches ihr erfrierendes Herz ein wenig zu wärmen vermochte. Doch so offen er sie auch anblickte, so schön jene Musterung um seine Leftzen war, sie konnte nichts weiteres an ihm erkennen. Ein leichter Schwall der Verzweiflung traf sie. Was dachte er jetzt? Mochte er die Situation oder nicht? Was bedeutete dieser sanfte, aber aussagungslose Ausdruck? Alll die Sicherheit, die sie bis jetzt in ihrem kalten, einsamen Leben geführt hatte, war verschwunden. Sie hatte sich irgendwo in ihrem Schneckenhaus versteckt und sich immer weiter in ihre eigene Bitterkeit und dden Selbsthass hieningefressen. Nun wurde sie hinausgeschleudert, in eine Welt, in der sie schon immer fremd gewesen war. In eine Welt, die sie schon immer als zu kalt empfunden hatte und sich deswegen in der sicheren Wut der Verzweiflung eingelullt hatte. Nun war es Kirov, der über das weite Meer der Baumspitzen blickte.
"Ich verstehe dich nicht." ,hauchte sie ehrlich und schüttelte ihr Haupt. Die Entschlossenheit von eben war zwar nicht verschwunden, doch sie war auch nicht mehr zu sehen. Ihre Worte entsprachen der puren Wahrheit. Sie schloss die Augen und ließ ihren Kopf hängen. "Von mir aus!", fuhr es plötzlich aus ihr heraus und ein bitterer Ton mischte sich hinein. "Wieso zögerst du dann noch? Siehst du nicht, dass du mich schon zum äußersten Rand geschoben hast?! Ich bin näher am Wahnsinn, als mich je einer gebracht hat."
Sie riss ihren Kopf von ihm weg und stierte mit zusammengepressten Kiefern in die andere Richtung. Dorthin, wo der Mond nocht kein Licht warf. Dorthin, wo keine Schatten waren, nur komplette Dunkelheit. Sie merkte, dass sie den Tod betrachtete. Eine warme Dunkelheit, die nach ihr rief, mehr denn je. Doch zur gleichen Zeit war sie so unendlich weit von jeglicher Idee des Lebens und des Todes entfernt, dass ihr überhaupt die Idee absurd erschien, diesem Ruf zu folgen. Sie wusste, dass sie bald eine Klippe erreichen würde. So ein Grat lief nicht ewig genauso weiter wie er war. Irgendwann musste sie springen und dann... Dann wäre es verdammt schwer, sich wieder auf diese verdammte Niemandsland zu kämpfen. Ihrer Heimat, aus der sie dieser Himmelswolf geklaut hatte. Dieser Wolf, der ihr jede Vorstellung, die sie von der Welt hatte, einfach mit einem neckischen Lachen zerstört hatte. Ein Fremder, von dem sie genau wusste, was er wollte. Das Problem war, dass sie selbst nicht wusste, was SIE wollte. Jegliche Emotion war aus ihrem Blick gewichen.
"Du hast mich doch schon längst zw...", ihre Stimme zitterte, doch sie war stark. Trotzdem brach sie ab und stierte weiterhin in die Düsternis. "Wer bist du überhaupt, Himmelsauge...", flüsterte sie in die Nacht hinein und der Wind trieb die Worte durch die Stille. Ein leichtes Schaudern durchfuhr sie, sodass jeder ihrer tiefdunklen Fellspitzen erzitterte. Sie war sich nicht sicher, ob es nur wegen der Kälte war. Sie wusste gar nichts mehr.
12.08.2012, 00:31
Der bittere Schmerz der Sehnsucht pulsierte in Kirovs Venen und Arterien, sogar in den dünnsten Verästelungen seiner Kapillaren. Das spürte er ganz genau. Sein ganzer Körper wollte sich neben Amáya legen, ihr Wärme und Trost spenden, doch sein Hirn war strikt dagegen, sich noch mehr in ihre Nähe zu begeben. Er achtete stets auf den körperlichen Abstand zu ihr. Nicht einmal sein Fell erreichte sie. Er war ihr seelisch schon so nah, dass der physische Kontakt ohnehin nichts bewirken würde. Oder vielleicht doch. Es würde vielleicht wieder bewirken, dass seine Regennacht durchdrehte und vor ihm weglief und das war sein letzter Wille. Sie konnte ihn anschreien und niederstarren wie es ihr beliebte, solange sie in seiner Nähe blieb. Wenn er mit ihr alleine war, war es so vollkommen anders. SIE war vollkommen anders. Im Rudel gab es immer nur die stummen Blicke, die sie sich zuwarfen, kein Wort und keine Nähe. Es war dann immer so, als wären sie Fremde. Als hätte nie jenes Gespräch stattgefunden und als hätte er ihr nie das Versprechen gegeben. Vermutlich ging es Amáya immer noch darum, um dieses wichtige Versprechen. Doch für Kirov rückte es immer wieder in den Hintergrund und rückte meistens in den unpassendsten Momenten wieder ganz nach vorne, so dass er an nichts anderes mehr denken konnte.
Ihre gehauchten Worte ließen ihn die Ohren spitzen und er blickte sie wieder an. Ein kurzer, ausdrucksloser Schatten huschte über seine himmelsblauen Seelenspiegel. Sie verstand ihn nicht. Aber was genau verstand sie nicht? Verwirrt blickte er sie an, als sich ein so bitterer und doch so schmerzlich gewohnter Ton in ihre Stimme mischte. Ihm fiel erst jetzt auf, wie sehr sie sich in seiner Gegenwart veränderte. Anfangs war sie immer so gewesen, so unerreichbar und verbittert, doch vorhin war sie so sanft und verletzlich … doch auch diese Phase war schon wieder vorüber. Sie verschloss sich. Erneut. Vor ihm. Weil er sie dazu trieb? Zu seinem unwohlen Gefühl mischte sich schlechtes Gewissen, eine schmerzhafte Mischung, die er noch nie verspürt hatte. Sie hatte sich von ihm abgewandt und er blickte nur starr und wortlos ihren Hinterkopf an. Hatte er doch lieber schweigen sollen? Sich irgendwelche Lügen einfallen lassen und alles wieder gerade biegen, wie er es sonst immer tat, damit alle Welt glücklich und zufrieden war? Nein, dass war so vollkommen falsch ihr gegenüber. Noch immer stumm und etwas verletzt blickte er sie an, doch dann erhob sich wieder ihre schöne Stimme. Sie klang anders als zu vor. Sie brachte ihren Satz nicht zu Ende. Er hatte sie doch schon längst was? Zum Abgrund getrieben? Dieser Gedanke versetzte ihm einen solchen Stich, dass er am liebsten einfach gegangen wär, mitten in die Finsternis, wo ihn niemand sah. Und ihr letzter Satz war fast noch ein weiterer Schlag ins Gesicht. Sie nannte ihn nicht Kirov, sondern „Himmelsauge“. Sollte dies nun sein neuer Titel sein?
„Wer ich bin?“, eine kühle Bitternis kroch in seinen Blick und seine Stimme wurde härter, „Wer soll ich schon sein. Ein einfacher Wolf, ohne Glauben an Götter und die Welt, ein Außenseiter in diesem Rudel. Ich weiß doch selber nicht einmal, wer ich bin und was ich tun soll.“
Worte, die immer nur unausgesprochen in seinem Inneren gehaust hatten. Nie hatte er sie jemanden gesagt und doch waren sie die pure, fies schmeckende Wahrheit. Amáyas Worte hatten etwas in ihm ausgelöst, doch er wusste selber nicht einmal was. Er redete selten über sich und vermied es immer, wenn es ging. Doch Amáya hatte sein Inneres erreicht, sein verschlossenes und tief verstecktes Inneres, das er jedem vorenthalten hatte, sogar sich selber. Vielleicht hatte die Regennacht ihn mit dem Selbsthass angesteckt. Er schüttelte den Kopf, wie um all die finsteren Gedanken, die gerade dort umherschwirrten zu vertreiben. Ein leichtes Seufzen glitt ihm über die Lefzen und die Unruhe, die seinen Körper heimgesucht hatte, milderte sich endlich, so dass seine Stimme wieder ruhig und leise klang.
„Ich will dich nicht verwirren, Amáya. Und vor allem will ich dich nicht in den Wahnsinn stoßen. Wenn du mir das schon vorher gesagt hättest, dass ich dich so verwirre, dann …“, er verstummte und seine Ohren zuckten. Dann hätte er sich nicht so an sie gebunden. Doch er wagte es nicht, es auszusprechen, schließlich wollte er seine Regennacht nicht noch mehr kränken als er es ohnehin schon getan hatte. Dafür war sie viel zu kostbar. Sie wusste nicht einmal, wie wichtig sie ihm geworden war und wenn er sie jetzt verließ, würde wohl immer eine innere Leere und Unvollkommenheit in ihm herrschen und das Versprechen, was er ihr gab, würde ihm im Kopf herum spuken. Er war verzweifelt. Selten hatte er sich so gefühlt, doch jetzt war es, als wäre all seine Freude von vorhin vertrieben worden von der Verzweiflung. Amáya hatte sich erneut verschlossen und er wusste nicht, was er tun sollte, um sie wieder zu erreichen.
12.08.2012, 13:06
Sie spürte wie jeder Millimeter ihrer Haut kribbelte, es musste wohl an der plötzlichen Durchblutung hängen. Sie wusste gar nicht mehr, wieso sie Kirov nicht mehr anschaute. Wieso hatte sie sich plötzlich so aufgeregt? Es musste für ihn schrecklich falsch aussehen. Kein Wunder, es war ja auch falsch. Zum Glück konnte er nicht sehen, dass ihre makellos weißen Fänge auf den dunklen Leftzen herumkauten. Es passte nicht zu ihr, der immer perfekten, eleganten Marmorfähe. Natürlich war es jetzt zu spät, um über solche Eitelkeiten nachzudenken, aber irgendwie schlich es sich doch in ihre Gedanken und brachte sich nur noch mehr dazu, sich selber zu verfluchen. Das war alles so schrecklich kompliziert. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte und das Schweigen zwischen ihnen wurde immer schwerer und schwerer. Um sich abzulenken trieb sie ihre Gedanken hinaus in das endlose Meer ihrer Erinnerungen und überließ es Fenris, dem Schiksal oder auch dem Wind, welche sie erfüllen sollte.
Die Szene, die ihr in den Kopf sprang, war gar nicht mal so lange her. Es musste Anfang Herbst sein, auch wenn es kalt war und noch Schnee lag. Sie lief neben ihrer Schwester her, der Tyraleen, die sie schon immer bewundert hatte. Sie hob den Kopf, blickte in die goldenen Seelenspiegel und für einen Moment überkam sie schreckliche Angst. Sie hatten über Welpen geredet. Sie hatte gesagt, sie würde vielleicht eines Tages gerne Mutter werden. Das Gold weitete sich und überflutete sie mit Licht, von welchem sie instinktiv fliehen wollte, zurück in die sichere Düsternis. Auch dir wird irgendwann der richtige Rüde über den Weg laufen. Vielleicht solltest du, um es ihm leichter zu machen, nicht immer so verbissen dreinschauen." Die Worte schwebten durch das schwerelose Nichts, brausten dann über die Wipfel des nächtlichen Waldes und trafen sie schließlich wieder mitten in der unrealen Realität. Das hatte sie gesagt und wie Recht sie gehabt hatte. Sie schloss die Augen kurz und wusste, dass sie gerade eben genau das getan hatte, was sie nicht tun sollte. Nämlich verbissen dreinschauen. Nun war es die verkehrte Situation von eben. Sie wollte den Melierten anschauen, doch ihr Körper wehrte sich strikt dagegen, den schmalen Kopf zu drehen. Sie fühlte sich so endlos jämmerlich und hilflos. Eine ungeheure Neugier wütete in ihrem Inneren, doch ihre treue Hülle wollte sie vor dem Schmerz bewahren, den das Wissen mit sich bringen würde. Sie wollte ihrem Körper zuschreien, dass sie schon genug Schmerz gesehen und gespürt hatte, dass sie das kleine Bisschen auch ertragen konnte. Doch war es die Wahrheit? Konnte sie es ertragen, Kirov gegebenenfalls verletzt zu sehen? Zu wissen, dass sie erneut einen schrecklichen Fehler gemacht hatte, der vielleicht unverbesserlich war? Die Antwort war einfach ; ja. Sie musste.
Ein zittriges Einatmen, dann wandte sich ihren Kopf langsam zu ihm zurück. Vorsichtig, wie ein Rehkitz schaute sie ihn an. Es verschlug ihr fast den Atem, seine sonst so gleichmäßigen Züge so verletzt zu sehen. Ihr Herz zog sich schmerzhaft zusammen und schnürte ihr für einen Moment die Kehle zu, während er sprach.
"Das wollte ich nicht.", flüsterte sie, die Augen geweitet. Jetzt war er es, der bittere Worte redete. Er, der Härte zeigte. Und sie? Sie schaute nur stumm, gequält und zerrissen. Sie wollte doch so gerne verstehen, doch es gab einfach zu viele Stolperfallen in die sie hineintrappte. Diese Welt war ein Labyrinth ohne Hecken. Undurchdringlicher Nebel und sie wusste nie, wann sie sich selbst oder ihm wehtun würde. Der Schrecken wich langsam aus ihrem regenblauen Blick und ihre Atmung beruhigte sich. Gerne hätte sie jetzt sich selbst aufgefordert, klar zu denken, wenn sie nicht schon gewusst hätte, dass das unmöglich war. Sie schaute ihm zu, wie er schwerfällig seuftzte und sein Haupt schüttelte. Ein Wolf, der nicht wusste wer er war. Irgendwie klang das gar nicht so negativ in ihren dunklen Ohren. Sie hätte gerne nicht gewusst, wer sie war. Dann wäre alles viel leichter gewesen. Sie erinnerte sie vage daran, dass es irgendwo, in einer anderen Welt eine Schwester gab, in ihrer fremden Familie. Und diese Schwester hatte ihre Erinnerungen verloren und war eine völlig neue Wölfin geworden. Doch es war wohl nicht das selbe, wie bei Kirov.
Seine Ruhe steckte sie an und sie schüttelte entschieden den Kopf. "Nein!", schnitt sie ein und verhinderte damit, dass er seinen eh schon abgebrochenen Satz ja nicht doch weiterführte. "Es tut mir Leid. Du hast die eine Wahnsinnige angelacht, dass muss dir schon klar sein. Die Fehler, sie liegen nicht bei dir." Sie schaute ihm endlich wieder richtig in die Augen und zuckte ergeben mit den Schultern. "Sie liegen ganz allein bei mir." Und das taten sie schon immer, fügte sie in Gedanken hinzu. Aber damit konnte sie leben, schließlich hatte sie bis jetzt ja nichts anderes getan. Es war wie eien Achterbahnfahrt mit ihr. Im einen Moment war sie verzweifelt bis auf das Blut und wütend, dann wurde sie plötzlich ruhig und sanft. Sie wusste, dass es auch für Kirov anstrengend sein musste, sich mit ihr zu unterhalten. Müde und gleichzeitig hellwach legte sie ihren Kopf auf den felsig-erdigen Untergrund und schielte von unten zu ihm hoch. "Es tut mir Leid, das gefragt zu haben. Aber ohne Schmerz kommen wir nicht voran. Ich weiß, dass ich mir ständig wiederspreche, aber du musst verstehen,es ist nicht leicht für mich, so ehrlich zu sein, wie bei dir." Sie schwieg ein bisschen, hob dann ihren Kopf und lächelte schwach, aber irgendwie hatte es etwas kokettes."Außerdem verwirre ich dich doch auch, nicht wahr?"
Es war das zweite Mal, das sie ihn anlächelte. Das erste Mal, sie erinnerte sich noch genau, hatte es geregnet. Sie wünschte sich so sehr, dass es wieder tröpfeln würde. Dann würde sie sich sicherer fühlen, besser. Dann wäre dieses Gespräch nicht so dumm verlaufen. Schon damals, hatte sie ihre Masken nicht ganz halten können. Und heute? In dieser zeitlosen Nacht war ihre Fassade gänzlich gefallen und sie musste sich in fast jeder Sekunde ertappen wie sie sie unbewusst wieder versuchte aufzurichten. Sie spürte, dass sie weider dabei war, Kirov von sich zu stoßen. Dabei wollte sie das doch gar nicht.
13.08.2012, 04:08
Vermutlich hätte jeder andere Wolf ein solches Gespräch schon lange aufgegeben. Dieser Wechsel von Gefühlen und Emotionen war kompliziert und verwirrend und doch dachte Kirov nicht einmal daran, jetzt abzubrechen und einfach zu gehen. Vielleicht wäre es sogar besser gewesen, Amáya in Ruhe zu lassen. Sie würde wieder zurück in ihre unnahbare Hülle verfallen und ihr Gesicht würde wieder wie aus Marmor gemeißelt sein; kalt und schön. Ein anderer Wolf würde kommen und sie mit etwas Glück dazu bringen, ihre Maske wegzuwerfen. Aber so sollte es nicht sein. Er wollte derjenige sein, dem sie Vertrauen schenkte. Auch wenn er ihre Welt wohl vollkommen durcheinander brachte und den Wahnsinn in ihr auslöste, war der Gedanke noch unerträglicher, sie verlassen zu müssen, als ihr weh zu tun. Und mit jedem Beisammensein rückte für Kirov die Erkenntnis näher, dass sie sich gar nicht so unähnlich waren, wie er gedacht hatte. Auf den ersten Blick vielleicht, doch jetzt, wo sie sich schon bis zu seinem tiefsten Innersten gegraben hatte, musste er feststellen, dass ihre beiden Welten nur aus Masken bestanden und dass sie beide sich vor anderen verschlossen. Aber wer beachtete schon so etwas. Von außen war Amáya die Verschlossene und er der immer-Lächelnde. Einfache Fassaden, die immer mehr bröckelten und bei ihm schon gänzlich gefallen waren. Die Regennacht hatte in seine Seele geschaut, so weit wie noch kein anderer zuvor. Wer würde sich die Mühe auch machen? Er war ja schließlich immer nur der nette, redselige Geselle, der zuhörte und Meinungen teilte, doch dass er oftmals nur ein Lächeln aufsetzte, um auch ja freundlich rüber zu kommen, das fiel keinem auf. Oder das er immer nur den anderen bei ihren Problemen zuhörte, aber er selber nie über so etwas redete. Das kümmerte keinen. Und auch ihn hatte es nicht gekümmert. Die Welt war egoistisch und er hatte schnell gelernt damit zu leben und klar zu kommen und bis jetzt hatte er nie weiter darüber nachgedacht. Nur holte die Nähe zu Amáya die ganzen Gedanken und Gefühle aus ihm heraus, die er sonst immer sorgsam verschlossen hielt. Niemals hätte er gedacht, dass es eines Tages dazu kommen würde. Und dann auch noch von einer Fähe, die er bei dem allerersten Treffen noch als gefühlskalter Stein angesehen hatte. Wie die Dinge sich so schnell wendeten war doch immer wieder faszinierend. Klar war, dass Amáya seine Welt völlig auf den Kopf gestellt hatte. Sie brachte ihn dazu, anders zu denken, Härte zu zeigen und nicht immer nur geheuchelte Nettigkeit zu zeigen. Sie brachte ihn dazu, er selbst zu sein.
Sie hatte sich zu ihm umgedreht und noch immer schimmerte der Schmerz in seinen himmelsblauen Seelenspiegeln. Schnell versuchte er wieder neutral zu gucken, was aber bei ihrem gequälten Gesichtsausdruck so gut wie unmöglich war. Fast hätte er seine Schnauze gegen ihre gedrückt und ihr zugeflüstert, dass doch alles gut war, aber das wäre dann wohl seine erste Lüge ihr gegenüber. Oder? Manchmal war er sich selber nicht so sicher, wie es zwischen ihnen nun stand. Amáya hatte ihre Maske vollkommen abgelegt, zumindest für den Moment. Sie sah verletzlich und zerrissen aus und Kirovs Herz zog sich bei ihrem Anblick leicht zusammen. Es war ungewohnt, sie so zu sehen. Ohne ihre steinerne Maske, die er doch so gewohnt war. Und doch zog es ihn näher an sie heran, sie so zu sehen. Der Draht zwischen ihnen wackelte nicht mehr gefährlich, er war auf einmal wieder fest und unzerstörbar. Es fragte sich nur, wie lange. Amáya schüttelte den Kopf und er blickte sie weiterhin an, wieder sich selbst und seine Mimik im Griff. Er erwiderte den Blick ihrer regenblauen Augen und lauschte ihren Worten. Sie hatte schnell weitergeredet und meinte, die Fehler lagen nicht bei ihm, sondern bei ihr. Er schüttelte den Kopf und zog die Augenbrauen zusammen. Nein. Es war doch seine eigene Entscheidung gewesen, sich ihr zu nähern, sowohl körperlich als auch seelisch. Und das hatte er getan. Das Amáya das nicht regungslos über sich ergehen ließ, wusste er. Oder eher, er hätte es wissen müssen. Und nun lebte er mit den Konsequenzen für seinen Verdienst. Doch er sprach diese Gedanken nicht aus, sondern lauschte einfach weiter ihren Worten, die in ihm die stille Hoffnung pulsieren ließen. Er blickte auf sie hinab und als sie plötzlich lächelte, setzte sein Herz einen Moment aus und schlug dann schneller weiter. Er konnte nicht anders, als ebenfalls wieder zu lächeln. Bei dem Gedanken daran, dass er sich damals selbst das Versprechen gegeben hatte, sie noch einmal lächeln zu sehen, ging ihm das Herz auf. Er hatte es schon mal geschafft, wenigstens eines seiner Versprechen einzulösen. Und das Amáya lächelte war ein so großes Geschenk von ihm, dass er meinte, innerlich vor Stolz und Freude fast zu platzen. Sogar seine Augen strahlten sie wieder an, als wäre der Sonnenschein wieder darin zurückgekehrt.
„Ich habe mir keine Wahnsinnige angelacht. Ich habe mich einfach für die entschieden, mir seelisch wohl näher ist, als ich je gedacht habe. Vielleicht verwirren wir uns beide deswegen so gut“, meinte er leise. „Dass wir ohne Schmerz nicht weiter kommen, habe ich gemerkt. Doch das nehme ich in Kauf. Auch wenn es schwer ist zu sehen, wie du darunter leiden musst.“
Seine Ohren legten sich leicht nach hinten, als würden seine eigenen Worte ihn verschrecken. Amáya wirkte so vollkommen anders, aber auf eine positive Weise. Seine Regennacht hatte ihre Maske abgeworfen. Da war nichts mehr von Härte und Kälte zu sehen, aber ihre Schönheit hatte sie beibehalten. Dann setzte er wieder ein breites Lächeln auf, als würde ihn die Erkenntnis von neuem treffen. Sanft blickte er auf sie herab und verlor sich in den Tiefen ihrer dunklen Seelenpiegeln.
„Und du hast gelächelt.“
13.08.2012, 13:00
Sie wusste genau, dass dies hier kein Traum war, wie sie ihn kannte. Die Materie um sie herum war echt, kein Hirngespinnst. Die Erde unter ihren Pfoten wäre an jedem beliebigen Tag dieselbe gewesen.
Bei der Erkenntnis, die sie nun erreichte, war sie sich nicht sicher, ob sie froh oder niedergeschlagen sein sollte. Die Einzigen, die in dieser Welt in diesem Moment träumten, waren Kirov und sie. Er hatte sie in seinen Traum hineingesogen und nun flimmerten sie hier im Mondlicht, tauschten Worte aus, von denen die Regentochter nie gedacht hatte, sie auszusprechen. Sie konnte sich nicht einmal entscheiden, ob es ein guter oder ein schlechter Traum war. Sie kannte das Drehbuch nicht, wonach sie spielten. Kein Wunder, es gab ka auch keines. Die Geschichte ihrer beiden, seltsamen Seelen sponn sich in das Ungewisse der Zukunft hinein. Das Ungewisse. Etwas, vor dem Amáya mehr Angst hatte, als vor allem Anderen. Sie konnte sich gut wehren, sie konnte stark und eisern sein, wenn sie wusste, vor was sie stand. Doch sobald sie keine Ahnung hatte, was auf sie lauerte, verunsicherte es sie.
Deswegen war sie ja auch so zerrissen, was Kirov anbelangte.
Es war unrealistisch, doch sie wünschte sich, für immer mit Kirov so weiterreden zu können. Gleichzeitig wusste sie, dass ihnen irgendwann der Gesprächsstoff ausgehen würde. Die Gedanken brauchten Zeit, um zu reifen. Erst dann konnte man sie pflücken und vorsichtig in Worte und Taten umformen. Außerdem war für sie diese Nähe, in der sie Kirov jetzt beiwohnte, immer noch sehr ungewohnt. Sie hatte sich an diesem Abend schon zwei Mal versucht, von ihm zu distanzieren. Sie erwiederte seinen Blick mit einer Art gezwungenen Ruhe und folgte den kleinen Mustern, die sich durch seine hellblaue Iris zogen. Dieser Rüde war so viel mehr, als was er schien. Das Treppenhaus seiner Seele ging mindestens so tief, wie ihre eigene. Sie wusste nicht, wie weit sie auf diesen Treppen bereits herabgestiegen war. Wie viel hatte sie von dem wirklichen Kirov gesehen? Und wie viel hatte er erblickt, was in ihrem Inneren versteckt lag? Es war wichtig, gleichzeitig waren es Fragen, auf die es keine Antworten gab. Sie selbst kannte die Untiefen ihrer selbst ganz genau. Dort hatte sie ein ganzes Jahr lang sich selbst gehütet. Sie hatte sich eingerollt und sich selbst die eigenen, bitteren Gedanken zugeflüstert. Das war die Wahrheit darüber, was passiert war, nachdem sie das Rudel und ihre Familie verlassen hatte. Ja, sie war damals vor dem Nichts geflohen. Ja, sie betrachtete es oft als einen Fehler und warf es sich selbst vor. Doch in Wirklichkeit war es gar nicht falsch gewesen. Damals war sie aggressiv und gemein gewesen, fast zu jedem. Sie hatte ihre Bitterkeit in einer gehässigen Art wie ein Schild vor sich herumgetragen. Sie war jung gewesen, zu jung, um sich selbst zu verstehen. Sie schämte sich dafür, wie sie sich damals benommen hatte. Ein Jahr nachdenken hatte sie zu dem gemacht, was sie heute war. Nicht, als ob es ihr jetzt besser ginge oder so.
Sie blickte wieder hinaus zu den Gipfeln des Waldes und fragte sich, was diese Verbindung zwischen ihr und Kirov für beide bewirken würde. Inzwischen wusste sie, dass es unvermeidlich war, sie aufrechtzuerhalten. Sie zu zerstören, dass hätte sie selbst nur sehr schwer ertragen und der Graue selbst schien sehr entschlossen zu sein, ihr nicht von der Seite zu weichen. Sie wusste nicht, wie lange so etwas gut gehen konnte. Vielleicht war es auch in Ordnung so, es nicht genau zu wissen.
Kirov war nicht nur einfach die Grinsebacke von dem Treffen am See. Er war viel stärker und entschlossener, auch wenn er scheinbar nicht gerade zufrieden mit seinem Leben und sich selbst war. Doch genau dieser Abdruck des Schmerzes in seinem Blick machte ihn noch begehrenswerter, malte tiefere Spuren in sein Gesicht. Es belustigte sie, wie er unbewusst, mit Unmut auf irhe Worte reagierte, ihr aber trotzdem nicht wiedersprach.
"Ich bin es gewohnt, Kirov. Wahrscheinlich mehr als du.", sprach sie mit einer eher neutralen Stimme, als würde sie mit der Schulter zucken. Schmerz war für sie nichts abschreckendes mehr. Natürlich versuchte sie es zu vermeiden, aber es gab Schlimmeres als Schmerzen. Sie blickte ihn an und merkte, dass sich ihre Gesichtsmuskeln wieder leicht versteiften. "Vielleicht sind wir einfach beide wahnsinnig." Es erfreue sie, ihn wieder aufblühen zu sehen. Scheinbar hatte diese winzige Hebung ihrer Leftzenwinkel ein Wunder bewirkt. Es berührte sie, dass eine so winzige Geste ihm so viel zu bedeuten schien. Mittlerweile hatte sie nichts mehr von der Kälte übrig, doch sie war auch nicht warm. Sie lächelte mittlerweile natürlich auch längst nicht mehr, aber ihr Gesicht war auch nicht steinern. Es war ein Mischmasch, immer noch ein Pendeln zwischen Maske und Realität. Nun, vielleicht war das einfach ihre reale Gefühlswelt. Sie schnaubte leicht sarkastisch und rollte theatralisch mit den schönen Augen. In diesem Moment, fühlte sie ihren Stolz seltsamerweise steigen. Und der Stolz war schon immer ihr kleines Problemkind gewesen. Wenn sie um eines in ihrem Inneren nicht wusste, wie es stand dann war es der Stolz. Oh, und neuerdings auch Kirov.
"Willkommen zurück, Grinsebacke."
14.08.2012, 17:36
Es war schon seltsam, wie die Dinge sich so rasch entwickelt hatten. Da schloss er sich einfach einem Rudel an, das auch noch an Götter glaubte und er traf direkt die Fähe, die sein Leben veränderte. Natürlich war es ein Zufall gewesen, ein sehr glücklicher sogar, doch so langsam zweifelte Kirov seine Ungläubigkeit doch an. Entschlossen vertrieb er jene Gedanken aus seinem Kopf. Er wollte gar nicht damit anfangen, daran zu zweifeln. Er war ungläubig und damit hatten alle in seinem Umfeld sich abzufinden, einschließlich ihm. Wie Amáya darüber dachte, wusste er nicht und er wollte auch nicht nachfragen. Ob sie es überhaupt wusste, war ihm selber nicht ganz klar. Er konnte sich nicht daran zurückerinnern. Aber all das war jetzt unwichtig. Es gab gerade nur Amáya und ihn. Für einen Augenblick, der niemals vergehen sollte.
Kirov spürte noch immer die Freude über Amáyas Lächeln in seinem Inneren pulsieren. Hätte er sie erst jetzt getroffen, ohne ihre Maske, könnte er sich gar nicht vorstellen, dass sie sonst immer kalt und steinern war. Doch jetzt hatte Amáya so etwas Zerbrechliches an sich, dass Kirov meinte, sie würde zerfallen, wenn er sie berührte. Niemals hätte er gedacht, dass jemand wie die Regennacht noch so eine Seite hatte. Aber was sollte man erwarten? Jemand, der sich immer nur hinter einer Maske aus Marmor und Kälte versteckte, dem musste es übel gehen. Es war ihr Halt gewesen, ihr Schutz, hinter dem sie sich versteckte, damit keiner erkannte, wie sie eigentlich war. Genau wie er es immer tat. Er wusste selber nicht einmal, wer er war, was doch schon ziemlich traurig für einen Wolf war, oder? Er wusste nicht einmal mehr, wann er überhaupt angefangen hatte, sein immerwährendes Lächeln aufzusetzen, dass jedem zeigte, wie gut es ihm doch ging und dass er nie böse Gedanken hatte. Vielleicht sind seiner langen Zeit als Einzelläufer, wo er sich immer mal wieder irgendwelchen beliebigen Rudeln angeschlossen hatte, einfach nur, um etwas Gesellschaft zu haben. Da war ein freundliches Lächeln für den Anfang immer gut. Doch niemand hatte es je geschafft oder sich auch nur die Mühe gemacht, den Wolf dahinter zu erkennen. Und Amáya? Sie schaffte so etwas, ohne es zu wissen. Vielleicht war es das, was sie so besonders machte.
Die Nähe zu ihr hatte sich wieder aufgebaut und er blickte sie aus seinen himmelsblauen Seelenspiegeln an. Sie war den Schmerz mehr gewohnt als er. Das stimmte wohl. Aber es machte ihn traurig, dass sie das so einfach sagen konnte, ohne mit der Wimper zu zucken. Und als sie meinte, dass sie beide wohl einfach wahnsinnig waren, musste er wieder grinsen und er drehte den Kopf zur Seite, um noch einmal einen Blick über die weiten Baumwipfel zu werfen, die unscheinbar unter dem Nachthimmel in die Höhe ragten und im Wind leicht nach links und rechts wogen.
„Kann schon sein. Irgendwie beruhigend, dass ich, wenn ich schon wahnsinnig bin, nicht alleine sein muss.“, meinte er trocken und zwinkerte er zu. Und er war wieder die altbekannte Grinsebacke. Das Honigkuchenpferd, das immer glücklich war. Aber in diesem Moment war es kein aufgesetztes „glücklich-sein“, er fühlte sich tatsächlich glücklich. Er war froh, dass Amáya da war, dass sie sich geöffnet hatte und dass sie ihm so schnell auch nicht mehr weglaufen würde. Zumindest hoffte er das. Er hatte ja keine Ahnung, wie die Situation im Rudel dann wieder war. Vielleicht benahm sie sich dann auch wieder vollkommen anders und sie waren wieder wie zwei Fremde. Besorgt zuckten seine Ohren und er suchte den Blick der Regenfähe.
„Wie soll es jetzt weitergehen?“, fragte er legte ein wenig den Kopf schief. Was sie auf seine harmlose Frage wohl antworten würde?
19.08.2012, 15:22
Sie war sich nicht ein mal wirklich sicher, ob Kirov von dieser Welt war. Doch welche Welten konnte es sonst noch geben? Und wenn Kirov kein Wolf wie sie und jeder andere in diesem Tal war, was war er dann? Sie hasste Fragen, auf die es keine Antworten gab. Solche Fragen waren Unsinn, ja, sie verdienten es nicht einmal Fragen genannt zu werden. Also schob die Dreijährige sie bestimmt zur Seite.
Trotzdem hätte sie gerne mehr über Kirov gewusst. Ein Bedürfnis, welches sie vorher nie gespürt hatte, welches nie so stark in ihr gebrannt hatte. Sie wusste jedoch auch, dass sie sich gedulden musste. Der Graumelierte redete wie es aussah, nicht gerne über sich. Jedenfalls hatte er sich manchmal so ähnlich geäußert. Was sie anging, wusste sie nicht recht, wie sie zu diesem Thema stand. Klar, sie hatte sich ihr Leben lang vor anderen versteckt und ihnen etwas völlig Falsches vorgespielt, ein Märchen von der kalten Regentochter aus eisigem Marmor. Es fiel ihr schwer, über sich zu reden, heute noch, auch bei Kirov. Trotzdem konnte sie kein wirklich negatives Gefühl entdecken, wenn sie daran dachte. Sie spürte, dass bei Kirov ihre Geheimnise in Sicherheit waren. Er hatte es ihr versprochen und sie glaubte ihm. Schließlich hatte noch nie jemand ihr Vertrauen missbraucht, denn sie hatte es Niemanden gegeben.
Es traf sie wie ein Schock, doch es war wahr. Sie vertraute Kirov. Ja, vielleicht begann sie sogar, sich auf ihn und seine Versprechen zu verlassen. Seine Versprechen, sie kennenzulernen, bis tief in die Poren. Das Versprechen, nie etwas über das zwischen ihnen Gesprochene an einen Dritten weiterzugeben. All die anderen Worte und Sätze die in ihr jene giftige Hoffnung weckten. Es war ernüchternd, wie er sie mit den Wahrheiten konfrontierte, wie er ihre Maske endgültig abbröckeln gelassen hatte und wie er gesagt hatte, dass er sie nicht alleine lassen würde.
Welch Ironie, sie nicht alleine zu lassen! Dabei war es das Letzte, wovor er Angst haben musste. Schließlich war sie ihr Leben lang alleine gewesen und es überraschte sie selbst jetzt, dass sie es nun wohl nicht mehr war. Obwohl, wer wusste, was die Zukunft brachte. Sie fühlte sich seltsam. Einerseits war sie verzweilfelt und unsicher, zweifelte an sich und hatte Angst. Andererseits konnte sie nicht dabei zusehen, wie sie ihm wehtat. Sie konnte ihn nicht von sich stoßen, ihn aber auch nicht nahe genug lassen. Er hatte die Hoffnung in irh Herz gepflanzt und es fraß sich zerstörerisch, Zweifel und Zweitracht streuend, durch ihren Körper. Es machte ihn glücklich, ihn glücklich zu sehen, nur wegen eines verdammten Lächelns. Es war irgendwie lustig, dass es ihn so sehr erfreute. Es berührte sie irgendwo tief drinnen. Lächeln. Sie wusste nicht, wie oft sie noch lächeln würde, sie wollte auch gar nicht darüber nachdenken. Ob er wohl gerade darüber nachdachte? Die Regennacht ließ ihre Augen den komplizierten Musterungen seines Fells folgen, welche durch die immer intensiver werdenden Strahlen leichter zu sehen wurden. Sie spürte, dass er sie ebenfalls beobachtete, auch wenn sie nicht glaubte, dass es ihr Fell war. Dieses war nachtschwarz, ohne wirkliche Musterungen außer ein paar dunklere Schattierungen, die aber nur sehr schwer und bei solchen Lichtverhältnissen wohl kaum zu erkennen waren. Für den Moment hob sie ihren Blick noch nicht, aber sie wusste, dass sie es nicht lange ohne jene strahlenden Seelenspiegel aushalten würde. Als sie merkte, dass er zu den Baumwipfeln blickte, erlöste sie sich selbst mit einem flinken Blick nach oben. Auf seinem Gesicht spielte nicht nur das Fell das Fangenspiel der Muster. Auch Gefühle zeichneten sich darauf ab. Leichte Traurigkeit, die sie nicht einordnen konnte und ein Grinsen. So wiedersprüchlich, wie es gar nicht sein konnte. Aber das war Kirov eben. Ein Mysterium.
"Nicht wahr?", flüsterte sie auf seine Worte und sie klangen ein wenig kühl, wie die Amáya die sie üblicherweise war. Aber es war keine Maske. Sie wollte ihn nicht ausfragen, aber die Frage hüpfte ihr wie von dem Wind getragen in den Sinn. Ihre regenblauen Seelenspiegel richteten sich zu ihm und blickten ihn ernst und ehrlich an. Vielleicht auch ein wenig neugierig, vielleicht auch ein wenig einsam. Vielleicht eine Spur weniger offen als vorher, aber immer noch ehrlich. "Warst du in deinem Leben oft alleine, Kirov?", fragte sie leise und mit fester Stimme, welche sich kaum zu heben und zu senken schien. Es klang nicht traurig, weder bitter, noch kühl. Es klang auch nicht freundlich oder feindselig, es war fast, als bestände die Frage nur aus klarem Wasser. Seltsam. "Weisst du, ich war nämlich schon immer alleine. Das Gefühl der Zweisamkeit ist neu für mich.", setzte sie hinzu und ein Ton der Nachdenklichkeit mischte sich ihre Worte und gleichzeitig schwang ein wenig Bedauern mit. Bedauern um all die verlorene Zeit, Bedauern um all die, welche sie Verletzt hatte und Bedauern um ihre eigene, befleckte Seele. "Genauso wie diese Ehrlichkeit. Weisst du, zwischendurch war ich auch mal ein ganz gehässiges Biest, welches Spott und Bitterkeit verteilend durch diese Landschaft zog. Damals wusste ich es ja noch nicht besser. Aber die Angst treibt es aus. Die Angst treibt alles aus.", sie merkte gar nicht, dass sie redete. Ihre Augen waren glasig geworden ihre Worte mechanisch. Wie aus einer sekundenkurzen Trance erwachend schüttelte sie den Kopf. Seine Frage war jetzt wichtiger, als ihr dummes Gelaber. Sie betrachtete seinen schiefgelegten Kopf kurz und ein wenig amüsiert, bevor sie sich wieder streng zum Ernst schubste, um über seine Frage nachzudenken. Sie legte ihren Kopf wieder auf ihre Pfoten und legte unbewusst eine grübelnde Miene auf. Kirovs Gesichtsausdruck schien nun eher besorgt und er kam ihr etwas ratlos vor, schließlich fragte er ja sie. Ja, wie sollte es nun weitergehen?
"Wir sollten öfter sprechen, aber ich mag es nicht, das vor anderen zu tun." Sie sprach aus, was ihr als erstes in den Sinn kam und was auch das Naheliegendste war, also war es eher ds Aussprechen einer Tatsache als eine wirkliche Antwort. Ein Herantasten, an das schwierigere Gebiet. "Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ich habe keine Ahnung was mit uns, mit mir, los ist und ich werde bestimmt eine Menge nachdenken in den nächsten Tagen. Du hast gesagt, du willst mich erreichen. Ich glaube, daran solltest du arbeiten. Was ich tun will, sollte, muss, dass weiß ich nicht.", sprach sie weiter und zuckte mit den Schultern, nun selbst ziemlich planlos. "Bei Fenris, Kirov. Niemand hat mich auf das vorbereitet. Außerdem... wir kennen uns noch kaum." So sehr sie es hasste, es mischte sich leichter Zweifel in ihre Stimme und ihr Blick wurde einige Grad kühler, während sich eine Falte zwischen ihren Augen bildete. Mit diesem ziemlich grimmig-kühlen Gesichtsausdruck blickte sie über die Bäume hinweg zum nächtlichen Himmel.