26.02.2012, 12:39
Atalya ließ den Blick ruhig über das Rudel schweifen. Sie hatten den Wasserfall nun hinter sich gelassen, wanderten weiter in den Süden des Tals. Zum Sumpfgebiet, wow. Bisher hatten sie diesen Ort immer gemieden, und nun war er ihr festes Ziel. Sie hatten eine kleine Pause eingelegt, in der Atalya sich ein wenig entfernt nieder gelassen hatte. Sie hatte noch immer mit dem Verlust ihres Paten zu kämpfen, zu frisch war dieser Verlust. Noch immer hoffte sie, dass er plötzlich hinter ihr stand, sie erschreckte und zugab, dass das alles einfach nur ein dummer Scherz gewesen war. Aber Liam tauchte nicht wieder auf, sein Geruch fand sich an keinem Baum, nicht einmal in der Luft konnte sie den bunten Wolf wittern. Aber dass er nicht wieder kommen würde, dass er gegangen war, um an einem anderen Ort zu sterben... sie wollte es nicht an sich heran lassen. Und so ließ die den Kopf auf die Pfoten sinken, die Augen schließend.
Avendal lachte auf und stupste einen der Welpen zur Gruppe zurück, ehe sie ihm verschwörerisch zulächelte und sich erhob. Mit einem leisen seufzen schüttelte sie sich die aufkommende Müdigkeit aus dem hellen Fell und ließ anschließend ihre Augen suchend über das Rudel schweifen, bis sie die Fellnase entdeckt hatte, die sie suchte. Mit lockeren Schritten trabte sie auf ihre Schwester zu, neigte den Kopf gen Boden und berührte mit ihrer Nase ihren Hals. Atalya schien es heute nicht besonders gut zu gehen und sie konnte sich auch vorstellen warum. Ein sehr leises Winseln drang aus ihrer Kehle und sie begann ihrer Schwester über die Wange zu lecken. „Atalya...“
Atalya nahm den Geruch ihrer hellen Schwester wahr, bevor sie sie erreicht hatte. Die Graue neigte die Ohren leicht zurück, regte sich jedoch sonst nicht weiter. Erst, als Avendal sie erreicht hatte, sie am Hals berührte und ihr schließlich mit der Zunge über die Wange fuhr, öffnete die Fähe die hellen Augen, hob nun den Kopf, um die Weiße direkt ansehen zu können. Ihre Rute schwang kurz über den herbstlichen Boden, ehe ein leises Seufzen den Fang der Wölfin verließ. „Wie geht es dir, Avendal? Bist du schon gespannt, was uns beim Sumpf erwartet?“ In ihren Augen würde die Weiße wohl erkennen, dass sie nicht besonders glücklich war, aber in diesem Moment war ihr nicht danach, über Liam zu sprechen. Vielleicht war es auch besser, wenn sie ihn einfach vergaß.
Avendal schenkte der Grauen ein herzliches Lächeln und ließ sich auf ihre Hinterhand sinken, ehe sie nickte. „Ich bin schrecklich neugierig, aber wahrscheinlich habe ich mich mal wieder von unseren kleinen Fellknäulen anstecken lassen.“ Ein Lachen huschte über ihre Lefzen und sie warf einen Blick zurück zu den Welpen, ehe sie in die hellen Augen Atalyas sah. Es ging ihr alles andere als gut, aber offenbar wollte sie nicht darüber reden. Nun dann würde sie den Wunsch ihrer Schwester respektieren und neigte den Kopf in stillem Verständnis. „Was meinst du, erwartet uns dort?“ Sie hatten natürlich Geschichten und Beschreibungen gehört und waren dem Sumpfgebiet selbst wahrscheinlich schon einmal bei einem ihrer Streifzüge näher, als sie es geahnt hatten und dennoch hatten sie es nie zu Gesicht bekommen. Die dunkel gerahmten Ohren der silbrig weißen Fähe spielten im leichten Wind, der sich hier langsam zu verändern schien und nun verhalten Flüsterte, ehe er ihr durch das dichte Fell fuhr. Wie stets, wenn er dies tat, lag ein seliges Lächeln auf den Lefzen der jungen Wölfin und ihre blauen Augen leuchteten fröhlich.
Atalya folgte mit einem stillen Seufzen dem Blick ihrer Schwester zu den Welpen. Dieser Anblick ließ sie nur wieder die Ohren eng an den Hinterkopf neigen und sie wandte den Blick noch vor Avendal ab. Auf die Worte der Weißen hin schnippten die Ohren Atalyas nur kurz durch den sachten Wind, aber sie war froh, dass Avendal nicht das Thema Liam ansprach. Statt dessen blieb sie beim Sumpf, und vielleicht würde das ja die nötige Ablenkung bringen. Auf die Frage hin, die die Helle ihr stellte, neigte Atalya leicht den Kopf, blickte dann in die Richtung, in die sie weiter wandern würden. Was erwartete sie wohl da? Eine gute Frage. „Vielleicht irgendwelche Sumpfmonster, die wieder das halbe Rudel in Panik ausbrechen lässt? Oder aber irgendeine ganz schlimme Katastrophe.“ Es war nicht zu überhören, dass in der Stimme der Grauen in gewisser, genervter Unterton mit schwang, der jedoch nicht der hellen Schwester galt. Nun hob sie den Blick wieder zu Avendals Gesicht, auf dem ein ruhiges Lächeln lag. Nach Lächeln war ihr in diesen Tagen nicht zumute gewesen. Aber es tat gut, dieses Lächeln einfach nur zu sehen.
Avendal lauschte den Worten ihrer Schwester und begann zu kichern. „Sumpfmonster. Stell dir mal Krolock vor, der voller Moormodder und Seetang behängt aus dem Sumpf gerannt kommt“ Kichernd schüttelte sie ohrschlackernd den Kopf und fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen. „Aber lass uns lieber hoffen, dass nichts schlimmes passiert, der Sumpf soll schon unheimlich genug sein, ohne Moderkrolocks.“ Seufzend gähnte sie schließlich ausgiebig, ehe sie sich wieder ihrer Schwester zuwandte. Sie hoffte die Laune der Grauen etwas anzuheben, oder sie zumindest ablenken zu können, von ihrem Schmerz über Liams Verlust, der sie offenbar noch immer beschäftigte. Natürlich. Avendal konnte sich nicht vorstellen wie schrecklich es sein musste seinen Paten zu verlieren. Kurz glitt ihr Blick über das Rudel, um den Blick ihrer eigenen Patin, Daylight, zu suchen, trollte sich jedoch rasch wieder zu Atalya, ehe sie es merkte.
Atalya hob bei den weiteren Worten ihrer Schwester leicht eine Augenbraue. Krolock, der aus dem Sumpf gekrochen kam. Hah. „Der ist auch ohne Sumpf und Gestank keine tolle Gesellschaft.“ Nun neigte die Graue leicht den Kopf, lauschte dabei nun doch mit einem leichten Schmunzeln der weiteren Erzählung Avendals. Sie reckte leicht die Nase. „Du wirst doch wohl nicht etwa Angst haben?“ Damit erhob sich die Graue, schüttelte kurz den feinen Staub aus dem dunklen Fell und blickte Avendal, die sich in diesem Moment wieder ihr zuwandte, ruhig an. „Lass uns uns ein wenig umsehen. Vielleicht finden wir ja schon irgendwelche Vorboten für das Böse, was uns erwartet.“
Avendal rümpfte leicht ihre kleine Nase, wobei sich feine Linien auf ihrem Nasenrücken zeigten. „Ich habe keine Angst. Ich mache mir nur Sorgen... immerhin haben wir Welpen dabei!“ Dennoch wusste sie nicht, wie sie es nicht so aussehen lassen könnte, als hätte sie nicht zumindest ein klein wenig Angst. Ein wenig grummelnd stieß sie ihrer Schwester ihre eigene Schnauze unters Kinn und kicherte dann. „Solange kein Sumpfmoderkrolok auftaucht zumindest nicht, aber du hast Recht, der ist auch ohne Moder und Sumpf nicht unbedingt Engaya in Person.“ Als sich Atalya erhob neigte sie den Kopf und nickte ihr bedächtig zu. „Gute Idee, vielleicht springt irgendwo ein Moosmonster herum, welches aussieht wie Lunar, oder ein Welpe“ Ein Glucksen konnte sie nicht unterdrücken, denn sie selbst bemühte sich dennoch um ein freundliches Miteinander, selbst mit Krolock und Lunar, doch sie wusste, dass Atalya wohl eher Freundschaft mit einem Sumpfmunster geschlossen hätte, als mit ihnen.
Atalya neigte leicht den Kopf, als Avendal von den Welpen, die sie bei sich hatten. Dieser Worten galt nur ein kurzes Schnaufen. Was interessierten sie schon die Welpen? Sie biß bei diesem Gedanken fest die Fänge aufeinander, versuchte diese aber mit einem sachten Neigen ihres Kopfes zu verjagen. Es war ein ewiger Teufelskreis. Aber die Graue war Avendal dankbar dafür, dass sie wenigstens versuchte, sie aufzumuntern. Die Fähe setzte sich also ruhig in Bewegung, den Blick noch einmal zu der hellen Schwester herum wendend. „Der Varg war um einiges spannender.“ Die Graue atmetet ruhig ein, schnippte dann leicht mit den Ohren im Wind. Diese Wesen waren wirklich interessanter gewesen als ein Ort voller Matsch.
Avendal erhob sich schließlich, als Atalya Anstalten machte, von der Lichtung in den Wald zu verschwinden und trottete ihr schmunzelnd hinterher. Einen kurzen Blick schickte sie zurück zum Rest des Rudels, doch es sah nicht danach aus, als würden sie so schnell weiterziehen, die Welpen waren für den Moment erschöpft und so konnten sie es sich sicher erlauben ein wenig im Wald herumzuspuken. Aber ob sie Tyraleen nicht doch besser Bescheid sagen sollten? Oder Averic? Gerade als Atalya den Varg erwähnte, sträubte sich ihr Nackenfell. Oh ja ihr Vater hatte definitiv einen bleibenden Eindruck hinterlassen in dieser Nacht und dennoch schüttelte sie sich den Schrecken aus dem Fell und folgte Atalya, ohne ihren Eltern bescheid zu geben. Sie würden sich schon nicht zu weit entfernen und später wieder zum Rudel stoßen und inzwischen waren sie ja keine kleinen Welpen mehr, die auf Schritt und Tritt überwacht werden mussten. Also trabte sie, nun da sie ihren inneren Zwiespalt geklärt hatte, entspannt neben Atalya her und ließ ihren Blick nach oben in die Äste der Bäume gleiten, die vom Wind bewegt wurden. „Wie weit man wohl von dort oben sehen kann? Bestimmt bis zum Sumpf und andersherum bis zum Rudelplatz!“ Mit einem leicht träumerischen Lächeln wünschte sie sich in diesem Moment einmal mehr leicht wie der Wind zu sein...
Atalya wandte den Blick noch einmal kurz zu ihrer Schwester herum, hielt dabei aber nicht inne. Die Helle blickte noch einmal zum Rudel, und Atalya konnte sich gut vorstellen, was in ihrem Kopf vorging. So war sie eben, ganz anders als die Graue selbst. Aber sie entschied sich doch dafür, Atalya zu folgen, und so wandte diese den hellen Blick wieder nach vorn. Im nächsten Moment hob Avendal den Blick zum Himmel, und Atalyas folgte ihr mit einem kurzen Zucken der Ohren. Die Frage der weißen Fähe ließ sie erneut den Kopf zur Seite neigen. „Du kannst ja den nächsten Vogel fragen.“ Die Graue bemühte sich um ein leichtes Schmunzeln, wandte den Blick dann wieder nach vorn. Leichte Trauer schlich sich in die rötlichen Augen der Wölfin. „Es hat sich alles verändert.“
Avendal landete mit Atalyas Aussage wieder auf dem Boden der Tatsachen und ließ ihre rosa Zunge über ihre Nase fahren. Wäre auch zu schön so hoch fliegen zu können. Lächelnd trabte sie näher an Atalya heran, um sie leicht anzurempeln. „Wer weiß, vielleicht mache ich das ja“ Schnaubend machte sie eine gespielt überhebliche Miene, schmunzelte jedoch sogleich wieder und drückte ihr die Nase in ihre graue Halskrause. Die Stimme der anderen veränderte sich, etwas Trauerndes, Wehmütiges lag darin und Avendal stellte ihre Ohren hoch auf. Ihre Schritte verlangsamten sich kaum merklich und sie nickte bedächtig, die blauen Augen nun auf den Weg vor sich geheftet und murmelte sanft „Das Leben ist Veränderung, Atalya.“
Atalya blickte nur einen kleinen Moment zu Avendal, als diese sich zu ihr bewegte und sie leicht anstieß. Die Graue neigte nur leicht die Ohren, drehte sie sachte im Wind. „Erzähl mir, was er dir gesagt hat.“ Als die Weiße nun die Nase in ihren Pelz steckte, erwiderte Atalya diese Geste, fuhr ihr sachte durch den hellen Pelz. Auf die Worte ihrer Schwester hin neigte sie leicht den Kopf, hob eine Augenbraue. „Nicht sehr aufmunternd, klingt nach keinen tollen Aussichten.“ Es gab noch zu viel, was sie verlieren konnte. Und es war der dunklen Wölfin nicht wirklich danach, das Leben darauf heraus zu fordern.
Avendal schmunzelte weiter vor sich hin, schüttelte jedoch diesmal den Kopf. „Meine Liebe, Veränderung kann doch auch etwas Gutes bedeuten, oder? Es muss sich ja nicht alles zum negativen entwickeln.“ Lachend machte sie plötzlich einige lange Sätze nach vorn und wetzte um einen Baum herum, kreuzte Atalyas Pfad und sprang leichtfüßig an dem nächsten Baum hoch, nur um sich wieder auf alle viere fallen zu lassen und an die Seite ihrer Schwester zurückzukehren. „Das Leben ist schön und es bietet uns viele wundervolle Möglichkeiten, die manchmal zu negativen, aber ich glaube viel öfter zum positiven Veränderungen beitragen. Und wenn sich dein Leben mal zum negativen verändert, dann musst du es eben wieder zum positiven lenken.“ Liebevoll fuhr sie ihr mit der Zunge über die Lefze und stieß ein heiteres Japsen aus, als sie neben ihr hertänzelte.