25.02.2012, 21:34
Noch immer war es leicht windig und so saß die silbrig weiße Fähe etwas abseits vom Rudel und hielt den Blick hinauf auf das Stückchen Himmel, welches sie hin und wieder zwischen den leicht schwingenden Ästen erhaschen konnte. Der sachte Windhauch, der sich zwischen die Bäume verirrte war schüchtern und schien nicht der Wind zu sein, der ihr sonst das Fell zerzauste, es fühlte sich fremd und ungewohnt an. Die Luft begann bereits sich zu verändern, sie mussten bald an der Grenze zum Sumpfgebiet ankommen und doch hieß es, dass sie noch ein gutes Stück vor sich hatten. Ihr war es ganz Recht, auch wenn ihr der Wind Gerüche zutrug, die ihr in die Nase zwickten, als wollten sie sie ärgern. Nun, da sie ihrem Freund eine Weile versucht hatte möglichst viele Dinge abzugewinnen und dennoch nicht schlau aus ihm wurde, richtete sie den Blick wieder zum Rudel hinter ihr. Es war Caylee, ihre weiße Schwester, die ihren Blick diesmal auf sich zog. Interessiert zuckten ihre Ohren herum und der Kopf mit der feinen silbrigen Maske neigte sich etwas schräg. Ihre Schwester sah nicht annähernd so aus, wie sie sie eigentlich vor ihrem inneren Auge behalten hatte, fröhlich und relativ munter. Langsam erhob sie sich und trottete zum Rudel zurück, wobei sie vorsichtig auf die Weiße zutrat.
„Caylee? Darf ich mich zu dir setzen oder störe ich dich gerade?“
Avendals blauen Augen funkelten besorgt, obgleich ein freundliches sanftes Lächeln ihre Lefzen verzog und ihre Rute leicht durch die Luft schwang.
26.02.2012, 23:24
Den weißen Kopf vom Rudel abgewandt auf den Pfoten gebettet, den Blick abwesend in den Wald gerichtet, lag Caylee abseits und wie so oft in letzter Zeit alleine zwischen zwei kahlen Laubbaumstämmen und war unglücklich. Auch das wie so oft in letzter Zeit. Neruí war verschwunden, Aszrem auf der Suche nach ihr und doch glaubte niemand daran, dass er seine Tochter finden würde. Ob sie freiwillig gegangen oder irgendetwas passiert war, würden sie wohl nie erfahren. Aber Caylee war sich ganz sicher, dass Neruí nicht einfach so davongelaufen war, sie hätte sich verabschiedet, zumindest von ihrem Vater … und ihr? Oder hatte Caylees aufkeimende „Freundschaft“ zu Krolock auch noch ihre so tiefe Schwesternbeziehung zerstört? Krolock war wohl so etwas wie Neruís Feind und die Weiße hatte das bis vor kurzem gut nachvollziehen können. Doch jetzt war alles anders, jetzt suchten ihre Augen nach dem Schwarzen, wenn sie ihn nicht sofort sah, freute sie sich, wenn sie miteinander sprachen, wartete sie darauf, dass er zu ihr kam. Was war nur in sie gefahren? Krolock war vielleicht ein guter Freund aus Welpentagen gewesen, aber seit dem Tod seiner Eltern hatte er sich zu einem unausstehlichen Jungwolf verwandelt. Und jetzt war er gar nicht mehr so unausstehlich … sie jagte die Gedanken wie einen lästigen Welpen fort und wollte auch nicht länger an Neruí denken. Sie war fort und noch dazu quälte sich die Weiße nun mit der Vorstellung, dass ihre beste Freundin auch wegen ihrer seltsam aufkeimenden Verbindung zu Krolock gegangen war. Oder zumindest kein Wort des Abschieds gewollt hatte. Gäbe es nur irgendjemand, mit dem sie darüber sprechen könnte, aber Caylee war in einem Alter, in dem sie sich nicht mehr ihren Eltern anvertrauen wollte und ansonsten war da nur noch ihre große Familie, von der sie sich so entfernt hatte. So freute sie sich auch nicht, als der Geruch Avendals zu ihr hinüberwehte – er erinnerte sie nur daran, dass ihre wenige Minuten jüngere Schwester einmal eine gute Freundin von ihr gewesen war. Bevor Engaya der Weißen fremd und Krolocks Hass vertraut geworden war. Aber heute zog der Geruch nicht einfach vorbei, verlor sich nicht wieder zwischen denen des Rudels; er wurde stärker und zu ihm gesellte sich das Geräusch von näherkommenden Schritten. Caylees Ohren drehten sich leicht zurück, sie zögerte, hob aber schließlich den Kopf und fixierte mit ihrem Sternenblick die graue Schwester, die nun beinahe vor ihr stand. Sie sah das freundliche Lächeln, aber auch die etwas irritierende Sorge in den Augen ihrer Schwester und wusste plötzlich nicht mehr, wie sie auf die einfache und so ungewohnt vertraute Frage Avendals antworten sollte. Durfte sie sich zu ihr setzen; störte sie? Früher hätte Caylee die Graue sicher ungestüm begrüßt und gleich begonnen, ihr wichtige Dinge zu erzählen. Heute wusste sie nicht einmal, ob Avendal sich daran noch erinnerte.
“Klar.“,
murmelte sie schließlich fast heiser klingend und rückte etwas zur Seite, als hätte die Graue nicht schon zuvor genug Platz gehabt, sich neben ihr niederzulassen.
“Na?“,
fragte sie dann, irgendwie unbeholfen klingend. Es war kein freundlich neugieriges „Na – wie geht’s? Alles klar? Erzähl mal!“, sondern eher ein Wort, das diese Bedeutung theoretisch haben müsste, aber in dieser Situation von Caylee gesprochen eher wie ein „Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“ klang.
10.03.2012, 13:34
Wie hatte ihr entgehen können, dass es ihrer Schwester so schlecht ging? Natürlich wusste sie nicht, was die ältere Weiße beschäftigte, doch den Unterschied von der früheren Caylee zu der, die hier nun vor ihr lag war so eindeutig, als hätte sie ihre Fellfarbe gewechselt und das trug nicht sonderlich zur Beruhigung ihres besorgten Gemüts bei. Langsam ließ sie sich neben ihrer Schwester auf die Hinterhand sinken und streckte sich schließlich neben ihr aus, wobei sie ihr wie früher mit einer vertrauten Geste die Nase in die Seite des Halses drückte, sie im weichen Fell vergrub und beruhigend schnaufte. Viel zu lange war es her, dass sie ausgelassen herumgetobt waren, oder sich gegenseitig Geschichten erzählt hatten. Generell hatten sie in der letzten Zeit zu wenig Zeit miteinander verbracht und wahrscheinlich lag es daran, dass ihr die Distanz zwischen ihnen, trotz ihrer körperlichen Nähe so unüberbrückbar vorkam. Ihre Ohren an den Kopf gelegt fuhr sie mit der Nase sacht durch das weiße Fell, ehe sich etwas schuldbewusstes in die Stimme der Jüngeren mischte, als sie die Ohren aufstellte und den Kopf erhob, um ihr zu antworten.
„Bist du auch schon so auf den Sumpf gespannt? Ich fürchte ich habe mich von unseren kleinen Fellbeuteln anstecken lassen, ich bin schon ganz aufgeregt – man kann ihn schon fast riechen!“
Sie würde natürlich nicht sofort darauf zu sprechen kommen, was sie bedrückte, oder was tatsächlich der Grund dafür war, um nach ihrer Schwester zu sehen, das war nicht ihre Art, doch vielleicht spürte Caylee ja wenigstens, dass sie sich bemühte ihre alte gute Freundschaft wieder aufzunehmen – sie hoffe es. Einen Augenblick setzte sie an, um ihr von der Unterhaltung mit Atalya über dieses Thema zu berichten, doch im gleichen Augenblick erinnerte sie sich daran, dass Krolock eine nicht unbedeutende und ebenso wenig feine Rolle in diesem Gespräch übernommen hatte und ließ es bleiben. Trotz ihrer Distanz war dem Windfang nicht entgangen, dass Caylee sich in der letzten Zeit öfter mit ihm abgab und sie wollte das Gespräch nicht in eine Richtung lenken, die ihre Schwester vielleicht erzürnen, oder gar verletzen konnte und da war ein algenbehangener Sumpfkrolock nicht unbedingt angebracht, auch wenn sie die Vorstellung wieder schmunzeln ließ. Ein wenig befangen richtete sie den Blick wieder auf die Ältere und brachte ein sanftes Lächeln hervor. Es war befremdlich sie so bedrückt und still zu sehen, wo sie doch früher der kleine Wirbelwind gewesen war, der vor Freude Funken zu sprühen drohte. Was es wohl war, was sie bedrückte? Neruís Abwesenheit schien ihr ebenso schwer zuzusetzen, wie die Liams Atalya. Bei diesem Gedanken begann sich ihr dunkler Fleck auf dem Nasenrücken zu kräuseln. Warum mussten sie auch alle verschwinden? Wie zur Antwort fuhr ihr der Windhauch dieses Waldgebietes durch das dicke Fell und erinnerte sie daran, was sie selbst vorhin noch Atalya gepredigt hatte. Das Leben ist Veränderung, Atalya. Ja, das war es und das galt nun einmal für sie alle, auch wenn es bedeutete, dass sie sich voneinander verabschieden mussten oder nicht mehr dieselben kleinen verspielten Welpen von früher waren. Seufzend richtete sie die blauen Seelenspiegel auf das Rudel und schließlich wieder ihrer Schwester zu, wobei sie ihre Ohren leicht im Wind spielen ließ, der ihr die Stimmen der anderen Wölfe zutrug.
15.03.2012, 20:53
Caylees Blick folgten den Bewegungen ihrer Schwester, als müsse sie herausfinden, ob die Graue ihr freundlich gesonnen war. Natürlich war das Avendal, Freundin und Schwester, Verteidigerin ihrer Mutter, freundlich sanftes Kind Engayas … aber sie war auch eine neue Fremde, uneinschätzbar und voller Gedanken, von denen Caylee vermutete, keinen einzigen zu verstehen. In etwa so, wie Avendal wohl keinen ihrer Gedanken verstehen konnte, weder ihre Freundschaft – oder was auch immer – zu Krolock, noch ihre neue Einstellung zu Fenris und Engaya. Sie waren sich so schrecklich fremd, dass sich das Fell der Weißen ganz leicht sträubte, als sich ihre Schwester neben sie legte und sie so beinahe wirkten wie in alten Zeiten. Sie konnte ihre Ohren nicht davon abhalten, sich zurückzudrehen und als Avendal ihre Nase in Caylees Halskrause vergrub, wollte die Weiße schon zurückzucken. Doch wie als hätte ihre Schwester es geahnt, kam ein beruhigendes Schnaufen von ihr, mehr so in den Raum hinein, nicht direkt an Caylee adressiert, aber die Weiße entspannte sich tatsächlich etwas. Es war noch immer Avendal und so fremd, wie sie ihr gerade vorkam, war sie wohl gar nicht. Dafür blieben die begrüßende Geste, ihr Geruch und die Nase, die durch ihr Fell glitt viel zu vertraut. Zögernd drehten sich ihre Ohren wieder nach vorne und sie schnuffte kurz und noch immer zurückhaltend durch ihr Nackenfell. Dann war sie froh, dass Avendal etwas sagte und sich kein drückendes Schweigen über sie beide legte. Was die Graue allerdings von sich gab, konnte nicht ferner von Caylees eigenen Gedanken sein. Schon drehten sich ihre Ohren wieder leicht zurück.
“Nein, eigentlich so ziemlich gar nicht. Ich weiß nicht, was wir dort wollen. Und er stinkt.“
Ihr war bewusst, dass sie ziemlich griesgrämig und nicht gerade sympathisch klang, aber nicht einmal in dieser Situation wollte sie sich verstellen. Sie hatte nicht die geringste Lust, zum Sumpf zu gehen und sie fand die ganze Aktion auch höchst sinnlos. Warum Avendal sich darauf freute, war ihr schleierhaft, aber um nachzufragen reichte ihr Interesse nicht. Weil sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte, legte sie ihren Kopf auf die Vorderpfoten und schielte wieder leicht verunsichert zu der nun sanft lächelnden Schwester. Dann senkte sich der Sternenblick wieder.
“Ich wäre lieber irgendwo ganz weit weg.“,
murmelte sie mehr zu sich selbst.
31.03.2012, 23:14
Anfangs schien der weißen Fähe nicht ganz zu behagen, was doch eigentlich völlig gängig zwischen ihnen sein sollte und auch Avendal selbst musste zugeben, dass es sich nicht so vertraut anfühlte, wie es vielleicht sollte. Dennoch bereute sie es nicht diesen Schritt gewagt zu haben, denn tatsächlich schien sich eine ungewisse Spannung zwischen ihnen zu bewegen, wahrscheinlich gefüttert von so vielen ungesagten Dingen und unausgesprochenen Worten, die somit die Macht hatte das zu überschatten, was sie hätten haben können – eine Vertrautheit, die nur Geschwister teilten. Irgendwann hatten sie den Aufsprung hierzu verpasst, waren abgedriftet von dem, was sie sich vielleicht einmal vorgenommen hatten, was ihnen eigentlich als Engayas Kinder bestimmt gewesen war, doch es war noch nicht zu spät den Faden wieder aufzunehmen, zusammenzurücken, um die alten Gefühle wieder aufleben zu lassen und sich dennoch neu kennen zu lernen. Zumindest war es das, was Avendal hoffte. Viel zu oft, für ihren Geschmack, sah sie ihre Schwester inzwischen mit dem dunklen Krolock herumlungern und wohlmöglich erklärte das die Verbitterung der jungen Wölfin, die nun deutlich in ihren Worten mitschwang. Einen Moment lagen die forschenden Augen der Silbermelierten auf den Gesichtszügen der anderen, ehe sie den Blick gen Baumwipfel hob, wobei sie die Nase sacht in die Luft schob, um zu wittern. Caylee hatte Recht, es roch modrig und nicht sehr einladend, doch wann war sie so mürrisch geworden, dass sie sich nicht einmal auf ein Abenteuer freute? Mit geschlossenen Augen stieß sie die eingesogene Luft wieder aus und senkte den Kopf, wobei sie die Seelenspiegel wieder auf die ihrer Schwester legte und lächelte.
„Ich finde, er riecht unbekannt und nach Abenteuer, meinst du nicht? Das ist der Duft der Gefahr und- … okay du hast recht, er stinkt“
Das helle Lachen der jungen Fähe drang ungebremst aus ihrer Kehle und brachte die Luft zwischen ihnen zum Schwingen. Es war wirklich seltsam, wie sie sich alle nach und nach veränderten. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich jemals für den Duft der Gefahr hatte begeistern können. Sicher hatte sie sich gern mit Atalya in die ein oder andere abenteuerliche Lage gestürzt, doch wirklich gefährlich war es nie gewesen und wenn, dann hatte sie sich nicht sonderlich wohl gefühlt, dachte man nur an die Sache mit dem Varg… Ohrenschlackend schüttelte sie sich die Erinnerung aus dem Pelz und schmunzelte. Natürlich interessierte sie, was es mit dem Sumpf auf sich hatte, doch eben jene Euphorie hatte gerade einen kleinen Dämpfer erlebt – sie hatte sich wahrscheinlich wirklich von den Welpen anstecken lassen. Nichtsdestotrotz sah sie ihrem Ausflug freudiger entgegen als Caylee und so neigte sie den Kopf auf ihre Worte hin und beobachtete ihre Reaktionen.
„Und wohin würdest du gehen, wenn du es dir aussuchen könntest, Caylee? Weit weg von uns?“
Sie hatte gezögert es auszusprechen, doch so wie es ihren Fang verließ hing mehr Mitgefühl und ehrliche Trauer darin, als den Vorwurf, den man vielleicht hätte heraushören können. Nein, Avendal würde es ihrer Schwester nicht einmal vorwerfen, wenn sie die Frage bejahen würde, denn in diesem Moment schien etwas Düsteres an dem strahlend weißen Fell zu haften und ihren Blick zu trüben. Etwas, von dem Avendal nur schwer sagen konnte, ob sie bereit war es zu glauben.
25.04.2012, 12:48
((Cayleen!!!1111 ^.~))
Eine leise strahlende Hoffnung, eine sanfte Zuversicht, ein freundlich bestimmter Glaube an die Vertrautheit. All das ging von Avendal aus und haftete sich an das struppige Fell Caylees um langsam durch ihre Haut in ihren Körper zu dringen. Ihre Schwester wirkte so beschwingt und sicher, als hätte sie eine Gewissheit irgendwo in sich drin, die ihr den Umgang mit ihrer verlorenen Freundin ganz leicht machte. Die Weiße hätte gerne etwas Ähnliches verspürt und auch wenn Avendals schimmernde Sicherheit sie durchaus etwas anzustecken begann, war sie in keinster Weise davon überzeugt, dass sich irgendetwas zwischen ihnen ändern würde. Vielleicht sollte sie diese Einstellung ernsthaft überdenken, denn immerhin war es ihre Schwester gewesen, die den ersten Schritt gemacht hatte, also war es nun an Caylee ein wenig Interesse zu beweisen. Nur war sie sich noch nicht so recht sicher, ob sich der Aufwand lohnen würde. Das war ein ziemlich düsterer Gedanke, das wusste sie, und irgendwie schmeckte er ganz furchtbar bitter. Sie riss sich zusammen, hob erneut den Kopf und betrachtete ihre Schwester mit so etwas wie neu erwachter Aufmerksamkeit. Avendal lächelte, wirkte vergnügt und als sie nach ihren so unbeschwert lustigen Worten lachte, sperrte sich die Weiße nicht gegen den Drang, mitzulachen. Es klang noch ein wenig ungewohnt, sie hatte schon länger nicht mehr wirklich fröhlich gelacht – wenn dann war es spöttisch, wenn nicht hämisch oder sogar bösartig gewesen. Aber jetzt spürte sie den leichten Witz ihrer Schwester und ihre doch vorhandene Übereinstimmung den Sumpf betreffend machte es Caylee noch leichter, sich auf die Stimmung der Silbernen einzulassen. Dennoch verklang ihr Lachen recht bald wieder und sie wusste auch nicht, was sie noch über dieses Thema sagen sollte. Avendal empfand den Gestank als abenteuerlich und sie freute sich wohl darauf, den Sumpf zu erkunden. Das ließ zwar einige Schlüsse zu – zum Beispiel den, dass sich die Vorstellungen von einem Abenteuer ziemlich unterscheiden konnten – aber mehr Gesprächsstoff ergab sich daraus nicht. Vielleicht hätte Caylee früher daraufhin Avendal damit aufgezogen, aber jetzt war sie doch noch zu zurückhaltend. Das gemeinsame Lachen war sicher ein erster Schritt aber die aufziehende Stille führte ihnen auch vor Augen, dass sich so nicht einfach lange Zeiten des Schweigens hinweglachen ließen. Zudem hing noch immer Caylees gemurmelter Satz in der Luft, den Avendal doch reichlich direkt auf den unangenehmen Punkt gebracht hatte. Dabei war ihr Blick traurig gewesen und hatte die Weiße auf eine ebenso unangenehme Art und Weise berührt.
“Nein, nein, nicht von euch, nein, nicht direkt, nein …“ Es klang ein bisschen wie das Brabbeln eines Welpen. “Also …“ Ihre Stimme war leiser geworden. “… vielleicht doch.“ Mittlerweile betrachtete sie eingehend ihre Pfoten. “Manchmal.“
Sie wollte nicht wie ein kleiner Welpe wirken und es widerstrebte ihr, sich zu rechtfertigen, gleichzeitig hatte sie das ungeheure Bedürfnis, Averndal alles zu erklären. Dabei wusste sie nicht einmal, wo sie anfangen sollte und was es überhaupt zu erklären gab. Die Veränderung an ihrer Schwester hatte sie längst wahrgenommen und woraus diese resultierte, ließ sich auch leicht erraten. Endlich sah sie wieder auf und versuchte ihren Blick zumindest einigermaßen selbstsicher mit dem ihrer Schwester zu verschränken.
“Ich würde dorthin gehen, wo man mich versteht. Und unterstützt.“
Eigentlich wusste sie sehr genau, wo das war. Krolock verstand und unterstützte sie, aber leider half ihr das auch nicht weiter, schließlich war er der Auslöser für ihre Veränderung. Sie brauchte jemanden, der nicht so war und sie dennoch verstand und der ihr half zu verstehen, was in ihr vorging. Dafür war Krolock denkbar ungeeignet. Aber käme dafür irgendjemand von ihrer Familie in Frage? Sie alle mochten Krolock nicht, was sie ihnen nicht einmal direkt verübeln konnte. Er hatte sich seit dem Tod seines Vaters auch viel Mühe gegeben, jede mögliche Antisympathie auf sich zu ziehen. Außer ihre.
05.05.2012, 21:08
(Entschuldige, Ich habe wohl zu viel mit Cayleens zu tun :'D)
Ein leichter Windzug kam auf, noch immer fremd und ungewohnt, selbst für den Windfang, der die Ohren leicht mit dem Lufthauch spielen ließ und versuchte zu verstehen, was er ihr vielleicht erzählen wollte, doch sowie er gekommen war, war er auch schon wieder fort und ließ ihr Fell, welches er leicht zerzaust hatte, ungeordnet zurück. Sie war sich nicht sicher, ob es sie trösten sollte, oder ermutigen ihrer Schwester zu sagen, was sie dachte, doch ehe sie Anstalten machen konnte sich zu entscheiden, erhob Caylee wieder das Wort. Der gutmütige Blick der Silbrigen lag auf dem Gesicht der hübschen Fähe, die nun nach Worten rang, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen, wohl darauf bedacht ihr keinen allzu starken Stoß vor den Kopf zu geben. Ein kleines Lächeln stahl sich auf die Lefzen der kleineren Fähe, als sie ihrer Schwester dabei zusah, wie diese ihre Pfoten so angestrengt musterte, als würden sie ihr die Antwort erleichtern, oder ihr zumindest einen Zufluchtsort gewähren. Obwohl Avendal eine Antwort wie diese bereits erahnt hatte, traf sie die junge Fähe dennoch härter, als sie es erwartet hatte. Sicher, sie hätte sich denken können, dass der Rückzug ihrer Schwester etwas zu bedeuten hatte, das wohl auch mit ihnen zu tun haben könnte, doch dass sie sich tatsächlich manchmal fortwünschte stimmte die Silbrige dennoch trauriger als sie es geglaubt hatte. Ihre Augen, denen man die Trauer darüber sicher ansehen konnte, lagen dennoch verständnisvoll auf dem hellen Pelz ihres gegenüber und sie nickte sanft, ehe Caylee erneut zum Sprechen ansetzte. Nachdem sie geendet hatte, ihre Stimme war immer leiser geworden, war es nun an Avendal ihre eigenen Pfoten einen Augenblick zu mustern, als würden sie ihr verraten, was sie zu antworten hatte – obwohl sie natürlich wusste, welcher Teil ihres Körpers eher dafür zuständig war… ihr Herz. Erst nachdem sie die Worte der anderen einen Augenblick in Gedanken hin- und hergedreht und von allen Seiten betrachtet hatte, erlaubte sie sich den Blick wieder zu heben und dem Blick der ebenso blauen Augen zu begegnen.
„Ich kann dir nicht sagen, ob ich dich verstehen kann, solange du nicht versuchst dich mir zu erklären, aber ich kann dir sagen, dass ich es zumindest versuchen würde“ , sie versuchte all die unausgesprochenen Gefühle, die sie für ihre Schwester hegte in diese Worte und in ihren Blick zu legen, in der Hoffnung sie möge verstehen, wie sehr sie sich wünschte ihr helfen zu können. Ihre Augen ruhten ungewohnt ernst auf dem Gesicht der Größeren.
„Und ich hoffe, dass du weißt, dass ich dich trotzdem wir uns verändert haben, noch immer als ein Teil von mir ansehe und versuchen werde dich in allem zu unterstützen, soweit es mir möglich ist“
Natürlich ließen diese Worte, so sanft und liebevoll sie sie aus aussprach, viel Freiraum für Misslingen und das Scheitern ihres Vorhabens, doch ebenso viel Hoffnung auf das Gelingen und den Wunsch nach neugewonnener altbekannter Vertrautheit lag darin. Avendal war keine einfältige Fähe, natürlich wusste sie, dass sich das Vertrauensverhältnis zwischen ihnen nicht von heute auf Morgen wiederherstellen können würde, doch den Anfangsstein hatte sie gesetzt, der Versuch war vollbracht und der Willen war da. Es war gut möglich, dass ihre Schwester sie in diesem Augenblick zurückweisen würde und die junge Fähe machte sich bereits darauf gefasst, doch so, wie sich ein kleiner Samen unter ihrer Pfote einst in die Erde gebohrt hatte und dort begonnen hatte zu keimen, so würde hoffentlich auch ihr indirektes Angebot im Geiste ihrer geliebten Schwester keimen und mit der Zeit auch in ihr die Hoffnung auf Vertrautheit wecken. Der Anfang war vollbracht.
07.06.2012, 11:28
Der traurige Ausdruck im Blick ihrer Schwester, traf Caylee vollkommen unvorbereitet. Sie war wirklich unglücklich über das Geständnis der Weißen, sich manchmal fort von ihrer Familie zu wünschen. Diese Aussage schien sie zu verletzen; den Gefühlen, die sie ihrer Schwester gegenüber hegte, wehzutun. Aus irgendeinem Grund hatte Caylee das so nicht erwartet, hätte eher mit einem „War mir ja klar.“-Blick gerechnet oder zumindest einem wissenden Hinnehmen. Aber Avendal stimmte es ehrlich traurig, dass ihre einstige oder noch immer bestehende Freundin solche Gefühle hegte. Sofort bereute die Weiße, so gesprochen, ihre Worte nicht sorgfältiger gewählt und nicht noch besser erklärt zu haben, worum es ihr ging. Aber was hätte sie erklären können? Wenn dann, nachwievor, alles. Was vorher noch außerhalb des überhaupt Denkbaren lag, schien Caylee jetzt fast nötig, wollte sie doch nicht, dass ihre Schwester traurig blieb, nur weil sie selbst nicht den Mut oder den Willen hatte, endlich auszusprechen, was schon so lange in ihr rumorte. Sie mochte vielleicht ignorant geworden sein, was die Gefühle manch anderer betraf, aber wenn sie selbst der Auslöser war, so traf sie jede Traurigkeit tief ins Herz. Schon wollte sie lossprudeln, noch weiter in ihrer Schuld bestärkt, als auch Avendal nun ihre Pfoten betrachtete, aber ihre Schwester kam ihr zuvor. Sie sagte etwas reichlich Weises, denn natürlich konnte niemand Caylee verstehen, wenn sie auch niemandem die Chance dazu gab. Allerdings hielt das bohrende Gefühl, dass auch nach einer Erklärung kein Verständnis aufkommen würde, die Weiße davon ab, es überhaupt erst zu versuchen. Avendal versicherte ihr natürlich, dass sie es versuchen würde, ganz so wie es sich für eine Engayawölfin gehörte. Aber aus irgendeinem Grund fand Caylee nun keinen Spott darüber und war nur froh, diese Sicherheit zu haben. Avendal hatte ihr mehr oder weniger versprochen keine voreiligen Urteile über Krolock gelten zu lassen – zumindest konnte man das in ihre Worte hineininterpretieren. Und als sie ein zweites Mal ansetzte, an die Vergangenheit erinnerte und klarmachte, dass sie nicht vergessen hatte, wie sie früher miteinander umgegangen waren, wusste Caylee, dass sie nun endlich die Chance hatte, die sie sich zumindest innerlich seit langem gewünscht hatte. Die Möglichkeit, endlich zu erklären und zu erzählen, um verstanden zu werden und verstehen zu können. Erstaunlicherweise hatten Avendals deutliche Engayaworte keinen Widerwillen in der Weißen hervorgerufen, es war viel zu schön, die Pfote gereicht zu bekommen, als dass sie sie ausschlagen könnte, nur weil sie von manchen Wölfen mit falschen Hintergedanken ausgesprochen wurden. Und sicherlich hatte das zuvor zwingende Gefühl, Avendal alles zu erklären, nun auch die Pforten zu dem Teil ihres Herzens geöffnet, in dem sie sich schon lange jemanden gewünscht hatte, der ihr zuhören würde. Nur einen Anfang zu finden, fiel Caylee furchtbar schwer. Sie wünschte sich eine mondlose Nacht herbei, in der niemand sie sehen konnte – das hätte ihr beim Sprechen geholfen. So im Tageslicht hätte sie zumindest gerne die Schnauze zwischen Pfoten oder in der Rute versteckt, aber das würde natürlich furchtbar kindisch lächerlich aussehen. Deshalb rückte sie nur ein wenig näher an Avendal, so nahe, dass sie ihr nicht mehr ohne eine Verrenkung ins Gesicht schauen konnte, und lehnte ihren Kopf gleich noch zusätzlich an die Schulter der Schwester. Das war ziemlich viel Anhänglichkeit und Nähe für ihre vorherige Ablehnung und zunächst fühlte es sich auch etwas seltsam an, aber mit der Zeit wirkte es schon beinahe normal.
“Weißt du …“, begann sie ziemlich unschlüssig und ohne wirkliche Ahnung, was sie eigentlich sagen wollte. “… ich mochte Krolock nie. Als wir Welpen waren vielleicht ein wenig, aber er wollte immer stärker und besser sein, als ich, das wurde mir irgendwann zu nervig. Und als dann seine beiden Eltern tot waren, wurde er einfach schrecklich. Hat plötzlich jeden gehasst, musste immer provozieren, war einfach gegen alles. Aber eines Tages … nein, nicht eines Tages, es gab eigentlich keinen besonderen Tag. Einfach so, irgendwann, mit der Zeit, fand ich ihn gar nicht mehr so schlimm. Irgendwie habe ich ihn manchmal fast verstanden. Und ich hatte schon länger bemerkt, dass er mich nicht wie all die anderen Wölfe mied. Ich war wohl die einzige, die er nicht verachtet hat. Und ich stellte fest, dass es Spaß machte, mit ihm zu reden, mit ihm den Tag zu verbringen. All die anderen waren irgendwie langweilig. Aber mit Krolock war es nie langweilig … wir haben sicher manche Grenze überschritten und einige Spiele waren gefährlich, aber ich fand das toll. Ich finde das toll. Ich bin gerne bei ihm. Und wenn ich nicht bei ihm bin, dann frage ich mich, wo er wohl ist. Und denke mir, dass es doch eigentlich schön wäre, bei ihm zu sein.“ Sie verstummte kurz und lauschte ihren Worten hinterher. “Bah, das klingt furchtbar. Krolock ist eigentlich furchtbar. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum ich ihn mag. Aber er ist nicht so schlimm, wie immer alle behaupten. Alle haben Vorurteile gegen ihn und er mauert dann natürlich auch. Und …“
Sie verstummte wieder, merkte, dass sie dabei war, sich in irgendetwas zu verrennen. Und, dass sie schon verdammt viel gesagt hatte, was ihr, je länger sie darüber nachdachte, immer peinlicher wurde. Sie drückte ihren Kopf noch ein bisschen mehr an Avendals Schulter, hielt es dann nicht mehr aus und vergrub die Schnauze in ihrem Nackenfell. Scham lief ihr heiß über den Rücken und eine unerklärliche Wut auf Krolock flammte auf. Sie wäre am liebsten mit einem Plopp verschwunden.
02.08.2012, 16:23
Nach ihren eigenen Worten hing ein Moment der Stille über ihnen, doch sie war nicht unangenehm und so ließ die Silbrige ihre Schwester gewähren. Den Blick in den Wald gerichtet ließ sie ihr diesen Augenblick der Ruhe, in dem sie in sich gehen konnte, doch dann geschah etwas, womit nicht einmal Avendal gerechnet hatte. Sie spürte Caylee an ihrer Seite, konnte sie riechen und fühlte, wie sie den Kopf an ihrer Schulter versteckte, doch anstatt zurück zu weichen, schnaubte sie leise und beruhigend und rieb ihren Kopf kurz an ihrem, bevor sie den Blick wieder in den Wald richtete. Offenbar fiel es der Weißen schwer ihre alte unbefangene Art wieder aufzunehmen und der Siblerfang konnte das nur zu Gut verstehen, war sogar mehr als froh, dass sie ihre Nähe suchte, anstatt zu gehen, also lauschte sie ihren Worten ruhig und nickte hin und wieder. Erst als sie geendet hatte, erlaubte sie sich ein leises Geräusch der Zustimmung, wobei sie ihrer Schwester über den Lauf leckte, da diese sich noch mehr an sie drückte – sie konnte ihre Schnauze in ihrem dichten Nackenpelz spüren.
„Es freut mich, dass du mit mir darüber sprichst. Ich will ehrlich zu dir sein, es erstaunt mich all dies zu hören. Wie du sagtest, empfinden die meisten ihn nicht als sonderlich angenehmen Zeitgenossen und ich gestehe, ich meide ihn, wenn ich es kann, denn... du weiß wie er zu uns ist. Aber andererseits freut es mich auch, dass du jemanden gefunden hast, mit dem du deine Zeit gern verbringst und wenn er zu dir nicht so ist, wie... wie zu uns, dann kann ich mir durchaus vorstellen, dass es Spaß machen kann, Zeit mit ihm zu verbringen. Du warst schon immer die Mutigere und Selbstbewusstere von uns beiden, also finde ich es nachvollziehbar, dass du weniger Probleme mit seiner Art hast. Zugegeben, ich konnte nicht verstehen, weshalb du dich vor uns verschließt und so viel Zeit mit jemandem verbringst, der so unausstehlich scheint, doch jetzt sehe ich die Sache in einem anderen Licht, es wirkt... nicht mehr so befremdlich“
Sie sah hinauf in den Himmel, oder das, was man davon durch die Bäume sehen konnte und schloss die Augen mit einem leichten Lächeln auf den Lefzen. Sie würde ihr nicht direkt sagen, was wirklich in ihrem Kopf herumspukte – noch nicht. Tatsächlich wirkte es auf den Windfang ziemlich eindeutig, doch sie wollte die beiden lieber noch ein bisschen aus dem neuen Blickwinkel beobachten, noch mehr Sicherheit haben, bevor sie ihre Schwester mit ihrer These konfronierte. Jetzt reichte es erst einmal, wenn sie ihr das Gefühl gab verstanden zu werden, denn sie konnte sie tatsächlich verstehen, soweit es diesen Teil betraf. Außerdem schien Caylee selbst schon eine Ahnung von dem zu haben, was in ihr vorging, vielleicht würde sie es von selbst herausfinden, wenn sie es nicht schon getan hatte.
06.09.2012, 22:02
Schwer atmend, als hätte sie einen langen, anstrengenden Lauf hinter sich, hielt Caylee ihren Kopf im Nackenfell ihrer Schwester versteckt. Noch lieber wäre sie im Erdboden versunken, aber da diese Möglichkeit nicht zur Auswahl stand, drückte sie sich lieber so tief wie möglich und mit zusammengekniffenen Augen in Avendals Fell. Immerhin konnte die Graue sie hier unmöglich sehen, nur vermutlich würde sie ahnen, warum ihre sternenäugige Schwester plötzlich so nahen Körperkontakt suchte. Aber darüber musste sie sich auch nicht mehr ärgern, immerhin wusste Avendal jetzt noch so viel mehr über sie und auch über Krolock. Als Reaktion darauf kam zunächst ein leises Geräusch, das Caylee nicht so recht deuten konnte. Dann spürte sie die Zunge ihrer Schwester, die sanft über ihren Lauf fuhr – vermutlich in Ermanglung irgendeines anderen Körperteils, den der Rest von Caylee befand sich weiterhin außerhalb ihrer Reichweite. Jetzt blinzelte die Weiße erstmals, sah natürlich nur eine ganze Menge graues Fell, schielte dann aber nach oben und erhaschte einen Blick auf den Himmel. Was wohl ihre Oma davon hielt, wie zusammengequetscht Caylee hier lag, unglücklich, sich schämend, nur gerade so viel Mut aufbringend, ihrer Schwester ihren Lauf zum Betrachten anzubieten. Dabei war Scham eine reichlich unbekannte Gefühlsregung für die Weiße, eigentlich war es ihr sonst egal, was andere von ihr dachten. Aber vielleicht lag das daran, dass sie sowieso der Meinung war, dass niemand sie wirklich kannte und somit ihre Urteile auf irgendwelchen eingebildeten Fakten bildeten, die Caylee nun wirklich nicht zu interessieren hatten. Jetzt aber hatte sie Avendal ihre Gedanken und Gefühle preisgegeben und nun spielte es plötzlich doch eine Rolle, was die Graue davon hielt. Und dass sie in Caylees eigenen Ohren kindisch, albern und lächerlich klangen, machte die ganze Sache nicht gerade besser. Avendal derweil gab zumindest vor, anderer Meinung zu sein und sagte sonst auch noch eine ganze Menge weiterer Worte, die Caylee nur teilweise wirklich aufnahm. Interessant war vor allem, dass Avendal offensichtlich keinen blassen Schimmer gehabt hatte, was ihre Schwester eigentlich bewegte und fasste dieses Unwissen in einem Adjektiv zusammen, das für sie Caylees Benehmen bis zu ihrer Erklärung beschrieb: befremdlich. Für sie und wohl auch für einige andere Familienmitglieder hatte sich die Weiße also befremdlich verhalten. Irgendetwas sträubte sich in Caylee, irgendetwas verletzte sie an diesem Wort, aber zunächst konnte sie es nicht zuordnen. Vielleicht war es das Fremde, das darin enthalten war und sie zu einer Außenstehenden machte. Oder die kühle Distanz, die in diesem Wort mitschwang … wenn etwas befremdlich war, so wollte man es nicht unbedingt verstehen, nicht nachvollziehen und auch nicht akzeptieren. Caylee schloss wieder die Augen. Die gelassene Nähe ihrer Schwester, ihr ruhiger Atem und die Zuneigung, die in ihren Worten und ihrem Verhalten mitschwang, dämpfte jedes aufwallende Gefühl, aber die Weiße war dennoch nicht zufrieden.
“Fremd ist etwas nur so lange, bis man es kennenlernt.“,
murmelte sie in das graue Fell und es war ihr egal, dass Avendal möglicherweise nicht verstehen würde, was sie damit sagen wollte und was das mit ihrem Gesprächsthema zu tun hatte. Achja, das Gesprächsthema. In ihrem Unmut, hatte Caylee fast vergessen, dass sie sich eigentlich geschämt hatte und dass ihre Schwester nach wie vor sehr freundlich und liebevoll auf sie reagiert hatte. Diese Umstände nutzend, hob Caylee ihren Kopf aus dem Nackenfell der Grauen und sah ihr offen ins Gesicht, in den Sternenaugen vor allem ihre Zerrissenheit zeigend.
“Er ist unausstehlich. Aber manchmal ist er auch nett. Und immer ist er ehrlich. Warum kann das sonst niemand sein?“
27.01.2013, 14:42
Den Kopf noch immer leicht gehoben, die Augen geschlossen, ließ sie ihren Fang vom Wind umschmeicheln, der ihr einen angenehmen Schauer durch den Körper jagte, als er ihr den Geruch ihrer Familie und Freunde zutrug und mit einem Mal durchfuhr sie das Gefühl der Zusammengehörigkeit so stark, dass ihr Herz zu bersten drohte. Viel zu lange hatten sie nicht mehr miteinander gesprochen, viel zu lange hatten sie alle zugesehen, wie Caylee sich abwandte und keiner hatte etwas unternommen und nun, endlich, hatte sie die Grenze fort gewischt und stellte fest, dass sie niemals wirklich da gewesen war – nicht für sie. Caylee hatte trotz allem immer zu ihnen gehört, war immer ein Teil von ihr gewesen und nun war es an der Zeit diesem Teil die Beachtung zu schenken, die er verdiente, denn das hier, das war Familie... Mit einem leichten Blinzeln öffnete sie nun die hellen Augen, um den Blick auf die Wölfe in einiger Entfernung zu richten, während ihre Schwester die Nase fest in ihr Fell vergrub und leise Worte murmelte, die das Lächeln auf ihren Lefzen noch breiter werden ließ und ihre Augen fröhlich funkeln ließen, glaubte sie einen Moment den Teil in Caylee zu erkennen, den sie früher so geschätzt hatte und schließlich nickte sie mit einem leisen Glucksen.
„Wiedermal hast du vollkommen recht und deswegen bin ich hier. Ich habe dich stets sehr geschätzt und in der letzten Zeit vermisst und obwohl ich nicht behaupten kann, unschuldig daran zu sein, möchte ich genau das jetzt ändern... du fehlst mir“
Dieses offene Geständnis kostete sogar Avendal einen kleinen Augenblick des Innehaltens, denn sie war sich nicht sicher, ob oder wann sie ihrer hellen Schwester gegenüber je geäußert hatte, wie stark sie sich eigentlich mit ihr verbunden fühlte und wie wichtig das für sie war und plötzlich nagte tiefe Schuld an ihrem Herzen. Hatte sie Caylee jemals gesagt, wie sehr sie sie schätzte? Ein tiefes Seufzen schob sich aus ihrer Brust und nun, als die Weiße den Kopf hob und der Windfang die Zerrissenheit in ihren Augen sah, schmerzte sie die Erkenntnis, dass sie bei dem Versuch ihre eine Schwester zu retten, die andere beinahe verloren hatte.
„Wo wir von Ehrlichkeit sprechen, so will ich dir aufrichtig sagen, dass ich deine letzte Frage nicht beantworten kann. Doch ich möchte dir versichern, dass ich ehrlich bin, wenn ich sage, dass ich dir stets nur das Beste wünsche und wenn es dich glücklich macht, deine Zeit mit Krolock zu verbringen, egal wie er ist, dann werde ich die letzte Wölfin sein, die dir in den Weg tritt, und versucht dich davon abzuhalten...“