23.11.2011, 17:16
Mit einem etwas gelangweilten Gesichtsausdruck und ein bisschen wie bestellt und nicht abgeholt saß Minyala am Waldrand und schlug mit Gucken die Zeit tot. Sie war nicht wirklich bestellt worden, nur so wie immer: Caleb und sie waren meist irgendwie zusammen unterwegs und wenn das mal nicht der Fall war, wartete die Silberweiße irgendwo auf den Werwolf oder suchte ihn. Irgendwie war das nicht unbedingt befriedigend. Sie lebte nun schon fast ein Jahr in diesem Tal und kannte noch immer nur einen Bruchteil der Wölfe dieses Rudels. Woran das lag, konnte sie sich auch nicht so ganz erklären … vielleicht an der Tatsache, dass sie so viel mit Caleb herumhing und der Wölfe lieber mied oder auch an ihrem Aussehen, das wahrscheinlich nicht zum freundlichen Plaudern einlud. Kurzum: Sie hatte außer Caleb keine Freunde und war etwas einsam. Ein Wolf war nun einmal gerne unter Wölfen und auch wenn in ihrer Nähe einige Rudelmitglieder waren, hatte sie doch keinerlei Bezug zu ihnen. Sicher, die Gesichter waren ihr bekannt und von dem ein oder anderen hatte sie sicher auch schon den Namen gehört, aber sie hatte ein dermaßen schlechtes Namensgedächtnis, dass sie tatsächlich keinen einzigen Wolf in ihrer Nähe mit Namen ansprechen könnte. Vielleicht lag es ja auch daran, dass sie niemanden kannte. Ein Name ließ einen beliebigen Wolf zu einem Jemand werden. Doch wenn man die Namen reihenweise wieder vergaß, blieben die Rudelmitglieder Fremde.
Jetzt war die Einohrige grüblerisch geworden und beschloss, diesem Umstand doch einfach ein Ende zu setzen. Nicht, dass sie ihr Gedächtnis verbessern könnte – wobei, eigentlich wäre das auch einmal eine Idee; sie würde mit Caleb darüber reden – aber sie könnte ja einfach mit einem Wolf ins Gespräch kommen , dann ließen sich Namen auch viel leichter merken. Gesagt, getan; die Silberweiße erhob sich und tappte wahllos in eine Richtung um als erstes auf eine graue Fähe zu stoßen, die tatsächlich fast genauso klein war wie sie selbst. Dieser Umstand fiel Minyala als aller erstes auf und so beschloss sie, diese graue Fähe eben einfach anzusprechen. War doch ein super Einstiegsthema, immerhin musste die Graue sich auch oft genug winzig zwischen Riesen wie Tyraleen und Averic vorkommen.
“Huhu, hallo. Du saßt hier so rum, da dachte ich mir, ich leiste dir etwas Gesellschaft. So von kleiner Fähe, zu kleiner Fähe – du bist übrigens die erste, die ich hier treffe, die fast genauso klein ist wie ich. Alle anderen sind immer so riesig, da fühlt man sich fast wie ein Welpe.“ Das Plappern fiel Minyala wie immer nicht schwer. “Ich bin übrigens Minyala, ich weiß nicht, ob wir uns schon mal begegnet sind, aber mein Namensgedächtnis ist so furchtbar schlecht, dass ich einfach jeden Namen wieder vergesse. Das ist wirklich ätzend, denn ich bin jetzt schon fast ein Jahr hier und kenne immer noch nur eine Pfote voll Namen. Bist du schon länger hier? Dein Gesicht kommt mir so unbekannt vor. Wobei ich mir nicht sicher bin, ob ich nicht auch ein schlechtes Gesichtergedächtnis habe, das könnte durchaus sein.“
Und Klappe zu. Die graue Fähe sollte ja auch mal zu Wort kommen, außerdem wollte Minyala sie ja auch nicht verschrecken. Deshalb wippte ihre geknickte Rute auch freundlich hin und her und das typisch schiefe Minyalagrinsen lag freundlich auf ihren Lefzen.
27.11.2011, 12:31
Nachdem die Fähe nun ihre Geschwister wiedergesehen hatte, wollte sie noch mit ihrer Mutter sprechen. Diese entdeckte sie jedoch nicht unter den ganzen anderen Wölfen, und so hatte sie sich erstmal hingesetzt. Zu Hause war sie hier, und doch war etwas anders. Sie wusste, dass es gewiss auch an dem Wissen lag, dass ihr Vater ihr nie mehr gegenüber stehen würde. Dadurch ist dieses Tal ein wenig leerer geworden. Gleichzeitig hatte es aber auch durch ihre gefundene tiefe Verbindung zu Engaya an Bedeutung gewonnen.
Als sie nun so zu den anderen gesehen hatte, bemerkte sie, wie eine Fähe auf sie zu kam. Kursaí war sich sicher, diese noch nie gesehen zu haben. Waren viele Neue hier? Sie wusste es nicht, und auch ein wenig befürchtete sie, dass ein Teil des Rudels sich für immer gewandelt hatte, und sie ihn nicht wiedererkennen würde.Doch dann wurde ihr klar, dass nichts verloren sein konnte, dass sie wohl die Neuen neu kennen lernen musste. So sah sie der Silbergrauen entgegen. Der Anblick dieser war ziemlich besonders, fehlte ihr doch ein Ohr. Wie sie dieses wohl verloren hatte? Ob sie es stark einschränkte? Und dann war da noch die Rute der anderen. Kursaí hatte kurz gesehen, dass diese wohl einmal gebrochen gewesen sein musste. Anscheinend hatte die junge Fähe kein einfaches Leben bis jetzt gehabt. Was sie wohl alles erlebt hatte? Kursaí war sich bewusst, dass dies sehr intime Fragen waren und so stellte sie sie hinten an.
Als die Fähe nun zu ihr gekommen war, lächelte Kursaí sie freundlich an und hörte erstmal zu, was diese zu sagen hatte. Als die Sprache auf die Größe kam, musste sie zunächst einmal schmunzeln. Irgendwie hatte die andere ja Recht. Sie beide waren recht klein, doch die Weiße war der Meinung, dass Größe nicht alles war. Doch bevor sie etwas sagen konnte, redete die Fähe, welche Minyala hieß, auch schon weiter. Als die Fähe dann den Fang schloss erwiderte Kursaí:
"Hallo, mein Name ist Kursaí und ich denke nicht, dass wir uns schon einmal begegnet sind. Ich bin erst seit kurzem hier wieder im Tal und so trügt dich deine Empfindung nicht.
Es freut mich, dich kennen zu lernen, Minyala."
Sie meinte ihre Worte ernst. Auch wenn es vielleicht etwas anstrengend werden könnte, wenn die Silberne einen die ganze Zeit mit Worten überhäufte, so schien dahinter doch eine nette Wölfin zu sein. Dann fielen ihr wieder die ersten Worte der Fähe ein und sie sagte noch:
"Das stimmt, wir gehören wohl zu den Kleinsten. Doch Größe ist nicht alles."
Bei ihren letzten Worten grinste sie leicht.