25.10.2011, 17:26
Parveen ging langsam vorwärts, setzte eine Pfote vor die andere und hielt den Kopf gesenkt. Sie schritt lautlos weiter, ohne den Weg zu beachten, den sie einschlug. Es war ein guter Vergleich zu ihrem Leben, wenn sie es so betrachtete und darüber nachdachte. Über ihre eigenen trübsinnigen Gedanken kräuselten sich ihre Lefzen zu einem schwachen Lächeln, das aber sofort wieder versiegte. Die Tatsache, dass sie sich selbst so sah, war vielleicht das Traurigste.
Plötzlich hielt sie inne. Ihre müden Beine hatten sie zum Rudelplatz geführt und vor ihr spielte sich das Leben der anderen ab. Gedankenverloren ließ sie sich auf die Hinterläufe nieder und betrachtete die Wölfe, die ihre Familie waren. Natürlich sah sie diese Wölfe als ihre Familie, auch wenn es die meisten sicherlich nicht so erwidern würden. Parveen war nicht vielmehr als ein Geist in der Gemeinschaft und viele kannten sie wahrscheinlich nicht einmal. Vor dem Tod ihrer Eltern war sie lange fort gewesen und eigentlich hatte sich auch nach ihrer Rückkehr nichts geändert. Sie sah sich selbst als nicht viel mehr als einen Schatten, der dem Rudel folgte. Man wurde ihn nicht los, aber zu etwas nütze war er auch nicht.
Die Wölfin kniff die Augen zusammen und wollte sich schon wieder abwenden, aber irgendetwas hielt sie zurück. Vielleicht ihr eigener Geist, ihre zerrissene Seele, die verhindern wollte, dass sie erneut ins Dunkel ging.
Es war auch genau dieses Gefühl gewesen, der sie an diesen Ort geführt hatte. Ihr war fast, als hätte sie jemand gerufen, wusste aber nicht, wer das gewesen sein könnte. Parveen wandte den Kopf und ihre Augen blieben an einer Wölfin hängen, die etwas abseits von ihr stand. Tyraleen, ihre Schwester und die Leitwölfin des Rudels. Auf einmal keimte in ihr ein kleines Licht auf. Sie wusste, warum sie ihre Beine hier her getragen hatten und verstand, was ihr Geist von ihr wollte.
Parveen, wie lang ist es schon her? Wie viel Zeit ist seit eurem Gespräch vergangen?
Die Schwarze senke den Blick. Sie konnte sich an jedes Wort erinnern. Es war damals der Zeitpunkt gewesen, an dem sie für kurze Zeit wieder ins Licht geblickt hatte. Der Tod ihrer Eltern und der Kampf gegen das Nichts hatten tiefe Wunden in ihr hinterlassen, ihre Seele zerrissen und nie wieder war sie wie früher. Sie vergaß ihr altes Sein und die Art wie man lebte. Es war merkwürdig, dass gerade Tyraleens Leiden sie wieder aufblicken ließ. Sie tötete ihren Sohn Tascurio, das Rudel wandte sich von ihr ab und Parveen versuchte sie zu trösten. Zusammen mit ihrer Schwester Kisha war sie damals die erste gewesen, die wieder an ihrer Seite war.
Es müssen schon etliche Tage vergangen sein...
Parveen schüttelte den Kopf.
Nein, nicht Tage. Es sind bereits einige Monde vergangen. Jegliches Zeitgefühl hast du verloren. Parveen, du wolltest deiner Schwester die Antwort auf eine Frage geben und was ist geschehen? Du bist vor dir selbst davon gelaufen!
Es war die Frage über Parveens Seele gewesen. Der Grund ihrer Veränderung. Damals sagte sie zu ihren Schwestern, das Nichts hätte ihren Kopf mitgenommen. Wusste sie, was sie damit ausdrücken wollte? War es nicht vielmehr ihre Seele, die vom Nichts vergiftet und ausgesaugt wurde? Parveen grübelte weiter und fand doch keine Antwort. Jetzt hatte sie sich endlich aufgemacht und war hierher zurück gekommen und es fehlte ihr jegliches Gespürt dafür, was sie sagen wollte.
26.10.2011, 14:32
Tyraleen stand etwas unschlüssig am Rande des Rudelplatzes. Sie hatte einen kleinen Rundgang gemacht, war ab und an stehen geblieben, hatte sich mit dem einen oder anderen unterhalten und hatte einfach überprüft, ob alles in Ordnung war. Zufrieden konnte sie feststellen, dass das Rudel soweit glücklich war und es keine Probleme gab. Nun wieder an ihrem Ausgangspunkt wusste sie nicht so Recht, was sie nun tun sollte. Sie könnte Taleesha suchen oder einen anderen Welpen. Oder ihre eigenen Kinder, vielleicht auch Atalya, mit der wollte sie sowieso noch sprechen. Während sie noch nachdachte und unentschlossen mit den Ohren vor und zurück schnippte, stieg ihr ein wohl vertrauter Geruch in die Nase. Er war immer irgendwie da, wenn auch manchmal schwächer, aber die dazugehörige Gestalt sah man selten. Parveen begleitete das Rudel, manchmal erhaschte man auch einen Blick auf sie, aber wirklich in der Gemeinschaft hielt sie sich nie auf. Sie war wie ein Schatten, der einem stumm folgte und der doch nicht anwesend war. Jetzt war ihr Geruch stark, stärker als die meiste Zeit. Aufmerksam geworden sah sich Tyraleen um und tatsächlich – nur wenige Wolfslängen entfernt stand ihre Schwester zwischen den Bäumen. Sie sah sie an, direkt und nicht gerade wie ein Schatten. Sofort spürte die Weiße, dass heute etwas anders war. Parveen drehte sich nicht um und sie lief auch nicht ruhelos weiter, als wäre ihre Anwesenheit nicht weiter erwähnenswert. Wie lange war es her, dass Tyraleen und ihre Schwester sich wirklich aufmerksam angesehen hatten? Seit dem Gespräch auf dem Himmelsfelsen nicht mehr. Es war eine seltsame Situation gewesen, unwirklich und scheinbar endlos lange her. Kisha und Parveen waren an ihrer Seite gewesen, unmittelbar nach dem Mord an Tascurio. Sie hatten ihr ganz selbstverständlich gezeigt, dass sie zu ihr hielten. Dieser Moment hatte der Weißen sehr viel bedeutet, aber er hatte ein seltsames Ende genommen. Parveen hatte in Rätseln gesprochen, vom Nichts, das ihren Kopf mitgenommen hätte und auf eine Nachfrage hatte sie nicht geantwortet. Als Tyraleen irgendwann gegangen war um das Rudel zu unterstützen, hätte sie nicht erwartet, ihre Schwester so lange nicht mehr zu sehen. Wie als hätte diese Frage Parveen wieder verscheucht. Nun schlich sich Unsicherheit in den Blick der Weißen. Zaghaft setzte sie eine Pfote vor die anderen und näherte sich ihrer Schwester, so langsam, als würde sie ein verletztes, ängstliches Tier nicht verscheuchen wollen und jederzeit bereit innezuhalten, sollte Parveen zurückweichen.
28.10.2011, 19:51
Die Schwarze Fähe hob zögernd eine Pfote, als wollte sie sich wieder umdrehen und in den Wald verschwinden. Sie war so unschlüssig, so zerrissen in der Frage, was sie tun sollte. Das Einfachste wäre natürlich wieder zu gehen und das Leben weiterzuführen, wie sie es in den vergangenen Monden getan hatte. So feige und falsch, aber es wäre einfach wunderbar leicht.
Parveen merkte erst jetzt, dass Tyraleen ihre Anwesenheit bemerkt hatte und sofort setzte sie die Pfote wieder auf den Erdboden. Sie verengte leicht die Augen und senkte den Blick. Die Scham überkam sie wie ein Windhauch und schnürte ihr Herz zusammen. Hatte ihre Schwester nicht das Gleiche erlebt, hatte noch viel mehr durchgemacht und konnte trotzdem weiter leben? Sie war so viel stärker als die ältere Schwester und war jetzt Alpha des Rudels. Der Schmerz der Vergangenheit fraß sie nicht auf, oder zumindest ließ sie es sich nicht anmerken. Parveen hob schüchtern den Kopf, sodass sie sah, wie Tyraleen langsam zu ihr schritt. Sie kam so vorsichtig auf sie zu, wie man sich einem ausgestoßenen Welpen nähern würde, der jederzeit davon rennen könnte. Und ja, sie hatte Angst. Vor was, das wusste sie selbst vielleicht am wenigsten, aber es war wohl die Tatsache, dass sie sich endlich mit sich selbst auseinander setzten würde. Jetzt noch zu gehen, wo die Weiße schon so nahe war, war nicht mehr möglich – zumindest für Parveen. Wenn sie nun ginge, dann wäre ihre Zukunft im Rudel zunichte gemacht und was würde ihr Leben dann noch für sie bereit halten?
Die Fähe war damals zurück gekommen, weil ein Dasein ohne ihre Familie für sie unmöglich wurde. Zu sehr hing sie an ihrem Zuhause und diesen Wölfen und wenn sie nun feige davon rennen würde – wäre alles verloren.
Sehr langsam setzte die eine Pfote nach vorne und während sie versuchte tief einzuatmen, schlich sie vorsichtig aus dem Schatten der Bäume. Seit dem Gespräch auf dem Himmelsfelsen war sie ihrer Schwester nicht mehr so nahe gewesen, oder hatte es zumindest nicht realisiert. Kurz vor ihr blieb sie aber wieder unschlüssig stehen. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Eine Entschuldigung? Wie sollte sie Worte finden, die Tyraleen zeigten, warum sie so gehandelt hatte und was in ihr vorging… Die Schwarze öffnete den Fang und in ihren Augen blitze wieder das Schuldbewusstsein auf.
"Schwester, es ist lange her…"
Ihre Stimme war leise und ein wenig kratzig. Sie redete nicht oft mit jemandem und ihr war fast, als hätte sie das Sprechen verlernt. Die wenigen Worte waren nicht gerade aussagekräftig. Was war lange her? Ihr letztes Zusammentreffen oder überhaupt die Tatsache, dass sie wieder so nahe beim Rudel war? Vielmehr war schon viel Zeit vergangen, in der sie Tyraleen eine Antwort schuldig war. Es waren damals ihre eigenen Worte gewesen, die sie wieder vertrieben hatten. Sie hatte aus ihrem eigenen Fang gehört, was aus ihr geworden war. Als leere Hülle hatte sie sich bezeichnet, als jemanden, der nicht mehr von der Zukunft träumen könnte, weil diese nichts mehr für sie bereit hielt. In den letzten Monaten hatte sie tatsächlich über ihre Worte nachgedacht, aber eine direkte Antwort war ihr nicht eingefallen.
"Viele Nächte habe ich in die Sterne geblickt und doch keine Antworten gefunden, die verzeihen würde, was ich getan habe."
13.11.2011, 19:58
Tyraleen behielt ihre schwarze Schwester die ganze Zeit im Auge, sah wie Parveen den Kopf senkte und wie die Gedanken durch ihren Kopf wirbelten. Die Weiße wusste nicht, was in ihrer Schwester vorging, doch sie meinte die Zerrissenheit spüren zu können. Noch immer war sie sich nicht sicher, ob Parveen nicht doch noch einfach gehen würde, bis diese plötzlich zu laufen begann – in Tyraleens Richtung. Erst da spürte die Weiße, was für ein riesiger Stein ihr auf dem Herzen gelegen hatte und nun davon runter fiel. Jetzt lächelte sie sogar, ganz leicht und noch immer etwas zögerlich. Sie erreichten sich und blieben wenige Schritte voneinander entfernt stehen. Die ältere und die jüngere Schwester. Ihre Rollen schienen mehr als vertauscht und selbst die Familienzugehörigkeit schien nicht immer ganz klar. Verhielt sich Parveen doch zumindest in letzter Zeit ganz und gar nicht wie ein Teil von ihnen, wie eine Schwester. Aber vielleicht würde sich das nun wieder ändern? Zum ersten Mal waren sie sich wieder nahe, sahen sich an und würden miteinander sprechen. Die Weiße sah das Schuldbewusstsein durch den Blick ihrer Schwester huschen und wäre am liebsten tröstend zu ihr getreten. Aber sie wagte es nicht … noch nicht. Als Parveen sprach, klang ihre Stimme ganz so, als hätte sie sie lange nicht genutzt. Vermutlich war das sogar der Fall. Mit wem hätte sie auch sprechen sollen? Mit ihren Worten wusste Tyraleen zunächst nichts anzufangen, sagten sie ihr doch zu wenig über das Warum. Sie beschloss kein „Ja“ oder „Stimmt“ oder auch „Leider“ zu antworten sondern schlicht abzuwarten. Und dann kam ein wenig mehr, aber es irritierte die Weiße. Verzeihen? Schneller, als die denken konnte, war sie schon an die Seite ihrer Schwester getreten und hatte sie sanft an Nase, Lefze und Stirn berührt.
“Verzeihen?“ Sie klang beinahe kindlich. “Was sollte ich dir verzeihen müssen?“
Sanft schnüffelte sie in die Halskrause ihrer Schwester und verschränkte ihren Blick dann in den Parveens.
“Du warst als erste und als eine der wenigen für mich da. Danach warst du wieder weg, aber das tut nicht viel zur Sache. Ich bin mir sicher, du hattest deine Gründe. Wenn du magst, kannst du sie mir erzählen.“
19.11.2011, 14:39
Parveen zuckte kaum merklich zusammen, als Tyraleen plötzlich an ihre Seite trat. Was erwartete sie? Einen Angriff? Dass ihre Schwester sie davon jagen würde? Die große Schwester, die in ihrem Leben so vieles falsch gemacht und nie so wirklich einen Platz gefunden hatte. Oft kam es ihr vor, als hätte sie nicht selbst, sondern ihr Körper eigenmächtig gehandelt, weil der Geist nicht anwesend war. Nun aber dachte sie wieder klar. Sie würde selbst bestimmen, wie ihre Zukunft verlaufen würde, denn war nicht das ihre ganz persönliche Freiheit? Die Schwarze blieb und rührte sich nicht. Die Zeit des davon Rennens war vorüber. Parveen trafen keine Zähne oder bissige Worte, aber die sanfte Stimme der weißen Fähe schnitt trotz allem in ihre Seele und drang tiefer als es jeder Angriff getan hätte. Tyraleen fügte ihr keine weitere Wunde zu, sondern heilte ihre Seele mit diesen einfachen Worten - ein klein wenig zumindest. Die Schwarze konnte nicht umhin, die Anspannung abfallen zu lassen und ein zurückhaltendes Lächeln umspielte ihre Lefzen. Vielleicht das erste Mal dachte sie nicht darüber nach, ob sie die Worte überhaupt verdiente, sondern war einfach dankbar. Sie fühlte sich wieder in die Zeit zurück versetzt, als sie selbst ein Welpe und Banshee noch am Leben war. Schon früh in ihrem Leben hatte sie sich entschuldigen müssen und das Verhalten ihrer Schwester glich dem ihrer Mutter so sehr, dass sich Parveen kurzzeitig nicht sicher war, wen sie vor sich hatte. Tyraleen berührte sie flüchtig an der Stirn, wie es auch ihre Mutter so oft getan hatte. Sie wusste erst nicht, wie sie sich verhalten sollte, aber vergrub dann selbst ihre Schnauze in dem dichten Pelz am Hals ihrer Schwester und schmiegte sich kurz an sie, bevor sie den Blick wieder hob. In ihren Augen lag wieder die Traurigkeit, die sie genauso mit sich trug, wie den Stern auf ihrem schwarzen Pelz.
Ihre jüngere Schwester wollte keine Schuldgeständnisse oder weitere Entschuldigungen von ihr hören. Es war, als hätte sie das alles hinter sich gelassen und betrachtete die Schwester nur aus den Momenten der Gegenwart. Zwar mit Erinnerungen an vergangene Tage, die sie aber nicht weiter zu beachten schien. War es nicht genau das, was sich die Wölfin erhofft hatte? Einen Neuanfang und dieser musste mit Antworten beginnen, die sie schon lange schuldig war. Parveen versuchte die passenden Worte zu finden. Es war im Grunde die Selbe Frage, vor der sie geflohen war und nun schien sie nicht einfach zu sein.
"Du erinnerst dich an unser letztes Gespräch."
Es war eine Feststellung, keine Frage. Natürlich konnten sich beide Fähen an das Gespräch erinnern.
"Du hast mich auch damals gefragt, was mich bewegt und meine Worte hinterfragt. Eine Antwort habe ich dir nie gegeben… Ich konnte es nicht, denn meine eigenen Gedanken erschreckten mich. Jetzt aber… Ich werde nicht wieder davon laufen."
Ihre Stimme wurde stärker, selbstbewusster. Ein Phänomen, das sie lange nicht mehr erlebt hatte und mit jedem Wort fühlte sie sich befreiter. Es war gut. Einfach richtig. Jemandem Einblick in ihre zerrissene Seele geben und hoffen, dass sich die Wunden irgendwann einmal schließen würden.
"Ich war nie so stark wie andere, wie du, und der Tod unserer Eltern, er zerriss mich und meine eigenen Schuldgefühle hielten diese Wunde offen. Ich fühlte mich schuldig gegenüber euch allen, meiner Familie. Wie konnte ich mir einbilden, dass ihr nicht das Selbe durchmacht? Aber ihr habt versucht nach vorn zu schauen und das Leben weiter zu führen, während ich meinen Gedanken nachhing und keinen Weg fand mich daraus zu befreien.
Das Nichts… Es war mir, als würde es mich verschlingen, denn ich fühlte mich selbst so leer. Im Versuch meine Trauer und den ganzen Schmerz zu vergessen, zerriss es mich. Das Leben schien keine Freude mehr für mich bereit zu halten und als das Nichts vertrieben wurde, blieb diese Leere in mir zurück."
Parveen stockte kurz und ein leichtes Zittern durchlief ihren Körper. Der Schmerz kam mit aller Macht zurück und drängte sich in ihre Gedanken. Die Wölfin schüttelte langsam den Kopf. Nicht jetzt, nicht hier. Sie musste es Tyraleen erzählen. Ihre so selbstbezogenen Worte über einen Schmerz, den auch alle anderen durchlebt hatten. Die Bürde, dass sie damals mehr an sich selbst und die Grausamkeit des Lebens dachte, als daran, dass es nicht nur ihr so ging.
"Ich schaffte es nicht, einen Neuanfang zu beginnen, den ersten Schritt zu gehen. Als ich damals deinen Schmerz sah… Ich hätte nicht schweigend daneben sitzen und nichts tun können. Meine Schwester, die in ihrem jungen Leben schon so viel hat durchleiden müssen, aber als du mir damals die Frage stelltest, konnte ich nicht antworten. Was sollte ich dir von meiner Pein erzählen, wo du doch stärker verwundet wurdest? Meine Schuldgefühle ließen es nicht zu. Es war mir peinlich, dass ich nicht stärker war."
Sie sah zu Boden. Verständnis erwartete sie nicht oder hoffte darauf, dass es ihr entgegengebracht wurde. Parveen fühlte sich schuldiger denn je, aber auch gleichzeitig befreit. So lange trug sie alles mit sich und fand keinen Ausdruck dafür, aber diese einfachen, ehrlichen Worte heilten.
24.11.2011, 11:27
Als Parveen zu lächeln begann und die Gesten der Zärtlichkeit erwiderte, fiel das letzte Bisschen Anspannung und Furcht vor einer Flucht der Schwarzen endgültig von Tyraleen ab. Ihre Schwester würde nicht wieder gehen, scheute nicht mehr ihre Anwesenheit, stellte sich dem Gespräch, in das die Weiße viele Hoffnungen legte. Ihr war bewusst, dass sich Parveen nicht von einem Tag auf den anderen ändern, nicht plötzlich im Mittelpunkt des Rudels stehen würde, aber vielleicht würde sie jetzt wieder öfter bei ihnen sein und mit ihrer Familie sprechen. Das wäre wunderschön. Gleichzeitig versuchte sich Tyraleen aber auch zu zügeln, nicht zu viel erhoffen, denn wie sehr man enttäuscht werden konnte hatte sie schon schmerzlichst erfahren. Sie wollte die Schwarze zu nichts drängen, nicht den Eindruck erwecken, als würde sie nun eine sofortige Rückkehr verlangen. Sie fürchtete sich davor, zu viel zu wollen, doch zu wirken, als wäre ihr Parveen egal, konnte kaum besser sein. Nun mit einem Hauch neuer Unsicherheit betrachtete sie ihre Schwester und nickte ganz leicht auf die ersten Worte. Das Gespräch und ihre Gefühle dabei waren in ihr Gedächtnis eingebrannt als läge es erst wenige Stunden zurück. Doch die nächsten Sätze Parveens irritierten die Weiße. Sie war vor dieser Frage davongelaufen? Und das so lange? Vor einer einfachen Nachfrage auf die Aussage hin, dass das Nichts ihren Kopf gestohlen hätte; was für Tyraleen damals mehr als verwirrend geklungen und sich ihr auch heute noch nicht erschlossen hatte. Die Verwunderung zeigte sich im Gesicht der Weißen, das aber überdies keine Wertung erkennen ließ. Auch wenn sie noch nicht verstand, wie eine einzige Frage ein so langes Fernhalten zur Folge haben konnte, war sie sich sicher, dass Parveen einen guten Grund haben und ihn ihr gleich erzählen würde. Und tatsächlich wurde einiges klarer, als die Schwarze zu erklären begann und auf ein nur allzu bekanntes und schmerzliches Thema zu sprechen kam. Tyraleen hatte sich nie darüber Gedanken gemacht, wie sehr ihre Schwestern unter dem Tod ihrer Eltern litten. Wenn sie so darüber nachdachte, schien es egoistisch, aber sie war für diejenigen dagewesen, die Trost bei ihr gesucht hatten und diejenigen, die fern blieben, hatte sie fern bleiben lassen. Damals waren ihre acht Welpen noch so jung, sie hatte sich um sie kümmern müssen und wenig Kopf für den Rest der Familie gehabt. Außerdem war da das Nichts gewesen und sie hatte plötzlich selbst eine Lösung finden müssen. Es war nicht viel Zeit für Trauer geblieben. Zumindest nicht für ihre eigene. Sie erinnerte sich an ein Gespräch mit Averic, ein kurzer, inniger Moment, nur einen Tag nach der Nacht im Trauerweidenhain. Dort hatte sie das einzige Mal wirklich alle Trauer gezeigt. Danach war sie plötzlich so etwas wie eine Leitwölfin oder zumindest eine potenzielle Anwärterin, die anderes zu tun hatte, als herumzusitzen und zu trauern. Und sie war Mutter. Plötzlich überkamen sie Schuldgefühle. Sie hatte damals einen großen Teil ihrer Familie im Stich gelassen. Ihre Schwestern und ihre Cousinen, Neruí und Sheena, alle außer Averic und ihren Welpen. Sie schluckte schwer, versuchte aber ihre Gedanken davon loszureißen und sich ganz auf Parveen zu konzentrieren. Es ging nun um ihre Schuldgefühle und nicht um die Tyraleens. Die Weiße verstand das Problem ihrer Schwester, auch wenn sie vermutlich anders darauf reagiert hätte. Aber sie hatte sich schon immer in einer anderen Situation befunden. Parveen war lange fortgewesen und erst zum Tod ihrer Eltern zurückgekehrt. Sie hatte die Beziehung zu ihrer Familie verloren und war in ein praktisch unbekanntes Rudel gekommen. Die wenigsten hatten sie gekannt. Tyraleen dagegen war in ihrer Heimat, mit Gefährten und Welpen und mit der Aufgabe, Leitwölfin zu werden. Und auch wenn die Weiße ihr Schicksal immer als schwer angesehen hatte, so musste sie nun einsehen, dass Parveens Situation weitaus trauriger gewesen war. Ganz langsam schüttelte sie den Kopf.
“Es hatte damals nichts mit Stärke zu tun, dass ich mit der Trauer besser oder anders zu Recht kam. Ich hatte Averic, meine Welpen, Nyota und meine Freunde. Aber du warst plötzlich wieder da, nach langer Abwesenheit und die meisten kannten dich nicht. Selbst deine Familie war dir größten Teils unbekannt, waren doch viele Schwestern fortgewandert und Brüder gestorben. Du warst alleine. Ich hätte damals für dich da sein müssen. Hätte dir die Stärke abgeben müssen, die ich von anderen bekam. Ich finde nicht, dass du dich schuldig fühlen musst … unsere Lebensumstände waren viel zu verschieden und dein Schicksal hatte dich in eine schwere Situation gebracht.“
Sie wollte nicht den Eindruck machen, als dass sie selbst an allem Schuld war oder gar eine Diskussion darüber auslösen, wer denn nun mehr Schuld trug. Aber sie fand, dass Parveen zu hohe Erwartungen an sich selbst stellte und sich mit jemandem maß, der in einer ganz anderen Situation gewesen war. Und das war nicht richtig. Die Erklärung, warum sie bei dem Gespräch auf dem Himmelsfelsen nicht hatte antworten wollen, baute auf diesen Schuldgefühlen auf und war leicht nachvollziehbar. Damals musste für die Schwarze der Schmerz ihrer Schwester so viel größer und wichtiger gewirkt haben, dass sie sich ob ihrer eigenen Pein nur schämen konnte. Und Tyraleen konnte nicht einmal mit Sicherheit sagen, ob sie es nicht selbst so empfunden hätte. Ob sie sich nicht gefragt hätte, warum Parveen nun wieder mit dem Tod ihrer Eltern kam, obwohl gerade ihr Neffe von ihrer Schwester umgebracht worden war. Jetzt nickte sie, verständnisvoll und beinahe beschämt, weil sie nicht ausschließen konnte, dass sie den Gefühlen Parveens wenig Aufmerksamkeit geschenkt hätte.
“Ich verstehe. Vermutlich hätte ich nicht anders reagiert und hättest du mir von deinem Scherz erzählt, hätte ich dafür keine Gedanken übriggehabt. Aber ich bin froh, dass du es nun getan hast. Vielleicht können wir nun nachholen, was wir nach dem Tod unserer Eltern versäumt haben. Vielleicht hast du nie deine Trauer verarbeiten können, weil niemand dagewesen ist, der dir dabei half.“
Jetzt lächelte sie wieder leicht und berührte die Schwarze an der Lefze.
“Nächstes Mal musst du aber keine Monate warten, bis du mit mir darüber redest.“
11.12.2011, 19:51
Sie hörte nicht nur ihre Worte, verfolgte die offensichtlichen Reaktionen, sondern blickte in ihre Augen und wollte den gesamten Sinn begreifen. Sich in andere hinein zu versetzen, beobachten und analysieren, darin war sie begabt, wenn sie dies durch ihre Abgeschiedenheit auch unfreiwillig gelernt hatte. Unfreiwillig, auch wenn sie natürlich selbst dafür verantwortlich war. Die Fähe mochte diese Eigenschaften an sich, wenn auch nicht die Gründe weswegen sie sich diese angeeignet hatte. Leider halfen sie ihr nicht immer und so vermochte sie auch in dieser Situation nicht in der Seele ihrer Schwester zu lesen. Tyraleen wirkte kurzzeitig abwesend, als würden ihre Gedanken immer wieder abschweifen und Parveen konnte sich nur zu gut vorstellen, an welchen Orten sie sich befand. Sie selbst stellte sich das Gleiche vor. Wieder und wieder. Seit der Rückkehr zu ihrer Familie wirbelten die Erinnerungen in ihrem Kopf und Parveen wurde bewusst, dass ihre Schwester die Wahrheit sprach. Ihre Trauer, auch wenn sie immer furchtbar präsent war, hatte sie nie vollkommen verarbeitet. Eigentlich dachte sie, dass sie über den Tod ihrer Eltern hinweg sei, aber hatte sie sich wirklich damit auseinander gesetzt und einen Schlussstrich gezogen? Eigentlich nicht…
Parveen hatte nicht vor, ihre Eltern oder die Ereignisse zu vergessen, aber vielleicht war es an der Zeit, dass sie anfing, an die schönen Zeiten zurück zu denken. Die ältere Schwester blickte die Weiße freundlich an. Sie war dankbar und in gewisser Hinsicht auch stolz auf den Mut, der sie endlich wieder zurück gebracht hatte. Zurück zu ihrer Familie und zurück ins Leben. Sie war sich bewusst, dass sich nicht alles plötzlich ändern würde, aber ein Anfang war gemacht.
Besonders ein Satz von Tyraleen hatte sie aufblicken lassen und hallte noch in ihrem Kopf nach, als sie aufhörte zu sprechen. Er zog sich außerdem immer wieder durch die Sätze. "Du warst allein… niemand war da, der dir half…"
Parveen wollte nicht, dass sich ihre Schwester irgendwelche Schuldgefühle machte, aber es berührte sie. Immer hatte sie gedacht, dass niemandem der schwarze Schatten auffiel, der dem Rudel folgte und sich niemand darum kümmerte, was sie bewegte. Irgendwie hatte sie nun wieder ein Gefühl der Zugehörigkeit. Sie fiel auf und war nicht jedem vollkommen egal.
Sie war ganz in Gedanken und wurde erst durch die Berührung an ihrer Lefze in die Gegenward zurück geholt. Tyraleens Lächeln begrüßte sie und ihr letzter Satz ließ auch sie schmunzeln. Leicht beschämt zwar, aber nicht angegriffen.
"Nein, ich werde keine weiteren Monate warten. Ich würde mich freuen, wenn ich wieder Teil von euch werde und meine Familie kennen lernen kann." Die Familie kennen lernen… Eigentlich ein trauriger Gedanke, aber es war eher Vorfreude, die sie erfüllte.
"Es hat sich so vieles verändert… Und ja, du hast recht wenn du sagst, dass ich meine eigene Familie kaum kenne. Daran hat sich seit damals nichts geändert. So viele haben uns verlassen, aber ich habe nicht mehr das Gefühl, dass ich vollkommen allein bin. Ein paar erkenne ich wieder."
Parveen stupste daraufhin mit der Nase an Tyraleens Schulter. Ja, zumindest eine Wölfin glaubte sie zu kennen. Diese Wölfin, die sie so sehr mit der Vergangenheit verband und die nun einen Weg in die Zukunft möglich machte. Sie hatte sich nicht träumen lassen, dass sie mit solch einem Verständnis aufgenommen werden würde und gerade das machte ihr bewusst, wie reif ihre Schwester war. Sie war jünger als sie, aber erinnerte sie trotzdem unglaublich an ihre Mutter.
"Weißt du… Banshee ist nicht von uns gegangen – sie alle nicht. Sie sind alle noch hier… Irgendwie. Das war mir nie bewusst, aber ich glaube, dass ich langsam anfange, es zu sehen."
19.01.2012, 13:29
Dass Parveen nun auch zu lächeln begann, erleichterte Tyraleen mehr, als sie erwartet hätte. Offensichtlich hatte sie zumindest einige gute Worte gefunden, um der Schwarzen die Schuldgefühle zu nehmen und die ersten vorsichtigen Schritte hin zu einer normalen Beziehung von Schwester zu Schwester zu machen. Deshalb hoffte sie auch, dass Parveens Beteuerung, nicht wieder Monate zu warten, bis sie sich zurückwagte, keine Bedeutung mehr haben würde. Denn wenn sie wirklich wieder ein Teil von ihnen werden würde, würde es dafür keinen Grund mehr geben. Mit neu erwachter Hoffnung blinzelte die Weiße zu ihrer Schwester, strich mit der Nase über den blassen Stern auf der schwarzen Stirn und lächelte.
“Viele unserer gemeinsamen Schwestern sind zurückgekehrt. Daylight, Amáya und Malicia – ich durfte sie alle begrüßen. Und auch einige unserer Nichten, wie Ahkuna und Kursaí. Wobei du sie ja nie richtig kennengelernt hast … sie sind in den Bergen geboren, ein Jahr haben wir dort oben gelebt. Es war eine wunderschöne Zeit.“
Ihr Blick wurde kurz abwesend, als sie sich an die vielen Momente im ewigen Schnee zurückerinnerte. An die Zeit mit Averic, an die Rückkehr Nyotas und an die kurze Zeit mit ihrem Vater. Aber sie besann sich schnell, dass es nun wichtigeres gab und zudem wusste Parveen möglicherweise gar nicht, von was sie sprach. Wenn sich die Weiße noch richtig zurückerinnerte, war ihre schwarze Schwester kurz vor der Flucht in die Berge gegangen. Tyraleen hatte nur noch ganz dumpfe Erinnerungen daran, einmal als kleiner Welpe mit Parveen gesprochen zu haben. Danach war die Schwarze aus ihrem Leben verschwunden und erst wiedergekommen, als sie bereits Mutter gewesen war.
“Kennst du denn schon alle meine Welpen? Es sind ja nun nur noch sieben …“ Sie stockte, schien kurz aus dem Konzept gebracht, fing sich dann aber wieder und lächelte tapfer weiter. “… aber du hast sie ja alle schon gesehen. Ich glaube, sie kennen dich als Parveen, die seltsame Wölfin mit dem Stern auf der Stirn, die zwar ihre Tante sein soll, aber nie mit ihnen spricht. Sie würden sich sicher freuen, dich näher kennenzulernen.“
Und dann wären da natürlich noch Jakashs Welpen. Sie waren ebenso Teil ihrer Familie und Tyraleen konnte sich vorstellen, dass sie sicher Freude an diesem seltsamen Stern auf der Stirn ihrer Großtante hätten. Aber vielleicht waren die Kleinen auch noch ein wenig viel für Parveen, immerhin hatte sie so lange abseits gelebt. Deshalb beließ es die Weiße bei dieser Aufzählung, stupste neckend zurück und wurde doch schnell ernst, als ihre Schwester ihre gemeinsame Mutter erwähnte. Sie nickte, traurig lächelnd.
“Ja, sie begleitet uns und passt auf uns auf, solange wir sie nicht vergessen. Ich bin so gerne im Trauerweidenhain, bei den kleinen Bäumchen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie in ihnen weiterleben, auch wenn es verrückt klingen mag. Bist du auch manchmal dort?“
01.04.2012, 13:12
Parveen beobachtete ihre Schwester, wie ihre Augen zu leuchten begannen, als sie von der Zeit in den Bergen sprach. Sie selbst war nicht dort gewesen, hatte das Rudel kurz vor der eigentlichen Flucht verlassen. Als sie nun den Tonfall der Weißen hörte, wünschte sie, sie hätte das Rudel begleitet und diese Welt ebenfalls gesehen. Es muss beeindruckend gewesen sein, dieses Gebiet zu erleben, das sich so sehr von ihrem Revier unterschied.
Beim Erwähnen von Tyraleens Welpen senkte sie leicht den Blick. Die Trauer ihrer Schwester schwang deutlich in der Luft und wieder einmal wurde Parveen bewusst, was ihre Schwester für eine schwere Bürde trug. Die eigenen Welpen sterben zu sehen… Oder selbst dafür… sie stockte und verbot sich diesen Gedanken. Sie selbst konnte nicht einmal erahnen, was das für ein Schmerz gewesen sein musste.
Als aber darauf zu sprechen kam, wie die Welpen, die sich alle schon dem Erwachsenenalter näherten, die merkwürdige Tante sahen, musste sie schmunzeln.
"Ja, so sehen sie mich wahrscheinlich." Parveen musste glucksen, als sie sich eine Bande von jungen Wölfen vorstellte, die sie beobachteten und sich auszumalen versuchten, was ihre geheimnisvolle Tante wohl verborgen hielt.
"Vielleicht würden sie mich wirklich gerne kennen lernen. Ich möchte schließlich endlich wieder dazu gehören."
… Ja, das möchte ich wirklich! Parveen hob den Blick, als Tyra begann, von den jüngsten Rudelmitgliedern zu reden. Gesehen hatte sie die vier Welpen natürlich schon. Hatte sie beobachtet und sich ihrer Lebensfreude und Unschuld erfreut. Gesprochen aber hatte sie mit ihnen noch nicht. Nein, sich nicht einmal genähert. Mit einem Lächeln auf den Lefzen trat ein schelmischer Ausdruck in die blauen Augen, die schon lange nicht mehr dort gesehen wurden.
"Ob ich wohl als Spielgefährte tauge, was meinst du? Ich glaube, ich bin etwas aus der Übung, was solche Dinge angeht."
Sie streckte ein wenig die Läufe und ließ den Blick schweifen. Alles war so friedlich… Wirkte so ruhig und die Dämonen, die sie oft zu quälen versuchten, waren still und nicht zu sehen. In diesem Moment war sie sich sicher, dass ihre Mutter über sie wachte. Noch immer bei ihnen war… Irgendwo.
"Am Trauerweidenhain… Ich war seit diesem Tag… Ich war schon lange nicht mehr dort. Wenn ich meine Pfoten an diesen Ort setze, erinnere ich mich an die letzten Worte und daran, dass ich gerade rechtzeitig zurück kam, um mich zu verabschieden."
03.05.2012, 17:38
Es war schön, Parveen schmunzeln zu sehen – ein Zeichen von Freude und Humor, dem untrüglichen Beweis, dass ihre Schwester nach wie vor eine Wölfin wie Tyraleen selbst war. Sie schien keine Scheu vor den Welpen zu haben, oder zeigte diese zumindest nicht, und befand ihr Image in ihrer Familie zwar als lustig aber durchaus ändernswert. Mit einem solchen Willen, die bisherige Situation, die ja immerhin ein halbes Jahr angedauert hatte, zu ändern, hatte die Weiße nicht gerechnet. Aber es freute sie, konnte das doch nur heißen, dass Parveen tatsächlich aufhören wollte, in der Zurückgezogenheit zu leben. Das hier war keine zufällige Begegnung – ihre Schwester hatte sich ganz bewusst dazu entschlossen sie aufzusuchen, ihre letzte Frage zu beantworten und einen Neubeginn zu wagen. Die leise Freude über diese Erkenntnis äußerte sich in einem Lächeln auf Tyraleens Lefzen und einem erneut Schnuffen in den Nackenpelz der Schwarzen. Diese hatte nun einen beinahe schelmischen Ausdruck in den Augen und überlegte dann laut, ob sie wohl eine gute Spielgefährtin für die Welpen wäre. Tyraleen konnte sich ihre Schwester zwar nur schwer als Welpensitterin vorstellen, aber das lag auch nur daran, dass sie sie bisher nur als so zurückgezogen kannte. Wer wusste schon, welche verborgenen Talente in Parveen schlummerten?
“Den Welpen ist es ganz egal, wie viel Übung du mit ihnen hast – sie werden dich schon in Beschlag nehmen, wenn du zu ihnen gehst. Also nur zu, sie freuen sich sicher.“
Das Schmunzeln im Gesicht der Weißen wurde etwas schwächer, als Parveen auf den Tag des Todes ihrer Eltern anspielte. Tatsächlich dachte Tyraleen auffällig selten an das konkrete Ereignis des Todes Banshees und Acollons. Für sie war der Trauerweidenhain weniger der Sterbeort ihrer Eltern, als vielmehr ein Schrein, ein Heiligtum, das ihnen zu Ehren erblüht war. Natürlich erinnerte sie sich auch immer wieder an die wichtigen letzten Momente, die Worte ihres Vaters, die Berührung ihrer Mutter … aber meistens hatte sie die Bilder von den schönen Zeiten mit ihren Eltern vor Augen, in denen sie alle glücklich waren. Oder sie sah Banshee und Acollon in den heiligen Hallen, wie sie zu ihr sprachen aus weiter Ferne. Trotz ihrer konträren Gedanken, nickte sie nach diesen kurzen Momenten des stummen Nachdenkens.
“Vielleicht solltest du öfter hingehen. Wenn du möchtest, kannst du mich auch begleiten. Er ist schon längst so viel mehr, als der Ort, an dem unsere Eltern gestorben sind.“
Sie lächelte wieder ihr tapferes Lächeln, dann wollte sie sich aber lieber schöneren Themen zuwenden. Sie mussten nicht jetzt und heute zum Trauerweidenhain gehen, sie würden noch viele Momente Zeit dafür haben. Lieber wollte sie Parveens Enthusiasmus nutzen und sie gleich noch ein paar Schritte näher zum Rudel führen.
“Wie wäre es, wenn ich dir gleich mal die Welpen vorstelle? Oder zumindest einen von ihnen? Mal sehen, wer sich finden lässt.“
Auffordernd setzte sie zwei Schritte in Richtung des Rudels, ihre Rutenspitze zuckte einladend und sie hoffte, dass ihre Schwester keinen Rückzieher machen würde.
17.05.2012, 16:09
Parveen konnte nicht anders, als an ihre Eltern zu denken und sich auch die letzten Momente mit ihnen wieder in Erinnerung zu rufen. Für sie selbst bedeutete der Trauerweidenhain bis jetzt nicht viel mehr, als schmerzhafte und traurige Erinnerungen… Aber immerhin war sie schon lange nicht mehr dort gewesen. Gewiss hatte sich auch dieser Ort verändert und vielleicht schaffte sie es auch, den Ort mit Banshee und Acollon zu verbinden und nicht mit dessen Tod.
"Es wäre schön, wenn wir den Hain gemeinsam besuchen könnten."
Parveen dachte schon fast, dass ihre Schwester loszog, um diese Idee gleich in die Tat umzusetzen, aber dann sprach sie wieder von den Welpen. Der Schwarzen fror das Lächeln ein wenig ein, aber sie versuchte sich schnell wieder zu fassen. Was war, wenn die Welpen sie nicht mögen würden? Was war, wenn sie mit ihrer merkwürdigen Tante nichts anfangen konnte oder noch schlimmer, wenn sie selbst mit ihnen nichts anfangen konnte? Pav setzte misstrauisch eine Pfote in Richtung Tyraleen. Sie war ein wenig wie eine Mutter, die ihrem Jungen die Welt zeigen wollte… Nur wusste das Junge nicht recht, ob sie mit den ganzen Neuerungen überfordert sein würde…
Die Schwarze ließ ein leichtes Seufzen hören. Was dachte sie denn da schon wieder? Sie sollte doch nur ein weiteres Rudelmitglied kennen lernen! Einen kleinen Wolf treffen und nicht gegen einen Bären kämpfen! Eigentlich eine ganz harmlose Situation, wenn man es mit gesundem Wolfsverstand betrachtete. Es war allein ihre lange Zurückgezogenheit gewesen, die sie diesen Verstand vergessen ließ.
Mit mehr Selbstbewusstsein machte sie ein paar Schritte vorwärts, bis sie direkt neben ihrer Schwester stand.
"Ich bin Teil des Rudels, da muss ich doch auch die jüngsten Mitglieder kennen lernen. Es hat immerhin lange genug gedauert."
Kurz drückte sie die Schnauze in das weiße Fell ihrer Schwester. Sie war ihr unendlich dankbar, dass sie das alles für sie tat. Es fühle sich so gut an, wieder zu leben. Parveen freute sich, dass sie nun endlich wieder ein normaler Wolf werden konnte!