Tyraleen
20.09.2011, 10:50

Tyraleen hatte nach dem Gespräch mit Turién etwas Zeit für sich gebraucht. Zunächst war sie beseelt von dem großen Schritt, den sie beide zusammen gemacht hatten und fühlte sich, als hätte sie ihren Sohn endlich wieder gefunden. Doch dann geisterte die seltsame Eröffnung, Tascurio hätte von seinem Schicksal gewusst, immer öfter in ihrem Kopf herum und sie kam nicht mehr davon los. Wusste Averic davon? Dabei fiel ihr ein, dass sie mit ihm über Jakash und Chardím sprechen musste. So beschloss sie in der Morgendämmerung, ihren ehemaligen Gefährten aufzusuchen und fand ihn in der Nähe des Wasserfalls. Langsam kam sie näher.

Mit starrem, düsteren Blick fixierte Averic sein farbloses Spiegelbild im Wasser des Wasserfallbeckens. Noch immer hallte Fenris‘ schneidende Stimme in seinem Kopf wider und abwechselnd schlug etwas wie kalte Wut und nüchterne Resignation Wellen durch seinen Körper. Er hatte wirklich ein undankbares Los mit seinem Erbe gezogen. Der Pechschwarze schien dazu verflucht seine Versprechen gegenüber seiner Familie nicht halten zu können. Denn dagegen standen seine schwerer wiegenden Verpflichtungen als Todessohn. In den Gedanken versunken merkte er nicht mal, dass sich Tyraleen näherte, was er unter anderen Umständen sofort wahrgenommen hätte.

Tyraleen merkte, dass Averic sie nicht wahrzunehmen schien und fragte sich, was ihren Bruder so beschäftigen konnte. Doch zum einen waren seine Gedanken kein Teil ihres Lebens mehr und zum anderen hatte sie schwerwiegende Themen mit ihm zu besprechen. Knapp vor ihm blieb sie stehen und sagte in die Stille hinein: "Wir müssen reden, Averic."

Averic war innerlich kurz zusammengezuckt, nach außen hin drehte der Pechschwarze nur den Kopf zu Tyraleen herum. Sein Blick drückte jedoch kurz die Überraschung über seine eigene Unachtsamkeit aus, dann verscheuchte der Pechschwarze zu seinem eigenen Schutz jede verräterische Emotion aus seinen Augen. "Es geht um Chardím?" Eigentlich war es keine wirkliche Frage, denn die Antwort kannte er schon.

Tyraleen legte leicht den Kopf schräg. "Ja, auch." Sie zögerte kurz, war sich nicht sicher, welcher Sohn nun wichtiger war. Sie entschied sich für den, dessen Leben noch gerettet werden konnte. "Ich habe mit Jakash geredet, er hat mir erzählt, was passiert ist. Für mich ist das keine akzeptable Situation. Ich will nicht, dass das Leben meines Sohnes an einem Wolf hängt, auch wenn es Jakash ist." Sie ließ nicht durchblicken, dass sie auch durchaus an Jakash Zweifel hegte.

Averic irritierte das 'auch' kurz, aber schob es erst mal in den Hintergrund. Während Tyraleen sprach, richteten sich seine Augen noch einmal auf sein Spiegelbild und als sie geendet hatte, nickte er vorerst nur schwach. "Ich habe Fenris deswegen aufgesucht ... Er wird Chardím unter bestimmten Voraussetzungen freigeben." Averic war natürlich bewusst, dass sie diese würde wissen wollen, aber erst einmal musste er die Worte dafür finden.

Tyraleen war ehrlich verblüfft. Sie hatte damit gerechnet, mit Averic über die richtige Methode streiten zu müssen, aber der Vater ihrer Welpen hatte bereits die Initiative ergriffen. Und offensichtlich Erfolg gehabt. Kurz schien die Weiße ein wenig unschlüssig, dann hatte sie sich gefasst und nickte. "Das ist ... eine gute Nachricht. Unter welchen Voraussetzungen?"

Averic sah seine ehemalige Gefährtin einen Moment lang schweigend an. Ob die Nachricht für sie so gut bleiben würde? Der Schwarze lächelte kurz freudlos. "Der Todesgott wünscht, dass ich als sein Erbe endlich auch als solcher agiere. Zum Ersten verlangt er von mir, in naher Zukunft einen Wolf zu töten."

Tyraleen wusste nicht, was sie sagen sollte. Hatten sie beide nicht schon darüber geredet, dass Averic genau diese Pflicht vernachlässigte? Dass es so nicht für immer weitergehen konnte? Sie schluckte. "Nun ... ich kann nicht sagen, dass ich mich darüber freue, aber ich denke, dass du das so oder so irgendwann tun musst. Ich darf mich nicht einmischen ... aber verschone mein Rudel, bitte. Und zum Zweiten?"

Averic stand nun also vor dem Zwist seiner Mutter versprochen zu haben, über das Rudel zu wachen und von Fenris den Befehl erhalten zu haben, einen Wolf zu töten - und zwar recht bald. Was so viel hieß wie, dass er bereits demnächst ausziehen musste, um irgendeinen Wolf außerhalb des Revieres töten zu können. Das zum Ersten. Zum Zweiten ... dieses Mal konnte Averic die Weiße einfach nicht ansehen und er wandte den Kopf wieder ab. Einen Wolf zu töten, war die eine Sache, sie machte ihm nicht sonderlich etwas aus. Aber hatte er nicht immer getönt und geschworen, immer da zu bleiben? Seine Stimme war leise. "Ich muss gehen. Wenn die Zeit gekommen ist, wird er mich ins Tal der Raben rufen. Ab dann droht unserem Sohn keine Gefahr mehr."

Tyraleen erstarrte, als Averic ihr die zweite Bedingung Fenris' mitteilte. Er musste gehen. Er würde sie verlassen - seine Familie. So wie Acollon. Sie sah an seiner Haltung, dass er das gleiche dachte. Wäre es nun nicht Averic und wäre nicht sie ein Teil dieser Familie - sie hätte gelacht. Aber es war nichts Lustiges an dieser Tatsache und nicht einmal, dass er den ewigen Vorwurf Acollon gegenüber nicht mehr halten konnte, vermochte ihr Freude zu bereiten. Es tat weh. So weh, wie sie nie erwartet hätte. "Niemand sagt, dass du alleine gehen musst." Der Satz war ausgesprochen, bevor sie ihn gedacht hatte.

Averics Kopf wandte sich wieder herum und er sah Tyraleen mit einem Ausdruck tonloser ... ja, was war es? Entgeisterung? Überraschung? Er hätte mit Vorwürfen, mit Belehrungen, allem Möglichen gerechnet, aber warum sagte sie das? Der Schwarze meinte, Schrecken in ihrem Gesicht zu erkennen. "Wer sollte mit mir gehen?", fragte er langsam.

Tyraleen sah Averic nicht an, aber sie spürte seinen Blick. "Ich weiß nicht ..." Sie wusste, dass sie feige war, aber sie konnte nicht weiter Dinge versprechen, die sie nicht halten konnte. "Und du wirst ihm gehorchen?" Was blieb ihm auch anderes übrig? Er musste.

Averic versuchte den Stich Enttäuschung zu ignorieren. Er wusste, dass er nichts zu erwarten hatte, erwarten sollte. Auch der Schwarze wandte den Blick wieder ab. "Es ist meine Pflicht. Und täte ich es nicht ... würden wir noch einen Sohn verlieren." Und anschließend vielleicht noch weit mehr. Fenris würde keinen Sohn akzeptieren, der sich seinem Willen widersetzte.

Tyraleen wusste nichts mehr auf Averics Worte zu sagen. Hätte er nicht selbst diese Entscheidung gefällt, hätte sie ihn dazu bringen müssen, zu gehorchen. Auch wenn sie innerlich voller Schrecken noch immer nicht ganz klar denken konnte. Trotz allem und obwohl Averic und sie keine Gefährten mehr waren, konnte sie sich kein Leben ohne ihn im Tal der Sternenwinde vorstellen. Eine unangenehme Stille entstand, dann hob sie den Kopf und sah ihren Bruder wieder an. "Danke. Du rettest Chardím das Leben."

Averic schmeckte einen beißenden Geschmack auf der Zunge. Er dachte nicht, dass man ihm irgendwie zu Dank verpflichtet war. "Und breche dafür auch noch die Letzten meiner Versprechen.", antwortete er bitter. Wenn es je einen Moment in seinem Leben gegeben hatte, indem er verfluchte, was er war, dann war dieser definitiv einer davon. "Aber ich hätte es wissen müssen.", fügte er dann noch leise hinzu.

Tyraleen spürte ihre Bewegung nicht und doch stand sie plötzlich an Averics Seite und spürte bei jedem Atemzug seine Flanke an ihrer. "Brich lieber dieses Versprechen, das du nie hättest halten können, als dass du das Leben deiner Familie gefährdest. Und vielleicht ... finden wir eine Lösung." Ganz leicht lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter.

Averic war ein halbes Leben lang dumm und furchtbar närrisch gewesen und welche Erkenntnis, als diese, war schon erniedrigender? Er erstarrte kurz, als Tyraleen neben ihn trat und er ihren Körper direkt an seiner Seite spürte, ihren Kopf an seiner Schulter. Trotzdem verdammte er sich dafür, großspurige Versprechen gegeben zu haben, ohne eines davon halten zu können. Er hatte sie doch gegeben, um denen, die er liebte versichern zu können, sie nie zu verletzen. Das war ihm nicht mal ansatzweise gelungen. Der Schwarze drehte den Kopf leicht und nach einem kurzen Moment des Zögerns berührte er sie sanft an der Schnauze. "Es tut mir leid." Ein Lösung? Da es um Fenris ging, konnte er nicht mal eine Sekunde daran glauben.

Tyraleen hatte die Augen geschlossen und genoss den auch für sie unerwarteten Moment. Averics Berührung tat viel zu gut und seine Entschuldigung wollte sie zunächst freuen. Doch dann schüttelte sie den Kopf. "Averic, du bist der Sohn des Todes. Du kannst nicht der liebende Familienvater sein, der seine Lieben vor allem beschützt. Wir waren beide blind." Nur langsam öffnete sie die Augen und betrachtete das dunkle Wasser. Noch immer lastete eine andere Nachricht auf ihrer Seele und vielleicht war nun der beste Moment, sie auszusprechen. "Turién hat vorhin etwas Seltsames gesagt. Über Tascurio. Er sagte ... dass Tascurio wusste, dass ich ihm etwas tun würde."

"Ich weiß ... aber deshalb bin ich trotzdem noch wölfisch." Ein Wolf mit einem ziemlich starken, eigenen Willen, der sich seinem Gott dennoch permanent unterwerfen musste. Averic wandte den Blick nicht von ihr ab und als sie aussprach, was ihr noch auf der Seele lastete, weiteten sich seine Augen. "Was? Woher sollte er das wissen?"

Tyraleen lächelte schwach. Dass Averic wölfisch war, hatte sie mehr als alle anderen erlebt. Und sie hoffte, dass sich das nie ändern würde. Sein Erstaunen über die Eröffnung Turiéns kam ihrem gleich, aber ebenso wie ihr Sohn sie enttäuscht hatte, musste sie nun ihren Bruder enttäuschen. "Er wollte mir nicht mehr sagen. Er hätte es Tascurio versprochen. Und ich ... wollte ihn nicht drängen. Turién erzählte mir, dass er Tascurio versprochen hätte, ich würde ihm nichts tun." Noch immer starrte sie ins Wasser. "Er hat es gewusst, Averic ... deshalb hat er sich nicht gewehrt. Deshalb hat er kein Wort gesagt. Deshalb hat er mich so angesehen ..." Ein Schluchzer ließ ihren Körper erzittern.

Averic spürte, wie mit jedem weiteren Wort seine Ohren etwas tiefer sanken und sich sein Herz schmerzhaft zusammenzog. Dass sein Sohn bereits gewusst haben sollte, was auf ihn zukam, steigerte die Grausamkeit dessen, was die Götter ihnen allen, jedem Einzelnen damit angetan hatten, ins Unvorstellbare. Er wusste nicht, was er sagen sollte. Es gab keine Worte, die halbwegs tröstend waren. Averic wusste nicht mal, ob er es wagen durfte, sie irgendwie trösten zu wollen, aber er konnte auch nicht nichts tun. Zögerlich legte er seinen Kopf auf ihren und drückte sich noch etwas enger an sie. Averic konnte nur da sein und wenn sie ihn wegstoßen würde, musste er das akzeptieren.

Tyraleen spürte wie Averic sich etwas enger an sie drückte. Zuerst wollte sie dem Impuls folgen und zurückweichen, aber dann blieb sie doch still stehen und genoss den zwar etwas zögerlichen und doch ehrlichen Tröstversuch Averics. Wieder schloss sie die Augen und versuchte zu vergessen, dass sie vielleicht nicht hier stehen sollte, versuchte zu vergessen, warum sie traurig war und versuchte zu vergessen, dass Averic bald fort sein würde. Sie standen einfach nur beieinander und für diesen Moment war es gut.