28.08.2011, 12:38
Krolock ging seiner Lieblingsbeschäftigung nach und hetzte durch den Wald.
Caylee saßetwas melancholisch im Wald herum und dachte an Face und seinen Abschied.
Krolock jagte in wildem Lauf an Caylee vorbei. Nur ein winziger Teil seines Bewusstseins nahm sie wahr, dennoch bremste er, um zu ergründen, welche weiße Fellkugel ihm da in die Quere gekommen war. Er konnte nur für Nihil hoffen, dass dieser sich weit entfernt aufhielt.
Caylee hatte nicht mit einem anderen Wolf in ihrer Nähe gerechnet und zuckte zusammen, als plötzlich etwas in wildem Galopp an ihr vorbeirannte. Erst als das schwarze Etwas langsamer wurde, erkannte sie Krolock und augenblicklich legte sich ein ironisches Lächeln auf ihre Lefzen. "Rennst du vor deinem Leben davon?" Im gleichen Moment fragte sie sich, warum sie so biestig war. Lag das an Krolock? Oder an ihrer Melancholie?
Krolock ließ unwillkürlich die Ohren hängen, als er 'sie' hörte. Er wusste nicht so genau, ob er sich nicht doch Nihil herbei wünschte und stakste auf Caylee zu. "Eher vor nervigen Gutwölfen, wenn du mich fragst."
Caylee registierte das Ohrenhängenlassen Krolocks und fragte sich, ob ihr das zeigen sollte, dass er auch vor ihr davongerannt war. Allerdings hielt ihn ja niemand davon ab, nun weiter zu laufen. Seine Antwort fiel dann unerwartet nett aus, was Caylee ein wenig besänftigte "Möglicherweise könnten die dir aber was beibringen. Sodass du nicht mehr weglaufen musst."
Krolock musterte sie und ignorierte ihre Worte zunächst. "Du weinst aber nicht schon wieder, oder?" Skepsis schwang in seinen Worten mit, obwohl von 'schon wieder' kaum die Rede sein konnte. Irgendwann, es musste eine halbe Ewigkeit her sein, hatten sie sich zufällig getroffen. Natürlich begegneten sie sich auch so ab und an, aber er zog es vor, mit niemandem zu reden. Auch nicht mit ihr. Nicht zwangsläufig. Er vermied es aber auch nicht gänzlich zwanghaft. "Was willst du mir beispielsweise beibringen?"
Caylee krauste missmutig ihre Nase, als Krolock ziemlich uncharmant auf eines ihrer Zusammentreffen anspielte, an dem sie - ja, zugegeben! - geweint hatte. Damals war auch alles gerade kaputt gegangen. Jetzt war es nicht einmal halb so schlimm, nur ein wenig seltsam. Face war nicht mehr da - ein Wolf, der nie da gewesen war und irgendwie doch immer. "Nein, tue ich nicht. Ich denke nur nach. Face ist gegangen." Das genügte als Erklärung, warum sie nachdenklich war, auch wenn Krolock wahrscheinlich nicht kapieren würde, worum es ihr ging. Seine Frage ignorierte sie und konzentrierte sich lieber auf seine Unterstellung. "Ich bin also ein Gutwolf?"
Krolock wiegte den Kopf hin und her. "Face?", fragte er und musste schon ein bisschen nachdenken, um dem Namen ein Gesicht zuzuordnen und dann noch eine Bedeutung für das Rudel. Da ihn solcherlei Dinge nicht interessierten, war es wohl noch schwerer. Schwarzer Wolf, immer irgendwie da, nun gegangen und Krolock wusste nichts über ihn zu sagen. Gar nichts. "Standest du ihm nahe?", fragte er in einem Anflug von geheuchelter sozialer Intelligenz. Eher probehalber, für den Fall, dass man solch eine Frage in einer derartigen Situation stellte. Ob sie ein Gutwolf war? "Klar."
Caylee verzog leicht die Lefzen als Krolocks erwartete Nachfrage kam. Eigentlich konnte sie ihm ja nicht übelnehmen, dass er den Schwarzen nicht kannte. Wäre er nicht Tyraleens Pate und damit ihr Lebensretter gewesen, hätte sie wohl auch keine Ahnung, wer er war. "Der Pate meiner Mutter. Er hat mir mal das Leben gerettet. Und war da, seit ich denken kann. So wie du. Nur irgendwie sympathischer." Jetzt ließ sie kurz ihre Reißzähne aufblitzen und wusste dann nicht, wie sie auf seine Frage reagieren sollte. Stellte er sie, weil es ihn wirklich interessierte oder weil er sie ärgern wollte? "Nein." Jetzt würde er sie als unlogisch abstempeln. Sollte er doch. Lieber wandte sie sich der Tatsache zu, dass er sie für einen Gutwolf hielt. Weil sie Engaya mochte? Und die Göttin sie zufällig seit ihrer Geburt gesegnet hatte? "Weil ich deine aggressiven Blödeleien nervig finde?"
Krolock unterdrückte ein gehässiges Lachen, obwohl er gar nicht nett sein wollte. In Gewisserweise ärgerte sie ihn und schmeichelte ihm zu gleichen Teilen. Letzteres vermutlich unabsichtlich. Er kommentierte ihr 'Nein' nicht weiter, weil ihm das schon wieder zu kompliziert und gutwölfisch war. "Eher nicht. Dass ist immerhin der Sinn dahinter. Nein, weil du beispielsweise Trübsal bläst, weil ein Wolf gegangen ist, der dir nicht einmal nahe stand."
Caylee musste zugeben, dass sie es schade fand, dass Krolock nicht weiter auf ihre Stichelei einging. Vermutlich war es ihm einfach egal. Er wirkte nicht gerade wie ein Wolf, der gerne sympathisch war. "Du willst also, dass man dich nervig findet?" Das klang so typisch Krolock, dass sie sich das Fragezeichen auch hätte sparen können. "Er stand meiner Mama sehr nahe und sie bläst nun großen Trübsal. Das nennt man Empathie. Außerdem: Wenn mein Leben nochmal gerettet werden muss, kann er das nicht mehr übernehmen." Nicht, dass sie dazu nicht mittlerweile selbst fähig wäre ...
Krolock zog eine Grimasse. "Klar, sonst kleben mir noch mehr nervige Anhängsel am Pelz.", er dachte kurz nach. "Nervig ist zu nett ausgedrückt, ätzend wäre mir wohl lieber. So dass jeder, der mich sieht, schreiend davon rennt." Er lachte, als wäre ihm soeben der Witz des Jahres über die Lefzen gekommen. Mit Caylee zu reden war immer so anstrengend. Noch schlimmer, als mit anderen Gutwölfen. Und nun klärte sie ihn auch noch darüber auf, was all die Gutwölfe miteinander verband. Ein Wort, dass Krolock noch nie in den Fang genommen hatte. "Und Tyraleen hat nun irgendetwas davon, wenn außer ihr noch jemand traurig ist? Stört sie das nicht eher?", dachten Gutwölfe nicht so? "Wenn ich gerade Zeit und Lust habe und in der Nähe bin, werd ich mich vielleicht dazu herablassen, dich zu retten. Und dann darfst du mir dienen..."
Caylee erwiderte die Grimasse. "Und ohne wärest du natürlich viel glücklicher. Leider ohne Publikum oder jemanden, den du anmeckern kannst." Sie glaubte Krolock kein Wort. "Ich bin nicht traurig. Ich denke nur darüber nach. Und wenn ich bei ihr bin, kann ich sie somit trösten. Und um dir das auch noch zu erklären: Das macht glücklich, beide. Probier's mal aus." Auf seine weitere Worte hin, kippte ihr Kopf leicht zur Seite und ihr Gesichtsausdruck wurde zu einem Mix aus Verblüffung und Amüsement. "Dir dienen? Wie soll man denn dir dienen? Andere anpöbeln?" Sie fand es nicht erwähnenswert, dass sie sich eher die Zunge abbeißen würde, als Krolock zu dienen.
Krolock zog die Schulterblätter nach oben und ließ sie dann wieder sinken. Für ihn gab es zu ihren ersten Worten nichts zu sagen, denn obwohl sie ironisch klangen, waren sie für ihn ziemlich logisch. „Wenn ich Publikum will, such ich mir welches.“ Seiner Sachlichkeit entwuchs die übliche Selbstverständlichkeit, die man irgendwann annahm, wenn man sich für einen Lebensweg entschieden hatte. „Ich hatte noch keinen Diener, aber mir würde sicher etwas einfallen.“ Er fand den Gedanken lustig und ignorierte Caylees Widerwillen. Dann wusste er aber auch schon nichts mehr zu sagen.
Caylee verdrehte die Augen. "Unfreiwilliges, versteht sich." Dass er sich selbst nicht lustig fand, war irgendwie irritierend. Seine Ernsthaftigkeit nahm seinen Worten das Lustige und ließ nur das Kranke an dem Schwarzen zurück. Nun war auch Caylee das Grinsen vergangen. "Wie wäre es denn, wenn du einmal ein Diener wärest? Das würde deinen Horizont ungemein erweitern."
Krolock: "Meinst du? Ich glaube eher weniger. Aber wir können einen Deal machen. Du dienst mir einen Tag und dann diene ich dir einen Tag."
Caylee zuckte innerlich zurück. Ihr eher unverfängliches Geplänkel zwischen Beleidigungen und Aufklärung Krolocks über das Leben war plötzlich an einen Punkt gelangt, der mehr als unheimlich war. Was würde Krolock von ihr verlangen? Gab es Grenzen? Gleichzeitig konnte sie den Vorschlag gar nicht ablehnen. Das hätte sie als schwach darstehen lassen und wenn sich eines konsequent durch Krolocks und Caylees "gemeinsames" Leben zog, dann die Tatsache, dass keiner von beiden jemals hatte schwach vor dem anderen erscheinen wollen. "Gut. Meinetwegen. Du fängst an. Und ich lasse mich nicht umbringen."
Krolock überlegte kurz, plötzlich überfordert von den unbegrenzten Möglichkeiten, die sich vor ihm auftaten. „Also zunächst musst du mir etwas beibringen. Etwas, dass ich noch nicht kann.“
Caylee frotzelte gleich mal los: "Das ist eine ganze Menge." Lange nachdenken musste sie da wirklich nicht, aber konnte sie ihm soetwas beibringen wie lieben? "Wie wäre es mit Mitleid haben? Lieben? Freundlichsein?"
Krolock zog verzog das Gesicht und sah sie abwartend an. "Alles klar. Wie geht das?", fragte er, ein bisschen zu brav.
Caylee schnippte mit den Ohren und überspielte damit ihre aufkommende Unsicherheit. "Du musst dir schon was aussuchen."
Krolock sah aus, als würde er konzentriert nachdenken. "Ist das nicht alles dasselbe?", warf er unwillig ein, ehe er eine Entscheidung traf. "Mitleid haben."
Caylee musste sich eingestehen, dass sie besser etwas anderes zum Beibringen hätte auswählen sollen. Krolock schien sich nur darüber lustig zu machen. "Nein, nicht zwangsläufig. Idealerweise schon, ist aber selten." Sie beschloss, seinem Verhalten auf gleiche Art und Weise zu begegnen. "Gut." Sie reckte die Schnauze etwas vor, sodass sie Krolocks Lauf beinahe berührte. "Lass mich jetzt so fest in deinen Lauf beißen, dass es dir wirklich wehtut." Ein Grinsen auf ihren Lefzen erschienen.
Krolock betrachtete die gleichaltrige Wölfin abschätzend, nickte dann aber schicksalsergeben. Er hatte sich etwas sinnvolleres vorgestellt, als er großzügigerweise anbot, etwas von ihr zu lernen. Ihm hätte allerdings klar sein müssen, worauf all das hinauslief, schließlich wusste er, dass er völlig anders dachte, als die ganzen Gutwölfe.
Caylee war ehrlich erstaunt, dass Krolock ihren Befehl so hinnahm und nicht einmal protestierte. Vielleicht wusste er auch, dass sie niemandem gerne wehtat und freute sich innerlich, dass er sie indirekt dazu zwang. Sehr indirekt. Ziemlich widerwillig und sich doch vollkommen der Tatsache bewusst, dass sie sich das ganze selbst eingebrockt hatte, schnappte sie nach Krolock Lauf und biss fest zu, bis ihr der metallische Geschmack von Blut auf der Zunge brannte. Dann richtete sie sich auf und betrachtete Krolock, offenbar abwartend.
Krolock konnte sich natürlich nicht die Blöße geben, das Gesicht zu verziehen, weshalb er sich bereits bevor Caylee zubiss, darauf gefasst machte, dass der Schmerz gleich sein Bein hochzucken würde. Verkrampft aber regungslos stand er vor ihr und beobachtete sie. Dem Impuls, sein Bein wegzuziehen, konnte er leichter standhalten, als dem Drang, nach ihr zu schnappen. Eine Zorneswelle flutete ihn, so dass er zerknirscht vor ihr stand. „Toll. Und jetzt?“
Caylee ließ sich von Krolocks kaum vorhandener Schmerzreaktion nicht beirren, auch wenn es weitaus einfacher gewesen wäre, wenn er zugegeben hätte, dass so ein Biss doch wehtat. Immerhin wirkte er relativ wütend und befand offensichtlich, dass ihre Lehreinheit bisher nicht sonderlich erfolgreich war. Erneut beugte sie sich vor, berührte ihn jetzt aber sanft an Nase, Lefzen und Wange, was sie durchaus einiges an Überwindung kostete. Dann fuhr sie mit der Zunge über die Wunde, machte ein ehrlich unglückliches Gesicht und fragte in ganz anderer Tonlage als zuvor: "Tut es sehr weh?"
Krolock wäre vor Caylee zurückgewichen, hätte er die Starre bereits gelöst gehabt. So rührte er sich nicht und betrachtete sie misstrauisch. "Wer von uns beiden lernt gerade etwas über Mitleid?“, fragte er skeptisch. Allerdings hatte er bisher noch nicht verstanden, worauf die ganze Aktion hinauslaufen sollte. „Ich steh eigentlich auf Schmerzen…“ Nein, er konnte es nicht ausstehen, gebissen zu werden und im ersten Moment war es einfach nur lästig gewesen, zu empfinden, nun aber, da nichts als ein Pulsieren zurückgeblieben war, dass sich mit einem Brennen mischte, störte es ihn nicht mehr. Er zog die Pfote zurück, damit Caylee aufhörte, daran herum zu lecken.
Caylee dämmerte es langsam, dass ihre Bemühung wohl nicht fruchten würde. Dennoch musste sie das jetzt durchziehen, sonst würde sie ihr Gesicht ganz verlieren. "Es tut mir trotzdem leid." Nein, tat es nicht. Und durch Krolocks blöde Antwort konnte sie auch keine sonstigen sinnvollen Sätze loswerden. "Jetzt du." Sie streckte ihm ihren Lauf hin.
Krolock sah verdattert auf Caylees Lauf. "Wozu?"
Caylee seufzte entnervt. "Ich versuche dir etwas beizubringen, aber wenn du das die ganze Zeit sabotierst, wird das nichts."
Krolock murrte trotzig. "Mir egal. Mach ich nicht. Wozu soll das gut sein?" Seine Lefze zuckte, während er immer noch auf Caylees Lauf starrte.
Caylee fragte sich langsam, ob sie vielleicht doch auf dem richtigen Weg war. "Angst, Mitleid zu empfinden?" Jetzt zeigten sich wieder die Spitzen ihrer Reißzähne.
Krolock hatte das Gefühl, gerade verloren zu haben, ohne genau zu wissen, warum. "Nein.", entgegnete er dennoch überzeugt. "Ich beiß keine wehrlosen, kleinen Fähen."
Caylee ging gar nicht weiter auf die Provokation Krolocks ein und schnalzte mit der Zunge. "Gut, dann kann ich dir auch kein Mitleid beibringen. Das ist deine eigene Schuld und somit habe ich meine Aufgabe nicht verloren. Wenn du dir die nächste ausdenkst, solltest du auch bereit sein, mitzumachen."
Krolock nahm ihre Worte so hin, wie sie sie sagte. Nicht, weil er sich eingestand, verloren zu haben, sondern weil sie das von ihm aus denken konnte, solange er sie nicht beißen brauchte. Wie lächerlich das war, in eine hingestreckte Pfote zu beißen. "Wie oft hast du deine eigenen Grenzen schon überwunden?"
Caylee freute sich innerlich doch ein klein wenig, Krolock so schnell an seine Grenzen getrieben zu haben. Wenn sie etwas Zeit zum Nachdenken haben würde, würde sie ausführlich darüber nachgrübeln, warum er sie nicht hatte beißen wollen. Jetzt blieb keine Zeit dafür, denn Krolock stellte schon eine Frage, die für Caylee zwar wenig mit Dienen zu tun hatte, aber sie beugte sich ganz brav und antwortete: "Wann immer ich die Gelegenheit dazu bekomme."
Krolock musterte sie. "Bist du schon einmal gerannt, bis du nichts mehr wahrnehmen konntest, als den Schmerz, der durch deinen Körper kroch?"
Caylee hatte das Gefühl, dass die Aufgabe für sie dieses Mal weitaus unangenehmer werden würde. Das letzte Mal, als sie nur gerannt und gerannt war, hatte es gewittert und sie hatte eine Art Wettrennen mit Ci veranstaltet. Damals hatte sie es genossen, vermutlich vor allem deshalb, weil es nicht so lange gedauert hatte, dass sie Schmerz empfand. Artig schüttelte sie den Kopf. "Nein, ich mag rennen. Bisher habe ich aber immer irgendwann gestoppt."
Krolock wusste nicht so genau, worauf er hinauswollte. Aber da er gerne rannte, bis er keinen klaren Gedanken fassen konnte und weil Caylee ihn sowieso dabei unterbrochen hatte, konnte er sie auch einfach mitnehmen. "Dann diesmal ohne vorzeitiges stoppen. Du entscheidest wohin."
Caylee fragte sich, was Krolock damit bezwecken wollte, nickte aber schulterzuckend. "Gut, dann los." Und sie begann zu rennen. So schnell, dass sie ihre Läufe wirklich beanspruchte und doch langsam genug um den Bäumen ausweichen und immer wieder einen Blick zu Krolock werden zu können.
Krolock folgte ihr zunächst und rümpfte die Nase über den Biss. Es dauerte eine Weile, bis er sich daran gewöhnt hatte, dann begann er, den Schmerz zu ignorieren. Zeit, Caylee zu fordern. Er schloss zu ihr auf, hin und wieder zu ihr sehend, darauf wartend, dass sie an Tempo zulegte. Herausfordernd blickte er wieder und wieder zu ihr hinüber.
Caylee verstand Krolock stumme Aufforderung und legte einen Zahn zu. Jetzt wurde es anstrengender, ihr Herz pulsierte heftig in ihrer Brust und ihr Atem ging stoßweise. Eine ganze Zeit lang hielt sie verbissen durch, dann begannen die Schmerzen. Ihre Lunge kratzte und ihre Läufe protestierten bei jedem Schritt. Doch sie erinnerte sich an Krolocks Worte, noch sah sie den Wald vor und witterte Krolock neben sich. Also weiter, immer weiter. Besonders der Schmerz in ihren Läufen nahm beständig zu, während ihre Lunge ihr viel eher das Gefühl gab, gleich nicht mehr zu funktionieren, sodass sie ersticken würde. Der Sauerstoffmangel ließ sie dann schließlich wirklich nichts mehr sehen, hören und riechen, gleichzeitig wurde alles so dumpf, dass selbst der Schmerz weniger wurde. Ohne es zu merken, gaben ihre Läufe ihren Dienst auf, hielten in ihren Bewegungen inne, sodass Caylee aus vollem Lauf stürzte, sich überschlug und nach einem schmerzhaften Stopp durch einen Baum leblos liegenblieb.
Krolock spannte seine Sehnen an und setzte ihr nach. Im wilden Lauf rannte er neben ihr her, mal näher, mal weiter entfernt, je nachdem, wie es der Wald zuließ. Weil er ihr folgte, nutzte er nicht die Wege, die er sonst entlang lief und so gut kannte, dass er sie nahezu blind laufen konnte. Das Brennen gewann langsam aber sicher die Oberhand, vor allem in seiner verletzten Pfote. Jeder seiner Muskeln arbeitete, sein Herzschlag war eine zeitlang das dominierende Geräusch, bis sich sein Bewusstsein davon entfernte. Er sog schneller und schneller Luft in seine Lungen und doch schien es nie auszureichen. Dann, als es gerade richtig gut wurde, krachte irgendetwas neben ihm. Laut genug, dass es ihn aus seinem euphorischen Hochgefühl riss und er sich nach Caylee umsah. Autsch. Er musste den Blick wieder nach vorne richten, hatte aber gesehen, wie sie in einen Baum gelaufen war. Er bremste und lief zurück.
Caylee war einige Sekunden lang weggetreten. Es dauerte, bis ihr Gehirn wieder mit genug Sauerstoff versorgt wurde, sodass sie nachdenken konnte und als es soweit war, musste sich zunächst der stechende Schmerz in ihrer Seite bemerkbar machen. Der Baum hatte ihr keine sichtbaren Wunden zugefügt und gebrochen hatte sie sich wohl auch nichts, aber der Aufschlag war heftig genug gewesen, um ihr nun noch einmal Schwarz vor Augen werden zu lassen. Nachdem sie auch das überstanden hatte blinzelte sie mit schmerzverzerrtem Gesicht zu Krolock, der mittlerweile neben ihr angekommen war. "Aufgabe erfüllt.", presste sie zwischen den zusammengebissenen Zähnen hervor.
Krolock stand nahezu unbeteiligt neben Caylee und starrte eine Weile nur auf sie hinunter. Das Dröhnen seines Herzschlags war alles, was er wahrnahm. Seinen Gedanken konnte er nicht wirklich folgen. ‚Atmet sie?’, fragte er sich selbst. ‚War das jetzt meine Schuld?’, jammerte irgendetwas in ihm. ‚Wie dämlich das aussah!’, krächzte etwas. ‚Bewegt sich ihr Brustkorb?’ Er kam jeweils nicht über die Frage hinaus, solange konnte er sich nicht konzentrieren. ‚Was mach ich jetzt?’ Selbst wenn die Worte mehrfach in seinem Kopf auftauchten, bekam er sie nicht zu fassen. So ganz erreichten ihn ihre Worte dann auch nicht. Er hörte sie, verarbeitete sie aber im Schneckentempo und stand weiter regungslos dabei, wie ein Zuschauer, den nichts davon etwas anging.
Caylee brauchte ein wenig, um ihrerseits aufmerksam genug zu sein, um festzustellen, dass Krolock nur neben ihr stand, vor sich hin starrte und nichts mitzubekommen schien. "He!", brummte sie und fragte sich, wer eigentlich gerade eine Bruchlandung hingelegt hatte. "Erde an Krolock!"
Krolock blickte sie irritiert an. Gewann allerdings schnell seine Schlagfertigkeit zurück „Sollte ich nun Mitleid mit dem armen, unschuldigen Baum haben?“, er lachte nicht, wodurch man kurz meinen könnte, er hätte sich gerade tatsächlich Sorgen um den Baum gemacht. „Alles klar?“
Caylee krauste die Stirn und hob dann kurz missmutig ihre Lefzen. "Nein, du hast ja Angst davor, also würde ich dich nie dazu zwingen." Sie war sich nicht sicher, ob seine darauffolgende Frage nach ihrem Wohlbefinden ehrlich gemeint war, oder er wieder irgendetwas plante. "Ja, alles bestens." Sie versuchte sich aufzurichten, lag aber schneller wieder am Boden, als sie reagieren konnte.
Krolock fühlte sich von der Situation überfordert, obwohl ihm seine Gedanken wieder halbwegs gehorchten. „Vielleicht solltest du liegen bleiben, bis du wieder weißt, wie man aufsteht.“, schlug er vor, als hätte nur ihm ein solch gelungener Vorschlag einfallen können.
Caylee fragte sich, ob Krolock seinen Vorschlag ernstmeinte, oder sich über sie lustig machte. Ein prüfender Blick zu ihm hinauf zeigte, dass er zumindest nicht sonderlich amüsiert aussah. "Gut, bis ich das weiß, kannst du dir überlegen, was wir jetzt tun. Magst du mir eine Geschichte erzählen?"
Krolock wollte ihr keine Geschichte erzählen. Er wollte niemandem eine Geschichte erzählen. Andererseits brauchte er dann nichts anderes zu sagen. Beispielsweise, dass er Mitleid mit ihr hatte. Hatte er auch nicht. Er fühlte sich ein bisschen schuldig, als hätte er einen Welpen dazu gebracht, etwas zu tun, was dieser überhaupt nicht schaffen konnte. Caylee konnte froh sein, dass er diesen Gedanken nicht aussprach. „Was für eine Geschichte?“, hörte er sich fragen. „So eine… Es war einmal-Geschichte?“
Caylee gefiel die Situation mittlerweile, auch wenn sie auf dem Boden herumlag und ihr Kopf brummte. "Ja, genau so eine. Mit einem Liebespaar und ganz viel Drama und einem entweder furchtbar schrecklichen oder unglaublich schönem Ende." Es war beinahe grotesk, so unpassend wäre eine solche Geschichte aus Krolocks Fang.
Krolock tat sich ein bisschen selbst leid, als sie ihm diese Aufgabe stellte und obwohl sie ihm diente, drehte sich der Spieß um. Er hatte das Gefühl, als gäbe es auch hierbei etwas zu verlieren, wenn er es nicht schaffte, diese Geschichte zusammen zubekommen. „Es war einmal eine hübsche Wölfin. Ihr Fell war nicht rein und ihre Erscheinung erinnerte nicht an einen Engel, aber wenn sie lachte, dann klang es nach Frieden. Sie begegnete einem Rüden, der ihr nicht ähnlich war. Wenn er lachte klang es eher so, als würde ein heftiges Unwetter über das Land ziehen. Er war auch nicht schön, eher im Gegenteil. Wenn er auftauchte, wurden die meisten um ihn herum klein und wollten fliehen. Aber die beiden Wölfe verliebten sich ineinander, denn die Wölfin konnte nur mit dem Herzen sehen. Sie ertrug sein unheimliches Auftreten und seinen Gestank. Er trug das schlechte aller Wölfe in seinem Aussehen und obwohl jeder Wolf um die eigene Hässlichkeit in seinem Inneren wusste, verurteilten sie die, die man sehen konnte mehr. Die beiden Verliebten gründeten eine Familie und waren glücklich. Und wenn sie nicht gestorben wären, dann wären sie es vielleicht noch heute.“
Caylee konnte es fast nicht glauben, als Krolock tatsächlich begann, eine Geschichte zu erzählen. Wusste er einfach nichts Besseres zu tun oder hatte sie gerade seine sentimentale Seite entdeckt? Die Geschichte an sich klang in Caylees Ohren irgendwie nach einer typischen Leben und Tod - Engaya und Fenris - Geschichte, dabei verachtete Krolock doch die Götter? Wo bekam er die Gedanken für solche Geschichten her? Sie beschloss, sich darauf einzulassen. "Eine schöne Geschichte. Bist du der Rüde mit der Unwetterstimme?"
Krolock hatte die Augen auf eine Stelle im Wald gerichtet, die nichts Interessantes zu bieten hatte, als Caylees Frage ihn zurück in die Gegenwart holte. „Nein.“, entgegnete er. Ihm lag nicht sonderlich viel an Erklärungen, dennoch fügte er eine Antwort an. „Mein Vater.“
Caylee verzog die Lefzen, Krolocks Antwort stellte sie alles andere, als zufrieden. Viel wusste Caylee nicht mehr von Urion, aber er war ihr als ungerecht, gemein und grob in Erinnerung geblieben. An sein Aussehen konnte sie sich kein bisschen mehr erinnern. "Das ist keine sehr passende Beschreibung.", merkte sie schlicht an.
Krolock verzog das Gesicht. "Was daran?"
Caylee versuchte eine neutrale Formulierung zu finden, immerhin war Urion tot. "In der Geschichte klingt es, als wäre er zwar sehr hässlich, aber sein Inneres wäre freundlich. Das war er aber eher weniger. Ich habe ihn als grob und harsch in Erinnerung."
Krolock wunderte sich kurz darüber, dass sie sich überhaupt an ihn erinnerte. "Er hatte etwas an sich, dass niemand mochte. Letztlich starb er, in dem er seine Tochter rettete.", ihm war eigentlich einerlei, was Caylee dazu dachte. "Ich denke dass meine Mutter mehr in ihm gesehen hat. So muss es ja fast sein und mehr behaupte ich in meiner Geschichte auch nicht." Im Grunde wusste er nichts über die Beziehung seiner Eltern. Er hatte nie danach gefragt, wie sie sich ineinander verliebt hatten. Dazu war keine Zeit gewesen. "Vielleicht meinst du aber auch den Teil in ihm, der gar nicht er war."
Caylee fragte sich, warum Krolock seinen Vater derart in Schutz nahm. Sonst hatte er auch kein Problem damit, seine Familie zu verdammen. Die Geschichte, dass Urion Liel gerettet hatte, kannte Caylee nicht, aber sie interessierte sie nicht genug um nachzufragen. "Mh, na gut ... ich finde trotzdem, dass er zu gut wegkommt." Sie erinnerte sich nur noch dumpf, aber eine Szene am See, mit Krolock zusammen, war verschwommen in ihrem Kopf. Sie hatten etwas Dummes gemacht, etwas Verbotenes und Urion war gekommen, um sie zu bestrafen. Sie hatte Angst vor ihm gehabt und er hatte Krolock gepackt und ... vor ihrem geistigen Auge sah sie, wie der graue Schatten den kleinen Krolock biss, aber das musste ihr brummender Kopf erfunden haben. Schnaubend wandte sie sich geistig ab und widmete sich lieber Krolocks seltsamer Aussage. "Welcher Teil, der nicht er war?"
Krolock hätte sich denken können, dass diese Frage kommen musste und bereute, darauf angespielt zu haben. Er seufzte. „Der Fluch, der ihn von innen aufgefressen hat.“
Caylee machte ein verständnisloses und ziemlich skeptisches Gesicht. "Der Fluch?" Ein Aaahhhhjaaaa verkniff sie sich.
Krolock sah ein, dass er nun nicht einfach darüber hinweggehen konnte. Wieso musste er nun schon die zweite Geschichte erzählen? "Takashi hat mir irgendwann nach seinem Tod davon erzählt. Er meinte, Urion hätte dagegen angekämpft, aber je länger er kämpfte, desto mehr hat er sich selbst verloren. Laut ihm hat er sich dadurch auch zunehmend verändert. Was genau der Fluch ist, wussten sie beide nicht."
Caylee fand die zweite Geschichte weniger schön und weniger glaubwürdig. Klang mehr nach einem Ammenmärchen. "Und wegen diesem Fluch war er also so gemein? Könnte auch eine gute Ausrede sein."
Krolock zog die Schulterblätter hoch - "Klar." - und ließ sie wieder sinken. Obwohl er klang, als würde er in Erwägung ziehen, dass es nur eine doofe Geschichte war, war unschwer zu erkennen, dass er sicher war, dass sie der Wahrheit entsprach.
Caylee leuchtete nicht so ganz ein, warum Krolock offensichtlich überzeugt von dieser seltsamen Geschichte war. "Aber du glaubst nicht, dass es eine Ausrede war. Warum nicht?"
Krolock fühlte sich wie ein Versager. Sein Schauspieltalent ließ zu wünschen übrig. "Takashi erzählte mir davon, weil der Fluch manchmal an die nächste Generation weiter gegeben wird. Und ich glaube seinen Worten, weil ich in mir spüre, was auch mein Vater in sich trug."
Caylee wurde es langsam zu bunt. Krolock wollte ihr also gerade erzählen, dass er verflucht war? "Und du glaubst nicht, dass du einfach seinen miesen Charakter geerbt hast?"
Krolock grinste gehässig. "Keine Sorge, noch findest du mich unsympathisch und nicht das, was da noch ist."
Caylee verdrehte die Augen. "Ich würde mir an deiner Stelle nicht so viel auf diesen Fluch einbilden. Du
könntest auch einfach ein bisschen netter sein, dann hätte sich der furchtbare Fluch schnell erledigt. Außerdem: Woher weißt du, dass ich dich unsympathisch finde?"
Krolock wollte nicht weiter darauf eingehen. Möglicherweise würde sie irgendwann sehen, was mit ihm passierte, wenn er die Kontrolle verlor. Bisher hatte er es nur einmal erlebt und sich dennoch beherrschen können. Vielleicht hätte sie wissen müssen, dass er der letzte war, der solchen Unsinn glauben würde, wenn er es nicht besser wüsste. "Wenn du einen Grund findest, wieso ich netter sein sollte, denk ich mal drüber nach." Die letzte Frage ließ ihn mit einem Ohr zucken. "Wenn nicht, hab ich wohl Pech gehabt."
Caylee fand eine Diskussion über Krolocks Charakter spannend genug um sich auf dieses unsichere Terrain vorzuwagen. "Vielleicht, weil andere auch netter zu dir sind, wenn du nett zu ihnen bist? Vielleicht, weil du dann feststellen wirst, dass kindische Zankereien nicht immer besser sind, als freundschaftlich ehrliche Unterhaltungen?" Zu seiner zweiten Aussage grinste sie nur, viel zu überzeugt von sich selbst .
Krolock überlegte, ob sie vergessen hatte, mit wem sie sich unterhielt. "Wieso sollte ich das wollen?" Diese Frage war durchaus ernst gemeint. "Dann wäre ich doch auch nur ein Gutwolf, der die Ansicht vertritt, dass in Freundschaft und Liebe der einzig wahre Sinn des Lebens liegt. Dann würde ich mich darauf einlassen, mit Wölfen zu verkehren, die nie wirklich das sagen, was sie denken und wenn sie glauben, zu sagen, was sie denken, würden sie dennoch nichts von sich preis geben." Er schnaubte. "Ich hab kein Interesse an diesem blöden Spiel des Lebens."
Caylee stieß ein deutlich hörbares Seufzen aus und fragte sich, warum Krolock so verbissen daran festhielt, dass er lieber in Hass lebte. Das glaubte er doch selbst nicht. "Weil es schön ist. Weil man sich dann wohlfühlt - selbst du, wenn du einmal den Mut dazu hättest. Du behauptest zu sagen, was du denkst, aber eigentlich sagst du nur das, was du gerne denken würdest. Besser, als andere bist du also auch nicht. In Freundschaft lebt es sich einfach besser, als in Feindschaft, ganz egal, was du als Sinn des Lebens ansiehst."
Krolock setzte sich. Nicht weil er diese unnütze Diskussion - er hatte sie bereits vor langer Zeit einmal mit Malakím geführt - vertiefen wollte, sondern weil er ahnte, dass es noch eine Weile dauern könnte. "Du findest es schön. Du findest es aber auch logisch, traurig über das Fortgehen von jemandem zu sein, dem du nicht nahe standest. Ich finde das unlogisch, genauso unlogisch wie du es logisch findest, dass es schön ist, nett zu sein. Es ist doch mehr so, dass du dich wohl fühlst, wenn du mit jemandem zusammen bist, den du magst. Du kannst dir nicht vorstellen, dass jemand es nicht mag. Das hat nichts mit Mut zu tun. Es ist auch nichts mutiges daran, hier mit dir zu sitzen. Es ist nichts schönes daran, dass mir ständig jemand nachrennt und meint, mir irgendetwas über die Welt erzählen zu müssen. Ich mag Feindschaft, sie ist ehrlicher. Nicht die reine Wahrheit, aber ehrlicher als Freundschaft."
Caylee schüttelte energisch den Kopf. "Nein, ich finde es nicht logisch, traurig über das Fortgehen zu sein, sondern lediglich melancholisch, nachdenklich, damit ich meine Mutter besser trösten kann. Daran ist nichts Unlogisches, nicht einmal für dich, auch wenn du es versuchst, dir einzureden. Du verstehst vielleicht auch gar nicht, was echte Freundschaft ist. Freundschaft hat nichts damit zu tun, jemandem hinterherzurennen oder ihm etwas über die Welt zu erzählen. Und wenn man eine ehrliche Freundschaft will, dann bekommt man sie auch. Da wären wir dann aber wieder beim Mut, der dir dazu offensichtlich fehlt. Denn du müsstest dann auch ehrlich sein. Ehrlich und offen."
Krolock grinste. "Ich glaube nicht, dass das hier zu etwas führen kann." Er machte eine Kunstpause. "Hältst du es für absolut-totsterbens-sicher, dass es keinen Wolf in dieser Welt geben kann, der allein zufriedener ist, als mit anderen zusammen?"
Caylee bleckte ihr scharfes Jungwolfgebiss, weniger aggressiv, als spöttisch. "Stimmt, sonst könnte ich noch Recht behalten." Seine nächste Frage brachte sie nicht so sehr aus dem Konzept wie Krolock sich das wohl gewünscht hatte. "Doch, alleine wohl schon. Aber nicht in Feindschaft. Wenn du nun gehen und sagen würdest, dass du als einsamer Wolf durch die Lande streifen möchtest, dann wäre das authentisch. Aber du bleibst hier, redest mit mir, lässt mich sogar einen Tag lang dir dienen."
Krolock rümpfte die Nase. "Was wenn ich sagen würde: Wenn ich gehen würde, um als einsamer Wanderer zu leben, würde jemand sterben?" Fragte er spielerisch, dann schnaubte er. "Es hat sich eben so ergeben. Aber das ist auch was anderes. Du kannst schlecht leugnen, dass ich mich mit großer Vorliebe fernab des Rudels aufhalte. Dass hat schon was von Wanderschaft. Und in dieser Zeit, ist da auch keine Feindschaft, weil ich eben allein bin."
Caylees Stirn krauste sich. "Hä? Warum sollte jemand sterben, wenn du gehst? Du selbst?" In schnippischem Tonfall fuhr sie fort: "Erstaunlicherweise bist du aber immer bei den wichtigsten Momenten zur Stelle um deine wichtige Meinung zu verkünden."
Krolock verzog das Gesicht um düster und geheimnisvoll zu wirken. "Wohl kaum. Und wenn, dann gäbe es zwei Tote. In Wirklichkeit bin ich ein Samariter, weißt du?" Er hatte nicht vor, weiter darauf einzugehen. Das wäre ein bisschen zu viel Information für einen Tag gewesen und sie hatte die andere Geschichte schon lächerlich gefunden. "Ich verkünde gerne meine Meinung. Vorallem immer dann, wenn das Rudel zwangsrekrutiert wird. Dann finden sie sich ein, wie brave Rehe und heucheln Zugehörigkeit."
Caylee betrachtete Krolocks schauspielerische Einlage und rümpfte die Nase. Langsam wurde ihr das ganze zu lächerlich. "Jaja, ist klar." Da die Diskussion mittlerweile an Unterhaltungswert verloren hatte, versuchte sie sich erneut aufzurichten. Etwas langsamer an die Sache herangehend und sich vorerst nur in die sitzende Position schiebend, gelang es ihr, sich aufzusetzen. "Falls es dir nicht entgangen ist, sind Wölfe Rudeltiere und somit leben sie in Rudeln, in denen irgendwer den Ton angibt. So ist das eben."
Krolock nickte zustimmend, wie ein braver Welpe. "Genau. Weil es so ist, immer so war und so bleiben soll." Er sah sie genau an, während sie sich aufrichtete, dann betrachtete er den Baum. "Ich glaube der wird sich sein Lebtag nicht von diesem Schrecken erholen."
Caylee fühlte sich endgültig von Krolock auf den Arm genommen und ignorierte seine Antwort. Lieber versuchte sie aufzustehen und nach einer kurzen Schwindelattacke, stand sie tatsächlich auf ihren vier Pfoten. "Der hat seinen Lebtag noch nie etwas Schöneres an sich gespürt, ich habe ihm ein unschätzbar wertvolles Geschenk gemacht." Sie schnaubte. "Es kann weiter gehen."
29.08.2011, 10:15
featuring Averic & Chanuka
Direkt anschließend an das vorherige Play.
Krolock grinste gehässig. "Wie wäre es damit: Beleidige den Wolf, der dir als nächstes über den Weg läuft überzeugend."
Caylee verzog die Lefzen. "Das war ja klar, dass sowas noch kommt." Sie dachte kurz nach. "Darf ich ihn danach aufklären?"
Krolock schüttelte den Kopf. "Nein. Dafür, dass ich genötigt wurde, eine Liebesgeschichte zu erzählen, fände ich das unangebracht."
Caylee brummte etwas Unverständliches in sich hinein und spähte dann durch den Wald. "Niemand zu sehen."
Krolock amüsierte sich. "Du hast ja noch einen ganzen Tag, um Rache zu üben."
Caylee zeigte wieder einmal die Spitzen ihrer Reißzähne. "Das werde ich!" Damit begann sie auf noch etwas wackeligen Schritten vorauszutappen und ein mögliches Opfer suchen, inständig hoffend Tiberius zu begegnen.
Krolock tappte schlacksig neben Caylee her. Er wollte rennen und sie konnte nicht. Selbst wenn sie nicht gegen einen Baum gelaufen wäre, nochmal würde er das nicht mit ihr ausprobieren.
Averic trat seitlich von hinten auf die zwei Jungwölfe zu. Er war ihrer Spur gefolgt, etwas irritiert davon, dass sie so weit vom Rudel wegführte. Als er seine Tochter am Boden liegend erspäht hatte, war er etwas schneller geworden, denn diesem Nichtsnutz von Krolock traute er alles zu.
Caylee fuhr herum, als sie etwas hinter sich hörte, schwankte deutlich bei dieser schnellen Bewegung und noch ein wenig mehr, als sie Averic erkannte. Nein! Wie konnte Engaya nur so grausam sein und ausgerechnet ihren Vater hier auftauchen lassen. Sie warf einen schnellen Blick zu Krolock, der ihm eindeutig zeigte, wie gerne sie ihm jetzt seine Augen ausgekratzt hätte. Doch die Aufgabe stand und sie musste sie erfüllen. Zunächst überfordert fand sie keine Beleidigung, die überzeugend geklungen hätte und hielt so erst einmal den Mund.
Krolock musste lachen. Er beobachtete Caylee, sich fragend, ob sie aufgeben würde.
Averic wurde wieder etwas langsamer, als er Caylee auf sich zukommen sah. Bei ihrem Blick zog er eine Augenbraue hoch und sah kurz zu Krolock hinüber, als dieser anfing zu lachen. Seine Lefzen zuckten leicht, bevor er sich wieder an Caylee wandte. "Ist mit dir alles in Ordnung? Hat er dir irgendwas angetan?"
Caylee fragte sich, warum Krolock jetzt auch noch wie irr anfangen musste zu lachen, aber vermutlich war das nur gut für sie. Das ließ die ganze Situation verrückt wirken und Averic würde nicht einfach so glauben, dass sie meinte, was sie sagte. Als er ihr zwei Fragen als Vorlage lieferte, begann ihr Kopf wie verrückt zu rattern um irgendeine mögliche Beleidigung aus ihren Antworten zu machen. Ihr fiel nichts ein, aber sie musste etwas sagen und zwar nichts nettes, sonst wäre es mit dem überzeugend ganz vorbei. "Alles super. Krolock tut mir nichts an, ich hätte eher Angst vor dir." Ohje, was tat sie da nur?
Krolock verstummte und musterte die Beiden. "Und ich vor ihr!" , flüsterte er Averic verschwörerisch zu. "Sie hat mich gebissen." , petzte er und streckte dem Daddy sein verletztes Bein entgegen. Ein bisschen sorgte er sich um die Rache, die ihn erwarten würde, aber damit würde er sich später beschäftigen.
Averic zog auch die andere Augenbraue hoch. "Und aus welchem Grund?" Er hoffte nicht, dass die Zwei irgendetwas ausgefressen hatten, was ihm nicht gefallen würde. Aber eigentlich war eher Atalya eine Kandidatin dafür und nicht Caylee. Wobei er Krolock alles zutraute. Unbeeindruckt und mit kühlem Blick musterte er Krolocks Lauf. "Dann hatte sie vermutlich einen guten Grund dafür. Gib mir keinen, um in dein zweites Bein zu beißen."
Caylee warf Krolock einen bitterbösen Blick zu, aber sie hoffte noch immer darauf, dass sie bei Averic als seine Tochter einfach einen Stein im Brett hatte, egal was sie sagte. Ihr Vater reagierte nun eher erstaunt, zum Glück, aber er wollte einen Grund wissen. Jaaaaa ... warum? Sie machte ein finsteres Gesicht um ihre Verzweiflung zu verbergen und stotterte dann: "Du könntest mich töten wollen ... so wie Mama Tascurio." Ohje, ohje, ohje! Sie war viel zu verzweifelt um sich über die Reaktion Averics auf Krolocks Lauf zu freuen.
Krolock blickte wieder zu Caylee, überrascht, wie weit sie ging. Wegen einem Spiel? Oh, ihre Rache würde schrecklich sein, er ahnte es bereits. Dennoch fand er das Szenario spannend und betrachtete Averic interessiert.
Chanuka wanderte durch den Wald. Manchmal kam er sich ruhelos vor. Eine kurze Zeit war er bei seinem Federbaum einfach Zuhause gewesen, aber nun war dieser heimische Ort Blut getränkt. Und als hätte jemand seine Gedanken gelesen, fiel Tascurios Name. Es dauerte eine Weile, bis zu ihm durchsickert, was gerade gesagt worden war. Er trat zu den drei Wölfen und sah Caylee an.
Averic Averics Augen weiteten sich kurz und verengten sich dann zu Schlitzen. Caylees Antwort war wie ein Schlag ins Gesicht gewesen. "Meinst du das ernst?" , fragte er noch mit recht ruhiger, aber eisig schneidender Stimme. Er verstand nicht, was die Zwei hier für ein Spiel trieben, aber es ging ihm bereits zu weit.
Caylee erzitterte, als sich Averics Augen verengten und er mit schneidender Stimme nach ihrer Ernsthaftigkeit fragte. Wie weit sollte sie gehen? Wie weit durfte sie gehen? War sie gerade dabei, einen ganz dummen Fehler zu begehen? Sie erspähnte Chanuka aus dem Augenwinkel und verfluchte ihren bruder, dass er nicht schon ein wenig früher dagewesen war. Nicht, dass es schön gewesen wäre, Chanuka zu beleidigen, aber dennoch besser, als Averic. "Ja." , hauchte sie mit tonloser Stimme und ungefähr so glaubwürdig wie ein Welpe, der beteuerte, brav zu sein.
Krolock tappte ein bisschen aufgeregt, wie ein Welpe der das erste Mal vom Rudelplatz fort durfte, mit den Pfoten auf der Stelle. Knallhart! Sie war knallhart! Sie beleidigte Averic nicht einfach nur, sie verletzte ihn gezielt! Er konnte es kaum fassen. "Sie muss machen, was ich sage, weil sie mich beißen durfte, ohne Gegenwehr. Sie soll dich beleidigen." , er drehte sich um und ging. Erst langsam, dann rannte er und verfluchte sich.
Chanuka konnte nicht fassen, was vor sich ging. Am liebsten hätte er nach seiner Schwester geschnappt. Was sollte das? Sie waren sich doch so einig gewesen, im Bezug auf ihre Eltern. Gemeinsam stark, damit sie wieder eine Familie wurden. Und nun so etwas? Dann sah er Krolock entgeistert an. Was zum...?
Averic starrte seine Tochter an und wusste nicht, was er sagen sollte. Er wusste auch nicht, wie er darauf reagieren sollte. Bevor er den Mund aufmachen konnte, meldete sich Krolock zu Wort und klärte die Situation auf, ohne sie dadurch besser zu machen. Und rannte dann auch schon feige davon. Die dunkelblauen Augen wanderten zurück zu Caylee und finstere Enttäuschung blitzte in ihnen auf. "Wegen eines dämlichen Welpenspiels. Dazu fällt mir wirklich nichts ein. Das hätte ich nicht von dir erwartet." Er wandte sich um und bemerkte jetzt erst Chanuka, der zu ihnen gestoßen war.
Caylee starrte Krolock mit großen Augen nach. Sie war so angespannt, verwirrt und vom Sturz noch mitgenommen, dass ihre Gedanken nicht hinterherkamen. Er hatte das Spiel aufgelöst, obwohl es gerade jetzt für ihn den Höhepunkt erreicht haben musste! Er hatte sie sozusagen gerettet. Ausgerechnet er! Jetzt schwankte sie wieder, warum, wusste sie selbst nicht so genau. Doch schon im nächsten Moment meldete sich Averic zu Wort und natürlich hatte sich das ganze jetzt nicht erledigt. Aber nun war Krolock weg und sie konnte reden und sich verhalten wie sie wollte. Als sich ihr Vater umwandte, sprang sie ihm sofort nach, verlor augenblicklich das Gleichgewicht und stürzte neben ihm zu Boden. Jetzt brummte ihr Kopf wieder so stark, dass sie keinen Versuch wagen wollte, sich aufzurichten. "Es war kein Spiel, es war Ernst. Und es war nichts anderes, als du auch tun würdest, du bist der Fenrissohn."
Chanuka war schon froh, dass Caylee es nicht ernst gemeint hatte, auch wenn er Averics Verärgerung verstehen konnte. Was hatten Krolock und Caylee hier für komische Spiele gespielt? Und wieso löste ausgerechnet Krolock die Sache auf? Sprachlos sah er seinen Vater an, als dieser sich ihm zuwandte und sich wohl erst in diesem Moment gewahr wurde, dass er auch da war. Dann blickte er auf Caylee, besorgt. "Bist du verletzt?" Irgendetwas stimmte doch nicht.
Averic wirbelte mit dem Kopf herum und sah seine Tochter an, die nun hinter ihm auf dem Boden lag. Er bleckte leicht die Zähne, erzürnt darüber, was seine Tochter von ihm dachte. "Falsch, ich würde so etwas sicher nicht tun. Und ich glaube nicht, dass du eine Ahnung davon hast, was ein Fenrissohn macht." Kurz sah er zu Chanuka, der sich nun über Caylee beugte. Prüfend glitt sein Blick über ihren Körper und er senkte den Kopf etwas zu ihr. "Was habt ihr noch gemacht, neben beißen und ... dem? "
Caylee sah auf, als Chanuka zu ihrt trat und sie fragte, ob sie verletzt war. Gerne hätte sie sich bei ihm für seine Fürsorge bedankt oder ihm ein Lächeln geschenkt, aber sie war viel zu durcheinander. Averics Reaktion fiel auch ganz anders aus, als sie erwartet hatte und ihre Ohren hatten sich mittlerweile eng an ihren Kopf gelegt. In einer kurzen, hilflosen Geste berührte sie ihren Bruder an der Nase, dann schüttelte sie heftig den Kopf. "Ein Fenrissohn hält sich an seine Versprechen, auch wenn diese bedeuten, dass er Böses tun muss!" Mittlerweile klang ihre Stimme verzweifelt und ihr Kopf fühlte sich an, als ob er explodieren wollte. Als Averic näher trat und den Kopf zu ihr senkte, wäre sie beinahe zurückgezuckt, reckte sich dann aber zu ihm, als sie erkannte, dass er sich um sie sorgte. "Wir sind gerannt. Ich musste rennen, bis es nur noch Schmerz gab. Dann haben meine Läufe nachgegeben und ich bin gegen einen Baum geprallt. Mein Kopf tut weh."
Chanuka versuchte sich vorzustellen, wie man bei hohem Tempo gegen einen Baum krachte und verzog das Gesicht. Allein der Gedanke schmerzte. Er wollte etwas belehrendes sagen, entschied dann aber, dass es ihm nicht zustand. Er fand nicht, dass man Versprechen einhalten musste, wenn man dabei anderen wissentlich schadete. Sollte er überhaupt etwas sagen? Er sah Averic an.
Averic schwieg zuerst, als Caylee von Versprechungen sprach. Er wusste zu gut, wie riskant und zerstörerisch Versprechen sein konnte, wenn man nicht in absolut jeder Situation in der Lage war, sie einzuhalten. Es war besser, erst gar keine zu machen, aber diese Situation war etwas völlig anderes. Averic verstand nicht, warum Caylee das so ernst war. Fenrissohn zu sein, bedeutete doch nicht, das man Versprechen geben musste, deren Einhaltung andere unnötig verletzen würde. Der Pechschwarze schnaubte kurz, als seine Tochter einen weiteren Teil des "ernsthaften" Spiels offenbarte. "Ein Fenrissohn gibt erst gar keine Versprechungen, die weder notwendig sind, noch besonders viel Sinn ergeben." Da er sah, dass es Caylee wirklich nicht gut ging, beließ er es dabei. "Kannst du laufen, wenn ich dich stütze? Oder willst du erst mal liegen bleiben?" Kurz sah er zu Chanuka, der bisher äußerst schweigsam war.
Caylee versuchte Averics Aussage zu folgen und sie sich zu merken, aber sie hatte Mühe zu verstehen, was er meinte. Keine Versprechungen geben, die notwendig sind. Das tat zumindest ein Fenrissohn. Sie war aber von Engaya gesegnet. Vollkommen konfus und verunsichert war sie froh, als Averic sich nun wieder um sie sorgte. Chanuka blieb stumm und Caylee verstand, dass sie von ihm keinen Beistand gegenüber ihrem Vater erhoffen konnte. Normalerweise waren Geschwister stets auf einer Seite, aber Chanuka war nicht normal und abgesehen davon gab es wohl auch gar keine Seiten. "Ja, ich kann laufen, konnte ich gerade auch." Sie stemmte sich auf und blieb deutlich schwankend stehen. Den Kopf tief gesenkt murmelte sie: "Es tut mir leid."
Chanuka stellte sich augenblicklich auf Caylees Seite, immer noch besorgt und hilflos. War Gehen wirklich sinnvoll? Wohin? "Wenn du Krolock solche Sachen versprichst... versprichst du mir dann auch was?" , er machte eine Pause. Es lag eigentlich keine Vorderung darin. "Pass ein bisschen besser auf dich auf. Ich meine... mach keinen Unsinn, bei dem dir etwas ernsthaftes passieren könnte. Auch nicht für ein Versprechen." Er hatte sich so große Mühe gegeben, nicht wie ein Besserwisser zu klingen und jetzt fand er, es hörte sich doch so an. Wieso konnte er nicht einfach seine Sorge um sie ausdrücken, ohne dabei neun-mal-klug zu klingen?
Averic beobachtete Caylees Schwanken mit Argusaugen, aber auch Chanuka hatte sich fix an ihrer Seite positioniert. Auf Caylees Entschuldigung nickte er schließlich knapp. Es machte keinen Sinn, sie weiter zu belehren, vor allem nicht, wenn sie so starke Kopfschmerzen hatte und nur die Hälfte davon wirklich aufnahm. Trotzdem war er innerlich immer noch etwas entrüstet darüber, welche Art der Beleidigung sich Caylee wegen eines Spiels ausgedacht hatte. Fenris wäre entzückt von ihr gewesen. Das gefiel ihm nicht. Schließlich meldete sich Chanuka doch noch zu Wort und jetzt konnte Averic nicht anders, als über dessen Gutherzigkeit zu lächeln. Er stellte sich an Caylees andere Seite.
Caylee war froh, als Chanuka an ihre Seite kam und so das Schwanken dämpfte. Seine Worte holten sie ein wenig aus ihrer aufkommenden Lethargie, denn eigentlich versprach sie nur etwas, wenn sie dafür ein anderes Versprechen bekam. Aber hier sprach Chanuka und er war so anders, als Krolock. Sein Wunsch rührte sie, aber sie wusste, dass sie ihm das nicht versprechen konnte. Dafür war sie zu verbissen, Krolock zu beweisen, dass sie stark war. "Ich hab' ihm gesagt, dass ich mich nicht von ihm umbringen lasse. So dumm bin ich nicht." Ihre Stimme klang trotzig, aber auch traurig. Um Chanuka zu zeigen, dass sie es schön fand, dass er sich um sie sorgte, drückte sie ihre Schnauze in seinen Pelz und flüsterte dann ganz leise in sein Ohr: "Wenn du magst, darfst du auf mich aufpassen, wenn ich es nicht kann." Ausgerechnet Chanuka. Aber vielleicht wollte er auch gar nicht. Als Averic sich lächelnd an ihre Seite stellte, blinzelte Caylee ihn unsicher an, trotz des Lächelns von seinem Verzeihen nicht ganz überzeugt.
Chanuka tauschte einen kurzen Blick mit seinem Vater und sah dann auf Caylee, die nun ganz in Weiß zwischen den beiden schwarzen Wölfen verkeilt war und unmöglich zu Seite kippen konnte. Auf ihre Worte hin schleckte er ihr über die Nase und flüsterte: "Das stell ich mir kompliziert vor." , was durchaus der Wahrheit entsprach. Er versuchte die Situation ein bisschen aufzulockern. "Wohin bringen wir sie, Papa?" Es fühlte sich immer noch seltsam an, 'Papa' zu sagen. Und dann wieder fühlte er sich schlecht, weil es sich für ihn seltsam anfühlte.
Averic verzog kurz die Lefzen. "Das sollte er auch besser nicht versuchen." Er unterließ es auszuführen, was Krolock erwarten würde, sollte er es wagen seiner Tochter ein Haar zu krümmen. Und eigentlich hielt er Caylee auch für intelligent genug, sich nicht auf soetwas einzulassen, aber dafür hatte sie sich auf anderes eingelassen, was er genau so wenig von ihr erwartet hätte. Es war absolut unreif. Aber Averic unterließ es, ihr das jetzt noch auf die Nase zu binden. Nach dem Geflüstere und Chanukas Frage, sah er sich kurz um und hielt witternd die Nase in den Wind. "Erst mal zum Fluss? Oder zurück zum Rudelplatz."
Caylee musste Chanuka zwar zustimmen - auf sie aufzupassen war mit Sicherheit verdammt kompliziert - aber ein bisschen schade war es schon, dass er es wohl nicht versuchen wollte. Aber es war Chanuka, das durfte sie nicht vergessen. Averics Reaktion fiel da schon ein wenig überzeugender aus und jetzt wusste Caylee auch wieder, was sie an ihrem Vater so schätzte. Wenn es ernst wurde, dann war er da. Das Geplänkel über ihren Zielort hörte sie sich unaufmerksam an und fragte sich derweil, wo Krolock wohl hinverschwunden war. Natürlich durfte sie jetzt nicht sagen, dass sie ihn ja suchen könnten, tatsächlich hätte sie aber genau das gerne getan. Was er nun wohl gerade tat? Und was in seinem Kopf vorging? "Zum Rudelplatz." hörte sie sich murmeln. Was sollte sie auch beim Fluss?
Chanuka stimmte ohne etwas zu sagen zu. Am Rudelplatz konnte Caylee sich ausruhen, bis es ihr besser ging. Ein bisschen verunsicherte ihn die Sache allerdings. Er kannte sich nicht mit den Folgen aus, die einen Wolf erwarteten, der mit voller Wucht gegen einen Baum gelaufen war. Das taten wohl die wenigsten. Aber wie gefährlich war das eigentlich gewesen? Er wollte nun aber lieber nicht danach fragen. "Was tut dir am meisten weh? Meinst du, ausruhen reicht, oder fühlt es sich so an, als wüde es länger dauern?"
Averic schielte leicht zur Seite, hinunter auf Caylee. Sie schien mit ihren Gedanken jetzt woanders zu sein. Auf ihre Antwort hin bewegte er sich langsam vorwärts, darauf achtend, dass seine Tochter sich halten konnte. Über Chanukas Sorge musste er schmunzeln. Es würde wohl wirklich besser sein, wenn sich Caylee am Rudelplatz erst mal hinlegte, aber sie wirkte geistig noch fit genug, dass sie sich wohl nicht zu große Sorgen machen mussten.