26.07.2011, 16:31
Ruhig lag die junge Fähe auf dem weichen Waldboden, hatte die Läufe auf dem Moosbett ausgestreckt und blies den gleichmäßigen Atem zwischen die vereinzelten Tannennadeln. So ein Bild des Friedens war in letzter Zeit wieder seltener geworden. Unruhig hatte sich die Weiße zwischen dem Rudel bewegt, Unschlüssigkeit und Nervosität bildeten das Fundament ihres Verhaltens, zusammen mit dem wieder aufkommenden Durst, der ihre ausgetrocknete Kehle brennen ließ. Es war bald zu einer Gewohnheit geworden, selbst wenn sich die Fähe nicht gewöhnen wollte. Dennoch hatte sie bisher keinen anderen Lösungsansatz, als das Jagend entdeckt. Also hatte sie dem aufkommenden Drang ein Mal mehr nachgegeben und hatte sich an dem Blut eines unvorsichtigen Kaninchens satt getrunken. Demzufolge leuchteten die Seelenspiegel der jungen Heranwachsenden in angenehmen Farben und lagen ausnahmsweise nicht unter dunklen Schatten. Trotz allem kreisten Aléyas Gedanken noch immer um die Frage, was wäre, sollte sie es mal nicht schaffen und den Wald zu fliehen, sollte sie nicht in der Lage sein zu jagen. Was passierte dann? Lange hatte sie nicht mehr an ihren Vater gedacht, der ihr sonst helfend zur Seite gestanden hätte, doch in Momenten wie diesen, wo die Gedanken sie nicht in Ruhe lassen wollten, wünschte sie sich den großen Schwarzen wieder an ihre Seite.
26.07.2011, 22:29
Endlich wieder daheim. Der laue Wind strich zutraulich über ihren Pelz, rief alte Erinnerungen und Bilder in ihr wach. Obgleich das komplette Tal seltsamerweise im Schnee verborgen lag, und das mitten im Herbst, sah sie ihre Heimat mit den Augen der Welpin, die sie einst war. Verzauberte Wälder und magische Flüsse, in denen Geister zu hausen scheinen. Ja, sie war zufrieden. Daylight war wieder angekommen. Glücklich betrachtete sie den Himmel, auf dem die Wolken zu tanzen schienen. Das Lichterkind erstrahlte wieder in altem Glanz. Sie fing das Sonnenlicht in sich auf und genoss die Wärme, gleichzeitig aber auch die Kälte die sich auf ihren Pfoten ausbreitete. Versunken in dieses Spiel der Natur wehte ein vertrauter Geruch an ihrer Schnauze vorbei, zart und auch nicht sehr lang. Für einen Augenblick war Daylight perplex, ja gar überrascht.
"Aléya."
Ihr Gedanke ließ Worte folgen und auch, wenn es unbeabsichtigt war, stieß sie voller Überraschung den mit vielen Erinnerungen verbundenen Namen aus. Es war so unglaublich lange her. Eine komplette Ewigkeit. Aber das zählte jetzt alles nicht. Mit derselben Spannung im Körper wie auch damals bei der Begrüßung von Tyraleen hetzte sie beinahe schon in Richtung der Wölfin, bereit, sie stürmisch zu begrüßen. Ihr war in diesem Moment nicht bewusst, dass man sie vielleicht verurteilen könnte. Daylight war weiterhin auch nicht darüber im Klaren, wie Aléya nach dem Ganzen zu ihr stand. Für sie, das Lichterkind, zählte einzig und allein die Erinnerung. Sie konnte sich noch an Aléya erinnern, als ob es gestern wäre, und war überglücklich, ihr nun wieder gegenüber zu treten. Ob es ihr gut ergangen war? Was hatte sie nur alles erlebt? Oh, Daylight brannte fürchterlich darauf, jedes Detail zu erfahren. In dem Moment in dem sie das Fell der jungen Fähe erblickte, wurde sie langsamer. Der selbe Geruch, die selbe Haltung. Sie hatte sich nur geringfügig verändert.
"Aléya."
[Hoffe ich hab nicht übertrieben was die Beziehung der beiden zueinander angeht ._.']
01.08.2011, 12:51
Das feine Gehör hatte längst die näher kommenden Schritte vernommen, dennoch hatte die Fähe erst später reagiert. Sobald der vertraute Geruch ihr in die Nase gestiegen war, hatte die Helle den Kopf ruckartig in die Höhe gerissen. Das... das konnte doch nicht sein?! Dieser warme Geruch, den sie im Hinterkopf behalten und abgespeichert hatte, der ihr Schutz hatte geben und für sie da sein sollen, war ihr mehr als nur bekannt. Sofort stand die Weiße auf den Läufen, als sich etwas helles Fell durch die dunklen Baumreihen schob. Der angenehme Klang in der Stimme jagte ihr eine leichte Gänsehaut über den Rücken.
„Daylight...“
Ihr Vater wäre gewiss freudig auf die Fähe zu gegangen, wäre er noch hier. Doch in Aléya machte sich bisher nur verhaltene Freude breit. Natürlich war sie froh, ihre Patin wieder zu sehen. Doch sie hatte nicht nur Aryan verlassen, sondern auch sie. Aryan und Daylight hatten sie beide alleine gelassen. Obwohl sie beide liebte, immerhin hatten die Gefährten sie als Welpe in ihre Obhut genommen, so verstand sie nicht, warum man sie zurück gelassen hatte. Vor allen Dingen den Schwarzen konnte sie in seinem Verhalten nicht begreifen. Sie brauchte ihn, mehr als zuvor und er ließ sie einfach im Stich. Daylight hatte sie beide für einen anderen Wolf verlassen, ebenfalls etwas, was sie nicht begreifen konnte. Trotzdem bildete sich ein vorsichtiges, angedeutetes Lächeln auf ihren Lefzen.
„Du bist also zurück gekommen.“
25.08.2011, 04:12
Erfreut wedelte sie mit der Rute, den ganzen Körper voller Vorfreude. Es ging Aléya gut. Das war es, was zählte. Das und nicht mehr. Die Sorge um das Rudel war mit der Zeit fernab des Tales der Sternenwinde mehr und mehr verblasst, hatte sich in Schuldgefühle gewandelt – Doch die Sorge um Aléya war stets da gewesen. Schmerzlich. Lodernd. Und unerbittlich. Hatte sie sich doch so viele Vorwürfe gemacht. Nicht nur weil sie gegangen war, nein, auch weil sie Aryan im Stich gelassen hatte. Hatte sie beide betrogen. Ihre heile kleine Welt zusammenbrechen lassen. Oft genug stellte sich die Fähe die Frage, was wohl heute gewesen wäre, hätte sie das Rudel nicht verlassen. Hätte sie den Fehler nicht begangen, ihren Gefährten zu betrügen. Dann wäre sie vermutlich gemeinsam mit Aryan glücklich. Und vor allem, dann wäre Aléya glücklich. Daylight wusste nicht, ob sie mit Schuldzurechnungen und Vorwürfen zu rechnen hatte. Aber sie liebte die Jungwölfin immer noch. Liebte sie genug, um sich der Schuld zu stellen. Auch wenn sie nicht wusste, wieviel Schuld sie aushalten würde. Trotz allem war sie zerbrechlich. Verletzlicher als manch anderer. Und so sehr die junge Wölfin das gute Recht auf ihrer Seite hatte, Daylight abzuweisen, so sehr hoffte diese auch auf eine friedliche Wiedervereinigung. Als sie das zurückhaltende, leichte Lächeln auf den Lefzen ihres Gegenübers erkannte, war ihr mit einem Schlag bewusst, dass es schwer werden würde, wieder Vertrauen zu ihr aufzubauen. Sie wollte sich am liebsten irgendwo fernab des Rudels in den Schatten verlieren. Wie hatte sie nur diesen törichten Fehler machen können. Je länger sie Aléya gegenüber stand, desto quälender wurde es für die Weiße. Aber sie wollte sich dem stellen. Sie konnte nicht länger mit Spekulationen und Sorgen leben. Also würde sie bewusst die Folgen ihres Handelns tragen. Einschätzen konnte sie kaum, was wohl in der jungen Fähe vorging. Aber sie würde alles geben um das Vergangene wieder gutzumachen.
Sie suchte nach Worten. Daylight wollte irgendetwas sagen, um Aléya mitzuteilen was in ihr vorging. Doch sie rang vergeblich nach Erklärungen. Die Weiße musste ihren Blick von den distanzierten blaugrauen Augen lösen, um irgendeinen Satz herauszubringen. Wappnen konnte sie sich nicht. Denn sie hatte keinen blassen Schimmer, wie schwer Aleýa's Gedanken sie treffen könnten. Und doch würde die Wölfin es in Kauf nehmen. Das war sie der jungen Fähe mehr als schuldig.
"Es war ein Fehler, das Rudel im Stich zu lassen. Aber noch viel schwerwiegender war es, dich zu verlassen. Ist es dir gut ergangen?"
Daylight kam nicht umhin, nach dem Wohlergehen der Jungwölfin zu fragen. Hoffend. Sie betete, dass sich jemand ihrer angenommen hatte. Das man sich um sie gekümmert hatte. Denn Aléya war eine besondere Wölfin. Zu gut konnte Daylight sich an die Tragödie erinnern, daran wie Aryan sie vor dem Nichts retten konnte. Seit dem war die junge Fähe wie eine Tochter für sie gewesen. So ungestüm sie in manchen Augenblicken auch sein konnte – Daylight hatte sie bis zum heutigen Tag tief in ihr Herz geschlossen.
08.09.2011, 12:23
Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle, ließ sie schwer schlucken. Ihre weiße Patin wieder so vor sich zu sehen, als wäre nichts geschehen, war ein seltsames Gefühl – zweischneidig. Auf der einen Seite war sie froh, auf der anderen Seite auch bitter enttäuscht. Sie wusste nicht genau, von wem sie enttäuschter sein sollte, ob sie ein Recht zu der kleinen, wütenden Flamme in ihrem Herzen hatte. Sie war mit allem alleine fertig geworden und war trotz Gemeinschaft und Rudel so einsam gewesen, wie zuvor noch nie in ihrem Leben. Zuerst hatte sie es nicht registriert, hatte es nicht verstanden. Das Gefühl, als hätte man einen Teil ihrer Selbst aus ihr heraus gezerrt oder so ähnlich. Die Jungwölfin konnte es nur schwerlich beschreiben, zumal es nach und nach wieder verschwunden war. Die Jagd, der Kontakt zu Sheena hatte es aus ihrem Herzen vertrieben. Dann war etwas mit ihr passiert, etwas, was schleichend kam und längst irgendwie zu ihr gehörte, wie ihr weißer Pelz.
Bei der Frage lehnte sich die Ohren etwas nach hinten. Konnte und sollte sie schnell und leichtsinnig vergeben? Inzwischen hatte Aléya etwas über den Glauben in diesem Tal gelernt, dennoch war sie unsicher, ob sie sich einer Glaubensseite widmen konnte. Sie wollte noch keine folgenschwere Entscheidung treffen, treffen müsse, dennoch wurde in dieser Sekunde genau dies von ihr verlangt. Sie musste irgendwie reagieren.
“Warum bist du gegangen? Wozu bist du zurück gekommen?“
Mit wachsamen Augen blickte sie Daylight an, das Lächeln war von ihren Lefzen verschwunden, Drohung oder Abweisung lag aber nicht in ihren Gesten. Sachte hatten sich ihre Läufe angespannt, ebenso wie sich ihr Innerstes verkrampft hatte. Sie wollte das alles nicht, aber sie musste diese Gegenfragen stellen. Erst dann konnte sie entscheiden.
“Ich brauche dich nicht mehr. Dich und Aryan, niemanden brauche ich mehr. Ich bin alt und groß genug, dass ich alles selber schaffen kann.“
In ihrer Stimme schwang Bitterkeit mit, trotzdem musste Daylight es wissen und akzeptieren, dass sie nun nicht mehr anfangen brauchte, ihre Fehler gut zu machen oder sie wieder in ihre Obhut nehmen konnte. Sie brauchte keinen mehr, stand auf eigenen Pfoten. Man hatte ihr keine Wahl gelassen und so war sie zu einem Rudelwolf geworden, der innerlich trotzdem einsam blieb.
“Wenn du also wegen Nightmare oder Aryan zurück gekommen bist – sie sind beide nicht mehr hier. Schon lange nicht mehr. Meinetwegen musst du nicht anfangen, dich schuldig zu fühlen oder nun an mir etwas gut machen oder nachträglich Verantwortung übernehmen. Wieso also bist du wieder hier?“
08.09.2011, 13:07
Wie hätte es auch einfach sein können. Die weiße Wölfin war viel zu nachsichtig und aufopfernd zu sich und der Welt, als dass sie Aléya auch nur eins dieser Worte übel nehmen konnte. Und doch schnitten sie in ihr Fleisch wie messerscharfe, eisige Klingen. Die Weiße wusste um die Wahrheit in diesen Sätzen. Wusste um die Schuld, die gleichzeitig geweckt und wieder verrufen wurde. Wusste um die Bitterkeit, mit der die weiße Jungwölfin wohl die ganze Zeit über hatte leben müssen. Und wollte am liebsten alles ungeschehen machen. Eigentlich war Daylight der Meinung gewesen, nichts könne sie härter treffen als ihre eigenen Schuldzusprechungen, und wollte deshalb mit vollem Eifer nach der Anerkennung streben, die sie im Stich gelassen hatte. Und eigentlich hatte man sie auch ihrer Angst vor dem Bereuen beraubt. Aber hier, in diesem Moment, traf sie die Realität schwerwiegender denn je. Daylight wusste nur zu gut das sie hier nicht ewig schweigend verweilen konnte. Aber könnte sie dem nur entgegenbringen? Natürlich war ihr bewusst gewesen, dass es schwer sein würde, wieder altbekanntes Vertrauen zu erlangen. Aber das Aléya, die sie immer noch so sehr ins Herz geschlossen hatte, sie endgültig aus ihrem Leben strich, ging einfach unheimlich tief. Kurz wand sie den Blick zur Seite, dann nach oben, tief ein und aus atmend. Presste ihre Fänge aufeinander. So sollte es nicht enden. So dürfte es nicht enden. Doch war die Entscheidung, sich selbst näherzukommen so falsch gewesen? Oder war es einfach nur eine Summe der Urteile die sie sich selbst angepriesen hatte, die sie hier erschlug? Egal was es war. Die weiße Wölfin hatte eins gelernt, in der Zeit, die sie ihrem Leben gewidmet hatte. Man musste sich seinen Ängsten stellen. Das war der einzige Weg, sie zu überwinden. Darum schloss die Fähe auch für einen kurzen Augenblick ihre getrübten, sonnengleichen Augen und wurde sich dieser Lektion bewusst. Machte sich klar, dass sie Aléya vielleicht als Patenwelpin und Vertraute verloren hatte – Doch sich selbst, sich selbst konnte sie durch das Ganze bewahren. Und das zählte. Das, und nichts anderes.
Diese Gedanken gaben ihr nun die entscheidende Kraft, Verständnis und einen wachen Blick zu entfalten. Einen Blick, in dem nicht mehr als Wahrheit und Akzeptanz lag.
"Ich kam zurück, weil dieses Rudel meine Familie ist. Und weil ich mich selbst endlich wiedergefunden habe. Ich war kurz davor, mich Selbst inmitten dieser ganzen Geschehnisse zu verlieren und nie wieder zu berühren. Aber das hier ist meine Chance auf einen Neuanfang. Ich erwarte nicht, dass du mich verstehst, das ist okay. Und ich akzeptiere deine Meinung und deine Gedanken. Dennoch möchte ich, dass du weißt, dass es mich stolz macht dich so zu sehen. Ich bin glücklich, dass du auf eigenen Pfoten stehen kannst. Und du sollst weiterhin wissen, dass du trotz allem immer zu mir kommen kannst, auch wenn uns nun nicht mehr als eine Erinnerung verbindet. Ich werde dich immer so lieben wie am ersten Tag."
Es fiel der weißen Fähe nun kaum noch schwer, diese Worte auszusprechen. Denn die Erkenntnis, die ihr nun zuteil geworden war, die war ihr wertvoller als alles andere. Ohne diese Erkenntnis wäre sie vermutlich weiterhin die Fähe geblieben, die sich selbst verurteilt für das, was sie tat. Und jetzt. Jetzt war sie die Fähe, die erkannt hatte was geschehen war, und es bereitwillig als einen Teil von sich akzeptierte. In gewisser Weise war Aléya ein Wegbegleiter gewesen, der sie auf der Reise zu dieser Wahrheit begleitet hat. Und darum würde Daylight sie nie aus ihrem Herzen schließen. Die leuchtenden Seelenspiegel der Weißen wurden wärmer denn je.
08.09.2011, 13:56
Stille umhüllte die beiden vertraute Fähen einen Augenblick. Die Helle wusste, dass ihre Worte Daylight hart treffen würden. Zum einen wollte sie damit die Wahrheit heraus finden und zugleich diente ihr harsches Verhalten dem Zweck, dass sie beide die Ernsthaftigkeit überprüfen konnten. Aléya konnte heraus filtern, ob es nur ein vorrübergehendes Ereignis und Daylight konnte erkennen, wie standhaft ihr eigener Entschluss war. Natürlich lag es nicht im entferntesten in ihrem Sinn, es ihrer Patin unnötig schwer zu machen. Sie wollte nur nicht von einem geheuchelten Pflichtbewusstsein und einem Häufchen Elend, welches sich in seinem selbstverschuldeten Kummer wand, umgeben sein. Berechtigt und angemessen, wenn sie es genau betrachtete. Die sensiblen Ohren schnippten sanft nach vorne, als Daylight wieder zu sprechen begann. Langsam neigte die Jungwölfin den Kopf.
„Ich bin froh das zu hören.“
Ein ehrliches Lächeln huschte über ihre Gesichtszüge und die buschige Rutenspitze wischte kurz über den Boden. Für sie war das geklärt, was sie wissen musste. Geschehen war geschehen und niemand vermochte es, etwas an der Tatsache zu verändern. Sie konnten nur versuchen damit zu leben.
„Also...“, begann sie und ließ sich auf die schlanken Hinterläufe sinken, „... wie ist es dir ergangen, was hast du gemacht, wo bist du gewesen? Ich meine mich erinnern zu können, dass du kurz vor dem Nichts verschwunden bist. Aryan und ich dachten, wir hätten dich verloren...“
Sie hielt inne und atmete tief die kühle Waldluft ein. Es tat noch immer weh, wenn sie an ihren schwarzen Ziehvater dachte und über ihn zu sprechen war nicht minder einfacher. Trotzdem versuchte sie, so gut es ihr möglich war, den Schmerz zur Seite zu schieben und ihre Patin erzählen zu lassen.
15.09.2011, 11:50
Die Reaktionen von Aléya waren geradezu verblüffend unerwartet. Immerhin, die beiden Fähen hatten sich ein volles Jahr lang nicht mehr gesehen. Was in dieser Zeit mit der zierlichen Jungwölfin geschehen war mochten nur die Götter zu erahnen. Aber es war diese Überraschung, diese plötzliche Akzeptanz Aléya's, die Daylight ebenfalls ehrlich auflächeln ließ. Was für ein Geschenk. Vermutlich hätte sie nie wieder eine Verbindung zu ihrer ehemaligen Patenwelpin gefunden, wäre ihr nicht diese kleine, wichtige Prüfung klar geworden. Letzendlich fügte sich augenscheinlich doch alles. Jedes Puzzleteil fand seinen Platz, in dem ganzen Durcheinander aus Emotionen und Gedanken, und bildete ein wunderschönes Gesamtbild. Doch der kleine Stich in ihrem Herzen, als die junge Weiße Aryan in ihre Worte einband, würde wohl nie verschwinden. Mit diesen Schmerzen müsste sie leben.
"Ich konnte nicht anders. Ich musste weg, einfach irgendwohin. Und während ich umherzog lernte ich ein neues Rudel kennen. Sie werden ewig in meinen Erinnerungen erhalten sein. Liebevolle, lehrende Wölfe. Dank ihnen erkannte ich einige Dinge, die mir früher verwehrt geblieben waren. Stolz, Entschlossenheit, Stärke. Ich wurde aufgezogen als wäre ich eine der Ihren gewesen. Schlussendlich verliehen sie mir sogar den Mut, wieder umzukehren und dort weiterzumachen, wo ich aufgehört hatte."
Als sie begann, ihre ehemaligen Vertrauten anzusprechen, mischte sich ganz selbstverständlich ein liebender Ton in ihre sanfte Stimme. Ja, zum Ende hin kam sogar noch Entschlossenheit dazu. Die Entschlossenheit, die man sie gelehrt hatte. Seine Träume zu verwirklichen und nie wieder loszulassen. Ihre hellen, strahlenden Seelenspiegel fingen den Blick der Jungwölfin auf, erwiderten ihn mutig und verliehen Daylight ein bisschen mehr Tapferkeit als sonst. In der Tat, sie hatte sich gewandelt. Sie war erwachsen geworden. Doch wie stand es mit Aléya? Neugierde brannte in ihr, auch wenn sie sich zurückhielt. Es galt mit äußerstem Feingefühl an das Thema heranzugehen. Nicht nur wegen Aléya, sondern auch wegen den eigenen Erinnerungen an Aryan und die Tragödie mit Nightmare. Das Lächeln auf ihren Lefzen schien zu erlischen – Doch wer genau hinsah konnte mit aufmerksamen Auge betrachten, dass es nicht ganz verschwand. Ein kleinwenig Glück verlieh ihren Zügen immer noch die hoffnungsvolle Bedeutung, die Daylight innewohnte.
"Was... Ist mit dir? Was geschah, nachdem ich fortgewandert bin? Auch wenn es nichts wiedergutmacht, ich habe täglich an dich gedacht. Ich habe mir gewünscht, dass du glücklich bist. Das du erwachsen wirst, gedeihst, und zu der wunderbaren Wölfin wirst die wir alle schon immer in dir gesehen haben."
15.09.2011, 16:57
Die weiteren Erzählungen, die Freude über ihr Fortgehen und die Liebe, die in ihren Worte wiederklang, aber für ein anderes Rudel, eine andere Familie galt, ließen einen Stich durch das junge Herz zucken. Es tat weh, ihre Patin so reden zu hören, selbst wenn sie ihr das Glück nicht missgönnte. Dennoch konnte sie nicht vergessen, dass Daylight sie in einem Augenblick im Stich gelassen hatte, in dem sie gebraucht wurde. Nicht nur das: sie war einfach vor allem davon gelaufen, den Problemen, die sie sich selber geschaffen hatte. Es war ein zweischneidiges Schwert, welches die Weiße zu spüren bekam und in ihren Gefühlen wollte sie keine rechte Klarheit bekommen. Auf der einen Seite hatte sie ein gewisses Verständnis dafür, dass sich ihre Patin von allen abgesondert und einem anderen Rudel angeschlossen hatte, wo sie dazulernen konnte. Es war ein gutes Gefühl zu wissen, dass es ihr gut ergangen war und sie die Zeit nicht sinnlos hatte verstreichen lassen. Auch war es schön, und dabei perlten Daylights Worte wie Balsam über ihre Seele, dass sie niemals ihr Zuhause vergessen hatte. Gleichzeitig biss eine kindliche Eifersucht, Kränkung und auch etwas Wut schmerzhaft zu, irgendwo in ihrer Magengrube. In einer Lage abzuhauen, in die sie sich selber gebracht hatte und in der sie gebraucht wurde, war in ihren Augen unverantwortlich. Selbst wenn das Lächeln ehrlich gewesen war und sie nun wusste, dass ihre Patin nicht aus den falschen Beweggründen zurück gekommen war, so tat sich Aléya schwer damit, das Geschehene zu verzeihen. Sie hatte damit gelernt zu leben, dass sie alleine gelassen worden war und sie alleine in einem Rudel lebte, vereinsamt. Trotzdem tat es immer etwas weh zu sehen, wie die Welpen, die in das Rudel hinein geboren waren, ihre Eltern, sogar Tanten, Onkel und Nichten hatten. Sie gehörte zwar dazu, aber auch irgendwie nicht. Zumal sich da etwas getan hatte, irgendetwas in ihr, was nicht mehr so war und nicht mehr so sein konnte, wie früher.
„Es fordert wirklich Mut, sich denen zu stellen, die man zurück gelassen hat.“
Sachte nickte die Fähe, die Stirn nachdenklich gerunzelt. Auf die Frage jedoch, wie es ihr selber ergangen war, wusste die Jungwölfin erst mal eine Antwort. Was sollte sie sagen? Sie konnte kaum begreiflich machen, was und wie sie gefühlt hatte, wie sehr einsam ihr Leben geworden war, wie sie sich selber vom Rudelgeschehen distanzieren musste, um nicht etwas zu tun, was man ihrem Verstand eintrichterte. Im Gegensatz zu Aryan, der sich anscheinend mit Dingen wie diesen ausgekannt hatte, war Daylight eine Wölfin Engayas. Ob sich Engayawölfe auch mit dem auskannten, was sie bisher nicht identifizieren konnte? Genauer: kannte sich Daylight damit aus? Ihr schnelles Wachstum, bei dem man sprichwörtlich zusehen konnte, war dabei ja nur das harmlose Übel, ein kleiner Nebeneffekt. Aléya beschloss für sich, dass es keinen Sinn hatte, ihre Patin anzulügen, noch irgendwelche Gesichten zu erzählen. Die Wahrheit war meist für alle Beteiligten schmerzhaft, doch das Mindeste, was jeder Wolf verdiente.
„Um ehrlich zu sein: nicht annähernd so gut wie dir.“
Kurz hielt sie inne, würgte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, die Zähne fest zusammen gepresst. Auch ihre Gesichtsmimik verzog sich kurz zu einer Grimasse, bis mit ein paar tieferen Atemzügen eine teilnahmslose, gleichgültige Miene zurück kehrte.
„Das Nichts hat das ganze Tal verschlungen. Kein Halm, kein Baum, nicht der kleinste Kieselstein blieb übrig. Das Rudel hatte sich an einem kleinen Platz zusammen gedrängt. Es war furchtbar. Ich hatte fast alle Hoffnung verloren. Du warst nicht mehr da, Aryan habe ich während der Flucht aus den Augen verloren.“
Erneut zuckte ein Stechen durch ihren Leib. Ihren über alles geliebten Ziehvater verloren zu haben war eine Wunde, eine Lücke in ihrem Leben, welche sich nicht so einfach schließen lassen würde. Obwohl sie auch Daylight immer geliebt hatte, hatte sie, aus welches unerfindlichen Gründen, dem Schwarzen näher gestanden. Er war das Bild eines Vaters gewesen, den sie nie gehabt hatte und das einfach so. Er hatte sie beschützt, ihr sogar das Leben gerettet.
„Trotzdem wurde irgendwie alles gut. Auf unerklärliche Weise entstand ein neues Tal der Sternenwinde und das genau nach unseren Wünschen und Hoffnungen.“
Erneut zuckten ihre Lefzen, ein verhaltenes Lächeln, die Freude darüber, dass sie noch am Leben waren und sich wie ein Wunder alles gefügt hatte. In ihren Augen war ein nachdenklicher und dennoch verträumter Ausdruck getreten, während sie sich die Bilder aus ihrem Gedächtnis zusammen suchte.
„Danach... begann für mich eine seltsame und auch schreckliche Zeit. Ich habe zusammen mit den anderen Jungwölfen das erste Mal an einer Lehrjagd teil genommen. Dabei passierte etwas merkwürdiges: als gäbe es jemand, der mir sagt was ich tun soll, oder eher, als wüsste es mein Körper alleine, habe ich eine Hirschkuh ganz alleine gerissen. Nur... kann ich mich nicht mehr daran erinnern. Auch was danach geschah ist weg. Ich kam wieder zu mir, da lag die Hirschkuh tot vor meinen Pfoten und Sheena sah mich mit einem ganz seltsamen Blick an. Das kam noch öfter vor, als ich alleine meine Jagdfertigkeiten geübt habe. Eines Nachts bekam ich dann starke Krämpfe, als würde mein Körper in Flammen stehen. Alle Muskeln schmerzten mir, meine Kehle fühlte sich so trocken und meine Zunge so rau und pelzig an, als hätte ich Ewigkeiten nichts getrunken. Doch je mehr Wasser ich trank, desto schlimmer wurde es. Nebenbei hatte ich oft das Gefühl, mein Körper würde lang gezogen werden. Eines Tages war es dann so schlimm, dass ich aus lauter Verzweiflung und blind vor Schmerzen in alles biss, was sich vor meiner Schnauze bewegte.“
Nach dieser Erzählung hielt sie wieder inne, den Blick wieder auf die hellen Augen gerichtet.
„Ich habe keine Ahnung, was mit mir los ist. Es hat alles damit angefangen, als mich Aryan vor dem Nichts rettete.“ Eine kurze Pause trat ein, ehe sie mit skeptischem Blick die Frage stellte, die ihr eher unwahrscheinlich, aber nicht unmöglich schien: „Meinst du, ich bin verflucht?“
18.09.2011, 14:37
Nachdem Daylight nun ihre Geschichte erzählt hatte, wenig ausführlich und auch nur in ein paar knappen Worten, wollte sie Aléya lauschen. Es war unbelänglich was sie selbst erlebt hatte. Ihre Instinkte schrien danach, sich der Jungwölfin zuzuwenden. Nach all der Zeit fühlte sie sich noch verantwortlich. Nun wissend, dass dies nicht mehr von Nöten war. Ihre Chancen, ihr ehemals so glückliches Leben hatte sie verspielt. Zudem auch noch das Vertrauen ihrer Patentochter. Die gerade gefunde Entschlossenheit, das Selbstbewusstsein, es verpuffte. Doch sie weinte ihm nicht nach. In dieser Lage sah sie es mehr als angebracht, sich mit Schuld zu quälen. Und so verblasste der Mut in ihren Augen. Das Leuchten wurde stumpf.
Dieses Wissen schmerzte sie, schmerzte sie seit sie erneut in die tiefen, violetten Seelentore geblickt hatte. Aber sie konnte es nicht ändern. Stattdessen zwang sie diese Schmerzen hinfort um ganz dem Bericht Aléya's folgen zu können. Schließlich ging es nun um sie. Da waren ihre persönlichen Gedanken unangebrachter denn je.
"Tatsächlich? Ich konnte nicht anders. So oder so, meine Heimat bleibt meine Heimat. Ich hätte mein Zuhause nie aufgegeben. Für keine Angst der Welt."
Das Nicken beruhigte die Schmerzen im Inneren der Weißen ein Stück weit. Vielleicht konnte sie ja noch irgendetwas aus der gemeinsamen Zeit retten. Die Hoffnung flackerte immer noch in ihr, wie ein kleines, unbedeutendes Kerzenlicht in einer riesigen Kluft. Vielleicht könnte sie die wertvolle Verbindung auch nur annähernd wieder herstellen. Vielleicht könnte sie irgendetwas wiedergutmachen. Denn Aléya war immer noch einer der größten Bestandteile ihres Seins. In ihrem Geiste lebten die Alpträume wieder auf. Für einen Moment schloss sie die Augen. Nein. Nicht. Die Vorwürfe. Die Sorgen. Die Bilder. Ihre Eltern. Acollon und Banshee, wie sie Daylight verurteilten. Der Hass in ihren Augen. Als die Weiße die Augen wieder öffnete, musste sie kurz innehalten. Gegen ihre Dämonen anzukämpfen war eine schiere Unmöglichkeit. Doch da hatte sie schon sämtliche Gedankengänge beiseite geschoben, denn Aléya war fortgefahren. Die Miene des Lichterkindes fror ein. Eine bittere Aussage. Gefundenes Fressen für ihre Dämonen. Trotz allem ruhte ihr wachsamer Blick immer noch auf der Jungfähe, erkannte wie schwer es ihr fallen musste und löste nur noch mehr Sorgen aus. Wie hatte sie nur ihre Pflicht vernachlässigen können. Zweifellos kam da aber noch mehr auf sie zu. Daylight wusste nicht, was sie tun sollte, oder wie ihre Gedanken reagieren sollten. Sie war im Moment erfasst von den Selbstbeschuldigungen die sie eigentlich zurückgedrängt hatte. Erfasst von den Reuegefühlen. Doch da musste sie durch. Es gab kein Zurück. Vielmehr sollte sie sich um die Weiße kümmern, die dort anscheinend ebenfalls mit der Welt zu kämpfen hatte. Sie wollte vorerst nichts dazu sagen. Nicht, bis sie die ganze Geschichte gehört hatte. Schon jetzt wurde Daylight nicht mit der Wahrheit fertig. Aufmerksam, so gut es ging, widmete sie ihr Aufmerksamkeit wieder den Worten der jungen Wölfin. Ein trister Schatten verdunkelte ihre Augen sichtbar. Das Gold war erstarrt, erstarrt zu Eis. Schmerzhaftes, viel zu kaltes Eis.
Das Nichts hatte sie also gnadenlos gejagt. Wie Vieh. Oh, wäre sie doch nur dortgeblieben. Mit Sicherheit hatte diese Situation für Verzweiflung gesorgt. Und sie war nicht für Aléya dagewesen. Sie hatte sich ihrer Verantwortung entzogen.
Feige, Daylight. Du warst so feige. Du hast sie im Stich gelassen. Alle. Alle die auf dich gebaut haben.
Wie hatte sie Aléya nur so im Stich lassen können. In diesem Moment meinte das Lichterkind sogar, dasselbe zu fühlen wie Aléya. Sie wusste, wie es war, seine Eltern zu verlieren. Zurückgelassen.
"Es.. tut mir so schrecklich leid."
Keine Entschuldigung. Denn nichts hätte dies wieder gut machen können. Doch Daylight konnte nicht anders, musste es los werden, während diese stille Folter sie langsam immer mehr zerriss. Immer noch konnte sie ihre Augen nicht von Aléya abwenden. Das Zusammenzucken, welches sie mit erschrockenem Blick vernahm, veranlasste ihren Körper wie von Selbst dazu, einen Schritt näherzutreten. Und innezuhalten. Sie wusste nicht ob sie näherkommen sollte oder nicht. Schließlich war es ihre Schuld gewesen. Ihre Schuld alleine. Doch sie trat nicht zurück, sondern verharrte in dieser Position. Das Lächeln, welches anfolgend das Gemüt des Lichterkinds wieder halbwegs beruhigt, ließ ihren Herzschlag wieder ein wenig langsamer werden. Doch sie hielt immer noch inne. Die Nähe, die sie suchen wollte, durfte sie nicht einfordern. Es war grausam. Gerade eben hatte sie noch eine wertvolle Lektion gelernt, und schon war diese wieder vergessen angesichts der Schuld. Es war zum Verzweifeln. Sie hatte keine Kontrolle über das, was in ihr vorging. Dem Ausdruck in Aléya's Augen konnte sie entnehmen, dass die Geschichte längst nicht vorbei war. Immer noch verharrend bereitete sie sich auf die Worte vor, die folgen würden. Zu Beginn noch stillschweigend lauschend, veränderte sich Daylights Miene mit jedem Wort das folgte. Sie schloss bedeutungsvoll die Augen. Versperrte sich selbst vor der Realität. Aléya. Immer mehr wand sich der Kopf des Lichterkindes zu Boden, soweit bis sie man ihre Augen nicht mehr sehen konnte. Die Geschichte war vorüber. Die Augen der Weißen wurden feucht. Sie betete, dass dies der jungen Fähe nicht auffallen möge. Diese Frage. Eine Frage, die nicht von ihr kommen sollte. Die Kleine hatte es nicht verdient. Angesichts dessen, was anscheinend schon geschehen war, verfluchte Daylight sich. Egal ob das Jahr ihr geholfen hatte oder nicht. Sie war gebraucht worden, hier. Und sie hatte diese Hilfe nicht gewähren können. Schande. Das Aléya nun eine schreckliche Wandlung durchmachte, zerfetzte der Weißen das Herz. Das Alles hätte nicht passieren müssen, wäre sie nicht fortgegangen. Mehr hatte sie ihr Handeln nie bereut.
"Wäre ich doch nur da gewesen."
Eine weitere, gleiche Entschuldigung die nichts wiedergutmachte. Eine weitere Träne rann hinab in den Schnee. Ihre Stimme bebte, unsicher und voller Leid. Fenris. Sie fand keine andere Erklärung. Der Todesgott hatte ihre geliebte Patentochter im Griff. Welch Qual.
"...Ich...glaube es ist Fenris. Ich bin mir nicht sicher, ich hatte noch nie mit soetwas zutun. Aber ich glaube er erhebt Anspruch auf dich. Das kann mit deinen Eltern zusammenhängen."
Mit wirrer Stimme versuchte sie, etwas zusammenzukratzen was sich nach einer Erklärung anhören könnte, suchte mit den Augen den Boden ab und durchsuchte gleichzeitig ihren Geist nach einer Erklärung.
"Es könnte auch das Nichts sein, es könnte alles sein...Ich habe keine Ahnung."
Vom einen Augenblick auf den anderen hatte sie sich schlagartig wieder gewandelt. Es war so chaotisch. Doch sie hielt den Kopf immer noch gesenkt. Aléya sollte sie nicht sehen. Nicht so.
21.09.2011, 00:06
Das ihre Patin ihre Heimat nicht aufgeben konnte, entlockte der Jungwölfin ein sachtes Lächeln. Erleichterung überkam sie, spülte ein wenig von dem stechenden Gefühl der Unsicherheit weg. Ihre Beteuerung, dass es ihr leid tat, hinterließ einerseits ein Gefühl von Verzeihen, zugleich aber auch den Hauch von Genugtuung. In ihrem Herzen war die Weiße nicht boshaft, doch wünschte sie sich, dass ihre Patin begriff, dass ihr Fortgehen Konsequenzen nach sich gezogen hatte. Trotz allem würde sich Aléya nicht von ihr fern halten, geschweige sie denn meiden. Ihre zurück gewonnene „Familie“ war ihr doch zu wichtig, als dass sie los lassen könnte. Sie hatte mit der Entscheidung und der Situation, alleine zu sein, klar kommen müssen, so dass sie nun keinerlei Groll hegte. Die Worte der Weißen wischte sie sachte mit einem Kopfschütteln weg, schwieg aber. Sie wollte ihr nun nicht noch weiter vorhalten oder zusätzlich erwähnen, dass sie eben nicht da gewesen war. Es war genug.
Der hinabtropfenden Träne konnte Aléya nur schweigend nach blicken. Obwohl Daylight versuchte, ihre wahren Gefühle vor ihr zu verbergen, so war sie selber doch so vermögend und einfühlend genug, als dass sie es spüren konnte. Bedauern und vielleicht sogar ein Quäntchen Selbsthass im Sinne von Vorwürfen. Dennoch. Es war zu spät, um sich im Nachhinein Gedanken dazu zu machen. Viel wichtiger war ihr im Moment sowieso die neuartigen Veränderungen, die nun eine Weile anhielten und eine mögliche Antwort auf ihre Frage. Fenris sollte Anspruch auf sie erheben? Aber wieso?
„Wieso sollte ein Gott, von dem ich bisher nichts außer ein paar wenige Legenden weiß, auf mich Anspruch erheben? Zumal...“ an dieser Stelle räusperte sie sich kurz „... ich bisher keinen großen Glauben an den Tag gelegt habe. Ich habe die Geschichten und alles was mit den Göttern zu tun hat als Teil des Rudels empfunden. Aber mich niemals mit eingeschlossen. Ich bin weder hier geboren, noch seit Aryan und du meine wahren Eltern.“
Obwohl sie letzteres hatte glauben wollen und dem auch fast so gewesen wäre, sie hatte Aryan in ihrem Herzen als ihren Vater akzeptier und anerkannt, so hatte sie doch fest stellen müssen, dass sie keine Blutsverwandte waren. Sie wusste bereits nicht mehr viel von ihrer eigentlichen Familie, das Gesicht ihres Vaters war längst verblasst und nur schwach hing der Geruch ihrer Mutter in ihrer Nase. Zu viele neue Erinnerungen hatten die Alten überlagert, ihr Erinnerungsvermögen ihrer ersten Wochen und Monate fast nahezu ausgelöscht.
„Ich weiß nicht mehr viel über sie, nur dass sie keine Wölfe dieses Tals waren und auch nie einen Gott oder ähnliches erwähnt haben.“
Nachdenklich kräuselte sich die Stirn der Weißen. Daylight tappte ebenso im Dunkeln, wie sie selber. Dennoch waren ihre Denkanstöße nicht auszuschließen.
„Daran habe ich auch schon gedacht, aber dann hätte es doch anfangen müssen, als das Nichts auftauchte. Das hat es aber nicht. Es begann eine Weile, nachdem mich Aryan davor gerettet hatte. Ich weiß nicht mehr genau wann, aber irgendwann ist mir bewusst geworden, dass etwas nicht mit mir stimmen kann. Das einschneidende Erlebnis bei der Jagd ist praktisch mein Ausgangspunkt.“
Hilfesuchend blickte sie die Ältere an.
„Was soll ich denn nur tun? Wenn ich mich versuche dagegen zu wehren, bekomme ich irgendwann so großen Durst, der sich nicht mit Wasser stillen lässt. Ich habe Angst davor, wieder diese Schmerzen erdulden zu müssen, als würde mein Körper in Flammen stehen. Ich möchte auch nicht wahllos in alles beißen... vor allen Dingen... was passiert, wenn ich aus Versehen dich oder jemand anderen aus dem Rudel beiße?“
Nicht auszudenken und allein bei dieser Vorstellung stellten sich ihr alle Haare entlang des Rückens auf, ein eiskalter Schauer kroch über ihren Leib. Nein, dass wollte sie sich nicht ausmalen, es war undenkbar.
„Was ist, wenn ich deswegen jemandem weh tue?“
28.09.2011, 19:07
Bereits am Tiefpunkt angekommen, konnte und wollte Daylight sich nicht tiefer sinken lassen. Dazu besaß sie zuviel Würde. Würde, die sie nur dank ihrem kleinen Fehlschlag hatte. Die Weiße gab es aussichtslos auf, sich quälende und schmerzende Gedanken darüber zu machen. Das, was anscheinend mit Aléya geschah, hatte eine viel höhere Wichtigkeit. Und sie konnte es sich nicht erklären. Das Lichterkind hatte sich schon immer recht vom dunklen Gott ferngehalten. Aus Sorge, aus Angst und aus Befürchtung. So war schlussendlich genau das eingetreten was die Weiße hatte verhindern wollen. Ratlosigkeit breitete sich auf den verblassenden Zügen aus. Was konnte sie schon tun? Oder sagen? Spekulationen waren genauso unnütz wie Theorien. Den folgenden Worten entgegnete sie, immer noch den Kopf gesenkt, mit leisem Vermuten.
"Du kannst dir nie sicher sein, was die Götter einfordern. Fenris kann alles von dir wollen oder auch überhaupt nichts. Wir wissen es nicht. Du bist hier im Tal der Sternenwinde, ihrem Herrschaftsbereich. Sie wachen über uns, so wie sie uns leiten. Sicher sein kannst du dir nie."
Sie hatte selbst am eigenen Leib erfahren, wie die Götter das Leben hier bestimmten. Es war nicht auszuschließen das Fenris seine eigenen Gründe hatte. Doch musste sie auch zugeben, dass dem unwahrscheinlich war. Das Nichts hätte einen viel engeren Bezug zu dieser merkwürdigen Eigenschaft. Doch auch damit konnte sich die zögerliche Fähe nicht viel erklären. Ihre Gedanken rasten, ihre Erinnerungen blitzten nacheinander auf. Vielleicht könnte sie ihnen etwas entnehmen. Während diesem hoch konzentrierten Prozess hob sie ihren Blick ein wenig, nur so sehr, bis sie den von Aléya sehen konnte. Der Hilfeschrei in ihren Augen ließ ihr Herz zusammenfahren.
"Wir haben nach wie vor keinerlei Information über das Nichts. Wenn wir wenigstens irgendetwas wüssten..."
Es saß sehr tief, zu wissen, in welcher Not die Jungfähe war. Doch Daylight konnte nicht helfen. Der Schauer der ihren zierlichen Leib ergriff, die ängstliche Frage. Es war nicht fair. Sie müsste mit irgendjemandem sprechen. Über Fenris, über das Nichts. Die Gefolgschaft des dunklen Gottes war zwar nicht gerade groß, aber es würde reichen. Irgendjemand würde etwas wissen.
Irgendjemand könnte Aléya helfen.
04.10.2011, 12:29
Die Ungewissheit und auch irgendwo die Unsicherheit brachen wie eine Welle über der Weißen herein. Die Machtlosigkeit umschwemmte ihre Gedanken und das Gefühl, vollkommen frei über sich selber zu bestimmen und nur dem eigenen Willen zu folgen, war auf einmal ganz weit weg. Sollte es die Götter tatsächlich geben, dann wusste niemand, wie sie handelten, warum sie es taten und für wen sie welche Pläne hatten. Wieder sträubte sich ihr Nackenpelz, diesmal vor lauter Unbehagen. Sturköpfig wie sie auch sein konnte, wollte sie nicht, dass irgend jemand, ob nun göttlich oder nicht, sich in ihr Leben einmischte. Zugleich musste die Weiße aber auch erkennen, dass sie darauf keinen Einfluss nehmen konnte. Eine Tatsache, die ihr mehr als missfiel.
„Ich will von keinem Gott geleitet oder bewacht werden! Was geht sie denn mein Leben an?!“ Trotzig hatte die Jungwölfin die Schnauze vor geschoben und die hellen Augen funkelten wütend.
„Schon gar nicht von einem Gott wie Fenris! Er... er ist ein Mörder!“
Die letzten Worte spie sie förmlich aus, voller Abscheu und noch mehr Wut darüber, dass es so ein Gott wagte, sich in ihre Angelegenheiten einzumischen. Daylights weitere Worte waren weder besänftigend, noch irgendwie hilfreich. Abfällig wandte Aléya den Kopf zur Seite und gab ein schnaufendes Grollen von sich.
„Dann fragen wir doch am besten Fenris. Der ist bestimmt auch dafür verantwortlich, dass unser schönes Tal sich – im wahrsten Sinne – in Nichts auflöste und dass so viele Mitglieder und andere Tiere gestorben sind.“
Gereizt peitschte die helle Rute durch die Luft, der Kiefer war fest aufeinander gepresst. Was sollte sie nur tun, damit das alles aufhörte? Die Gedanken rotierten in ihrem Kopf, wie ein Wirbel zogen sie alles erdenkliche mit sich.
„Ich will das nicht! Ich will, dass Fenris damit aufhört!“ Mit wenigen Sätzen fand sich die Jungwölfin direkt neben ihrer Patin wieder, drückte verzweifelt und einem Welpen gleich, die Schnauze in das weiche Fell. Ihre Wut wechselte sich wieder mit Verzweiflung ab, schlug alle paar Herzschläge wieder um. Ein leises Schluchzen ließ ihre Stimme ein wenig erstickt klingen. „Ich hasse ihn! Er soll verschwinden und mich in Ruhe lassen.“
06.12.2011, 18:29
Es brach dem Lichterkind das Herz, mitansehen zu müssen, wie Aléya voller Missmut ihrem Zorn über die Götter Luft machte. Sie wäre am liebsten auf die Weiße zugegangen, hätte versucht sie zu beruhigen. Aber Daylight wusste nur zu gut um die Sturheit der Jungfähe. Es war sinnlos, irgendetwas beschwichtigen zu wollen. Doch was konnte sie denn sonst noch tun? Sie war ja Selbst halb in ihren Gedanken gefangen, gab dem hilflosen Drang nach, irgendetwas zusammenzukratzen was sie als hilfreichen Ratschlag darbieten konnte. Daylight wollte, dass Aléya begriff, wie sinnlos es wäre sich über Fenris aufzuregen. Das Lichterkind wusste dies nur zu gut. Es hatte eine Weile gebraucht bis sie begriffen hatte, dass ein Gleichgewicht eben aus Gut und Böse besteht. Daran ist nichts falsch und auch nichts unnatürlich. Selbstverständlich machte dies das Leid nicht angenehmer. Doch erst als Aléya sich an sie drückte, voller Verzweiflung, strafften sich die Schultern der zierlichen Fähe und das Lichterkind beschloss, alles ihr Mögliche zutun, um der jungen Fähe zu helfen. Sie erhob ihren Kopf und atmete tief durch.
"Aléya, ich verstehe dich. Es wurde viel Leid wegen dem dunklen Gott verursacht. Aber das ändert nichts an deiner jetzigen Lage. Wenn es dir gut tut, dann fluche soviel du willst."
Mit fester Stimme versuchte sie, einen Weg zu finden, etwas Hilfreiches zu sagen, ohne die ohnehin schon sensiblen Empfindungen der Fähe zu verschlimmern. Aléya weiterhin zornig zu stimmen war so ziemlich das Letzte, was Daylight jetzt verursachen wollte. Vielmehr suchte sie einen starken Mittelweg mit dem sie beide klarkamen.
"Du bist ein Teil des Rudels. Ein Teil unserer Familie. Und egal wie mächtig die Götter sind, wir lassen nicht zu das einem von uns Leid widerfährt. Und vor allem dir nicht."
Ihr einziges Mittel war die Beruhigung, vielleicht würde dieses Gefühl der Sicherheit den Zorn in der jungen Wölfin ein wenig ersticken. Das Lichterkind stupste sie aufmunternd an. Immer noch positiv gesinnt, aber auch ernsthafter, fuhr sie fort.
"Ich werde mit Tyraleen, Averic und den anderen darüber sprechen, wenn du möchtest. Sie werden Rat wissen. Da bin ich mir sicher."
Daylight war so von ihren Worten überzeugt, dass man ihnen wirklich einen Funken Hoffnung entnehmen konnte. Sie wusste, sie war nicht in derselben Lage wie Aléya, und sie konnte es auch nicht nachvollziehen, aber sie wollte nur eines vermitteln: Die Jungwölfin sollte wissen, dass das Lichterkind sie nie im Stich lassen würde. Gott hin oder her.
14.01.2012, 20:32
Wutschnaubend funkelte die Weiße Daylight an, den Blick feste in ihren Augen verankert. Was wusste das Lichterkind schon davon?! Sie hatte niemals diese nagende Furcht fühlen müssen, den Verstand zu verlieren. Sie hatte niemals in irgendjemandem aus dem Rudel nicht nur einen potentiellen Feind, sondern fast schon Beute gesehen. Wie konnte sie es da wagen, mit solch einer beleidigenden Ruhe und Gelassenheit zu ihr zu sprechen?! Obwohl sich das unruhige Meer der Wut in der Weißen immer weiter auftürmte, so konnte sie es dennoch nicht über sich bringen und der Hellen die Zähne zeigen. Nein, sie konnte irgendwo in ihrem Herzen den Standpunkt, der so rein gar nichts mit ihr gemein hatte, nachvollziehen. Aber noch lange nicht für gut heißen. Leise grollend wandte Aléya den Blick ab, starrte mit zusammen gekniffenen Lefzen in den Wald, als stünde der Todesgott persönlich und sie könne ihn mit ihrem Blick verschwinden lassen. Auf die besänftigenden Worte konnte sie nichts sagen, sondern peitschte nur mit der Rute durch die Luft. Eigentlich wollte sie das Gerede nicht weiter hören. Es gab keine Garantie dafür, dass nicht doch irgendwann etwas schreckliches passieren würde. Niemand konnte ihr versprechen, dass alles gut werden würde. Keiner.
“Wenn du meinst,“ brummte sie widerwillig besänftigt. Es wäre sinnlos zu diskutieren. “Aber ich bin nicht sehr optimistisch.“