Tascurio
21.06.2011, 13:32

Ich betrete den Traum meiner Mutter, ganz vorsichtig und bedächtig. Sie weiß nicht, dass sie träumt. Ich glaube, man weiß so gut wie nie, dass ein Traum nicht real ist, bis man wieder aufwacht, aber sie könnte eine Ahnung haben, sich vielleicht gegen mich wehren. Die Welt ihres Traums stammt aus ihrem Unterbewusstsein, aus ihren Erinnerungen, aber ich weiß nicht, ob es Engaya ist, die ihn gerade in dieser Nacht für uns erschuf. Ich bin vier Wochen alt und habe mich davon geschlichen. Bis zum Eingang der Höhle, die wir noch nicht verlassen haben. Ich weiß, dass ich bereits gestorben bin und ich erinnere mich an mein Leben, aber es ist ganz weit weg, wie eine Erinnerung aus der Vergangenheit. Ich bin auch schon eine Weile tot, aber ich glaube, daran liegt es nicht. Denn meine Welpenzeit - um genau zu sein - dieser Tag, an dem ich eben erst vier Wochen alt bin, ist ganz nah in meinem Kopf. Ich fühle es und bin genau an diesem Zeitpunkt. Tot zu sein ist ungefähr so seltsam, wie in einem Traum eines anderen Wolfs zu sein. Der Tod war immerzu fester Bestandteil meines Lebens, viel mehr als das Leben selbst. Ich war vier Wochen alt und ich wusste bereits, dass ich sterben würde, ehe ich erwachsen bin.
Ein Rüde erzählte mir einst, dass er nicht an die Götter glaubte. Shakrú Minor war schon ein komischer Kauz, wie er so davon erzählte, nur an Materie zu glauben. Ihm gegenüber zu sitzen und ihn von solchen Ansichten sprechen zu hören, war für mich sehr merkwürdig. Ich fühlte mich als Spielzeug der Götter und ihre Existenz bestimmte mein Leben vollkommen. Ich konnte ihm nichts davon erzählen, aber ich belächelte ihn, für seine tapfere Glaubensverweigerung. Für mich waren die Götter realer als ich selbst es war. Sie waren einfach alles, also sagte ich zu Shakrú: ‚Wenn du nur an das glaubst, was du sehen kannst, dann glaubst du wohl auch nicht an Gedanken, Gefühle und Erinnerungen. Denn nichts von ihnen kann man beweisen, dennoch zweifelt niemand an ihrer Existenz.’ Oder Träume? Im Grunde ist es ganz einfach: Fenris und Engaya sind in jedem von uns. Sie beide. Und wir wenden uns einer Seite zu, ganz gleich, wie wichtig oder unwichtig wir im Fluss der Zeit sind. Ich denke ich war jemand mit einer Fenrisseele und Engaya im Herzen. Zumindest als Welpe, denn ich träumte so oft ein Geschehnis aus der Zukunft. Ich war erst vier Wochen alt und hatte im Traum bereits das Blut meines Vaters geschmeckt und war im Fang meiner Mutter gestorben. Ich hatte Angst vor mir selbst und mied meinen Vater, aber ich fürchtete mich am meisten vor Tyraleen.
Nun in ihrem Traum, ist das alles anders. Ich kann zwar mein Gefühl von damals spüren, das Unbehagen über die schrecklichen Dinge, die ich träumte, aber ich weiß schon, dass es vorbei ist. Meine Mama macht mir keine Angst mehr, obwohl sie mich wirklich getötet hat. Ich habe das so entschieden und fühle mich schuldig, weil ich sie damit zur Mörderin machte. Und jetzt bin ich hier, um es langsam und unscheinbar wieder gut zu machen. Ich war noch nie in einem fremden Traum und danke Engaya für dieses Geschenk. Sie versucht, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Fenris will es immerzu zerstören, aber sie hält tapfer dagegen. Natürlich spielen auch die Götter nur ihre Rolle im Gefüge der Welt. Es würde nicht funktionieren, ohne Fenris und das Chaos, dass er immer verbreitet. Dass ist seine Art, das Gleichgewicht zu halten, damit nicht alles geordnet werden kann.
Ganz ungeschickt und tollpatschig laufe ich auf meine Mama zu. Zeit, ihren Traum ein wenig zu formen und sie vergessen zu lassen, dass ich tot bin. Wir, sie und ich, brauchen gemeinsame Erinnerungen, vor denen ich sie eigentlich hatte schützen wollen. Ich dachte, dadurch würde es leichter. Ich war nur ein Welpe, ich wusste mir nicht zu helfen, es schien mir am einfachsten, wenn mich niemand wirklich kennt.
Vom Höhleneingang komme ich her, ich kleiner Ausreißer und zum ersten Mal, seit ich hier bin, sehe ich sie und meine Geschwister. Erst bin ich kurz irritiert, ehe ich begreife, dass ich alles hier durch ihre Augen sehe. Es fühlt sich komisch an. Wenn ich Chardím, Atalya, Amur, Avendal, Caylee und Turién so ansehe. Als würde ich sie mit den Augen einer – meiner – Mutter betrachten. Chanuka ist nicht da. Er gehört ganz fest zu Banshee, obwohl die Geschichte sich ändern ließe. Hier im Traum ist alles möglich. Aber ich verstehe schon. Chanuka lebt, er ist nicht für immer für sie verloren. Er braucht keinen Traum, um seiner Mutter nah zu sein.
Schnell habe ich mich wieder gefangen:

„Mama! Mama! Ich hab den Himmel gesehen! Was ist dort oben?“

Die Zeit hat mir diese Frage beantwortet, die ich nie an sie richtete. Das Himmelsland gehört allein den Geflügelten. Als Welpe hätte ich gerne die Antworten der Erwachsenen gehört, aber ich wollte unsichtbar sein. Ich musste. Mit vier Wochen war mir der Zusammenhang zwischen meinen beiden Albträumen nicht klar. Alles machte mir Angst und ich fühlte mich in mir selbst gefangen. Später wusste ich, dass sie mich töten muss, damit ich nicht ihn töte. Meinen eigenen Vater.
Ich drücke mich in ihren Pelz, so wie es immer hatte sein sollen. Ich weiß, dass Engaya nicht nur meiner Mutter helfen will, sie gibt auch mir noch eine letzte Chance. Ich darf noch einmal leben, obwohl ich tot bin. In den Träumen und Erinnerungen meiner Mama.

Tyraleen
21.06.2011, 21:46

Ich weiß nicht, dass ich träume, auch wenn ich mich in einer Zeit bewege, die schon längst vergangen ist. Mein Kopf fragt nicht nach dem Warum, er nimmt nur wahr und lässt mich fühlen, was nicht passiert. Ich liege in einer Welpenhöhle, dass es diejenige ist, in denen ich meine Kinder zur Welt gebracht habe, kann ich mit keinem Sinn wahrnehmen und doch weiß ich es. Dicht an mich gekuschelt liegen sechs kleine Leiber, meine eigenen Welpen. Auch dass sie noch so jung sind, stelle ich nicht infrage. Sie schlafen, Turiéns kleines Gesicht ist zerknautscht und wird von Amúr, die sich im Schlaf auf ihn geschoben hat, noch mehr zusammengedrückt. Atalya strampelt ganz leicht mit den Läufen und Caylee hat das Ohr ihres Bruders Chardím im Mäulchen. Quer unter den drei liegt Avendal und auch sie scheint im Schlaf nicht von ihren Geschwistern gestört zu werden. Fast wirken sie wie ein einzelner, großer Wolf und der Traum lässt ihre Fellfarben verschwimmen. Chanuka fehlt, sein Platz ist leer und auch hier lässt der Traum eine große Lücke klaffen. Für mich gehört er längst dazu, als hätte er in der Höhle mit seinen Geschwistern gelegen. Tascurio ist der einzige, der nicht schläft – er kommt vom Höhleneingang auf mich zu und obwohl ich seine Lebendigkeit nicht anzweifle, gibt mir sein Anblick einen Stich. Im Traum lebt Tascurio und es ist selbstverständlich, so bin ich weder überdurchschnittlich glücklich ihn zu sehen, noch traurig. Nur mein Herz, das nicht im Traum schlägt, pulsiert nun schneller in meiner Brust.

“Dort oben sind Wolken und die Sonne und in der Nacht sind dort die Sterne, der Mond und die Sternenwinde. Und irgendwo dahinter, so nah und so weit weg, dass niemand es erklären kann, leben Engaya und Fenris in den ewigen Hallen.“

Dort sind auch die Toten, aber das will ich nicht sagen. Welpen, die nicht einmal die Höhle verlassen hatten, wussten noch nichts vom Tod und nun möchte ich über schönere Dinge reden. Ich schiebe Tascurio mit der Schnauze sanft ein wenig näher zu mir und wundere mich nicht, dass mein Sohn mir dennoch nicht näher kommt. Auch das lässt der Traum selbstverständlich sein.

Tascurio
21.06.2011, 23:04

Ich hebe den Kopf und strahle meine Mutter an. Ich tue es, weil ich sie liebe und weil ich hier keinen Grund habe, dieses Gefühl zu verbergen. Die Angst hat keinerlei Bedeutung, auch wenn ich ihre Anwesenheit spüren kann. Sie stört mich nicht, sie gehörte in diesen Lebensabschnitt, aber nicht in den Traum. Denn dieser soll nur schön und warm sein. Vielleicht, weil wir beide uns das wünschen. Mama und ich.
Als ihr Blick auf mich fällt, fühle ich es, auf seltsame Art. Ich bin in ihrer Erinnerung, in ihrem Herzen, nur so kann ich existieren und es fühlt sich so liebevoll an. Mir gefällt diese Art meiner neuen Existenz. Es ist, als hätte mich meine Mutter ein weiteres Mal geboren und in eine neue Welt entlassen.

„Sternenwinde?“

Frage ich voller Neugierde. Ich habe sie bereits gesehen, aber ich brenne darauf, sie mit ihr zusammen anzuschauen. Ich erinnere mich, wie ich sie mir ansah, abseits, allein. Ich wollte es mir nicht eingestehen, aber nichts habe ich mir mehr gewünscht, als neben meinen Eltern zu sitzen und sie mit ihnen zu betrachten.
Mich überrascht, dass ich, obwohl ich nun tot bin, noch etwas über mich lernen kann. Dass mir nicht alles klar ist, was ich in meinem Leben gedacht und gefühlt habe. Ich hoffe, irgendwann wird meine Mama von der Nacht träumen und ich frage mich, ob sie sich wundern würde, wenn es nun soweit wäre. Es ist ein Traum. In meinem Leben hatte ich nur sehr wenige Träume, die nichts mit dem Tod meines Vaters oder meinem eigenen zu tun hatten. Selbst wenn ich nicht davon träumte, träumte ich doch nur, wie sehr es mich beschäftigte und dass mein Geheimnis entlarvt wurde. Manchmal wollte ich nicht mehr schlafen, aber ganz selten war das Glück da und ich durfte Träume erleben, in denen ich frei von allen Sorgen war. Sie waren viel unrealer, viel verworrener und geschahen nicht so, wie die Dinge in der Wirklichkeit geschehen. Ich konnte das erst erfassen, als ich wieder aufgewacht war und stundenlang hatte ich mich damit beschäftigt, was in meinen Träumen geschehen war. Es faszinierte mich.

„Meinst du die Sonne ist einsam, weil sie den Mond und die Sterne nie treffen kann?“

Ich erinnere mich an die Frage und wie ich sie mir einst stellte. Sie blieb unbeantwortet in mir, bis ich die Sonne und den Mond nicht mehr als Persönlichkeiten ansah. Hier in diesem Traum fühlt sich diese Erkenntnis unpassend an.

„Erzählst du mir noch mal etwas über Engaya und Fenris?“

Tyraleen
14.07.2011, 22:13

Der Blick Tascurios zu mir hoch würde mich nur im wachen Zustand an den Blick erinnern, den er mir in dem Moment zugeworfen hatte, als er in meinen Fängen starb. Hier, in diesem Traum, liegen in seinen Augen nur Liebe, Neugierde und Fröhlichkeit und ich erfreue mich an ihrem Anblick, als gäbe es nichts Schöneres. Es gibt nichts Schöneres. Seine Nachfrage löst ein Lächeln auf meinen Lefzen aus und für einen kurzen Moment sehe ich mich selbst und meinen Sohn uns ansehend. Es ist ein schönes Bild und ich wundere mich nicht, warum ich es sehen kann.

“Ja, Sternenwinde. Du kennst ja bereits die Sterne – kleine Lichtpunkte am Nachthimmel, aus dem strahlenden Blick Engayas gemacht. Diese Sterne haben Brüder, die Sternenwinde. Sie leuchten ebenso, aber sie ziehen wie ein sichtbarer Windhauch über den Nachthimmel und verglimmen dann in der Dunkelheit. Mit ihnen grüßt uns Engaya. So wie ich deine Stirn berühre oder über deinen Kopf lecke, wenn ich „Hallo“ zu dir sage, schickt Engaya ihre Sternenwinde. Wenn du einen Sternenwind siehst, weißt du, dass Engaya auf dich herabblickt.“

In diesem Moment spüre ich eine Traurigkeit über mich kommen, die nicht in diesen Traum passt. Vielleicht, weil ich die Sternenwinde so liebe und sich aus meinem Unterbewusstsein die Information in den Traum geschlichen hat, dass ich sie niemals mit Tascurio zusammen ansehen können werde. Die Fragen meines Sohnes lenken mich ab, aber die Traurigkeit bleibt wie ein diffuses Gefühl.

“Nein, sie ist nicht einsam. Denn sie ist nur der andere Teil des Funkelns aus Engayas Blick. In Engaya sind Sonne, Mond, Sterne und Sternenwinde vereint, auch wenn sie alleine am Himmel stehen.“

Ich möchte der Sonne nicht absprechen, Gefühle wie Einsamkeit verspüren zu können. Wie viele Lebewesen habe ich in meinem kurzen Leben schon unterschätzt, ihnen Falsches zugetraut oder Anderes abgesprochen? In meinem Traum bin ich nicht mehr die verurteilende Tyraleen von einst. Auch Tascurio ist für mich kein Außenseiter und kein Sohn, der sich von seiner Familie fernhält. Er ist mein Sohn und er braucht mich.

“Was möchtest du denn erzählt bekommen? Die Legende der Götter kennst du ja schon gut. Aber weißt du, wie sie zu den Namen Engaya und Fenris gekommen sind?“

Tascurio
27.09.2011, 14:42

Ich sehe zu meiner Mutter nach oben und hänge mit aufgerissenen Augen an ihren Lefzen und jedem einzelnen Wort ihrer Erzählung. Sie kann gut erzählen, aber wahrscheinlich können das alle Mütter. Beinahe ist es, als könnte ich mich selbst vergessen und mich der Welpenseele in die Pfoten legen.

"Und Fenris? Blickt er auch auf uns herab und berührt uns auf seine Art?"

Frage ich neugierig. Ich mag noch mehr erzählt bekommen, dass ich im Leben nie hören konnte. Dabei sollte ich mehr auf meine Worte achten. Wie kann denn ein Welpe wissen, was Einsamkeit ist, wenn er sie nie gefühlt hat? Und der Welpe, der ich bin, hat sie nicht gefühlt. Die Traumfarben haben sich ein bisschen verändert, so als hätte mein unvorsichtiges vorgehen einen Hauch Wirklichkeit in dieses Niemandsland gebracht. Vielleicht kann ich sie wieder verbannen? Ich will vorsichtiger sein.

"Hat sich jemand die Namen ausgedacht?"

Will ich wissen. Ich halte mich zurück, nach Banshee oder Acollon zu fragen, denn hier im Traum sind die beiden noch am Leben. Ich würde außerdem gerne wissen, wo ich herkomme, denn seit ich körperlos bin, scheinen Raum und Zeit nicht mehr zu existieren. Engaya schickte mich und ich habe das Gefühl, Bruchstücke aus dem Leben meiner Mutter nach ihrem Tod zu kennen, aber wo war ich? Wo war mein Ich?
Noch will ich Tyraleen nicht unterbrechen, mir von den Göttern zu erzählen. Ich will die so bekannten Geschichten aus ihrem Fang, mit ihren Worten hören. Zum ersten Mal sind die Legenden der Götter nur für mich neu formuliert und verfügen über ihren eigenen, heilsamen Zauber. Doch wen retten sie? Mich, der ich schon tot bin, oder sie? Kann ich sie retten?

Tyraleen
13.11.2011, 10:39

Es ist so normal und selbstverständlich, dass ich mit meinem Sohn über die Götter spreche, dass die immer wieder aufkommende Freude über diesen Moment nicht ganz in die Situation passen will. Aber ich störe mich nicht daran, im Gegenteil, ich freue mich, dass ich sie so genießen kann.

“Nein, Engaya ist für die Lebenden da. Fenris für die Toten. Wenn wir einmal sterben, dann wird er bei uns sein.“

Plötzlich wird mir eiskalt und schwere, ununterdrückbare Trauer schnürt mir die Kehle zu. Sie passt nicht in den Traum und sie lässt mich im Schlaf winseln. Gleichzeitig werden die Farben weniger strahlend, weniger schön und für einen kurzen Moment fürchte ich, in einen Albtraum abzugleiten. Tascurio scheint mir ferner, dabei müsste er doch zwischen meinen Läufen sitzen und plötzlich wirkt er nicht mehr wie ein Welpe. Ich senke den Kopf und blicke auf den dunklen Erdboden der Höhle, bis die Stimme meines Sohnes wieder hell und unschuldig wie zuvor erklingt und nach den Göttern fragt. Als ich wieder aufsehe ist alles wie zuvor, aber die Traurigkeit hat sich über mich gelegt.

“Im Prinzip ja, aber anders, als du wohl denkst. Engaya und Fenris waren einmal Wölfe wie du und ich. Ihre Eltern haben ihnen diese Namen gegeben und dank ihrer Taten wurden ihre Namen zu denen der Götter.“

Nun wirkt alles wieder normal, als hätte der kurze Moment des Schreckens nicht in diesen Traum gehört. Ich fahre meinem Sohn mit der Zunge über den weißen Pelz und wundere mich nicht, dass er seltsam kalt ist.

Tascurio
17.12.2011, 14:08

Ich bemerke eine Veränderung in der Traumwelt und es fällt mir nicht schwer, die Verbindung zu dieser herzustellen. Die Worte meiner Mutter machen mich glücklich, obwohl ich Fenris Spielzeug war, so wie sie. Dennoch finde ich es schön, das Fenris für die gestorbenen Wölfe da ist. Leider kann ich meiner Mama nicht so ohne weiteres sagen, das auch Engaya da ist. Mag sein das sie sich mehr um Tyraleen als um mich kümmert, aber sie hat mich schließlich in diesen Traum geschickt. Fenris hat es geduldet.
Meine nächsten Worte scheinen den Traum vor seinem Zerbrechen zu bewahren. Die kalten Farben verschwinden wieder. Ich sollte vorsichtiger sein, dabei weiß ich doch gar nicht, worauf ich achten muss. Während meiner Lebzeit war es mir einfach nicht möglich zu lernen, wie man ein Gespräch in die richtigen Bahnen lenkt, dazu habe ich zu wenig Unterhaltungen geführt. Eigentlich habe ich auch nie gelernt, mit anderen Wölfen umzugehen.

„Welche Taten haben sie denn zu Göttern gemacht?“

Ich will alles ganz genau wissen, denn dieses Mal sind die Geschichten nur für mich da. Manchmal habe ich das Gefühl, in meinem Leben gab es nur wenige Augenblicke, die es überhaupt Wert waren, sie zu erinnern. Und selbst in diesen Momenten war ich einsam. Wie merkwürdig, dass ich nach meinem Tod Erinnerungen sammeln kann, die gänzlich gegensätzlich sind. Es ist, als würde ich noch einmal von Neuem anfangen.

„Wie wird man überhaupt ein Gott? Kann jeder ein Gott werden?“

Ob Mama die Legenden der Götter überhaupt mag? Oder ist sie nach dem sie meine Geschwister – und mich – großgezogen hat des Erzählens längst müde? Weiß jeder Wolf im Rudel gleichermaßen von Engaya und Fenris? Über das Rudel möchte ich Mama lieber nicht ausfragen, es hat sich zu sehr verändert, seit ich gestorben bin.

„Sprichst du gern von den Göttern?“

Frage ich schließlich doch. Ich hoffe meine Fragen halten Mama im Traum und ich wünsche mir, dass ich ihr nicht wehtue. Ich will bei ihr sein, ohne Angst vor der Zukunft zu haben. Ob mir das eines Tages gelingen wird? Wenn nicht im Leben, dann wenigstens im Tod?

Tyraleen
07.09.2012, 11:05

Die Traurigkeit von eben ist nun wieder ganz verschwunden. Ich fühle mich leicht und das sich entwickelnde Gespräch mit meinem Sohn beflügelt mich. Mir ist es in diesem Moment nicht bewusst, aber schon jetzt empfinde ich jede Sekunde dieses Traums als Geschenk, war mir doch ein Gespräch wie dieses mit Tascurio Zeit seines Lebens nicht vergönnt. Die Dankbarkeit lässt die Umgebung wärmer werden und die schlafenden Geschwister meines Sohnes wirken wie ein einziger Wolf aus Glück. Auch Chanuka ist nun unter ihnen und ich wundere mich nicht darüber. Tascurio selbst wirkt wieder kindlicher und mit großen, liebevollen Augen sieht er zu mir hoch. Wieder spüre ich einen Stich in meinem realen Herz, aber im Traum senke ich meinen Kopf und fahre ihm mit der Zunge über die Stirn.

“Vor langer Zeit haben die Wölfe vergessen, für was die Göttin des Lebens und der Gott des Todes stehen. Sie haben unsere Lehren verdreht und viele sind dem Wahnsinn verfallen. Sie wollten durch Engaya ewiges Leben erreichen und gründeten in Fenris‘ Namen einen Totenkult. Viele Wölfe und viele andere Lebewesen starben daran und die Natur um sie herum verdorrte. Doch Engaya und Fenris zeigten den Wölfen, dass sie auf einem falschen Weg waren und sich und ihren Lebensraum zerstörten. Sie riefen ihnen die alten Legenden wieder in Erinnerung und retteten so ihr Land und ihre Spezies.“

Ich weiß, dass ich nun viele komplizierte Worte gebraucht habe, aber im Traum zweifle ich nicht daran, dass Tascurio sie verstehen kann. Ich stelle nicht in Frage, dass er schon so viele Fragen stellt und sich über so vieles Gedanken macht. Er ist ein Welpe und doch schon sehr viel weiter und es ist richtig so.

“Mh, ich bin mir nicht sicher, mein kleiner Schatz. Ich glaube, man muss von den Göttern auserwählt werden. Sie wählen einen Sohn und eine Tochter und diese werden am Ende ihres Lebens zu Göttern. Und wenn sie tot sind, wählen Fenris und Engaya neue Söhne und Töchter – ich glaube, jeder hat die Chance dazu, erwählt zu werden.“

Tascurio stellt Fragen, wie sie mir sonst nie von Welpen gestellt werden. Es sind Fragen, über die ich mir selbst Gedanken mache und auf die ich noch keine abschließende Antwort gefunden habe. Dieser Traum dreht sich nicht nur um meinen Sohn, längst geht er auch um mich, wenn er das nicht sowieso schon immer getan hat, träume doch ich ihn.

“Ja, ich erzähle sehr gerne von ihnen. Ich fühle mich Engaya dann sehr nahe und spüre auch Banshee an meiner Seite. Wenn ich von den Göttern spreche, dann erinnere ich mich an deine Großmutter und jedes Wort lässt sie lebendiger werden.“

Mir ist nicht bewusst, dass zur der Zeit, da mein Traum spielt, meine Mutter noch lebt. Ihr Tod ist für mich zu einer unerschütterlichen Tatsache geworden, habe ich doch lange genug gebraucht, um ihn zu akzeptieren. Gäbe es eine Erinnerung in mir, die Banshee, Tascurio als Welpe und mich gemeinsam zeigt, so wäre mir vielleicht klar, dass meine Sohn seine Großmutter kennengelernt hat, aber dieser Traum scheint wie die einzige innige Situation, die ich gemeinsam mit Tascurio erlebe.