Tyraleen
12.01.2010, 19:52

Der Sommer war im Sturm hinweggefegt worden, als die Leitwölfin und ihr Gefährte sich im Hain von ihrer Familie verabschiedet hatten. Die ganze Nacht hindurch hatten die Hinterbliebenen Totenwache gehalten, selbst die Welpen hatten mühsam versucht die Augen offenzuhalten. Als der Morgen dämmerte und es langsam hell wurde, fiel durch die dichte Wolkendecke ein einziger Lichtstrahl - der erste seit vielen langen Monaten - in das Tal der Sternenwinde und beschien zwei kleine Pflanzen. Die Körper der toten Leitwölfe waren verschwunden. Erst lange nach Sonnenaufgang war die trauernde Familie zum Rudel zurückgekehrt, und Tyraleen hatte dem Rudel den Tod ihrer Mutter und deren Gefährten verkündet. Bleiern hatte die Trauer noch über dem Rudel gehangen.
Aber es sollte nicht mehr viel Zeit zum Trauern bleiben. Das Nichts verbreitete sich immer schneller, und trieb die Wölfe zusehends in die Enge. Nyota hatte sich in letzter Zeit häufiger mit Tyraleen zurückgezogen, und war nun auf der Suche nach einem Weg aus dem Tal hinaus - dass sie nicht bleiben konnten stand fest, denn sonst würde sie das Nichts alle in sich verschlingen. Ausserdem wurde auch die schwarze Alpha nicht jünger, und dem Rudel war klar dass es bald eine neue Führung geben würde. Mit Nyota und Tyraleen zogen Aszrem, Neruí, Kylia und Turién aus um einen möglichen Fluchtweg in die Berge zu finden. Das langsamere Rudel flieht ihnen nach (!!!).
Es ist Mittag, die dichte Wolkendecke lässt zwar ein wenig Licht hindurch, reißt aber nicht auf. Es ist kühl. Seit Banshees Tod sind ein einhalb Monate vergangen, Ayrenia, Miara, Shila, Shania Adsini, Majibah und Cassio sind in das Rudel aufgenommen worden.


Die Schwarze schritt langsam voran, den Blick hinter sich auf den Welpen, die sie begleiteten. Nachdem Nerúi mit kommen durfte, war klar dass sie Turién nicht abschütteln können würden, und so hatten sie ihre kleine Truppe um ihn erweitert.
Die Welpen waren zu äußerster Vorsicht angewiesen worden, schließlich gab es inzwischen hinter jedem Strauch und Baum ein Nichtsvorkommen, das stetig wuchs. Mit ihrer Freundin Kylia, ihrem Gefährten Aszrem, mit Tyraleen, für die sie sich nun verantwortlich fühlte, und den zwei Welpen hatte sie sich auf den Weg gemacht um einen Ausweg aus dem Tal zu finden - fast überall wurde ihnen der Weg bereits von Flächen des wabernden Nichts abgeschnitten, und sie mussten aus dem Tal entkommen, wenn sie nicht alle dort ins Nichts stürzen wollten. Der Weg durch die Berge war zu gefährlich, denn im ewigen Schnee würde man das Nichts erst bemerken wenn man hereinlief. Die Reviergrenzen hatten sie nun bereits hinter sich gelassen, und Nyota glaubte sich nur schwach zu erinnern wo sie war - als sie zurückgekommen war, hatte sie einen etwas anderen Weg genommen, der inzwischen nicht mehr begehbar war.
Die Schwarze wand sich wieder um, den Weg durfte man nicht aus den Augen lassen. Ihr Blick striff dabei Tyraleen, und einen Moment lang glaubte sie statt ihrer Banshee an ihrer Seite zu haben.
Aber die Erkenntnis musste sich nicht die Mühe machen sie zu erschrecken, sie wusste es doch. Aber dennoch war da soviel Gemeinsamkeit, so viel Erinnerung. Ob es Banshees Geruch in Tyraleens Fell war, oder ihr Glanz in ihren Augen - Nyota erkannte ihre Schwester in der jungen Fähe wieder, und hatte in den letzten Tagen versucht ihr alles Wissen weiterzugeben dass ihr helfen konnte, auf ihrem Weg zur Leitwölfin - dass jemand anders als Tyraleen den Platz ihrer Mutter einnehmen könnte, wäre ihr nie in den Sinn gekommen. Natürlich fehlte dann noch jemand für sie, denn Jakash war noch zu jung - aber das würde sich finden wenn es soweit war. Mit einem Blick zur Seite wand sie sich an ihre Begleiter.

"Ich glaube dort hinten müssten wir an einem Wald vorbeikommen, und noch dahinter sollte ein Weg aus dem Tal führen. Hoffen wir, dass es ihn noch gibt"

Denn wäre es nicht so, dann wären sie ziemlich aufgeschmissen, und hatten sich einen anderen Weg zu suchen - denn das Gebirge war ausgeschlossen, vorallem für die Welpen war das zu gefährlich. Es musste einen Weg geben, aber Nyota war sich nicht sicher mit ihrer Hoffnung, ihn hier zu finden. Das Nichts konnte sie genausogut in Schlangenlinien durch das ganze Tal führen, ohne dass sie einen Weg fanden. Ihnen blieb nur weiterzusuchen und auf Engaya zu vertrauen, deren Präsenz sie seit Banshees Tod viel deutlicher zu spüren glaubte als je zuvor.



Faith ging erhobenen Hauptes voran, immer am See entlang. Ihr sonst weißes, glänzendes Fell hing nur noch in Fetzten an ihrem abgemagerten Körper. Bei jedem ihrer mühsamen Schritte zeichnete sich jede ihrer Rippen an ihrer Haut ab. Doch selbst unter diesen Umständen lief die kleine Fähe erhobenen Hauptes. Sie war schrecklich müde, wollte am liebsten einfach in sich zusammensacken und ein Jahr verschlafen. Doch sie ließ das nicht zu. Immer lief sie weiter. "Engaya gib mir Kraft. Die Kraft weiterzulaufen." , flehte sie zum bewölkten Himmel. Als ein schmaler Streifen Lichts kurz den Himmel durchbrach und den See zu ihrer linken wie schimmernde Diamanten strahlen ließ, fasste sie erneuten Mut. Sie hob den Kopf noch ein Stück an und beschleunigte ihren Gang, zwang ihre Beine dazu sich schneller zu bewegen. Talixia, Faith`s Mutter war immer stolz auf ihre Tochter gewesen wenn sie ihren Willen durchsetzte. Beim Gedanken an ihre Mutter zuckte Faith kurz zusammen und ihr Blick schwif hoch zum Himmel. Sie hatte ihre Mutter an den wiederwärtigen Rüden Sarapen verloren. Das war lange her. Seit dem war Faith auf der Flucht. Ihre Schwester Kalix hatte ihr aufgetragen nie aufzuhören zu Laufen, bis sie eine neue Familie fand. Das nahm Faith äußerst ernst. Auf ihrer beschwerlichen Reise hatte sie sich von Aß und wenigen Vogeleiern ernährt. Das hieß wenn sie so etwas überhaupt gefunden hatte, was alle drei Tage vorkam. Den Rest der Zeit verbrachte Faith mit Laufen. Außerdem hatte sie während ihrem langen Marsch immer wieder seltsame Felder gefunden. Es war als würde sich ein gigantisches Nichts vor ihr auftun. Sie war dann immer noch schneller gelaufen, bloß weg von dieser Leere. Doch die Brise die der jungen Fähe nun durch die Nase wehte sollte all das beenden. Klar und deutlich vernahm sie den süßen Geruch einer Fähe. Und tatsächlich! Nur wenige Meter vor ihr stand sie am Seeufer und weinte. Doch plötzlich fröstelte Faith, nicht wegen dem kühlen Wind der ihr Fell durchfuhr, diesen blendete sie schon seit geraumer Zeit aus, nein. Angst durchzog ihre Knochen. Was wenn diese Fähe sie angreifen würde? Faith wollte nicht sterben, nicht jetzt. Sie war einen zu weiten Weg gegeangen um jetzt aufzugeben. Doch sie konnte auch nicht einfach auf die Wölfin zulaufen. Und so legte sie sich flach in das wenige Gras, das auch ihren noch so schmächtigen Körper kaum verbergen würde, doch Faith setzte alles darauf das die Fähe sie geblendet von ihrem offensichtlichem Kummer nicht entdecken und gehen würde. Faith hatte vor ihr dann so leise wie möglich zu folgenund zu beobachten, bis sie wusste ob diese Fähe gut oder schlecht war. Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn als Faith versuchte leise zurückzukriechen gab ihr rechter Hinterlauf vor Schwäche nach und sie sackte lautstark zur Seite. Sie legte die Pfoten schützend über den Kopf und erwartete das schlimmste...


Es war recht kühl geworden, doch mit der Zeit hatte man sich an dieses Wetter gewöhnt. Und so auch Turién. Die Wolkendecke am Himmel war ein gewohntes Bild, nichts besonderes mehr, sondern monotone Realität. Doch heute war etwas anderes - seine Läufe trugen den Silberpelz neben Mama Nyota und Mama Tyraleen, Papa Aszrem, der Patin von Nerúi Kylia und Nerúi selbst. Sie alle folgten Nyota, die das Tempo vorgab und Turién, der sich nicht hatte abschütteln lassen, versuchte eifrig Schritt zu halten. Sie waren immerhin schon seit dem frühen Morgen unterwegs, hatten das Rudel hinter sich gelassen. Seine Augen huschten aufmerksam den Weg entlang, beäugten argwöhnisch jeden Flecken Nichts, das ihnen am Wegesrand eine Falle zu stellen versuchte. Er war froh, dass sie ihn mitgenommen hatte, und so versuchte er sich auch strikt an die Regeln zu halten, die man ihm auferlegt hatte: Vorsichtig sein! Und auf das Nichts achten! Ab und an wurden die Pfoten von Turién ganz schwer und er wurde langsamer… so lange war er noch nie gelaufen, glaubte er. Er wusste auch überhaupt nicht mehr wo er war, hatte diese Gegend noch nie gesehen. Sie mussten unglaublich weit weg sein. Und doch war es das wert. Auch wenn seine Pfoten schmerzten … sie versuchten einen Weg zu finden, der das Rudel retten würde! Das war so ein paar schmerzende Pfotenballen doch wert. Und wenn sie zurückkamen, würden alle ganz stolz auf sie sein, weil sie den Weg hinaus aus dem Nichts gefunden hatten. Es war immer dichter geworden, so dicht, dass man ständig Angst haben musste von ihm verschluckt zu werden. Und mittlerweile hatten eigentlich alle Welpen bemerkt, dass man es nicht durch Drohgebärden bezwingen konnte. Es reagierte einfach nicht, außer, dass es immer näher kam und bedrohlicher wurde.
Sein gelber Sonnenblick glitt zu Nerúi die ein kleines Stückchen vor ihm lief, und sich aufraffend machte er zwei kräftige Sätze, um neben ihr herlaufen zu können. Dann erklang Mama Nyotas Stimme in der Stille, die sie umfangen hatte. Hatte er sich das nur eingebildet, oder war das Vogelgezwitscher, dass es sonst immer gegeben hatte, durch das Nichts weniger geworden? Das Nichts brachte Stille und nichts Gutes.

„Ganz bestimmt!“

Ein naives, kleines Lächeln erschien auf den Lefzen des jungen Rüden, um Nyota zu bestärken. Bestärkung konnten sie alle im Moment sehr gut gebrauchen. Die Hoffnung war das was zählte.



Chanuka lief durch das Gras und ließ den Blick über das Rudel schweifen. Seit Banshee verstorben war, hatte er kein Wort mit niemandem mehr gesprochen und sich, so gut er konnte, zurückgezogen. Das Nichts war allgegenwärtig, so dass er nicht allzu weit gehen konnte. Sein Federbaum war verschluckt und mit ihm der letzte Ort der Zuflucht. Und nun waren sie auf der Flucht. Hin und wieder spürte er den Blick eines Erwachsenen auf sich, hielt sich aber dennoch so gut wie es möglich war am Rande der Gruppe. Er störte sich nicht an der Einsamkeit und genoss die klarer werdende Luft sogar ein wenig, obwohl er innerlich aufgewühlt war. Seine Sinne waren geschärft, Gefahr drohte, in jeder Sekunde. Davon abgesehen, wirkte alles um ihn herum ziemlich dumpf und dadurch irgendwie fast friedlich.
Bislang hatte er nicht versucht, mit seiner Mama zu sprechen, einfach aus dem Grund, weil er keine Lust hatte, seine Stimme anzustrengen. Er wollte schweigen und abwarten, bis er sich besser fühlte. Bislang konnte er sich nicht vorstellen, dass es je aufhörte, weh zu tun. Egal wohin seine Gedanken wanderten, irgendwann kamen sie dahin zurück, wo alles aufhörte Sinn zu machen. Es ging weiter, er wusste es, aber er wollte nicht darüber nachdenken, wie es weiter gehen würde. Alle waren beschäftigt und ängstlich und traurig. Es war schön, für eine Weile vergessen zu werden. Er wusste gar nicht, wie er sich verhalten sollte.
Woher wusste man, dass die Blätter, die zur Erde fallen, irgendwann ein Teil von dieser wurden? Und warum musste man wissen, dass man irgendwann den gleichen Weg zu gehen hatte? Für was dieses Leben in einer kalten Welt, wenn der Ort, an den Banshee gegangen war, frei von Angst und Trauer war? Wieso eigentlich leben? Wieso? Und für was? Wofür lebte er? Warum überhaupt? Vielleicht, damit niemand traurig war. Hatte sich schon jemals ein anderer Wolf diese Fragen gestellt? War sein Schmerz der gleiche wie der, der in der Brust der anderen schlug? Fühlten sie sich schlechter, oder besser?
Wäre nicht Banshee seine Mama gewesen, hätte er die gleiche Trauer für jede Wölfin empfunden? War der Tod nicht immer traurig? Wieso empfand er ihn dann für jeden Wolf anders? Wieso hatte er für Kaede nicht den gleichen Schmerz empfunden? Wieso mehr für ihre Tochter, als für die anderen Wölfe? Ständig musste jemand sterben und immer blieb auch jemand zurück. Und was wenn nicht? Wenn ein Wolf zu den Sternen ging und niemand traurig war? Dass war doch noch viel trauriger als alles andere auf der ganzen Welt, oder? Aber war es wirklich trauriger als der Verlust seiner Mama?
Verwirrt schüttelte Chanuka den Kopf und verbot sich, weiter über solche Dinge nachzugrübeln. Nach wie vor setzte er vorsichtig eine Pfote vor die Andere, darauf bedacht, den immer gleichen Abstand zum Rudel beizubehalten.



Isis hatte sich wirklich stark verändert und war nun völlig ausgewachsen. Ihre Gesicht war noch feiner geworden, der Blick noch freundlicher, die Läufe noch schlanker. Und, obwohl sie sich bewusst war, dass sie das Interesse einiger Rüden weckte, konnte sie sich kaum für Einen erwärmen, außer für Katsumi. Mit ihm hatte sie die letzte Zeit gemeinsam verbracht, sie waren sich näher gekommen und Isis hoffte wirklich, dass dies nun wirklich halten würde.
Nun, als Tyraleen vom Tod Banshees berichtete, konnte Isis ihr etwas zur Seite stehen, aber noch nicht so, wie sie es sicht dachte, denn Averic war für seine Gefährtin da, sodass die Ägypterin nicht stören wollte.
Nun war es genau ein Jahr her, dass Rime sie verließ. Nun stand Isis wieder allein im Wald. Feuerrot tanzten die Blätter von den Bäumen hinab auf den Boden. Obgleich das Tal nicht an Schönheit verlor, so breitete sich das Nichts wirklich sehr schnell aus, Beunruhigend schnell. Wie sollte es nur mit dem Rudel weitergehen? Ein leises Seufzen verließ den Körper der Fähe, die sich etwas wanderte, wobei es da nicht viele Möglichkeiten wegen dem Nichts gab.
Nyota warnte sie alle, dass sie sich nicht mehr sehr weit vom Rudel entfernen durften.
Isis überlegte, wo sie nun hingehen sollte. Einerseits zog es sie zu Akru. Wie hatte er sich wohl verändert und vor Allem, was würde er wohl zu seiner kleinen, nun großen, Schwester im Geiste sagen. Sie hatten sich wirklich eine schier unendliche Zeit nicht mehr gesehen. Und wo war Katsumi. Die kleine Fähe wollte seine Nähe spüren, seinen Halt, seine Stärke. Aber auch diesem Drang widerstand sie und drückte die Nase auf den Boden bis ihr Chanukas Witterung in die Nase stieg.
Leicht beschläunigte sie ihren Schritt bis sie den Schwarzfang ausmachen konnte. Langsam näherte sie sich dem Welpen, senkte die Schnauze und wuffte ihn sanft an.
Zögerlich legte sie sich zu ihm, fuhr ihm tröstend mit der Zunge über den Rücken.
Wenn er sprechen wollte, dann sollte Chanuka was sagen. Isis wollte sich nicht aufdrängen, denn wenn ihm schweigen lieber war, dann würde sie auch so bei ihm sein können.



Der Herbst war gekommen, mit ihm das diesige Wetter, welches immerhin den vorher tobenden Sturm abgelöst hatte. Es war, als ob der Sturm sich mit dem Tod Banshees gelegt hatte, es war still geworden im Tal der Sternenwinde. Tyraleen hatte dem Rudel von ihrem Verlust erzählt, es war viel getrauert worden und doch konnte Liel sich nicht recht in dieser Trauer wieder finden. Natürlich betrübte es sie, dass ihre Leitwölfin gestorben war, vor allem auch, weil dies die Mutter von Chanuka gewesen war, aber viel mehr beschäftigte sie ihr eigener Schmerz, den sie gekonnt zu überspielen versucht hatte, als sie mit Shani zu Ciradán gegangen war, um ihm mitzuteilen, dass auch ihr Vater gestorben war. Liel verbot sich jeden weiteren Gedanken, an diese Szene, die vielen Wölfe hatten sie damals sowieso aus dem Konzept gebracht und an ihren Bruder vermochte sie nicht zu denken. Sie hatte nicht richtig für ihn da sein können, hatte sich danach schnell zurückgezogen und Shani hatte sie auch nicht mehr angetroffen. Aber die hatte anscheinend ja sowieso genügend andere kleine Welpen mit denen sie sich beschäftigen konnte. Etwas eifersüchtig erinnerte sie sich an den kleinen Welpen, den irgend so ein großer schwarzer Wolf ihr damals vor die Füße gelegt hatte. Entnervt schüttelte sie den Kopf, keine Gedanken daran verschwenden, viel wichtiger war es nun Chanuka zu finden, für ihn da zu sein, er musste unglaublich traurig sein, denn schließlich hatte er seine Mutter verloren. So schwer sie so um Banshee trauern konnte, wie er es gewiss tat, umso besser wusste sie jedoch, wie er sich fühlen musste, fühlte sie sich selber doch noch immer so zerrissen von den Schmerzen in ihrer Brust, die von dem Verlust ihrer Mutter herrührten. Zusätzlich zu den Schmerzen, die der Tod ihres Vaters sowie ihr eigenes Versagen, zumindest in ihren Augen hatte sie versagt, hervorgerufen hatte. Sie erinnerte sich daran, dass Chanuka noch gar nichts von dem Unglück mit ihrem Vater wissen konnte und machte sich auf ihn zu suchen. Sie lief mit dem Rudel zusammen immer weiter vor dem Nichts davon, hatte ihn jedoch nie erblicken können. Ihr war gar nicht klar gewesen, wie riesengroß das Rudel war. Und sie mittendrin als verwaister Welpe. Also lief sie einfach mit, etwas anderes blieb ihr ja auch nicht übrig, und kümmerte sich um nichts und niemanden, genauso wie sich niemand um sie kümmerte. Sie blickte in den Himmel, Wolken bedeckten ihn und noch immer hatte sie nicht die Sonne erblicken können, der ihr Lachen anscheinend so gleichen sollte. Laut Chanuka. War das wohl immer noch so? Sie probierte sich an einem Lächeln, war sich aber ziemlich sicher, dass es eher spärlich ausfiel und sich einiges ändern musste, damit es wieder so aussehen würde, wie die Sonne aussah. Sie musste nicht lange suchen, bis sie Chanuka entdeckte, er lief so weit wie möglich abseits des Rudels, anscheinend darauf bedacht den Abstand, der sich zwischen ihm und dem Rudel gebildet hatte, nicht kleiner werden zu lassen. Anscheinend sollte er eher größer werden. Eilig, jedoch nicht überstürzt oder gar stürmisch, lief sie auf den kleinen Rüden zu, welcher dort so einsam hinterherlief. Dabei musste sie geschickt den anderen Wölfen ausweichen, die sie mehr oder weniger irritiert mit eigentümlichen Blicken bedachten, weil sie in die andere Richtung lief, als das ganze Rudel. Schon von weitem konnte sie sehen, dass er sehr traurig war, nicht anders als erwartet. Würde er sich wohl freuen sie zu sehen? Noch ehe sie bei ihm angekommen war, trat eine andere Fähe in ihr Blickfeld, sie konnte sich nicht erinnern, dass sie diese Fähe schon einmal getroffen hatte, war das vielleicht Chanukas Patin? Irgendwie spürte sie schon wieder dieses Gefühl in sich aufwallen, welches sie zum ersten Mal gespürt hatte, als dieser doofe große Wolf das kleine Fellbündel vor Shani abgelegt hatte und gemeint hatte, dass sie sich bestimmt gerne darum kümmern würde. Warum spürte sie es nun also auch, Shani hatte sie zu dem Zeitpunkt schon Mutter genannt, Chanuka war „nur“ ein Freund. Aber vielleicht deshalb, sie wollte mit ihrem Freund alleine sein, wollte ihn trösten, wollte von ihm getröstet werden. Dafür brauchten sie keinen Erwachsenen Wolf der sowieso irgendwann vor ihnen sterben würde und nur wieder erneut Kummer bereiten würde. Außerdem konnte diese Fähe wohl nicht nachvollziehen, was sie beiden durchgemacht hatten. Was suchte sie also hier, wäre sie Chanukas Patin, hätte Liel sie doch bestimmt vorher schon einmal gesehen, schließlich sollten Paten etwas mit den Welpen tun, Ilias war damals auch öfter mal bei ihr gewesen. Mit leicht verzogener Miene ging sie weiter, bis sie etwas langsamer wurde und leise aufwuffte, sicher hatte er, und auch sie, sie sowieso schon bemerkt, aber gegeben dem Fall, dass dem nicht so war, wollte sie die beiden nicht erschrecken. Als sie sie dann erreichte blieb sie kurz stehen, ehe sie an ihn heran trat, sodass ihre Schnauze die seine berühren konnte. Ganz leicht nur, ganz freundschaftlich. Dann hob sie ihren Kopf und lächelte ihn zaghaft an.

„Chanuka…“

Ihr fehlten die Worte, was sollte sie ihm großartig sagen, hauptsächlich wollte sie doch für ihn da sein, mit ihm zusammen trauern. Doch vor der anderen Fähe wollte sie eigentlich nur ungern mit ihm sprechen, sie ließ der Fähe, die sich auch noch erdreistete so eng neben ihm zu laufen, dass wahrscheinlich kein Blatt mehr dazwischen gepasst hätte, einen scharfen Blick zukommen, sie wusste, dass sie eigentlich eher ungerecht handelte, aber sie hatte absolut keine Lust auf einen weiteren Zuschauer. Erneut war ihr etwas in die Quere gekommen, ganz genauso wie mit Ciradán. Konnte man denn niemals seine Ruhe haben? Sie blinzelte, rückte dann noch ein kleines Stück näher an Ciradán heran, sodass sie nur zu flüstern brauchte, damit ihre Worte ihn erreichten. Aber bestimmt würde die Fähe sie trotzdem vernehmen, so sehr, wie sie sich an ihn quetschte.

„Jetzt sind wir beide Waisenwelpen…“

Ihre Stimme brach ein wenig, er würde schon verstehen, dass ihr Vater auch von ihr gegangen war, genauso wie er wissen würde, dass sie von dem Tod Banshees in Kenntnis gesetzt worden war. Kurz schloss sie die Augen, nur um sie dann wieder zu öffnen um ihren kleinen Freund liebevoll anzublicken.



Das Rudel, und mit ihm Liam selbst, folgte den voraneilenden Wölfen, welche nach einem Ausweg aus ihrer, scheinbar auswegslosen Situation, suchten. Unter ihnen war Nyota, die verbleibende Alphafähe und Tyraleen, Tochter Banshees, die dem Rudel ihren Tod verkündet hatte. Wahrscheinlich würde sie versuchen die neue Alpha zu werden, schließlich war auch Nyota älter geworden. Ihn kümmerte es nicht sonderlich, er kannte sie genauso wenig, wie er ihre Mutter gekannt hatte und wenn sie sich beweisen konnte, wenn er sehen konnte, dass sie eine gute Alphafähe abgeben würde, hatte er kein Problem mit ihrem Aufstieg.
Noch immer war die Trauer um den Verlust der geliebten Alphafähe spürbar, er hing in der Luft, genauso wie das diesige Herbstwetter. Liam hatte sich erneut abgekapselt, er war nicht unglücklich, nur hatte er das seltsame Gefühl, dass sein Leben nicht so verlief, wie es richtig war. Das hing wohl vor allem mit Kandschur zusammen, Liam wusste, dass er, so sehr er den Rüden liebte, so nicht weiter mit ihm zusammen leben konnte. Natürlich war er gerne für Kandschur und auch für dessen Probleme da, er half ihm gerne wann immer er konnte, aber in letzter Zeit hatte er das Gefühl, dass sich Kandschur einfach gar keine Mühe gab, so als ob er keine Lust mehr hatte am Leben teilzuhaben. Und Liam wiederum hatte keine Lust sich sein Leben verderben zu lassen, natürlich stand seine Liebe mit an oberster Stelle, aber niemals würde seine Liebe sein Leben zerstören und diese würde dies tun, sollte alles so weiter laufen wie bisher. Er würde abwarten müssen, mit Kandschur reden müssen, doch vorerst wollte er sich mit Atalya beschäftigen. Er hatte sie schon länger nicht mehr gesehen und gerade jetzt, nachdem Banshee gestorben war, wollte er für sie da sein, schließlich war sie auch bei ihrem Tod dabei gewesen, er hatte nicht dabei sein dürfen, was ihn nicht weiter gestört hatte, er hatte schließlich keine enge Bindung zu der Fähe gehabt. Er witterte und obwohl nun viele Wölfe anwesend waren, hatte er ihren Duft rasch aufgenommen. Also machte er sich auf den Weg, bahnte sich einen Pfad durch die anwesenden Wölfe, um sie herum, an vielen vorbei ohne ihnen einen Namen zuordnen zu können, bis er Atalya erblickte. Er wedelte bereits jetzt schon leicht, er freute sich seine kleine Patin gesund zu sehen, sonderlich munter sah sich nicht aus, aber wer war zu dieser Zeit schon wirklich munter. Der Tod, das Nichts, all dies dämpfte jede aufkommende Freude und legte sich wie ein Schleier über das Tal, es schien, als gäbe es gerade noch genügend Luft zum atmen. Doch er war nicht zu ihr gegangen um mit ihr zusammen alles zu bemitleiden, er wollte sie fragen, wie es ihr nun ging, ob es irgendetwas gab, was er für sie tun konnte. Er musste sich unweigerlich an seine erste Begegnung mit ihr erinnern, als er sie erschreckt hatte und sie sich als die angstlose Atalya vorgestellt hatte. Sanft lächelnd und ein wenig in Erinnerungen versunken trat er an die kleine Fähe heran.

„Hallo meine Liebe!“

Er hielt einen winzig kleinen Abstand zu ihr und lief weiter. Dabei streckte er seine Schnauze nach unten, ihr entgegen. Er wollte sie nicht bedrängen, konnte ihr Verhältnis schließlich auch noch nicht als allzu eng ansehen, obwohl er immerhin sagen konnte, dass sie ihn anscheinend nicht total abstoßend fand. Zumindest hoffte er das, im Welpenalter konnte sich noch viel ändern. Also blickte er sie weiterhin an, die Schnauze ihr entgegengestreckt und mit spielenden Ohren. Sie sah noch nicht so erschöpft aus, als dass er sie hätte tragen müssen, aber sie würde hoffentlich wissen, dass er dies jederzeit tun würde, wenn sie ihn darum bitten würde.



Alles Alleinsein fand irgendwann ein Ende. Zumindest hier in diesem Rudel. Chanuka hatte schon lange befürchtet, dass früher oder später jemand nach ihm sehen würde, wenn er sich Tag für Tag vor dem Rudel zurück zog und er hatte immer wieder aufs neue gehofft, nicht entdeckt zu werden. Es lag ihm nicht, einfach das Weite zu suchen und sich in Gefahr zu bringen. Niemand sollte sich um ihn sorgen müssen, oder in die Nähe des Nichts kommen, um ihn zu suchen. Er wollte keinem Wolf ärger machen und er hatte es seiner Mama versprochen. Er konnte auf sich selbst aufpassen. Nicht so, wie die Erwachsenen, aber er würde zumindest keine Dummheiten machen.
Chanuka legte die Ohren zurück, als Isis ihn anwuffte. Ihre Stimme klang so unendlich laut durch die dumpfe Stille seiner Einsamkeit. Noch eine ganze Weile, als seine Patin bereits neben ihm lief und ihm über den Rücken schleckte, hatte er das Gefühl, dass das Wuffen in seinem Kopf nachhallte. Danach blieb alles um ihn herum ruhig. Fast so ruhig, wie es zuvor gewesen war, aber nicht mehr so friedlich. Sein Herz schlug etwas schneller und obwohl er sich nicht rührte, nicht einmal den Blick hob, fühlte er sich unwohl. Jemand sah sein Elend, jemand, der schon groß war und wahrscheinlich schon öfter den Tod gesehen hatte als er. Isis sagte nichts und er war dankbar dafür. Er wollte nicht reden, nicht mit ihr, oder sonst jemandem. Er wollte seine eigene Stimme nicht mehr hören. Man würde es hören können. Er würde es hören können. Und der Schmerz wäre da, sobald er darüber reden musste. Am liebsten hätte er die Traurigkeit für immer in sich selbst eingeschlossen.
Erneut drang ein Wuffen an seine Ohren. Er hätte nicht bemerkt, dass noch jemand ganz in seiner Nähe war. Er bemerkte es auch so nicht. Ein paar Augenblicke lang glaubte er, das Echo in seinem Kopf würde noch immer Isis’ Wuffen reflektieren. Liel tauchte vor ihm auf, kam zu ihm hin und berührte dann seine Schnauze. Erst da wurde ihm bewusst, dass sie direkt bei ihm war.

“Sonnenschein.“,

wisperte er. Sein Gesicht verzog sich, seine Zähne drückten fester aufeinander und er schluckte angestrengt. Er hatte es genau gewusst. Ein Wort reichte und alles wollte hervorbrechen. Aus ihm heraus und ihn gefangen nehmen. Der Schmerz, die Trauer, alles was er spürte war nur ein kleiner Teil von dem, was da noch in ihm schlummerte. So wie ein Schatten, den man gar nicht richtig greifen kann. Bei ihren nächsten Worten kniff er die Augen zusammen. Waisenwelpen. Nie zuvor hatte er den Begriff gedacht, aber er stimmte. Und sie waren beide allein auf der Welt. Er wusste nicht, wann ihr Vater gestorben war, oder wie, aber er wusste es. Jetzt. Begriff es.
Mit trostlosen, ewig traurigen Augen sah er sie an und dachte an den Tag zurück, in der Höhle, zwischen Kaede und Banshee und Urion und den Anderen. Als sie Welpen waren und sein durften. Und er dachte an ihr strahlendes Lächeln, wärmer als die Sonne. Es war kaputt. Er wusste nicht, wie sehr und auch nicht, ob es für immer war, oder nur auf Zeit. Aber es war einfach nichts mehr, wie damals. Nichts hatten sie gewusst, über das Sterben und den Tod und jetzt wussten sie schon soviel. Er sehnte sich zurück.
Und dann spürte er plötzlich, wie in seinem Inneren nicht nur ein Schmerz brannte, sondern ein zweiter. Er konnte nicht sagen, welcher schlimmer war. Sein eigener, oder der von Liel. Sterben war nicht so schmerzhaft, da war er sicher.
Vorsichtig schlechte er ihr über die Nase, den Blick direkt auf sie gerichtet. Er sah ihr in die Augen, ohne irgendetwas sagen zu wollen. Er sah sie an, seinen Sonnenschein und wie sie sich verändert hatte. Er wollte nichts sagen und er würde auch nichts sagen, aber er hörte nicht auf, sie anzusehen.



Die Zeit schritt voran, ebenso wie die kleine Fähe, die in den vergangenen Tagen einen gewaltigen Wachstumsschub hinter sich gebracht hatte. Dennoch hatte sie sich – für ungeübte Augen – kaum verändert. Wer näher hin blickte, konnte den dunklen Schatten in den perlengleichen Augen erkennen, der immer deutlicher hervor trat. Auch der süßliche Geruch, der seit dem Augenblick an ihr haftetet, als sie zu Aryans Tochter wurde, kam nicht mehr von dem Rüden, sondern eindeutig von der Fähe selber.
Ohne es zu wissen oder zu ahnen machte sie nach und nach eine Veränderung durch, die kaum mehr etwas mit dem Erwachsen werden zu tun hatte.
Im Augenblick kreisten die Gedanken der Hellen jedoch um ganz andere Dinge, denn auch Aléya hatte die Trauer ergriffen. Immerhin hatte das Rudel nicht nur die Spitze verloren, sondern die Mama der Weißen Tyraleen, die sie so lieb aufgenommen hatte, war jetzt irgendwo hinter den Sternen, wo sie für niemanden mehr erreichbar war. Voller Mitleid und Verständnis hatte Aléya sich eigentlich zu den anderen Welpen gesellen wollen, doch fürchtete sie sich – ausnahmsweise – vor deren Rektion. Die Trauer, die jeden Wolf hier umhüllte wie das Nichts, gehörte jedem alleine.
Das Nichts, diese schleichende Bedrohung, war das nächste, was der Welpin im Kopfe herum geisterte. Obwohl es sich gemächlich fort bewegte, so tat es dies doch stetig und gleichmäßig, verschluckte immer mehr und mehr von diesem schönen Tal. Wo es am Anfang nur Sorge und Verwirrung erregte, wuchs die Furcht immer weiter, vor allen Dingen nachdem einige Todesfälle oder Verluste zu beklagen waren. Wie viel sie doch verpasst hatte...
Jetzt lief die Kleine wie alle anderen Rudelmitglieder so schnell ihre Läufe sie tragen konnten. Erstaunlicherweise taten sie dies viel schneller und geschmeidiger, als vorher und auch die Müdigkeit, welche sich früher irgendwann eingestellt hatte, ließ jetzt auf sich warten.
Irgendetwas hatte sie verändert. Auch die Muse zum Spielen, Toben und Entdecken war der Hellen vergangen, lange bevor sie die Flucht angetreten waren. So recht hatte sie auch nicht gewusst, wohin sie hätte gehen sollen. Die vielen Gefühle, die schier wie Wellen über sie herein gebrochen waren, erdrücken sie, kamen von allen Seiten auf sie zu und es gab nicht ein Mal einen Ausweg, denn das Nichts lauerte inzwischen überall.
Obwohl es sonst kaum ihre Art war, war Aléya brav beim Rudel geblieben, auch wenn sie lieber wieder los gezogen wäre. Eine Begegnung mit dem Nichts hatte ihr vollkommen gereicht, eine weitere brauchte sie nicht unbedingt. Sie hatte es nur ihrem grandiosen Papa zu verdanken, dass ihr nichts weiter passiert war. An dem Tag, als sie nach dem Versteckspiel mit Amúr, bei dem sie sich vor etwas im Wald so sehr erschrocken hatte, dass sie beinahe hinein gefallen wäre. Einen solchen Schreck hatte sie noch nie bekommen und lange hatte sie sich nicht von Aryan weg trauen wollen. Aber ihr großer, starker Papa passte immer gut auf seine Tochter auf und auch Onkel Shaén, den sie besser kennen gelernt hatte, war eigentlich ganz in Ordnung.
Aber in dieser Sekunde, in der sie sich wieder so schwer fühlte, als würde man alle Lasten und Gefühle auf sie nieder wälzen, wollte sie nicht in der Nähe der beiden Rüden sein.
Dafür prallte sie, in Gedanken versunken, gegen etwas Weißes, geriet ins Straucheln, wobei ihre langen Läufe sich fast verknoteten, fing sich wieder und sprang leise knurrend wieder auf. Was war denn das jetzt?!
Die spitzen Zähnchen gefletscht trat die Helle näher, stupste das pelzige Etwas an und stellte fest, dass es sich bei genauerer Betrachtung um ein Bein handelte. Da hatte sie sich doch etwas unterschätzt und war einfach in jemanden hinein gelaufen. Oder war das Nichts etwa schon vor ihrer Nase und es ging deshalb nicht weiter?

Ey! Was ist denn da los?



Garrett hatte ja gewusst das er zu einem ungünstigem Zeitpunkt kam, aber nicht das er zu seinem SO ungünstigen Zeitpunkt kam. Eigentlich hatte der junge Wolf vor gehabt schnell wieder zu verschwinden, nachdem er sich vergewissert hatte das er hier nicht fündig wurde, aber irgendwie kam er nicht so richtig voran, eher gesagt, war er sich unsicherer als er es zugeben sollte. Und... wenn er ehrlich war, einsam war er auch. Also wieso sollte er nicht eine Weile bei diesem wie er selbst vom Schicksal gezeichneten Rudel bleiben? Und während er selbst keine Antwort darauf fand, war die Entscheidung doch schon getroffen. Man konnte sich ja immer noch einbilden das man fündig werden würde, schließlich hatte er nur wenige Wölfe aus diesem Rudel kennen gelernt, wer wusste schon, ob es Wunder nicht tatsächlich gab. Zudem... hatte er eh wegen dieser komsichen Sache, diesem Nichts, die Spur verloren.
Es gab also quasi gar keine andere Entscheidung musste man wohl oder übel sagen.
Und so war es gekommen, wenn es so weiter ging würde das Nichts sie alle auslöschen, auch ihn. Und er konnte rein gar nichts mehr tun außer laufen. Weglaufen. Noch immer hielt sich der Jungrüde wie schon so oft eher etwas Abseits des Rudels auf, zumindest solang wie er sie nicht alle kannte. Obwohl sich das Problem wohl bald erledigt zu haben schien. Er warf den Mitgliedern hin und wieder einen kurzen Blick zu, ehe er weiter hetzte, unschlüssig was er eigentlich damit bezweckte.
Garrett war eigentlich nie der weglaufende Typ gewesen, er bezweifelte auch eher weniger das sich das einfach so eingeschlichen haben könnte. Dieses Nichts hatte ihn einfach kalt erwischt. Das war ein weiterer Grund. Der Weg, den er entlang gegangen war um hierher zu kommen, war schon wenige Tage später nicht mehr passierbar gewesen. Und insgesamt hatte nicht einmal das Rudel bisher eine Fluchtmöglichkeit gefunden. Langsam wurde es knapp. Nur gut das er keiner dieser ewigen Schwarzseher war. Wenn er also mit diesem Rudel einfach so verschwinden würde... dann würde er es wohl zumindest mit einem Lächeln auf den Lefzen, weil es ihm ja eigentlich gut ging.

So von Gedanken getrieben, trieb es ihn ganz unwillkürlich zu einem Wolf, dessen Gesellschaft ihm nun gut tun konnte. Und dieser Wolf war auch nicht schwer zu finden, er hatte sich die Witterung so genau eingeprägt, das er sie wahrscheinlich selbst durch das Nichts würde riechen können. Und sichtbar war es für ihn ebenso schon aus Entfernung. Daher steuerte der Schwarze nun zielsicher auf eine Stelle ebenfalls etwas abseits des Rudels zu, die die wabernde Masse des Nichts noch nicht gefressen hatte. Garrett's Bewegungen waren ruhig und ausgeglichen, er hatte keine Angst vor dem Unbekannten, das war schon immer ein Vorteil gewesen.
Bei der braunen Fähe angelangt, tappte er sie ganz vorsichtig mit der Pfote an, ehe er sich, wie selbst verständlich neben sie versetzte und ihrem Blick folgte.

“Wieso soweit außerhalb? Beim Rudel dürfte es inzwischen sicherer sein.“

Keine böse gemeinten Worte. Kein Tadel. Einfache Neugierde und Interesse. Munter drehte der Wolf die Ohren zur Seite und lehnte den Kopf ebenfalls etwas seitwärts um Rakshee betrachten zu können.

“Mich würde es nicht wundern wenn sie uns bald eine Ausgangssperre aufbrummen. Wenngleich es wohl auch berichtigt ist.“

Und doch war es nicht für ihn, doch selbst er würde sich nicht wehren. Wie auch. Wenn es zwischen Leben und Tod zu entscheiden galt, wählte er eben das Leben.



Isis seufzte leise. Der Tod hatte Einzug gehalten in dem Rudel und er schwebte noch immer über ihre Köpfe. Es war wirklich grauenvoll und selbst ihr fiel es unglaublich schwer weiterhin so fröhlich zu bleiben.
Dennoch war sie froh, dass Liel zu ihnen kam, aber kräsuelte verwundert die Schnauze, als die kleine Welpin sie so frech ansah und auch sonst genau zeigte, dass Isis hier unerwünscht war. Die Ägypterin drehte die Ohre nach hinten, erhob sich langsam und lächelte Liel warm an.

"Ein Weiser ist der, der erkennt was, in seiner Gegenwart vorgeht."

Isis schüttelte sich etwas, dann stupste sie Chanuka mit ihrer Schnauze sanft an, sah noch mal warm zu Liel.

"Wenn euch etwas auf dem Herzen liegt, so könnt ihr ruhig zu mir kommen."

Mit diesen Worten ließ Isis die beiden erstmal allein. Nein, sie wollte wirklich nicht stören. Die Kleine wusste auch nicht so genau, wie mit Chanuka umgehen sollte. War sie wirklich die richtige Wahl gewesen? Sie konnte mit dem Kleinen wenig anfangen, denn er schwelgte lieber in seinen Gedanken, während sie doch eher lebte. Wirklich intensiv lebte.
Ihre Pfoten trugen sie über den Hügel. Sie suchte natürlich Katsumi. Die Kleine wollte ihn fragen, wie er die Sache mit Chanuka sah, denn immerhin kannte er sich doch sicherlich gut aus, was Welpen betraf. Langsam schlich sie sich an den anderen Wölfen vorbei, suchte nebenbei Akru. Eigentlich wollte Isis ihn auch mal wiedersehen. Seit Banshees tot war er einfach weg und der Kleinen schlug es schon sehr auf den Magen. Es war die Angst, dass er auch einfach os verschwunden war, wie vor ihm Rime.
Isis nahm bald Katsumis Witterung auf und schon bald erkannte sie ihn auch. Wieder mal beschleunigte die Fähe ihre Schritte, blieb neben ihm stehen und vegrub sehnsüchtig ihre Schnauze in seinem Fell.

"Katsumi",

flüsterte sie leise, dann hob sie den Blick uns sah dem Rüden lange in die Augen. Das sie innerlich von Sorge zerfressen war, konnte man nur sehen, wenn man sie wirklich gut kannte. Und das tat Katsumi.



Die Sonne hatte sich ihnen nicht gezeigt - so sehr Neruí sich auch bemüht hatte, sich selbst und alle anderen nach Tante Banshees und Onkel Acollons Tod aufzumuntern - es hatte nichts genützt. Überhaupt war es etwas seltsam gewesen. Die ganze Nacht hatte sie nicht geschlafen, wie alle anderen auch - warum, das war der Welpin nicht so ganz klar geworden. Bei Mama Kaede hatten sie dass doch auch nicht gemacht? Als sie am Tag danach ganz müde zum Rudel zurückgekehrt waren, hatten sie erfahren, dass auch Urion gestorben war. Der gruselige Wolf, der irgendwie nur der Papa von Krolock und Liel und Cirádan gewesen war. Nerúi wusste nicht, was sie davon halten sollte - aber dann war sie auch schon an Papa Aszrems Seite eingeschlafen, der sie begrüßt hatte.
Und jetzt war sie auf einer ganz ganz wichtigen Mission - sie mussten das ganze Rudel retten. Nerúi kam sich unglaublich wichtig vor, und war umso zufriedener, weil nur sie und Turién die Erwachsenen begleiten durften. Mama Nyota und Mama Tyraleen waren mitgekommen, außerdem ihre Kylia und Papa Aszrem. Warum Papa Averic nicht mitgekommen war, wusste sie nicht - aber sie wusste, das alles, was sie jetzt taten, wichtig war. Zum Beispiel gut aufzupassen, wo sie hintraten. Das Nichts war sehr viel größer und böser geworden, und lies sich einfach nicht von ihnen vertreiben - also mussten sie sich von ihm vertreiben lassen. Ärgerlich, aber leider nicht zu ändern. Turién hüpfte an ihre Seite, als Mama Nyota von der Gegend erzählte, und die Schwarzbraune nickte eifig, und zog an Papas Rute, die vor ihrem Gesicht baumelte.

"Klar ifft daff nof da Mama! Oder Mama?"

Beim zweiten Mama wand sie sich wedelnd zu Tyraleen, und lies auch Aszrems Rute wieder los, um sich auf Turiéns Rücken zu werfen - nicht ohne vorher die Umgebung kurz auf Nichtslöcher zu überprüfen.

"Turién, wir sind sooooooooo wichtig! Wir retten alle!"

Verkündete sie stolz, und schnappte nach seinem großen Silberohr, um ihn damit zu Boden zu ziehen. Denn noch ein klitzekleines bisschen wichtiger als er war immernoch..sie! Und natürlich auch - nicht nur ein bisschen - stärker!

"Ich lass mich den gaaaaanzen Tag von Malakím herumtragen, wenn wir zurück sind - denn dann bin ich viel größer als alle und außerdem ein Held!"

Verkündete sie nicht minder begeistert, und hüpfte um Turién herum, wild wedelnd, und doch immer ein wachsames Auge auf die Umgebung habend. Immerhin konnte hinter jedem Grashalm plötzlich etwas Nichts auftauchen.



Ahkunas Tiefpunkt war wohl nun erreicht. Ihr Körper bewegte sich nur noch schleppend. Ihre Rute war immer auf dem Weg auf den Boden und ihre Ohren hingen als würden sie Steine an sich hängen haben. Jedes mal wenn sie ihre Pfoten auf den Boden gesetzt hatte, fühlte es sich an als würden die Schlingen wieder nach ihnen greifen. Es war für Ahkuna so schwer diese Bilder aus ihrem Kopf zu bekommen. Wie eine der schönsten Fähen einfach da lag und nichts mehr tat. Nicht mehr redete, nicht mehr atmete. Ahkuna wusste nicht was die anderen eher fühlten, Trauer oder doch Verzweiflung? Jedoch war es bei den meisten eher Trauer.
Hatte überhaupt jemand solche Zweifel wie Ahkuna? Waren sie alle etwa so von der Trauer zerfressen das sie sich keine Gedanken mehr darüber machten, wie es weiter ging? Wer sollte nun ihr Rudel anführen? Ahkuna wäre es auch recht das ihre Mutter diese Aufgabe annimmt doch schien es wohl doch eher jemand anderes zu sein. Sie könnte sich aber nicht wirklich vorstellen, wer diese Rolle übernehmen konnte. Niemand konnte so freundlich und doch so stark sein. Niemand konnte diese Lücke füllen.
Es war nun schon so lange her und doch war das Gesicht Banshee immer das erste und das letzte an was die Fähe dachte. Sie hatte sich seit dem kaum mit den anderen Unterhalten. Sie dachte, es sei wohl das beste den anderen nicht zu zeigen was sie fühlte. Sie hatte immer ein kleines Lächeln auf ihrem Gesicht während sie an den Wölfen vorbei lief. Sie wollte niemanden zeigen, was wirklich in ihr los war. Dieser Sturm welcher zusehends ihre Welt verdunkelte und sie in die Enge trieb. Doch wem könnte sie dies erzählen? Etwa ihrer Mutter? Nein, sie wollte diese Fähe nicht auch noch mit ihren Problemen belasten. Rakshee? Dies war auch unmöglich, da sie nicht von ihr erwarten konnte, ihr zu helfen. Ahkuna würde zwar nie in frage stellen, das ihre Schwester ihr helfen würde, doch war sie momentan nicht die selbe gewesen. Kursaí wollte sie auch nicht damit belästigen, wo sie sie doch gerade wieder gefunden hatte. Jakash würde sie auch nicht fragen. Jakash und sie waren immer etwas distanziert und Ahkuna wusste nicht warum. Irgendein Graben war zwischen den beiden Geschwister und sie konnte nichts dagegen tun. Vielleicht war dies aber momentan sowieso fast unmöglich, da nun jemand wichtiges nicht mehr da war.
Nun waren sie schon für eine Weile auf dem Weg zu einem Unbekannten Ziel. Immer auf der Flucht vor dem Nichts. Sie wurden zusammengepfercht, wie Rehe auf der Jagd. Es war irgendwie erschreckend das die damals so stolzen Wölfe weg liefen und darauf warteten das irgendwas geschah. Wie lange dieser Platz wohl ausreichen wird um alle zu beheimaten? Wenn werden wohl die Futter Reserven knapp und wann werden sie wohl anfangen sich gegenseitig anzugreifen? Es war wohl nur eine frage der Zeit bis dies geschehen würde. Hatte Banshee nicht ihr versprochen auf sie auf zu passen?
Ahkuna lief immer weiter. Sie versuchte mit den anderen mitzuhalten und blieb eher weiter hinten um die Welpen zur Not tragen zu können. Sie hatte zwar keine Lust darauf, irgendwo hin zu gehen jedoch war das hier Pflicht, da es sie sonst mit reißen würde und sie ihr Leben nicht weg werfen wollte.Momentan hatte aber die Weiße keine Lust mit anderen zu reden. Sie enthielt sich den Gesprächen derer die neben ihr liefen. Sie würde wohl einfach nur etwas Zeit brauchen um ihre Gedanken zu ordnen. Ja Zeit. Es war wohl alles nur eine frage der Zeit. Sie rannte ihnen einfach davon. In dem einen Moment waren sie glücklich gewesen und in dem anderen zerfraß das Nichts sie alle.
Nun verspürte Ahkuna ein merkwürdigen Ruck an ihrem Hinterbein und blieb stehen. Irgendwer war wohl hinter sie gelangt, ohne das sie es mitbekommen hatte. Dies war wohl aber gerade nicht all zu schwer. Sie drehte sich nun um als sie ein leichtes knurren vernahm und sah nun die kleine Aléya.

„Was willst du?“

Ihre Stimme war etwas leiser als Ahkuna erwartet hatte und glich eher einer kleinen Brise anstatt eines Windes. Sie wollte eigentlich sauer klingen doch dies war wohl fehlgeschlagen. Irgendwie war sie darüber aber auch erleichtert. Sie wollte keinem Welpen sauer sein. Sie war ja selbst einmal so klein und ungeschickt. Vielleicht sah Ahkuna auch nur so miserabel aus das Aléya gucken wollte was los war.

„Hast du dir etwas getan?“



Banshee war so weit fort, Engaya schien so nah. Nachdem ihre Oma und ihr Opa gestorben waren, hatte Rakshee Stille umgeben. Die Nacht war für Rakshee viel zu schnell vorübergegangen, stumm hatte die Familie Totenwache gehalten, bis der Morgen anbrach.
Und das alles war plötzlich so weit weg, das Nichts hatte alles verschlungen, was einmal ihr Zuhause gewesen war - vermutlich auch den Ort, an dem ihre Großeltern gestorben waren. Tante Nyota war mit ein paar anderen Wölfen voraus gegangen, und sie folgten nun der Fährte. Es schmerzte die Braune, das Tal zu verlassen, aber was konnte sie tun. Sie konnte Beten, und das tats ie jeden Tag - außerdem den Anderen Mut machen - aber sie konnte sich ja selbst kaum aufmuntern. Der Ort, an dem ihr Vater gestorben war, war ihr nicht Geblieben, sein Andenken musste sie genau wie das an ihre Großmutter in ihrem Herzen bewahren - all dies machte es ihr nicht einfacher. Rakshee sah auf, als sie eine sanfte Berührung an sich herabgleiten spürte, und hielt einen Moment inne, und drehte den Kopf zu ihrem Besucher. Mit einem traurigen Lächeln wand sie sich an Garrett, der neben ihr aufgetaucht war.

"Hey"

'Schwapp..'

"Meinst du, das Nichts scheut sich weniger davor, nur einen Wolf zu fressen als ein ganzes Rudel?"

Fragte sie mit eben diesem Lächeln auf den Leftzen, und wand sich nach vorne um - ihr Abstand zur Gruppe war nicht groß, aber sie hatte einfach nicht zwischen ihnen laufen wollen.

"Mhh..ich glaube eher, die Ausgangssperre verhängt das Nichts, und nicht meine Tante"

Meinte sie, und verzog die Leftzen zu einem angedeuteten Grinsen. So wirklich wollte es ihr jedoch nicht gelingen. Dass sie alle sehr bald tot sein konnten - in einem der besseren Fälle zumindest - lies auch ihr das Lächeln auf den Leftzen eher gefrieren.

"Bist du zufrieden, dass du hier geblieben bist? Immerhin stehst du nun genauso nah am Tod wie wir alle"

Gab sie zurück, und lies den Blick wieder in die wasserartigen Augen des Rüden tauchen. sie reflektierte sich nur schwach darin.



Katsumi schwankte durch die vielen Wölfe und versuchte, irgendeinen klaren Gedanken zu fassen. Bemüht nicht in andere Vierbeiner zu trotten, atmete der Rüde flach und starrte seine Pfoten an, welche sich in den Boden pressten. Er fühlte sich nicht wohl in seinem Pelz, zwischen all den trauernden Wölfen. Kurz hob der Braune sein Haupt und blickte um sich. Akru war in der Nähe. Sein Geruch lag deutlich in der Luft. Wie ging es dem Grauen? Was tat er, was dachte er. Katsumi machte sich auf den Weg seinen Seelenbruder zu suchen. Immer wieder nickte Katsumi Wölfen zu, lächelte. Auch wenn es ein Maskenlächeln war, es war mit viel Mühe auf die Lefzen gesetzt. Noch bevor Akru in den Blickwinkel trat, umringte ein angenehmer Geruch seinen Hals. Wie eine unsichtbare Schlaufe zog es ihn weg von seinem Pfad und direkt in die gierigen Blicke Isis. Erneut brachte sie ihn um die Fassung. Mit verträumtem Blick starrte er die wunderschöne Sandkönigin an. Die Welt um den Braunen taute auf, bekam Farbe. Ihre Anwesenheit verdrängte die Trauer und den Kummer, die Gedanken an Akru und die Sorge um ihn. Ihre Seelenspiegel lagen tief in Katsumis eigenen. Tonlos hauchte sie seinen Namen und der Schmerz in ihren Augen riss den Fünfjährigen in die Realität zurück. Sofort wurden seine Gesichtszüge hart und ernst. Seine Augen weiteten sich erst, dann jedoch kniff Katsumi sie fest zusammen.

"Isis. Isis, Liebes...!"

Sofort eilte Katsumi auf seine Sandkönigin zu und legte fest seinen Kopf um ihren Hals, schloss ihren Körper in eine feste Umarmung. Sofort spürte der Rüde die Wärme der Fähe und sog sie in sich auf, eher er von ihr abliess und tief und fest in ihre Augen blickte.

"Liebes, was bedrückt dich...? Ich sehe es dir an, es ist nicht nur der Schmerz der vergangenen Tage, der sich in deine Augen wiederspiegelt. Liebes...?"

Sanft glitt seine Stimm über seine Lefzen in die kühle Luft hinein.



Stumme Tränen rann über das hübsche, schmale Antlitz der schwarzen Tochter. Es war vorbei. Ihre Mutter war für immer gegangen. Sie war tot. Bei Engaya im Himmel. Sie wachte über ihr Rudel.
Danke, Malicia, meine Kleine. Danke, dass du zurückgekommen bist, danke, dass du noch immer da bist. Und danke, dass du immer bleiben wirst. Du musst für das Rudel da sein und für die Kinder deiner Schwester. Ich bin so froh, dass sie alle auch unter deinem Schutz stehen.“ “Ich weiß, Malicia. Du bist eine gute Wölfin und wirst es immer sein, egal was geschieht. Vergiss nur nie deinen Weg und dein Lächeln, dann werde ich immer bei dir sein. Auf Wiedersehen, Malicia, meine kleine Tochter.“ Die Fähe dachte stumm an ihre Tränen zurück und spürte deutlich, dass sie es hätte besser machen müssen. Sie hätte der Weißen einiges an Leid erspart, wäre sie beim Rudel geblieben. Sie hätte ihrer Mutter Gutes getan. Lautlos formten ihre Lippen den Namen der Verstorbenen, immer und immer wieder. Doch ihr Blick glitt aus der Ferne zurück in die Realität und blieb an einem weißen Fellknäuel hängen. Furchtlos schritt Malicia auf den Welpen zu - auf ihren Lippen brannten unfreundliche Worte, doch aus ihrem Maul kam etwas anderes.

"Wohin des Weges, meine Kleine? Suchst Du Schutz?" Zu ihrer eigenen Verblüffung schwang keinerlei Sarkasmus darin mit, nur vor Süße triefende Gefälligkeit. Auch gut. "Mh, komm schnell mit. Ich werde meine Schwester aufsuchen und sie bitten, dass ich Dich mitnehmen dürfe. Wir müssen uns beeilen, sonst wird das Nichts uns verschlingen."

Keine weitere Zeit für weitere Erklärungen. Als sie sah, wie kraftlos und schwach das kleine Ding wirkte, packte die Wölfin sie kurzerhand und hob sie vom Boden auf. Anders als ein Neugeborenes war die Kleine schon recht kräftig und Malicia ächzte leise. Mit dem Fell zwischen den Zähnen setzte sie sich in Gang, in die Richtung, wo sie ihre Schwester und ihre Tante vermutete. Stumm rannte sie den weiter, rechts und links waberten schon Teile des Nichts. Kalte Angst packte das Herz der Wölfin. Ihre Beine rannten. Sie keuchte leise, das Ding zwischen ihren Zähnen schien immer schwerer zu werden. In ihrem Hals steckte eine leichtes Würgen. Ein paar Fellknäule hatten sich von dem weißen Welpen gelöst und hüpften nun munter in Malicias Schnauze herum. Sie unterdrückte den Würgereiz und rannte weiter. Die Tränen verschleierten ihr die Sicht.



Atalya trug ihre Feder im Maul, den Blick stur nach vorn gerichtet. Sie hatte ihr Geschenk nie weit weg liegen lassen, hatte sie immer mit sich getragen. Vor allem nach dem Tod ihrer Oma. Es war komisch, ohne ihre Oma. Immer wieder wachte die Graue auf, um fest zu stellen, dass das kein Traum war. Und jetzt mussten sie dahin, wo sie sich nicht auskannten, wo sie selbst eigentlich gar nicht hinwollte. Das doofe Nichts vertrieb sie. Und.. wenn sie ganz ehrlich zu sich selbst war, hatte sie ein kleines bisschen Angst davor. Nur ein wenig, nicht zu viel. Und Madoc hatte sie immer wieder getröstet, wenn sie zu ihm gegangen war. Er war ein toller Freund. Nur war er jetzt irgendwo anders. Sie selbst lief neben dem Rudel, aber immer noch so, dass sie alles Wichtige hören und sehen konnte. Und jeder konnte sie sehen. Atalya fragte sich, wohin sie gingen, und wann sie ankommen würden. Hier war sie nir zuvor gewesen, und diese Tatsache bedrückte sie ein wenig. Auch wenn sie noch nicht wirklich viel von ihr gesehen hatte, um genau zu sein nur einen winzigen Bruchteil der Welt, war es ihr lieber, dass sie wußte, wo sie war. Aber sie lief einfach, blieb nur immer wieder stehen, um ihre Pfoten einen Moment zu entlasten. Sie war noch nicht für solche Märsche geschaffen. Aber sie war wohl nicht die einzige mit diesem Problem. Sie musste jetzt durchhalten, immerhin wollte sie nicht als Schwächling dastehen, während ihre Geschwister ohne zu murren mit liefen.
Eine Weile blieb sie alleine, beobachtete und lauschte nur neugierig die Wölfe, die fast direkt neben ihr liefen. Bis dann plötzlich ein großer Wolf bei ihr auftauchte, Abstand zu ihr hielt, aber seine Schnauze zu ihr streckte. Liam! Neben Madoc einer ihrer Lieblingswölfe in diesem Rudel. Oh ja! Ihre kleine Rute pendelte ein wenig durch die kühle Luft, auch wenn nicht so energisch, wie noch vor einiger Zeit. Sie war müde. So müde. Aber das durfte sie sich nicht anmerken lassen. Also lächelte die kleine Fähe, ließ sich zu Liam zurück fallen und schleckte ihm kurz über die Schnauze. Die hellen Augen auf den Rüden gerichtet, den Kopf zu seinem gestreckt lief sie also neben ihm. Sie versuchte verständlich zu reden, sofern das mit einer Feder im Maul möglich war.

"Hallo Liam! Weischt du, wo wir hingehen?"

So konnte sie gleich vielleicht etwas in Erfahrung bringen. Und dann war sie schlauer als die anderen. Und wenn sie irgendwo ankamen.. dann wußte sie schon lange, wo sie waren. Verwirrend. Abwartend blickte sie ihren Paten an.



Die Trauer, Angst die in ihrem Gesicht aufgetaucht war, gefiel Garrett nicht. Doch wie sollte ein Wolf der hier aufgewachsen war auch anders denken. Seine Heimat ging unter, entweder er musste es verlassen oder alles würde untergehen. Es war gewiss nicht einfach, auch wenn er nicht wusste wie es war, er hatte schließlich niemals eine Heimat besessen. Dennoch verblich auch das leichte Lächeln auf seinen Lefzen und machte der Ernsthaftigkeit platz die der Situation anhaftete. Zwar versuchte sie zu Lächeln, aber ihre Augen konnten den schwarzen Rüden nicht täuschen, immerhin war er kein kleiner Welpe mehr den man mit einem einfachen Lächeln hätte übers Ohr hauen können.
Seine Ohren zuckten bei ihren Worten, immerhin war ihre Stimme enigermaßen gleich wie sonst auch.

“Wer weiß. Vielleicht hat es auch einfach ganz großen Hunger. Und schau uns doch mal an, wir sind doch gerade Mal was für den hohlen Zahn, oder?`“

Versuchte er sie vorsichtig aufzumuntern, auch wenn seine Worte nun nicht einmal mehr bei ihm selbst richtig anschlagen wollten. Nun gut, dann eben einfach mal ernst bleiben. Und nicht auf die Schnauze fliegen beim Laufen.
Eigentlich war es ganz schön unschön sich so beim Laufen unterhalten zu müssen, aber wohl immer noch besser als zu verschwinden. Wie es wohl war einfach nicht mehr zu existieren. Würde man sich trotzdem an einen erinnern? Seine Lefzen verzogen sich zu einem bitteren Grinsen.

“Da hast du wohl recht.“

Gab er leise zurück. Ja, die Alphawölfin hatte Angst um ihr Rudel und nun war sie auch noch allein. Es war sicherlich nicht einfach, diese ganze Last zu tragen. Vielleicht sogar über Untergang und Überleben zu entscheiden. Denn suchte Nyota nicht gerade mit einer kleinen Gruppe von Wölfen nach einem Fluchtweg? Die Zeit drängte.
Sein Blick verharrte auf Rakshee als er ihre Worte vernahm, dann jedoch schüttelte er leicht den Kopf.

“Ich bereue nichts.“

Gab er ruhig zurück, ehe er wieder in ihre Augen blickte und weiter sprach.

“Ich habe keine Angst vor dem Tod. Und wenn ich ihm hier begegnen sollte und er mich vielleicht sogar holen sollte, dann werde ich ihn mit einem Lächeln empfangen. Schließlich hatte ich hier, von den Sorgen mal abgesehen, doch auch noch ein bisschen schöne Zeit, oder?“

Der junge Wolf wandte den Blick ab, richtete ihn nach vorn und lief ruhig weiter, mit dem Rudel, mit der erhofften Sicherheit. Mit ein wenig Mut und Glauben würden sie vielleicht nicht sterben. Engaya. Er hatte nie von dieser Göttin gehört, doch jetzt wollte er an sie glauben und hoffen. Für Rakshee und für diese Wölfe dieses Tals.

“Ich bin froh her gekommen zu sein. Ich habe selten ein Rudel gesehen das so zusammen hält.“



Als die junge Fähe merkte das die schwarze Wölfin sie nicht angreifen würde sackte Faith innerlich und äußerlich zusammen. Sie verlor alle Furcht und Sorge, denn nun war ihr Ziel erreicht. Ohne ein einziges Widerstreben lies Faith sich hochheben und tragen. Kurz überlegte sie wo die Fremde sie wohl hinbringen würde. In ein neues Rudel? Oder vielleicht hatte sie bereits Welpen und lebte alleine irgendo weit weg von dieser abscheulichen Leere. Und warum war sie weinend am Seeufer gestanden und hatte mit sich selbst geredet? Außerdem glaubte Faith dass sie die Wölfin etwas von Engaya murmeln hatte hören. Auf jeden Fall würde sie sie dazu noch befragen. Aber erstmal brachte sie diese Wölfin weit weg von der Leere. Das erleichterte sie ungemein. Sie zitterte vor Erleichterung sogar ein wenig. Doch im selben Moment begann sie dies zu unterdrücken, als sie merkte wie sich die schwarze abmühte sie zu tragen. Faith schloss die Augen. Sie überlegte wie sie der gemusterten danken könne. Es wäre wohl das sinnigste wenn sie sie erstmal von der Last ihres Gewichts zwischen den Zähnen befreite. Als die schwarze durch Faiths zerlöchertes Fell hindurch ätzte beschloss sie ihren Plan in die Tat um zusetzen. Wenn sie jetzt dem Drang zu schlafen nachgeben würde, könnte sie diese seltsame Leere von der die schwarze gesprochen hatte womöglich noch nachholen und das nur weil sie zu müde gewesen war.

„Lass mich runter. Dann sind wir schneller da...
Sie stotterte,

"wo immer du eben hin willst. Außerdem kommen wir eher von dieser schrecklichen, weißen Leere weg. Du solltest nicht von ihr verschluckt werden, nur weil du ein schwaches, weißes Bündel Fell durch die Gegend trägst und somit unnötige Kraft verbrauchst. Etwas mehr laufen werde ich jetzt auch noch schaffen.“

Sie wartete auf eine Antwort von der gemusterten. Als sie zu Boden blickte vielen ihr die kleinen Pfoten der freundlichen Wölfin auf. Doch sie zweifelte nicht daran das diese ihr ungewöhnliche Wendigkeit verliehen.



Rakshee lachte leise, auf die Worte ihres schwarzen Begleiters hin - nun, in Anbetracht der jetzigen Größe des Nichts, waren sie dagegen tatsächlich eher winzig, und kaum der Mühe wert, sich fressen zu lassen. Mühsam zwang sie die Leftzen nach oben, und das Lächeln war zu erahnen.

"Es hat meinen Vater getötet - es wäre nur Recht, wenn es sich an mir Magenkrämpfe holt"

Gab sie zur Antwort, und erschrak vor ihrer einen Stimme, die soviel finsterer klang als sie es beansichtigt hatte, soviel boshafter. Tatsächlich wünschte sie diesem mordenden, undefinierbaren Etwas nur das Schlimmste, nachdem es ihr ihren Vater geraubt hatte - ihr, und ihren Schwestern und Jakash. Ihr Blick flog suchend über das Rudel, aber ihre Augen fanden im ersten Anlauf keinen von ihnen. Der einzige Trost war nun, dass ihre Schwestern Kursái und Ahkuna wieder gekommen waren. Ihrer Mutter hatte es seit Papas Tod auch nicht allzu gut gegangen - und dann war Oma gestorben, und all das mit Sheena und den Anderen und...Rakshee war überfordert mit ihren Gefühlen, blieb kurz stehen, um sich zu sammeln, und sprang dann wieder hinter Garrett her, um nicht hinter ihm zurückzubleiben.
Sie setzte schon zu einer Entschuldigung an, belies es dann jedoch dabei, und lauschte seinen nächsten Worten. Ihr Lächeln kehrte zurück, festigte sich ein wenig.

"Du klingt wie ein Held, der sich der letzten Schlacht stellt"

Lachte sie, und stieß ihn mit der Pfote an. Die Vorstellung, den Rüden zehn Jahre älter vor der letzten Schlacht so reden zu hören, war lustig. Ein Lichtblick in der Finsternis ihrer Existenz. Ihr Lächeln verschwand wieder, und sie legte den kopf schief.

"Wieso?"

Fragte sie, und hob eine Braue.

"Wir dürfen nicht vergessen, wie wertvoll das Leben ist - denn so schnell bekommt man vermutlich kein zweites"

Dennoch nickte sie nun, und spitzte abermals die Ohren.

"Das stimmt, aber wir sind ja auch fast alle eine Familie - und jeder gehört irgendwie dazu"

Erklärte sie - trotzdem sie unglaublich viele waren, fand jeder hier seinen Platz - und wenn einer ging, so nahm der nächste seinen Platz ein.



Rennen. Laufen. Rennen. Allein diese Worte beherrschten ihr Denken während ihre Pfoten sie immer wieder abstießen und vorwärtsschnellen ließen. Cyriell hatte sie aus den Augen verloren. Aber er würde sicher bald wieder auftauchen. Die Gedanken an früher hatte sie verdrängt. Das war jetzt nun wirklich nicht wichtig. Jetzt gings an die Existenz. Und da galten ihre Gedanken nur sich selbst. Doch dann war da auf einmal dieser Berg aus tiefschwarzem Fell und sie konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen. Rannte also voll in den schwarzen Rüden hinein. Stolpernd verhedderten sich ihre Pfoten und sie fiel hin. Verdammt, wie peinlich. Verlegen wandte sie den Blick auf den Boden. Das war ihr schonmal passiert. Damals als sie mit Cyriell gemeinsam das Revier betreten hatte.
Verlegen über die Situation senkte sie den Blick wieder auf den Boden und betrachtete diesen ausgiebig. Die weiße Fähe war sichtlich nervös. Sie hatte den Schwarzen zwar ein paar mal gesehen aber seine Anwesenheit trieb ihr jedesmal düstere Schauer über den Rücken. Er war finster, wirkte wie ein lebender Schatten auf sie und stellte für sie einfach nur die Finsternis dar. Er war also das totale Gegenteil von Cyriell. Er erschreckte sie. Er faszinierte sie. Er stiße sie ab und lockte sie zugleich näher. Er weckte ihre Neugier und beflügelte ihre Angst. Sie wusste schlichweg nicht was sie denken sollte



Der Sturm war über das Tal hinweg gefegt, hatte getobt, gewütet und schließlich den Wölfen das genommen, was ihnen am liebsten war. So war es im Leben, es spielte einen ewigen Kreislauf aus Tod und Wiedergeburt, Altes verging, damit Neues entstehen konnte. Nur eines ging nicht: Er.

Shaén hatte es nicht gewagt seinen - wie sollte man sagen? – Freund – war dies weit her geholt? – oder auch Bruder im Geiste, auf seine Tochter anzusprechen, die ihm von Sekunde zu Sekunde ähnlicher zu werden schien.
Der Schwarze hatte im Laufe der Jahre, die ins Land zogen und ihm Erfahrung schenkten, einen Blick für die Seele anderer Wölfe und Lebewesen erhalten. Leicht konnte er sehen, mit was für einer Art Wolf und welchem Charakter er es zu tun hatte. Die Seele von Welpen war rein, unbedarft, wie das klare Bergwasser, welches aus den Gletscherspalten sprudelt. Funkelnd und klar, wie der blaue Himmel, eines taufrischen Morgens, von Sonne und Wolken unberührt.
Die junge Seele der kleinen Aléya hingegen... Sie behielt ihren klaren Glanz und schien doch zunehmest von etwas eingenommen zu werden, was der Rüde nicht erkennen konnte.
Schweigend hatte der Hüne die Kleine beobachtet, aus der Ferne und unerkannt natürlich, und hatte keine Veränderung in ihrem Charakter fest stellen können. Sie blieb die lebendige, aufgeweckte Fähe, die schnell ihre Scheu verloren hatte. Auch vor dem Wanderer, dessen Gedanken an Weiterziehen zur Ruhe gekommen waren und der hier von etwas viel stärkerem gehalten wurde, was noch unerkannt blieb.

Die Nachricht, dunkel und schwer, wie ein Donnergrollen, hatte auch ihn ereilt und ein kleiner Teil des Rüden fühlte mit. Sein früheres Leben hatte Mitgefühl verboten, jetzt spürte er es umso stärker. Er konnte als Neuling natürlich nicht den Verlust begreifen, doch konnte er deutlich den Kummer spüren, der wie die schweren Regenwolken über dem Rudel lag. Die Sonne war unter gegangen und der Mond versteckte sich, wollte nicht die Nacht erhellen. Noch nicht.

Die dunklen Ohren bewegten sich langsam, aber regelmäßig vor und zurück, um dem Wind auszuweichen, der in seinen Ohrmuscheln heulte und brauste, zugleich um aber auch wichtige Dinge nicht zu überhören.
Rasch, aber ohne Panik bewegten sich die dunklen Pfoten über den Boden, während in seinem Nacken deutlich die Bedrohung saß, wie bei allen anderen Wölfen. Eine seltsame, befremdliche Erfahrung für den Rüden, der als Krieger stets der Jäger und niemals der Gejagte war. Es riss an seiner Seele, rüttelte wie der Sturm an den Zweigen und dennoch ließ die schwarze Maske nichts davon durch scheinen. Das Feuer, welches irgendwo in ihm noch brannte, hielt er gekonnt in Schach. Es wäre ein unpassender Zeitpunkt sich zu verlieren.
Die Gelegenheit ergab sich für den Schwarzen auch nicht, denn ein weißer Schatten aus hellem Pelz flog an ihm vorbei, bevor der Leib zu Boden ging. Den Zusammenprall hatte er nur als kurzen Druck an seinen Hinterläufen gespürt, da war Shaén schon halb herum gewirbelt, eine alte Reaktion seines Körpers, der darauf geprägt war zu reagieren und sofort zu Handeln, sollte sein Impuls erweckt werden. Sofort unterdrückte er die alten Instinkte, hielt in der Bewegung inne und beäugte die Weiße, die mit einer Mischung aus Angst, oder gar Ehrfurcht und zugleich jugendlicher Neugier zu ihm aufsah. Die klaren Augen des Rüden hielten ihren neutralen Ton, ließen sich nicht beeinflussen und gaben keinen Ärger oder andere Gefühlsregungen preis. Tatsächlich war er nicht ärgerlich, nicht ein Mal erstaunt, hatte er die Bewegung und den Luftzug gesehen und gespürt. Was aber sollte er nun tun? Einfach weiter gehen, ihr keinen Blick mehr schenken, die Fähe sich selber überlassen. Es war sein altes Leben. Gnadenlos und unbarmherzig. Langsam, um die Weiße nicht zu verschrecken, näherte sich der Hüne, blieb dann auf kurzer Distanz stehen.

Alles in Ordnung?



Als das Rudel sich auf die Flucht begab war die kleine Sternenleier wieder allein gewesen. Noch immer hing die Trauer der Wölfe über dem ganzen Tal. Obgleich, dass Tal existierte in dem Sinne gar nicht mehr. Nein, ganz im Gegenteil, das Nichts hatte wirklich alles verschluckt, was einst gelebt.
Und nun wollten sie alle fliehen? Wohin und wie lange? Wenn das Nichts wirklich alles verschwinden ließ, dann dauerte es doch nur noch ein paar Jahre, wenn nicht sogar nur Monate, und die ganze Welt wurde dem Erdboden gleich gemacht, als hätte sie vorher nie existiert?
Minor hielt sich am Rattenschwanz des Zuges auf, machte sich keine große Mühe aufzuschließen, denn noch immer fühlte er sich völlig allein und unverstanden.
Die kleine Sternenleier wagte dennoch keinen Blick zurück, wagte es auch nicht einfach stehen zu bleiben um seinen Leben ein Ende zu setzen. Denn Leben wollte der Schwarzfang wirklich, er wollte einfach nur Leben und akzeptiert werden.
Wie lange lebte er nun schon in diesem Rudel? Es war viel zu lang um immer noch allein zu sein.
Shákru ließ seine Ohren kreisen, richtete den Blick gen Himmel und seufzte leise. Wie viele Schritte musste er noch gehen um das zu finden, was er schon so lang suchte.
Minor fühlte sich schrecklich. Er konnte es sich nicht wirklich vorstellen noch mal dem Rudel den Rücken zu kehren. Irgendwie hing er doch an ihnen, aber andereseits schrie immer wieder eine Stimme in ihm:ICH WILL RAUS!!!
Die kleine Sternenleier war ein Familienwolf, er brauchte Freunde, er brauchte Liebe, er brauchte Wärme und Schutz. Der Schwarzfang stolperte kurz über seine eigenen Pfoten. Er fühlte sich plötzlich so geschwächt und kaputt. Trüb blickten seine Augen über die trostlose Landschaft. Er konnte sich nicht mal mehr für die wunderschönen Berge begeistern, sondern ließ das Bild völlig verschwimmen, machte sich keine Mühe es irgendwie festzuhalten.
Shákru fiel immer weiter zurück. Die letzten Wölfe warenn vielleicht zwanzig Wolfslängen vor ihm und die Gefahr war groß, dass er sie aus den Augen verlor.

Muss ich denn sterben um zu leben?

Shákru bemerkte eine ihm bekannte Witterung. Langsam hob er den Kopf und erkannte ganz in seiner Nähe Cassio. Minor wusste nicht genau, ob er nun zu ihm gehen sollte oder doch lieber allein blieb. Die Sternenleier verharrte für einen Moment in seiner Position und horchte in sich hinein, aber da war keine Stimme, die ihm etwas riet. Also war er doch allein.



Isis war unglaublich froh, dass sie Katsumi an ihrer Seite hatte. Der Rüde schenkte ihr doch immer wieder Hoffnung und neues Lebensgefühl. Ein leichtes Lächeln huschte über ihre Lefzen, als er ihren Leib gegen seinen drückte. Es spendete Trost, aber lang konnten sie die Nähe nicht genießen, denn das Rudel musste dringend weiter. Immerhin lüchteten sie nun vor etwas, dass sie nicht einmal benennen konnten.
Was hatten diese Wölfe nur versündigt, dass sie so gequält wurden? Selbst mit ihrem Glauben konnte sie dafür kaum eine Erklärung finden. Lag es vielleicht daran, dass Götter allgemein rachsüchtig waren?
Isis spürte ihre Pfoten auf dem Boden schlagen, spürte die zunehmende Kälte und den eisigen Wind. Nein, soweit im Norden war sie noch nie gewesen, sodass ihr Fell auch nicht für das Wetter geschaffen war.
Schon nach einigen Augenblicken wurde sie langsamer, denn ihre Glieder waren fast steifgefroren.

"Mich bedrückt so vieles, Katsumi. Ich weiß nicht, was mit Akru los ist, wie es ihm geht. Und Chanuka macht mir Sorgen. Er hängt lieber seinen Gedanken nach, ich komme nicht an den Kleinen ran."

Isis seufzte, dann schleckte sie Katsumi über die Schnauze. Selbst ihre Zunge war schon unnatürlich kalt. Akru fehlte ihr. Natürlich war Katsumi da, aber wo war nur der Zeitwächter? isis spürte, dass ihr etwas diesbezüglich einfach entglitt ohne, dass sie es mitbekam.

"Ich bezweifle langsam, dass ich überhaupt dafür geschaffen bin mich um Chanuka zu kümmern. Vielleicht sollte ich mit Tyraleen sprechen."



„Sprichst du mit mir?“,

kommentierte die verwunderte Majibáh die Worte ihrer Schwester, welche sie nicht begreifen konnte. Sie kannte nicht den Namen, der gesprochen worden war, führte es jedoch auf irgendein Mitglied des Rudels zurück. Nach einer Zeit jedoch war das ohnehin schon vergessen. Früher oder später würde sie eine Antwort erhalten und wenn nicht, würde sie sich damit auch abfinden können. Es beschäftigte sie nämlich noch andere Dinge, Dinge, die momentan wichtiger zu sein schienen.
Es waren einige Tage vergangen, seitdem die Fähe aufgenommen worden war. Jedoch konnte sie sich noch genau daran erinnern. Welche Verwunderung in ihren Augen gestanden hatte, hatte sie doch nicht um Einlass gebeten und trotzdem das Tal der Sternenwinde betreten. Eigentlich etwas, das die Alphas sich nicht hatten bieten müssen. Doch stattdessen war sie äußerst warmherzig empfangen worden. Möglicherweise lag es an der Tatsache, dass ihr Blut des der Jumaana gleichte. Eines – früher – stets treuem Wolfes. Aber sie hatte alle in Stich gelassen. Ihren Geliebten Takashi, ihre Freunde, einfach alle. Kopfschüttelnd hatte die Weiße ihr Gegenüber betrachtet. Voller Erstaunen hatte sie angenommen und sich vollkommen überschwenglich bedankt. Auch wenn noch einige Fragen offenstehen geblieben waren. Sie wünschte sich einfach etwas mehr Informationen, was in den letzten Jahren geschehen war, wem sie sich unterordnen musste. Und ein weiterer wäre, dass man sie bekanntmachen würde. Schließlich war sie nicht grundlos aus der Versenkung wieder aufgetaucht. Nein, sie hatte alles vermisst. Die Gesellschaft anderer, die sowohl unterschiedlich als auch gleich waren, anderer ihrer Art. Mit denen man Gespräche führen konnte, aus denen Freundschaften hervorgehen könnten oder andere Gefühle. Gefühle, die sie in der Einsamkeit furchtbar vermisst hatte. Noch etwas fehlte ihr - Aufklärung. Aufklärung über alle möglichen Ereignisse und Gefahren. Vielleicht war ihr bisher einige Sachen verschwiegen worden, über die sie unbedingt Bescheid wissen musste, wenn ihr ihr Leben lieb war? Nun entschloss sie sich dazu, Jumaana darum zu bitten, sie einmal zu Nyota zu begleiten. Damit sie endlich mehr über die Hintergründe erfahren würde.

„Schwester? Könnte ich dich um einen Gefallen bitten?“

Ihr Blick streifte kurz über einige ihrer Genossen, welche sie nicht zu erkennen vermochte, ehe sie ihn wieder auf den Boden richtete. Als wäre er interessant. Dabei ging es ihr um etwas anderes. Noch war sie nicht bereit dazu, jemanden in die Augen zu sehen. Zu forschend wäre es in diesem Moment gewesen, wo sie doch um eine Bitte gewährte. Erst, wenn sie für eine Verneinung Verständnis erklärt hatte. Es sei denn, es wurde bejaht. Dann würde sie anders reagieren. Weitaus freundlicher und nicht mehr nur höflich. Persönlicher. Wie in einer tiefen Liebe zwischen zweier Tiere, die kaum Zeit hatten, eine Beziehung aufzubauen, und sich doch kannten. Besser als jeder andere, fast, fast besser als jeder andere. ... Auf einmal, ganz plötzlich, war alles verdrängt, was vorher geschehen war. Diese durchaus merkwürdige, aber doch erfreuliche Reaktion der Anführer. Was sie gesprochen hatte, einen ebenso seltsamen Namen, der bei ihr nur Verwirrung hervorrief. Alles eben.



Malicia keuchte leise; es fühlte sich an, als würde die Last in ihrem Maul sie immer langsamer werden, als würde Faith den Kopf der Wölfin unaufhaltsam herunterziehen. Die Schwarze suchte nach einer passenden Antwort, während ihre Pfoten in einem regelmäßigen Rhythmus auf den Boden trafen. Die kleine Weiße sollte nicht denken, dass Malicia sie einfach runterließ, wobei sie vielleicht sogar vor Schwäche zusammenbrechen würde. So war Malicia nicht. Nicht herzlos. Sie war schließlich eine Wölfin mit Stolz. Die sich nicht umsonst rühmen konnte. Malicia hatte nach ihrer Rückkehr immer daran gedacht, für Banshee da zu sein, ihr beizustehen. Sie wollte, dass ihre Mutter in ihr wieder die kleine Fähe war, die nicht von der Weißen ablassen konnte. Und auch jetzt schwebten ihre Gedanken zum Teil bei der verstorbenen Wölfin. Wie viel hatte sie der Schwarzen bedeutet. Alles. Wie sehr hatte sie sich ein zweites Leben für Banshee gewünscht. Über alles. Was hätte sie dafür gegeben. Ihr Leben. Banshee war der einzige Grund zum Leben gewesen, lange Zeit. Doch mit einem Lächeln konnte sich Malicia an Yerik erinnern, der ihr gesagt hatte, dass sie ihn an das Meer erinnert. Er war ihr Sonnenaufgang. Und Cumará war auch so viel für sie. Aber nicht alles, wie Banshee. Nur eine wunderbare Freundin, die ihr alles gab, was sie konnte. Und dann verschwand. Malicia schluckte die Tränen herunter. Nicht jetzt, nicht hier.

» Half fie Klaffe! «

Knurrte sie leise. Sie wusste nicht, ob die kleine Welpin in ihrem Maul sie verstand, doch dennoch sprach die große Fähe. Versuchte zu sprechen. Ihre langen, schlanken Beine fühlten sich wie gelähmt an und die zarten Pfötchen prasselten weiter auf den Boden. In der Ferne, vom Nichts verschleiert, sah die Hochgewachsene Isis, die Wüstenwölfin, und Katsumi. Weiter, immer weiter, steuerte sie auf die beiden zu, in der Hoffnung, dass sie wussten, wo die Ranghohen des Rudels waren. Die Tochter der toten Alpha keuchte leise und trieb sich noch ein wenig mehr an. Bald hatte sie zu den beiden Braunen aufgeholt und musterte sie aus den Augenwinkeln. Sie bremste ihr Tempo ein wenig, so dass sie genau auf Isis' Höhe war. Dennoch musste sie auf die zierliche Wölfin hinabblicken, da Malicia von Acollon und Banshee eine beachtliche Größe geerbt hatte.

» Weif Fu, wo Feena if? «

Malicia hoffte inständig, dass die junge Wüstenwölfin dieses Kauderwelsch verstand. Fragend warf sie der Hellbraunen einen Seitenblick zu. Zudem hoffte sie, dass die junge weiße Sheena ihr helfen konnte. Wahrscheinlich wollte Tyraleen nicht gestört werden. Vorhin hatte sie zumindest ziemlich geschäftigt gewirkt. Kein Wunder, da Banshee ihr so eine große Last übertragen hatte. Malicia hoffte, dass wenigstens Averic bei ihr war. Ein leises Seufzen verklang im Nackenfell der Welpin, deren Namen Malicia noch immer nicht wusste.



Sein Blick glitt den Weg zurück, den sie gekommen waren. Wieder und immer wieder. Im Gegensatz zu seiner Gefährtin sah Aszrem sich jedoch nicht hauptsächlich wegen der Welpen um - Nyota und Kylia hatten ein Auge auf die beiden, und das würde reichen - sondern um sich zu vergewissern, dass das Nichts nicht hinter ihnen den Weg abschnitt, und damit das Rudel womöglich einschloss. Der Schwarzsbraune wusste, dass das Nichts sich nicht so schnell ausbreitete, und dass es daher nicht plötzlich wie eine Nebelbank hinter ihnen über den Weg wabern würde. Und trotzdem. Das Phänomen des Nichts selbst war mittlerweile so unheimlich, dass Aszrem sich nicht dieses unguten Gefühls erwehren konnte. Äußerlich mochte er ruhig wirken, fast schon unnatürlich gelassen angesichts der Situation. Doch das war nur seine übliche Fassade, jene, die er sich angewöhnt hatte zu tragen für die Rolle als stiller Beobachter. Es war zu einem Teil seines Wesens geworden, Fragment der Lebensweise, die er für sich gewählt hatte. Und so kreiste die Unruhe durch seine Adern, ohne nach Außen zu dringen - bis auf eben jene Blicke, die er immer wieder hinter sich warf.
Aszrem wandte sich wieder nach vorn um, sein Blick strich über Nyota und blieb für einen Moment an ihr hängen. Im Gegensatz zu ihm strahlte sie zwar keine Ruhe, dafür aber Entschlossenheit aus. Gut so, keiner von ihnen konnte es sich leisten, sich jetzt seinen Ängsten oder gar der Verzweiflung hinzugeben. Von dem Erfolg ihrer Aufgabe hing das Überleben des Rudels ab.
Auf ihre Worte hin nickte er nur. Ja, dort vorne sollte es in der Tat einen Weg geben, und ja, lasst uns alle hoffen, dass er noch begehbar war. Seine Zustimmung laut kundt zu tun, hielt er nicht für nötig, das war nicht seine Art.
An seiner Rute hing plötzlich ein Gewicht, und unwillkürlich tat er er einen, dann einen zweiten Rutenschlenker, als wolle er ein lästiges Insekt verscheuchen. Nur handelte es sich dabei um eine Reaktion, die durch unzählige Rutenbeißattacken seiner Tochter bereits zu einem Reflex geworden war. Nerúi ließ kurz darauf wieder von ihm ab und wandte sich wieder Turién zu. Ihre Worte entlockten ihm den Hauch eines Schmunzelns, das sogleich wieder erstarb. Er wandte den Kopf zur Seite und stieß Nyto leicht mit der Nase gegen ihre Wange. Eine zärtliche Geste, die Mut machen sollte, und die doch mehr von seinen Sorgen bloßlegte, als er selbst ahnte.

'Ich hoffe, Engaya ist so gnädig, wie du es mir immer erzählt hast. Für Nerúi. Für das Rudel.'



Sonnenschein .
Dies war die Stimme, die einzig wahre Stimme. Dies wurde Liel in dem Augenblick bewusst. Diese traurigen Augen, die sie anblickten, ihren Blick nicht mehr loslassen wollten, wie gefangen hielten und doch geschah dies mit ihrer Einwilligung. Sie wollte ihre Geschwister, Shani, nicht als Lügner darstellen und doch wusste sie, dass Chanuka ohne jegliche Hintergedanken zu ihr gesprochen hatte, es war alles, was er zu sagen hatte, es waren jene reine Worte, die Liel hören musste. Keine hasserfüllten Worte, wie Krolock sie nur immer bereit hielt, keine zitternden Worte, wie Ciradán sie nur noch finden konnte und aber auch keine liebkosenden Worte, wie Shani sie ihr mitgeben konnte. Worte die aus dem Innersten kamen und Worte die ihr Innerstes erreichten.
Die Tränen wollten sie übermannen und doch hielt sie den Blick erhoben, gefesselt von den tränengefüllten Augen ihres Gegenübers. Isis war in den Hintergrund gerückt, auch die weisen Worte der Fähe hatte sie nicht mehr wahrgenommen und wahrscheinlich konnte sie nur froh sein, wenn sie nicht gegen irgendetwas laufen würde. Doch sie wollte diesen Moment nicht einfach fallen lassen, sie hätte es auch gar nicht gekonnt. Es schien ihr, als könnte sie seine Gefühle spüren, seine Gedanken lesen. Die Schmerzen die in ihm brannten, wollten auch von ihrem Körper Besitz ergreifen und sie ließ es zu, ihr Schmerz konnte sie nicht umbringen, seinen Schmerz würde sie auch noch aushalten können, sie würde alles für ihn tun können.
Scheinbar wollte er nicht reden, wollte sie es denn?
Systematisch setzte sie eine Pfote vor die andere, immer weiter vorwärts, die Pfoten, die langsam anfingen zu schmerzen nahm sie gar nicht wahr. Der Augenblick erschien ihr wie verzaubert, sie hätte am liebsten die Zeit angehalten, die Welt sollte stehen bleiben, nur für diesen einen Augenblick. Aber ihr war klar, dass dies nicht möglich war, also blieb sie einfach stehen, ihre kleinen Pfoten stemmten sich in den Boden, die drohende Gefahr des Nichts war vergessen, war dies ihre Zeit zu sterben, konnte sie es nicht ändern. Sie würde tun, was sie tun musste. Langsam rollten nun Tränen ihre Schnauze herab und noch immer wendete sie nicht den Blick von ihrem kleinen Freund ab, er hatte das Recht sie traurig zu sehen, er durfte ihre Schwäche kennen, denn sie kannte auch seine Schwäche, sie glichen sich, ohne, dass er ihr Bruder war. Zumindest nicht ihr richtiger Bruder.
Und dann lächelte sie, sie konnte nicht sagen, wie lange sie nicht mehr so gelächelt hatte, aber trotz des tobenden Schmerzes und der Traurigkeit, welche sich in ihrem Körper eingenistet hatte, fühlte sie sich plötzlich gut. Sie fühlte, dass sie einen wichtigen Wolf wieder getroffen hatte, sie wusste instinktiv, dass dieser Wolf sie und sie diesen Wolf noch lange Zeit begleiten würde, sollten die Umstände sie nicht zu anderen Wegen auffordern, und diese Gewissheit ließ die kleine Fähe erstrahlen. Das Lächeln wuchs, noch während die Tränen langsam zur Erde tropften, und ein beinahe verzauberter Glanz schlich sich in ihre Augen.

„Ich bin so traurig… und gleichzeitig so froh!“

Ob Chanuka dies verstehen würde, wusste sie nicht. Ihr selber war dieses Gefühlschaos total fremd, sie konnte nicht viel mehr damit anfangen, außer zu versuchen die Sonnenwirbel in ihr drin zu ordnen und in eine richtige Reihenfolge zu bringen. Langsam ebbte das Lächeln wieder ab, das Glänzen in ihren Augen verschwand jedoch nicht vollkommen, sie hatte neuen Mut geschöpft und würde ihren Weg weiter gehen können. Zusammen mit einem Freund.



Ein leicht amüsierendes Bild gab Atalya schon ab, als sie versuchte Liam mit ihrer Feder im Maul über die Schnauze zu schlecken und fast hätte er laut heraus lachen müssen, als die Feder in an seinem empfindlichen Maulfell leicht kitzelte, aber er wollte nicht, dass sie dachte, er würde über sie lachen, außerdem empfand er es in dieser Situation als nicht richtig angemessen. Trotzdem wollte er ihr nicht vorenthalten, warum er so grinsen musste.

„Liebes, deine Feder kitzelte mich ganz unangenehm unter meinem Maul, deshalb muss ich so grinsen, fast hätte ich niesen müssen“

Wie zur Bestätigung kräuselte sich seine Schnauze und er kniff die Augen zusammen, sodass winzige Tränen in ihnen auftraten. Dann ertönte ein leises Niesen und der helle Wolf grinste die kleine Fähe wieder munter an. Sie sah nicht so traurig aus, als dass sie ihm sein Verhalten übel nehmen würde, außerdem hatte er ja wirklich nichts dagegen tun können. Doch trotzdem wollte er nicht weiter irgendwelchen Schabernack machen, sondern sich vernünftig um sie kümmern. Mittlerweile war er auch zu dem Entschluss gekommen, dass er sie doch ein kleines Stück tragen sollte, einfach um ihre Pfoten ein wenig zu entlasten. Sanft beugte er sich weiter zu ihr herüber und packte sie sanft am Nackenfell, sie war mittlerweile schwerer geworden, doch das bereitete ihm keine große Mühe, er war ein kräftiger Rüde und außerdem hatte er nicht vor, sie Kilometer weit zu tragen, noch konnten sie auf einen nahen Ort hoffen, an dem das Nichts sie nicht würde erreichen können.
So schaukelte er die Fähe leicht im Takt seiner auf und ab wippenden Rute, zu seinen trippelnden Schritten, hin und her. Erst als ihre Frage ertönte, fragte auch er sich, wohin sie eigentlich liefen. Zwar kannte er diese Gegend hier, war er auf seinen langen Streifzügen durch das Rudel, doch auch hier vorbei gekommen, doch mit Gewissheit konnte er auch nicht sagen, wohin die Reise gehen würde. Es war schließlich eine Flucht vor etwas, was sie nicht bestimmen konnten, wie sollten sie dann ihren Weg bestimmen können?

„Isch kann dir auch nur sagen, dasch wir Rischtung Geirge lauschfen und Nyota folen“

Dass das Fell ihn sogar im Maul kitzeln würde, damit hatte er nicht gerechnet. Er war einfach zu ungeübt im Welpen tragen, das sollte sich nun ändern, solange Atalya noch in einem tragfähigen Alter war zumindest. Er spitze die Ohren, er hatte aus Atalyas Frage abgeleitet, dass sie gerne wissen wollte, wohin ihre Reise gehen würde und so wollte er keinen Ruf von irgendeinem Wolf verpassen, der ihnen sagen würde, wohin ihr Weg sie führte. Außerdem überlegte er sich, dass es Atalya bestimmt freuen würde, als eine der Ersten zu laufen, zumindest als eine der Ersten des Rudels und so nahm er ein wenig an Tempo auf und lief um die anderen Wölfe herum. Sein Weg führte ihn in Schlangenlinien um viele vereinzelte Wölfe, aber auch Wolfsgruppen herum, sodass er immer bemüht war, sich nicht zu sehr in die Kurve zu legen, damit Atalya nicht zu sehr durchgeschüttelt wurde. Da sie die ganze Zeit über nicht als eine der Letzten gelaufen waren, dauerte es auch nicht lange, bis sie sich quasi an der Spitze des nachfolgenden Rudels befanden und nun wurde Liam wieder langsamer, er wollte den anderen schließlich nicht davon laufen, sondern Atalya nur einen ungestörten Blick auf die Landschaft schenken.



Pfoten trommelten im immer gleichen Takt auf den Boden. Das ganze Rudel war unterwegs. Noch nie hatte Chanuka sie gemeinsam laufen gehört. Es kam ihm laut vor, bedrohlich, ohne dass es ihm Angst machte. Es trieb ihn nur aus seiner dumpfen Welt hinaus. Besser als das Trommeln, wirkte Liels Gesellschaft.
Isis hatte sich von ihnen abgewandt und Chanuka wusste beim besten Willen nicht, wie er aus der Wölfin, die seine Patin war, schlau werden sollte. Ob sie sich verpflichtet fühlte, sich um ihn zu kümmern? Dass hatte er nicht gewollt. Er brauchte niemanden, wenn derjenige nicht bei ihm sein wollte. Liel wollte bei ihm sein. Sie hatte es nicht gesagt und trotzdem fühlte es sich anders an, als bei Isis. Nie wäre er auf die Idee gekommen, seiner Patin einen Vorwurf zu machen. Wenn sein Leben nicht gerade so sehr aus den Fugen geraten wäre, hätte er sich über jede Gesellschaft gefreut.
Chanuka betrachtete Liel und überlegte, warum sie eigentlich Freunde waren. Und warum er sich da so sicher sein konnte. Sie waren sich nur begegnet, wie er allen anderen Welpen begegnet war. Ihre unbändige Lebensfreude hatte es ihm angetan, aber sie war, wenn er darüber nachdachte, nicht anders als bei Nerúi, oder Turién, oder Caylee. Trotzdem war es von Anfang an anders gewesen. Vielleicht, weil sie keine Geschwister waren und weil sie nacheinander Ausschau gehalten hatten. Er wusste es nicht genau, zumindest konnte er es mit reinem darüber nachdenken nicht greifen. Es war eben Freundschaft und die schloss man mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf. Immerhin fühlte er ihren Schmerz auch nicht in Gedanken, sondern tief ihn sich drin.
Er hörte nicht auf, sie anzuschauen. Hin und wieder flackerte sein Blick einen Augenaufschlag zum Weg vor sich, dann hing er wieder an ihren Augen, die sich mit zu viel Schmerz gefüllt hatten. Sie kämpfte dagegen an, er wusste es, aber er sagte nichts dazu. Sie führten ein stummes Gespräch, wie er es noch nie mit einem Wolf geführt hatte. Er hätte nicht einmal gedacht, dass es möglich war. Er versteckte nichts vor ihr und vielleicht konnte sie ihn deshalb verstehen. Und er wusste, dass sie verstand und verstand sie, ohne Worte. Liel öffnete sich ihm, vollständig. Er sah alles, was er sehen konnte und spürte, was zu spüren war. Der Schmerz brach aus ihr hervor und er nahm ihn an, so wie sie seinen annahm. So ganz konnte er sich nicht erklären, was geschah. Aber er sah, was er fühlte, auf ihrem Gesicht und sie formte das Gefühl in ihr sonniges Lächeln. Trotz all der Trauer, lag keine Lüge in ihren Augen. Seine Züge wurden sanft, als wären sie von einer Last befreit worden. Sein Lächeln wirkte nicht strahlend, in keiner Form wie das Ihre. Es war ruhig, zart und vielleicht würde es nicht einmal jeder sehen können. Aber es war da und drückte das gleiche aus. Er musste den Schmerz nicht mehr allein tragen.
Er nickte zu ihren Worten und war sicher, dass sie verstanden hatte, dass er nicht anders fühlte. Vorsichtig und zaghaft schmiegte er seinen Kopf gegen ihre Schulter und schleckte ihr dann sanft über die Wange.

“Danke dass du auf mich aufpasst.“, flüsterte er ihr ins Ohr. „Und danke, dass ich auf dich aufpassen darf.“

Er hätte sich nun gerne neben sie gelegt, ganz nah und sich ausgeruht. Nicht vom Laufen mit dem Rudel, sondern vom allein sein und der andauernden Trauer. Der Schmerz würde nicht weg gehen, er war einfach immer da und vielleicht würde er immer da sein. Aber seit Tagen fühlte er sich das erste Mal wieder fähig, frei zu atmen.



Tänzelnd trugen Malakím seine Pfoten voran, gelegentlich von einem Sprung unterbrochen, ein Hüpfer über ein Grasbüschel. Oder einen Ast. Oder einen Stein. Oder um einen Baum herum. Fehl konnte er nicht gehen, die Geruchsspur lag klar und deutlich in der Luft, und so schadete der eine oder andere Schritt vom Wege sicherlich nicht. Er würde das kleine Grüppchen schon einholen, allein kam man ja doch schneller voran als in der Gruppe.
Malakím schnippte vergnügte mit den Ohren und tat ein paar weite Sätze voran, schlug einen Haken vor einem imaginären Hinderniss und hüpf-tänzelte sogleich wieder voran. Seine Augen glitten über die Umgebung, in einiger Entfernung schimmerte zwischen den Baumlücken hindurch das Nichts. Nun, soweit Nichts schimmern konnte. Der Schwärzling sann ein paar Lidschläge lang darüber nach, ohne dabei inne zu halten und entschied schließlich: ja, das Nichts konnte durchaus schimmern, denn irgendwie war es von einer geheimnisvollen Schönheit geziert, und diese Schönheit musste dennwohl das Schimmern sein. Malakím lauchte kurz auf, erfreut ob seiner Erkenntnis und wandte sich dann ab. Flugs erhöhte er sein Tempo, unterbrach derweil seine Hüpf-Täzel-Spielerein, um ein gutes Stück Distanz zu dem Spähtrüppchen zu verringern. So dauerte es denn auch gar nicht lange, da konnte er vorraus bereits Bewegungen ausmachen. Oh, und hatte da nicht gerade jemand einen Blick zu ihm herüber geworfen? Hatte man ihn schon gehört, gar gesehen? Hach, und wenn schon! Nun wieder tänzel-hüpfend schloss er zu der kleinen Gruppe auf, derweil er bereits erste Gesprächsfetzen aufschnappte. Genaugenommen das Gespräch zwischen der kleinen schwarzen Prinzessin und ihrem silbernen Prinzen.

"Heyda, warum warten? Der gute Malak trägt dich auch jetzt, wenn du willst!"



Liam wurde genau beobachtet, und so gut es ging versuchte Atalya mit ihm Schritt zu halten. Er war nun mal viel größer, da musste sie sich wirklich anstrengen, dass er nicht einfach davon lief. Sie war gespannt, ob er wußte, wohin ihr Weg sie führte. Was war wohl noch übrig, und was hatte das Nichts noch nicht verschluckt? Auf seine Worte hin, die noch keine Antwort auf ihre Frage waren, sondern nur, dass ihre Feder ihn kitzelte, blinzelte sie leicht verwirrt. Und dann nieste er auch noch. Und ehe sie überhaupt hätte reagieren können, durch Worte oder Taten, wurde sie schon im Nacken gepackt und hoch gehoben. Hui! Sofort spürte sie die Erleichterung ihrer Pfoten, sie musste keine Sprünge mehr machen, um mit Liam mit zu halten. Aber fast wäre ihr die Feder aus der Schnauze gefallen, aber nur fast! Es dauerte noch einen kleinen Moment, dann folgte auch schon eine genuschelte Antwort auf die Frage, die sie vor ihrem Höhenflug gestellt hatte. Die Graue biß die Fänge ein wenig aufeinander, um ihr Geschenk besser halten zu können, lauschte aber mit aufgestellten Ohren den Worten ihres Paten. Gebirge. Nyota.. folgen? Die Schwarze war mit ihrer Mama, Turi und Nerúi und ein paar anderen los gezogen, und sie liefen ihnen also nun hinterher? Während der große Rüde sie so rum trug, und sich anscheinend einen Weg nach vorn suchte, drehte Atalya die Ohren überleged hin und her. Sie achtete nicht auf den Weg, den Liam lief, nur einige Wölfe blieben ihr im Gedächtnis, an denen sie vorbei gelaufen waren.

"Liam? Wasch ischt, wenn im Gebirge auch ein Nichscht ischt?"

Die Augen der kleinen Fähe wandten sich kurz zum Rudel, suchten Madoc und ihre Geschwister. Dann versuchte sie zu ihrem Paten hoch zu blicken, wieder auf eine Antwort wartend. Was war, wenn dort, wo sie hin gingen, auch so ein doofes Nichts war? Wo würden sie dann hin gehen?



Anscheinend schien es die kleine Fähe gar nicht so sehr zu interessieren ganz vorne zu laufen, spätestens wenn sie angekommen waren, würde sie sich sicher freuen, die Erste zu sein. Und wenn nicht, würde Liam sich an ihrer Stelle freuen. Er war jetzt schon begeistert von dem Ausblick den er hatte, vor ihm türmte sich das Gebirge auf und mit jedem Schritt den er tat, wurden sie ein winziges bisschen größer. Den unerfreulichen Grund, welcher sie unaufhaltsam gen Gebirge drängte, hatte er ein wenig nach hinten verschoben. Immerhin hatte sie sich wohl doch gefreut, als er sie hochgenommen hatte, sie hatte gleich viel erleichterter ausgesehen und schien sich auszuruhen, während er sie hin und her schaukelte. Zumindest schien ihre Miene das zu verraten, es war nicht ganz einfach ihre Mimik aus den Augenwinkeln zu beobachten, es strengte ihn an, seine Augen so zu drehen, dass er sie anschauen konnte, außerdem war ihm dabei seine Schnauze im Weg. Deshalb versuchte er einfach zu erfühlen, wie sie sich gerade fühlte. Ganz klappte es noch nicht, er schob es darauf, dass sie noch keine so enge Bindung hatten. Das würde sich nun ja hoffentlich ändern.
Ihre nächste Frage ließ ihn aufhorchen, die Kleine stellte ganz schön schwere Fragen. Schwere Fragen, weil er keine Lösungen kannte, weil wahrscheinlich niemand diese Lösung kennen würde. Wer konnte schon wissen, was weiter passieren würde, wenn das Nichts sie eingekesselt hatte und immer näher rücken würde. Entweder sie würden verschluckt oder sie mussten verhungern. Aber vielleicht nahm das alles auch eine andere Wendung, vielleicht würde irgendetwas übernatürliches passieren und sie so alle gerettet werden…!?
Er wollte der Kleinen keine Angst einjagen, er wollte sie aber ebenso wenig anlügen, deshalb versuchte er sich in seinem Kopf eine passende Antwort zu Recht zu legen und bewunderte dabei weiter die Landschaft.
Kurz wand er seinen Kopf nach hinten um das Rudel zu beobachten, welches ihm folgte. Es war ein merkwürdiges Gefühl, noch nie hatte er ein solches gehabt. Und er fühlte sich unwohl, er war nicht dazu geboren ein Rudel zu führen, war es doch nur, um vorne zu laufen und viel zu sehen, Atalya viel zeigen zu können. Doch selbst dafür war er nicht geschaffen, er hatte das Gefühl, als würde er das Rudel steuern, obwohl er genau wusste, dass sie nur ihrer Alphafähe folgten. Trotzdem war er plötzlich unsicher, ob er weiter vorne laufen sollte. Doch er ermahnte sich, es würde schon nichts dabei sein, wenn er weiter die Landschaft genoss.

„Wenn in den Ergen ebenfalls dasch Nischtsch ischt, dann können wir nur noch hoffn, dassch Nyota einen Auschweg weisch oder irgendetwasch üernatürlisches passiert und dasch Nischtsch verschwinet oder unsch einen Auschweg zeigt.“

Er seufzte leicht.

„Isch bin leider nischt allwisschend, alsch dasch isch dir eine genauere und hoffnungsvollere Antwort geben könnte, so gerne isch esch täte“

Er wackelte mit den Ohren, hoffentlich würde Atalya ihn überhaupt verstehen können, Fell im Maul war doch ein wenig mehr als eine kleine Feder und er musste doppelt aufpassen, dass er sie beim Sprechen nicht fallen ließ, so wie es ihr mit ihrer Feder vorhin fast passiert wäre. Die Feder konnten sie wieder aufheben, die würde sich bei ihrem sanften Sturz nichts tun, bei Atalya sähe das ganz anders aus und er könnte es sich nie verzeihen, wenn sie ihm aus dem Maul fallen würde. Doch er trug sie sicher, fest und nicht schmerzhaft in seinem Fang und würde sie auch noch eine weite Strecke tragen ohne sie fallen zu lassen.

Tyraleen
12.01.2010, 20:10

Stumm hatte die Wölfin den Kopf geschüttelt. Nein, sie hatte nicht mit ihrer Schwester gesprochen, sondern mit der Mutter ihres Gefährten - Aarinath. Irgendwann sollte Majibáh von der toten Schwarzen erfahren, aber nicht jetzt. Nicht heute. Eine Seele zu teilen war nicht einfach zu verkraften und für Außenstehende war es vielleicht etwas zu bizarr und absurd. Auch wenn Jumaana wusste, dass ihre Schwester ihr glauben würde, wollte sie es vorsichtig angehen. Später. Wenn alles besser war.

Alles verschwamm. Sie sah Majibáh nicht mehr, die neben ihr lief, sie sah die anderen, hinter und vor sich, nicht mehr, sie sah gar nichts mehr. Alles zog an ihren Augen vorbei, ohne dass sie es wirklich wahrnahmen. Jumaana ließ kein einziges Geräusch verlauten, ihre Pfoten setzten leise und schnell auf dem Boden auf, ihr Atem ging gleichmäßig und ruhig. Nur der Wind pfiff um ihre Ohren; sie nahm ihn nicht war. Nicht einmal ihre Schwester, die neben ihr lief, war für sie da. Im Jetzt. In der Realität.
Doch dann hörte sie die sanfte, weiche Stimme der weißen Fähe und wandte leicht den Kopf. Abwesend blickte sie Majibáh an und gleichzeitig über sie hinweg, in die langgezogene Reihe verschwommener Baumgruppen. Die Augen ihrer Schwester erstrahlten in einem dunklen, sanften Blau, das Jumaana an den Sternensee erinnerte. Sie verlor sich darin und meinte, den Grund sehen zu können. Das, was da unten ist … Liebe, Vertrauen, Freundschaft, Glück. Die Wölfin fragte sich, warum ihre Schwester nichts Böses im Blick hatte. Selbst ihre Gedanken waren nicht immer rein gewesen, und für eine so treue und disziplinierte Fähe war das auch nicht gerade einfach. Aber es schien der Polarwölfin, als hätte Majibáh nie etwas Regelwidriges gemacht, sich immer untergeordnet. Jumaanas Gedanken rebellierten. Ihre Schwester und Unschuld? Sie hatte ihre Schwester wieder verlassen, dachte Jumaana, das war böse genug. Doch Jumaana wusste, dass sie ihrer Schwester keine Schuld geben durfte. Sie waren noch nicht bereit gewesen, gemeinsam zu reisen. Jetzt waren sie das. Gemeinsam mit dem Rudel.
Jumaana entglitt ihre Antwort und sie suchte eine neue auf die Frage Majibáhs. Nach einigen Minuten erst fand sie die Passende.

„Natürlich, Schwester, Du kannst mich immer alles fragen.“

Sie schenkte der Wölfin ein schwaches Lächeln, ehe sie den Blick wieder nach vorne richtete. Das Tempo hatte etwas abgenommen, doch noch immer war sie nicht erschöpft. Zumindest spürte sie nicht die geringste Müdigkeit. Den Blick stumm nach vorne gerichtet, spürte sie, wie die Angst langsam abebbte. Jumaana fühlte sich immer sicherer, je weiter sie dem Nichts entfleuchte. Die Furcht machte Erleichterung Platz. Bald wäre das Rudel in Sicherheit. Hätte sie Takashi oder Cirádan gesehen, hätte sie einen der beiden sicher aufgegabelt, aber sie schienen woanders zu sein und Jumaana fühlte sich auch so wohl in der Gesellschaft ihrer Schwester. Es war alles gut, solange sie nicht alleine war. Es war alles gut, solange die Weiße bei ihr war. Es war alles gut, solange sie wusste, dass Takashi und Cirádan in Sicherheit waren. Waren sie das denn? Stumm schüttelte Jumaana den Kopf. Sie müsste jetzt umdrehen und die beiden suchen, aber sie hatte Angst vor der Enttäuschung ihrer Schwester. So blieb sie weiterhin neben ihr und hoffte, dass es irgendjemanden gab, der einen der beiden aufgabelte und mitnahm. Sicherlich würde es jemanden geben …
Jumaana vergaß diese Gedanken und ließ sich treiben von ihren Emotionen, die sie übermannten und beherrschten. Alles vermischte sich. Trauer und Enttäuschung, Hoffnung und Liebe, Vergessen und Erlernen. Sie war hier, ihre Schwester, bei ihr und sie liebte sie. Das war alles, was noch wichtig war. Das andere wäre bald vorbei. Wenn die Berge sie in Schutz nehmen, eisige Winde sie umpfeifen würden, dann wäre alles gut. Majibáh war bei ihr. Immer. Und jetzt.


You walked with me,
Footprints in the sand,
And helped me understand,
Where I'm going

You walked with me,
When I was all alone,
With so much unknown,
Along the way,
Then I heard you say,

I promise you,
I'm always there,
When your heart is filled with sorrow,
And despair, I'll carry you
When you need a friend
You'll find my footprints in the sand

I see my life flash across the sky,
So many times have I been so afraid.
And just when I, I thought I lost my way,
You gave me strength to carry on,
That's when I heard you say



Mit munterem Gesichtsausdruck, obwohl seine Pfoten sich sehr müde anfühlten, beobachtete Turién Nerúi, die sich lebhaft wie immer an Papa Aszrems Rute klammerte. Ein breites Grinsen erfüllte dabei sein Gesicht und es fühlte sich für einen Moment so normal an. Bevor sein Blick am Wegesrand versteckt zwischen den Bäumen noch einen Hauch von Nichts erkennen konnte. Ein innerliches Seufzen entglitt dem Rüden, war von Außen aber kaum bemerkbar und das war gut so. Er musste schließlich stark und tapfer bleiben, damit die Erwachsenen auch so waren! Und damit er wie die Erwachsenen war, und somit auch schon zu ihnen gehörte, er war schließlich kein Kind mehr.

Doch dann traf ihn unerwartet etwas von halb oben auf den Rücken und ein lautes "Uff!" entfuhr ihm, bevor er spielerisch nach Nerúi schnappte und ihr leicht am Ohr zog. Als er wieder loslies bereute er es auch schon, den die Rache ließ nicht lange auf sich warten und riss den Kopf des Silberrüden stark nach unten. Auch die Ohrzieherattacke von Nerúi war nicht von schlechten Eltern!

"Eyy!"

Als sie losließ und um ihn herum hüpfte, fing auch er an leicht im Kreis zu rennen, sodass sie sich wie zwei Kämpfende langsam umkreisten. Dabei hielt sein freudiger Gesichtsausdruck jedoch an, und seine wedelnde Rute verrieten ebenso, dass er nicht auf einen spielerischen Kampf hinaus war. Denn ihre Mission war sehr wichtig wie Nerúi ja auch schon gerade gesagt hatte. Mit stolz aufgepumpter Brust hob er seine Pfoten noch ein weniger höher an und stolzierte so ganz Stolz im Kreis herum, vergaß dabei aber auch nocht weiter voran zu kommen. Ein selbstsicheres Nicken unterstützte seine Körpersprache noch.

"Natürlich retten wir alle, das ist doch klar! Wenn wir den Weg gefunden haben, dann sind alle furchtbar stolz auf uns!" , ein leises kichern war zu hören, "Und ich erklimme den Kuschelberg und gucke von da oben auf alle hinunter! Und alle werden uns ganz doll lieb haben!"

Ja das war schön. Alle würden sie ganz doll lieb haben, und es würde ihnen dann bestimmt auch keiner sooo böse sein, wenn sie irgend etwas verbrechen würden. Was der junge Rüde natürlich nicht vorhatte. Das Nichts würde ganz weg sein und sie würden einen Ort gefunden haben, wo sie keine Angst haben mussten, und wo keine Wölfe einfach so ins Nichts fielen und nie mehr wiederkamen. Sie würden alle für immer zusammenbleiben. Für immer, und glücklich würden sie sein.

"Wir werden sie alle retten!"

Die Zuversicht sprach aus seinem Innersten - daran, dass sie scheitern konnten, hatte er noch nicht einmal gedacht, diese Möglichkeit existierte nicht in seinem Welpendenken. Sie würden es schaffen, dass war ganz sicher. Sie würden es ganz sicher schaffen und alle retten. Alle retten!
Dann ertönte auf einmal die Stimme von einem Wolf, den er ganz gut kannte - Malakím. Nerúi hatte gerade noch von ihm gesprochen und nun war er da... fassungslos starrte er erst den schwarzen Rüden an, dann die kleinere, schwarze Fähe.

"Wenn das so ist, dann kann unser Vorhaben ja nur klappen!"

Wenn Nerúi sich wünschte, dass Malakím sie trug, und er auf einmal da war und eben das machen wollte ... dann würden sie auch den Weg hinaus finden, wenn alle sich das ganz doll wünschten.



Kylia fühlte sich, als müsse sie sich übergeben. Das hing sicher nicht damit zusammen, dass sie etwas Falsches gegessen hatte – denn gefressen hatte sie seit mindestens einer Woche sowieso nicht. Sie hatte aber auch keinen Hunger und tatsächlich fühlte sie sich auch sonst in keiner Hinsicht krank. Nur irgendetwas rumorte in ihr und wollte nach draußen. Einmal war sie sogar von ihrer kleinen Gruppe abgewichen um zu würgen, aber nichts war hinausgekommen. Sie wollte aber auch nicht die Aufmerksamkeit der anderen auf sich ziehen, immerhin war es eine Ehre und ein Vertrauensbeweis, dass Nyota sie mitgenommen hatte. Es zeigte, dass ihre Freundin der Meinung war, Kylia könnte ihr in dieser prekären Lage helfen und selbstverständlich wollte die Braune nichts lieber, als diese Erwartungen zu erfüllen. Und dennoch hatte sie so ein furchtbares Gefühl im Magen. Vielleicht war es ja auch Angst, immerhin waberte um sie herum das Nichts und kroch immer näher. Wenn sie keinen Ausweg finden würden, wären sie verloren. Und das gesamte Rudel, das ihnen viel langsamer nachfolgte. Auf den Schultern eines jeden von ihnen lastete eine große Aufgabe, aber das war doch irgendwie kein Grund, zu kotzen. Naja, das schaffte sie ja auch nicht. Deshalb verfolgte sie nun auch seit einigen Schritten die Taktik des tief aus- und einatmens und schaffte es tatsächlich, sich ein wenig zu beruhigen. Das war auch aller höchste Zeit, immerhin besprachen die anderen gerade schon irgendetwas, das Kylia nur mit halbem Ohr mitangehört hatte. So richtig sah sie nur, wie Neruí voller Optimismus herumsprang und schon von zukünftigen Tagen träumte, in denen sie gefeiert werden würden. Stumm wünschte sich die Braune, dass dies wirklich irgendwann geschehen würde.

“Und was machen wir, wenn das Nichts die ganze Welt verschlingt?“

Ihre Frage richtete sich düster und leise nur an Nyota, die eisblauen Augen sorgenvoll zusammengekniffen. Denn selbst wenn die Schwarze Recht hatte und dort vorne ein Weg aus dem Tal führen würde … wer wusste schon, ob sie dann nicht gerade wieder vor einem neuen Nichtsfeld stehen würden? Dieser Gedanke war verführerisch hoffnungslos … aufgeben? Aber wie könnte man daran denken, wenn zwei noch immer quirlige Welpen um einen herumsprangen, die schon jetzt von Heldenverehrung träumten? Zudem das eigene Patenkind …

“Na na, wenn du alle retten willst, musst du schon ein wenig mehr umherschauen. Sonst entgeht dir vielleicht ein wichtiger Rettungsweg.“

Sie zwinkerte Neruí zu, wandte sich dann aber wieder zu Nyota um. Den ankommenden Malakím sah sie nur aus dem Augenwinkel heraus und fragte sich, woher er wohl kam. Waren sie nicht eine fest eingeteilte Spähtruppe? Wie auch immer, es war sowieso nicht ihre Aufgabe, ihm irgendetwas mitzuteilen. Ihr war schlecht.



So wie das Nichts leer und kalt über das Land zog und alles in sich verschwinden ließ, hatte sich auch die Trauer über Tyraleens Seele gelegt. Den Tod ihrer Mutter hatten alle vorausgeahnt und doch war er so plötzlich gekommen, dass die weiße Tochter wie betäubt in das eiskalte Wasser der Einsamkeit geworfen worden war. Nicht, dass sie nun plötzlich alleine gewesen wäre – nicht nur ihr Gefährte und ihre Welpen waren immer an ihrer Seite; auch Nyota hatte sich wie selbstverständlich ihrer angenommen. Ihre Tante als sichere Stütze an ihrer Seite zu wissen, hatte sie gestärkt und doch hatten all diese wundervollen Wölfe ihr nicht die Einsamkeit eines Waisen nehmen können. Denn auch wenn Tyraleen bereits erwachsen war … ihre Eltern waren tot und ganz besonders auch ihr Vater. Irgendwo hatte die Weiße gehofft, dass Acollon irgendwann, lange nach dem Tod Banshees auftauchen und bei ihr bleiben würde … aber dann war er plötzlich dagestanden und ebenso gestorben wie Banshee selbst. Es war wunderschön gewesen, ihn wiederzusehen und doch unendlich schmerzvoll, ihn gleich wieder zu verlieren – für immer. Seit dem wandelte Tyraleen einerseits wie taub und blind durch ihre sterbende Welt, andererseits musste sie immer mehr die Aufgaben eines wichtigen Wolfes im Rudel übernehmen … wie auch jetzt, auf der Suche nach einem Fluchtweg. Nyota half und unterstützte, aber nichts konnte die Sicherheit Banshees ersetzen. Oder ihr die tiefe Leere von der Seele wischen.
Aber Tyraleen riss sich am Riemen. Auch jetzt hatte sie die Zähne fest zusammengebissen und blickte starr aber aufmerksam auf den vor ihnen liegenden Weg. Von beiden Seiten vom Nichts umschlossen und einem Pfad folgend, der jede Sekunde kleiner wurde, flatterte ihr Herz vor Angst und immer wieder eilten ihre Gedanken den schmalen Weg zurück zum Rudel, bei dem ihre Welpen und Averic waren und all ihre Hoffnungen in sie legten. Furcht und Sorge ließen ihre Schritte schneller werden und immer wieder ungeduldig zurückblicken. Turién und Neruí waren fröhlich und alberten herum, aber heute hatte Tyraleen kein Lächeln für sie übrig. Am liebsten hätte sie sie knapp zur Eile angetrieben, doch sie wollte ihre eigenen Ängste nicht auch noch auf die Welpen übertragen. Wenn sie sich nur von ihrer Freude anstecken lassen oder die Welt aus den optimistischen Augen eines Welpen betrachten könnte. Aber dazu war sie zu sehr Mutter, Gefährtin und aufstrebende Leitwölfin … So hielt sie den Mund und beteiligte sich auch nicht an der Unterhaltung zwischen Nyota, Kylia und Aszrem. Sie hörte nicht einmal richtig hin, schnappte nur den Namen Engaya auf und flehte zum tausendsten Mal an diesem Tage zu ihrer Göttin. Sie würde nicht zulassen können, dass ihr Rudel im Nichts sterben würde. Sie würde nicht … sie könnte nicht. Tyraleen schluckte, wollte sich wieder ganz auf ihren Weg konzentrieren, als hinter ihr eine neue Stimme erklang. Ihr Kopf fuhr herum und schnell erkannte sie Malakím. Was machte er hier? Sie hatten sehr deutlich gesagt, dass nur der Spähtrupp vorausgehen würde … wenn es hier keinen Weg gab, müssten sie umkehren. Und das sollten so wenige Wölfe wie möglich tun, keiner hätte ihnen folgen sollen. Mit verengten Augen ließ sich die Weiße zurückfallen, sodass sie neben dem Schwarzen lief und funkelte ihn von der Seite an.

“Malak, wir sagten doch eindeutig, dass uns niemand folgen sollte.“

Ihre Stimme klang weniger scharf als beabsichtigt. Tatsächlich mochte sie den fröhlichen schwarzen Rüden, der schnell Freundschaft mit Neruí und Turién geschlossen hatte. Er war ein Wolf, über den sich jedes Rudel freute, aufmerksam, freundlich und sprudelnd vor Lebensfreude, die leicht auch auf andere übersprang. Eine solche Eigenschaft schätzten Leitwölfe, auch wenn Tyraleen jetzt nichts damit anfangen konnte. Zu fern war sie in diesen dunklen Stunden ihrer eigenen Freude an dieser Welt.

“Warum hast du diese Anweisung missachtet?“

Ihr Gesicht hatte nicht die Strenge, die es haben sollte und sicher legte es viel zu viele ihrer eigenen Gefühle frei. Angst, Sorge und Trauer spiegelten sich in ihren Augen wie die grauen Wolken, die stumpf und ewig über den Himmel zogen.



Cassio hatte sich inzwischen mehr oder weniger eingelebt. Nun, das war an sich sicher der falsche Ausdruck. Er hatte sich nicht eingelebt, er hatte viel mehr sehr schnell begriffen, was hier vor sich ging. Aber das störte ihn an sich weniger. Genau genommen gar nicht. Wieso auch? Natürlich war dieses Tal sehr außergewöhnlich und auch seine Bewohner waren es durchaus. Aber einen Grund, deswegen der Sache negativ gegenüber eingestellt zu sein, hatte er nun wirklich nicht, sodass er sich als stiller Beobachter mehr oder weniger in dieses Bild fügte.
Allerdings hatte das Schicksal etwas Anderes vor. Dieses Nichts, woher auch immer es kam, war im Begriff alles aufzufressen und somit zog das Rudel den strategischen Rückzug vor. Auch der Braune hielt das für durchaus angebracht und folgte den anderen, wenn auch mit einigem Abstand. Der Grund dafür, oder vielmehr die Gründe waren zahlreich. Einerseits war da eine gewisse Neugierde, was das da hinter ihm sein konnte. Denn mit der Erklärung „Nichts!“ gab er sich eigentlich nicht zufrieden.
Nun wäre Cassio niemals so alt geworden, wenn er nun dumm genug wäre, sich diesem Nichts zu stellen. Aber in gebührendem Abstand konnte man es sich ansehen. Davon abgesehen war er nicht unbedingt geneigt, mitten in der Gemeinschaft zu sein, wenn es an die Flucht ging.
Er war hier noch immer in gewisser Weise fremd und hatte bislang nur wenig von den anderen Wölfen mitbekommen, jedenfalls für seine Verhältnisse.

Als er nun aber den anderen folgte, konnte er vor sich eine Gestalt erkennen, die ihm umso bekannter war. Der schwarze Rüde schien zu zögern, aus welchem Grund auch immer. Cassio hatte es sich nicht nehmen lassen, den Jüngeren die Zeit über nicht aus den Augen zu lassen. Das tat er auf eine ihm eigene, dezente Weise, reines Interesse aber davon reichlich.
Shákru war in der Tat nicht gerade im Rudel integriert und dabei hatte Cassio durchaus bemerkt, dass es nicht daran lag, dass er kein Gemeinschaftswolf gewesen wäre. Er sah den Zwiespalt sehr deutlich. Aber er wusste nicht, woran der andere scheiterte. Allerdings hatte er bislang auch noch keine Gelegenheit gefunden, diese Frage zu klären und den anderen einfach zu fragen, kam für ihn gar nicht in … nun, in Frage. Denn das hätte ihm ja das rätseln verdorben.

Jetzt allerdings hielt er es für besser, nicht so viel zu rätseln und dafür wesentlich aufmerksamer zu sein. Allerdings kam ihm der Gedanke, dass der Schwarze das vielleicht anders sah. War er lebensmüde? Wollte er vielleicht gar nicht vor dem Nichts weglaufen?
Nun, Cassio fand diesen Gedanken in gewisser Weise nicht verwerflich. Er konnte ihn irgendwie nachvollziehen. Aber gutheißen nicht. Er hatte den Tod so oft bereits schon gesehen, dass er wirklich darauf verzichten konnte, ihn erneut zu sehen, ihm mal wieder zu begegnen. Vielleicht aus diesem Grund, vielleicht aus einem anderen, so genau wusste er das nicht, ging er zu dem Schwarzen und blieb direkt vor ihm stehen.

“Es wirkt ziemlich faszinierend, findest du nicht?“, fragte er im Plauderton.

Dass das freilich nicht angebracht war, war ihm durchaus bewusst. Aber was half es denn nun, panisch zu schreien und den anderen am Nackenfell mit sich zu ziehen? Davon abgesehen, wenn dieser wirklich eher den Wunsch nach dem Tod verspürte, dann war das sowieso sinnlos. Und vielleicht war sich Shákru nicht einmal darüber im Klaren, dass er sich wünschte, tot zu sein.
Cassio wusste, dass das Spekulationen waren, aber er wollte nicht unbedingt mit der Tür ins Haus fallen, davon abgesehen, dass er durchaus einsah, dass sie keine Zeit für einen ausgiebigen Plausch hatten.
Dennoch ließ er sich davon nichts anmerken. Seine grünen Augen betrachteten den Anderen mit einer Ruhe, die man beinahe als naiv missdeuten hätte können. Es war unglaublich, wie er mit sich und seinem Körper spielen konnte, nur um völlig verkannt zu werden. Und dabei tat Cassio dies nicht einmal, weil er andere betrügen oder aufs Glatteis führen wollte, sondern weil er wusste, dass sein wahres Ich viel zu kompliziert und anstrengend war, um damit auf Anhieb umgehen zu können.



Nyotas Blick fiel wieder zurück zu den Welpen, als Turién ihre Frage wie selbstverständlih beantwortete. Natürlich gab es einen Ausweg, natürlich wurde alles gut - wie schön wäre es gewesen, hätte sie selbst sich noch einmal an dieser welpischen Weltsicht orientieren können. Auch Nerúi, die sich an Aszrems Rute gehangen hatte, war davon überzeugt - Nyota lächelte, ein kurzer Lächeln für ihre Tochter. Es gab nicxhts auf der Welt was sie mehr wünschte, alss das die Welpen Recht behalten würden. Das alles gut würde. Die Umgebung wieder und wieder mit den Augen kontrollierend, suchte sie den Wegesrand nach ihrem nebeligen Feind ab - überall schimmerte es hindurch, gerade hatte das Auge einen Fleck gefunden, der frei davon war - und schon tauchte hinter dem nächsten Baum ein kleines Loch im Wald auf, das nicht mehr da war. Es war nicht schön, diese Welt so sterben zu sehen. Stab sie überhaupt? Oder war sie nur einfach verschwunden, und fand nie wieder in die Erinnerungen der Welt zurück? Ihr Blick fand noch einmal zu den Welpen, die wie aus heiterem Himmel in der trübseligsten Situation unbeschwer spielten - so etwas konnten auch nur sie zuwege bringen. Das kurze Lächeln kam zurück auf Nyotas Leftzen, als sie die Pläne der zwei hörte, wenn das Rudel gerettet war - eine gute Idee, auf dem dicken Wolf herumzuklettern, denn vielleicht floh er dann vor den Welpen und verlor dadurch ein wenig Gewicht. Die Berührung an ihrer Wange brachte sie zurück ins Jetzt, und ohne ein weiteres Wort strich sie mit dem Nasenrücken über Aszrems Schnauze. Sie kaufte ihm die Ruhe, die er ausstrahlte, nicht ab, aber es war andererseits gut, einen solchen Pol zu haben, an dessen äußerer Ruhe man sich selbst beruhigen konnte. Zumal die Anwesenheit ihres Gefährten ihr zumindest eine Sorge nahm - ohne ihn in die eventuelle Ausweglosigkeit zu laufen. So wie Banshee konnte auch er sie beruhigen und ihre Pfoten weitertreiben, einfach, indem er da war. Es war alles gut, so gut, wie die Situation es zulies. Es war gut solange er da war. Die Schwarze sah sich um, und ihre Miene verdunkelte sich ein wenig. Sie hatte eigentlich sehr viel grimmiger geguckt, aber die Tatsache, dass der Schwarze auftauchte als habe man ihn gerufen, rang ihr doch ein wenig Wohlwollen ab. Und die Welpen mochten ihn schließlich auch. Sie wollte sich bereits zu dem Rüden begeben, überlies es dann aber dankbar Tyraleen, sich um ihn zu kümmern. So konnte sie ersteinmal Kylia beruhigen. Genauso leise wie ihre Freundin zuvor, gab sie ihr Antwort.

"Ich weiß nicht, ob das möglich ist - immerhin frisst es nur Land, es wächst nicht indem es Luft frisst oder Wolken. Aber ich glaube noch viel weniger dass es soweit kommen wird - Engaya wird uns nicht allein lassen. Götter tauchen bevorzugt dann auf, wenn es bereits keinen Ausweg mehr gibt - was auch immer sie bis dahin treiben"

So ironisch ihre Worte zum Teil klingen mussten, so ernst waren sie gemeint - Götter waren ein wenig seltsam, und sie zu bemerken war alles andere als selbstverständlich. Vielleicht waren sie auch schon die ganze Zeit da - und sie hatten es bloß nicht bemerkt.



So genau hatte Lucina das Nichts eigentlich gar nicht kennen lernen wollen. Anfangs war es ja noch faszinierend und interessant, sodass es immer mehr ihre Neugierde schürte, aber mittlerweile war es ihr doch ein wenig zu aufdringlich. Fast so, als wäre es fasziniert von dem Rudel. Konnte ja aber unmöglich sein schließlich war das Nichts kein Lebewesen sonder... nichts eben. Immerhin wusste Lucina jetzt definitiv und endgültig bescheid. Wenn auch etwas zu genau für ihren Geschmack. Aber man nimmt was man kriegen kann. Oder so. Die Faszination war jedenfalls gänzlich verflogen. Spätestens, seit die explosionartige Ausbreitung sie gezwungen hatte, zu fliehen. Laufen. Schon wieder. War sie nicht eigentlich hierher gekommen um nicht mehr ewig umherwandern zu müssen? Sich ab und zu die Beine zu vertreten war ja schön und gut, aber sie waren jetzt schon eine ganze Weile unterwegs und da das unglaubliche Geschick der Weißen dafür sorgte, dass sie ständig auf irgendwelche spitzen Steine trat, setzte so langsam die Trägheit ein. Müde war sie glücklicherweise noch nicht. Im Gegenteil. Ihre Augen, Ohren und sowieso der ganze Kopf waren hellwach und hielten ständig nach etwas interessantem ausschau. Aber ihre Läufe wurden schwer. Die sonst so elegant scheinende Art zu laufen, glich nun mehr einem Entlangschlurfen. Von Außen hätte man sie glatt für eine kleine Rebellin halten können, die keine Lust hatte. Nicht aus einem bestimmten Grund sondern einfach weil die anderen diesen Weg gingen. Wäre da nicht dieses immer präsente, unermüdliche Lächeln gewesen. Obwohl es weniger ein richtiges Lächeln war. Sie guckte einfach nett.
Und das war gar nicht so einfach. Die Trauer um die verloren Leitwölfin war noch immer deutlich zu spüren. Sie hatte nie wirklich mit ihr gesprochen oder sie näher gekannt, aber es ging der jungen Fähe trotzdem irgendwie nahe. Bei weitem nicht so sehr wie den Verwandten und engen Freunden, aber es bedrückte sie dennoch auf eine seltsame Art. Warum wusste sie selbst nicht so genau. Vielleicht irgendeine natürliche Reaktion? Konnte sein, konnte nicht sein. Möglicherweise aber auch weil es so viele so sehr traf. Sowas nahm sie auch immer ziemlich mit. Doch war es ja eigentlich immer traurig wenn jemand starb. Ob man ihn nun kannte oder nicht spielte da keine Rolle. Für sie jedenfalls nicht.
So in Gedanken verloren hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie sich schon bis zur Spitze des Zuges vorgearbeitet hatte. Was machte sie hier? Sie wollte nicht irgendwo vorne sein. Lieber in der Mitte. Oder weiter hinten. Aber nicht vorne. Nervös sah sie sich um. Vielleicht war sie ja nicht als einzige dort.
Und, Engaya sei Dank, fast unmittelbar neben sich entdeckte Luci zwei Artgenossen. Einen Rüden und eine kleine Fähe in dessen Maul, die wiederum eine Feder in ihrem Maul hatte. Die kam ihr merkwürdig bekannt vor. Konnte sich aber nicht genau daran erinnern, wo sie diese Feder schon einmal gesehen hatte. Kein Wunder, bei einem Gedächtnis, dass in den schlimmsten Fällen manchmal praktisch gar nicht vorhanden war. Daran war sie ja eigentlich selbst Schuld. Hatte sie doch so lange immer versucht so viele Dinge zu vergessen. Aber das war jetzt nicht wichtig.
Sie nahm den Rüden ein wenig genauer unter die Lupe. Er hatte eine lustige Farbmischung aus Weiß, Grau und Braun und wirkte irgendwie... flauschig. Sofort beschloss die Fähe ihn zu mögen. Flauschig war gut. In dem selben Beschluss inbegriffen, war das Hinüberwandern zu den beiden. Sie würde einfach 'mal hingehen und Hallo sagen. Alleine laufen wurde mit der Zeit sowieso recht langweilig.
Ein paar größere Schritte zur Seite und sie hatte sich direkt neben dem größeren Rüden positioniert.

"Hallo!"

Platzte es genauso fröhlich wie plötzlich aus ihr heraus. Sie sah die beiden lächelnd und mit neugierig aufgestellten Ohren an. Sie konnten bestimmt noch ein bisschen Gesellschaft gebrauchen. Hoffentlich. Denn wenn sie ehrlich war, brauchte sie nämlich ganz dringend welche.



Die Tage waren ins Land gegangen, der Tod seiner geliebten weißen Freundin lag nun weiter zurück. Noch immer dachte der Graue jeden Tag an Banshee, dachte darüber nach, wie es hätte sein können. Akru dachte auch darüber nach, was er ihr versprochen hatte und mit welcher Aufgabe er nun in diesem Rudel stand. Eine Hilfe Tyraleens. Eine Stützte für all jene, die nicht mehr soweit gehen konnten. So zum Beispiel der kleine Ciradán, der mehr schlecht als recht in den Fängen des Hünen baumelte. Er hatte den lebensmüden Welpen aufgegriffen als die Flucht begann. Als das Nichts sich so weit ausbreitete, bis nichts mehr übrig blieb. Seine neue Leitwölfin – und er hatte sie ohne Weiteres als diese anerkannt, selbst in diesen schlechten und sehr fragwürdigen Zeiten – war mit einem kleinen Trupp voraus geeilt und die restlichen Rudelmitglieder befanden sich auf dem Weg ihnen zu folgen. Der Tumult war groß und der wachsame Blick glitt immer wieder nach hinten, um noch zu sehen, ob nicht noch jemand auf der Strecke blieb. Der Zeitwächter bildete samt dem kleinen Welpen die Nachhut. Nahm er seine selbst gemachte Aufgabe sehr ernst. So ernst, dass er schon immer gefährlich nahe am Rand des Nichts lang wanderte.

“Keine Sorge, wir haben die Anderen bald eingeholt“, wisperte er dem kleinen Welpen zu.

Doch er wusste nicht, ob es den Welpen überhaupt interessierte. Hatte er doch eher Anstalten gemacht in die entgegengesetzte Richtung zu laufen. Also hatte Akru einfach beschlossen für den Weißen die Entscheidung zu fällen und ihn gepflegt von seinen Mordabsichten abzuhalten. Lieber wäre es ihm gewesen, wenn Gani, Isis oder Katsumi bei ihm gewesen wären oder er bei Tyraleen sein könnte, um seiner neuen Schutzbefohlenen nahe sein zu können. Ein flüchtiges Gefühl von Sorge legte sich auf das sanfte Herz des Grauen. Zu lange hatte er in einer falschen Welt gelebt, die er sich selbst erschaffen hatte und nur durch den Verlust seiner weißen Freundin war ihm schlagartig bewusst geworden, dass es an der Zeit war den Dingen anders gegenüber zu stehen. Er war die letzte Garde auf dem Weg zum Paradies. Gemeinsam mit Katsumi hatte er sich geschworen genau diesen Weg zu gehen.

“Gani“,

rief der sorgenvolle Vater auf, ließ den Blick der eisblauen Augen abermals umherschweifen. Er erhöhte das Tempo und konnte nach kurzer Zeit einige Konturen erkennen. Isis?

“Isis“,

diesmal war es nur ein Wispern.



Garrett zog die Ohren etwas ein, als er Rakshee's Worte hörte. Er merkte zwar das sie kurz hinter ihm zurück blieb, wartete aber nicht, um sie nicht zu bedrängen. Stimmt, das Nichts hatte ihren Vater geraubt. Nichts, das keine Bedeutung hatte, der Rüde wusste nicht einmal was es tat, nur das es Wölfe fraß und nie wieder zurück gab. Fort, Verschwunden. Spurlos. Garrett merkte wie sie wieder zu ihm aufschloss und verbannte seine Gedanken.
Als sie Lächelte, tat es dir Schwarze ihr gleich, bei ihrer Berührung lehnte er den Kopf leicht schräg und zwinkerte der Braunen zu.

“Wer weiß, vielleicht bin ich ja schon ein uralter Wolf und habe nur den Jungbrunnen gefunden. „

Doch dann verschwand ihr Lächeln wieder und machte der Ernsthaftigkeit des Augenblicks erneut Platz. Es war ein sonderbares Gespräch.

“Weil ich so aufgewachsen bin. Auf der Flucht, am Abgrund zum Tod. Mir ist das alles nicht fremd, daher empfinde ich wohl sowenig Angst darüber.“

Er nickte. Natürlich war das Leben wertvoll und wichtig. Man bekam wahrscheinlich kein Zweites und wenn man das Erste vergeigte wohl noch weniger. Und doch, wann wusste man schon wann man es versaut hatte?

“Ich kann nur versuchen das Beste aus allem zu machen. Wenn man sich bemüht scheint man dem Tod uninteressant zu sein, zumindest für eine Weile. Irgendwann holt er einen dann wahrscheinlich trotzdem. Aber ich geb weder auf noch schenk ich ihm irgendwas, keine Angst.“

Der Rüde versuchte ein Lächeln zu improvisieren. Es war ganz schön bescheuert so blöde zu rennen und dabei tiefgründige Gespräche zu führen. Aber was sollte man machen, wenn das dazu gehörte, dann sollte es so sein. Der Rüde wandte den Blick kurz zum Himmel, dann aber schnell wieder auf den Weg vor sich. Er ließ Rakshee's Worte in sich verklingen ehe er antwortete.

“Ich hatte nie eine große Familie. Vielleicht lohnt es sich deswegen noch härter zu kämpfen. Hier gefällt es mir bisher sehr gut. Besser als überall sonst.“

Ja so war es. Er war kein Lügner, zumindest nicht zu anderen, vielleicht zu sich selbst, aber das war eine andere Geschichte.



Verwirrung. Angst. Trauer. Die kleine Fähe wusste nicht was sie tun sollte. Was sie denken sollte. Was sie sagen sollte. Nicht einmal, was sie fühlen sollte. Die Graue hatte sich weiter zurück gezogen, hatte kaum jemanden an sich heran gelassen und nun suchte sie und fand doch niemanden. Die letzte Zeit hatte Avendal Schutz bei ihrer Familie gesucht, bei ihren Eltern und ihren Geschwistern. Einfach nur um zu verarbeiten was geschehen war. Doch was war geschehen? Noch immer konnte es die Kleine nicht richtig verstehen, auch wenn sie es so oft versucht hatte. Daylight hatte sie zu ihren Großeltern gebracht, der Wind war aufgebracht gewesen und hatte ganz viel gesprochen, er hatte sie verwirrt und gehetzt und doch hatte sie nichts verstanden, aber er hatte sie mit Trauer erfüllt, mit Trauer und Kälte und ihrer eigenen Angst. Zum ersten Mal hatte sie Abschied nehmen müssen und es war ganz einfach nicht so gewesen wie sie es gewünscht hatte. Nur ihre Träume hatten einen Lichtblick dargestellt, einen geringen, aber zumindest einen Lichtblick. Das Himmelsland war schön und frei. Und es gab mehr Sonne als es sie hier gab. Mehr Himmel. Und es war frei und ohne Sorgen und Angst. Und wer ins Himmelsland ging, der würde über jene Wachen die noch nicht dorthin durften.
Doch war es wirklich ein 'dürfen'? War es nicht viel mehr ein müssen? Soviel Trauer und auch Angst waren nach dem Tod ihrer Großeltern entstanden. Das Rudel musste sehen wie es weiter ging, das Nichts wollte sie fressen. Es war rein gar nichts gut. Und Banshee war nicht da um ihnen zu helfen. Sie konnte ihnen nicht beistehen, vielleicht konnte sie zuschauen von dort oben aber sie konnte ihnen nicht beistehen, nicht helfen. Es war nicht gutes daran für die Wölfe hier unten, nein, dem Rudel hatte es geschadet.
Und doch, so wie sie jetzt rannten würde es vielleicht bald schon anders sein. Sie rannten um ihr Leben. Ihre ganz Familie, ihre Freunde, ihr Rudel. Sie rannten um nicht zu sterben, denn das Nichts haschte nach ihnen Allen. Auch nach ihr. Und so rannte auch Avendal mit dem Rudel, schneller als sie es je getan hatte und so voller Angst wie nie zuvor. Ihre Pfoten begannen bereits jetzt zu schmerzen. Und erneut war der Wind unruhig und flüsterte unverständliche Dinge, erfüllte sie mit weiterer Angst und Kälte.

“Mama...“

Sie wusste das Tyraleen nicht da war. Sie war losgezogen mit Nyota und einigen anderen um einen Ausweg zu finden. Doch die kleine Graue wünschte sich jetzt so sehr den wärmenden Pelz ihrer Mutter. Ihre Nähe, ihren Geruch, ihre Stimme. Sie wollte doch nur keine Angst mehr haben.

“Mama... Papa... Dayli... Irgendwer!“

Sie sah niemanden von ihnen, sie sah Wölfe aus dem Rudel, doch niemanden bei dem sie sich verkriechen konnte, der ihre Angst nehmen konnte. Und dann, dann sah sie zwei stehende Wölfe. Einen weißen Welpen und eine weiße Fähe und es war ihr egal wer sie waren, ruckartig erhöhte sie ihr Tempo und kam genau unter der größeren der beiden Wölfe zum stehen. Verwirrt presste sich die Graue an das Vorderbein der Fähe und für einen kurzen Moment fühlte sie sich wieder geborgen. Um Ruhe und Fassung ringend hob Avendal den Kopf und blickte in die Gesichter der beiden. Die eine kannte sie, es war ihre Freundin Aléya. Das war schon mal gut. Die andere Fähe kannte sie nur flüchtig und sie war sich auch nur flüchtig sicher ob ihr Name Ahkuna war. War sie nicht eine Tochter von dieser netten Weißen? Shani?

“Darf ich bei euch bleiben? Ich hab angst.“

Sie zog die Ohren ein und wartete auf eine Antwort.



Atalyas Augen fanden immer wieder ein neues Ziel, ruhten mal auf dem Boden, der dank Liam schneller als sonst an ihr vorbei zog, dann auf einem Baum, der im nächsten Moment schon wieder verschwunden war. Es war gar nicht mal so schlecht, getragen zu werden. Liam schwieg, dachte wohl nach, was er sagen sollte. Sie dachte gar nicht darüber nach, dass ihre Frage schwer zu beantworten war. Erwachsene wußten so viel, da konnte es ja nicht so schwer sein, eine Antwort zu finden. Während er also überlegte, betrachtete sie die Umgebung, zuckte ab und zu mit den Ohren, bis dann die Antwort ihres Paten erklang. Hm.. naja. Sie musste sich wohl damit zufrieden geben. Aber.. etwas Übernatürliches? Das klang interessant. Ob er wohl die Götter meinte, die ihre Oma geholt hatten?

Liam? Glaubscht du an Fenrisch und Engaya? Helfen schie unsch?“

Wäre es ihr möglich gewesen, hätte sie ihm nun in die Augen geblickt. Fragend, eine ehrliche Antwort verlangend. Statt dessen hing sie einfach da, beobachtete in der Ferne das Nichts. Es sollte bloß nicht näher kommen! Niemandem sollte etwas passieren, sie wollte später alle wieder sehen. Sie seufzte, hielt die Feder aber weiter fest.

Ich will hier nicht weg, das ist doof. Das Nichts ist doof.“

Atalya schnaubte, an ihrer Stimme würde ihr Pate wohl hören, dass sie mit dieser Situation vollkommen unzufrieden war. Nur leider konnte wohl niemand das ändern. Es war einfach nur doof.
Im nächsten Moment musste sie den Kopf ein wenig drehen, da war ein bekannter Geruch, und dann war eine weiße Fähe bei ihnen. Lucina. Sie war damals zu ihr und Amúr gekommen, aber kurz nachdem sie ihren Namen erfahren hatte, rief Nyota sie und sie mussten zu.. ihrer Oma. Dieser Gedanke versetzte ihr einen kleinen Stich, den sie einfach zu ignorieren versuchte. Sie dachte gern an ihre Oma, aber es fühlte sich nicht gut an, wenn sie an die Weiße dachte. Nicht so, als wenn sie an Madoc, Liam oder Mama und Papa dachte.. Aber jetzt war Lucina erst ein Mal wichtig. Sie konnte Liam nicht ansehen, nicht erkennen, ob er es duldete, dass die Fähe nun bei ihnen war. Hmm.. man konnte es ja mal probieren.

“Hallo Lucina. Das ist mein Pate Liam. Er gehört mir.“

Immerhin hatte sie ihn bekommen. Sie klang immer noch unzufrieden, aber jetzt hatte sich ein kleines Lächeln auf ihre Lefzen gelegt. Sie mochte die Weiße.



Die Laune des riesigen Rüden war dem Nullpunkt gefährlich nahe. Kein Blut, nur der treibende Durst und der aufwallende Wahnsinn. Nicht zu vergessen: das Nichts bedrohte das gesamte Rudel und alle Vierbeiner brachen in voller Panik, Angst und Besorgnis auf. Der sonst so besonnene Schwarze hatte seinen Humor zurückgelassen und ließ die schwarzen Augen durch die Gegend schweifen. Wo zum Himmelswillen war der kleine weiße Plüschball? Aryans Tochter war in dem ganzen Tumult untergegangen – es brauchte wirklich einiges an Kontrolle um nicht einfach wütend und tobend umher zu jagen. Zu gern würde er das Problem mit seiner Stärke lösen, zu gern wollte er einfach... nun gut, auch ihn hatte dieser beklemmende Zustand eingefangen und seit dem Tod Banshees schien eh Alles in eine falsche Richtung zu laufen. Knurrend riss er sich aus seiner Starre und fiel wieder in ein ruhiges, sachtes Tempo. Weiter vorne waren Shaén und ihm eine Unbekannte zu erkennen. Er musste Aléya finden, zumindest sehen, dass sie vollkommen in Ordnung war. Und auch Daylight wollte er bald möglichst wieder zu Gesicht bekommen. Warum verdammt auch hörte keiner auf ihn? Warum machte keiner Gebrauch von seinem Dasein? Murrend und mit einer finsteren Miene nährte er sich dem ihm sehr vertrauten Wanderer und dessen Begleitung.

“Entschuldigt die Störung“, seine Stimme leicht angespannt und doch von diesem wunderbaren Klangmuster.
“Shaén, mein Guter, hast Du eine Ahnung wo meine Tochter steckt?“, ohne Umschweife kam er zu seinem Anliegen.

Die Sorge um die Tochter war eben groß und zugleich durchaus berechtigt. In letzter Zeit war ihr Auftreten verändert und ihr Gebaren seinem sehr gleichend. Wenn das Erbgut wirklich dasselbe gewesen wäre so hätte man einfach von Verwandtschaft sprechen können, allerdings war dem eben nicht so. Umso mehr keimte ein schlimmer Verdacht in ihm auf, der nur durch das konsequente Kopfschütteln (natürlich einem innerlichen – wie bescheuert würde es denn aussehen, wenn er die ganze Zeit mit einer Kopfschüttelnden Bewegung umher schreiten würde?) verdrängt werden konnte. Gerade deswegen fand er seine Aufsicht wichtig. Wenn seine Vermutung wirklich auch nur ein Fünkchen Wahrheit enthielt so hatte er seines Gleichen geschaffen. Das würde er sich nicht verzeihen wollen, aber er musste für die kleine Plüschkugel da sein. Moralische Unterstützung (Aryan und Moral? Absurde Vorstellung) war sicherlich ein guter Weg.

“Diese verdammte Flucht vernebelt mir noch alle Sinne“, gestand er. Und tatsächlich war es ihm fast unmöglich auch nur einen Geruch klar zu erkennen. Dieses Nichts war wohl auch nicht ganz unschuldig. “Vom Lärm ganz abzusehen! Grausam – so eine Völkerwanderung hat nicht so viele positive Seiten. Und dieses Brennen“, er unterbrach sich selbst. Nicht nur, dass die volle Breitseite seiner Sorgen zum Vorschein kam, nein, er hätte fast im selben Moment ein Eingeständnis vor einer Fremden abgelegt. “Das wird nicht gut gehen“, zischte er leise, nur an seinen schwarzen Freund gewandt. “Schon jetzt verliere ich schon fast den Verstand – und Aléya“, er zog die Lefzen kraus, “wird mir immer ähnlicher.“

Damit war genug gesagt und verraten, Shaén würde ihn verstehen.



Faith strich der kalte Herbstfell durch das Haar. Sie war nicht erfreut über Malicias Kommentar. Aber sie würde es niemals wagen etwas dagegen zu sagen. Viel zu groß war die Angst allein gelassen zu werden. Oder getötet zu werden. Die schwarze Wölfin schien vielleicht nicht auf einen Kampf aus, jedoch war sie bis jetzt auch nicht gerade freundlich zu ihr gewesen. Sie hatte zwar eine einladende, freundliche Stimme, aber Faith wurde das Gefühl nicht los, dass sie ungelegen kam. Sie ließ den Kopf noch weiter sinken. Wieder flog der Herbstwind durch ihre Nase. Doch diesmal trug er den Geruch zweier Wölfe mit sich. Vor Schreck riss die junge Fähe den Kopf hoch. Sie sah vom großen leeren weiß verschleiert, zwei Fähen vor sich. Als sie merkte das die Wölfin die sie trug diese kannte. Sie sah die Wölfe vor sich genauer an: Das Fell der schlanken großen, glich dem des Wüstensandes. Es war wunderschön gepflegt und weich. Sofort fühlte Faith sich schlecht. Sie selbst musste aussehen als hätte ein Rudel tollwütiger Füchse sie überfallen und zerstückelt. Doch die gelben Augen der Fähe wirkten eigentlich recht freundlich. Und irgendwie roch diese Fähe ungewöhnlich. Nach Sand und Wärme. Der Rüde war größer als die Fähe und sein Fell glich eher einem dunkeln, braun und auch etwas von dem Sandton der Fähe war in seinem Fell vermischt..Über seinem linken Auge lag eine riesige Narbe. Faith erschrak. Die Wunde musste sehr tief gewesen sein um so eine Narbe zu hinterlassen. War dieser Rüde etwa angriffslustig? Faith sah nicht weiter in seine gelblichen Augen, sondern senkte den Kopf und wartete auf einen Befehl ihrer Retterin. Sie dachte nocheinmal an das Bild der zwei fremden Wölfe. Sie hatten sehr vertraut gewirkt. Ob sie wohl Welpen hatten. Außerdem beschlich die kleine Fähe Angst vor dem Rüden. Sie hasste Rüden seit Sarapen ihre Mutter tötete. Sie schauderte. Auch wenn dieser Rüde keine Ähnlickjeit mit dem riesigen, schwarzen, muskulösen Wolf hatte der ihre Schwester vergewaltigte und ihre Mutter und Schwester tötete, so konnte sie ein gewisses Maß an Hass und Trotz nicht verbergen. Sie musste Stärke vor ihm zeigen. Trotzig hob sie den Kopf an. Ihre bernsteingleichen Augen bohrten sich mit einer willenstärke und Kraft in die des Rüden, wie es keine so junge Fähe können sollte. Ihre Augen funkelten und ihr Herz schlug schneller. Adrenalin wurde durch ihren ganzen Körper gepumpt. Leise, ganz leise knurrte sie.


Shákru trabte vor sich her, lautlos und kraftlos. Der Wind wurde immer kälter, unwirtlicher und eisiger. Sein Atem sah schon aus wie Wolken am Himmel. Weiße Wolken, die das Rudel so schon nicht mehr zu sehen bekamen. Minor seufzte schwer. Das Herz schien in der Brust zu schmerzen, der Atem rasselte. Sagten die Weisen in seinem Rudel nicht, dass man schneller krank wurde, wenn man sich dem Rudel entzog? Sie schienen mal Recht zu behalten und das machte der kleinen Sternenleier Sorgen. Was war, wenn sie auch in anderen Punkten Recht behielten? Minor legte die Ohren an, als Cassio in sein Blickfeld trat.
Der Rüde war schon sonderbar und vor allem hatte er Minor immer mal beobachtet. Das war Shákru nicht entgangen, denn seine Sinne waren durchaus noch so geschärft wie in den jüngeren Jahren. Cassio, genau so ein komischer Vogel wie er? Minor richtete die grünen Seelenspiegel auf den Älteren, ließ sich prompt auf seine Hinterläufe nieder.
Hinter ihnen befand sich nur noch der Zeitwächter Akru mit Ciradan. Die Anderen waren soweit voraus, dass man nur noch ihre Schemen erkennen konnte. Shákru seufzte wieder leise, als er Cassios Frage vernahm. Irgendwie wusste der Rüde mehr von ihm, als er über diesen. Ja, Wortgewandt war der Graue mit den ebenso grünen Augen. Schien stets freundlich und gedankenlos, aber Minor wusste, dass der Schein trügen konnte und noch so viel mehr. Der Schein konnte töten. Vielleicht war das ein guter Schauspieler, der sich in das Rudel einschleichen wollte um an die geschwächte Spitze zu gelangen. Aber Shákru ging nicht immer von dem Schlechten oder Bösen aus. Unter Umständen sollte er sich das mal angewöhnen, vielleicht würde er damit weiter kommen.

"Ja, es ist wunderschön und faszinierend. Es ist etwas, dass man mit Göttern nicht beschreiben kann."

Shákrus Blick verlor sich in der nebligen Wand. Sie nannten es einfach so "Nichts", aber vielleicht war es auch was ganz anderes. Minor blickte wieder zu Cassio. Sie waren sich wirklich recht ähnlich, aber Shákru wollte das nicht so sehen. Nicht wirklich.

"Da herrscht weder Fenris, der Tod, wie sie ihn nennen und auch keine Engaya. Nein, nein, das ist was ganz anderes. "

Minor erhob sich nun langsam wieder und setzte sich in Bewegung, aber nicht ohne auf Cassio zu warten.



Schnell hatte sich die weiße Fähe wieder beruhigt und das Grollen erstickte in ihrer Kehle. Es war eigentlich weniger ihre Art und dennoch... immer mal wieder verspürte sie eine seltsame Unruhe und etwas ließ die Jungfähe Dinge tun, die sonst nicht in ihr Repertoire gehörten. Ohne Umschweife hatte sich Aléya wieder berappelt und sah sich nun in einem paar klarer Augen wieder, die sie musterten.
Dafür, dass sie wieder ruhig blieb, zuckten ihre Lefzen doch wieder verräterisch. Was redete die Weiße denn da?

Ich will weiter, sonst frisst uns das Nichts. Ist doch klar. Aber das geht nicht, wenn du hier im Weg stehst. Klar soweit?

Mit einem Zucken ihres Ohres und einer unwillkürlichen Bewegung ihrer Rute, die angespannt durch die Luft peitschte, versuchte sie nicht ihre Worte zu unterstreichen, sondern ein eigenartiges Gefühl los zu werden. Wurde sie etwa krank? Bisher hatte sie nie eine Krankheit gehabt, hatte es aber schon mal gesehen. Zumindest kam es ihr bekannt vor. Genau. Sie hatte mal gehört, wie ihr Papa etwas von einem Brennen erzählt hatte. Probeweise hustete die Kleine und tatsächlich. Es kratzte und stach fürchterlich in ihrer Kehle, als hätte sie Sand gefressen. Wieder hustete die Weiße, dieses Mal war das Brennen schlimmer. Was war das nur? Ob Aryan auch krank war? Oh nein, sie durften nicht krank werden. Sie mussten doch vor dem Nichts fliehen! Obwohl... Aryan war groß und stark – er wurde nicht krank.
Noch ein mal räusperte sie sich, blickte dann zu der Hellen auf.

Nein, mir geht es gut.

Seltsam. Warum war ihre Stimme plötzlich nur so rau und kratzig? Das Sprechen tat plötzlich auch weh. Unsicher legte Aléya die Ohren an, doch sie wäre nicht sie selber, wenn sie sich davon beeindrucken lassen würde.
In der selben Sekunde tauchte wie aus dem Nichts – sofern dies überhaupt möglich war – ihre Freundin Avendal auf, die sich unter der Weißen versteckte.

Ave! Da bist du ja!“, jubelte sie, sprang sogleich auf und tappte ihre Freundin mit der Pfote an.

Du brauchst keine Angst zu haben. Ich beschütze dich, okay?

Sogleich plusterte sich der weiße Pelzball auf und warf sich in die Brust, zuckte jedoch vor einem leichten Stechen zurück. Dennoch verschwand nicht das mutwillige Lächeln, welches sich auf ihre Lefzen gelegt hatte.

Hey...“, wieder tappte sie mit der Pfote nach der Grauen, dieses mal war ihre Stimme jedoch nicht mehr die eines Welpen, sondern viel reifer, erwachsener. Süßlich und einlullend, einladend und voller verführerischer Wärme. „... keine Angst. Vertraue mir.



Der schwarze Takashi schien so träge wie noch nie zu sein. Stumm schlich er hinter einigen Wölfen her, die schon lange losgelaufen waren. Wer diese waren, interessierte ihn nun nicht. Hin und wieder kam es vor, dass er von anderen überholt wurde, so langsam, wie er war. Lustlos schliffen seine Pfoten über den Boden, der wohl auch bald dem Nichts angehören würde. Trauer, aber auch Wut hatten sich in ihm breit gemacht. Trauer um die verstorbene Banshee und um Acollon und Wut um das ganze geschehen hier. Was sollte denn auch schließlich dieser ganze Schwachsinn hier? Eigentlich kein Grund, sich aufzuregen, denn es wusste keiner, wer für dies alles hier verantwortlich war. Man wusste einfach nur, dass dieses Nichts schleichender Weise in das Revier eingedrungen war und sich heimlich vergrößert hatte. An so eine Katastrophe hatte anfangs dabei niemand gedacht. Da hatte man es sogar noch als recht spaßig empfunden, wie eine kleine bunte Blume verschwand oder sich ein weiterer Grashalm auflöste. Doch das hier war nun alles andere als spaßig geworden! Es hatte in den letzten Tagen und Wochen Takashi große Angst bereitet, die sich aber schnell in Wut umgewandelt hatte. Sein Blick sank zu Boden, was wohl auch noch lange so bleiben würde. Vielleicht, bis ihn jemand ansprechen würde. Das ganze Murren und Knurren verkniff er sich ganz einfach, obwohl er diese Situation doch eher für aussichtslos hielt. Denn vor ihm und den anderen war nur noch ein sehr schmaler Weg, der noch nicht urplötzlich verschwunden war. Links und rechts vom Wege erstreckten sich grauenhaft weiße Wände, die aber keine waren. Der Schwarze wusste, dass man durch sie hindurch gehen konnte, ohne eine sogenannte Wand zu stoßen. Doch das Durchqueren des „Nichts“ schien nicht immer gut auszugehen. Es wurde nämlich schon öfters hier im Rudel erzählt, dass einige Wölfe dort übermütig drin herumgetollt waren, aber nie wieder zurückkehrten. Seitdem traute der Schwarze auch nicht mehr dieser weißen Erscheinung, die sich hier einfach Eingeschleust hatte. Auch er hatte anfangs viel zu übermütig gehandelt, worüber er sich heute noch ärgerte. Schließlich hätte auch Takashi von dem Nichts einfach so verschluckt werden können, sodass er nie wieder aufgetaucht wäre. Aber wo befand man sich denn dann überhaupt, wenn man nicht mehr auf dieser Welt sichtbar war? Vielleicht in einer ganz anderen Welt?

.oO(Ich Stelle es mir einfach nur grauenhaft vor! Da wirst du von diesem strahlenden weißen hässlichen Dingen da einfach verschluckt, mit sich gerissen. In irgendeine ferne Welt, an einen fernen Ort, wirst du einfach so verschleppt. Wie mag es dort bloß aussehen? Ob es eher milde ist, sodass man an einem anderen Ort der Erde landet? Oder mag es gar doch grausam sein, sodass man in eine Welt gelangt, die dem Nichts gleicht? Weiß, nichts als weiß? Aber dennoch weißt du in dem Moment nicht wirklich wo es dich hinbringen mag…und die anderen werden dich nie wieder sehen! Nie wieder sehen? Wie Banshee und Acollon! Aber irgendwann muss jeder einmal von dieser Welt gehen. Früher oder später – irgendwann!)

Noch immer war Takashis Blick zu Boden gesunken. Über einen Gesprächspartner würde er sich jetzt vielleicht freuen. Zwar machte ihm die Einsamkeit nun nicht so sehr zu schaffen, dennoch war es ein bisschen dumm, dort so alleine den Weg entlang zu wandern. Jedoch würde er sich nun nicht so einen aufgedrehten Typen wie Jikken herbei wünschen. Jikken, wo war der eigentlich abgeblieben? Es war so ruhig und nirgendwo schien einer den anderen zu nerven. Für einen Bruchteil einer Sekunde konnte Takashi wieder schmunzeln, was ihm aber auch wieder schnell verging. Die Situation war jetzt viel zu ernst für solch dumme Späße. Er grummelte leise vor sich hin und beachtete die anderen nicht. Sicherlich hätte er sich bereits mit wem unterhalten oder anfreunden können. Doch wäre da nun jemand gewesen, hätte er ihn kaum bemerkt. Irgendwie schien der große Rüde sehr in seine Gedanken gekehrt. Wenn jemand zu ihm können würde, müsste man wohl schon energisch sein, um auf sich aufmerksam zu machen.



Isis setzte ihre Pfoten auf den Boden und glitt weiter mit dem Rudel. Der Braune hatte keine Mühe mit seiner Fähe Schritt zu halten und so ging er hastig weiter. Den Blick auf den anderen Wölfen vor ihm gelegt, dicht neben seiner Sandkönigin. Er hörte ihren Worten zu und achtete fest daran, dass er sie an der Seite berührte, damit die Bindung, die Wärme und Schutz gab, nicht verflog. Beinahe klammernd nahm Katsumi immer mal wieder einen Hüpfer, ehe er antworten konnte. Schwer seufzte der Braune.

"Ich weiss auch nicht, was genau im Kopf meines Bruders vor sich geht. Ich weiss nicht was er fühlt, unser Band scheint schwach zu sein. Ich war gerade auf dem Weg zu ihm, als ich dein vor Schmerz und Sorge zerrissenes Gesicht auffand... Möchtest du ich n aufsuchen Liebes?"

Katsumi wäre gerne zu Akru gegangen. Hätte gerne die Macht gespürt, die vom den grauen Körper ausging und den Braunen stark an seinen Seelenbruder band. Blind konnten sie sich verständigen, jeder verstand den anderen und fühlte mit ihm. Vertrauen. Trotz des grossen Altersunterschiedes. Akru war der Grund für Katsumis Ruhen. Niemand sonst hätte ihn hier in diesem Tal, das in der Zwischenzeit Nichts mehr war, festgehalten. Dazumal. Katsumi blickte in Isis Augen. Jetzt war auch sie ein Grund. Liebevoll drückte der Fünfjährige die Fähe vorwärts.

"Ich kenne den Racker nicht besonders gut. Aber zweifle nicht an deinen eigenen Fähigkeiten, Liebes. Manchmal muss man Kraft haben, um loszulassen. Festhalten ist viel einfacher. Das ganze Rudel läuft auf einem Pfad der Zeit und ich bezweifle, dass jetzt der Richtige Moment ist, zu Zweifeln. Jetzt müssen wir glauben. An uns selber, an das Rudel, an die Liebe und die Zukunft. Vergiss das nicht."

Das Wort Liebe erwärmte den starken Körper von Innen und ohne es zu wollen, musste Katsumi augenblicklich an die strahlenden Augen von Nisha denken. Wie ging es ihr? Mit weichem und liebevollem Blick sah der Braune seine Sandkönigin an, und wusste etwas. Ganz fest wusste er es. Tief in ihm wusste er es.

"Chanuka ist vielleicht einfach der Träumer? Es ist sein Charakter, zerbrich dir nicht den Kopf. Zudem, wenn ich persönlich nicht mit allen Dingen klar komme, dann möchte ich auch lieber alleine sein und meinen Gedanken, die mir Zuflucht geben, nachträumen. Wenn du willst, kümmere ich mich mit dir um den Zwerg. Wir zusammen. Du und ich, meine Sandkönigin."

Die letzten Worte flüsterte Katsumi sanft in Isis Ohr. Er kannte Chanuka wirklich nicht besonders. Er konnte auch falsch liegen mit seiner Annahme, aber das war egal. Hauptsache das Herz in der Brust der Wüstenwölfin schlug wieder langsamer.
Ganz in der Zweisamkeit versunken, bemerkte Katsumi Malicias Auftauchen nicht. Der Braune riss sein Haupt hoch und sah die Schwarze an, mit einem Welpen im Maul, welcher nicht nach dem Rudel roch. Katsumi rümpfte die Nase und versuchte zu verstehen, was gemeint war.

"Sheena...?"



Isis hatte wirklich zu tun, dass sie mit dem Rudel mitkam. Unbemerkt fiel sie mit Katsumi zurück, denn der eisige Wind zerrte an ihrem noch viel zu dünnen Fell. Die Kälte war die Ägypterin nicht gewöhnt, in keinster Weise. Wie sollte sie das nur überleben, dort oben in den Bergen. Alle hier in dem Rudel waren dieses Eis gewöhnt, hatten dichtes Fell, aber Isis? Die kleine Fähe, die aus dem Süden kam? Es fühlte sich an, als würde ihr Herz langsam einfrieren.
Aber da war noch die Wärme von Katsumi, seine sanften Worte. Er konnte die junge Isis mit seinen Worten etwas trösten und Zuversicht schenken. Ja, er hatte Recht. Sie wollte so gerne mit Katsumi Chanuka großziehen. Vielleicht würden das auch Tyraleen und Averic gut verstehen.

"Katsumi, zu gern würde ich Chanuka gerne mit dir großziehen. Wenn wir unser Ziel erreicht haben, dann werde ich auch glich Tyraleen und Averic danach fragen."

Jedes Wort kostete Kraft, die sie eigentlich zum Laufen brauchte und trotz der Schwäche, die man ihr ansah, strahlten ihre Augen wieder. Man musste sich wirklich fragen, woher sie diese Lebensfreude nahm, aber Isis wusste immer wieder die gleiche Antwort. Ihre Götter waren es. Die Götter in ihrem großen Herzen. Malicia steuerte die beiden Braunen mit einem Welpen im Maul an. Isis straffte etwas ihre Schultern, damit sie nicht zu schwach aussah und man jemanden noch davon berichten würde. Sie wollte keine Umstände machen.

Sheena?",

wiederholte sie wie zuvor schon Katsumi.

"Ich habe sie noch nicht gesehen, Malicia."

Und plötzlich ertönte ein leises Knurren. Isis neigte den Kopf, wie sie es im Lauf nur konnte und strahlte den kleinen Welpen freundlich an. Wer weiß was ihm geschehen war in seinem noch jungen Leben, dass er Katsumi anknurrte. Es war nicht zu verkennen, denn die Augen bohrten sich trotzig in die ihres Gefährten.
Aber mit einem Schlag wurde Isis abgelenkt. Bevor sie seine Stimme hörte, spürte sie ihn. Es war der Zeitwächter. Akru! Isis blieb mit einem Schlag stehen, riss den Kopf herum, als ihr Name vom Wind zu ihr getragen wurde. Kurz blickte sie zu Katsumi. Hatte er Akru auch vernommen? Aber bevor der Braune etwas von sich geben konnte, bewegte sich Isis erst langsam gegen den Strom und raste dann in die Vergangenheit zurück, an Shákru und einem neuen Rüden vorbei, bis sie Akru sah. Er trug Urions Sohn in seinem Maul. Und wo war Krolock? Wortlos drückte Isis ihren Kopf in das Fell des Grauen. Es war so vertraut, so Altbekannt.
Für einen kurzen Moment war die Kälte vergessen bis sie wieder tosend über den kleinen Körper hereinbrach und Isis leise aufkeuchte.



Es schien, als wolle das Nichts nach Akru und den kleinen Bündel in seinem Fang ausschlagen. Als wolle die undurchsichtige Gefahr nach ihm schnappen und ihn zurückziehen. Der eisige Wind zog an dem dichten Fell des Grauen – es störte ihn nicht, er war ein Nordwanderer. Der Blick lag wieder nach vorne gerichtet. Die verschwommenen Konturen dehnten sich aus und die Bedrohung schenkte dem Gesamtbild einen Rahmen. Nur eine schlanke Figur löste sich aus dem Schleier und kam auf ihn zu gestürmt. Augenblick legte sich ein Lächeln auf die schwarzen Lefzen und in den Seelenspiegeln des Hünen war ein Funkeln zu finden. Er erhöhte das Tempo bis sie endlich bei ihm war. Isis. Wie lange war es her, dass er sie gesehen hatte? Wie lange hatte er sich nach dem Ableben der Leitwölfin zurückgezogen? Es spielte für diesen Moment keine Rolle. Der sandfarbene Kopf drückte sich in Akrus Fell und er drückte – samt Welpe – seinen Kopf gegen ihren. Nur ein leises Aufkeuchen ihrerseits ließ ihn aus dieser Berührung lösen. Seine Seelenschwester fror – sie war nicht für solch kalte Temperaturen gemacht. Ohne zögern stellte er sich dicht an ihre Flanke, versuchte sie vor der Kälte zu schützen.

“Sag´ mir, Isis, geht es Dir den Umständen entsprechend gut?“, seine Stimme samtweich, die Sorge deutlich zu hören.

Natürlich machte er sich Sorgen um sie. Nicht, weil es seine Aufgabe war, sondern sie ihm das Leben geschenkt hatte. Ihr Lächeln, ihre Kraft und ihre fröhliche Art hatten ihn über so manch schwere Zeit gerettet. Nun war es an der Zeit ihr zu danken, für den kleinen Wirbelwind zu sorgen und ihr den Weg zu ebnen. Zu oft hatte er in ihr Schicksal eingegriffen und hätte damit ihre Person und ihre Zukunft beinahe zerstört.

“Du warst bei Katsumi“, er sog den feinen, bekannten Geruch ein.

Eine tiefe Ruhe durchströmte seinen Körper. Auch dem Braunen schien es gut zu ergehen. Er hatte sich rührend um Isis gekümmert, auch dann, als Akru es nicht mehr konnte und sich distanziert hatte. Ihre Gefährtenschaft beruhigte den Hünen, machte ihn glücklich. Für seine Seelenschwester war gesorgt und auch sein bester Freund war im Falle seines Endes geschützt.
Die Augen schlossen sich kurz und er dachte an den sonnigen Tag zurück, an dem sie sich das Versprechen gegeben hatten immer für einander da zu sein und den schwierigen Weg gemeinsam zu bewältigen. Und das taten sie nun.

“Wir sollten das Tempo ein wenig steigern“, der Welpe verharrte noch immer ruhig in seiner Schnauze. Manchmal fürchtete Akru, dass der kleine Ciardán schon sein Leben aus gehaucht hatte. “Geht das für Dich, Kleines?“, das Augenmerk wieder an seine Seite gerichtet. “Das Nichts verbreitet sich viel zu schnell“, knurrte der Zeitwächter ein wenig finster. Und leider bildeten Isis, der weiße Welpe und er die Nachhut. Wenn sie nicht aufpassten, dann... würde es wohl möglich nicht so schön ausgehen.



Cassio fand es durchaus sehr faszinierend, was die Welt zu bieten hatte und zwar gleichermaßen das Grausame wie das Wundervolle. Oftmals lagen diese beiden Dinge sehr nahe beieinander und nur selten konnte man sie trennen, wenn man sich einzig von ihrem Anblick gefangen nehmen ließ, wenn man sich ganz auf sie einließ.
Der Braune Wolf hatte gelernt, dass es so viele Dinge auf der Welt gab, die nicht schlecht waren, aber für ihn schädlich, die nicht böse waren, ihm aber weh taten. Eines dieser Dinge war der Tod. Er war nicht schädlich oder böse, jedenfalls der Zustand nicht, das Sterben nicht. Es war keine Institution, die aus Boshaftigkeit das Leben beendete, sondern weil es notwendig war. Weil es eine logische Folge war. Wenn ein Ast brach, musste er fallen. Die Natur konnte nicht aus Mitleid verhindern, dass er fiel, er war dennoch unbestreitbar gebrochen.
Und so war es mit dem Leben auch. War es einmal zu Ende, aus welchem Grund auch immer, musste es vergehen, sterben. Denn es gab keine Alternative. Es gab nichts Anderes als das Leben, oder den Tod.

Als er nun Shákrus Worten lauschte, musste er zugeben, dass er doch ein wenig überrascht war. Da waren sie wieder, die Götter. Der Schwarze maß ihnen sehr viel Bedeutung zu, obgleich er nicht an sie glauben wollte. Mehr noch, als Cassio es jemals getan hätte.
Für ihn waren sie einfach da, wie die Sonne oder der Mond. Doch er beschrieb Dinge auch nicht mit der Überlegung, dass sie auch ohne Sonne und Mond schön waren. Aber den Schwarzen schien das zu beschäftigen, es schien ihn nicht mehr loszulassen. Und vielleicht machte ihn das zu einem Außenseiter. Vielleicht suchte er etwas, vielleicht gab es etwas, das er unbedingt finden musste und es hatte mit den Göttern zu tun? Jedenfalls musste der Jüngere das glauben.
Aber was genau es war, das wusste Cassio nicht. Dennoch verspürte er den Drang danach, es herauszufinden. Er wusste nicht, woher dieser Drang kam, aber er gab ihm instinktiv nach, nachdem er darüber nachgedacht hatte, ob dieser schädlich für ihn sein konnte oder nicht und im Moment war er es nicht.

“Du würdest es dir gerne einmal …. von innen ansehen?“, fragte Cassio.

Sein Blick nahm eine sonderbare Ausdrucksweise an. In gewisser Weise etwas Bedrohliches, wenn man es als bedrohlich empfand, nicht zu wissen, was der andere dachte und doch das Gefühl zu haben, dass er mehr über einen wusste, als man selbst.
Cassio konnte diesen Blick nicht verbergen, aber er wollte es auch gar nicht, im Gegenteil. Sein Blick verriet so etwas wie Abenteuerlust, obwohl es nicht damit zu vergleichen war.
Plötzlich aber änderte sich sein Gesichtsausdruck von einem beinahe verschlagenen Blick zu einem ruhigen, recht vernünftigen Ausdruck und er folgte Shákru, ja zog das Tempo sogar noch ein wenig an, als er an diesem vorbeilief. Er rannte nicht, es schien mehr nach einem gemütlichen Trab.

“Aber heute nicht. Ein andermal vielleicht.“

Cassio konnte sich durchaus vorstellen, dass er den Jüngeren mit dieser Verhaltensweise verwirrte. Er wusste sehr gut, dass es nicht üblich war, sich so zu benehmen und schon gar nicht bei einer solch ernsten Sache. Aber wieso sollte er sich anders benehmen? Es gab an sich keinen Grund dazu als jenen, dass es nicht normal war. Aber was war normal? Und vor allem, warum sollte er anstreben, normal zu sein?

“Du fühlst dich verloren hier, oder?“, meinte er schließlich nach einer Weile ganz pauschal.

Sein Tonfall verriet nicht unbedingt, ob er sich etwas bei den Worten dachte oder eine bestimmte Antwort hören wollte. Man bekam viel mehr das Gefühl, dass er eine Tatsache ausgesprochen hatte, die recht offensichtlich war, ja bei der es sogar überflüssig gewesen war, sie überhaupt zu erwähnen.



Nerúi war zufrieden. Papas Rute zuckte artig weg, sodass sie sich gut daran festhalten musste, bevor sie sie wieder freigab. Grinsend hüpfte sie weiter um Turién herum, als dieser ihr einfach nachsetzte. Seinem leicht verschobenen Kreisen folgend schnappte sie auch immer wieder nach seiner Rute, verfehlte diese jedoch Mal um Mal. Dann musste sie sch eben etwas anderes einfallen lassen. Jetzt aber fuhr sie ebenso überrascht herum wie Turién - Malakím war da! Lachend hopste sie ihm entgegen, zwischen seinen Vorderläufen herum und immer wieder seiner Schnauze entgegen.

"Toll!"

Rief sie begeistert aus, sprang weiter um ihn herum, und wartete nur noch darauf, dass auch der Kuschelberg irgendwo auftauchte. Sie hatten ja sogut wie gewonnen! Auf Kylias Aufforderung hin hüpfte sie gleich nocheinmal an Malakím nach oben.

"Klar, aber von da oben seh ich noch viiiiel mehr!"

Erklärte sie begeistert. Aber das konnte Kylia ja nicht wissen, die hatte ja noch nie auf Malakíms Rücken gesessen. Apropos viel sehen...sie hatte das Großzaubern mmer noch nicht gelernt. Das wurde aber wirklich so langsam Zeit - am Ende war Turién noch vor ihr ganz groß! Aber sie konnte den Gedanken gar nicht zuende denken, denn Mama Tyraleen kam zu ihnen - und war gar nicht so glücklich mit Malakíms Anwesenheit, wie sie selbst - vielleicht sollte man ihr auch mal anbieten auf seinem Rücken getragen zu werden?
Als schimpfe Mama mit ihr, duckte sie sich leicht, und verschwand ganz unter Malakím, wo sie sich sicherer vor kam. Sicher vor dem Ärger von Mama Tyraleen. Es sollte jetzt keiner böse sein - es reichte doch, dass alle so traurig waren!
Unter Malakím hervorlugend, flüsterte sie ihm zu.

"Du musst sie nur auch mal tragen, dann ist sie bestimmt nicht mehr böse!"

Schließlich wollte sich doch jeder von Malakím tragen lassen - oder etwa nicht?



Ahkuna zuckte zuerst etwas zurück als sie so eine Antwort von der kleinen Welpin bekam. Zuerst wollte Ahkuna etwas sagen, doch sortierte sie lieber erst ihre Worte wieder um nicht das falsche zu einem Welpen in solch einer Situation zu sagen. Irgendwas schien mit Aléya auch nicht zu stimmen. Irgendwie hörte sie sich wie ein alter Wolf an der schon öfter mal herum schreien musste. Ahkunas Ohren stellten sich auf und ein lächeln bildete sich auf ihrem Gesicht.

„Naja aber wenn du nicht nach vorne schaust, kann ich ja auch nichts da für.“

Diese Worte aus dem Maul der Weißen, waren durchaus nicht dazu gedacht Vorwurfsvoll zu wirken. Sie waren eher dazu gedacht einen Streit zu umgehen doch ob die Welpin vor ihr dies richtig verstanden hatte, würde Ahkuna wohl bald spüren. Allerdings schien die weiße Welpin eher mit sich selbst beschäftigt zu sein als das sie wahrscheinlich die richtige Bedeutung verstand. Irgendwie schien dort was mit dem Welpen zu passieren. Es war so als ob sich die Welpin vor Ahkunas Augen in ein anderes Wesen verwandeln würde. Somit wollte sie auf sie zu treten und sie anstupsen doch gerade als sie ihre Pfote heben wollte spürte sie schon wieder was an ihrem Bein. Dieses etwas aber zitterte. Ahkuna senkte ihren Kopf und sah herunter auf ein kleines Fellknäul welches sich an ihr Bein presste. Sie hatte Angst. Ja, selbst die Welpen hatte es getroffen. Wahrscheinlich lag es momentan in der Luft, diese Trauer. Es war wie ein Virus, welcher sich allein durch die Luft auf jeden übertrug und selbst vor den Welpen keinen halt machte. War es nicht schon schlimm genug das die Erwachsenen sich zu viele Gedanken machten? Sollten nun auch noch die Welpen darunter leiden und nicht mehr spielen können?
Ahkuna konnte damals doch auch ausgiebig spielen. Selbst dort oben auf dem Berg, von allen isoliert und nur mit ihren Eltern und Geschwistern. Selbst dort hatte sie eine bessere Zeit gehabt als hier. Zwar war es dort oben Eiskalt gewesen doch es war für Ahkuna wie im Himmel.
Ahkuna konnte aber nun einen kleinen Lichtblick entdecken. Aléya, welche sich vorher so merkwürdig verhalten hatte, sprang nun auf die Welpin zu und begrüßte. Es war einfach schön das wenigstens ein Welpe versuchte sich um die anderen zu kümmern. Alle anderen schienen wohl zu besessen davon zu sein, hinter den anderen her zu laufen und sich Gedanken darüber zu machen was als nächstes passieren wird, anstatt neben sich zu sehen und die anderen Gesichter zu sehen welche neben ihnen liefen. Es brauchte einfach irgend wen der das ganze Rudel auf andere Gedanken bringen musste. Ahkuna würde diese Aufgabe zwar nicht übernehmen, doch sah sie als eine ihrer Aufgaben auf diese zwei Welpen auf zu passen, auch wenn Ahkuna auch nicht gerade gut drauf war.

„Ja klar darfst du bei uns bleiben. Wir sind ein Rudel und ein Rudel hält zusammen, nicht wahr?“

Ahkunas Worte waren so weich wie warme Butter und sie setzte ein lächeln auf. Irgendwie musste man ja diese Welpen davon abhalten Angst zu haben. So versuchte sie den Welpen etwas Sicherheit zu geben. Wie gerne würde Ahkuna nun auch das Gefühl von Geborgenheit haben?



Krolock war einer der Ersten – derer, die mit wachsamen Blicke voran gingen und nach einem Zeichen Ausschau hielten. Das reinste Chaos herrschte, Verzweiflung, teilweise Angst, Sorgen und Kummer. Und inmitten dieser Unruhe war es an Krolock, der lächelte, fast vergnügt schien. Zerstörung und Tumult. Hier war er sicher, hier konnte er glänzen und sich erfreut auf jeglichen Schreckensnachrichten stellen. Er hatte keine Angst, nicht einmal Sorge umwogte ihn. Der mittlerweile hochgewachsene Welpe war sich seiner Schritte sicher und traute auf den so jungen Instinkten. Nichts würde das Rudel zerstören, hier war nicht das Ende – nur der Anfang zu einem Abenteuer. Und sollte es der Schmerz sein, der ihn zerstörte so konnte er getrost sagen, dass nichts schlimmer war als jemanden Geliebtes zu verlieren. Nun war er eine Vollwaise und trotz dieser Tatsache hatte er sich prächtig entwickelt. Stolz, rebellisch und ungestüm. Ein freies Herz, wild und tobend. Natürlich hatte er gesehen, was aus seinem kleinen Bruder geworden war, hatte gespürt wie sehr Liel stark sein wollte – aber das war nicht sein Problem. Nicht, weil er kaltherzig in diese Welt blickte. Er musste stark für sie sein und durfte sich keinerlei Schwächen mehr erlauben. Als gutes und willensstarkes Beispiel ging er voran. Vielleicht nicht immer mit dem richtigen Handeln, aber mit den völlig selbstlosen Absichten.

“Und ihr hättet nicht damit gerechnet, dass ich es schaffe“, der Blick der grauen Augen glitt in den Himmel. “Stimmt´s, Mutter, Vater?“, das Lächeln wandelte sich zu einem breiten Grinsen.
“Ihr werdet meinen Weg gewiss nicht verstehen – so wie die anderen Lakaien auch nicht – aber seid euch sicher: wenn jemand dem Schicksal trotzt, dann bin ich es. Kein guter Sohn, aber ein Wolf mit Herz und Verstand“, lachend schüttelte er den Kopf, sah noch einmal verstohlen in die grauen Wolken.

Er erhöhte das Tempo, war einen kurzen Blick über die Schulter. In der Mitten der Anderen erkannte er seinen Onkel. Gedankenverloren. Dachte der Schwarze etwa, dass er mit seinem ewigen Denken die Welt verbessern konnte. Der alte Rüde brauchte dringend mal einen kleinen Stoß in die richtige Richtung. Der Schalk legte sich auf Krolocks Züge und der Halbstarke drehte sich auf dem Absatz, um genau die Entgegengesetzte Richtung einzuschlagen, direkt auf Takashi zu.

“Hey Onkelchen“, warnte er den in Gedanken versunkenen Wolf vor, ehe er sich mit vollem Tempo gegen ihn war. Und das war jetzt schon von einiger Kraft. Der Halbstarke überragte alle anderen Welpen. “Trübsal blasen hilft hier niemanden – beweg´ Dich! Lauf´ ein wenig mit mir um die Wette“, forderte er in seiner forschen Art und Weise auf.

Natürlich meinte es der Schwarze nicht böse, es war eben seine Personlichkeit, die so manches mal recht provokant und zynisch wirkte.

“Oder erlauben Dir das Deine alten Knochen nicht mehr?“, hohnvoll hob er eine Braue an und grinste schief.



Der Geruch einer jungen Fähe stieg Liam in die Nase, er warf ihr einen kurzen Seitenblick zu und konzentrierte sich dann wieder auf den Weg vor ihm, den seine Pfoten beschritten. Er kannte die weiße Wölfin nicht, zumindest konnte er sich ihrer nicht entsinnen. Wieder wurde ihm bewusst wie riesig das Rudel eigentlich war und wie viele Wölfe ihm beiwohnten, die er nicht kannte. Das würde sich vielleicht irgendwann ändern, mit der Zeit würde er immer mehr Wölfe kennen lernen. Die Fähe hielt einigen Abstand zu ihnen und als Atalya ihn begann etwas über die Götter zu fragen spielten allein seine Ohren noch in ihre Richtung, sie lief alleine, vielleicht würde er sie gleich fragen, ob sie sich nicht zu ihnen gesellen wollte. Doch vorerst wollte er versuchen Atalya zu erklären, was er mit einer übernatürlichen Macht gemeint hatte und dass er nicht an die gleichen Götter glaubte, wie die meisten in diesem Rudel. Doch bevor er die Stimme erheben konnte, bemerkte er, wie die Fähe näher zu ihnen kam, seine Ohren hörten, wie ihre Schritte größer wurden und schon war sie neben ihnen beiden und begrüßte sie mit einem fröhlichen Bellen.
Er drehte sich ihr zu und da Atalya sie zu kennen schien und sie sogleich mit Namen begrüßte und nebenbei auch ihn und ihrer beider Verhältnis erklärte, blieb ihm ein wenig Zeit um die deutlich kleinere Fähe zu mustern. Sie war schlank und das schneeweiße Fell bedeckte ihren Körper mit einem sanften, seidigen Glanz. Von ihren dunkelblauen Augen wanderte sein Blick hinauf zu den Ohren, welche von einem schwarzen Rand geziert wurden. Die genaue Zeichnung irritierte ihn, es schien, als würde die schwarze Färbung nicht dorthin gehören und er freute und wunderte sich gleichzeitig über die ausgefallen Ideen der Natur.
Atalya hatte indes geendet, nun wusste er also wo sein Platz war. Er musste bei ihren Worten leicht schmunzeln, es erschien ihm als typisch welpisch, den Paten als ihr eigener Besitz zu sehen. Es war ihm schon öfter aufgefallen und jedes Mal hatte er sich über die Drolligkeit der kleinen Wesen gefreut. So auch dieses Mal.
Seine Augen glitzerten erfreut auf, nun würde er also einen weiteren Teil des Rudels kennen lernen, eine Fähe die ihm sehr sympathisch erschien. Ob sich seine Annahme bestätigen würde, würde er sicherlich im weiteren Verlauf herausfinden.

„Hallo Lucina. Schön, dassch du auf unsch geschtoßchen bist. Ich wurde gerade von Atalya gefragt, ob Engaya und Fenris unsch bei der Besiegung desch Nichtsch helfen werden.“

Er wollte ihr die Möglichkeit geben gleich mit zu reden, sie sollte sich nicht als Außenstehende fühlen, nur weil die beiden ein Gespräch führten, von dem sie schließlich noch gar nichts wissen konnte. Wieder musste er einen Moment überlegen, wie sollte er Atalya erklären, dass nicht alle Wölfe an die gleichen Götter glaubten, kannte sie dies bereits oder würde er sie verwirren, wenn er von anderen Gottheiten sprechen würde?
Er musste es einfach wagen, versuchen ihr zu erklären, dass sein Glaube sich von dem der anderen unterschied, er aber trotzdem an eine Rettung denken konnte.

„Nein, ich glaube nicht an Engaya und Fenrisch, ich habe mich dem buddhistischen Glauben zugewandt. Ich glaube nicht an eine Gottheit schondern an den Kreischlauf desch Lebensch, ich glaube daran, dassch jeder nach scheinem Tod wiedergeboren wird, bisch er die Erleuchtung erreicht hat und insch Nirwana eintreten kann. Dasch ist bestimmt schwer zu verschtehen, oder?“

Er runzelte die Schnauze gleichermaßen wie die Stirn und grübelte darüber nach, ob er seinen Glauben noch vereinfachter hätte erklären können. Doch Atalya würde sich melden, wenn sie noch weitere Fragen hatte und das beruhigte den bunten Rüden und munterte ihn auf, sodass er gleich weiter sprach.

„Trotzdem bin ich mir schicher, dassch unsch, von welcher Kraft auch immer, geholfen wird. Euren Pfoten weischen Engaya und Fenrisch den Weg, mir weischt Buddha den Weg. Ich achte auf die Schymbole, ich schärfe meinen Blick für die Umgebung um die kleinschte Veränderung wahrnehmen zu können, um nicht blind zu schein für die Hinweische die mir gegeben werden um meine Erleuchtung zu finden. So finde ich meinen Weg aus unscherem Schickschal. Letztendlich der gleiche Weg den euch euer Gott zeigt, mit dem Unterschied, dassch wir vielleicht unterschiedliche Begebenheiten für unscheren Weg verantwortlich machen.“

Nun wurde er aber deutlich zu kompliziert. Wenn die kleine Fähe ihm nun noch folgen konnte, dann konnte sie sehr stolz auf sich sein, er war sich nicht sicher, ob er dies alles als kleiner Welpe verstanden hätte. Und wie sah es mit Lucina aus? Sah sie das Ganze ähnlich? Und welchem Glauben gehörte Atalya eigentlich an, hatte sie sich überhaupt schon einem Glauben zugewandt?

„Atalya, Lucina. Wie ischt es mit euch? Gehört ihr einem Glauben an?“

Er hätte Lucina gerne angeschaut, doch er wollte ihren Pfoten noch ein wenig Ruhe gönnen, so blinzelte er Lucina freundlich an und pustete sanft in Atalyas Fell. Eine kleine Geste, die durch die erschwerten Begebenheiten noch möglich war.



Es tat Aszrem gut, Nyotas erwiderte Liebkosung zu spüren. Sogar besser, als er selbst gedacht hätte. Einmal mehr wurde ihm bewusst, wie groß doch die Angst war, die er in seinem Inneren eingeschlossen hielt. Aszrem hatte keine Angst vor dem eigenen Tod, aber der Gedanke, seine Gefährtin oder gar seine Tochter, die noch ihr ganzes Leben vor sich hatte, könnten hier im Nichts ihr Ende finden, zehrte sehr an ihm.
Einmal mehr warf er einen Blick zurück, gerade als Malakím ihren Trupp erreichte. Seine Miene blieb unbewegt, als hätte er den schwarzen Rüden erwartet oder als wäre seine Ankunft ihm vollkommen gleich. Keines von beidem war der Fall. Er hatte weder erwartet, dass ein Rudelmitglied die Anweisung, dem Spähtrupp nicht direkt zu folgen, missachten würde, noch stand er eben dieser Missachtung gleichgültig gegenüber. Die Lage war verdammt ernst und ihre Mission lebenswichtig - sie konnten es sich nicht leisten, von irgendjemandem aufgehalten zu werden. Fairerweise musste man sagen, dass sie unter diesen Gesichtspunkten auch die Welpen nicht hätten mitnehmen dürfen.
Nun, zumindest die Welpen waren natürlich begeistert. Nerúi hatte nicht wenig von ihrem erwachsenen Spielgefährten geschwärmt - wobei sich die Bezeichnung 'Erwachsen' wohl mehr auf dir Größe bezog, wenn man diesem Rüden so zusah. Er schien jedoch nicht geistig zurückgeblieben zusein, sondern sich vielmehr ganz bewusst in welpenhafter Art und Weise zu präsentieren. Seltsam, dieser Malakím.
Tyraleen ließ sich sogleich zurückfallen, um den Ankömmling zu tadeln. Nicht sehr streng, wie Aszrem fand, vielleicht aus Rücksicht auf die Welpen. Vielleicht aus Unsicherheit. Der Schwarzbraune wandte den Blick wieder nach vorne, damit Tyraleen sich nicht so beobachtet fühlte. Zu Führen war keine einfache Aufgabe, sich durchzusetzen noch viel schwerer. Also richtete er seine Aufmerksamkeit stattdessen auf das leise Gespräch zwischen Nyota und Kylia. In der Stimme der Patin seiner Tochter lag die ganze Sorge, die ihre Miene so geschickt zu verbergen suchte.

"Die meisten Götter wirken nur indirekt auf ihre Gläubiger ein, lenken ihre Pfoten auf einen bestimmten Weg, geben ihnen einen bestimmten Gedanken ein. Weiter zu laufen und zu denken muss man dann schon selbst. Es hilft meistens nichts, sich auf die Götter zu verlassen - man muss sich vor ihnen beweisen in Glaube und oder Tat. Wenn man sich zunächst selbst hilft, sind Götter eher geneigt, einem weiter zu helfen. Diese Erfahrung habe ich zumindest gemacht auf meinen Reisen."



“Ihr flieht – als würdet ihr vor eurem Feind davon laufen. Seht ihr nicht, ihr Narren? Diese Welt habt ihr euch selbst erschaffen. Eure Angst sitzt tiefer als ihr glaubt. Keiner will sterben und dennoch richtet ihr euch selbst. Kein Paradies für jene, die vor der Wahrheit fliehen. Keine Erlösung für all jene, die nicht den Göttern huldigen. Ich bin ein Ketzer, mich richtet ihr hin. Ein Geschöpf ohne Weg und ohne Ende. Ein Geschöpf so unschuldig und rein, dass es nicht aus den Reihen eurer entstanden sein kann. Warum habt ihr Angst? Warum stellt ihr euch nicht der eigenen Gefahr? Schritt um Schritt weicht ihr aus und lasst das hinter euch, was ihr einst so sehr liebtet. So macht ihr es auch mit denen, die ihr als eure Geliebten bezeichnet. Der Weg ist nicht die Flucht! Kehrt um!Seht mit offenen Augen auf die Gefahr. Schenkt euch Mut, ihr Blender! Nicht zurück, sondern vorwärts. So preisen eure Götter euch die Weisheiten, die Tod und Leben mit auf den Weg in die Ewigkeit genommen haben. Oder lasst das weiße Geschöpf einfach zurück“,

baumelt hin in im Fang des Grauen. Die Augen halb geschlossen und die Sinne vernebelt. Der Zustand um den Weißen war schlimmer geworden. Mehr und mehr sah Cirádan Bilder, die nicht zusammenpassten. Er hörte Stimmen, die ihm sagten was richtig und falsch war. Es war seine Mutter. Die sanfte, liebe Betawölfin. Ihr Lächeln strahlte durch die Finsternis hindurch und gebot Ruhe und Wärme. Ihr erblindeten Augen sahen Alles, obwohl sie keiner Sehkraft besaßen. Die sensible Wölfin spürte, dass es ihrem Rudel nicht gut ging. Der Vater wisperte leise. Worte, die nur Ciradán hören konnte. Eine Welt, die nur für ihn geschaffen wurde. Eine Welt, in der er sicher und geborgen war. Alles hielt sich im Gleichgewicht und weder Tod noch Leben spielten für dieses Paradies eine Rolle. Ungewollt hatte es den weißen Welpen erfasst und er hatte sich der Lüge gänzlich hingegeben. Anders sollte es nicht sein. In seinem Paradies hatte alles seine Ordnung und war beständig. Hier konnte er jedem Ding die logische Erklärung geben. Hier musste er nicht an der Hoffnung festhalten, dass die Götter das Leid und Elend von dem Rudel nahm. Mutter und Vater waren immer an seiner Seite.

“Es ist Mama, die uns den Weg erhellt. Ihr Licht scheint schöner und strahlender als Engayas gemachtes Licht. Es ist ihre Güte, ihre Wärme. Nein, es gibt keine höhere Macht, die uns retten kann. Ihr vertraut blind links der Hoffnung, dem Glauben, obwohl ihr an euch selbst glauben müsstet. Die Wüstenkönigin lächelt nicht mehr. Sie lässt sich von der Sorge mitreißen. Der graue Riese lässt die Zeit los und trauert immer noch um den großen Verlust – er sei selbst sein Richter. Warum lachst Du nicht mehr, Ägypterin? Dir ist kalt, dabei sind es Deine Lieben, die Dir den Pelz erwärmen. Wenn jeder seinen Nächsten aus den Augen verliert ist das Paradies zerstört. Mein Paradies kann nicht zerstört werden. Hier hat Alles seine Richtigkeit. Ich würde euch hierher holen, aber das ist mir unmöglich“,

ein kurzer lichter Moment in dem der kleine Welpe sein ungleiches Augenpaar auf Isis richtete. Ein wirres, enttäuschtes Lächeln auf den Lefzen. Er war machtlos und musste sie alle zurücklassen. Auch Liel und Krolock. Und Caylee. Seine weiße Freundin, die mutige Welpin mit der frechen Schnauze. Die gewünschte Gefährtin. Er hatte sich verliebt und nun musste er von dieser Liebe loslassen, um sich selbst zu retten. Ciradán bedauerte sehr.

“Ich kann nicht helfen. Starr vor Ohnmacht. Meiner Worte glaubt man nicht. So bleibe ich ein stummer Zuschauer eurer eigenen Hinrichtung. Ich wünschte, es würde ein anderes Ende haben. Die einstige Betawölfin sagte, dass wir nur zusammenhalten müssen. Die Stunde der Erlösung kommt. Ob im Tode oder im Leben – verschließt nur die Augen nicht“,

ein Wirrwarr.



Es hätte nicht mehr möglich sein sollen, aber Malakíms Lächeln wurde tatsächlich noch etwas breiter. Noch etwas mehr, und seine Lefzenwinkel würden sich wohl an seinem Hinterkopf treffen können. Der schwarze Kopf zuckt hoch und wieder runter, gleichsam im Takt der übermütigen Sprünge Klein-Nerúis. Mit jedem Hüpfer kicherte er etwas lauter und begann schon fast mit der schwarzen Welpin mit zu hüpfen. Lachend stieß er Turién mit einer Pfote an, amüsiert darüber wie der Kleine ihn mit offenem Mäulchen anstarrte, als trüge er Flügel auf dem Rücken oder etwas dergleichen.

"Gib acht, junger Freund, sonst bleibt dein Maul ewig offen stehen!",

warnte er grinsend und war schon dabei, sich herab zu beugen mit dem Oberleib, damit die Welpen auf sein Rücken klettern könnten. Da gesellte sich jedoch die weiße Alphastochter zu ihm und zumindest Nerúi bevorzugte es, unter ihn zu kriechen statt auf ihn herauf. So richtete der Schwärzling sich denn wieder auf und lächelte Tyraleen entgegen. Leider wollte sie nicht zurücklächeln, doch Malakíms guter Laune tat das keinerlei Abbruch. Er schien entschlossen, ihre trübe Miene und unfreundlichen Tonfall geflissentlich ignorieren zu wollen.

"Aber das ganze Rudel folgt euch doch! Und genaugenommen bin ich nicht euch hinterher gelaufen, sondern den anderen voraus! Davon, könnte man sagen. Eure Fährte war mir lediglich eine Orientierung. Du willst mir doch nicht zum Vorwurf machen, dass ich dem Trübsinn entkommen wollte, der das restliche Rudel so plagt? Malakím, sagte ich zu mir, hier vermagst du keine Freude zu spenden, hier wollen alle Missmutig sein! So fliehe denn! Und siehe da, ich floh und holte euch ganz zufällig ein, und da sagte ich mir: Malakím, vielleicht kannst du ja einem kleinem Grüppchen wie diesem etwas Optimismus ins Herz pflanzen, bevor der Kummer auch sie übermannt! Und siehe wiederum, ich bin wohl noch nicht zu spät, zumindest zwei junge Herzen konnte ich bereits erfreuen, kaum dass ich eine Pfote zu euch gesetzt habe!"

Er strahlte Tyraleen, in den Augen nicht wenig Schalk blitzend. Nicht, dass er seine Worte nicht ernst gemeint hätte, lediglich erfüllte ihn soetwas wie diebischer Vorfreude.

"Und wahrlich, mein Schicksal ist mir wieder holt und die Geflügelte mir gnädig gesonnen! Gleich drei wunderhübschen Fähen darf ich den Hof machen, dazu einer kleinen Prinzessin und ihrem Silberprinzen!"

Seine blauen Augen glitten zu Nerúi und Turién, um gleich darauf zu Tyraleen zurück zu kehren. Sein Gang war längst wieder tänzelnd geworden.



Um Jakash Caiyé herum waren Wölfe. Viele Wölfe, das ganze Rudel auf einem Haufen. Einem lang gezogenem Haufen, zugegeben, aber dennoch hockten oder besser gesagt liefen alle so dicht beisammen wie sonst nie. Von der kleinen Gruppe einmal abgesehen, die irgendwo weit voraus lief und den Weg erkundete.
Jakash lief mitten zwischen diesen Wölfen und fühlte sich dennoch allein. Ahkuna kümmerte sich um zwei der Welpen, Sharíku und Kursaí hatte er in dem Gewimmel aus den Augen verloren. Und Rakshee... nun, die hing schon wieder an den Lefzen dieses Garrett. Der schwarze Jungrüde wusste nicht, was er davon halten sollte, oder gar von diesem Rüden. Er wusste, dass ihn das nichts anging, sofern er seine Schwester nicht vor Garrett würde beschützen müssen, und das schien nunmal nicht der Fall zu sein. Er wusste aber auch, dass es ihm dennoch nicht gefiel, aus Gründen, die er nicht benennen konnte - oder wollte. Derart tiefgründig darüber nach zu denken gestattete er sich nicht. Abgesehen davon kreisten weitaus größere Sorgen und Ängste in seinem Kopf. Das Nichts hatte sich immer weiter ausgebreitet und das Rudel fast völlig eingekreist - wenn sie Pech hatten, nichtmal mehr nur "fast". Und wenn dem so war... würden sie alle sterben. Oder was auch immer mit einem Wolf geschah, den das Nichts verschluckte. War ein derart Verschwundener in der Lage, das Reich der Toten zu betreten und zu den verstorbenen Liebsten zurück zu kehren? Oder würde ihnen auch das Paradies verschlossen bleiben? Die Furcht vor dieser Nichtexistenz ließ ihn frösteln und sich im Inneren verkrampfen, sie verdrängte sogar die sonst so beständige Furcht davor, erneut die Kontrolle über sich zu verlieren und irgendetwas Schlimmes anzurichten. Was spielte es denn noch für eine Rolle? Die anderen zu töten wäre gnädig im Vergleich zum Nichts...
Jakash biss sich auf die Lefzen, bis er Blutschmeckte, und schüttelte heftig den Kopf. Nein, so wollte er nicht denken! Niemandem war damit geholfen, erst recht nicht ihm selbst, wenn er sich von diesen Gedanken auffressen ließ! Er musste optimistisch sein, musste daran glauben, dass Engaya sie nicht dem Verderben ausliefern würde. Warum aber war es dann überhaupt soweit gekommen...?
Jakash seufzte und lief weiter, den Kopf gesenkt und die Augen auf den Boden gerichtet. Die Wölfe um ihn herum nahm er kaum mehr wahr, sie waren nur noch Hintergrundrauschen in seinem Bewusstsein...



Und noch immer schien Takashi so, als wäre er nicht wirklich anwesend. Zumindest geistig, denn körperlich war er ja schließlich nicht zu übersehen. Sein vieles Nachdenken ließ ihn eher abwesend wirken. Sein Kopf war zu Boden gesenkt und seine Augen starrten stur in die Leere. Er zuckte nicht einmal mehr mit den Ohren. Das einzige, was für andere erkenntlich war, war, dass er sich nur noch langsam fortbewegte. Doch seine Gedanken lenkten ihn wohl von allem anderen ab. Was um ihn herum geschah, nahm er auch nicht wirklich war. Er sah zwar alles ganz genau, vergaß es dann aber sofort wieder. Es war einfach viel zu viel Negatives auf einmal. Weit war er bis jetzt noch nicht gekommen. Seine Verfassung ließ es einfach nicht zu, wie wild geworden davon zu laufen oder zu flüchten. Einige der anderen schienen eher ängstlich oder gar panisch, was nun gar nicht zu Takashis Stimmung passte. Kurz schien er ein wenig aufmerksamer, als zuvor, und blickte sich um. Die Weiße Wand des Nichts schien immer einengender. Zudem schien der Weg auch immer länger und beschwerlicher zu werden. Es war auch nicht sonderlich schön, dass der weg nicht bergauf, sondern bergab verlief.

.oO(Wie viel Zeit wird uns das Nichts wohl noch lassen? Wann wird er bloß das letzte Bisschen von unserem Revier verschwinden lassen? Der Weg wird immer schmaler und schmaler…oder bilde ich mir das etwa schon ein? Bestimmt, denn so schnell wird das ja wohl nicht gehen – hoffentlich! In so einer Situation sind doch solche Einbildungen immer da…auch wenn sie unerwünscht sind!

Was?)


Seine Gedanken stoppten. Der Kopf des Schwarzen wurde ein wenig erschrocken hochgerissen. Plötzlich war er durch jemanden aus seinen Gedanken gerissen worden. Wer hatte ihn denn da angesprochen? Er erschrak. Da war doch gerade jemand auf ihn zu gerannt! Obwohl Takashi zuvor keine hohe Geschwindigkeit gehabt hatte, blieb er ruckartig stehen. Unsicher zuckten seine Ohren kurz nach hinten, bis er schließlich erkannte, wen er da vor sich hatte. Ein Welpe, schon sehr groß und mit wolkengrauen Augen. Zudem war sein Wortlaut wieder richtig frech. Das konnte doch nur Krolock sein! Für einen weiteren Moment blieb Takashi Gesicht ausdruckslos. Dann setzte er ein etwas zurückhaltendes, aber herausforderndes Lächeln auf. Was wollte der Kleine denn? Takashi das Denken austreiben und ihn zum Laufen anspornen? Der Schwarze grummelte leise. Eigentlich hätte er auf so etwas nun gar keine Lust gehabt. Aber schließlich hatte er es auch nicht vor, sich vor einem kleinen Rotzlöffel zu blamieren. Krolock dachte schließlich, dass Takashi aufgrund seines Alters kaum vorankam. So ein Unfug, das stimmte doch gar nicht!

“Ich komm’ ja schon!“

Grummelte er leise und sah ein wenig genervt aus. Hätte er schneller als die anderen sein wollen, wäre er es schließlich bereits gewesen! Mit dem Welpen würde er wohl in einem lockeren Trab Schritt halten können. Takashi schmunzelte kurz. Warum ließ er sich auch immer auf Krolock und seine albernen Herausforderungen ein?



Turiéns Blick glitt nicht von Malakím, selbst als dieser in mit seiner Pfote an stieß wandte sich sein verwunderter Blick nicht ab. Erst der große Schwarze erinnerte ihn daran seinen Fang wieder zuschließen. Mit leichtem Kopfschütteln lächelte er den Erwachsenen an, schloss sein Maul und dachte angestrengt darüber nach, ob es wirklich für immer stehen bleiben würde, wenn er seine Schnauze die ganze Zeit geöffnet lassen wurde. Es war bestimmt das gleiche, wie mit blöden Grimassen! Wenn man nämlich schielte und dann erschreckt wurde, dann blieb einem das Gesicht so stehen! Also doch lieber die Schnauze geschlossen halten, das würde er such nun merken...

Aber dann kam schon Mama Tyraleen und schimpfte mit Malakím. Auch der Silberrüde duckte sich kaum merklich und seine Ohren klappten zur Seite, als ob er selbst mit den Worten gemeint war. Sein Blick glitt zu Nerúi, die nun unter Malakím hockte. Sie schien jetzt sehr zufrieden zu sein, immerhin hatte sich ihr Wunsch erfüllt - nicht dass es so wäre, dass Turién ihr dieses Geschenkt nicht gönnte, doch heimlich lugte er dennoch hinter Malakím ins Geäst und suchte nach dem Kuschelberg. Doch auch nach einigen Sekunden intensiven In-die-Dunkelheit-Starrens erschien er nicht. Innerlich ziemlich enttäuscht, wandte er sich von dem fern Anvisierten Punkt ab und lauschte nun wieder ihrem Vierergrüppchen, bestehend aus Malakím, Nerúi, Tyraleen und ihm.
Weise nickte er, obwohl er nicht ganz so viel von Malakím drumherum Gerede verstanden hatte, da er nach dem Kuschelberg Ausschau gehalten hatten - doch im Nachhinein fand er seine Geschichte sehr logisch. Auch wenn der Schwarze sich irgendwie ... seltsam ausdrückte. So anders als die anderen, und vor allem so anders als er und seine Geschwister. Sein Sonnenblick fasste nun seine Mama ins Auge und er sah sie eindringlich, aus seinen Welpenaugen an.

"Mama! Ich finde diese Geschichte macht sehr viel Sinn..."

Er nickte ihr zu, während er immer noch Blickkontakt hielt. So hatte er das gelernt - wenn man etwas verdeutlichen wollte, dann musste man einen Hauch länger Augenkontakt halten, als normal. Das machte dann das Gesagt deutlicher (auch wenn der kleine Turién es etwas übertrieb.) Zum Ende hin riss er die Augen noch einmal verdeutlichend auf und wandte sich dann freudestrahlend an Malak und Nerúi, welche immer noch unter dem Körper des Schwarzen hockte.
Seine Schritte, die vorhin noch viel schwere gewesen waren, wurden nun durch den erfüllten Wunsch von Nerúi beflügelt. Auch wenn sein eigener Wunsch dafür nicht in Erfüllung gegangen war. Manchmal musste man eben zurückstecken und sich einfach nichts anmerken lassen, auch das hatte er schon gelernt. Und er hatte ja auch etwas von Malakím.

Der kleine Rüde machte ein paar muntere Sätze, bis er neben Nerúi war und flüsterte ihr etwas zu.

"Glaubst du er verwechselt uns mit jemandem? Wir sind doch gar keine Prinzessin und kein Prinz!"

Oder waren sie etwa doch Prinz und Prinzessin?



Die Ohren hängend, den Blick lustlos auf das graue Gras gerichtet und die Schritte schlapp und langsam setzend tappte Caylee in mitten des Rudels dahin. Sie hatte schlechte Laune. Natürlich hing das mit dem Tod von Oma Bani und Opa Aco zusammen … auch wenn die Erkenntnis, einen Opa gehabt zu haben echt toll war. Nur jetzt waren sowohl Opa als auch Oma weg und alles war furchtbar hektisch und alle hatten Angst und bleiben konnten sie auch nie dort, wo sie waren. Caylee verstand gar nicht so genau warum, was aber weniger damit zusammenhing, dass sie nicht zuhörte oder dass sie das Nichts nicht sah, sondern eher damit, dass sie ihre Gedanken gegen die beunruhigende und angsteinflößende Erkenntnis sperrte. Sie versuchte lieber herumzualbern und fröhlich zu sein, so konnte man gar nicht nachdenken. Aber jetzt hatte ihre Mama sie nicht mitgenommen! Dabei nahm sie Neruí und Turién mit, die beiden, mit denen Caylee am besten alle Probleme vergessen konnte. Aber nein, die doofe kleine Caylee sollte gefälligst beim langweiligen Rudel bleiben, während die anderen vorausgingen und eine Party feierten. Die kleine Weiße war beleidigt mit ihrer Mutter und sehnte sich zu ihren zwei Geschwistern, die mit Sicherheit nicht herumtappten und Trübsal bliesen. Ungerechte, gemeine Welt. Krolock war auch nirgendwo zu sehen und mit wem sonst könnte Caylee sich ein wenig aufheitern? Erwachsene waren nicht zu gebrauchen, die guckten alle so ernst, und ihre Geschwister waren alle … hey! Da lief ja Amúr. Zögernd klappten Caylees Ohren nach vorne und wieder zurück. Mit ihrer Schwester konnte sie nicht unbedingt etwas anfangen, Amúr schien irgendwie manchmal etwas seltsam zu sein. Und sie war immer bei Oma herumgehingen, dabei war Bani ja für sie alle da. Es war dann nicht fair, sie alleine zu beanspruchen. Das Thema hatte sich jetzt allerdings erledigt und irgendwie hatte Caylee ja sowieso nichts anderes zu tun, da könnte sie genauso gut mit Amúr reden. Eigentlich besser, als hier alleine zu laufen und schlechte Laune zu haben.
Sie beschleunigte ein wenig ihre Schritte, jetzt schon viel motivierter aussehend und schob sich dabei nach rechts, weiter aus dem Kreis des Rudel hinaus. Dabei fiel ihr unweigerlich das Nichts ins Auge, aber wieder ignorierte sie dessen Präsenz geflissentlich. Bei ihrer Schwester angekommen stupste sie sie leicht gegen die Schulter und legte ein schiefes Grinsen auf die Lefzen. Sie hatte sich noch gar nicht überlegt, was sie sagen wollte.

“Mir ist langweilig.“

Etwas Besseres war ihr auf die Schnelle nicht eingefallen. Zudem hatte sie keine Ahnung, was in Amúrs Kopf vorging, immerhin hatte sie sich bis jetzt eher wenig mit ihrer Schwester beschäftigt. Was aber ganz sicher nicht an ihr lag!

“Alles ist doof hier und Mama und Neruí und Turién sind einfach losgegangen und haben uns nicht mitgenommen.“

Sie quengelte ein wenig, vielleicht war Amúr ja der gleichen Meinung. Immerhin konnte sie kaum guter Laune sein, schließlich gab es hier momentan nichts Schönes oder Aufregendes. Wäre doch nur irgendwer da, der sich um sie kümmerte … nicht mal Papa Averic war zu sehen, wobei Caylee sowieso nicht sehr viele Familienmitglieder erspähen konnte. Es liefen überall so viele Wölfe, von denen die Kleine teilweise nicht einmal die Namen wusste. Das sollte sie eigentlich ändern, aber ihr fehlte die Lust, von einem zum anderen zu laufen und zu fragen. In einer besseren Verfassung hätte sie sich sicher voller Vergnügen in diese Aufgabe gestürzt, aber jetzt war sie mehr als lustlos. Alles doof.

Tyraleen
12.01.2010, 20:26

Kisha.. Aceysha.. noch immer tobte in ihr die Unruhe, die Verunsicherung über diese Namen, während sich dazu tiefe Trauer wie ein Schleier um ihr Herz gelegt hatte. Der Tod der zwei Wölfe hatte ein tiefes Loch in ihrer Seele hinterlassen. Zwei ihr unbekannte Wölfe waren gestorben, und trotz allem fühlte sie sich, als wäre jemand ihr wichtiges gestorben. Ihre Eltern.. Acollon, Banshee. Mama, Papa. Die Unsicherheit, die unendliche Verwirrung, all das wollte nicht abklingen.
Und nun verließen die dieses Tal, flohen vor dem alles verschlingenden Nichts. Die Welpen, sowie die Erwachsenen liefen davon, fürchteten um ihr Leben. Sie selbst fürchtete so viel, wußte die Angst vor dem Nichts nicht ein zu ordnen. Um sie herum war das Rudel, so viele Wölfe. Und sie wußte nicht, ob sie sie kannte. Welches dieser Gesichter sollte ihr bekannt vor kommen? Sie wußte es nicht. Die Schwarze hielt den Kopf ein wenig gesenkt, die Ohren leicht an den Kopf gedrückt. Sie fühlte sich nicht wohl, inmitten dieser Wölfe. Zu gerne hätte sie sich an Banshee gewandt, der Fähe, der sie sich so nah gefühlt hatte. Ihre Nähe.. ihre Stimme und die Berührungen hatten etwas vertrautes an sich gehabt. Als wäre es gewöhnlich. Aber.. Banshee war tot. Die Schwere der Last auf ihren Schultern schien mit jedem Ereignis schwerer, untragbarer zu werden.
Mit einem leises Seufzen blieb die Schwarze stehen, achtete nicht darauf, ob Wölfe hinter ihr waren. Sie hielt den Kopf nach unten geneigt, wollte nur einen Moment zum nachdenken verharren. Ein kleiner Moment, in dem ein anderer Wolf näher gekommen war.. noch näher.. und schließlich war er in sie gelaufen, sodass sie einen Schritt nach vorn gestolpert war. Ein wenig verdutzt hob die Fähe den Kopf, die hellen Augen blickten den Rüden verwirrt an.

“Tut.. tut mir Leid. Ich habe dich nicht gesehen..“

Sie schluckte. War dieser Wolf nun wieder jemand, den sie kennen sollte?



Es war nun nicht so, dass es Kandschur nicht beunruhigte aber noch immer schien er ohne großes Interesse zu laufen. Das Nichts war da. Punkt. Unabänderlich. Einfach da. Und er lief. Lief mit dem Rudel. Das Tappen vieler Pfoten war zu hören. Manche in Panik, andere Ruhiger, und der rest völlig entspannt. So wie er. Warum sich auch beeilen wenn man sowieso sterben musste? Ob durch das Nichts oder durch etwas anderes. Der Tod war unausweichlich. So war das immerschon gewesen und würde immer so sein. Dicht hinter Jakash, hertrabend hing er seinen Gedanken nach. Gedanken an früher. An schneebedeckte Berge deren Köpfe in den Wolken hingen. An zottelige Yaks, an das monotonge Singen der Mönche. An die dumpfen Glocken, deren Geläut die Götter rief. An das Lachen der Menschenkinder, wenn sie die Wölfe gesehen hatten. An das gemeinsame Lied der Tibet-Wölfe. An seine Familie. An Schnee. An die Kälte. An das Leuchten des Himmels wenn die Sonne auf oder unter ging. An das Tappen der Pfoten auf den Berghängen. Das Spielen der Welpen. Das schien sich hier ähnlich und doch war es anders. Es gab hier keine Feste Struktur. Zuhause wurden die Welpen nach Geschlechtern getrennt und wuchsen mit verschiedenen Aufgaben auf. Es Gab Mönche, Krieger, Jäger, Heiler und hier...gab es das scheinbar nicht wirklich. Das Rudel war so groß und trotzdem fühlte er sich wie im Netz einer Spinne. Was hatte Buddha mit ihm vor?
Der schwarze merkte kaum, dass Jakash, der Jungwolf vor ihm zum Stehen gekommen war, weil Kisha in Jakash gerannt war. Und so kam es, dass auch Kandschur in Jakash reinrannte. Mehr oder weniger jedenfalls denn er versuchte noch die Kurve zu kriegen. Halbherzig bremste er ab, knallte aber doch in den Jungrüden und klemmte ihn zwischen sich und Kisha ein

"woooh entschuldigung Jakash"



Lyerra lief umher. Sie lief schon seit einigen Tagen und war froh nun nicht mehr auf dem Geröll des vorherigen Berges zu laufen, sondern einfach auf festen Felsen zu sein. Sie wusste nicht, wo sie hin lief, wusste aber, dass sie alleine nicht zurück wollte. Sie wollte ein neues Rudel, neue Freunde und neuen Schutz. Sie war fort gegangen von ihrem alten Rudel, um neues zu entdecken und vielleicht Antworten auf ihre Fragen zu bekommen, wobei sie sich fast zu hundert Prozent sicher war, dass sie nie Antworten bekommen würde, die sie zufrieden stellten. Lyerra war nicht gerade froh, dass sie immer noch alleine war, da sie sich Gesellschaft von anderen Wölfen wünschte. Links von ihr, war etwas was sie nicht definieren konnte. Sie würde es beschreiben als... Nichts. Als etwas, was nicht existierte und als etwas neues, was sie nicht verstand. Lyerra blieb stehen und stellte ihre Ohren lauschend auf. Sie hatte das Gefühl das sie nicht länger alleine sein würde, war sich jedoch nicht sicher, ob sie diesen Wölfen begegnen sollte, ob sie es überhaupt durfte. Es war kein ganzes Rudel, das stand fest, aber warum nicht? Sie sprang aus dem sitzen zu einem gehetzten Lauf auf, und versteckte sich, vor den anderen Wölfen. Sie blieb nicht stehen während sie sich versteckte, hetzte jedoch auch nicht mehr, als ginge es um ihr Leben. Sie lief in einem langsamen Trab, weiter die Berge entlang. Sie hoffte bald irgendwen zu treffen, mit dem sie reden konnte, stolperte in lauter Gedanken promt über eine Wurzel und viel der Länge nach hin. Es tat ihr nicht weh, aber sie ärgerte sich über ihr ungeschick. Sie dachte an ihren alten Gefährten. Lakéta. Lyerra konnte ihn einfach nicht vergessen, obwohl es ihr schon seit dem zweitem Tag egal war, wo ihre Eltern waren. Ihr Vater war sowieso schon tot, und ihre Mutter... Egal sie vermisste sie eben nicht. Während sie weiterlief, überlegte sie was sie wohl tun würde, wenn sie jetzt ein Rudel traf. Nichts kam ihr hier normal vor. Überall dieses... unbeschreiblich Nichts und die Wolfgruppe, wo sie meinte einen Unterschied bemerkt zu haben. Einen Unterschied zu anderen Wolfsgruppen. Dann hörte sie noch etwas. Ein anderer Wolf vielleicht? Er schien ihn die selbe Richtund zu wollen wie Lyerra,sie war sich allerdings nicht sicher. Er war noch zu weit weg. Sie setzte sich hin und lauschte angestrengt. Ja, da war es nochmal, klar und deutlich hörte sie einen anderen Wolf kommen. Sie setzte sich hin und wartete.


Das Lächeln seines Onkels überzeugte den übermütigen Halbstarken nicht, auch sein leises Grummeln ließ darauf schließen, dass Urions Bruder lieber in seiner Gedankenwelt geblieben wäre. Auch wenn man Krolock keine guten Absichten ansah, so wusste er jetzt schon, dass es galt auch Takashi in einen anderen Trott zu bewegen. Das Einzige, was der schwarze Welpe tun konnte. Für seine Familie. Für seine Eltern, die schon lange nicht mehr unter ihnen weilten, für seine Geschwister und eben für seinen Onkel, der ebenso unter den Umständen zu leiden hatte wie die Waisen. Doch genau wie dem Welpen sah man es dem Pechschwarzen nicht auf dem ersten Blick an. Das einzige Vorbild, welches Krolock noch hatte.
Als er endlich zustimmte und sich in Bewegung setzte, glitt wieder ein unheilvolles Grinsen über die schmalen Lefzen des Halbstarken. So war es gut, so sollte es sein. Lachend sprang er auf, umkreiste den Hünen und jagte voran, um kurz danach einen Hacken zu schlagen und wieder auf Takashi zu zuspringen. Kurz wurde nach dem Brustfell geschnappt, ein leises, gespieltes – und dennoch schon recht forsches, und dunkles – Knurren forderte den einzigen erwachsenen Verwandten auf.

“Nun mach´ schon, Onkelchen!“, neckte der Welpe und schüttelte blasiert den Kopf, als wolle er seinen Mitspieler für die Lahmheit tadeln.

Wieder machte er einen Satz nach vorne und preschte los, den Blick immer zurück auf die Konturen seines Onkels gelegt. Unachtsam des Weges spürte der Mattschwarze etwas Weiches gegen sich prallen. Verdutzt sah er den Übeltäter an und fand sich in den Dunkelblauen Augen Caylees wieder. Nach der ersten Überraschung fasste sich Krolock schnell. Setzte ein entschuldigende Miene auf – das Grinsen blieb.

“Weiße Plüschkugel!“, gebar er auf und deutete eine leichte Verbeugung an. “Verzeih´ meines Missgeschickes, aber mein lieber Onkel“, der Blick glitt zwinkernd zu Takashi, “ist so langsam, dass ich meinen sorgenvollen Blick suchend auf ihn richten musste... aber Dein dichtes, weiches und extrem gepuffertes Fell hat mich vor einem schlimmen Sturz bewahrt“, er lachte auf. “Ich bin Dir zum Dank verpflichtet“, die Miene wieder entschuldigend, das Lächeln aber deutlich zu erkennen.
“Siehst Du, Onkelchen – und Alles, weil Du so langsam bist“, die grauen Augen auf Takashi gerichtet.



War denn Takashi nicht schon zu alt für solche albernen Spiele mit Krolock? Zumindest sagte ihm sein Trotzkopf, dass das doch alles nur albern war und er es eigentlich gar nicht mehr nötig hatte, da mitzumachen. Ginge es ihm jetzt besser, würde er über diese Situation gleich viel anders denken. In einer besseren Situation hätte er sich viel lieber um den Welpen gekümmert. Krolock schien für eine solche ernste Situation noch recht entspannt, Takashi wusste aber schließlich nicht, was der Kleine da dachte. Vielleicht wollte er nicht zeigen, wie er über die Situation dachte und was er dazu empfand. Bestimmt war es jetzt für die Welpen auch nicht das Beste, in einer solchen Situation aus dem eigenen Revier zu flüchten. Im Grunde genommen wusste aber der große Schwarze, dass es wichtig war, sich um die Welpen zu kümmern. Schließlich war er ihr Onkel und hatte nach dem Tod von Urion und Kaede umso mehr Verantwortung bekommen. Sicherlich hätten sich das Urion und Kaede von Takashi gewünscht. Also lag es nun bei dem Schwarzen, mit den Welpen alles richtig zu machen. Doch allzu anhänglich schienen sie bei Takashi alle nicht zu sein. Ganz im Gegenteil, denn man kannte sich ja auch nicht so gut. Natürlich hatte man sich schon öfters einmal im Revier gesehen, aber eine richtige Konversation war daraus nie geworden. Der einzige Ausnahmefall war da wohl Krolock gewesen. Die beiden waren schon oft in Kontakt gewesen, auch, wenn sie sich Mal gestritten hatten. Denn Krolock war kein einfacher Welpe und Takashi fehlte die Geduld und Welpenerfahrung dafür. Es war nicht alles so einfach für ihn.

Der schwarze Rüde blickte den Welpen an und setzte ein freches grinsen auf. Vielleicht war das kleine Jagdspiel auch nur als eine kleine Ablenkung für beide gedacht. Takashi wurde ein bisschen unruhig, als er den herumtollenden Welpen vor sich sah. Was hatte er denn bloß vor? Während der Kleine um den Riesen herum jagte, wurde der Große langsamer und verfolgte den Welpen mit seinen Blicken. Nachdem er dann wieder voran schoss, wurde auch Takashi wieder schneller. Als dann Krolock erneut auf den Schwarzen zukam, machte dieser einen kleinen Satz zur Seite. Danach schien der Kleine immer weiter und weiter in die Ferne zu laufen. Ohne lange zu Überlegen, jagte auch Takashi in Richtung des Welpen los. Es war ein bisschen anstrengender als normal, da der Weg bergan verlief, aber das störte Takashi wenig. Rasch hatte er Krolock eingeholt und stoppte abrupt neben ihm. Kurz davor hatte der schwarze Welpe einen anderen weißen Welpen beinahe über den Haufen gerannt! Der Hüne hob die Augenbraue verdutzt an und wusste gar nicht, was er dazu sagen sollte. Einen Moment stand er wie versteinert da.

“Was hältst du davon, wenn du das nächste mal ein bisschen mehr aufpasst?...“

Sprach er dann und wusste gar nicht, ob das denn jetzt richtig gewesen war. Bei Krolock hatte er ja immer diese Zweifel. Obwohl die beiden völlig verschieden waren, wollte sich Takashi mit im verstehen. Leicht drehte er den Kopf zur Seite und betrachtete die beiden Welpen.



Es war verrückt und zum aus der Haut fahren. Eine Weile war nun vergangen nachdem Banshee und Acollon gestorben waren und eigentlich hatte Amáya gedacht, dass es ihr weniger nahe gehen würde. Natürlich hatte sie ihre Familie geliebt... früher. Das dieser kleine Teil in ihr, der noch immer fühlte, jetzt so schmerzte, hätte sie nicht gedacht.
Natürlich hatte sie dies nicht gezeigt, hatte sich vom Rudel zurück gezogen, hatte nichts auf Gesellschaft gegeben. Diese war ihr herrlich egal und wenn ihr jemand in einem ungünstigen Zeitpunkt – und davon gab es nun wirklich genügend – zu nahe kam, wurden schon mal gerne die Zähne grollend gezeigt.
Den Rest der Familie, der plötzlich meinte aus dem Nichts wieder auf zu tauchen – welch Ironie – war ihr ebenso egal, wie die Tatsache, dass ihr gesamtes Tal verschlungen wurde.
Parveen hatte sie gesehen und es hatte ihr schier einen Schlag ins Gesicht verpasst, ein Tritt in die Magengrube. Eine der wenigen Geschwister, die sich mit dem stillen Regenkind unterhalten hatte. Damals. Als noch alles anders war.
Die Zeit schwamm voran und nur ein törichter Wolf versuchte dem zu entkommen. Ebenso wie sie gerade dem Versuch erlegen waren, vor einer Bedrohung zu fliehen, die sie wie, der Tod, früher oder später einholen würde.
Es war sinnfrei und sinnlos was sie taten und dennoch war der Todesengel nicht zurück geblieben, sondern war mit gezogen. Wofür? Für wen? Für was?
Obwohl diese negativen Fragen in der Schwarzen schlummerten, sie gab nicht auf, fühlte, dass sie eine Aufgabe zu erfüllen hatte, welche auch immer es sein mochte.
Um nicht gänzlich in ihrer Welt zu versinken, sie war für sich selber gerade nicht die beste Gesellschaft, quetschte sich Amáya pietätlos durch die verschiedenen Wolfsleiber hindurch, suchte kurz nach ihrem nervigen Patenwelpen, versicherte sich, dass der Jungrüde sie nicht bemerkte und in Ruhe lassen würde und schob sich geschmeidig neben einen braunen Rüden, der mit seiner Art aus der Menge hervor stach. Nicht nur das Fell, welches von warmer, sonniger Farbe schien, auch das Gemüt des Wanderers war etwas Besonderes. Erstrecht wenn man die Nacht in sich selber schon nicht mehr spürte, konnte eine einzelne kleine Flamme etwas Großes bewirken.
Eine Weile lief Amáya schweigend neben Yerik her, ohne ihn in dem dichten Gedränge zu berühren. Auch warum sie seine Nähe – oder viel mehr Gesellschaft – suchte, war ihr nicht klar.
Es war nur die Erinnerung an jenen Tag, als sie gegen Urion gekämpft, getobt und gewütet hatte. Seine Ruhe und seine Stärke hatten ihrer Raserei die Stirn geboten und den hassenden Engel mit Zärtlichkeit in die Knie gezwungen. Vielleicht war es der stille Wunsch, er könne auf die selbe Art und Weise wieder die schlechten Gedanken von ihr nehmen. Sie wusste es nicht.



Imiák war ja so blöd. Und das dachte die Fähe nicht erst seit kurzem, sondern schon seit langer Zeit... eigentlich schon seit sie beschlossen hatte, sich das Gebirge näher anzuschauen; und seit sie sich irgendwo oben auf einem der Berge vorgenommen hatte, wo sie doch schon so weit gekommen war, doch gleich die ganzen Höhen zu überklettern, um herauszufinden, was sich dahinter befand. In ihrer welpischen Neugier hatte sie ganz und gar vergessen, dass sie nicht einmal für ihre Heimat, ein kleines, ebenes Tal, zum Überleben geschaffen war, wie sollte sie es dann tagelang in den Bergen schaffen? Doch so naiv wie der Rotpelz nun mal war, hatte sie die Reise angebrochen. Zu ihrer Verteidigung hatte sie sich stets gesagt, es wäre die Schuld ihrer Eltern, ihrer dummen Mutter und der blöden Welpen, dass sie um ihr Überleben zwischen Gestein und Geröll gekämpft hatte. Dass es ihr eigenes Vergehen war, ihre eigene Dummheit auf die jüngeren Geschwister eifersüchtig zu sein, nur weil ihr die Aufmerksam prompt genommen worden war, darauf kam sie nicht. Sie war zu jung, zu rein, zu unberührt, um den Ernst einer Lage zu kapieren, um zu wissen, wo ihre Grenzen lagen, die man ihr nie gegeben hatte. Es war, als wäre in ihrem Körper ein Welpe, der nie erwachsen werden würde.
Und es grenzte fast schon an ein Wunder, dass sie es dann tatsächlich geschafft hatte, auf der anderen Seite der Gebirgskette anzukommen; und das lebend. Die Zeit war hart gewesen, die Nächte bitterkalt und der Tag ermüdend. Die Wölfin war des Laufens Leid und würde wohl ihr Leben lang Berge und ihre Höhen hassen. Die Jagden waren oftmals erfolglos gewesen, viel zu anstrengend. Mehr oder weniger satt hatte sich Imiák lediglich mit Mäusen und anderem Kleintier halten können. Doch es war nicht genug, weshalb die Fähe auf der anderen Gebirgsseite dementsprechend ausgehungert war. Sie sehnte sich zurück zu ihrem Rudel, doch immer, wenn sie an dieses dachte, spürte sie den Groll und die Verletztheit, angesichts der fehlenden Aufmerksamkeit.
Sie würde sich einfach ein Rudel suchen, dass ihre Anwesenheit wert war; und sie dementsprechend beachtete und vergötterte. Punkt.
In Gedanken vertieft lief sie blindlings durch die Welt, Grenzen, Reviere und all das kümmerten sie herzlich wenig, damit hatte sie noch nie zu tun gehabt und es war ihr Glück, dass sie nicht einfach in das Gebiet eines Wolfsrudels hineinlief. Was dann jedoch weniger an Glück grenzte, war die Unaufmerksamkeit ihrerseits, die dazu führte, dass Imiák prompt in etwas hineinlief, dass sich weich und flauschig anfühlte; und lebendig. Die Fähe sprang erschrocken und wie aus einem Traum gerissen zurück, blickte in das Gesicht einer weißen Fähe, starrte sie völlig verplant an. Dann lächelte sie verlegen über sich selbst.

"Ups, hab gar nicht gesehen, dass du hier rumläufst."

,erklärte sie dann. Eine Entschuldigung blieb aus, denn das war etwas, was Imiák nicht kannte. Ebenso wenig, wie Höflichkeit. Wozu sollte man sich auch benehmen, wenn es doch stets die anderen waren, die nach ihrer Pfeife hatten tanzen müssen? Sie reckte den Kopf höher, ihre grünblauen Augen blitzten und das Lächeln wurde eine Spur freundlicher; gewinnbringender.

"Hey, sag mal, wer bist du denn?"

Die Frage kam geradeheraus aus ihrem Mund. Direkt zu sein war für Imiák das kleinste Problem.



Lyerra war wenig erschrocken, als die andere Fähe in sie hinein rannte. Sie hatte selbst nicht aufgepasst, wunderte sich jedoch, warum die andere Fähe ihr vorwarf, hier rumzulaufen. Vorwarf war nicht der richtige Ausdruck und das wusste Lyerr, aber sie fand, dass es sich besser anhörte. Sie war mittlerweile aufgestanden und stand der fremden Fähe gegenüber, gerade so, dass sie ihre Augen und ihr ganzes Gesicht gut erkennen konnte. Sie hatte keine angst und deshalb wunderte sie sich auch nicht, das ihre Worte nicht leise und zitternd, sondern laut und deutlich waren.

"Ich bin Lyerra. Und du?"

Sie fand, dass es sich lächerlich anhörte, was sie da sagte, aber jetzt war es ihr auch egal. Sie schaute die andere Fähe unverwandt an und wartete. Sie wusste selbst nicht worauf.

" Sehr aufmerksam scheinst du ja nicht zu sein, wenn du einfach so in mich reinläufst."

Die weiße Fähe konnte es nicht ändern, dass ihre Stimme einen Unterton mitschwingen ließ, der sich anhörte als wollte sie die andere Wölfin schlecht machen. Lyerra wollte das eigentlich nicht, sie war doch sonst eine so friedliche und freundliche Fähe. Vermutlich lag es daran, dass sie so lange alleine unterwegs war, und ihre Stimme sich deswegen erst wieder einrenken musste. Sie schluckte und fing nochmal an:

"Tut mir leid. Ich wollte nicht... Was machst du eigentlich hier?"

Verdammt sie hatte sich doch eigentlich bei der anderen Fähe richtig entschuldigen wollen und stattdessen fängt sie einfach an, sie etwas zu fragen. Aber so war sie nunmal. Sie überlegte noch, was sie jetzt sagen sollte, als es aus ihr herausplatze:

" Gehörst du etwa zu einem Rudel? Oder bist du so wie ich, auf der Suche nach einer neuen Heimat?"

Lyerra wollte das eigentlich nicht fragen, sie hatte nochnicht einmal über diese Frage nachgedacht und trotzdem hatte sie sie einfach gestellt. Sie war so froh endlich jemanden zu treffen, mit dem sie sich unterhalten konnte, und warum sollte sie dieser Fähe jetzt nicht einfach ihr Herz ausschütten? Sie überleget kurz und kam zu dem Entschluss, dass es wohl besser wäre, erstmal auf die Antworten der Fähe zu warten. Sie ging noch einen Schritt näher an die Graue heran, und setzte sich dann hin. Ihre Ohren stellten sich automatisch freundlich und zuhörbereit nach vorne.



Obwohl sein Lächeln so zaghaft war, sich nur langsam über seine Gesichtszüge ausbreitete, fühlte Liel ganz genau, dass es das Gleiche aussagte, wie das Ihrige. Diese Verbundenheit die zwischen ihnen herrschte kannte sie nicht. Noch nie hatte sie so etwas gefühlt, so anders als bei Mama Kaede, so anders als bei ihren Brüdern. Viel intensiver kam es ihr vor und doch wusste sie, dass dies nur daran liegen konnte, dass es auf einer anderen Ebene intensiver war. Denn sie konnte sich nicht vorstellen, dass es ein intensiveres Band als das von Geschwistern geben konnte. Höchstens anders intensiv. Und genauso wie sie zu jeder Zeit spürte, dass es Ciradán immer noch nicht besser ging, als an dem Tag, an dem sie ihm von dem Tod ihres Vaters erzählt hatte, genauso wusste sie, dass Chanuka sich bei ihr wohl fühlte und ebenfalls glücklich war, trotz all der Trauer und der Schmerzen die er, und gleichzeitig sie, in sich trug.
Wieder wallten die Erinnerungen an den Unglückstag in ihr auf. Sein Verhalten, sein Unverständnis für die Situation, wie er sich in eine Welt geflüchtet hatte, in der sie ihn, als Schwester, kaum mehr erreichen hatte können. Und er schien noch immer in diesen Verwirrungen zu leben, würde er es schaffen wieder aus ihnen hervor zu brechen? Sie viele Fragen und Liel konnte nur versuchen für ihn da zu sein, auch für Krolock, mehr konnte sie nicht tun, für mehr hatte sie auch gar nicht mehr die Kraft. Nicht nur die psychische Kraft zerrann in ihren Pfoten, auch der anstrengende Marsch, immer ein wenig bergauf, forderte seinen Tribut von ihrem Körper. Die Pfoten begannen zu schmerzen, ihre Läufe wollten sich ausruhen und ihr ganzer Körper schrie nach der Hilfe der Eltern, nach der Hilfe eines Paten. Doch all das hatte sie verloren, all diejenigen, deren Aufgabe es gewesen wäre für sie zu sorgen, waren davon gegangen, auf den einen oder anderen Weg und nun war sie schutzlos. Und doch so bedürftig.
Chanukas Worte rissen sie aus ihren Gedanken, seine Berührungen schenkten ihr den Trost, den sie benötigte um weiter zu laufen, obwohl auch ihr Kopf immer schwerer und scheinbar müder wurde. Ging es den anderen Welpen wohl genauso oder war sie nur so schwach?
Aber Chanuka wachte über sie, hatte es eben gerade bestätigt und sie war froh, dass sie auch für ihn da sein konnte, dass es ihm scheinbar half, wenn sie bei ihm war. Wenn sie schon nicht ihren Brüdern helfen konnte.

„Hoffentlich für immer“

, antwortete sie ihm genauso leise flüsternd in sein Ohr. Dabei strich sie mit ihrer Schnauze zart über sein Backenfell, ehe sie ihren Blick nach vorne richtete. Doch der Weg hatte sich nicht verändert, auch die Wölfe waren noch immer um sie herum. Eigentlich hätte sie die neue Umgebung ängstigen müssen oder faszinieren müssen. Eins von beiden hätte eintreten müssen, schließlich war sie ein Welpe, den entweder alles Neue ängstigte oder faszinierte. Doch keines der beiden Gefühle wollte sich bei ihr einstellen, eher war es ihr gleichgültig. Gleichgültig wohin ihre Pfoten sie tragen mussten, gleichgültig wie die Umgebung war und sein würde, in die sie flüchteten.
Immerhin war ihr Leben noch nicht gleichgültig, wäre dem so, wäre es ein leichtes für sie, einfach zu sterben. Für die Wölfe, die nicht mehr leben wollten, war dieses Nichts bestimmt praktisch. Hoffentlich waren ihre Brüder nicht so leichtsinnig und kamen auf den gleichen Gedanken! Bei Krolock sorgte sie sich nicht sonderlich, für ihn wäre es zu erbärmlich sich einfach von dem Nichts verschlingen zu lassen, aber Ciradán, sie wusste nicht inwieweit er momentan zurechnungsfähig war und so konnte sie nur hoffen, dass er bei irgendwem sicher aufgehoben war. Sie wollte ihn jedoch auch nicht suchen, wie hätte sie ihn auch abhalten sollen?
Das Lächeln war wieder von ihr gewichen, eine kleine Falte hatte sich auf ihrer Stirn gebildet. Sie hatte ein Gefühl in sich, was vorher nicht da gewesen war. Und es fühlte sich nach jemandem an den sie kannte und liebte. Doch es war nicht Chanuka, der hier direkt neben ihr lief. Es war auch nicht Krolock, ihn hätte sie stärker gespürt, rebellischer. Dann musste es Ciradán sein, ein schwacher Hauch, voll von Verwirrung. Wie ein Nebelschwaden, der sich über einen Busch legte, nur ungenau konnte man dann sagen welche Farbe die Blätter hatten, wie groß der Busch wirklich war. Und genauso kam es ihr in diesem Fall vor. Sie konnte nicht fühlen, wie groß der Schmerz war, sie konnte nicht fühlen warum sie ihn fühlte. Sie verstand nicht, warum sie eine so große Verbindung zu all den Wölfen hatte, die sie liebte. Hatte das vielleicht jeder Wolf? Es fühlte sich neu und zugleich so vertraut an. Doch sie wusste nichts damit anzufangen. Sie wusste nicht wo Ciradán war und dieser Gedanke peinigte sie, doch sie wollte gleichzeitig bei Chanuka bleiben, sie fühlte sich so wohl, so sicher bei ihm. Fast schon geborgen. Und sie wollte ihm genau das Selbe geben, sie würde ihn jetzt nicht verlassen. Ihre Familie war zerstört, schließlich hatten ihre Brüder auch nichts dafür getan, dass sie zusammen blieben, warum sollte sie all die Bemühungen unternehmen für etwas, was die beiden vielleicht gar nicht wollten…
Wieder blickte sie Chanuka an, eine freundschaftliche Wärme in den Augen, von der sie nicht wusste woher sie kam. Das musste er sein, er musste dies in ihr bewegen, in einer Situation in der sie sich so bewegungsunfähig vorkam.



Imiák fühlte sich etwas überrumpelt von dem ganzen Gerede der Fähe. Sie versuchte aufmerksam zuzuhören und bemerkte, dass die andere sich wohl ständig verbessern musste und sehr viel nachfragte. Ob das ein Tick von ihr war? Die rötliche Wölfin hoffte nicht darauf, denn das würde wohl auf Dauer sehr anstrengend sein. Doch sie freute sich, dass sie eine Artgenossin gefunden hatte, selbst wenn sie so viel redete; Imiák tat das ja gelegentlich auch.

"Ich bin Imiák Nocuma.",stellte sie sich vor, legte ihre Betonung stolz in ihren zweiten Namen, da Lyerra wohl selbst keinen zu haben schien, und grinste gutgelaunt. Jemanden zu treffen, der ihre eigene Sprache sprach und überhaupt mit ihr reden wollte, tat ihr mal wieder gut. Die Berghasen, Ziegen oder die Raubtiere des Gebirges waren nie gesprächig gewesen und fauchten Imiák meist nur an. Nicht gerade nett, wie die Fähe fand.
Ihre Ohren schnippten, als Lyerra eine Kritik an sie äußerte. Wenn es etwas gab, mit dem die junge Wölfin überhaupt nicht umgehen konnte, war es Kritik an ihr selbst. Sie hielt sich selbst für perfekt, auch wenn sie es nicht wörtlich sagte und mochte es nicht, wenn man sie kritisierte. Doch als sich die Weiße entschuldigte, war Imiák wieder besänftigt.

"Schon gut.", meinte sie beschwichtigend. "Ich komm gerade aus den Bergen. Keine angenehme Gegend, kann ich dir sagen. Da möchte ich nicht nochmal hin. Und was ich hier mache? ... Ehrlich gesagt, keine Ahnung."

Sie grinste verlegen und sah sich fragend um. Diese Gegend war nicht viel anders als der Ort aus dem sie kam. Ein bisschen Wald hier, ein bisschen Wiese dort. Die ganz normalen Gebiete, die ein Wolf zum Leben brauchte.
Bei der nächsten Frage von dieser weißen Fähe legte Imiák erst einmal grübelnd den Kopf schief. Sie war sich nicht sicher, ob sie noch zu dem Rudel ihrer Eltern gehörte. Doch vermutlich war sie nun ein Wanderer, da das heimliche Revier so weit entfernt war. Neugierig blinzelte sie Lyerra an. Sie war auf der Suche nach einem neuen Rudel? Imiák hätte sich nie vorstellen können, woanders zu leben, als an ihrem Geburtsort. Doch nach den letzten Monaten wurde ihr bewusst, dass es noch eine andere Welt gab, außerhalb ihrer Heimat. Sie wirkte ziemlich unschlüssig, wie sie so da stand, Lyerra anstarrte und nachgrübelte.

"Ich weiß nicht so recht. Mein Rudel war gemein zu mir, meine Eltern haben mich völlig ignoriert, da bin ich abgehauen. Und dann kam ich hierher. Ich... ich glaube schon, dass ich nach einer neuen Heimat suche.", antwortete sie zögerlich.
Doch wenn sie sich so vorstellte, ganz alleine nach einem neuen Rudel zu suchen, stieg eine leichte Unsicherheit in ihr auf und da sie ja schon Lyerra getroffen hatte, warum sollten sie dann nicht auch gemeinsam weitersuchen? Zu zweit war es sowieso immer besser als alleine.

"Also, da wir beide ein neues Rudel suchen, wieso suchen wir nicht gemeinsam?", bot sie an, doch ihre Stimme klang eher, als würde sie es feststellen, anstatt dass sie noch einmal nachfragte; klar, in Imiáks Welt wäre es auch absurd, wenn jemand es ablehnen würde, sich mit ihr zusammen zu tun.



Lyerra war es nicht gewohnt, das sie nicht gefragt wurde, sondern die Wölfin wohl so sehr überzeugt von sich selbst war, dass sie einfach so bestimmte, was sie machten. Lyerra musste trotzdem nicht lange überlegen.

"Ja. Das ist... eine gute Idee würde ich sagen. Wenn ich noch länger alleine rumlaufe werde ich wohl verrückt. Du bist also weggerannt, weil deine Eltern dich ignorierten? Auch interessant. Hattest du keinen Gefährten oder so? Welpen hab ich ja selbst nicht, aber noch nicht mal einen Gefährten? Ich hab oder besser gesagt hatte einen und ich... ich vermisse ihn echt."

Lyerra war erschrocken über sich selbst. Einer Fremden gegenüber war sie noch nie so offen gewesen und überhaupt war sie sich nicht sicher, ob sie die Rot- Orangene überforderte, immerhin hatte sie gerade angefangen viel zu reden. Ob die Rote gar keinen in ihrem Rudel vermisste? Lyerra wusste es nicht, aber es war ihr nicht entgangen, dass die Rote sichtlich stolz auf ihren zweiten Namen war. Sie selbst hatte keinen, aber das störte sie nicht, sie war mit ihrem Namen vollkommen zufrieden und auch mit der Bedeutung ihres Namen. Er passte einfach zu ihr. Innere unruhe. Das erklärte, dass sie sich so viele Gedanken über ihr Leben machte und sich aber keine Antworten auf ihre Fragen- die immer dabei waren-geben konnte. Imiák Nocuma. Wo ihr Name wohl herkam?

" Du hast einen schönen Namen. Darf ich erfahren wo er herkommt?"

Lyerra wusste das sie viel fragte aber bei Fremden kann man ja nie genug frage oder? Sie wusste nicht recht, was sie jetzt tun sollte und blieb deswegen erstmal sitzen. Sie bewegte ihre Ohren von vorne nach hinten und von hinten nach vorne, stellte sie aufmerksam auf und ließ sie wieder entspannt hängen. In der Zeit in der sie alleine unterwegs war, hätte sie Lakéta so viel erzählen können. Lakéta. Ob sie ihn wohl jemals wieder sehen würde? Ob es in ihrem Leben wohl vorgesehen war, dass sie Lakéta wiedertraf? Sie sorgte sich so um ihn. Er war nicht gerade tollpatschig oder so, aber manchmal etwas zu unvorsichtig. Wenn ihm nun etwas passiert war... Plötzlich viel ihr die Rote wieder ein. Wie lange sie jetzt wohl noch hier rumsitzen würden, um sich kennen zulernen? Lyerra wusste es nicht und da Imiák anscheinend sowieso alles in die Hand zu nehmen schien, fragte sie einfach.

"Imiák? Wollen wir bald los? Ich meine... ich glaube es wird bald dunkel. Ich hasse es im Dunkeln zu laufen, da stolpere ich immer."

Lyerra war sich sicher, das die Rote Fähe auch nicht länger hierbleiben wollte, und stand auf.

"Lass uns gehen."

Sie ging ein paar vorsichtige, leicht tapsige Schritte und wartete auf die Reaktion von Imiák.



Lucina lachte bei Atalyas Worten leise in sich hinein. Es überraschte sie nicht, dass die kleine Dunkelgraue ihren Paten als "ihrs" bezeichnete schließlich war es fast zu erwarten, dass ein kleiner Welpe etwas - oder jemanden - ihm zugeteiltes als sein Eigentum verstand. Sie lächelte die Kleine amüsiert an und wandte sich dann dem Rüden zu.
Liam. Die Weiße erinnerte sich jetzt schon daran den Namen nicht zu vergessen. Als Präventivmaßnahme sozusagen.
Ob Engaya und Fenris ihnen helfen würden? Darüber hatte sie sich noch gar keine Gedanken gemacht. Aber wenn sie sich so umsah, war das in der momentanen Situation mehr als fraglich. Trotzdem freute sie sich, dass Atalya offenbar an solchen Themen interessiert war und demnach wohl auch wissbegierig. Andernfalls würden die beiden sich ja nicht darüber unterhalten. Aufmerksam lauschte sie weiter Liams Worten. Sie wusste gar nicht, dass es hier auch Wölfe gab die sich einem anderen Glauben zugewandt hatten. Neugierig sah sie den Rüden an. Ein Kreislauf, in dem jeder wiedergeboren wurde? Das würde ja theoretisch heißen, dass man gar nicht sterben konnte. Warum sollte man dann in dieses Nirwana wollen, wenn man doch ewig bei seinen Freunden und Verwandten bleiben konnte? Die Frage brannte ihr regelrecht auf der Zunge.

"Heißt das, man könnte in diesem Kreislauf eigentlich gar nicht richtig sterben?"

Das wäre ja auch gar nicht Mal so schlecht. Nie wieder Trauer um Verstorben. Nie wieder eben diese vermissen. Klang ja ganz viel versprechend, aber auch zu schön um wahr zu sein. Gleichzeitig allerdings auch recht kompliziert. Wenn er nicht an eine Gottheit glaubte, wer oder was war dann dieser Buddha? Möglicherweise jemand, der diesen Glauben entdeckt oder... erfunden hatte. Wahrscheinlich soetwas in der Art. Lucinas Blick huschte kurz zu Atalya und sie fragte sich ob sie das alles so richtig verstand. Sie zweifelte daran, dass sie wirklich alles verstanden hatte. Immerhin war es ja ziemlich viel auf einmal.
Da wurden ihre Gedanken von einer Frage unterbrochen. Wenn sie ehrlich war, hatte sie nie wirklich überlegt, woran sie wirklich glaubte. Sie folgte einfach und stellte in ihrem Kopf ihre eigenen kleinen Theorien auf. Zum Beispiel zu dem Thema Gut und Böse. Sie hatte vor ein paar Monaten einen Wolf getroffen, der ihr erzählte, dass in jedem Bösen auch etwas Gutes steckte und umgekehrt. Er hatte auch etwas von Dao-....irgendwas erwähnt. Was genau das war, daran konnte sie sich nicht mehr so recht erinnern.

"Naja, ich habe mir da ehrlich gesagt noch nie so richtig Gedanken drüber gemacht. Die Dinge einfach hingenommen. Aber dieser buddhistische Glaube hört sich interessant und..."

Die Weiße machte eine kurze Pause um zu überlegen, welches Wort wohl am treffendsten war.

"...irgendwie logisch an."

Das hatte wirklich nicht nur ihre Neugier, sondern auch ihr Interesse geweckt und sie wollte unbedingt mehr erfahren. Vor allem, was dieses Nirwana war. Es musste ja ein wunderschöner Ort sein, wenn man dem der Wiedergeburt vorzog.

"Und dieses Nirwana... ist das eine Art Paradies?"



Unruhig lief Madoc mit dem Rudel mit, tänzelte mit eleganten Schritten am Rande der Gemeinschaft, unauffällig und still. Obwohl sich die Wölfe in einer unangenehmen Lage befanden, waren seine Gedanken nicht bei der Gefahr, sondern bei Dingen, die ihn vielleicht sogar mehr störten als die potenzielle Bedrohung seines Lebens. Sein Verständnis von Leben war es, keine Angst zu zeigen und so gelang es ihm automatisch, nicht über das nachzudenken, was ihn möglicherweise in Angst und Schrecken versetzen könnte.
In seiner Gedankenwelt wanderte er zu Atalya, der kleinen grauen Fähe, dessen Freundschaft ihm mehr bedeutete, als er je zugeben würde. Schon bei dem Gedanken an sie stahl sich kaum merklich ein warmes Lächeln auf seine Lefzen. Doch seit dem Banshee verstorben war, hatte Trauer sie heimgesucht und zum ersten Mal hatte Madoc gemerkt, dass die Trauer anderer auch ihn beeinflussen konnte, etwas, was er niemals für möglich gehalten hätte, hätte er die kleine Fähe nicht kennengelernt. Er erinnerte sich an die Male, an den die Welpin trostsuchend zu ihm gekommen war. Natürlich trauerte auch der Sternentänzer um die verstorbene Alpha, doch ihn verband eben nicht so ein starkes Band zu der Wölfin, als dass sie die Gefühle von Atalya hätte teilen können. Dennoch spürte er, wie auch er sich wünschte, dass Banshee noch am Leben wäre, vor allem in Krisenzeiten wie diese. Selbstverständlich war das Rudel noch immer unter guter Leitung, doch eine Umstellung war es dennoch.
Seufzend lief Madoc weiter, und schüttelte sein Haupt, in der Hoffnung, eine Weile ohne Einfluss seiner eigenen Gedanken leben zu können. Es gelang ihm nicht ganz, doch der Druck seiner Sorgen milderte sich dennoch. Vielleicht war es doch besser, über das Nichts nachzudenken? Denn wieso sollte man sich vor etwas fürchten, was doch gar nichts war? Der Rüde stellte ein wenig gereizt fest, dass sein Verstand nicht im Stande war, nachzuvollziehen, was das Nichts in Wirklichkeit war. Für ihn, der es gewohnt war, alles zu wissen und alles zu wissen zu glauben war es etwas Ärgerliches, eingestehen zu müssen, dass es Dinge gab, die selbst sein Gehirn nicht logisch verarbeiten konnte. Schnaubend setzte der Albino seinen Weg fort und schlängelte sich durch die bewegte Masse aus Körpern, Fell und Atem, auf der Suche nach dem Objekt seiner Aufmerksamkeit: Atalya. Ihre Witterung könnte er zwischen tausenden von Wölfen ausmachen und so war es ein Kinderspiel, sie zu finden. Ohne es zu merken, hatte sein ausgeprägter Beschützerinstinkt die graue Fähe als ein zu schützendes Wesen aufgenommen und so war es für Madoc selbstverständlich in regelmäßigen Abständen nach ihrer Sicherheit zu sehen, vor allem in gefährlichen Situationen wie diesen hier, wo man nicht einmal wusste, wie der Feind aussah.
Als der Jungrüde das graue Schimmern von Atalyas Fell sah, beschleunigte er seine Schritte und schoss mühelos an den anderen Wölfen vorbei an die Spitze. Dass die Welpin in dem Maul ihres Paten hing, realisierte er mit einer kurzen unzufriedenen Grimasse, doch da er keinen Groll gegen Liam hegte, verkniff er sich eine provokante Bemerkung. Er drängelte sich an Lucina vorbei und achtete nicht weiter auf ihre Reaktion, denn momentan war nur Atalya von Bedeutung.

“Atalya …!“

Ertönte seine ruhige, beherrschte Stimme, die wie immer etwas Gebieterisches in sich trug und zu seinem jugendlichen Erscheinen nicht passte. Liam schenkte er ein kurzes Nicken, was schon beinahe mehr Beachtung war, als er normalerweise anderen Wölfen gab. Der Fairness halber, erhielt auch die weiße Fähe ein begrüßendes Nicken, schließlich hatte er sich auch unhöflicherweise zwischen Liam und sie gedrängt. Dann wandte er sich wieder an Atalya, seine blutroten Augen glänzten warm.

“Fürchtest du dich sehr vor dem Nichts?“

Fragte er dann besorgt und seine Stimme wurde etwas neutraler.



Mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck nahm Imiák Notiz, dass ihr Vorschlag erfolgreich angenommen würde. In ihrer Selbstüberzeugung hätte sie auch nichts anderes erwartet, als dass die Weiße sofort zustimmen würde. Und wenn sie abgelehnt hätte, wäre der Rotpelz einfach etwas penetranter geworden.

"Einen Gefährten? Naja, nicht so richtig, aber mich mochten damals eigentlich alle Rüden. Sie haben gerne mit mir gespielt, sich mit mir unterhalten oder sich für mich zum Affen gemacht, um mich aufzuheitern. Aber so einen wirklichen Gefährten hatte ich nie. Tut mir Leid für dich, solch einen Verlust kenne ich nicht, doch es muss schwer für dich gewesen sein."

Mitfühlend, und gleichzeitig, um zu zeigen, dass es okay war, was Lyerra ihr erzählt hatte, stupste sie die Fähe sachte mit ihrer Schnauze an den Schulterblättern an. Imiák fand es überhaupt nicht schlimm, mit anderen über ihre Probleme zu reden, denn sie half gerne. Trotz ihres selbstsüchtigen Charakters mochte sie es nicht, wenn andere traurig waren. Das Leben war zum Leben da, nicht zum dahindümpeln in Trauer und Schmerz.
Als das Thema wieder auf sie selbst gelenkt wurde, schnippten Imiáks Ohren verwirrt. Sie fragte sich im Stillen, ob Lyerra vielleicht vom Thema ablenken wollte, doch wenn ihr dies lieber war, würde Imiák sie nicht drängen. Mit einem strahlenden Lächeln nahm sie das Kompliment wegen ihres Namens entgegen. Tief in ihrem Inneren war sie genau auf diese Worte aus gewesen, als sie den kompletten Namen erwähnt hatte.

"Es bedeutet Glückskind und ich finde ihn auch sehr schön. Meine Mutter hat ihn mir gegeben, da ich als einzige des Wurfes überlebt habe."

Auch Imiák fragte sich, ob sie noch länger hierbleiben mussten, oder ob sie langsam mal aufbrechen würden. Bei all den Fragen verlor die Fähe stets das Ziel aus den Augen und vergaß, nachzufragen, ob sie losgehen sollten; beziehungsweise, nicht unbedingt nachfragen, sondern festzulegen, dass sie sich auf die Suche machen sollten. Ein Nicken lässt ihren Kopf daher leicht auf und ab sinken, bewegt das feine Gesichtsfell, als sie Lyerras Vorschlag annimmt. Sie hätte es ihr übel genommen, wenn es dieses mal die Weiße gewesen wäre, die es so über ihren Kopf hinweg entschieden hätte, doch da sie nur nachfragte und einige Schritte ging, dann aber auf Imiák wartete, hatte Imiák damit kein Problem.

"Ich mag die Dunkelheit auch nicht. Vor allem nicht in den Bergen, das ist so unheimlich dort oben, weil du ständig diesen Wind um die Ohren pfeifen hörst und dazu dann noch die seltsamen Tiergeräusche bei Nachts."

Sie verzog das Gesicht bei dem Gedanken an die Nächte in den Höhen. Keine Angenehmen Erfahrungen für die junge Wölfin. Dass sie ebenfalls eine meisterhafte Stolperin war, ließ sie mal ungesagt. Nicht dass sie jetzt lügen würde, doch wenn sie nicht gefragt wurde, würde sie diese Peinlichkeit von sich nicht preisgeben. Mit einem Satz war Imiák neben Lyerra, stupste sie noch einmal an, ehe sie neben ihr ging.

"Glaubst du, in diesem Tal finden wir gleich ein Rudel? Scheint mir hier sehr ruhig, doch auf eine beunruhigende Weise."



Das Argument ihrer Freundin leuchtete Kylia ein. Darüber hatte sie noch gar nicht nachgedacht. Tatsächlich schien das Nichts etwa zwei Meter oberhalb des Erdbodens aufzuhören … zumindest begannen irgendwo oben die Wolken und die sahen über Nichtsfeldern genauso aus wie über noch nicht verschlucktem Land. Man müsste nur fliegen können … so wie die Vögel. Die konnten einfach fortfliegen und dieses verfluchte Tal hinter sich lassen. Beneidenswert.

“Aber … warum sollte nur unser Tal verschluckt werden? Haben wir den Zorn der Götter auf uns gezogen?“

Sie konnte Nyotas unerschütterliches Vertrauen in Engaya nicht verstehen. Kylia selbst hatte mit Glauben nie etwas anfangen können … sie respektierte den der anderen, aber selbst fiel es ihr schwer, an eine Göttin mit Flügeln zu glauben. Wo sie wieder beim Thema wäre … Flügel bräuchten sie. Aszrem mischte sich nun auch ein und seine Worte klangen schon ein wenig glaubhafter. Tatsächlich war das für Kylia die einzig logische Erklärung, ohne dass man sich gleich zurücklehnt und darauf wartet, gerettet zu werden. Aber … eigentlich hatten sie doch schon genug bewiesen. Sie rannten hier herum, suchten einen Ausweg und zumindest die Erwachsenen begannen langsam daran zu verzweifeln.

“Ich hoffe einfach auf eure Götter. Oder sollte ich lieber auch versuchen, an sie zu glauben? Gibt uns das mehr Chancen? Ich fühle mich hilflos …“

Auch Kylia konnte mal ehrlich sein. Zum Beispiel dann, wenn sie ehrlich verzweifelt war. Deshalb konnte Neruís Erwiderung sie auch nicht wirklich erheitern, auch wenn die Kleine gerade von Malakíms Ankunft äußerst begeistert schien. Eigentlich war es doch gut, dass er gekommen war, so konnten sich die Erwachsenen um die Suche nach einem Ausweg kümmern und Malak würde die Welpen unterhalten.



Malicias Pfoten brannten wie Feuer, sie waren nicht gemacht für das lange Rennen. Doch sie ließ sich nichts anmerken. Weder Isis noch Katsumi schienen zu wissen, wo die junge weiße Fähe war, so ließ sich die Schwarze etwas zurückfallen. Sie sah, wie Akru sich neben die Sandwölfin schob und bremste noch ein wenig. Wie gern hätte die Alphatochter jetzt zu der kleinen Fähe in ihrem Maul gesagt, dass sie sich nicht fürchten brauchte, doch größer als das Verlangen, dies zu sagen, war die Angst, das Bündel beim Sprechen zu verlieren. So lockerte sie nur ein wenig den festen Biss ihres Fangs und murmelte etwas in Richtung „Hab keine Angst“ in das dreckige Fell des Welpen. Sie zog das Tempo wieder ein bisschen an, bis sie wieder bei dem kleinen Grüppchen lief. Ihre Gedanken kreisten um ihre tote Mutter und darum, wen sie noch nach der Aufnahme des Welpens fragen konnte. Malicia war kurz davor, alles mit einem „so ein kleines, süßes Ding wird doch keiner zur Seite schieben wollen“ abzutun, als sie sich entschloss, zu warten, bis sie die Berge erreicht hatten. Der eiskalte Wind strich durch ihr nachtschwarzes Fell, das vom ständigen Regen feucht und klamm war. Ihre blauen Augen glitzerten vor Sorge und Eifer, während sie mit dem Rudel durch die Gasse des Nichts floh. Es sah beinahe so aus, als würde sie fliegen, das Brennen an ihren Pfotenballen hatte nachgelassen, der kalte Boden lähmte den Schmerz. Wenn sie erst einmal oben am Fuße der Berge waren, würde sie es wieder spüren, doch dann wäre das Ding in ihrem Maul wichtiger als ihr eigenes Wohl.

„Fie heift Fu, Kleines?“,

Murmelte sie in das Fell des Welpens und versuchte krampfhaft, den Griff nicht zu lockern. Zu groß war die Angst, das Ding bei ihrem Tempo einfach zu verlieren und liegen lassen zu müssen, weil die Sorge vor dem Nichts größer war. Doch Malicia sagte sich, dass sie, selbst wenn sie dann mit ihrem Leben spielte, die weiße Fähe retten würde, egal, was es koste. „Für Dich, Mutter“, sagte sie in Gedanken. „Weil ich es Dir versprochen habe.“ Ja, das hatte sie. Sie hatte versprochen, für das Rudel zu sorgen und jedem offen gegenüber zu stehen, egal wer es war. Seltsamerweise sah die Nachtschwarze nun das Antlitz Cumarás vor sich. Wie gern hätte sie jetzt die Graue neben sich oder wenigstens Yerik, den sie vorhin bei ihrer Schwester gesehen hatte.



Faith wusste nicht ob sie noch Angst haben sollte. Alles war um sie herum war ihr fremd. Die vielen Wölfe die um sie herum liefen. Die beiden mit denen ihre Retterin gesprochen hatte. Doch die schwarze die sie trug schien so etwas wie Verständnis und Mitgefühl zu zeigen. Sie erinnerte sie an ihre Schwester Kalix. Bei diesem Gedanken stellten sich ihre Nackenhaare auf. Ihre Schwester war nur wegen ihr in Sarapens Gewalt. Hätte sie sie nicht getragen wäre sie frei. Sie musste stärker werden. Die jetzige Situation erinnerte sie an die Flucht mit ihrer Schwester. Auch sie hatte sie getragen. Auch sie war gestolpert, hatte gezittert, doch nie aufgehört. Diesmal rannten sie nicht vor Sarapen weg, nein. Sie waren auf der Flucht vor dem Nichts. Der Kälte die sie töten würde. Faith hörte Malicia etwas murmeln. Sie vernahm etwas das wie ein Versuch klang, ihr die Angst zu nehmen. Sie glaubte dies. Mit Hilfe der Schwarzen hinter ihr würde sie es vielelciht schaffen. Sie vertraute ihr. Was blieb ihr auch anderes übrig. Sie versuchte sich so leicht wie möglich zu machen. Teils aus Angst das sie Fallen gelassen würde. Teils aus Angst dass Malicia zusammenbrechen würde. Sie war so schlank So zierlich. Doch bei jedem Schritt waren ihre strammen Sehnen und Muskelfasern unter ihrer haut zu sehen. Schwach war sie nicht. Doch sie hatte nicht die Kraft sie so, lange zu tragen. Die Fähe, fragte sie nach ihrem Namen. Zuerst war sie nicht sicher ob sie mit ihr redete. Doch dann antwortete sie zögerlich: „Mein Name ist Faith. Ich bin die Tochter Tupans und Talixias aus dem Norden, der Kälte. Ich habe eine Schwester, Kalix und einen Bruder Nuntilius. Meine Zwillingsschwester Hope hat, ebanso wie meine Mutter, der wiederwärtige Rüde Sarapen getötet. Ich hasse ihn und werde ihn töten.“ Faiths Wunde am linken Bein, die sie sich vor kurzem an einer Baumrinde zugefügt hatte begann zu eitern, wie sie merkte.


Unweigerlich hatte Sheena sich dem Tempo des fliehenden- oder konnte man noch suchenden sagen? - Rudels angepasst. Ihre Pfoten trommelten im gleichen Takt auf den Boden, wie die meisten Pfoten der des Rudels angehörigen Wölfe. Hier und da war ein Taktfehler zu hören – oder zu spüren? -, das waren auf jeden Fall die Welpen, vielleicht auch einige schwächere Wölfe unter ihnen. Wie lange würden sie noch dieses Tempo beibehalten können? Vor allem um die Welpen sorgte sie sich, schließlich hatten einige mittlerweile keine Eltern mehr und ob jeder Welpe wirklich einen Paten hatte, dessen war Sheena sich ebenfalls nicht sehr sicher. Vielleicht sollte sie nachschauen gehen, ob irgendein Welpe dringend Hilfe gebrauchen konnte. Doch wo sollte sie anfangen, sie hatte das Gefühl, dass das ganze Rudel von Welpen wimmelte, woher sollte sie wissen, dass gerade dieser eine Welpe ihre Hilfe nötig hatte, woher konnte sie wissen, dass es nicht noch einen anderen gab, der noch ärger dran war? Sie runzelte ein wenig ihre Stirn, alles war so chaotisch geworden, jetzt, wo Banshee nicht mehr unter ihnen weilte. Zwar hatten sie durch Nyota noch eine Alphafähe, doch erstens lief eben diese in einem Spähertrupp getrennt von dem Rest des Rudels und außerdem war es fraglich, wie lange sie noch unter ihnen weilen würde.
Sheena musste bei dem Gedanken schlucken, obwohl sie bei Banshees Tod hatte lächeln können, fiel es ihr schwer zu akzeptieren, dass ihre selbsternannte Mutter nicht mehr am leben war.
Ihre Gedanken kreisten um Tyraleen, sie würde wohl versuchen die Nachfolgerin zu werden, es würde bestimmt schwer für sie werden. Sie konnte sich nicht sicher sein, wie das Rudel reagieren würde. Sie selber hatte kein Problem damit, obwohl sie die weiße Fähe nicht gut kannte, hegte sie innerlich seit den letzten Minuten gemeinsam mit ihr bei Banshee, eine gewisse Sympathie für die Fähe. Was nicht heißen sollte, dass sie die Fähe vorher nicht gemocht hatte. Aber sie hatte sich nicht sonderlich für sie interessiert, trotz der gemeinsamen Ausbildung. Sie hatte nicht den Drang danach nach Wölfen zu suchen, die sie letztendlich hassen würden, deshalb war ihr Bild der Fähe gegenüber neutral gewesen. Sie hatte sie nicht offensichtlich verschmäht und aber auch nicht das Gegenteil gezeigt und so hatte sich Sheena genauso verhalten. Doch nun wurde ihr bewusst, dass sie hinter Tyraleen stehen würde, sie würde versuchen sie so gut es ging zu unterstützen und wer konnte schon wissen, ob sich nicht noch eine Freundschaft entwickeln konnte? Auch mit Rakshee würde sie sich schon irgendwie einig werden, der erste Schritt war auch bei ihnen beiden getan. Sie war sich zwar noch recht sicher, dass aus ihnen beiden keine dicken Freunde werden würden, aber sicherlich ließ sich in Zukunft ein Leben ohne Zank finden lassen.
Durch ihre Gedankengänge war sie selber aus dem Takt gekommen, war ein wenig zurückgefallen und fand sich so recht schnell am Ende der großen Gruppe wieder. Sie blickte nach hinten, sie meinte noch einen Geruch einzufangen. Das würde heißen, dass sich noch einige Wölfe ein Stück weiter hinten befinden mussten.
Sie stoppte gar nicht erst, sondern wirbelte herum, was ihr dank ihres langsamen Laufens gut möglich war, und lief zurück in die Richtung, aus der sie alle gekommen waren und sie musste gar nicht weit laufen, bis sie eine kleine Gruppe von Nachzüglern entdeckte. Bis jetzt konnte man das Nichts noch nicht hinter ihnen erkennen, aber sie wollte kein Risiko eingehen. Wenn das Nichts sie erreichen würde, dann sollte das Rudel beisammen sein, das hieß in diesem Fall jedoch nicht, dass sich alle den Langsamen anpassen sollten, sondern dass diese Hilfestellung bekommen mussten, damit sie genauso schnell vorankommen konnten wie die anderen. Besorgt stellte sie fest, dass es sich bei den Nachzüglern um Akru, Isis, Katsumi und den kleinen Welpen Ciradán handelte. Und ein wenig weiter vorne und seitlich von diesem Trupp lief eine schwarze Fähe, die ebenfalls ein kleines Fellbündel in ihrem Maul hielt. Sie war sich sicher, dass sie diesen Welpen nicht kannte!
So wie sie aussahen, waren sie alle ein wenig hilfebedürftig. Isis war nicht für das raue Herbstwetter in den Bergen geschaffen, das sah die weiße Fähe sofort. Obwohl sie nicht behaupten konnte, dass ihr Pelz bereits so dick war, um ihre magere Gestalt genügend zu wärmen, schien es so, als ob Isis die Kälte noch mehr zusetze als ihr selber. Akru war, wenn sie auf dem richtigen Stand war, einfach nicht mehr der Jüngste, wenn sie richtig lag, war er sogar schon ziemlich alt, obwohl in diesem Rudel einige Wölfe sehr alt wurden. Aber dann war so ein Gewaltmarsch auf keinen Fall das Richtige für ihn. Und Ciradán, dieser sah sehr erbärmlich aus, wie er so in dem Fang von Akru hin und her baumelte. Er schien irgendwie nicht ganz bei der Sache zu sein. Einzig Katsumi schien alleine klar zu kommen, dann sollte er doch bitte versuchen die beiden Schneller vorwärts zu bewegen. Sie wollte den Wölfen kein Unrecht, schließlich durften sie sich auch nicht verausgaben, aber irgendwann demnächst mussten sie sowieso eine kleine Pause einlegen, bis dahin würden sie es wohl noch schaffen.
Sheena musste überlegen, wie sie den dreien helfen konnte. Schließlich war sie nicht in der Lage einen erwachsenen Wolf zu tragen, geschweige denn zwei von ihnen, zusätzlich zu einem Welpen. Doch es musste doch irgendeine andere Möglichkeit geben, ihnen zu helfen.
Ein wenig wurde sie doch von der Panik ergriffen, das Nichts konnte sie jeden Moment von dem Rudel trennen, es konnte jeden Moment von hinten anrücken und sie einfach verschlingen. Zwar vertraute sie auf Engaya, dass das Rudel gerettet werden würde, aber das musste nicht heißen, dass damit das ganze Rudel gemeint war.

„Geht es nicht schneller?“

Ihr Ton war ein wenig drängelnd, fordernd und klang zusätzlich noch schroffer als beabsichtigt, weil ihre Stimme sich immer noch nicht wieder an das Sprechen gewöhnt hatte. Sogleich bereute sie ihre unbedachten Worte. Sie würden sicherlich schneller laufen, wenn es denn möglich wäre. Wozu hatte sie so lange Zeit geschwiegen, nur um wieder in ihr altes Muster zu verfallen? Dabei wusste sie, dass sie das nicht tat, hoffentlich nie wieder tun würde. Diese Worte waren aus ihrer Sorge entsprungen, das würden sie hoffentlich raushören können. Und obwohl sie nicht wusste, ob sie dazu berechtigt war, vor allem, weil Akru der Geliebte von Banshee gewesen war, lief sie schräg hinter die drei um sie ein wenig voran zu treiben. Damit sie mit ihren Gesten nicht zu bestimmend wurde, legte sich noch einige besänftigender Worte in die Luft, die leider nicht weniger schroff klangen. Ihre Stimme führte noch immer ein Eigenleben.

„Soll ich noch Hilfe holen?“

Sie hatte sich vorgenommen Tyraleen zu unterstützen, dann würde sie jetzt auch versuchen das Rudel zu schützen und beisammen zu halten. Sie wusste nicht genau, was mit den ranghöheren Wölfen war, sie waren auch bei diesem Trupp, doch wenn sie sich nicht darum kümmerten, würde sie das eben tun.
Malicia, die schwarze Fähe mit dem weißen Welpen im Maul, würde sie danach ansprechen. Hoffentlich war bei ihr alles in Ordnung, sie lief ein kleines Stück weiter vorne, nicht sehr viel, aber immerhin. Deshalb wollte sie sich zuerst um die Letzten kümmern. Von hinten nach vorne musste sie sich arbeiten. Niemand sollte ihr vorwerfen können, dass sie sich nicht um das Rudel bemüht hätte.



Lyerra war froh, dass sie und Imiák sich gleich so gut verstanden hatten und freute sich, als diese sie trösten wollte. Die Frage, wegen einem neuen Rudel, beziehungsweise, wie schnell sie wohl eins finden würden war ihr natürlich auch schon durch den Kopf gegangen.

"Ich weiß es nicht. Mir ist auch schon aufgefallen, dass es hier sehr ruhig ist, aber vielleicht ist hier ja etwas passiert..."

Lyerra ließ ihren Kopf leicht hin und herschwenken, während sie ging und lauschte in die Stille der Berge hinein. Es war wirklich nichts zu hören und das machte ihr angst, aber wer weiß, ob nicht wirklich etwas schlimmes passiert war.

"Ist dir eigentlich noch nicht aufgefallen, dass hier überhaupt etwas anders ist, als überall anders?"

Lyerra überlegte, ob sie einfach nur verrückt war, was ihr eher unwahrscheinlich erschien, und ging weiter. Sie hörte ihren Magen leise knurren und fragte sich, ob Imiák nicht auch Hunger hatte, jedoch nichts sagen wollte. Lyerra selbst hatte auf jeden fall keine große Lust jetzt jagen zu gehen. Sie dachte an etwas anderes. An die Nächte hier in den Bergen. Ihr lief ein unangenehmer Schauer über den Rücken, und ihre Nackenhaare sträubten sich. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, um ja nicht zu stolpern, und griff Imiák's Frage nochmal auf.

"Ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob hier überhaupt ein Rudel ist. Und selbst wenn, glaubst du sie würden uns aufnehmen?"

Sie überlegte, was sie tun würde, wenn das Rudel sie abstoßen würde. Kein angenehmer Gedanke, stellte sie fest, und schüttelte ihren Kopf, was dafür sorgte, das ein kalter Luftzug ihr Gesichtsfell zerzauste. Es war nicht sonderlich kalt, trotzdem fröstelte Lyerra.

"Imiák? Hast du angst im dunkeln? Nicht das ich große angst hätte oder so, aber hier in den Bergen, ist es schon unheimlich. Es ist ja im Moment nicht dunkel, aber.. irgentwann verschwindet die Sonne immer."

Abermals lief ihr ein kaltere Schauer über den Rücken, als sie an die dunklen Nächte dachte und sie dachte daran, was alles passieren konnte.

"Wollen wir nicht etwas schneller laufen? Vielleicht treffen wir dann eher jemanden der mit uns geht... Ein Rudel oder so..."

Sie wartete gar nicht erst auf Imiáks Antwort, sondern fiel in einen langsamen, trabenden Lauf, aus dem sie nach einigen Metern stoppte, um auf Imiák zu warten.



Atalya beobachtete Lucina, auch wenn das bei dem Hin und her Gewippe eindeutig schwierig war. Liam klärte die Weiße auf, worüber sie gerade gesprochen hatten, also durfte sie bleiben. Hätte sie gekonnt, hätte sie Liam nun über die Nase geschleckt. Aber das würde sie einfach noch nach holen. Und dann fing er endlich an, ihre Frage zu beantworten. Mit aufgeregt schnippenden Ohren lauschte sie seinen Worten und war dann mit einem Schlag verwirrt. Okay, okay. Buddhistischer Glauben. Kreislauf des Lebens. Wiedergeburt. Erleuchtung. Nirwana. Atalyas Ohren hörten auf durch die Luft zu schnellen, der Kopf wurde leicht zur Seite geneigt. Sie war verwirrt. Sie konnte mit diesen Worten nichts anfangen. Nichts, gar nichts. Da konnte sie sich besser das Nichts erklären, mit dem sie allerdings auch nichts anfangen konnte. Und ehe sie die Worte in ihrem Kopf geordnet hatte, redete Liam weiter. Und sorgte so für noch viel mehr Verwirrung. Buddha. Na super. Damit konnte die Graue auch nichts anfangen, und blickte Lucina fragend an.

“Ich hab alles verstanden.“

Eine kleine Lüge, aber niemand durfte ihr anmerken, dass sie verwirrt war und rein gar nichts verstanden hatte. Hmm.. Jetzt konnte sie nur nicht mehr fragen, was all diese komischen Worte auf sich hatten. Vielleicht konnte sie später Madoc fragen? Er wußte doch immer so viel. Aber ihn würde sicher interessieren, woher sie das wußte. Zwickmühle. Atalya seufzte, zuckte leicht mit den Ohren und überlegte sich eine Antwort auf die Frage ihres Paten. Gehörte sie einem Glauben an? Hmm. Gute Frage. Lucina antwortete, und sie hätte es eigentlich so übernehmen können.

“Ich glaube.. ich glaube an Fenris.. und Engaya. Mama und Papa glauben da auch dran. Und Oma Bani hat auch immer was von den beiden gesagt.. Aber ich habe keine Angst vor Fenris. Ganz viele haben Angst vor ihm, ich aber nicht. Hast du vor ihm Angst, Luci?“

Die hellen Augen der Fähe leuchteten der Weißen entgegen. Liam glaubte ja nicht daran. Er glaubte ja an.. den anderen. Also konnte er keine Angst haben, vor etwas, an das r nicht glaubte.. oder so. Und wieder redete sie von ihrer Oma. Sie erinnerte sich an das Gespräch mit ihr und Chanuka. Sie hatte ihnen so viel von den Göttern erzählt. Aber alles klang interessant. Sie wußte nicht, an wen sie wirklich glauben sollte. Aber sie war ja auch noch klein. Sie hatte noch Zeit genug. Und wieder fragte Lucina etwas. Und das war gut so. So musste sie selbst nicht fragen und bekam trotzdem Antworten! Atalya lachte leise, freute sich auf die Antworten ihres Paten.
Und dann.. ganz plötzlich stieg ihr ein leichter, näher kommende Geruch in sie Nase. Madoc! Ein leises, freudiges Wimmern verließ die Kehle der kleinen Fähe, als ihr Freund sich zwischen Lucina und Liam drängte. Ok.. das war nicht unbedingt nett, aber er wollte ihr nun mal nah sein.

“Madooooooccccc! Liam erzählt uns gerade etwas über Bu.. Bu.. über seinen Glauben. Erzähl uns auch was, Madoc!“

Sie lachte dem Weißen entgegen und zappelte dabei ein wenig.

“Liam? Lässt du mich runter? Ich kann wieder laufen!“

Sie versuchte locker mit der Pfote nach ihm zu pfoten, kam jedoch nicht zu ihm hin. Also blieb sie still hängen und wartete, was weiter passierte.

“Lucina! Luci! Guck mal! Das ist mein Freund Madoc! Liam, er und ich gründen unser eigenes Rudel!“



Ein gutmütiges Lächeln huschte über Liams Lefzen. Insofern das dann möglich war, wenn man einen kleinen Welpen in seinem Fang hin und her schaukelte. Lucina wurde ihm noch sympathischer, als sie in neugierig zu seinem Glauben befragte. Scheinbar interessierte sie sich dafür und er war immer froh, wenn jemand auch offen für einen anderen Glauben war. Meist waren diese Wölfe dann auch ein wenig offener für seine, nun, etwas ungewöhnlichere Art zu lieben. Doch das war nun ein anderes Thema. Ein eigenes Kapitel sozusagen und er wollte das eine erst zu Ende bringen, bevor er ein weiteres öffnete und Atalya sicher noch mehr Verwirrung bereiten würde. Denn dass die kleine Fähe verwirrt war, stand außer Frage. Obwohl sie versuchte ganz lässig zu sein und das damit bestärken wollte, dass sie alles verstanden hatte, wusste Liam, dass dem nicht ganz so war. Wahrscheinlich schwirrten ihr die Begriffe in einem heillosen Durcheinander im Kopf herum. Nun würde es seine Aufgabe sein, den Inhalt seiner Aussage zu erläutern. Und zwar möglichst unauffällig, sodass Atalya nicht merken würde, dass er wusste, wie unverständlich das alles für sie war. Umso dankbarer war er Lucina, als sie ihm bestätigte, dass sie interessiert war und gleich eine weitere Frage stelle. Nun würde er problemlos antworten können und vielleicht einfach ein wenig mehr ausholen, als wirklich nötig gewesen wäre um Lucinas Frage zu beantworten. In der Hoffnung, dass dann auch Atalya wenigstens einen großen Teil verstehen würde.
Doch bevor er noch beginnen konnte zu reden, stieg ihm ein bekannter Duft in die Nase und in dem Augenblick, in dem er wusste, dass Madoc auf sie zusteuerte, erschien der Albino auch schon. Er wollte den Rüden gerade freundschaftlich begrüßen, doch was er dann erleben musste, enttäuschte ihn ein wenig. Er wusste, dass der Weiße kein so aufgeschlossener Geselle war, wie er selber. Er wusste auch, dass er die kleine Atalya sehr ins Herz geschlossen hatte, aber das alles war noch lange kein Grund dafür, Lucina einfach zur Seite zu drängen, nur um dicht bei Atalya zu sein. Madoc hätte ebenso gut auf seine andere Seite gekonnt und wäre genauso an Atalya heran gekommen, wie jetzt auch. Ohne, dass er sich zwischen ihn und Lucina gedrängt hatte. Vor allem weil sie ein Gespräch führten, fand Liam Madocs Verhalten noch unhöflicher. Ihm wäre nicht in den Sinn gekommen, deshalb böse auf Madoc zu sein oder ihn weniger zu mögen, aber Liam legte einen großen Wert auf gutes Benehmen und so sah er sich gezwungen den Rüden auf seine grobe Art hinzuweisen.
Doch noch davor fing Atalya in seinem Fang an zu zappeln. Er hatte ihre Worte, die sie vorher gesprochen hatte, wahrgenommen, wollte nun aber zuerst ihrer Bitte nachkommen um danach die vielen Fragen zu beantworten. Gleichzeitig registrierte er auch das knappe Nicken, welches ihm Madoc zukommen ließ, was ihn jedoch nicht davon abhalten würde, ihn auf sein Verhalten hinzuweisen. Er blieb kurz stehen und setzte Atalya vorsichtig auf den Boden, er würde sie später wieder tragen können, wenn sie erneut müde werden würde. Nun wollte sie sicher ihren Freund Madoc richtig begrüßen. Er belächelte den erneuten Wortschwall, der aus der Fähe heraus brach. Stimmt, er erinnerte sich daran, wie begeistert sie von der Idee eines eigenen Rudels gewesen war. Ein grinsen huschte über seine Lefzen und er schleckte seiner geliebten Patenwelpin sachte über den kleinen Körper. Dann verfiel er wieder in einen zügigen Schritt, bei dem Atalya jedoch problemlos mithalten konnte. Er blickte den weißen Rüden neben sich an und überlegte, wie er seine Worte am besten formulieren konnte.

„Hallo Madoc. Ich freue mich dich zu sehen…“ , er lächelte den Rüden dabei aufrichtig an. „Trotzdem glaube ich nicht, dass dein Verhalten gegenüber Lucina gerechtfertig ist. Es war unnötig sie einfach zur Seite zu drängen, auf meiner anderen Seite hättest du ebenso zu Atalya gelangen können. Meinst du nicht auch?“

Er wollte den Albino in keinem Fall Rügen, ihn auch nicht bloßstellen, er wollte nur an sein Gewissen appellieren. In der Hoffnung, dass er sich seine Worte zu Herzen nehmen würde und in Zukunft ein wenig bedachter zu anderen Wölfen stoßen würde. Er berührte ihn sanft an der Schulter, ehe er sich ein wenig zurückfallen ließ, um dann auf Lucinas freier Seite neben ihr her zu laufen. Atalya würde ihn auch hier hören können und bei Madoc war sie sicher, das wusste er. Er berührte auch Lucina sanft an der Schulter, ehe er sich ihren Fragen zuwandte. Seine leicht brummelige Stimme ertönte erneut.

„Um meine Ansichten ein wenig verständlicher zu machen, muss ich ein wenig ausholen.
Natürlich stirbt man in dem Kreislauf an den ich glaube ebenfalls. Genauso wie bei eurem Glauben. Jedoch glauben wir daran, dass man wieder geboren wird. Das heißt nicht, dass man genau der gleiche Wolf ist, wie in seinem vorherigen Leben. Nein, man muss nicht einmal als Wolf wiedergeboren werden, man kann auch als irgendein anderes Lebewesen auf die Erde zurückkehren. Und es ist auch nicht immer so, dass man sich an seine Leben zuvor erinnern kann, das kommt sogar nur sehr selten vor. Aber der Schmerz sitzt nicht so tief, wir wissen, dass wir unsere Geliebten wieder treffen können. Vielleicht als Feind, vielleicht erneut als Freund, vielleicht trifft man sich auch gar nicht wieder. Manche merken, wenn sie sich wieder treffen, ganz instinktiv. Manche aber auch nicht.“


Er holte tief Luft, er würde noch weiter mehr reden müssen, wenn er wirklich alles erklären wollen würde und das wollte er. Doch langsam gewöhnte er sich an das viele Sprechen. Früher hatte er nicht so viel geredet, nicht, weil er es ablehnte, sondern einfach nur, weil es keinen Grund gab. Doch nun gab es einen.

„Ja, das Nirwana kannst du dir wie ein Paradies vorstellen. Solange man immer wieder lebt versucht man die Erleuchtung zu erlangen. Das heißt in etwa, dass man seine Aufgabe erledigt, mit der man auf die Welt gekommen ist um sie zu erledigen. Auch hier ist es wie mit dem Wiedergeboren werden. Nicht jeder kennt seine Aufgabe, doch jeder gibt sein bestmöglichstes um sie heraus zu finden. Und eben so ins Nirwana, ins Paradies zu gelangen. Dort treffen sich dann alle wieder. Nicht in einer festen Gestalt, vielleicht in Form einer Wolfe, oder eines Wassertropfens. Wer weiß das schon. Aber dort treffen sich alle wieder. Ob Feind oder Freund, gut oder böse.“

Er überlegte, ob es noch weitere Begriffe gab, die Atalya unklar sein könnten. Dazu musste er sich zuerst sein zuvor gesagtes wieder in den Kopf rufen. Dabei schloss er ein wenig die Augen, er hatte keine Angst zu stolpern oder irgendwo gegen zu laufen, er würde rechtzeitig wissen, wenn ihm etwas in den Weg kommen würde. Dank seiner Meditation hatte er gelernt auch blind seine Umgebung zu erkennen. Doch ihm fielen keine weiteren Begriffe ein, die unklar hätten sein können. Also vertraute er auf sein Gefühl und hoffte alles Wichtige gesagt zu haben. Er öffnete wieder die Augen und blickte die drei Wölfe liebenswürdig an. Hätte er gewusst, was ein Teddybär ist, hätte er sich bestimmt wie einer gefühlt.



Isis war kaum in der Lage ein vernüftiges Wort zu sprechen. Ihre Gliedmaßen klapperten und zitterten, der raue Wind verschloss ihr einfach die Schnauze, der Blick unglaublich leidend.
Es tat so gut, dass Akru wieder bei ihr war. Es war einfach anders, als Katsumi. Er war ihr Gefährte, aber Akru war noch tausend andere Dinge und derzeit brauchte sie eben seinen Schutz. Dennoch entging ihr nicht, dass der Zeitwächter sich verändert hatte. Er war ruhiger geworden, sanfter oder doch nur wieder ein Spiel? Nein, dass konnte sich die kleine Fähe nicht vorstellen. Nicht in diesen Zeiten. So nickte sie nur stumm auf seine Worte hin, konnte immer noch nichts sagen, als mit ihrer kalten Zunge über seine warme Schnauze zu fahren. Bei jedem Schritt klapperten ihr die Gliedmaßen, bei jedem Schritt hatte sie das Gefühl stolpern zu müssen. Wenn es denn so sein sollte, dann musste das Rudel Isis eben zurücklassen. Sie würde doch nur den ganzen Trupp aufhalten. Plötzlich aber begann Ciradán zu sprechen. Wirre Worte, die Isis nur dumpf aufnehmen konnte. Sie spürte, dass sie bei der Kälte blinbd, taub und stumm wurde. Was für ein Wolf.
Im Prinziph hatte der kleine weiße Sohn von Urion und Kaede recht. Seine Worte waren so wahr, wie das Nichts an Realität gewann. Isis wollte eben was erwidern, als nun auch Sheena sich zu ihnen gesellte. Sie hatte es scheinbar wirklich eilig, aber Isis konnte nicht schneller. Ihre Läufe fühlten sich steifgefroren an. Die Worte der Weißen waren rau, aber isis nahm ihr das aufgrudn der Situation nicht übel. Nein, ganz im Gegentei, die Ägypterin würde wahrscheinlich genau so reagieren. Aber dennoch war sie nicht imstande ein Wort zu sagen, stattdessen fühlte es sich an, als würde der Boden sich unter ihr Bewegen. Ein leises Stöhnen entwich ihr, ehe sie den Halt verlor, der Blick sich verkläre und sie zusammen sank. Zitternd blieb sie auf dem kalten, rauen Boden liegen, konnte sich keinen Zentimeter mehr bewegen. Seufzend hob sie den Kopf. Die Anderen mussten weiter laufen, unbedingt.

"Akru",

flüsterte Isis ganz leise gegen den rauen Wind an.



Shákru musterte seinen Gegenüber etwas kritisch, aber dann wurde der Blick doch wieder neutral. Der Rüde hatte genau so einen an der Klatsche wie er selbst. Das passte doch wunderbar.Die Sternenleier lief grad so schnell, dass sie nicht die Nachhut bildeten, aber auch nicht großartig zum Rudel aufschlossen. Die Sternenleier hatte es nicht wirklich eilig. Das Nichts jagte ihm keinen Schrecken ein.

"Von Innen sehen? Ich weiß nicht, vielleicht."

Die grünen Seelenspiegel ruhten auf Cassio. Ihm fiel mal eben so nebenbei auf, dass der Rüde scheinbar wahres Interesse an ihm zeigte, aber bevor er das auch gefühlsmäßig zuließ,, wollte die Sternenleier lieber noch abwarten, denn so oft hatte der Schwarzfang das geglaubt und wurde dann doch ordentlich enttäuscht und darauf hatte er keine Lust mehr. Cassios Ausdruck änderte sich innerhalb von Augenblicken und Shákru betrachtete verwirrt diese Veränderung, dann aber holte er zu Cassio auf. Shákru konnte in diesem Wolfstrab sehr lange durchhalten. Er war ein außerordentlich guter Läufer mit viel Ausdauer und Geduld.

"Was meinst du, wenn du sagst, dass wir es uns heute nicht von Innen ansehen?",

fragte Minor verwundert und machte sich auch keine Mühe diese Verwunderung irgendwie zu verbergen. Warum sollte er schauspielen? Der Rüde stand zu seinen Gefühlen, auch wenn diese wirklich sehr wirr waren.
Da hatten sich zwei Clowns ja gefunden. Averic würde vor Freude Purzelbäume schlagen. Na super. Aber nun setzte Cassio doch wieder eins drauf mit seiner beiläufigen Bemerkung. Minor konnte sich ein leises Grollen nicht unterdrücken, während er die Lefzen hochzog. Es war nicht wegen Cassio, sondern der Gedanke an das Rudel mit dem er nun zusammen floh.
Shákrus Nackenhaare sträubten sich und knurrend schüttelte er seinen Kopf.

"Oh verloren, vertrieben, missverstanden. Nenn es so wie du willst, Cassio",

grollte die kleine Sternenleier und beruhigte sich nun langsam wieder. Schließlich aber sah Shákru dem Anderen in die Augen, drehte seine Ohren nach hinten. Sheenas Stimme konnte er vernehmen und sofort trat ein liebevoller Ausdruck in seine Seelenspiegel.

"Aber was treibt dich eigentlich her?



Malicia lachte leise und schüttelte keuchend den Kopf, sodass die kleine Fähe zwischen ihren Fängen leicht hin und her schaukelte. Sie sah Sheena in der Nähe von Isis, Akru und Katsumi und warf Zacks Ziehtochter einen vielsagenden Blick zu. Sicherlich würde die Weiße verstehen, dass sie die Sache jetzt schlecht erklären konnte. Sobald wie möglich würde sie der Rudelführung von der hilflosen Fähe berichten. Nicht nur die Pfoten der Wölfin fühlten sich taub und eisig an, auch ihre Beine waren wie gelähmt. Dennoch rannte sie weiter. Kämpfte gegen die aufsteigende Müdigkeit. Sie war eine starke Fähe, hatte Energie und Kraft von ihren Eltern und den Göttern bekommen. Denn sie glaubte an sie. Und liebte sie. Banshee. Acollon. Ihr Kopf sank immer weiter gen Boden, doch sie riss die Augen weit auf und kämpfte dagegen an. Sie konnte die weiße Welpin nicht fallen lassen, sie durfte keine Schmerzen erleiden. Der Geruch von Eiter und getrocknetem Blut stieg in Malicia Schnauze, doch sie beachtete ihn nicht weiter. Solange kein Dreck in die Wunde kam, würde die Weiße schon nicht daran sterben. Solange! Malicia sah, dass die kleine Wüstenfähe mit der Kälte zu kämpfen hatte. Hätte die liebe Wölfin in ihr, die nicht den bösen Namen Malicia trug, jetzt kein Fellbündel im Maul gehabt, wäre sie neben der Hellbraunen gelaufen und hätte sie aufgemuntert. Sie selbst hatte schon deutliche Ansätze eines Winterfells, sie fror zwar ein bisschen, aber dann eher wergen der Angst, nicht wegen der aufkommenden Kälte. Bald würden sie das Gebirge erreicht habe. Doch ob sie dann in Sicherheit waren? Die Schwarze wusste es nicht. Das Nichts war gefährlich und breitete sich unglaublich schnell aus. Doch die Wölfe waren auch flink und geschickt und keinesfalls dumm. Sie würden die Gefahr immer schnellstmöglich erkennen und wenn nicht wieder ein Tod dazwischen kam, würden sie bald vielleicht wirklich die Sorge für eine gewisse Zeit vergessen können. Der Tod. Malicia sah sich selbst vor sich, wie sie neben die weiße Akhuna getreten war und die Tränen sich selbstständig gemacht hatten. Sie hatte nicht weinen wollen, nicht vor all den anderen Familienmitgliedern, doch sie hatte es nicht verhinder können. Jetzt hatte sie eine Mutter weniger. Hätte sie jetzt keinen Welpen im Maul, hätte Malicia sicher gelacht. Und einen Vater auch. Das Problem lag nur darin, dass sie beide nur einmal gehabt hatte. Jetzt waren sie tot. Malicia hatte es ihnen verziehen. Die beiden waren so alt geworden, wie es sich jeder Wolf nur wünschen konnte, mehr als acht Jahre waren sie auf dieser Welt gewesen. Hatten gute und schlechte Zeiten überstanden, geliebt und gelebt und ein großes Tal für sich eingenommen, … welches sie nun verlassen mussten. Wieder spürte die Schwarze Tränen aufsteigen, unterdrückte sie jedoch.

„Gehf’s Fir guf?“, fragte sie mit zusammengebissenen Zähnen, und spürte, wie sich die spitzen Beißerchen in Faiths Fleisch bohrten. Malicia schmeckte salzig metallisches Blut und hätte es am liebsten ausgespuckt. Doch sie unterdrückte den Würgereiz und sprach weiter. „Ich denfe, daff fir balf da fein ferden.“ Ihr Murmeln verfloss in Faiths Fell.

Mann, mann, mann. Malicia stöhnte leise, was aber wie ihr Murmeln in dem Fell der Welpin versiegte. Der Schmerz kehrte in ihre Pfoten zurück. Die Fähe war kurz davor, Faith zu fragen, ob die Weiße sie nicht mal tragen könnte, doch sie ließ den Scherz um zu verhindern, dass Faith aus ihrer Schnauze fiel. Also rannte sie stumm weiter, bremste ihr Tempo ein wenig, sodass sie auf der gleichen Höhe war wie die Gruppe der kleinen Wüstenwölfin und sah, wie sehr die Fähe zu kämpfen hatte. Malicia überfiel Mitleid, denn auch Akru an ihrer Seite konnte wenig gegen die Kälte ausrichten. Wortlos hielt sich die Schwarze an die vier Wölfe. Dann sah die schwarze Alphatochter, dass Sheena alleine lief und zog das Tempo ein wenig an.

„Feehna!“,

Rief sie, so laut sie konnte, ohne riskieren zu müssen, dass Bündel in ihrem Maul zu verlieren.



Jakashs Blick blieb auf die Hinterläufe seines Vordermannes gerichtet, nahm sie jedoch gleichzeitig eher beiläufig zur Kenntnis. Das gleichmäßige Heben und Senken der Pfoten gaben seinen Augen lediglich Halt, einen Punkt, auf den sie sich richten konnten, während seine Gedanken ihre düsteren Kreise zogen. Als die Pfoten schließlich inne hielten, nahm nur ein Teil seines Bewusstseins dies wirklich war - ein Teil, der sich verwundert, ja fast schon verwirrt fragte, warum die Pfoten denn nur ihren schönen, gleichförmigen Rhythmus unterbrochen hatten. Indes trugen ihn seine eigenen Pfoten unbeirrt voran - und direkt gegen das Hinterteil seines Vorderläufers.

"Unghf."

Irritiert wich der schwarze Jungrüde einen Schritt zurück und hob den Kopf, die Ohren unwillkürlich nach hinten geklappt, ohne jedoch dabei bösartig zu wirken. Die schwarze Fähe vor ihm wirkte nicht minder verwirrt, entschuldigte sich jedoch sogleich.

'Du konntest mich ja auch gar nicht sehen, immerhin war ich hinter dir',

schoss es ihm durch den Kopf, während seine Zunge andere Worte formte.

"Schon gut, kein Probl-aargh!"

Etwas - jemand - rammte ihn von hinten. Der Aufprall schob Jakash voran, direkt in die schwarze Fähe erneut hinein. Der Versuch, auf diese kurze Distanz dennoch abzubremsen, ließ Jakash beinahe das Gleichgewicht verlieren.

"Hey, pass doch auf!",

fuhr er aufgebracht herum, kaum dass er sich wieder gefangen hatte. Kandschurs Entschuldigung kam prompt und automatisch.

"Ah, schon gut, hab selber nicht aufgepasst. Tschuldigung",

erwiderte er gleich darauf wesentlich kleinlauter und sah sowohl die Fähe als auch Kandschur entschuldigend an. Sogleich setzte er sich wieder in Bewegung, damit ja nicht noch jemand in ihr hineinrannte, und wählte Weg und Tempo dabei so, dass die beiden anderen ihn flankierten.
Keine zwei Schritte weiter wanderte sein Blick zu der Fähe an seiner Seite. Sie kam ihm bekannt vor, aber einen Namen konnte er ihr auf anhieb nicht zuordnen.
Seine Erinnerungen trugen ihn an den Tag zurück, da er seiner Mutter, Banshee und Rakshee von seinem.. Problem erzählt hatte. Rakshee hatte er am Waldrand gefunden - und bei ihr war diese Fähe gewesen. Sie hatten sich gestritten oder so, seine Schwester war zumindest nicht glücklich gewesen. Und - genau, Kisha hatte sie die Schwarze genannt! Etwa DIE Kisha? Tante Kisha? Jakash betrachtete ihr Profil. Tante Kisha war lange Zeit weg gewesen, viele Erinnerungen hatte er nicht an sie aus seiner Welpenzeit. Aber das würde erklären, warum sie ihm so bekannt vorkam. Und wenn ihn seine Erinnerungen nicht täuschten, hatte sie in der Tat große Ähnlichkeit mit jener Kisha. Da fiel ihm ein... das würde auch erklären, warum er sie so nahe bei Banshee gesehen hatte, als sie... als sie alle sich verabschiedet hatten. Was jedoch gesagt worden war, hatte er zu dem Zeitpunkt jedoch schon nicht mehr richtig mitbekommen. Seine Gedanken glitten erneut ab zu ferneren Tagen, während sein Blick umherwanderte, auf der Suche nach einem neuen Ankerpunkt. Plötzlich musste er grinsen, nur wirkte es irgendwie verzweifelt.

"Schon irgendwie ironisch. Ich erinnere mich an die Wanderung, als wir von den Bergen hinab ins Tal gezogen sind, um es zurück zu erobern. Und nun wandern wir wieder hinauf, weil wir vor einem Gegner flüchten müssen, gegen den wir nicht gewinnen können..."



Rakshee versuchte, sich ein wenig mehr zu beruhigen - die Flucht, das Nichts - sie musste aufhören soviel darüber nachzudenken, um sich nicht selbst die Hoffnung zu nehmen. Garretts Worte liessen sie wieder lachen - ein Jungbrunnen, das wäre schön. Dann hätte auch Oma Banshee nicht gehen brauchen. Grinsend zupfte sie am Schulterfell des Rüden, und legte dann den Kopf schief.

"So wie unsere Welpen jetzt"

Zog sie die Parallele, und warf zugleich wieder einen Blick über das Rudel, Ausschau nach Caylee haltend, die umgeben von Krolock und Amúr bei Takashi lief. Wie von selbst fand ihr Blick weiter zu Jakash, der nicht allzu weit von ihnen beiden lief, und bei dem Tante Kisha war - Tante Kisha, die sich immernoch nicht daran erinnern konnte, dass sie Tante Kisha war. Kandschur rannte plötzlich gegen ihren Bruder, und ihre Miene verfinsterte sich einen Moment lang.

"Hey, pass auf wo du hinrennst!"

Rief sie zornig zu Kandschur herüber, und wand sich einen Moment später wieder mit zerknitterter Miene an Garrett. Das war alles blöd. Sie wollte sich schon wieder umdrehen und sich bei Kandschur entschuldigen, aber sie lies es bleiben. Die Flucht machte sie reizbarer als je zuvor, und auch das gefiel ihr nicht. Sie seufzte leise.

"Eine große Familie bringt vorallem viel Verantwortung mit sich"

Sagte sie, und warf gleich wieder einen Blick zu ihrer kleinen Patin herüber. Dort schien jedoch nach wie vor alles in Ordnung zu sein, und sie schenkte dem Schwarzen wieder ihre volle Aufmerksamkeit.

"Wir können nur hoffen dass unser Spähtrupp Erfolg hat - und beten, dass das Nichts uns nicht folgt, wenn wir ihm einmal entronnen sind"

Schloß sie, und lies den unschlüssigen Blick wieder über das Rudel gleiten.



Nyota nickte leicht, als Aszrem sich zu Wort meldete. Ihr Gefährte war nicht derjenige, der sprach, wenn er es für unnötig erachtete - und die Erklärung traf es ziemlich gut. Manchmal merkte man nicht, dass die Götter um einen waren, ein andermal spürte man sie so deutlich als stünden sie neben einem. Und dennoch räumten sie sicher nicht jedes Hindernis aus dem Weg ihrer Kinder. Banshee war das beste Beispiel. Der Gedanke an ihre Schwester lies Nyotas Miene ernster weden - erinnerte er sie dioch auch daran, dass sie selbst bald nicht mehr zusehen können würde, wie ihre Tochter aufwuchs. Sie richtete den Blick auf Kylia, bevor sie ihr antwortete.

"Warum das alles geschiet wüsste ich auch zugern - und dass es nur unser Tal betrifft ist ja noch nicht gesagt - ob es so ist wissen wir erst, wenn wir es hinter uns gelassen haben"

Nyota warf einen Blick zurück, zu Tyraleen, Nerúi, Turién und Malakím, der zu ihnen aufgeschlossen hatte. Ihr Blick ging zwischen ihnen hindurch, ging zurück. Aber das Tal, an dem soviele Erinnerungen hingen, war längst nicht mehr. Es war wie vom Erdboden verschluckt, nur dass auch kein Erdboden mehr dort war. Sie verlor ihre Heimat, zum ersten Mal in ihrem Leben verlies sie einen Ort nicht weil sie es wollte, sondern weil sie musste. Es war eine bittere Erfahrung für jemanden, der lieber selbst entschied.

"Ich weiß nicht, ob es einen Unterschied macht. Stärkt es die Götter, wenn man auf sie vertraut? Ich kann es nicht sagen"

Gab sie ebenso ehrlich zurück. Das war wohl alles ein wenig anders, wenn man nicht selbst eine Schwester hatte, die die Tochter Engayas war. Die Schwarze zog das Tempo nun ein wenig an, immerhin hatte sie wenig Ruhe in den Pfoten und das Nichts hinter sich. Vor ihnen öffnete sich tatsächlich der Pass, auf den sie gehofft hatte. Er war begehbar, und auch dahinter schien das Nichts noch nicht allzu weit gekommen zu sein. Mit einem Funken neuer Hoffnung überquerte sie den Pass, hinter dem der Weg an einem Bergabhang entlang führte. Die Schwarze blieb kurz stehen, wand sich zu den Welpen um.

"Hey, ihr zwei Helden!"

Rief sie zu ihnen zurück, und musste schmunzeln, bei der Vorstellung, dass Malakím sich sicher auch angesprochen fühlte.

"Lauft auf der linken Seite des Weges, haltet euch von dem Abhang fern"

Warnte sie, und sprach damit vorallem die zwei - nunja, anderthalb - Erwachsenen bei den Welpen an. Mit demselben aufgemunterten Gesicht wand sie sich nun wieder an Kylia und Aszrem, während sie wieder weiterlief.

"Eine Sorge weniger"

Verkündete sie, ohne den restlichen Berg an Sorgen zu erwähnen, die verblieben.



Imiák trippelte gemütlich neben der weißen Fähe her, sinnierte darüber, welch einen ungleichen und doch schönen Anblick die zwei Fähen wohl abgaben. Weiß und Rot. Das sah man nicht alle Tage und es gefiel dem jungen Rotpelz, dass sie sich dadurch von der Masse ein weiteres Mal abhob.
Auf Lyerras Worte hin, nahm sie ihre Umgebung bewusster wahr, sah sich um und legte den Kopf in Schieflage. Ein unschlüssiger Ton erklomm ihren Rachen.

"Meinst du? Ich weiß nur, dass diese Gegend der heimatlichen nicht ähnelt. Doch so anders kommt es mir nicht vor. Das heißt... es riecht hier schon irgendwie seltsam,... oder so."

Sie konnte es sich nicht erklären, denn die Luft war so rein und frisch wie seit dem Verlassen der hohen Berggebiete. Doch etwas hing in der Luft, etwas, das man nicht in Worte, nicht in einen Geruch fassen konnte. Es war tiefgreifender; fast schon ein Knistern in der Luft, das in ihrer Nase vibrierte. Nur war die Frage, was. Ein kurzes Grinsen huschte über das rötliche Gesicht, als sie den knurrenden Magen hörte. Sie selbst spürte auch die Leere in ihr, doch jetzt anzuhalten, um nach einer Spur zu wittern, wollte sie auch nicht. Und da Lyerra sich nicht über mangelnde Nahrung beklagte, ließ die junge Fähe es auf sich beruhen. Trotz ihrer hageren Gestalt wollte sie im Moment auf keine Jagd gehen. Vermutlich lag das auch daran, dass sie einfach zu müde war, um schneller zu laufen, als sie es im Moment ohnehin schon tat.

"Wer könnte solch fabelhaften Fähen widerstehen? Natürlich nehmen sie uns auf! Nur weiß ich selbst nicht, ob hier ein Rudel ist."

Die Fähe schüttelte den Kopf, doch ihren ersten Satz sprach sie ernst aus. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, weshalb sie und Lyerra nicht Zuflucht in einem Rudel finden sollten; falls es so eines überhaupt hier gab.
Imiák zog überrascht ihre Stirn etwas höher, es war ihr unverständlich vor etwas Angst zu haben, was zu der Wirklichkeit gehörte. Dabei, war doch das ganze Leben voller Schönheit, ein jedes Lebewesen, und auch jede Schattierung und jedes Bild der Natur.

"Also ich fürchte die Nacht nicht, sie ist kalt, weiter nichts. Und in den Bergen noch kälter. Aber ja, du hast Recht, je eher wir ein Rudel gefunden haben, oder diese Gegend verlassen haben, umso besser."

,stimmte sie willig zu, selbst wenn die Sonne noch weit oben stand und so schnell wohl nicht untergehen würde. und setzte sich neben Lyerra in einen schnelleren Gang, um an ihrer Seite mitzuhalten. Ihre Nase schnupperte begierig in den Wind; begierig darauf, bald von einem typisch wölfischen Geruch umweht zu werden. Und sie schien sich nicht zu irren, ihre Ohren spitzten sich aufgeregt, das Herz schlug schneller vor Freude und sie lächelte breit. Die Stimme jedoch glich einem sanften Flüstern, als sie sprach:

"Sieh doch mal! Wir haben Glück!"




Lyerra hielt ihre Nase ebenfalls in den Wind. Jetzt roch sie es auch und natürlich, es war der Geruch von anderen Wölfen.

"Glaubst du, dass es ein Rudel ist? Hoffentlich. Ich sehne mich so endlich wieder bei einem richtigen Rudel zu sein..."

Lyerra überlegte, was sie jetzt tun sollte. Anfangen zu heulen, um die anderen Wölfe auf sie aufmerksam zu machen? Erstmal blieb sie stehen und setzte sich hin. Ihre Rute peitschte erwartungsvoll hin und her und sie schaute sich nachdenklich um. War sie so sehr in Gedanken, dass sie nochnicht einmal eine Rudelsgrenze bemerkt hatte?

"Imiák, habe ich was verpasst? Kann es sein, dass ich keine Rudelsgrenze gerochen habe?"

Fragend schaute sie Imiák an und wartete ein paar Sekunden, legte ihren Kopf schief, schlug noch ein paar mal mir ihrer Rute und zog mit der rechten Vorderpfote einen kleinen Zweig zu sich. Sie nahm ihn zwischen ihre Vorderläufe und kaute ein wenig daran, um festzustellen, dass es ihren Hunger nur noch größer machte. Es war ihr egal, denn der Zweig lenkte sie ein wenig ab, und gleichzeitig, wusste sie, dass sie sich gerade jetzt nicht ablenken lassen durfte. Erneut sprach sie:

"Was glaubst du wie schnell sie hier sind? Ich denke wir sollten uns ankündigen..."

Sie kaute noch etwas energischer auf dem Zweig rum. So, dass dieser zerbrach. Angeekelt spuckte sie die zerkauten Holzreste, die in ihrem Maul waren weg, und sah sich um. Berge, ein paar Bäume und kleine Felsen. Na toll. Sie stand auf, ging ein paar Schritte im Kreis und setzte sich wieder, nur um kurz darauf nochmal aufzustehen, einen größeren Kreis zuziehen und zu stolpern.

"Verdammt, was war das?"

rief sie, während sie sich erhob. Sofort setzte sie sich hin, um auf keinen Fall nochmal zu stolpern. Noch während sie sich setzte fing sie an zu überlegen, wie sie sich und Imiák am besten ankündigen konnte.

"Imiák, ich sag jetzt bescheid, dass wir hier sind okay?"

Lyerra hoffte einfach das Imiák ebenfalls etwas heulen würde, sobald sie fertig war, und fing an etwas in den Wind zu heulen:

"Hallo? Ich bin Lyerra und ich bin mit Imiák unterwegs. Wir suchen ein neues Rudel. Würdet ihr uns aufnehmen?"

Sie hatte das Gefühl sich mehr als dämlich anzuhören, und das war vermutlich auch so, aber das war ihr jetzt egal, sosehr hoffte sie, ein neues Rudel für sich und Imiák gefunden zu haben, denn obwohl Imiák sehr gut für sich selbst sorgen konnte, hatte sie das Gefühl ein wenig auf sie aufpassen zu müssen, sich um sie zu kümmern. Immerhin war sie älter als Imiák ...



Während in Lyerras Blick ehrliche Freude brannte, war dieses Gefühl bei Imiák eher zögerlich vorhanden. Sie wusste, dass sie ohne ein Rudel nicht überleben wollte und konnte. Und dass sie wieder verehrt und geachtet werden wollte. Mit anderen reden, so wie sie es gerade mit der Schneewölfin tat. Doch sie vermisste auch ihr altes Rudel, das alte Band zu ihrer Mutter und die vielen Freunde die sie dort gehabt hatte. Da sie jedoch nie wieder zurückkehren würde, es sei denn, man würde sie anflehen, war ein neues Rudel besser als nichts. Neue Wölfe. Imiák lächelte, sah jedoch fragend zu der Wegbegleiterin, die sich hinsetzte.
Was sollte das denn jetzt? Wollten sie nicht weitergehen? Imiáks Ohren spitzten sich vor Erstaunen, doch dann verstand sie Lyerras Zögern. Stimmt. Die Rudelgrenzen fehlten.

"Vielleicht verzichten diese Wölfe halt mal darauf, wer weiß. Ich weiß jedenfalls, dass da mehrere Wölfe sind und ob Rudel oder nicht, das ist besser als nichts, oder?"

Optimismus färbte ihre Stimme in einen schönen Klang und sie machte ein zuversichtliches Gesicht. Dann lauschte sie Lyerras Worten, doch ehe sie darauf antworten konnte und ihr sagen konnte, wie sinnlos sie die Idee hielt, da es ja laut Grenz-Regeln nur dann erforderlich war, zu heulen, wenn es auch Gebietsansprüche gab. Und ganz offensichtlich hatte hier niemand das Land für sein Eigen erklärt. Also warum die schöne Stimme anstrengen? Doch der Rotpelz wurde noch vor Satzbeginn unterbrochen, als Lyerra einen Ausruf startete. Imiák verstand nicht, was die Weiße meinte.

"Was ist denn?"

,fragte sie verwundert, sah sich um und versuchte herauszufinden, was Lyerra so nervös und aufgeregt machte; und was sie zum stolpern brachte. Die Weiße hatte eindeutig den Drang zu Hysterieanfällen.
Und ehe sie Lyerra aufhalten konnte, startete diese Fähe schon ein Heulen. Imiák verzog das Gesicht. Sie wollte eigentlich gar nicht heulen, doch fühlte sie sich dazu verpflichtet, Lyerra zu unterstützen, wenn sie schon heulte und dazu noch Imi's Namen nannte. Wenn schon, denn schon. Mit reichlicher Verspätung hob Imiak ihren Kopf 'gen Himmel und ließ einen sanften, hellen Ton erklingen:

"Seid gegrüßt, fremde Wölfe, ich bin Imiák. Braucht ihr noch zwei Fähen?"

Dann senkte sie ihr Haupt wieder. Nicht nur Lyerra kam sich dämlich vor, auch Imiák fühlte sich mit dem Heulen überfordert. Soetwas hatte sie noch nie getan und vermutlich hatte sie sich sehr seltsam vorgestellt. Außerdem hatte die Fähe nicht viel gesagt, aber wozu das ganze wiederholen, was Lyerra schon gesagt hatte? Außerdem brauchten die Fremden noch nicht mehr zu wissen; fand die rötliche Fähe. Außerdem hätte sie wohl eher unfreundliche Worte ausgeheult. Oder Fragen wie: Was ist los mit euren Grenzen, oder seid ihr nur auf Durchreise? Und was ist los mit diesem Ort?
Es war immer noch sehr unheimlich hier und Imiák fühlte sich hier alles andere als wohl. Hoffentlich betraf das nur die Gebirgsgrenzen und nicht das gesamte Tal dort. Irgendetwas stimmte hier einfach nicht. Die Rote rutschte näher zu Lyerra und ließ sich dann auch auf ihren Hintern sinken, wartete auf eine Reaktion der Wolfsgruppe, die sie gerochen hatte.



Cassio war sehr zufrieden mit sich und der Welt, wenn man das so nennen konnte. Er hatte nicht die Zeit, sich über den Rest, die Situation, da sLeben klar zu werden, aber was er im Moment hatte, das genügte ihm vollkommen. Es hatte seine Aufmerksamkeit und wie es seine Art war, waren Dinge, die es schafften, seine Aufmerksamkeit zu erlangen, doch bereits ein großer Gewinn.
Er wusste, dass er sehr sonderbar auf andere wirken musste. In gewisser Weise sunstanzslos. Ja, ihm hatte mal jemand gesagt, dass er wirkte wie ein Wolf, der nicht in diese Welt gehörte. Wie ein Verschiedener, der hier nur noch sein Unwesen trieb, ein Geist, eine Heimsuchung. Cassio hatte das nicht übel genommen. Er wusste, was gemeint war und in gewisser Weise musste er sogar zustimmen. Es war tatsächlich ein wenig so, dass er wie etwas wirkte, dass nicht ganz in diese Welt gehörte, weil er weder einen Platz in dieser Welt besaß, noch einen zu suchen schien. Er wirkte wie jemand, der tot war, aber nicht beachtete oder bedachte, dass Tote sich nicht bewegten und nicht sprachen.

Zufrieden also stellte er fest, dass er seinerseits zumindest ebenfalls Shákrus Aufmerksamkeit hatte. Er wusste, dass das nicht normal war, dass der Rüde nicht automatisch jedem wirklich zuhörte, den er ansah. Er merkte es daran, dass seine scheinbaren Stimmungsschwankungen den anderen verwirrten. Er versuchte, ihm zu folgen, aber das war nicht leicht. Auf diese Art konnte der Braune also davon ausgehen, dass Shákru sich wirklich mit ihm unterhalten wollte. Vielleicht konnte er allein deswegen schon davon ausgehen, weil der Schwarze nicht bereits weitergelaufen war, aber er musste da sicher sein.

“Ich meine“, erklärte er geduldig, “dass wir heute Anderes zu tun haben, als unser Leben aufs Spiel zu setzen.“

Es klang keineswegs verwerflich oder vorwurfsvoll, was er sagte, im Gegenteil. Es klang sachlich, als ob sie gerade überlegten, ob sie nun in einem See baden sollten und Cassio hatte eben angemerkt, dass das heute einfach ungünstig war, weil der See zu kalt war.
Nein, heute nicht. So oft hatte er das bereits gedacht, als der Tod an ihm vorbeigeschlichen war. Hatte sich gefragt, ob er ihn heute mitnehmen wollte und die Antwort hatte gelautet: Nein, heute nicht. Cassio wusste nicht einmal, ob das seine eigene Stimme gewesen war, die geantwortet hatte. Aber er hatte es akzeptiert, hatte sich gedacht: Gut, dann heute nicht. Der Tod würde schon früh genug kommen, er brauchte sich da keinen Kopf zu machen. Das einzige, was man niemals verpassen würde, war der Tod.

“Nun, du bietest mir genug Begriffe an, ich muss mir also nichts ausdenken“, erwiderte der Braune.

Er sah zu Shákru, der gut mit ihm mithalten konnte. Ja, er fühlte sich offensichtlich verloren in diesem Rudel und in gewisser Weise wusste Cassio auch, wieso. Shákru fühlte sich anders. Er hatte das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden. Ob das stimmte und wieso er sich anders fühlte, das wusste der Braune nicht, aber das war auch nicht das Entscheidende.
Allerdings lenkte der Jüngere die Frage nun auf ihn. Fragte, was er hier tat, wieso er hier war, welchen Sinn er sah, nun wegzulaufen, sich mit ihm zu unterhalten. Eine gute Frage, eine geduldige Frage und der braune Wolf dachte gar nicht so lange über die Antwort nach, wie er es hätte können. Vielleicht weil er die Frage so oft schon beantwortet hatte, vielleicht weil die Antwort immer dieselbe war.

“Die Zeit“, sagte er schließlich. “Sie verrinnt ohne Pause, sie läuft, also muss auch ich laufen, weil ich nun einmal nicht stehen bleiben kann.“

Tyraleen
12.01.2010, 20:47

Lucina sinnierte in ihrem Kopf ziemlich lange über Atalyas Frage. Es war eine gute Frage. Eine gute Frage, die sie nicht so leicht beantworten konnte. Hatte sie Angst vor Fenris? Ja oder nein? Schwierig wenn man bedachte, dass er genauso zum Kreislauf des Lebens gehörte wie Engaya. Für sie verhielt es sich da genauso wie bei Licht und Dunkelheit. Wozu Licht, wenn es keine Dunkelheit zum erhellen gab? Das hieß ja aber nicht, dass man nicht trotzdem Angst vor der Dunkelheit haben konnte. Denn wenn es keinen Grund gäbe Angst vor ihr zu haben, würde man auch kein Licht benötigen um sie zu vertreiben. Die kleine Welpin konnte wirklich gute Fragen stellen.
Ihr Blick wurde immer abwesender, bevor sie dann endlich Luft holte um ihre lang zurechtgelegte Antwort zu geben.
Doch da zwängte sich auf einmal ein weißer Rüde, ungefähr in ihrem Alter, zwischen sie und Liam. Sie zog eine Braue hoch und sah ihn, nicht direkt empört, aber doch negativ verwundert an. Eigentlich überraschte sie, was das Verhalten von Wölfen anging, so schnell nichts mehr, aber das kam unerwartet. Lucina atmete sarkastisch aus - ja, sie hatte es tatsächlich geschafft, das sarkastische Ausatmen zu lernen und zu perfektionieren - und sah den ungewöhnlich weißen Rüden vor ihr einige Sekunden lang an.
Sie wartete. Wartete darauf, ob noch eine wenigstens ansatzweise entschuldigende oder nette Geste von ihm kam. Falls nicht hätte sie sich schon eine dementsprechend passiv aggressiv angehauchte Bemerkung einfallen lassen. Ihre Grundfreundlichkeit in allen Ehren, aber es gab Dinge die mochte sie nicht. Und Rücksichtslosigkeit gehörte dazu. Da er sich aber offensichtlich um Atalya sorgte, wartete sie noch einige Augenblicke ab und schob sein Verhalten einfach mal auf eben diese Sorge um sie.
Und tatsächlich. Sie erhielt ein kurze Begrüßungsnicken. Immerhin etwas. So ignorierte sie die vorhergegangene Aktion einfach, sagte nichts weiter, nickte kurz zurück und ärgerte sich bloß darüber, dass sie vergessen hatte was sie vorhin hatte sagen wollen.
Sie hatte gar nicht bemerkt, wie sehr die kleine Dunkelgraue sich über die Ankunft des weißen gefreut hatte und richtete ihre Aufmerksamkeit erst wieder auf sie, als sie begann in Liams Maul herumzuzappeln und musste bei der Vorstellung wie die kleine Atalya ein Rudel führte grinsen. Das wäre bestimmt ein ziemlich lustiges Rudel.
Erneut holte sie Luft um etwas zu sagen, brach aber ein weiteres Mal ab, als Liam sich auf einmal zu Wort meldete und Madoc freundlich auf sein nicht gerade höfliches Benehmen hinwies. Sie freute sich über diese Solidarität und warf ihm ein kurzes, dankendes Lächeln zu. Dabei wäre sie beinahe, wie so oft, über einen Stock gestolpert und ehe sie sich versah, lief der flauschige Rüde neben ihr und stupste sie leicht an der Schulter.
Endlich begann er auch, auf ihre Fragen zu antworten. Und das nicht zu kurz. Neugierig sah sie ihn an und schenkte ihm so viel von ihrer Konzentration und Aufmerksamkeit wie es ihr möglich war ohne dabei zu wenig auf den Boden zu achten und zu stolpern. Bei ihrem elegant wirkendem Gang könnte man eigentlich meinen, sie wäre etwas geschickter. War sie aber leider nicht.
Lucina dachte kurz nach, wie es wäre als Wolf einzuschlafen und als Adler aufzuwachen. Sie wollte schon immer mal wissen wie es war zu fliegen und wenn das ganze tatsächlische stimmte, hoffte sie als etwas mit Flügeln wiedergeboren zu werden.
Sie nickte verstehend und fragte sich, was die anderen beiden wohl von der Sache hielten und ließ ihren Blick immer mal wieder zu Atalya und dem neu dazugestoßenem Madoc huschen. Ob sie auch gerne einmal etwas anderes wären? Doch bevor sie fragen konnte, setzte Liam seine Ausführungen schon fort.
Es musste unheimlich schwierig sein in dieses Nirwana zu kommen, wenn man dafür eine Aufgabe erledigen musste die man nicht kannte. Und wenn man es dann endlich geschafft hatte, würde man zu sowas wie einem Wassertropfen? Merkwürdig. Ob man dann von größeren Wassertropfen einfach aufgesogen wurde, wie die die sich nach einem Regenschauer auf den Blättern niederließen? Oder waren die Wassertropfen im Nirwana anders? Konnten Wassertropfen überhaupt reden? Sie verzog ihre Miene. Wäre doof wenn nicht. Dann würde man den ganzen Tag nur vor sich rumtropfen.
Trotzdem. Ihre Fragen waren zwar beantwortet und sie wollte Atalya noch die Chance lassen selbst ihre Meinung dazu Kund zu tun, aber erst musste sie noch eine Kleinigkeit wissen: Wer war dieser ominöse Buddha?

"Und dieser Buddha? Wer ist das? Denkt er sich etwas die Aufgaben aus?"

Möglich wäre es ja zumindest. Wenn auch ziemlich anstrengend, wenn man bedachte, dass er sich für jedes Wesen eine eigene Aufgabe würde ausdenken müssen.



Lyerra merkte, dass Imiák bei weitem nicht so froh wie sie selbst war, ein Rudel gefunden zu haben. Sie spürte wie etwas aus Imiáks altem Rudel sie einholte. Sanft, so wie es eine Mutter oder große Schwester vielleicht getan hatte, setzte sie an:

"Imiák. Was ist los? Freust du dich nicht? Wir können ein neues Leben anfangen. Neue Freunde finden und selbst befreundet bleiben..."

Lyerra verstand Imiák wirklich nicht. Mit den Freunden, dass hatte sie gesagt, weil es ihr so vorkam. Sie hatte das Gefühl, dass sie und Imiák wirklich so etwas wie Freunde waren. Eigentlich wollte sie Imiák ja nicht hetzen oder so, jedoch wusste sie nicht was sie sagen sollte. Vielleicht war das mit den Freunden ja doch noch von zu weit her geholt… Egal, wichtig war im diesem Moment nur, dass sie nicht länger allein waren, und das mir ihr und Imiák alles okay war. Sie hörte ein grummeln oder vielleicht auch mehr ein knurren. Erschrocken spitzte sie ihre Ohren.

"Imiák hast du das auch gehört?"

Etwas panisch sprang sie auf, schaute beunruhigt in alle Richtungen und setzte sich mit weiter gespitzten Ohren wieder. Da ertönte das grummeln abermals und jetzt erst erkannte Lyerra wie dumm sie war. Es war ihr Magen der so rumorte. Erleichtert ließ sie ihre Ohren wieder in die entspanntere Pose fallen und machte es sich etwas bequemer. Hätte sie gewusst, dass Imiák dachte, dass sie zu Hysterieanfällen neigte, wäre sie wohl ziemlich beleidigt gewesen und hätte ihr ganz genau erklärt, dass das keine Hysterieanfälle waren, sondern, dass es immer so war wenn sie aufgeregt war. Und dazu hatte sie ja im Moment gute Gründe. Vermutlich trafen sie gleich ein neues Rudel. Gründe. Okay eher einen guten Grund, aber Lyerra sah nicht ein, weshalb sie da nicht aufgeregt sein sollte. Wieder langten ihre Pfoten nach einem kleinen Ast und wieder fing sie an daran rumzukauen. Als auch dieser Zweig zerkaut war, war ihr langweilig.

"Was sollen wir denn jetzt machen Imiák? Sollen wir jetzt solange hier sitzen bleiben, bis sie hier sind?"

Schon als sie fertig war mit sprechen, wusste sie, dass es dämlich war, was sie gefragt hatte. Natürlich mussten sie erstmal warten, bis die anderen Wölfe geantwortet hatten und dann, dann könnten sie ihnen bestimmt auch entgegenlaufen.

"Oh Imiák ich freu mich so. Endlich wieder ein Rudel. Neu Wölfe und ein neues Leben."

Konnte es noch besser werden? Ja, wahrscheinlich schon. Zum Beispiel wenn Lakéta jetzt hier wäre. Mit in dem neuen Rudel. Nein. Sie musste es akzeptieren wie es war. Es war doch ihre Entscheidung gewesen oder etwa nicht? Jetzt musste sie erstmal auf einen Antwort von dem anderen Rudel warten.



Gut merklich zuckte der braune Körper zusammen. Ein Geruch, ein Gedanke, drückte sich in Katsumis Kopf. Sofort breitet er sich dort aus und nahm das Denken in die Hand. Der Fünfjährige wandte sein Haupt von der schwarzen Fähe ab und blickte seine Sandkönigin an. Dicht neben ihr war Akru. Akru. Im seinem Maul war Ciradán. Katsumi legte seine Schnauze in Akrus Nacken und begrüsste ihn stumm. Sein Seelenbruder hatte ihm die Kraft gegeben weiter zu laufe. Die Hoffnung kam zurück in den leblosen Körper und den Mut, die Schritte weiter zu tun. Der Braune nahm den Kopf wieder von den grauen Schultern. Ein leises zufriedenes Knurren floh aus der Kehle des Braunen und die Augen erhoben sich an den Horizont. Sorgsam stellte sich Katsumi an die andere Flanke von Isis und spürte so noch deutlicher ihr vibrieren. Immer wieder sog der Fünfjährigen den Geruch der Ägypterin ein. So süss, so frisch. Zufrieden über ihre und Akrus Anwesenheit, aber genau so besorgt um die beiden – besonders um die bebende Isis – bewegte Katsumi seine Läufe so regelmässig wie möglich.
Die Frage nach Akrus Wohlbefinden brannte im Hals, doch an Stelle von Worte sah der Braune seinen besten Freund nur an. Er war ruhig und froh darüber, dass Isis gut umsorgt war. Aber die Trauer schien auch noch in seinen Augen zu flackern. Oder?
Plötzlich durchzuckte die Stimme von Ciradán die Luft. Jedes Wort hatte etwas Wahres an sich. Während Katsumi sich in seine Gedanken verlor traf auch noch Sheena auf die kleine Gruppe...
Isis plötzliches zusammenbrechen riss den Rüden aus seinen Gedanken und sofort warf sich Katsumi zu ihr auf den Boden.

"Isis? Liebste!"

Erschrocken drückte sich der Braune so nah an ihren Körper er nur konnte, drückte seine Schnauze unter ihre und versuchte sie vom kalten Boden fern zu halten. Die brauen Rute ringelte sich um die schlanken Körper. Flehend sah Katsumi in Akrus Augen. Isis durfte nichts passieren. Niemals. Der graue Hüne würde es nicht ertragen und der Braune selbst auch nicht. Der Verlust der Sandkönigin wäre schlimmer, als alles andere, als der Verlust des Tales. Katsumi könnte ein solcher Schmerz nicht noch einmal mitmachen können.

"Meine Sandkönigin. Liebste, du schaffst das. Wir sind alle für dich da..."

Stetig darauf achtend, dass Isis Kopf nicht auf den kalten Boden kam, drückte sich Katsumi noch näher an ihren Körper.



Mit leichtfüßigen Schritten lief Madoc neben Liam her, sein blutroter Blick auf Atalya gerichtet, der seiner ganzen Aufmerksamkeit gehörte. Während er sie beobachtete, zierte ein zufriedenes Lächeln seine hellen Lefzen, das ihn weit freundlicher aussehen ließ, als er war. Gewiss war er sich seines unhöflichen Auftretens bewusst, doch das scherte ihn momentan wenig. Atalyas freudige Begrüßung ließ ihn schmunzeln und seine Züge waren trotz der Gefahr entspannt. Bevor Madoc jedoch auf ihre Begrüßung antworten konnte, bat die Welpin Liam, sie wieder auf den Boden zu setzen. Geduldig wartete Madoc darauf, bis die Pfoten der kleinen Fähe wieder festen Halt hatten und blieb stehen, um sich kurz zu ihr hinunter zu beugen und sie zärtlich anzustupsen.
Dann lief er weiter, allerdings nicht bevor er sich vergewissert hatte, dass Atalya ihm folgte. Während er neben Lucina und Liam herlief, fragte er die Graue mit ruhiger Stimme

“Und? Findest du Liams Glauben interessant?“

Erkundigte er sich mit ehrlichem Interesse, bevor er fort fuhr.

“Was möchtest du denn, was ich erzähle? Ich gehöre bislang keinem Glauben an“

Meinte er dann und blickte zu Atalya hinab. Allerdings sprach ihn der braune Rüde in diesem Moment an, der weiße Jungrüde wandte seinen Kopf zu ihm um, sein Blick wurde ernster, jedoch nicht unfreundlicher. Schließlich sah er Liam als Freund, so wie er es nur bei sehr wenigen Wölfen tat. Geduldig hörte er sich an, was der Rüde zu sagen hatte und ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen. Madoc hasste es, von anderen kritisiert zu werden und noch mehr hasste er es, wenn er innerlich wusste, dass sie es zu Recht taten. Er überlegte kurz und wog die beiden Alternativen an, die sich ihm boten. Entweder, er würde frech und rücksichtslos widersprechen und somit sich von seiner dreisten Seite zeigen, oder aber er würde sich seinen Worten fügen und brav eine Entschuldigung an Lucina aussprechen. Während er so nachdachte, merkte er, dass keine der beiden Entscheidungen ihm passte und so wählte er eine dritte Alternative, die er sich selbst zusammenreimte. Er räusperte sich kurz, bevor er sprach.

“Hm … Du hast Recht, Liam“

Brachte er hervor und merkte, wie schwer es ihm viel, seine eigenen Fehler einzusehen, oder besser, die Tatsache einzusehen, dass sogar er Fehler machen konnte. Er schüttelte den Kopf und tröstete sich damit, dass er es nur tat, um kein schlechtes Vorbild für Atalya zu sein. Allerdings, so verbot ihm sein Stolz letztendlich doch noch, ergab er sich nicht dazu, Lucina eine direkte Entschuldigung auszusprechen. Also warf er ihr nur einen entschuldigenden Blick zu. Dieser Blick war jedoch aufrichtig und ehrlich gemeint, denn wusste er, würde er eine Entschuldigung aussprechen, so würde sie aus seinem Fang nur wie eine gezwungene Rede klingen, die keiner ihm abnehmen würde. Nachdem ein kurzes Lächeln als Bestätigung gefolgt war, wandte er sich wieder Atalya zu, während er beobachtete, wie Liam auf Lucinas andere Seite wechselte.

“Atalya, bist du dir sicher, dass du laufen kannst?“

Fragte er und musterte sie mit überflüssiger Besorgnis. Er wusste, dass sie sehr wohl allein laufen konnte, dennoch, sicher ist sicher. Allerdings fügte er hinzu.

“Aber ich weiß ja eigentlich, dass du es kannst, du bist schließlich Atalya die Furchtlose!“

Ein warmes Lächelnd breitete sich wieder auf seinen Lefzen aus, als er sich daran erinnerte, wie sie es zu ihm gesagt hatte, als sie das erste Mal miteinander gesprochen hatten.



Eifrig lief Sheena weiter schräg hinter der kleinen Gruppe her. Ihre Gedanken kreiselten um Tyraleen. Noch eine Mitschülerin, demnächst wohl, und auch hoffentlich, ihre neue Alphafähe. Sie seufzte und schüttelte den Kopf. Sie konnte nur hoffen, dass Tyraleen mit ihrem kleinen Trupp Erfolg haben würde und einen Weg hinaus finden würde. Sie wollte sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn dem nicht so sein sollte.
Etwas verärgert schüttelte sie den Kopf, sie würde auch mit langem nachdenken, zu keinem Ergebnis kommen, schließlich konnte sie nicht in die Zukunft blicken. Dann lächelte sie leicht und danke Engaya, dass sie ihre Schülerin daran erinnerte, ihren Jähzorn abzulegen. Sie fühlte sich in letzter Zeit sehr stark mit der weißen Göttin verbunden. Obwohl sie damit gerechnet hatte, dass die Verbindung schwächer werden würde. Aber das bezeugte sie nur weiter in ihrem Glauben, dass die Götter ihnen in dieser schwierigen und scheinbar auswegslosen Situation helfen würden.
Doch noch ehe sie sich ihrer Göttin weiter nähern konnte, ertönte ein fernes Heulen, kurz danach stimmte ein Zweites ein. Sie spitzte die Ohren, das Heulen kam ihr in keiner Weise bekannt vor, aber wenn es Fremde Wölfe waren, hätten sie doch eigentlich an der Gruppe von Tyraleen vorbei kommen müssen. Wie auch immer, anscheinend war das nicht der Fall und noch ehe Sheena richtig überlegen konnte, ob sie die Fremden wohl zu sich holen durfte, oder warum niemand anderes Ranghöheres diese Aufgabe übernahm, erhob sie ihre Schnauze in den Himmel.

„Hallo Lyerra, hallo Imiák. Ich begrüße euch in unserem“ sie zögerte ganz kurz, konnte sie es noch Tal nennen, doch was sollte sie sonst sagen? „Tal. Ich bin Sheena, ich bitte euch zu mir zu kommen, damit ich euch ein wenig kennen lernen kann. Ich befinde mich ganz am Ende des Rudels, seid unbesorgt und lauft einfach so schnell ihr könnt zu mir“

Sie warf einen raschen Blick hinter sich, von dem Nichts war noch nichts zu sehen. Das klang komisch. Auf jeden Fall würde sie den beiden Neuen erzählen müssen, was in diesem Rudel momentan vor sich ging. Die anderen im Rudel würden ihren Ruf ebenfalls hören und so würde niemand die beiden Fremden komisch angucken, wenn sie direkt ans Ende des Rudels liefen. Vielleicht würden sie sich nur wundern, warum sie, Sheena, gerufen hatte.
Zu spät.



"Ich muss zugeben, dass ich meine Familie trotz allem noch vermisse."

, versuchte Imiák zu erklären. Der Ethusiasmus ließ bei ihr auf sich warten. Stattdessen beobachtete sie Lyerra mit einem amüsierten Zug um die Lippen. Sie schien ganz aus dem Häuschen zu sein und war total hibbelig. Beim Rotpelz spielte sich die Aufregung hingegen eher in ihrer Brust ab, in der das Herz wild hämmerte. Fremde Wölfe. Eine Mischung aus Furcht und unglaublicher Freude und Sehnsucht erfüllte die Wölfin gleichermaßen.

"Lass uns warten."

Ihre Ohren schnippten kurz, sie lächelte die Weiße an und blieb bewegungslos sitzen, starrte angestrengt in die Richtung, in der sie das Rudel gerochen hatten.
Ehe Imiák noch etwas auf Lyerras letzten Satz erwidern konnte, zuckten die plüschigen Flauscher und sie horchte interessiert auf. Dann grinste sie hochzufrieden.

"Hörst du? Wir müssen uns bei einer Sheena am Ende des Rudels melden. Los!"

,rief sie mit einem Wolfslächeln, sprang auf und lief einige Schritte los, ehe sie sich entsann, dass Lyerra ja noch bei ihr war und sie in ihrem Lauf stoppte, zurück zu der Weißen sah, um zu warten, dass sie ihr folgen würde. Und sie würde es gewiss tun, denn das hier war praktisch die Einladung zum Beitritt in das Rudel, soetwas würde Lyerra nicht ausschlagen. Soviel konnte Imiák zumindest über sie sagen.



Das scheinbar ewige Grinsen Malakíms brachte Tyraleen in einen Zwiespalt. Schwere Gedanken plagten sie, Sorge, Angst und Trauer nahmen ihre ganze Welt ein und doch wollte dieses Lächeln des Schwarzen sie anstecken. Es wollte auf sie überspringen und sie erfreuen, wollte tatsächlich ein wenig Freude zu ihr bringen, so wie der Rüde es ihr gerade mitteilte. Nur leider würde dieses Lächeln die Probleme nicht kleiner machen, würde Acollon und Banshee nicht zurückholen und würde keine Leben retten. Es würde nur alles hinwegleugnen. Dennoch zuckten die Mundwinkel der Weißen kurz, während sie fast fieberhaft darüber nachdachte, was sie den pathetischen Worten des Schwarzen entgegenhalten könnte. Natürlich könnte sie stumpf darauf beharren, dass er Anweisungen zu befolgen hatte, aber war Banshee nicht auch immer dem Weg des Verständnisses gefolgt? Hatte sie nicht manchmal Richtlinien vergessen, wenn es um Liebe, Glück und Hoffnung ging? Oder war das ganze jetzt nicht ein wenig zu kitschig? Tyraleen biss sich unauffällig auf die Lefzen und nickte dann etwas hilflos.

“Diese Gruppe setzt sich einem Risiko aus, dem so wenige Wölfe wie möglich unterworfen werden sollten. Aber wer wäre ich, wenn ich auch dir noch deine Freude austreiben würde? Du bist ein Juwel, Malakím. Dann bring noch ein wenig Glück in diese Welt, bevor wir alle mit ihr zu Grunde gehen.“

Besonders die letzten Sätze hatte sie so leise gesprochen, dass die Welpen sie nicht hören konnten. Wenn der Schwarze nun schon da war, um sie zu unterhalten, würde Tyraleen nicht mit ihren Worten genau das Gegenteil hervorrufen wollen. Und Malakím selbst, so hoffte sie, würde man sowieso seine Freude nicht austreiben können. Wer zwischen dem Nichts dem Ende entgegen lächelt, macht sich auch nichts aus düsteren Worten einer gebeutelten Alphatochter. Tyraleens Blick wanderte zu Neruí, die vorschlug, dass Malakím doch Tyraleen tragen sollte. Angesichts ihrer Größe, könnte das ziemlich schwierig werden, tatsächlich würde die Weiße wohl eher den Rüden tragen können, aber darüber würde sie nun nicht philosophieren.

“Ich glaube, das überlasse ich lieber dir, Neruí.“

Auch jetzt schaffte sie es nicht zu lächeln, stupste ihre Cousine aber leicht in die Seite. Ihr eigener Sohn schien ebenso überzeugt von Malakím zu sein und auch ihm wollte Tyraleen nichts ausreden. Liebevoll fuhr sie Turién mit der Zunge über den Kopf und nickte.

“Ich weiß. Toll nur mit ihm herum, er darf ja bleiben.“

Und auch der kleine Silberprinz, wie ihn Malakím wirklich schön betitelt hatte, wuselte nun unter den Schwarzen zu seiner Prinzessin und tuschelte mit ihr herum. Tyraleen ließ die beiden, warf nun einen Blick nach vorne zu Kylia, Nyota und Aszrem, die sich scheinbar sehr viel sorgenvoller unterhielten. Mit zugeschnürter Kehle stahl sich ihr Blick wieder nach vorne, zu dem Punkt, an dem sie auf einen Ausweg hofften.



Hätte Lyerra gewusst, dass Imiák gerade gedacht hatte, dass sie sich so ein Angebot nie ausschlagen lassen hätte, hätte sie nur grinsend zugestimmt. Sie war sich sicher, dass sie und Imiák wirklich gute Freundinnen werden würden und jetzt hörte sie es auch. Die Antwort von Sheena, dass sie kommen sollten um mit ihr zu reden... Besser konnte es doch nicht werden oder? Natürlich, besser ging es immer, aber jetzt war Lyerra sich sicher, dass sie diesen Moment nie vergessen würde. Sie war wunschlos glücklich, und musste sich eingestehen, dass sie Lakéta vergessen hatte ohne es zu wollen. Lakéta. Er war ihr doch die ganze Zeit über so wichtig gewesen und nun vergaß sie ihn einfach. Sie würde ihn wohl nie vollends vergessen, aber er verschwand immer mehr aus ihrer Erinnerung, das einzige, woran sie sich sicher erinnern konnte, war seine samtweiche, wundervolle Stimme. Wenn sie weinen könnte, beziehungweise wüsste, was das ist, würde sie es bestimmt tun. Erst jetzt merkte Lyerra, dass Imiák schon losgerannt war, und nun auf sie wartete. Mit ein paar schnellen Sätzen war Lyerra bei Imiák und die beiden gingen weiter. Lyerra lief ein kleines bisschen schneller und fragte Imiák dann, mit leicht zittriger, und trauriger Stimme:

"Gehen wir schneller? Bitte, ich will jetzt so schnell wie möglich bei dieser Sheena ankommen, sie scheint sehr nett zu sein.. "

Es war wohl vergebens, dass Lyerra sich bemüht hatte, heiter zu klingen, denn sie merkte selbst, dass es sich echt nur niedergesschlagen anhörte. Sie lief weiter und stoppte dabei immer, da sie sich nicht sicher war, ob die Wölfe sie und Imiák nicht nur doof angucken würden, wenn sie an ihnen vorbei liefen und bei dieser Sheena stoppen würden. Ob das Rudel sie annehmen würde, oder sie nur ankrurren würde, wenn sie an den fremden Wölfen vorbei liefen...?!?! Lyerra blieb stehen und setzte sich hin. Dann rief sie:

"Imiák, schau doch nur, sind sie das?"

Sie stand wieder auf und lief an dem Rudel vorbei. Ihr war nicht ganz wohl bei der Sache, weil sie das Gefühl hatte, von den fremden Wölfen angestarrt zu werden. Bei einer weißen Fähe, die ganz am Ende lief, blieb sie dann stehen.

"Bist du Sheena?"

Fragte sie, an die weiße gewand, als sie noch auf Imiák wartete und ihr einen unsicheren Blick zugeworfen hatte.



Es dauerte nur wenige Augenblicke, dann hatte Atalya wieder festen Boden unter den Läufen. Liam lächelte und schleckte sie einen Atemzug später ab, und auch Atalya schenkte dem großen Rüden ein breites Lächeln. Mit schnellen Pfoten hielt die Graue mit den Schritten der größeren Wölfe mit, blickte von Liam zu Lucina, zu Madoc und zurück zu ihrem Paten. Vielleicht wollte die Weiße ja ihrem Rudel beitreten? Während sie mit dem Gedanken spielte, die Fähe einfach zu fragen, wandte sich Liam an ihren Freund. Sie neigte den Kopf zur Seite, lauschte dem Gespräch der Beiden und beobachtete Liam, wie er sich kurz zurück fallen ließ und wieder an Lucinas Seite trat. Madoc sah während dessen Lucina an, entschuldigte sich. Und ihr Pate begann weite rzu erklären, woran er glaubte. Interessiert spitzte die kleine Fähe die Ohren. Man wurde wieder geboren, wenn man starb. Aber man war dann kein Wolf mehr. Sie schmunzelte und blickte den Rüden fragend an. Ging das wirklich? War ihre Oma dann vielleicht auch unter ihnen? Vielleicht war sie ja ein Vogel? Ihr Pate legte eine kleine Pause ein, sprach dann aber weiter, bevor sie eine Frage stellen konnte. Jetzt erklärte er das Nirwana, wie man dort hin kam.. und das man dort alle wieder traf. Außerdem sprach er von einer Aufgabe, die man zu erledigen hatte.

“Weißt du, was deine Aufgabe ist, Liam?“

Fragend blickte sie ihren Paten an, der im nächsten Moment schon die nächste Frage von Lucine gestellt bekam. Langsam setzte sich in ihrem Kopf ein Teil zum anderen, und das ohne, dass sie nach fragen musste! So war es doch perfekt. Überlegend blickten ihr e hellen Augen nun Madoc an, ihr fielen wieder seine Worte von eben ein, auf die sie nicht wirklich eingegangen war. Die Graue lachte leise auf, machte einen Sprung in die Luft und rannte wenige Meter nach vorn. Er hatte sich ja selbst schon geantwortet, also nickte die Graue nur, machte dann eine halbe Drehung und sprintete auf die kleine Gruppe zu. Sie rannte unter Liam, Lucina und Madoc hindurch, und sprang um ihren weißen Freund herum. Sie konnte schneller als sie laufen, auch wenn sie größer waren! Mit einigen, weiteren Sätzen war sie dann wieder bei Liam, hob den Blick zu ihm.

“Wenn ich als Vogel wieder geboren werde.. kann ich dann auch fliegen?“

Voller Begeisterung sah sie den Braunen an, aber ihr Blick glitt auch immer wieder unruhig zu den anderen beiden Wölfen. Vielleicht würde sie ja auch als Schmetterling wieder geboren werden? Oder als Käfer. In ihrem Kopf ging die Graue sämtliche Tiere durch, die sie kannte. Und wieder musste sie lachen, machte kleine Schritte zu Lucina und lief unter ihr.

“Lucina? Hast du auch eine Aufgabe? Weißt du, ob ich auch eine habe?“

Kaum hatte sie die Frage beendet, machte sie kleine Sprünge zu Madoc, und lief nun an seiner Seite. Sie lächelte zu ihm hoch, ihre Rute pendelte leicht durch die Luft. Dann wandte sie sich aber wieder den anderen beiden zu, um die Antworten zu bekommen, auf die sie sehnsüchtig wartete.



Sie war also gegangen. Oma Banshee war nun fort und Amúr konnte nicht mehr mit ihr Reden. Dabei lagen ihr so viele dinge auf dem Herzen die sie so gerne aussprechen wollte. Aber es war nun nicht mehr Möglich. Jedoch alles in sich hineinfressen wird die Junge Welpin nicht tun. Sie will ihr leben nicht mit depressionen verbringen. Alle waren sie nun auf der Flucht und irgendwo mittendrin, wenn auch etwas außen, tapste die junge Welpin Amúr. Ihr Haupt war leicht gesenkt und die Ohren angelehnt. Sie war sich unsich was sie jetzt noch tun sollte. Sie war nunmal mehr die einzelgängerin, mehr die, die alleine sein wollte und die Ruhe genießte. Mal abgesehn von ihren Stimmen, die sie wie jedentag nicht in ruhe lassen konnten. Ja auch an diesem Tag liesen sie Amúr nicht zu frieden.

„Seid Still!“

,knurrte sie den Stimmen entgegen. Sie blieb stehen in diesem Moment und blickte hin und her. Aber den Ort der stimmen konnte sie auch so nicht bestimmen. Also lief die junge Welpin weiter. Doch dann wurde sie auch schon von ihrer Schwester Caylee in die Schulter gestupst. Ihre Ohren stellten sich ruckartig auf und ihr Blick wandte sich zu ihrer schwester um. Ihr war also langweilig? Wieso kam sie dann zu Amúr? Amúr war ja nicht gerade die beste geseltschaft, da gab es schon mehr in diesem Rudel. Sie schwieg noch immer wärend ihrer schwester an ihrer seite war. Sie wusste nicht was sie nun dazu sagen sollte, oder wie sie ihr die Langweile austreiben konnte. Als sie dann weitersprach blieb sie erneut kurz stehen und wandte ihren Blick ab.

„ja Mama und die anderen..“, fing sie an zu sprechen und setzte ihren Weg dann wieder fort. „Es ist wirklich Doof, da geb ich dir recht Caylee, ich hoffe Mama hat uns nicht vergessen.“

Natürich gab sie ihrer Schwester recht. Sie hatte es ja auch. Tyralee war wirklich nicht hier, und auch alle anderen familien mitglieder waren nicht zu sehen. Nur die anderen unzähligen Wölfe die ihn diesem Rudel sind, und 90 prozent der Wölfe kannte sie nicht einmal, da sie sich eher von allen abwand. Es fehlt der kleinen Wölfin jetzt eine Beste Freundin, oder bester Freund. Jemanden dem sie sich öffnen konnte, ohne angst zu haben es weiß das Ganze Rudel. Sie war mal wieder so tief in gedanken versunken das sie sich vor Krolock erschrack. Er prallte zwar gegen Caylee aber das war dennoch schreck genug. Denn es gesah so plötzich und unerwartet. Sie tapste zu ihrer weißen schwester und blickte zu ihr.

„Ist alles ok?“,fragte sie besorgt .




Es war kühl. Trauer klebte in der Luft, wurde eingeatmet mit dem Licht, der Seelengrund beleuchtet, und doch nicht so überbelichtet wie der, der offenlag, für jegliche Art der Trauer. Die Wahrheit schwieg in diesen Zeiten, dass Nichts umgarnte sie spielerisch leicht und doch so scharf wie eine tödliche Gefahr- Gefahr, dass er nicht lachte- Gefahr. Gefahr war etwas für Schwächlinge, und niemand war so stark wie Lunar, niemand konnte es sich weniger leisten schwach zu sein, darum blieb keine Zeit Tränen zu vergießen um zwei Leitwölfe, die er nie wirklich und doch ein wenig gekannt hatte- Trauer, Angst ... In der Ferne lag die Verlockung- die Sünde in den blauen Augen, genährt von jeder Träne die den Grund berührt- Lunar, Nebelsohn und Schattentänzer- ewiges Leben, doch nur für kurze Zeit. Nur das Lächeln blieb wohl aus, diesen Zeiten gebührte kein Lächeln, diesen Zeiten gebührte nasskalte Schwärze und Zorn. Nur das- am wenigstens Gefühl zeigte doch der Laie, und der Laie war doch der Stärkste unter allen Tänzern. Ein Narr- doch nicht um andere zum lachen zu bringen.
Tränen wollte er- Tränen allein.

Ich werde da sein.

Die Pfoten schlugen auf harten Grund, drückten sich in die Erde, stießen sich ab, Fell glänzte und doch nicht- schwarzer Glanz wie Sonnennebel- ungenährt. Der Kopf reckte sich dem Ziel entgegen empfing tausend Geräusche, tausend Stimmen dieser Welt, empfing sie, doch nahm sie nicht wahr. Die Pfoten trugen ihn eher, als dass er sich lenkte durch diesen Ozean aus Wölfen die orientierungslos dem Ende entgegenstürmten- sollten sie doch- sollten sie doch alle untergehen, sollten sie doch vergessen, wie es funktionierte- das Atmen. Sollten sie doch verschwinden, alle auf einmal sich nacheinander ins Nichts stürzen zu Bani und Acollon ins Nirwana einkehren, gen Itaka sich windend ihn zurücklassen, und sein Gelächter würde sich genießend über das Nichts heben, während es ihn auch verschlang- hungrig wie die Nacht selbst durch die Augen schießen, die ewige Leere durch sich treiben lassen und die Nähe sollte da sein, die Nähe die er sich wünschte- sollten sie doch verrecken, alle, sollten ihre Tränen Grund finden und sollten sie sich verlieren- im endlosesten Selbstmitleid- sollten sie doch untergehen- alle...alle...alle.

Und nun- hier bin ich.

Tiefer versunken und verbissen, doch das ironische Lächeln legte sich auf die kalten Züge des Wolfes, Maskenspiel udn Wettersagen- hier war er also.

"Shani?"

Er merkte wie seine Stimme so fest und summend war wie immer- Lügner, Lügner, Lügner schrie er innerlich. Er ließ sich neben seiner kleinen Schwester nieder. Den Kopf leicht gesenkt, und doch Abstand wahren- immer Abstand- er könnte ihr wehtun- vielleicht wollte er, dass alle untergingen, aber nicht Shani, nein, sie hatte Flügel und Glanz verdient, aber kein Ende im schwarzen Moor der Ungewissheit. Manchmal fühlte Lunar sich doch wie ein Stein. kein Wort des Leides drang über die schmalen Lefzen, die Worte klumpten in der Kehle, und ausgespuckt könnten sie doch nur Wudnen schlagen- jedem hätte er es gegönnt- nur ihr nicht.

"Warum so abseits, ist das nicht meine Rolle- aussenvorstehen?"

Der Himmel schwieg, schrie und weinte. Lunar wollte es ihm nachtun, doch seine Augen erzählten nur von Eis und Grausamkeit- er wusste es nicht, nein. Mörder,Mörder,Mörder- schrie er innerlich. Warum er nicht traurig sein konnte? Eine gute Frage. Doch wer sollte es ihm schon beantworten können, diese Frage- Der VAter vielleicht- ein lautes lachendes aufjaulen im Kopf- der Vater vielleicht.
Wo ist der Frühling, kleine Schwester?



Avendals Atem ging schneller, oder? Natürlich sie war ja gerade auch ziemlich schnell gelaufen. Ängstlich presste sie sich an den Lauf der weißen Fähe bei der sie sich verkrochen hatte. Wo war Papa? Sie wollte ihren Papa haben jetzt und hier. Papa würde alles gut machen, er war stark, viel stärker als sie alle, er würde alles wieder okay machen... es musste so sein. Er musste sie nur erst finden.
Und dann war Aléya schon bei ihr und begrüßte sie stürmlisch und freudig, wobei sich Avendal sofort fragte wie sie dazu fähig sein konnte. Nichts war gut, nichts war zum glücklich sein. Sie konnte doch nicht einfach so freudig sein wenn alle anderen angst hatten und wegliefen. Wenn alle anderen litten, es war gemein wenn sie glücklich sein konnte! Und dann, bestürtzt über ihre eigenen Gedanken lehnte die kleine Graue leicht die Ohren zurück. Sie meinte es doch nur gut. Sicher hatte Aléya nicht vor sie zu verletzen. Sie wollte ihr Hoffnung machen und sie beschützen. Sicher war sie deswegen so enthusiastisch. Sie musste ihre Freundin doch vertrauen. Wenn sie der Welt schon nicht mehr vertrauen konnte, dann musste doch wenigstens Freunde und Familie für einen da sein. Mit einem vorsichtigen Nicken stahl sich ein Lächeln auf die kleine Schnauze der Welpin.

“Danke, jetzt geht’s mir schon viel besser.“

Leicht köpfelte sie ihre weiße Freundin, dann sah sie wieder zu der großen weiße Fähe auf bei der sie sich versteckt hatte. Auch sie sah freundlich aus und nicht so das sie sie gleich wieder wegschicken würde! Sicher würde Akhuna auch auf sie aufpassen, auch wenn sie gerade so... etwas nachdenklich aussah. Warum? Sie hätte sich beißen können wegen dieser blöden Frage. Zu der Zeit war es wohl kaum verwunderlich das die Wölfe nachdachten! Es war ja alles zum verrückt werden. Wo hatte sie bloß ihren Kopf gelassen? Doch als die netten Worte der Weißen an ihre Ohren drangen, schlich sich erneut ein Lächeln auf ihre Schnauze. Diesmal war ihr Nicken stürmischer.

“Genau ein Rudel! Und wir halten alle zusammen. Wir brauchen gar keine Angst zu haben wenn wir zusammen sind.“

So ganz konnte sie ihren Worten aber irgendwie doch nicht trauen. Sie waren ein Rudel, aber selbst als Rudel waren sie dem Nichts und dieser Traurigkeit unterlegen. Wie sollten sie denn als Rudel dagegen ankommen wenn es sie alle verschlingen wollte? Würden sie dann auf Ewigkeit in Trauer leben? Oder würden sie alle zu Oma Banshee ins Himmelsland gehen und glücklich sein? Schnell unterdrückte sie ihre aufkommenden Gedanken und richtete sich auf, blickte dem flüchtenden Ruel nach.

“Ich glaube wir sollten weiter... wohin auch immer.“

Avendal blickte erst zu Aléya und dann zu Akhuna.



Mh, Caylee hatte ja gleich gewusst, dass Amúr keine lustige Unterhaltung werden würde, aber dass sie so niedergeschlagen war, hätte sie nicht erwartet. Es trieb ihr auch ihr Lächeln aus, schließlich hatte sie ja selbst schlechte Laune. Unschlüssig starrte sie zu ihrer Schwester und nickte dann. Klar, ihre Mama durfte sie nicht vergessen haben, aber die Kleine war viel zu selbstbewusst, als dass sie das erwarten würde. Tyraleen hatte sie am aller liebsten von allen ihren Kindern … das war doch selbstverständlich.

“Ach, keine Sorge, Mama hat uns sicher nicht vergessen. Sie war nur doof und wollte lieber Turién und Neruí mitnehmen. Wahrscheinlich, weil Tante Nyo mitgekommen ist, weil die ist ja die richtige Mama von Neruí.“

Die Erklärung klang plausibel. Denn Caylee hatte mittlerweile das mit den verschiedenen Mamas und Papas verstanden. Mama Tyra und Papa Averic waren ihre echten Eltern, Tante Nyo und Onkel Aszrem waren Neruís echte Eltern und die tote Kaede und der tote Urion waren Krolocks, Ciradáns und Liels Eltern. Aber sie waren alle eine große Familie. Und die durchblickte Caylee dann doch noch nicht, die war nämlich wirklich groß. Mit Cousin Jaki und Tante Shani und natürlich ihren ganzen anderen Onkels und Tanten, die auch alle immer wieder kamen so wie zum Beispiel Parveen. Die war auch plötzlich wieder aufgetaucht. Kompliziert das ganze. Vielleicht hätte die Weiße noch ein wenig länger über ihre verstrickte Familie nachgedacht, wäre nicht urplötzlich etwas von hinten gegen sie gerannt. Caylee gab einen erschrockenen Laut von sich, stolperte und wäre dabei beinahe mit der Nase auf die Erde geflogen, fing sich wieder und wirbelte dann empört zu dem Angreifer herum. Schnell erkannte sie Krolock, den sie eben gerade noch gesucht hatte und knuffte ihn als aller erstes nicht zu fest aber deutlich empört in die Seite. Schon zwei Herzschläge später wurde der Schwarze erneut gekniffen, diesmal, weil er sie „weiße Plüschkugel“ genannt hat, was ja mal überhaupt nicht zutraf! Sie und eine Kugel, pah! Danach säuselte Krolock noch ein wenig herum und schob alle Schuld auf Takashi, der mittlerweile auch angekommen war, aber Caylee funkelte ihren halben Bruder immer noch missmutig an.

“Selber Plüschkugel! Ich bin viel schlanker, viel graziler als du! Und ich hab Augen im Kopf, sodass ich nicht jeden umrenne.“

Wieder knuffte sie ihn in die Seite, diesmal aber schon etwas sanfter. So richtig böse konnte sie nicht mit ihm sein – das änderten auch keine doofen Beleidigungen – denn immerhin war er da und würde sie unterhalten. Das war viel zu gut, als dass sie jetzt die ganze Zeit beleidigt sein wollte. Dann mischte sich auch schon Takashi ein und Caylee sprang mit zwei kleinen Sätzen zu dem großen Schwarzen.

“Ja, Taka, bring dem doofen Holzkopf mal bei, nach vorne zu schauen und gefälligst netter mit Damen umzugehen.“

Ein leicht zähnebleckendes Lächeln wurde Krolock zugeworfen, dann wandte sich die Weiße zu ihrer Schwester, die schon fast besorgt fragte, ob alles okay sei. Etwas übermütig sprang Caylee als Antwort einmal um Amúr herum und blieb mit gesenktem Oberkörper und wackelnder Rute – eine eindeutige Spielaufforderung – vor der Grauen stehen und grinste.

“Klar ist alles okay. Jetzt sind Krol und Taka da, jetzt haben wir etwas zu tun. Komm, besiegen wir Takashi!“

Knurrend und das kleine Gebiss bleckend wirbelte Caylee wieder zu dem Erwachsenen herum und stürzte sich kläffend auf die Rute des Schwarzen. Als wolle sie sie zerfleischen schüttelte und zerrte sie an ihr und winselte dabei aufgeregt vergnügt.



Parveen war den anderen fast automatisch gefolgt. Sie trabte gleichmäßig voran und hatte sich zwischendurch vom Rudel getrennt. In aller Eile hatte sie sich ein Reh gejagt und verspeist, nur um Minuten später wieder die Fährte des Rudels aufzunehmen. Sie schlängelte ihren Kopf über den Boden. In einem Moment waren ihre Gedanken sonst wo, dann waren sie wieder am rechten Fleck und sie hörte den Wind tanzen. Erfreut hob sie den Kopf und fing an, selber zu tanzen. Freudig sprang sie herum und vergaßs sogar, dass sie auf der Flucht waren. Plötzlich stieß sie auf andere Wölfe. Auf alle Fälle war es Takashi. Die anderen erkannte sie nicht. Sie betrachtete die vier kurz, dann lief sie jedoch an ihnen vorbei, ohne sie weiter zu beachten. Ihre Ohren spielten verrückt ihm Wind und wieder ließ sie ihren Kopf schlängeln und ihr Galopp wurde tänzelnd. Geschickt schlängelte sie sich zwischen den Bäumen hindurch. Sie hoffte, dass sie einem anderen Wolf begegnen würde, nicht unbedingt gleich einer Gruppe.
So lief sie weiter durch den Wald, ohne Zögern lief sie die Spur entlang, die die anderen Rudelmitglieder hinterlassen hatten, als sie diesen Weg gelaufen waren. Ihre Ohren nahmen das Geräusch von tapsenden Pfoten war, die langsamer unterwegs waren, als sie selber. Um den anderen Wolf herum nahm sie keine anderen Wölfe war, also lief sie direkt in die Richtung des Wolfes. Erstaunen breitete sich in ihr aus, als sie sah, dass es kein Wolf war. Sie schüttelte den Kopf. Hatte sie wirklich den Geruch diesen Rehes so falsch verstanden? Kaum, dass das Reh sie gesehen hatte, flitzte es auch schon davon. Sie schüttelte erneut den Kopf und fing an, ihre Gedanken zu ordnen. Dabei stellte sie fest, dass ihre Gedanken wirklich höchst durcheinander waren.



Eine seltsame Geschichte. Und erneut wie es das Schicksal so wollte steckte er wieder mitten drin. Nur das es diesmal fast aussichtslos erschien. Sie alle waren auf der Flucht. Ein ganzes Rudel flüchtete vor einer zu großen Bedrohung die sie nicht hatten abwenden können. Und wohin würde diese Flucht führen? Ans Ende der Welt? Oder doch eher an das Ende ihrer aller Leben? Wer vermochte das zu sagen? Und um das Unglück noch zu verschlimmern flüchtete das Rudel ohne ihre wichtigen Führungspersonen.
Banshee war gestorben und hatte ihre Familie und Freunde in diesem Fiasko zurück gelassen. Natürlich konnte sie nichts dafür, natürlich hätte sie auch nihct viel mehr dagegen tun können. Und doch, für einige hier wäre sie eine o große Stütze gewesen. Eine Stütze die jetzt fehlte. Ein Loch das weitere Hoffnungslosigkeit zurück ließ.
Nyota und einige andere Wölfe waren vor gelaufen um einen Ausweg zu finden. Und auch sie fehlte. Denn hatte sie sich nicht verschätzt? War die Katastrophe nicht viel zu schnell eingetreten? Und waren sie jetzt nicht allein, ohne auch nur eine der beiden Leitfähen an ihrer Seite zu haben? Fragen über Fragen, doch keine die sich Yerik wahrlich für sich selbst stellte. Er hatte sich wahrscheinlich bereits damit abgefunden. Egal was passierte, es war okay so wie es war. Er hatte ein gutes Leben gehabt, wenn er jetzt starb, dann konnte er es guten gewissens tun, er hatte alles getan was in seinen Augen getan hatte werden müssen. Er war nie ein schlechter Wolf gewesen, hatte sich immer sein Lächeln bewahrt. So würde er es auch im Tod. Nichts würde sich ändern. Denn er war immer noch er.
Ein schwarzer Schatten der sich neben ihn schob erweckte die Aufmerksamkeit des Rüden. Aus goldenen Augen blickte er auf und konnte nicht unterdrücken das sich ein leichtes Lefzen auf seine Lefzen stahl. Nanu. Sie kam von selbst zu ihm? Das war neu. Lange hatte er die Fähe beobachtet. Von weitem, aus der Nähe, vor Banshees Tod, genauso wie danach. Er hatte sie niemals aus den Augen gelassen. Warum, wusste Yerik nicht einmal selbst zu sagen. Vielleicht war es ein Schutz. Ein Schutz das sie niemandem weh tat, niemand anderen und besonders nicht sich selbst. Ihre Wut war ungestillt, das wusste ihr, doch ihre Seele würde schon bald nach Frieden betteln, wenn sie es nicht bereits tat. Der Rüde erhob erst nach einer ganzen Weile das Wort, nachdem sie schon viele Meter zurück gelegt hatten.

“Wenn dies unsere letzten Momente auf dieser Welt wären, wärest du zufrieden mit deinem Leben, schwarze Schönheit?“

Er blickte nicht in ihre Augen. Suchte nicht den Funken des Erkennens in dem tiefen blau. Er lief einfach weiter, flüchtete dem Horizont entgegen.



Einen Moment lang, einen sehr kurzen Moment, wandte der Rüde den Blick herum. Es war ein kompliziertes Unterfangen gleichzeitig einen Blick zurück zu werfen und zu laufen ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Das Rudel lief, verbunden, zusammen, alle gemeinsam. Und doch mussten sie flüchten um nicht namenlos unterzugehen. Um nicht von der Gewalt verschluckt und unterdrückt zu werden und nie wieder zurück zu kehren. So wie Rakshees Vater. Um sich selbst von diesem Gedanken zu befreien schüttelte der Schwarze einen Moment lang einen Kopf und wandt sich wieder der Braunen zu, die in jenem Moment zu sprechen begann. Garrett nickte kurz. Ja, so wie die Welpen jetzt. Sie hatten es auch nicht besser, wuchsen gleich mit Tod und Angst auf. Mit Flucht und Panik. Kein guter Start ins Leben, man konnte nur hoffen das es sie nicht zu sehr beeinflusste. Als Rakshee den Kopf umwand und einmal quer durch das Rudel zu Kandschur rief, musste Garrett fast schon wieder grinsen. Es war schon seltsam wie unvorsichtig und reizbar die Charaktere in solchen Momenten wurden. Aber wer sollte es ihnen auch verdenken? Dafür war auch keine Entschuldigung von nöten, die Situation machte sie alle verrückt, niemand würde dies übel nehmen, außer es war ein totales Charakterschwein. Leicht stupste er seine Freundin an um sie zu beruhigen. Ohne jedoch weitere Worte zu nutzen, lauschte der Schwarze ihren Worten. Ein vorsichtiges Nicken folgte. Verantwortung. Er trug ie mit sich. Viel länger schon als es ihm lieb war. Immer und immer wieder trug er Verantwortung, schon von Kleinauf. Doch zusammengebrochen war er doch nie. Ihre nächsten Worte traten nur leise an seine Ohren. Hoffnung. Ja, es lag soviel Hoffnung in der Luft, genauso wie Hoffnungslosigkeit. Und beten, inzwischen hätte selbst er dies gern getan, wenn er auch nur im geringsten gewusst hätte wie man richtig betete. Er war nicht so aufgewachsen.

“Hoffnung ist das einzige was uns bleibt.“

So war es so oft. Beinahe immer.

“Du musst mir das übrigens irgendwann mal beibringen. Irgendwann wenn es mal ruhiger ist. Ich möchte wissen wie ihr betet. Und wie eure Götter sind.“

Er hob den Kopf, suchte mit seinen blauen Augen, die von Rakshee.

“Ich bin nicht in einem Rudelverband aufgewachsen. In der Sache bin ich gänzlich unerfahren.“



Das Lächeln ließ sich sich in der Tat nicht von den Lefzen des Schwärzlings vertreiben, auch nicht während er den düsteren Worten der schneeweißen Alphastochter lauschte. Nebenher horchte Malakím mit einem Ohr auf das Getuschel der beiden Welpen unter ihm, wollte er doch einerseits mitbekommen, über was sie redeten, und sich andererseits vergewissern, ob sie Tyraleens Worte nicht vielleicht doch gehört hatten. Er liebte Welpen, ihr Fühlen und Denken war so herrlich einfach und gleichzeitig komplex. Erwachsene dachten und fühlten jedoch anders, und ein Gespräch mit derlei unterschiedlichen Weltsichten war nicht selten ein schwieriger Balanceakt, auf den er lieber vorbereitet war. Also antwortete er der weißen Schönheit ebenso leise wie sie.

"Jeder ist in 'Gefahr', ich möchte gar meinen, das langsamere Rudel ist noch gefährdeter, obgleich es nur richtig sein kann, mit einer kleineren Truppe einen direkten Fluchtweg zu erkunden, als mit der gesamten Horde einen suchen zu müssen",

gab er zur Antwort, und für einen Moment kam in seinem Blick und seinem Tonfall der erwachsene Rüde zum Vorschein, der er eigentlich wahr. Sogleich lachte er jedoch auf ob der hübschen Betitelung, die sie ihm verlieh, und trotz der apokalyptischen Worte, die sie anhängte.

"Wir werden mitnichten zugrunde gehen, sondern aufsteigen, hoch hinauf in die himmlischen Gefilde der gütigen Muttergöttin, falls wir keinen Ausweg hier auf Erden finden. Ich sehe keinen Grund zum Trauern, wenn die einzige 'Gefahr' darin besteht, vorzeitig in den warmen Schoß der Geflügelten zurück zu kehren. Natürlich würde ich gern noch länger hier unten mein Leben leben, aber letztendlich spielt es doch keine Rolle, wann wir wieder nach Hause gerufen werden. Irgendwann kehren wir alle heim, und wenn es denn bald soweit sein soll, dann werde ich ihr für das Geschenk meines Lebens danken und für die schöne Zeit, die ich hier hatte. Wer weiß, vielleicht sehe ich dann ja schon meine Eltern und meine alten Freunde wieder, falls sie schon dort oben weilen. Wenn nicht, wird es mir ein Vergnügen sein, ihnen von oben zu zuschauen und sie im Traume zu besuchen."

Er strahlte sie jetzt wieder an und richtete dann demonstrativ seinen Blick gen Himmel. Erst nach ein paar Augenblicken wandte er sich ihr wieder zu.

"Du solltest auch dankbar sein, alle sollten dankbar sein, und nicht dem Vielleicht eines längeren Lebens nachtrauern. Im Gefilde der Geflügelten Mutter bleibt uns noch genug Zeit, und keiner von uns wird dort alleine sein. Im Grunde haben wir das Priveleg, alle zusammen gehen zu können - niemand wird warten müssen, niemand bleibt hier allein zurück."

Wieder hielt er inne, sah sich um. Ob sein Blick etwas suchte, und wenn ja ob er es fand, war nicht zu erkennen, als er wieder zu Tyraleen sah.

"Was die allermeisten Wölfe nur vergessen, ist, dass es nicht schlimm ist zu sterben. Gerade eine gewisse schneeblütenweiße Schönheit neben mir sollte das eigentlich wissen."

Bei den letzten Worten klang wiederum der Schalk in seiner Stimme mit, und sogleich zwinkerte er der Alphastochter zu. Dann wurde seine Aufmerksamkeit von einem Ruf Nyotas beansprucht. Ihre kleine Gruppe nährte sich jetzt einem Pass, der auf der einen Seite steil abfiel. Malakím hielt inne und lugte zu den zwei Welpen unter sich, sodass die Welt für ihn kopfstand.

"Ich habt's gehört, husch husch, rettet euch auf den guten Malakím!"

Kaum gesagt, zog er den Kopf wieder nach vorn und legte sich nieder, damit die zwei Welpen auf seinen Rücken klettern konnten. So war es sicherer und machte obenddreinmehr Spass!



[Kisha] Fast schon beschämt blickten die hellen Augen den Rüden an, der in sie rein gelaufen war. Gerne hätte sie nun einfach weg geblickt, sich noch ein Mal entschuldigt und wäre davon getrabt. Aber sie wollte nicht unhöflich sein, wo sie schon einfach stehen geblieben war. Die Schwarze seufzte, blickte dem Jüngeren in die Augen. Er entschuldigte sich, und schon im nächsten Moment rannte der nächste in ihn rein. Sie konnte nicht reagieren, wurde nun selbst von dem Schwarzen an gerempelt. Jeder der beiden entschuldigte sich, und sie stand einfach bei ihnen, fühlze sich fehl am Platz. Und dann richtete sich der Rüde mit den grünen Augen ab, schritt einfach davon. Sie selbst stand da, den Kopf nun auf den anderen, älteren gerichtet. Sie würde sich jetzt sein Gesicht merken.. aber bekannt kam es ihr nicht vor. Sie versuchte sich an einem sanften Lächeln, nickte dann nach vorn und trabte dem anderen hinterher.
Bei ihm angekommen, neigten sich ihre Ohren wieder leicht zurück, sie spürte seinen Blick auf sich ruhen, lief jedoch einfach stumm neben ihm her. Was sollte sie auch anderes tun? Ob er wohl überlegte, wie er sie nennen sollte? Sie rechnete schon damit, dass gleich wieder dieser Name fallen würde. Kisha. Aber der Schwarze schwieg, und ihr Herz raste. Jeden Moment konnte er sie irgend etwas fragen, Fragen, auf die sie keine Antwort kennen würde. Der Blick des Rüden wandte sich wieder ab, aber er lächelte. Langsam drehte die Schwarze den Kopf zu ihm, warf auch einen Seitenblick zu dem anderen Rüden.

“Ich.. ich erinnere mich nicht..“

Sie verheimlichte, dass sie nicht glaubte, das sie bei diesem Ereignis dabei gewesen war. Das war jetzt egal, und es würde nur Verwirrung schaffen. Sie schluckte, versuchte sich dann auch an einem Lächeln.

“Wie lange seit ihr bei diesem Rudel?



Shákru ließ den Blick schweifen. Überall waren Wölfe zu sehen und nun zeigte es sich zum ersten Mal, wie groß das Rudel doch eigentlich war. Unendlich groß. Sie würden sicherlich ein riesiges Revier brauchen um zu überleben. Minors Gedanken schwiffen ab, wanderten durch die verschiedenen Sphären des Himmels, waberten herum, breiteten sich aus, verwoben sie zu einem feinen Netz und kehrten wieder zurück. Die kleine Sternenleier seufuze schwer, schüttelte sich das dreckige Fell, dass nur noch ein mattes Schwarz war ohne zu Glänzen wie in den Tagen seiner Wanderung. Sie schienen schon viel zu lang weg, aber nun den Weg allein einzuschlagen, wäre zu gefährlich.
Shákru fand an Cassio gefallen. Irgendwie schien das der einzieg Wolf auf Erden zu sehr, der ihn nicht für Wahnsinnig hielt oder dergleichen, zumindest zeigte es der Graumelierte nicht wirklich. Minor schloss die Augen. Jeder Schritt wurde schwerer, der Boden unter den Pfoten rutschiger, der Wind kälter. Die kleine Sternenleier bekam nicht mit, dass hinter ihnen eine Fähe unter der Kälte zusammenbrach, bemerkte auch nicht, dass Averic in ihrer Nähe war. Alles schien sich nur auf die unmittelbare Umgebung und Cassio zu konzentrieren. Der Blick des Schwarzen wurde trüb.

"Wer legt denn fest. dass wir heute was anderes zu tun haben?", fragte die Sternenleier schließlich.

Da fiel ihm plötzlich Ayv ein. Wo war denn nur sein Bruder? Suchend hob Shákru nun den Blick, spürte, dass die Angst ihn begann von innen zu vergiften, sein Herz schneller schlagen ließ. Die Ohren wurden aufgerichtete, die Augen verengt um das weiße Fell seines Bruders erkennen zu können. Wo war nur Ayv? Aber schließlich lenkte ihn Cassio wieder ab. Shákru schwieg einen ganzen Moment, richtete seine grünen Seelenspiegel auf den Braunen neben ihn. Der Wind zog und zerrte an seinem Fell, dumpf drangen die Stimmen der anderen Wölfen an sein Ohr und doch fokussierte sich alles auf Cassio.

"Es sind nur leere Worte für Gefühle, für eine unmenge an Gefühlen, die mich begleiten seitdem ich hier bin, schon ein Teil von mir bilden. Ich bin ein Ausdruck meiner Gefühle geworden, die Gefühle ein Ausdruck meines Wesens."

Es waren vielleicht wirre Worte, aber Shákru glaubte, dass Cassio sie verstehen würde. Zumindest den tiefen Sinn in noch mehr leeren Worten. Die Sternenleier war einfach kein Freund von Worten. Sie konnten nicht annähernd das Ausdrücken, was mann eigentlich sagen wollte, es sei denn, man beherrschte die Kunst, wie es bei Cassio scheinbar der Fall war.

"Das Rudel ist vielleicht nicht bereit für einen Wolf für mich, für einen Wolf, der nicht versucht die Dinge mit Göttern zu erklären. Einen Ketzer nennen sie mich...wieder ein leeres Wort, dass nicht die Tiefe des Eigentlichen erahnen lässt."

Shákru lauschte Cassios Antwort auf seiner Frage. Es war eine genauso geduldige Antwort, wie die Frage. Die kleine Sternenleier schwieg wieder, wandt seinen Blick von Cassio und betrachtete den Nebel, der um sie herum waberte und das Leben, das Sein, die Existenz nahm. Shákru hatte solch einschwarzes Loch gekannt, hatte den Nebel so identifiziert, als er sich mit der Materie in aller Einsamkeit auseinander setzte und in seine Depressionen verfiel. Minor hob schließlich wieder den Blick, fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lefzen, seufzte leise.

"Die Zeit, mein Freund, ist etwas, dass uns alle durchfließt. Wir sind die Zeit, wir bestehen aus der Zeit. Wir müssen uns nicht mit ihr bewegen, sondern bewegen uns als die Zeit. Im Raum und in der Zeit. Es gibt soviel mehr da draußen, soviel mehr, dass noch hinter dem Horizont schwebt." Shákru hielt kurz inne, dachte einen Augenblick nach. Seine Augen begannen wieder zu Strahlen. Er liebte es so sehr über die Dinge zu sprechen, dass es ihn jedesmal erfreute. "Die Zeit drängt uns dazu, dass wir nur bis zum Horizont sehen und nicht weiter. Sie drängt uns aber nur dazu, weil wir die Zeit als ein seperates Etwas neben uns sehen.

Die kleine Sternenleier richtete den Blick gen Himmel, dann sah er wieder zu Cassio.



Ayv hatte gar nicht so recht mitbekommen, wie alle plötzlich aufgebrochen waren. Doch er war ihnen gefolgt. Nach etlicher Zeit jedoch war er zurück gefallen. Er hatte einen Bogen eingeschlagen und war anders gelaufen. Irgendwann lief er wieder auf die eigentliche Fährte zurück und folgte ihr. Seine Schritte verschnellerten sich, bis er in einen Galopp fiel. Die Bäume rauschten in grau-blauen Umrissen an ihm vorbei. Irgendwann sah er dann auch die laufenden Schatten der anderen Wölfe. Er stellte seine Ohren auf und nahm den Nebel war, ein feines Lächeln huschte über seine Lefzen, ganz klar fühlte er sich jetzt wohl. Wieder verfiel der weiße Nebelwolf in einen gemächligen Trab.
Dann erkannte er Shákru zwischen den anderen Wölfen. Er legte den Kopf leicht schief und lief auf ihn zu. Der Nebel schien ihn verschluckt zu haben, er wurde jedenfalls von keinem anderen Wolf wahrgenommen. Auch Shákru nahm ihn wohl nicht wahr. Wie aus dem Nichts tauchte Ayv hinter Shákru auf und im Lauf berührte er ihn sanft an der Schulter. Er spürte regelrecht, dass Shákru sich über ihn Gedanken gemacht hatte. Sein weißes Fell hob sich von dem schwarzen seines Bruders so enorm ab, dass er an Ying und Yang denken musste. Lächelnd schloss er seine Augen und trabte dicht neben seinem Bruder. Schwarz und Weiß im grauen Nebel - ein perfektes Zusammenspiel. Vor seinem inneren Auge sah er dieses dunkle und helle Spiel in dunkelblau, einem sanften mittelblau und in einem sehr hellen, fast schon grellen Blauton.
Dann nahm er Cassio war, der Wolf, der schon vorher zu ihnen am Fluss gestoßen war. Da hatte er Cassio noch nicht wirklich betrachtet, doch jetzt ließ er sein mittelblaues Bild auf sich wirken. Trotzdem sein Blick nach vorne gerichtet war, konnte er Cassio sehen. In diesem Moment bedauerte er es, dass er sein Augenlicht verloren hatte. Nie wieder richtige Farben sehen können. Nie wieder sehen können, wie ein Wolf wirklich aussah. Nicht wissen, ob der mittelblaue Wolf ein grauer, oder ein braunsticheliger Wolf war, oder ein ganz andere Farbe hätte. Nur schwarz und weiß wirklich sehen können. Und selbst dann nicht wissen, ob der Wolf nicht ein ganz hellgrauer war, oder ein ganz dunkelgrauer.
Seufzend schob er diese negativen Gedanken beiseite und widmete sich wieder Shákru.



Imiák musste nicht lange auf Lyerra warten. Die Weiße war wohl in Gedanken versunken gewesen und ein seltsamer Ausdruck in ihren hellen Augen stimmte die Jüngere der zwei misstrauisch, doch sie war sich nicht sicher, ob sie es sich vielleicht nur einbildete. Vermutlich lag es auch nur an der Aufregung, die Lyerra nun empfinden musste.

"Alles in Ordnung?"

,fragte sie jedoch trotzdem. Aus reinem Mitgefühl. Sie setzte sich widerspruchslos in Bewegung, als Lyerra weiterging und beschleunigte ihren eleganten Lauf auf die Worte dieser.

"Sicherlich ist sie das."

,bekräftigte und beruhigte Imiák Lyerra zugleich. Sie schnupperte im Wind und der Geruch des Rudels wurde allmählich intensiver. Entweder die zwei Fähen bewegten sich schnell fort, oder das Rudel tat es. Jedenfalls handelte es sich um weitaus mehr Wölfe, als die Rote gedacht hätte. Etwas verwirrt registrierte sie jedoch, dass Lyerra stoppte. Weshalb? Vorhin hatte sie noch gesagt, sie würde gerne so schnell wie möglich zu diesem Rudel gelangen, zu dieser Sheena. Und nun hielt sie an?
Ratlos blieb Imiák an ihrer Seite stehen, musterte die Weiße von der Seite, wandte den Blick erst ab, um das Rudel zu bestaunen, das in ihr Sichtfeld trat. Es waren definitiv viele Wölfe, die da vorbeizogen. Imiáks Ohren richteten sich zu voller Größe auf, ihre Schwanzspitze zuckte freudig. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie es geliebt hatte, Artgenossen, Gefährten aber auch Fremde zu sehen, zu begrüßen; bei ihnen zu sein. Erst jetzt brannte der Wunsch nach einer Gemeinschaft vollends in ihr auf. Erst jetzt, da sie einer solchen so nah war; und doch so fern lag der Wunsch zugleich, denn dieses Brennen hatte auch einen bitteren Nachgeschmack. Sie fühlte sich ihrer Familie noch verpflichtet. Es war lediglich kindlicher Trotz, der sie nun bis an diesen Punkt geführt hatte. Doch wie weit würde dieser Trotz gehen? Wie sehr sehnte sich Imiák danach, diesem Rudel beizutreten? Wollte sie nicht eher wieder zurück?
Doch wenn Imiák ehrlich war, hatte sie die Zeit mit Lyerra schon sehr genossen. Sie wollte noch etwas länger bei ihr bleiben. Und vielleicht würde sie sich bei dem Rudel auch wohl fühlen. Einen tiefen Atemzug nehmend nickte sie, einerseits um Lyerras Worte zu bejahen, andererseits um sich selbst eine Antwort zu geben. Sie würde eine Weile bei Lyerra und diesem Rudel bleiben und sehen, wie sich die Sache entwickelte. Dies war wohl der Moment, in dem sie ihre Familie gehen lassen musste und ihr eigenes Leben beginnen musste. Außerdem waren die ja sowieso nur mit den neuen Welpen beschäftigt. Bäh, wie gemein, dass sie Imiák so einfach links liegen ließen. Das würde sie ihnen ohnehin nie verzeihen!
Mit einiger Verspätung spurtete der Rotpelz ihrer neuen Freundin hinterher, an dem Rudel vorbei. Sie betrachtete im Lauf aus den Augenwinkeln die vielen verschiedenen Gesichter, von denen sie sich kein einziges merken würde. Mit schnellem Lauf holte sie die weiße Wölfin vor ihr an, die ihrerseits bei einer gleichfarbigen stehen blieb. Imiáks Kopf legte sich schief, als sie Sheena musterte. Jedenfalls schien sie das wohl zu sein.
Da Lyerra schon gefragt hatte, ließ Imiák nur ein Rudelwedeln zeigen und lächelte erfreut.

"Hallo du!"

,sagte sie mit einem naiven Unterton, der alles andere als gewollt war. Doch die Fähe hatte keine Ahnung, wie sie einem anderen Wolf höflich und anständig begegnen musste, das hatte sie ja bei Lyerra auch bewiesen.



Trotz Liams ausschweifenden, langen Rede, wollte Lucina noch mehr über seinen Glauben wissen. Es war ihm neu so viel zu reden, bis jetzt hatte sich noch niemand hier so sehr für seinen Glauben interessiert. Niemand hatte ihn überhaupt irgendetwas bezüglich des Buddhismus gefragt. Sie hatten ihn gemieden, vielleicht war er aber auch nur immer viel zu sehr mit Kandschur beschäftigt gewesen. Anderer Glauben, andere Liebensart, vielleicht konnte einen das zu einem Außenseiter machen. Aber hier war er auf Neugier und Interesse gestoßen und er merkte, wie sehr es ihm gefehlt hatte sich mitzuteilen. Und obwohl seine Ruhe sich nicht verflüchtigte, begann seine Rute sich ein wenig zu drehen und die Freude sprühte fast schon Funken aus seinen Augen. Er lächelte Lucina an und ein warmes Gefühl durchströmte seinen Bauchbereich, ihm war gar nicht bewusst gewesen, wie sehr ihm die Gemeinschaft gefehlt hatte. Unter seiner immer anwesenden Ruhe und Freude, war ihm gar nicht aufgefallen, wie leblos er fast geworden wäre. Und das trotz Buddha. Und er wusste, Buddha konnte nicht immer alles ersetzten, bei manchen vielleicht, aber nicht bei ihm. Er leitete seinen Weg, schenkte ihm auch ruhige zweisame Minuten, manchmal auch Stunden, mit ihm. Aber niemals ein ganzes Leben. Noch ein wenig in Gedanken verhangen fing er an Lucina ihre Frage zu beantworten, wer denn der geheimnisvolle Buddha überhaupt war.

„Buddha war ein Wolf. Ein ganz gewöhnlicher Wolf, so wie du und ich. Doch er entschied sich einen anderen Weg zu gehen, nicht den Weg, den die Wölfe bis zu dem Zeitpunkt immer gegangen waren. Er zog sich zurück, meditierte und hob sich so für verschiedene Zeiträume in eine andere Ebene. Und irgendwann fand er seine Erleuchtung. Und so entwickelten sich seine Lehren, von Generationen von Wölfen weiter getragen, vervollständigt, sicher auch ein wenig verändert.“

Er lächelte in sich hinein, der Friede der sich in ihm auftat, wogte in kleinen Wellen aus ihm heraus, er spürte, wie er ganz ruhig wurde und ein Glücksgefühl durchströmte erneut seinen Körper. Erst dann wurde er sich Madocs Antwort bewusst und fast wurde er noch freudiger. Madoc hatte seinen Fehler eingesehen, mehr konnte man nicht von ihm erwarten, mehr sollte man zumindest vorerst nicht von ihm erwarten. Er spürte, wie er in einen Bann gezogen wurde, es war wie ein Rausch und er war sich sicher, dass auch die drei mit ihm laufenden Wölfe den Frieden und die Freude spüren würden und er konnte es nicht mit fester Gewissheit sagen, aber oftmals war es so, dass sie die Gefühle in sich aufnehmen würden. Wie oft hatte er schon durch seine Gefühle andere Wölfe beruhigt. Und damit wusste er auch plötzlich wie er Atalyas Frage beantworten konnte.

„Ich glaube meine Aufgabe ist es anderen Wölfen Frieden zu schenken, wenn sie Frieden brauchen. Ihnen Freude zu geben, wenn sie Freude berauchen. Mit ihnen trauern zu können, wenn sie traurig sind und mich mit ihnen zu freuen, wenn sie sich freuen. Ich glaube meine Aufgabe ist es, mein Mitgefühl anderen Wölfen zu schenken. Und meine Aufgabe ist, dich zu lehren, dir all mein Wissen zu vermitteln, damit du eine große und schlaue Fähe wirst, ebenso wie es meine Aufgabe ist, dich zu beschützen, damit du mich später beschützen kannst und mich lehren kannst furchtlos zu sein. Denn eine Aufgabe besteht nicht nur aus dem Geben, genauso wenig wie ein anderer Wolf nur Nehmen sollte. Es muss ein ständiger Austausch, Geben und Nehmen.“

Er lachte amüsiert auf, als Atalya um sie alle herum wirbelte und am liebsten wäre er ebenfalls unter Lucinas und Madocs Beinen entlang gelaufen, doch das würden die beiden sicher nicht mehr so lustig finden und er hatte auch keine Idee, wie er das anstellen sollte. Also beließ er es dabei, sich in Gedanken darüber zu freuen und sich in Gedanken so winzig klein zu machen, dass er einfach unter und zwischen den Beinen anderer Wölfe hindurch flitzen konnte. Er schleckte Atalya liebevoll durch das Fell und schwenkte dann den Kopf nach oben, zum Himmel, an dem kein einziger Vogel zu sehen war.

„Ja. Wenn du als Vogel wiedergeboren wirst, dann kannst du auch fliegen. Dann wird sich der Wind nicht mehr an deinem zotteligen Fell reiben, sondern dein Gefieder wird sich dem Wind anpassen, sodass du elegant durch die Luft gleiten kannst.“

Er lächelte versonnen.



Chanuka wandte den Blick nachdenklich nach vorne, um eine Weile zu ergründen, was vor ihnen lag. Liel hatte nicht viel gesagt, doch die drei Worte gingen ihm noch einige Male durch den Kopf, während er überlegte, wie es anders sein könnte. Natürlich für immer, flüsterte eine Stimme in seinem Inneren. Aber er war nicht mehr so sicher, ob er genau wusste, was für immer war und ob es so etwas geben konnte.
Er senkte den Blick und starrte auf seine Pfoten. Dem Rudel nach. Schritt für Schritt. Diese Flucht war nicht gerade sehr welpenfreundlich. Überhaupt war er noch nie soweit gelaufen und alles schien fremd. Er hatte nicht das Gefühl, beachtet zu werden, was ihn nicht wunderte. Seine Mama war gestorben und mehr Familie war da nicht. Mit Liel an seiner Seite fühlte er sich aber nicht mehr so einsam. Grübelnd musterte er sie, ohne eine Vorstellung davon, über was sie gerade nachdachte. Alles was er wusste war, dass sie beunruhigt war und sich Gedanken machte. Über Dinge, über die sich in ihrem Alter niemand den Kopf zerbrechen sollte, wahrscheinlich. Aber dass war nur eine Vermutung aufgrund der Tatsache, dass er sie doch ein bisschen kannte.

“Über was denkst du nach?“

Fragte er, ohne aufdringlich sein zu wollen. Es war auch keine Frage in dem Sinn. Er wusste immerhin schon, dass sie über etwas nachgrübelte. Chanuka wollte einfach Anteil daran nehmen und seine Hilfe anbieten, selbst wenn er nicht glaubte, dass er wirklich helfen konnte. So, wie sie es eben machten. Auch jetzt, da sie den Schmerz über die Verluste ihrer Mütter teilten. Sie hatten nicht wirklich etwas füreinander tun können. Aber es war dennoch erträglicher geworden.



"Vielleicht ist es auch ein Test. Vielleicht muss... müssen wir Engaya beweisen, dass dieses Rudel noch immer ihrer würdig ist, jetzt, da Banshee von uns gegangen ist."

Aszrem sprach so ruhig und sicher, als wäre eine derartige Probe das natürlichste von der Welt. Für die Götter war es das vielleicht sogar, eine natürliche Folge ob des Todes der Tochter Engayas. Unausweichlich, sowie es auch keine Rolle spielte, ob die Sterblichen den Sinn oder die Art des Tests verstanden.
Er schaffte es gerade noch, seinen ursprünglichen Gedanken umzuformulieren, auch wenn das Innehalten und die Neuformulierung nicht unbemerkt bleiben konnten. Aber er wollte Tyraleen nicht noch mehr Druck machen, ihr nicht das Gefühl geben, allein für das Schicksal des ganzen Rudels verantwortlich zu sein. Denn vielleicht - nur vielleicht - galt der Test auch allein der Alphastochter, die Banshees Nachfolge antreten sollte. Würde Engaya dafür über Leichen gehen? Schließlich hatte das Nichts bereits Opfer gefordert. Würde die Göttin des Lebens das in Kauf nehmen? Vielleicht. Götter... dachten nunmal manchmal in Bahnen, die die Sterblichen nicht nachvollziehen konnten. Und wenn es wirklich so wäre, so war Aszrem nicht sicher, was besser wäre: Tyraleen damit zu konfrontieren, auf dass sie erhoben Hauptes sich ihrer Göttin stellte, oder andererseits an der Last zerbräche. Der Schwarzbraune konnte die weiße Fähe einfach nicht gut genug einschätzen um abzuwägen, wie sie auf eine solche Situation reagieren würde.
Erneut glitt sein Blick nach hinten, wie schon viele Male zu vor. Nur blieben seine Augen diesmal ein paar Momente lang an Tyraleen hängen. Sicherlich konnte sie das Gespräch mithören, obgleich sie sich auch mit Malakím unterhielt. Würde sie aber auch erahnen, was er zu sagen im Begriff gewesen war?
Die Warnung Nyotas ließ ihn wieder voraus blicken. Sie betraten nun einen Pass, der zur einen Seite hin steil abfiel. Wiederum sah Aszrem zurück, diesmal jedoch auf die Welpen fixiert und ohne Tyraleen erneut anzusehen. Malakím ließ die Welpen auf seinen Rücken klettern, was sicherer für die beiden war. Gut so. Er wandte sich wieder nach vorn und reihte sich hinter sener Gefährtin ein...



Eine neue Welle der Übelkeit traf Kylia plötzlich und unerwartet. Schon hatte sie das Maul geöffnet, als würde sie sich nun wirklich übergeben, aber auch bei diesem Mal kam nichts hervor. Schnell klappte sie ihren Mund wieder zu, fuhr sich mit der Pfote über die Schnauze und nahm einen tiefen Atemzug. Am liebsten hätte sie sich hingelegt, zusammengerollt und das Gesicht unter der pelzigen Rute versteckt. So hätte sie dann dagelegen, bis das schreckliche Gefühl im Bauch verschwunden wäre. Aber leider war das jetzt unmöglich. Von ihr wurde Aufmerksamkeit und Präsenz verlangt, zudem führte sie gerade mit zwei hochrangigen Wölfen ein tiefgründiges Gespräch über Götter und Schicksal … sie durfte jetzt nicht schlappmachen. Ihre Miene wurde noch ein wenig verbissener, während sie versuchte, sich wieder ganz auf Nyota zu konzentrieren. Etwas unschlüssig nickte sie.

“Ich weiß nichts von Göttern und kenne mich auch nicht mit dem Mystizismus aus, den hier alle so gut zu kennen scheinen. Ich wollte mich auch nie in Angelegenheiten von Göttern und deren Gläubigen mischen … ich will doch nur leben. Ist das nicht mir gegenüber und all denen, die nichts damit zu tun haben ein wenig unfair?“

Die Frage könnte man vielleicht als frech werten, aber Kylia stelle sie nicht als Rudelmitglied, sondern als Freundin. Auch wenn sie nicht glaubte, dass Nyota darauf eine Antwort hatte, das wussten wohl nur die Götter selbst. Und die konnte Kylia nicht fragen, sie wusste ja nicht mal, ob es sie wirklich gab. Aszrems Idee, sie würden einen Test absolvieren, gefiel ihr genauso wenig, viel eher war diese Möglichkeit fast noch ein wenig unfairer.

“Sind Götter so grausam …?“

Die Frage stellte sie leiser, mehr zu sich selbst, während sie mit einem neuen Schwall Übelkeit zu kämpfen hatte. Fast ohne hinzusehen verlangsamte sie ihren Schritt, reihte sich dann hinter Nyota und vor Aszrem ein und blickte starr auf ihre Pfoten. Die Sorge weniger, die Nyota so optimistisch verkündete, schien Kylia nicht gerade erwähnenswert … denn der Weg aus dem Revier war noch immer nicht gesichert, auch wenn sie nun diesen Pass erreicht hatten.



In ihrer Jugend erkannte Aléya nicht, wie sehr sich ihre Stimmlage verändert hatte. Sie hörte nicht den verlockenden Klang, wie ein Jäger seine Beute in Sicherheit wiegt, um dann in einem unbeobachteten Moment zuzuschlagen. Sie wusste nichts von der Heimtücke, der Stärke. Sie sah es einfach nicht.
Auf Ahkunas Worte achtete sie nicht mehr, etwas anderes war nun in den Vordergrund gerückt: Avendal.
Ihre kleine Freundin zitterte und hatte Angst. Etwas, was nicht sein durfte! Was konnte sie tun? Irgendetwas musste sie doch tun! Sie waren doch Freunde und Freunde halfen sich. Immer. Wieder peitschte die Rute der Welpin durch die Luft, die funkelnden Augen blickten die weiße Wölfin durchdringend an, die ihnen zusicherte, dass sie zusammen halten würden, schließlich waren sie ein Rudel. Natürlich würde Avendal bei ihr bleiben! Sie würde ihre Freunden jetzt mit Sicherheit nicht alleine lassen und so ängstlich sich selber überlassen.
Nur kurz blinzelte Aléya und schon war der harte, analysierende Blick verschwunden und der klare, sanfte Ausdruck eines Welpen kehrte in die perlenartigen Augen zurück.

Vertrau mir einfach, Ave. Ich passe auf dich auf, ok?

Wieder warf sich die Welpin in die Brust, plusterte sich unter dem weichen Pelz auf, streckte sich, um ihre volle, bereits jetzt beachtliche Größe zur Show zu stellen. Sie war groß, sie war kräftig, sie war Aryans Tochter und würde alles dafür tun, um Ave zu beschützen.
Das ihr selber bei dem Gedanke an das Nichts unwohl zu mute war, sich gar ihre Nackenhaare wie elektrisiert sträubten, musste ja keiner erfahren.

Kommt, wir sollten weiter laufen und nicht länger hier stehen bleiben.

Sorgenvoll wanderte der Blick der Weißen zurück, in die Richtung aus der sie kamen und in der die Bedrohung lag. Wieder zuckten die Lefzen, doch das Grollen hielt sie tief in ihrer Kehle unter Verschluss. Dennoch schien eine wütende, gar schon bösartige Aura die kleine Fähe zu umgeben.

.oO(Bleib weg von uns!), grollte sie in Gedanken die Gefahr an, ehe sie sich umwandte, Ave kurz aufmunternd anstupste, mit dem Strom weiter lief und mit einem weiteren Blinzeln jede Aggression von ihr wich.



Liel war bei Chanuka. Ciradán bei Akru. Krolock bei Takashi. Akribisch ging Shani diese Gedanken durch, sah sich vorsichtshalber noch einmal um, konnte alle drei Welpen entdecken und war beruhigt. Ihre eigenen Kleinen waren ebenfalls noch da, Ahkuna bei zwei anderen Welpen, Rakshee bei Garrett, Jakash bei Kisha und Sharíku und Kursaí … liefen dort vorne! Alle waren sie da, sie konnte beruhigt sein. Aber natürlich war das die Weiße nicht. Das Nichts kroch um sie herum, da sie abseits vom Rudel lief hatte sie es die ganze Zeit im Blick, dort waberte es an einen Baum – nun war er fort. Immer wieder sah sie Hiryoga, wie er furchtbar wütend losgerannt war und plötzlich im grauen Nichts hing. Wie er selbst erblasste, wie er sich auflöste, wie er plötzlich nicht mehr existiert hatte und kein Haar von ihm zurückgeblieben war. Einige Sekunden lang starrte sie so auf das Nichts, riss sich dann von ihm los und begann wieder zu kontrollieren, ob auch alle da waren. Dort hinten war Liel bei Chanuka, dort liefen Ciradán und Akru und … ihr Hals war wie zugeschnürt. Wenn einer dieser Wölfe ins Nichts stürzen würde, sie wusste nicht, ob sie es ertragen könnte. Zu viele Opfer hatte das Nichts bereits gefordert, es durften nicht noch mehr werden und erst Recht durften es nicht Liel, Ciradán, Krolock, Ahkuna, Jakash, Rakshee, Sharíku oder Kursaí sein. Das wäre das Schlimmste, was geschehen könnte.
Shani schluckte und spürte dann einen Blick in ihrem Rücken. Als sie sich umdrehen wollte, spürte sie schon einen warmen Körper an ihrer Seite, ihr Blick traf die tiefblauen Augen, ihr Bruder war gekommen. Sie erinnerte sich an den Tag, an dem er mit dem kleinen, halb toten Welpen zu ihr gekommen war … er hatte zwar überlebt, aber ihr Bruder schien sich davon nicht hatte aufheitern lassen zu wollen. Jetzt sah er wieder nicht gut aus. Doch sie wusste nicht, was ihn belastete und wagte nicht zu fragen, seit dem Tod Hiryogas war er schrecklich fern.

“Du bist mein Bruder, ich bin dir ähnlicher, als du denkst.“

Sie kippte leicht den Kopf, versuchte zu lächeln. Hatten sie je über den Tod von Shanis Gefährten geredet? Wusste Lunar um den Schmerz in seiner Schwester? Eigentlich konnte er ihn kaum ignorieren und doch hatte er das bis jetzt erfolgreich getan. Sie hatte nie herausgefunden, wie Lunar über Hiryoga dachte und nun war das sowieso hinfällig.

“Alle sind gut versorgt, ich kann hier abseits laufen.“

Fahrig deutete sie auf die drei Welpen, deren Ersatzmama sie zu spielen versuchte und danach auf ihre eigenen – so schnell und ungenau, dass Lunar die Geste wohl nicht verstehen würde.



Nerúi wand den kleinen Kopf zu Turién, der nun zu ihr hinabgetaucht war. Ebenso flüsternd, damit die Großen sie nicht verstehen konnten, antwortete sie ihm.

"Nein! Natürlich meint er uns - Ähh ein Prinz ist jemand der mal Leitwolf wird, und...öhm...eine Prinzessin auch, aber dass ist dann eine Leitwolffähe"

Präsentierte sie ihre Schlussfolgerungen, und zuopfte Turién sanft an seinem großen Ohr. Natürlich, wer ausser ihnen beiden sollte auch sonst Leitwolf werden, wenn Mama Nyota mal weg war? Hehe...dann musste jeder machen was sie sagten! Das würde eine schöne Zeit!
Die Schwarze tauchte unter Malakím auf, als Tyraleen dem Rüden erlaubte, hier zu bleiben. Ihr sagte auch zu, dass sie ihnen beiden den Platz auf seinem Rücken überlies - da oben war man immerhin viiiiel größer als alle anderen. Zufrieden reckte sie den Kopf nach vorne, als Mama Nyota von dort vorne zu ihnen herüberrief, und umso begeisterter war sie, als Malakím sich nun klein machte, damit sie auf seinen Rücken klettern konnten. Eilig krabbelte sie über seinen Kopf auf seinen Rücken, ungeachtet der Tatsache, dass sie somit hinten sitzen würde. Kaum war sie jedoch oben angekommen, und hatte den ersten Blick getan, weiteten sich ihre Augen vor Freude, und die Krallen in Malakíms Fell vergrabend wackelte sie herum.

"Halt, stopp, bleib nochmal stehen!"

Befahl und bat sie aufgeregt, und hob den Kopf ganz weit an.

"Papa! Komm mal, komm mal! Ich hab was gefunden!"

Quietschte sie, und hüpfte dann, mehr fallend als springend, von Malakíms hohem Rücken herunter. Sie hatte jedoch jetzt keine Zeit ihre Blessuren zu betrauern, sondern tappelte eilig an Mama Tyraleen vorbei,und strich ein paar Grashalme zur Seite, die eine wunderschöne Blume mit blauer Blüte verdeckten. Fasziniert und glücklich zugleich sah sie auf ihre Entdeckung herunter.

"Guckt mal, guckt mal, die sieht so aus wie Caylees Augen! Und wie die von Papa Averic! Und von Malak!"

Erklärte sie, während ihre Rute wie wild über den Erdboden wischte. Das Nichts war komplett aus ihren Gedanken verbannt.



Nyota schritt nun schneller voran, die Schritte mit Bedacht setzend, die Augen überall haltend. Dieses Hindernis hatten sie unbeschwert überwunden - sie erwartete nicht, dass es so einfac bleiben würde. Und die Worte ihres Gefährten taten diesem Gefühl wahrlich keinen Abbruch. Das Zögern Aszrems war auch ihr aufgefallen, jedoch war ihre Deutung eine andere - musste sie selbst sich beweisen? Wo sie selbst wusste, dass ihre Tage gezählt waren, seit dem Tag, da ihrer Schwester sie in dieser Welt zurückgelassen hatte. Natürlich - Banshees Verbindung zu Engaya war viel stärker als ihre eigene es je gewesen war - aber würde sich daran noch etwas ändern? Konnte sich daran noch etwas ändern? Sie glaubte es nicht. Auf Kylias Frage hin musste sie schmunzeln - ein bitteres Lächeln, im Angesicht ihrer Situation.

"Götter unterscheiden nicht zwischen denen, die an sie glauben, und denen, die nichteinmal ihre Namen kennen. Sie handeln nicht so, wie wir es tun würden, und doch sind oft sie es, die uns retten - ihre Wege zu verstehn ist eine Kunst die ich nicht beherrsche"

Erklärte sie, und warf einen Blick zurück, wo Nerúi nun wie wild nach Aszrem rief. Sie musste irgendetwas atemberaubendes entdeckt haben. Zwinkernd wand sie sich an Aszrem.

"Geh nur"

Anders würden sie so der so nicht schneller vorankommen, und vielleicht war es ja etwas wichtiges, dass sie entdeckt hatte? Was auch immer es sein würde. Die Schwarze setzte ihren Weg fort, wand sich wieder an Kylia.

"Götter sind nicht grausam - Götter handeln, und waas geschiet, ist für uns gut oder schlecht, wundervoll oder grausam - ein Gott versteht von Grausamkeit nichts - er wertet nicht so wie wir es tun"

Versuchte sie, auch diese Frage halbwegs zu beantworten - und blickte wieder voraus, um das Ende jenen Weges abschätzen zu können.



Sie fielen zurück. Klar, sie sind ja auch stehen geblieben. Wie konnte sie das vergessen haben? Schließlich war genau an ihrer Seite das Nichts und sie flohen. Wie konnte man in so einer Situation nur diesen Faktor vergessen? Neben Ahkuna war schließlich genau das „Etwas“ welches ihr ihren Vater genommen hatte. Das Etwas welches schon so fielen Wölfen zum Verhängnis wurde. Vielleicht sogar mehr als sie dachte? Vielleicht sind schon welche einfach verschwunden die sich gar nicht ankündigen konnten oder sie einfach übersehen haben. Ahkuna musste bei dem Gedanken laut schlucken als sie daran dachte was nun mit den Körpern von Banshee und Acollon passierte. Würden sie ebenfalls verschwinden? Oder würden Fenris und Engaya sie beschützen? Oh wie viel hätte Ahkuna da für gegeben das zu wissen. Sie wollte es zwar immer noch nicht wahrhaben das ihre Großeltern verstorben sind doch hatte sie es mittlerweile als „natürlich“ abgestempelt.
Ah. Ahkuna schüttelte mit dem Kopf. Sie hatte die Welpen vergessen und das Nichts war auch schon wieder aus ihren Gedanken geflohen obwohl es sie erwischen könnte wenn sie nur 4 Schritte zurück gehen würde. Doch das tat sie nicht. Alleine wegen Shani. Sie wollte ihrer Mutter so etwas nicht antun. Nicht nachdem zuerst ihr Vater gestorben war. Und schon wieder war der Mörder das Nichts. Nun musste sie sich aber wieder konzentrieren. Sie waren schon etwas zu weit nach hinten gefallen. Wenn sie sich nicht beeilten würden sie von den anderen getrennt werden vom Nichts. So machte sie schon den ersten Schritt nach vorne. Sie hatte Aléyas Aussage gehörte und wollte nun mit guten Beispiel voran gehen. Sie konnten ja schließlich nicht den ganzen Tag hier verbringen. Langsam aber fragte sich Ahkuna was Nyota und die anderen wohl dort ganz vorne tun.

„Lasst uns nun den anderen folgen. Ein Rudel sollte sich nicht trennen. Außerdem wollen wir ja nicht die Nachhut spielen, was?“

Ahkuna lächelte leicht und stupste Avendal etwas mit der Pfote an als eine Art Aufforderung zum weiter gehen. Sie wusste ja das Avendal ihnen auch so folgen würde aber es war besser sie in ihren Augen zu halten. Nicht nur sie. Auch Aléya durfte in keine Gefahr geraten. Ahkuna würde doch umgebracht werden wenn sie einen Welpen einfach so alleine lassen würde.
Während die Fähe nun ein paar Schritte ging wanderte ihr Blick herüber zu Shani und Lunar. Wenigstens gab es jemanden der sie ablenkt. Ahkuna hätte zwar gerne auch ein paar kleine Sätze mit ihrer Mutter ausgetauscht doch wäre das nun unangebracht. So lächelte sie nur kurz zu ihrer Mutter rüber und wandte sich dann wieder den Welpen zu. Ein kurzes Seufzen entkam ihr denn sie war einfach nur froh das dass Rudel auch auf der Flucht so harmonisch sein kann. Zwar gab es kleine Ausnahmen doch gab es immer jemanden der diese Wölfe aufheiterte wie Aléya.



Cassio musste zugeben, das alles fand durchaus seinen Gefallen. Es war allgemein sehr schwer, sein Missfallen wirklich zu erregen, denn der Rüde gehörte zu jener Sorte, die in allem etwas Interessantes fand und wenn nicht, dann mieden sie es. Wobei er vorrangig wirklich meistens Interesse für das hegte, was er sah. Das war an sich nicht schwer und schon gar nicht bei Shákru. Dieser Wolf war ausgesprochen vielschichtig und doch in seinem Gemütsinnern sehr leicht zu durchschauen. Er war wie ein Rätsel, dessen Lösung Cassio zwar noch nicht kannte, aber die ihm mit Leichtigkeit eingefallen wäre, vorausgesetzt er wollte es. Aber er wollte es gar nicht, denn die Möglichkeit, sich noch eine Weile am Rätsel selbst zu laben, erschien ihm derzeit viel sinnvoller, viel geschickter und angenehmer.

“Ich lege es fest“, bemerkte er mit einem tonlosen Lächeln auf den Lefzen, “und du folgst mir dabei, also legst auch du es fest.“

Die Zeit war so eine Sache. Cassio kannte sich mit ihr aus, auf eine sehr subtile Art und Weise. Er existierte für sich quasi außerhalb der Zeit. Er wusste, dass jedes Lebewesen Zeit brauchte, dass es nur innerhalb der Zeit existieren konnte, wenn es ein Leben besaß. Die Zeit begründete das Leben, sie war das Leben.
Shákru hatte recht damit zu behaupten, dass Leben die Zeit war. Ohne Leben gab es keine Zeit, denn Zeit spielte für Totes keine Rolle mehr. Doch der Braune war nicht einmal sicher, dass er lebte. Nun, natürlich lebte er. Aber die Zeit spielte für ihn keine Rolle. Der Begriff Zeit spielte für ihn keine Rolle. Nicht, weil er ihn ablehnte, sondern weil er es wusste, weil er es fühlte. Er sah die Zeit, aber nicht an sich. Vielleicht veränderte er sich äußerlich, aber sein Geist nicht. Dieser konnte die Zeit nicht fassen. Und deswegen war er nicht sicher, dass er überhaupt lebte. Denn wer konnte von sich behaupten zu leben, wenn er nicht spürte, wie die Zeit verging?
Aber von diesen Gedanken wollte er nichts preisgeben. Shákru hätte es vermutlich nicht verstanden und vor allem fand der Rüde, dass es unangebracht war, nun davon zu sprechen. Stattdessen konzentrierte er sich auf die Worte des Anderen. Das Rudel, das Leben.

“Vielleicht bist du nur noch bereit, dich in diesem Rudel zu verstehen?“, schlug er vor. “Vielleicht bestehst du zu sehr darauf, dass es keine Götter gibt.“

Ja, Cassio sah in der Tat ein großes Manko seines Gegenübers darin, Dinge wie den Glauben in Wissen umformen zu wollen. Er glaubte zu wissen, dass es keine Götter gab und da lag der Fehler. Entweder man glaubte oder man wusste, das eine schloss das andere aus. Und Götter schlossen Wissen aus. So real ein Gott auch wirken mochte, so fest man auch an ihm glaubte, wenn man wissen wollte, dass er existierte, musste man ihn zu einer Tatsache machen, einer Naturerscheinung. Das waren die Götter für Cassio.
Leben und Tod, Naturerscheinungen. Er glaubte in gewisser Weise also nicht, sondern er wusste. Aber das brauchte er niemandem zu sagen, das war allein seine Sache. Shákru dagegen schien den Drang zu verspüren, seine Ansichten der Welt mitzuteilen und erst dann zufrieden zu sein, wenn diese genickt und sie abgesegnet hatte. Das war auf Dauer eben nicht vertretbar in einer Welt wie dieser. Man musste sich nicht wundern, dass er Probleme hatte.
Andererseits verurteilte Cassio das nicht. Es war eben die Meinung des Jüngeren. Es widerstrebte ihm in gewisser Weise sogar, ihm Rat zu erteilen, obgleich er das bereits auf eine sehr subtile Art und Weise tat, nämlich ohne direkten Rat zu geben, sondern lediglich indem er andeutete, das Gespräch lenkte, wie er es immer tat. Es war nicht ideal, das wusste er. Aber aus irgendeinem Grund tat er es dennoch.

In diesem Moment wurden sie mehr oder weniger unterbrochen von einem weißen Rüden, der sich zu ihnen gesellte. Er schien sehr vertraut mit Shákru und Cassio wunderte sich ein wenig, denn scheinbar war der Schwarze doch nicht ganz alleine. Automatisch wurde seine Haltung ein Stück allgemeiner, sein Blick ein wenig nichtssagender. Es war nicht leicht, das an ihm überhaupt zu erkennen, man gewann einfach nur den Eindruck, als hätte der Zufall es bestimmt, ein Stein, die Umwelt. Wenn man es überhaupt sah. Dieser weiße Wolf erschien ihm sonderbar. Er wusste in gewisser Weise, dass er nicht normal war. Aber er wusste nicht, was er und in diesem Fall wurde er vorsichtiger. Zumal es ihm auch nicht gefiel, das Gespräch gestört zu sehen. Aber er sagte dazu nichts, beobachtete nur und wartete auf Shákrus Reaktion.



Unsicher stand Takashi neben den drei Welpen. Krolock hatte Caylee beinahe über den Haufen gerannt, da fehlten ihm die Worte. Nun war er sich nicht sicher, ob er denn lachen oder besorgt sein sollte. Er legte den Kopf nachdenklich leicht schief. Natürlich würde er nur lachen, wenn er sich hundertprozentig sicher war, dass der kleinen Weißen nichts passiert war. Neugierig streckte er seine Nase in Richtung Caylee. Ihr schien aber nichts Ernsthaftes geschehen zu sein, da sie sofort wieder aufstand und sich zu Krolock umdrehen konnte. Und dann kam der Moment, in dem Takashi lachen musste. Für einen Moment konnte er seine Sorgen um das Nichts erfolgreich verdrängen. Dann verstummte der schwarze Rüde aber langsam wieder, als er feststellte, das Caylee mit der Situation überhaupt nicht zufrieden war. Schließlich wollte der Schwarze nicht, dass sich die Kleine für diese dumme Situation ausgelacht fühlte. Er schmunzelte nur noch heimlich in sich hinein. Irgendwie hatte die Sache lustig ausgesehen, obwohl sie auch hätte böse enden können. Solange dabei niemand zu Schaden gekommen war, konnte man sich aber daran einen kleinen Spaß gönnen. Aber man hatte vorhin schon gemerkt, dass sich Caylee und sogar Amúr sehr erschrocken hatten. Soweit Takashi wusste, waren sie zuvor auch in ein Gespräch vertieft gewesen, was wohl abrupt abgebrochen werden musste. Natürlich hätte man auch in einer solchen Situation am wenigsten mit einem Zusammenprall eines anderen Welpen gerechnet. Caylee fing an, Krolock ebenfalls Plüschkugel zu nennen. Die Kleinen würden wohl kaum einen wirklich ernsthaften Streit anfangen wollten. Somit wedelte der schwarze Hüne mit der Rute und lächelte die Kleinen an. Und Takashi solle also dem „Holzkopf“ beibringen, nach vorne zu schauen und netter zu Damen zu sein. Soso.

“Ähm ja…da werden wir uns wohl mal gemeinsam drum kümmern müssen.“

Sagte Takashi ein wenig verunsichert zu Caylee und grinste sie an. Inwiefern der Schwarze das Vollbringen konnte, war wieder eine andere Frage. Schließlich sollte es nicht wieder zu Streitereien zwischen Takashi und Krolock kommen. Ein wenig verwundert sah er Caylee hinterher, die Amúr zum Spiel aufforderte. Doch schnell schien der Rüde selbst in die Sache mit einbezogen zu sein. Die Kleinen hatten doch wahrhaftig vor, Takashi zu besiegen. Verdutzt sah er sie an, während die kleine Weiße sich schon auf des Schwarzen Rute stürzte. Erneut schmunzelte er ein wenig und pendelte mit der Rute hin und her. Aber ob das eine so gute Idee war, die zeit hier zu vertrödeln? Immerhin waren sie doch auf der Flucht! Schlagartig fiel dem Rüden das Lächeln aus dem Gesicht.

.oO(Ach du meine Güte! Das hat mir gerade noch gefehlt! Denn ich persönlich würde hier am liebsten so schnell verschwinden, wie es nur ginge. Dieser weiße schäbige Kram hier rundherum stört einfach nur gigantisch und ist wahrscheinlich sogar höchst gefährlich! Und jetzt wollen die Welpen auch noch, dass ich irgendwelche Spiele mit ihnen Spiele. Ich bin eigentlich dagegen. Ich glaube, wenn die Kleinen nicht zu mir gekommen wären, wäre ich schon ein Stück weiter, weil mir das Ganze hier gar nicht gefällt. Doch wie soll ich es ihnen bloß klar machen? Natürlich will ich ihnen nicht unnötig Angst vor dem Nichts bereiten. Immerhin ist es ja auch toll, dass sie noch so fröhlich sein können. Ich hingegen kann es ja schließlich schon länger nicht mehr. Zudem werde ich sie jetzt auf keinen Fall alleine lassen. Ich übernehme hier auch einen großen Teil der Verantwortung! Am Besten verliere ich kein Wort zu ihnen über das Nichts. Es wäre nicht schön, wenn nun auch die Stimmung der Welpen schlecht werden würde. Ich muss sie irgendwie beschäftigen, dabei aber irgendwie mit ihnen vorankommen. Vielleicht male ich mir es auch sehr viel schlimmer aus, als es eigentlich ist…)

“Nun gut! …

Murmelte er leise und beschloss ein wenig mit den Welpen zu spielen. Er wuffte sie an und forderte somit zum Spiel auf.

Tyraleen
12.01.2010, 21:00

Und wieder einmal überschlugen sich die Ereignisse. Ohne, dass irgendwer eine Reaktion auf ihre etwas bissige Bemerkung gab, passierte so viel auf einmal, dass Sheena gar nicht alles gleichzeitig registrieren konnte und ihrem Unterbewusstsein ist wohl zu verdanken, dass sie impulsiv stehen blieb. Ansonsten wäre sie wahrscheinlich über die zu Boden stürzende Isis und den sich daneben schmeißenden Katsumi gefallen. Am liebsten hätte sie nun mit den Augen gerollt, doch diese kleine Mimik behielt sie lieber für sich und obwohl ihr die Flüche und Beschimpfungen schon wieder deutlich höher in der Kehle saßen, als zu der Zeit mit dem Schweigegelübde, hielt sie ihre Schnauze. Eigentlich war es doch typisch für solche Situationen, sie hätte damit rechnen müssen, hätte sich darauf einstellen müssen, dass irgendetwas schief laufen würde. Doch auch mit dem Wissen von einer möglichen Katastrophe hätte sie jetzt nicht schneller oder besser reagieren können. Vor allem, weil fast im gleichen Augenblick Malicia nach ihr rief und auf sie zu gerannt kam. Sie sollte doch nicht zurück laufen, sie sollte lieber den anderen folgen und zwar so schnell wie möglich. Leicht hektisch geworden, besann Sheena sich einem besseren und versuchte zuerst ihre innere Ruhe zu finden. Sie musste ihren Kontakt zu Engaya suchen, diese würde ihr helfen können. Doch zuerst musste sie einen Plan entwickeln, wie sie eigentlich helfen wollte, sie konnte sich Isis schließlich nicht einfach auf den Rücken werfen und weiter laufen. Und im Nackenfell konnte sie die Fähe auch nicht mehr packen, sie war doch kein Welpe mehr.
Innerlich seufzend suchte ihr Blick Akru, welcher jedoch weiter gelaufen war. Zum Glück, er würde sowieso nicht helfen können und so würde er immerhin einen Vorsprung gewinnen, die anderen vielleicht sogar wieder einholen. Sie wünschte ihm, und wenn sie ganz ehrlich war auch sich, dass er nicht doch noch stehen blieb, um sich zu ihnen zu gesellen. Auch von ihm würde der Weg noch einiges fordern. Dann blickte Sheena unwillkürlich den kleinen Welpen an, der in dem Fang der schwarzen Fähe Malicia hing. Erschrocken sog sie die Luft ein, sie konnte nicht genau deuten von wem der schwere Blutgeruch ausging, doch beide sahen nicht sonderlich gut aus. Also hatte sich ihr einer Problemfall mit zwei weiteren auf insgesamt drei addiert. Sie fragte sich, ob sie irgendeinen bestimmte Ausstrahlung hatte, sodass sie wenigstens einen Grund gehabt hätte, dass sie immer in solche Situationen schlidderte, doch letztendlich kam sie zu keinem vernünftigen Ergebnis. Und als hätte es nicht besser kommen können, kamen die beiden Fremden schneller als gedacht zu ihr, sie hatte nicht gemerkt, dass die beiden bereits so nah am Rudel gewesen waren und anscheinend sehr flink auf den Beinen waren. Nun war es also ihre Aufgabe den beiden zu erklären was hier vor sich ging, warum sie alle in die Berge strebten, aus denen die beiden wahrscheinlich gerade kamen, und warum sie hier mit mindestens einem entkräfteten Wolf stand. Die Begrüßung der beiden fiel nicht bemerkenswert aus, Sheena wusste, dass sie nicht zu viel erwarten durfte, schließlich hatte sie noch keine besonders feste Position im Rudel, doch durch ihre Priesterinnenausbildung und ihr gewandeltes Lebensbild hatte sie doch in den Genuss eines hohen Ansehens kommen dürfen. Und dafür, dass sie die beiden quasi eingeladen hatte und ihnen die Erlaubnis gegeben hatte zum Rudel zu stoßen und dafür, dass die beiden nicht wissen konnten in welcher Position sie sich befand, dafür hätten sie sich schon ein wenig respektvoller erweisen können. Doch darüber wollte sie sich vorerst nicht aufregen. Eigentlich wollte sie sich gar nicht aufregen.
Wieder musste sie innerlich seufzen, doch gleichzeitig mit diesem ungehörten Seufzen kam ihr eine wunderbare Idee. Ein Geistesblitz der so schnell kam, dass sie fast Angst hatte, er würde genauso schnell wieder verschwinden.
Doch dazu musste Katsumi erst mal wieder aufstehen, er sollte sich nicht neben sie schmeißen, sondern ihr lieber helfen. Doch sie wollte nicht grob werden.
Um die beiden Fremden nicht dumm stehen zu lassen, nickte sie den beiden knapp zu. Sie sollten warten, bis sie sich wieder an sie wenden würde. Dann konzentrierte sie sich und automatisch durchströmte sie eine Ruhe und eine Klarheit, wie sie sie jetzt gut gebrauchen konnte. Jetzt zierte ein leises, durch Engaya ausgelöstes Lächeln ihre Lefzen. Sie trat an der bei ihr angekommenen Malicia vorbei, sodass sie neben Isis´, und somit auch Katsumis, Kopf zum stehen kam. Sie beugte ihre Schnauze zu den beiden herunter und ein Schauer fuhr ihr über ihren Rücken. Die kleine Wüstenwölfin fror wirklich erbärmlich, das spürte die weiße Fähe, obwohl sie die Ägypterin noch nicht berührt hatte. Doch zuerst sollte Katsumi aufstehen, er würde Isis stützen müssen, außerdem hoffte sie, dass ihr durch seine Anwesenheit nicht nur die dringend benötigte körperliche Wärme geschenkt werden würde. Sanft stupste sie Katsumi also an und bedeutete ihm, dass er aufstehen sollte, sie würde sich um Isis kümmern.
Sie vertraute ihm, dass er ihren Anweisungen folge leisten würde und berührte Isis nun zu Beginn leicht an der eiskalten Schnauze. Damit war es besiegelt, die eisige Kälte griff auch auf sie zu, selbst ihr dickes Fell konnte nun ihren mageren Körper nicht mehr schützen und so wurde sie vor Kälte fast geschüttelt. Doch sie spürte Engaya in ihrem Rücken, sie spürte die Stärke in ihrer Brust. Und langsam aber sicher spürte sie auch, wie die Wärme über ihren Pelz in ihren Körper kroch. Und dann langsam war ihr, als ob Isis Schnauze wieder wärmer wurde. Nun war es an der Zeit, sie bewegte sich seitlich neben Isis entlang, sodass ihre Schnauze über den ausgekühlten Körper strich, wie die Zunge einer, ihre Welpen liebkosenden, Fähe. Und langsam spürte sie, wie der Körper wieder wärmer wurde. Gewiss nicht so warm, wie die Fähe es gewöhnt war, aber es würde ihr helfen weiter zu laufen. Insofern sie dann wollte. Wenn sie keinen Lebenswillen mehr in sich hatte, würde auch Sheena ihr nicht mehr helfen können. Aber mittlerweile hatte ihr Körper eine für sie annehmbare Temperatur erreicht und auch ein wenig der göttlichen Kraft Engayas war durch Sheena hindurch in Isis geflossen. Sie würde weiter laufen können. Sie musste nur noch wollen. Trotzdem wollte Sheena kein Risiko eingehen und deshalb blicke sie sofort Katsumi an, als sie ihre Schnauze hob. Sie schluckte, die Worte wollten noch immer nicht recht aus ihrer Kehle kommen, kratzig schlüpften dann ein paar Worte aus ihrer Schnauze.

„Katsumi, bleib trotzdem neben ihr, stütz und wärm sie so gut du kannst, und lauft bloß weiter. Ich kümmere mich eben noch um die anderen, werde dann wieder zu euch aufschließen“ Sie lächelte ihm aufmunternd zu, dann, an Isis gewand sprach sie weiter. „Auf Isis, ich hoffe es hat dir geholfen.“

Sie wusste, dass es geholfen hatte, doch sie wusste noch immer nicht, ob Isis wollte. Das würde sich nun heraus stellen. Und wenn sie nicht wollen würde, dann wusste Sheena nicht genau, was sie zu tun hatte.
Doch nun glitt ihr Blick zu Malicia und dem Welpen. Was war bei ihnen los, würde sie den beiden auch helfen können? Noch spürte sie Engayas Anwesenheit in ihrem Rücken und wenn sie kurz die Augen schloss, konnte sie die weiße Göttin sehen. Lächelnd. Oder war es Banshee die ihr zulächelte? Oder Neyla. Oder gar Hanako? Sie war irritiert, für einen kurzen Moment hatte sie das Gefühl gehabt alle vier Wölfe zu sehen. Ihre Mutter, ihre zwei hintereinander folgenden Ziehmütter und ihre Gottesmutter. Schnell öffnete sie die Augen wieder und blickte Malicia fragend an. Sie sollte sprechen, sollte sagen, was sie von ihr wollte, was los war. Manchmal vergas Sheena einfach, dass sie wieder reden durfte. Sie wollte es sich nicht so sehr zur Gewohnheit machen, vielleicht auch aus Angst, dass sie erneut mit dem Fluchen anfangen würde und diesmal würde es keine Banshee geben, die sie davon abhalten konnte.
Also lächelte sie die Schwarze gewinnbringend an und wartete auf ihre Antwort. Um diese wertvolle Zeit nicht ungenutzt zu lassen, bedeutete sie der Fähe ihr zu folgen und trat die wenigen Schritte zu den beiden Neuankömmlingen. Nun ließ es die Zeit zu, sie konnte die beiden genauer betrachten. Beides Fähen, die eine wohl jünger als sie selbst, die andere in ihrem Alter. Doch das tat nun nichts zur Sache.

„Ich heiße euch herzlich Willkommen im Rudel der Sternenwinde. Ganz richtig, ich bin Sheena. Entschuldigt, dass ihr so hektisch empfangen werdet, doch wie ihr sicherlich bemerkt habt, ist unser Rudel in Aufruhe und schickt sich momentan an zu… sie unterbrach sich, nein, den Fremden keine Angst einjagen. „… und sucht sich einen Weg in die Berge. Gerade fehlt mir ein wenig die Zeit für weitere Ausführungen, ich möchte erst den beiden hier auch noch helfen, doch danach beantworte ich euch gerne eure Fragen. Also bleibt entweder hier bei mir oder lauft den anderen langsam nach.“

Eigentlich wollte sie nicht, dass die beiden sich sofort unter das Rudel mischten, sie kannte die beiden noch gar nicht und wollte nichts riskieren. Wobei sie die beiden nicht als gefährlich einstufte, doch sie mussten eigentlich zuerst erfahren, was hier vor sich ging. Es wäre unfair den beiden gegenüber. Doch sie war froh vorerst nicht weiter reden zu müssen, sie war es nicht mehr gewöhnt lange reden zu schwingen und ihre Kehle schmerzte immer ein wenig, wenn sie zu viel auf einmal redete. Außerdem klang ihre Stimme von Wort zu Wort ein wenig gruseliger. Fand sie zumindest. Immerhin sahen die beiden recht fit aus und waren also keine weiteren Fälle für sie und Engaya. Wieder lächelte sie leicht, der Gedanke an die Göttin schenkte ihr immer wieder auf´s Neue Friede und Freude.



Rakshee brummte noch einmal leicht, einen weiteren scharfen Blick auf die zwei Rempelwölfe werfend, bevor sie sich wieder Garrett zuwand. Ihr Lächeln fand mühelos auf ihre Leftzen zurück, während sie den Blick seiner blauen Augen genoß. Es war ihr nicht gegeben zu wüten, und sie wollte es auch nicht - aber dass gleich zwei Wölfe in ihren Bruder...sie schüttelte den Gedanken mit einem Kopfschlenker ab, und seufzte leicht. Die Hoffnung die sie mit sich trugen war einer Feder gleich - der Wind trug sie, und der Wind konnte sie mit einem Atemzug hinwegfegen. Sie würden ihre liebe Mühe haben sie aufrecht zu erhalten - ihr selbst viel es so schwer. Und doch - war da nicht eine Blüte zwischen den Bäumen gewesen? In jedem Bild, in jedem Atemzug spürte sie Engaya, mehr noch, spürte sie ihre Oma. Aber nur einen Augenaufschlag später wurde ihr Herz wieder so schwer - wenn sie nur rechtzeitig entkommen würden!
Ein unvermitteltes Lachen lies sie beinahe stolpern, als der Schwarze sie um Unterricht im Beten ersuchte. Leiser kichernd grinste sie ihn an - sie hatte nicht gewusst dass man soetwas lernen musste.

"Hihi - das ist doch ganz einfach! Wie seltsam dass du es nicht kennst!"

Freute sie sich, und warf spielerisch und zugleich entschuldigend die Zunge nach seiner Schnauze.

"Du musst dafür nicht einmal stillstehen - du kannst sprechen oder es nur denken, die Götter werden es auch dann hören, wenn kein anderer Wof es vermag. Du richtest einfach deine Worte an sie, ganz so, als stünden sie neben dir - früher oder später wirst du erkennen dass sie es hören"

Erklärte sie munter, aufgeweckt durch seine Frage und zugleich freudig, ihm noch etwas beibringen zu können. Und warum später - Zeit hatten sie jetzt erst mal genug! Und wer hätte diese Frage besser beantworten können als eine frisch ausgebildete Priesterin?

"Unsere Götter selbst kennst du auch nicht? Es sind zwei, Engaya, die Göttin des Lebens, und Fenris, Gott des Todes. Sie erscheinen zuerst gegensätzlich, aber viel mehr ergänzen sie sich. Üblicherweise entscheidet man sich für einen Gott, dessen Aspekte einem mehr zusagen - zu Engaya gehört das Behüten des Lebens, es zu achten und zu verteidigen mit aller Kraft. Engaya heilt die Wunden, die Fenris reißt, und seinen Hass beantwortet sie mit Liebe und Aktzeptanz. Fenris bringt den Tod, Engaya bringt das Leben - und beide haben ihre Anhänger. Fenris wirkt oft negativ, und manchmal sind Fenrisdiener ein wenig aggressiv - meine Tante Nyota könnte zu ihm gehören. Aber er ist in keinem Zuge schlechter als Engaya es ist"

Das Lächeln wich einem fragenden Blick, hatte er ihren Ausführungen folgen können? Still ging sie das Gesagte nocheinmal durch, fand jedoch keine Ungereimtheit, und erhob das Lächeln zurück auf ihre Fänge.

"Wie ist das, ohne Rudel aufzuwachsen? Ist das nicht furchtbar einsam?"

Sie jedenfalls konnte sich so ein Leben nicht vorstellen - um sie herum waren immer Wölfe gewesen - auch wenn es selten die gleichen Wölfe blieben. Aber immerhin waren ihre zwei Schwestern zurückgekommen - ihre Familie war ein kleines Stück vollständiger geworden.



Isis war völlig gefangen, aber nicht in dieser Welt sondern in ihrer Welt. Sie stand mitten in der Wüste, spürte die Sonne auf ihen Pelz scheinen und dennoch wollten die sonst so warmen Strahlen sie nicht so recht wärmen. Die Kälte kroch in ihre Gliedmaßen, der Atem wurde flacher, schneller.
Isis wurde mit einem Schlag in die Realität zurückgeworfen, zuckte erschreckt zusammen und riss einen Moment die Augen auf, dann aber fiel der Kopf wieder auf ihre Pfoten. Sie spürte Katsumi neben sich liegen, vernahm von ganz weit Weg Sheena. Ein leises Seufzen entwich ihren Lefzen. Selbst Katsumis Körper wärmte sie nur mäßig. Immer wieder kam der Drang hoch, dass sie aufstehen musste, weil das Nichts sie sonst verschlingen konnte, aber mehr, als mit den Läufen zuckten konnte sie nicht. Wieder ein leises Stöhnen, als sie plötzlich Sheena vor sich stehen sah. Die weiße Fähe musste wirklich ungemein viel zu tun haben, fast wie eine Alpha. Sie würde bestimmt eine tolle Beta werden. Isis verzog ihre Lefzen zu einem leichten Lächeln, schloss die Augen, als sie Sheenas Schnauze an ihrer spürte. Die Wärme breitete sich in ihrem Körper aus, als wäre sie eine Flüssigkeit. Isis sah natürlich nicht Engaya, sondern Osiris in diesem Wunder, aber das war nun letztendlich egal. Viel wichtiger war, dass sich die kleine Fähe wieder etwas fing, die Wärme intensiver wurde, als Sheena an ihrer Seite entlang strich.
Isis rappelte sich langsam wieder auf, lehnte sich an Katsumi und sah dankbar zu Sheena. Sie würde ihr aber nachher noch mal richtig Danken, denn die Weiße war schon wieder schwer beschäftigt. So drehte Isis nun leicht den Kopf zu ihrem Gefährten, grub die Schnauze in sein warmes Fell und sog seinen Duft ein.

"Lass uns langsam weiter gehen, Katsumi.

Die Anderen würden sie schon einholen, denn Isis musste sich auch erst noch ordentlich wieder einlaufen, aber immerhin wusste sie, dass die Wärme nun nicht mehr so schnell entweichen würde.



Shákru schüttelte sich, als ob er irgendwie etwas loswerden wollte, aber das Gefühl in ihm wurde dadurch nicht besser. Obwohl Cassio ihm nun schon eine ganze Zeit Gesellschaft leistete, fühlte er sich weiter allein. Mochte sein, dass ihm sein Bruder zur Seite stand, aber körperlich jemanden zu haben war doch was anderes, als seelisch. Minor spielte etwas mit den Ohren. Von überall waberten Stimmen zu ihnen, die vielen Pfoten ließen den Boden leicht vibrieren. Wieviele mochten sie wohl sein. Das grenzte ganz ehrlich schon an einem Rudel Zahllos, dass alle andere Rudel sich untertan machen könnte, aber das würde sicherlich nicht in Nyotas Sinn stehen und in Tyraleens sowieso nicht. Nein, die Tochter der Alpha war sicherlich noch jung, aber keineswegs unerfahren. Shákru hoffte sehr, dass sie vieles von ihrer gütigen Mutter vererbt bekommen hatte. Nur Averic missfiel ihm im Alphaposten. Wenn der Schwarze es könnte, würde er das verhindern, denn irgendwie kam da eine leise Ahnung, dass er ihn völlig degradieren würde oder gar aus dem Rudel jagte. Aber bis dahin war noch etwas Zeit. Erstmal mussten sie von diesem Nichts fliehen.

"Legen wir das wirklich selbst fest oder ist das nicht eher die Umwelt, die uns das festlegen lässt?",

erwiderte die kleine Sternenleier, schüttelte sich wieder und blickte lächelnd zu Cassio. Seine Muskeln waren mittlerweile schön warm gelaufen, sodass er nun das Tempo etwas anzog, aber darauf achtete, dass der Andere locker mitkam. Shákru fuhr sich mit der Zunge über die trockene Schnauze, genoss den Umstand sich zu bewegen und schwieg einen Moment, eher er wieder Cassios Stimme vernahm. Der Schwarzfang ließ die Rute nachdenklich pendeln, dann schüttelte er leicht den Kopf.

"Oh, ich wehre mich schon gar nicht mehr dagegen, dass es ganz bestimmt etwas Höheres gibt, aber eben nicht so, wie ihr alle glaubt. Ich würde mich auch gern dem Rudel erklären, aber sobald man anders ist, stürzt sich ja der große "Todessohn" auf einen. Averic, dieser Mistkerl, der sich nicht unter Kontrolle hat. Averic ist der Sohn unserer toten Alpha und man sagt, dass sein Vater Fenrissohn ist und er dessen Enkel und das weiß er sehr gut einzusetzen, dass alle das auch noch glauben..."

Shákru erzählte aber nicht von seiner langen Reise, die er hinter sich hatte. Dort, wo er Fenris, Engaya begegnet war. Er glaubte dennoch nicht an diese Wesen, sondern wie schon gesagt viel mehr daran, dass es etwas höheres gab, als sie es waren. Shákru wurde gewissermaßen gezwungen sich mitzuteilen. Früher besaß er diesen Drang nicht, aber hatte auch keine Lust als völlig krank, bescheuert oder wahnsinnig dargestellt zu werden. Gut, sein Einstand in diesem Rudel war nicht wirklich vorbildlich gewesen, aber sie gaben ihm kaum eine zweite Chance. Wer wusste schon, was Averic erzählt hatte oder viel mehr, wer sich gegen ihn stellte, stellte sich gegen das Rudel und der Todessohn würde einen persönlich zerfleischen. Minor würde sich mit dem Sohn Banshees, dem Gefährten Tyraleens in Ruhe unterhalten, wenn er das mal zulassen würde, nur um sich zu erklären, nur um als Wolf angesehen zu werden und nicht als Verrückter vor dem man seine Kinder schützen musste.
Aber er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als eine weiße Gestalt aus dem Nebel auftauchte. Aus dem Nebel, der einen nicht vernichtete. Es war doch tatsächlich sein Bruder Ayv. Als dieser ihn sanft an der Schulter berührte, wuffte Shákru ihm freudig zu, zog verspielt an dem weißen Ohr seines Bruders. Ihn hätte mal interessiert, ob Ayv auch solche grünen Augen hatte, bevor er blind wurde.

"Ayv, Bruder, schön dich zu sehen. Bleib doch bei uns."

Minor sah zu Cassio, aber der würde sicherlich nichts dagegen haben, was blieb ihm auch anderes übrig? Gut, er konnte nun gehen, aber das war kindisch. Es war allgemein kindisch wegzulaufen. Natürlich wusste auch Shákru, dass sie ihr Gespräch so nicht mehr fortsetzen konnten, das erkannte er auch an der Haltung des Anderen, aber das war ihm grad sowieso nicht ganz so wichtig wie sein Bruder.

"Cassio, das ist Ayv, Ayv, das ist Cassio."

Zu erklären, dass sein weißer Bruder blind war und warum sein weißer Bruder eben weiß war wie das Rest seines Rudel, überließ er diesem zu erklären, wenn er wollte oder aber überließ es Cassio zu fragen.



Ayv bemerkte, dass Cassios Haltung sich veränderte und er vermutete, dass er wohl gerade in ein Gespräch geplatzt war. Doch Shákru sagte sofort, er könne bleiben. Dankend neigte Ayv den Kopf und entfernte sich wenige Zentimeter von seinem Bruder. Sein Kopf war zwar nach vorne gerichtet, jedoch mehr gen Himmel als gen Boden und ein Wolf, der nicht wusste, dass er blind war, würde wohl glauben, dass Ayv jeden Moment über seine eigenen Pfoten oder einen Ast stolpern würde. Doch Ayv sah seine Umgebung perfekt ohne Makel. Abgesehen von den wenigen Farben, die das Bild einfärbten. Ein plötzlicher Stich ließ Ayv augenblicklich anhalten und er biss sich ins Fell, um sich so zu kratzen. Als das kratzende Gefühl am Bauch verflogen war, galoppierte Ayv schnell wieder an Shákrus Seite. Endlich sagte er etwas:

"Ich bleibe gerne.", sagte er. "Hallo Cassio, schön, dich kennen zu lernen!"

Mehr sagte er nicht - er wusste auch nicht, was. Also trabte er nur weiter, ohne einen Laut von sich zu geben. Wieder war sein Blick mehr gen Himmel gerichtet und seine milchig weißen Augen geschlossen. Wozu sie auch öffnen, wenn sie nicht gebraucht wurden?



Ein freudiger Schauer fuhr dem Silberpelz über den Rücken, als seine Mama ihm über den Kopf schleckte. So war das immer, und er mochte dieses Gefühl sehr. Es sprach von Vertrauen und Geborgenheit und das waren gute Dinge, die er mochte. Ein freudestrahlendes Grinsen sprach Bände, als Turién sich im Klaren wurde, dass Malakím also bleiben durfte, bevor er sich zu Nerúi geschlichen hatte.

Und Nerúi Worte auf seine Fragen ließen ihn allwissend nicken. Natürlich war das die Antwort! Dass er nicht sofort darauf gekommen war. Leitwolf, das würde er mal werden, zusammen mit Nerúi würden sie die Welt erobern und das Rudel leiten. Als Prinz und Prinzessin!
Der Ruf von Mama Nyota ließ ihn zur Seite blicken, bevor sie Malak vor Nerúi und ihm auf den Boden legte um ihnen wieder die Möglichkeit zu bieten auf seinem Rücken zu reiten. Nerúi ergriff die Chance sofort und kletterte munter auf den Rücken des Schwarzen, während ihm noch immer das Geschehen beim letzen Mal im Kopf war. Da wurde es in seinem Bauch ganz schwummrig und er wurde krank und das war ganz und gar nicht gut gewesen. Also zögerte er, trat auf der Stelle herum und biss sie nachdenklich auf die Zunge. Nerúi hatte es sich scheinbar schon bequem gemacht und er stand immer noch hier unten rum! Sein Herz klopfte ganz aufgeregt als er die Augen schloss und beschloss es noch einmal zu versuchen. Er war ja kein Feigling und würde einfach unten bleiben! Entschlossen warf er sich, den gleichen Weg wie Nerúi nehmend auf den Rücken des Dunklen, kniff die Augen fest zusammen. Als er sie öffnete befand er sich alleine auf dem Rücken des Schwarzen. Irritiert musterte er seine schwarze Schwester, die sich wieder auf den Boden begeben hatte und eilig an Tyraleen vorbei schritt und nach Papa Aszrem rief.

„Toll.“

Brummelig trat er vorsichtig auf der Stelle herum, und ließ sich dann einfach von Malak runterrollen. In einem wirklich spektakulär wirkenden Purzelbaum gelangte er wieder auf den Boden und stieß dabei fast gegen Tyraleen. Sich schüttelnd rappelte sich der junge Rüde auf und war dann mit einigen Sätzen neben Nerúi, um ihre Entdeckung zu bestaunen.

„Whoa!“

Diese Blume war wirklich schön. So schön wie Caylees, Malakíms und Averics Augen – wie Nerúi schon gesagt hatte.

„Schaut mal, das Nichts hat so was tolles am Leben gelassen. Wir sind auch toll, also wird das Nichts uns nichts anhaben können!“

Mit einem seeligen Lächeln setzte er sich neben die Blume, seine Rute schwang munter hin und her und in seinem so naiven Glauben wusste er einfach, dass ihnen nun nichts (auch nicht das Nichts) etwas anhaben konnte!



Ungewohnt zufrieden lief Lucina neben den anderen her, als wäre die Welt völlig in Ordnung. Sie hatte sich immer noch nicht so ganz daran gewöhnt, mit so vielen Wölfen auf einmal zusammenzuleben und zu reden, doch gefiel es ihr immer mehr. Sie fühlte sich nicht mehr so abhängig. Freier, in gewisser Weise. Die meisten würden das ziellose umherstreifen wohl als Freiheit bezeichnen, aber sie fand es viel schöner, zu wissen, dass sie jeder Zeit zu jemandem gehen und sich mit ihm unterhalten könnte.
Das Eingeständnis von Madoc riss sie aus ihren fröhlich beschwingten Gedanken. Zugegeben, es überraschte sie, denn sie hatte nicht wirklich damit gerechnet, doch freute sie sich irgendwie auch und ihr Lächeln wurde immer breiter. Allerdings hieß das auch, dass entweder ihre Fähigkeit andere Wölfe einzuschätzen stark nachließ, oder aber der Rüde sich dafür gerade sehr angestrengt hatte überwinden müssen. Sie beobachtete ihn einige Augenblicke um herauszufinden, was eher zutraf. Die Weiße hoffte inständig, dass es letzteres war. Sie hatte sich nämlich immer darauf verlassen, dass sie mit ihren ersten Einschätzung eigentlich immer richtig lag.
Da fing Atalya auf einmal an durch die Gegend und um sie herum, drunter durch und was nicht alles zu laufen. Ein wenig verwirrt sah sie die Kleine an, die anfing einen Haufen fragen zu stellen. Die letzte war Luci selbst gerichtet. Sie wusste nicht, ob sie eine Aufgabe hatte oder nicht. Sie wusste auch nicht, ob sie daran glauben sollte. Es gab so viele Möglichkeiten zu glauben und sie hatte sich noch nicht entschieden, welche ihr am logischsten erschien. Sie beschloss einfach ehrlich zu sagen, was ihr durch den Kopf schoss und noch während sie der Welpin antwortete, dachte sie darüber nach.

"Hm...ich weiß nicht so genau. Wäre gut möglich. Aber wenn du daran glaubst, hast du bestimmt eine Aufgabe und wenn du willst können wir ja zusammen herausfinden, welche das ist."

Sie lächelte Atalya breit an, die mittlerweile wieder bei Madoc gelandet war. Lucina wandte sich dann aber wieder dem flauschigen Liam zu, dessen Flauschigkeit sie so mochte. Während sie erfuhr, wer denn nun Buddha war, fragte sie sich, ob es ihn stören würde, wenn sie sich einfach die ganze Zeit an dieses tolle Fell kuscheln würde. Für sie hatte er etwas von einer Wolke. So ruhig und kuschelig.
Da fuhr der Rüde auch schon mit der Beantwortung von Atalyas Frage fort. Sie überlegte, ob es noch irgendetwas gab, was man Fragen könnte, doch fiel ihr nichts mehr ein. Es ärgerte sie ein wenig, denn sie wollte einfach mehr wissen, doch konnte sie so wenigstens den anderen die Möglichkeit lassen etwas zu fragen.



Aufmerksam beobachtete Madoc die drei Wölfe, die ihn umgaben und lauschte nebenbei ihrem Gesprächsthema. Er selber war nicht sonderlich daran interessiert, wer welchen Glauben hatte, dennoch war es tatsächlich recht spannend zu hören, was andere Wölfe von diesem Thema hielten. Allerdings war sein Wissen in diesem Bereich so gering, dass er sich nicht darauf einlassen würde, dem Gespräch beizutreten. Er war kein gesprächiger Geselle und das sollte sich so schnell nicht ändern. Der Albino hielt sich instinktiv aus anderen Gesprächen heraus, einerseits, um sie mit neutralen Augen beobachten zu können, andererseits, um der Gefahr, zu viel über sich selber zu verraten, zu entgehen. Oftmals offenbarte sich seine übertriebene Vorsicht als unnötig, doch sie hatte ihm auch schon viele Male vor Schwierigkeiten bewahrt. Es würde seine Zeit fordern, bis sich Madoc wieder aneignete, anderen Wölfen zu vertrauen.
Doch es gab eine einzige Ausnahme in seiner kleinen Welt. Und diese Ausnahme war gerade dabei, sich durch die Beine von Liam, Lucina und ihm zu schlängeln. Ein amüsiertes Lächeln huschte über seine schneeweißen Lefzen, während er Atalya zusah. Er hörte ihre glockenhelle Stimme ertönen, als sie Fragen an Lucina und Liam stellte. So viele Fragen hatte er auch gestellt, als er in ihrem Alter war, doch diese Zeit war lange vorbei. Man konnte nicht sagen, dass er desinteressiert war, doch seinen Wissensdurst stillte er nicht durch das Wissen anderer, sondern durch Lernen aus eigener Kraft und eigenen Möglichkeiten. Er hielt wenig von fremder Hilfe und bestand stets darauf, alleine durch die Welt zu gehen. Ein Fehler, den er allerdings nicht sah. Doch durch Atalya hatte sich die Situation etwas aufgelockert. Seitdem Madocs Bruder gestorben war, hatte er eine Art Ersatz in der Welpin gefunden und liebte sie auf gleicher Weise. Auch jetzt hob es seine Laune, bei ihr zu sein und selbst die Anwesenheit der anderen Wölfe erschien ihm plötzlich angenehm.
Kurz schloss er die Augen, öffnete sie jedoch sogleich wieder und ließ seinen blutroten Blick einmal über die drei Wölfe gleiten. Während er über seine Lage nachdachte, verwandelte sich seine Stummheit in ein Glücksgefühl. Er sah, wie die graue Welpin an seine Seite zurücktrabte und augenblicklich verwandelte sich seine Verschlossenheit in die Verspieltheit, die ihn seit seiner frühen Welpentage niemals mehr heimgesucht hatte. Geduldig wartete er darauf, bis Liam alle Fragen beantwortet hatte, schließlich wollte er nicht abermals als unhöflich erscheinen. Nachdem auch Lucina gesprochen hatte, machte sprang er mit einem Ruck ein Satz nach vorne, senkte seinen Kopf und stupste Atalya mit seiner Schnauze an.

“Na los, Atalya, fang mich“

Sagte er herausfordernd, wobei er allerdings darauf achtete, dass er nicht zu schnell rannte, um die graue Fähe nicht zu schnell zu erschöpfen. Er rechnete ohnehin damit, sie zu tragen, sollte sie wirklich nicht mehr laufen können.
In einem mittleren Tempo lief er um Liam und Lucina herum und stieß beide sachte in die Seite, als Aufforderung, dass sie mitmachen sollte, was allerdings keine Absicht war, sie von ihrem Gespräch abzuhalten, falls dieses noch weitergeführt werden sollte. Seine blutroten Augen trugen einen freundlichen Ausdruck, während sich ein Lächeln auf seinen Lefzen formte. Ein kurzes Nicken folgte, dann sah er wieder zu Atalya, um zu sehen, wie weit sie aufgeholt hatte. Schließlich musste man auch bei der Flucht seinen Spaß haben.



Woran dachte Liel denn? Die Gedanken wirbelten ihr in spiralförmigen Trichtern durch den Kopf, zu viele, zu verstörende um sie erfassen zu mögen. Am liebsten hätte sie die Augen geschlossen, doch stattdessen wanderte ihr Blick nach vorne auf den Weg. Der Weg der so unendlich weit erschien, stetig an stieg und auch kein Ende nehmen wollte. Woher sollte man auch wissen, wo er enden würde, erstens wurden sie vom Nichts gejagt und zweitens kannte sie die Umgebung sowieso nicht. Das Einzige was sie momentan zu kennen schien, war der Schmerz, psychisch sowie physisch. Ihre Pfoten begannen zu schmerzen, auch ihre Ausdauer ließ nach, doch dies bemerkte sie erst, nachdem sie darüber nachgedacht hatte. Also musste sie an etwas anderes denken, eine logische Schlussfolgerung wie sie fand. Aber ob die anderen Gedanken erfreulicher waren, stand in den Sternen.
Doch vielleicht würde es ihr helfen, wenn sie Chanuka von ihren Gedanken erzählen würde, er hatte es ihr angeboten und sie wollte ihn nicht still stehen lassen. Sie fühlte sich schon besser, weil sie gemeinsam den schmerzenden Verlust der verlorenen Mütter in sich trugen, vielleicht würde es ihr dann auch besser gehen, wenn Chanuka ihre Sorge um ihre Geschwister mittragen würde.
Sie blickte in seine bernsteinfarbenen Augen, sah die großen Ohren und fragte sich, ob er wohl zum zuhören geboren worden war. Dadurch, dass er so wenig redete und aber immer bereit war bei Problemen zuzuhören, fand sie ihre Überlegung ganz passend. Darüber musste sie leicht lächeln.

„Ich denke an Dinge, an die kein Welpe jemals einen Gedanken verschwenden sollte.“

Sie schnaufte leise. Ob es wegen der körperlichen Anstrengung war oder wegen den seelischen Qualen konnte sie selber nicht genau sagen. Langsam ließ sie ihren Blick wieder nach vorne schweifen, danach gen Himmel. Sie fragte sich, was danach kommen würde. Nach dieser Flucht, nach diesem Herbst. Es war ihr erstes Jahr und es war schon so viel passiert, würde sich das noch durch ihr ganzes Leben ziehen? Oder waren diese Ereignisse der Höhepunkt ihres Lebens und danach würde es weniger Aktion, dafür vielleicht mehr Liebe und Freude geben?
Sie konnte noch keine Antwort auf diese Fragen finden, sie würde abwarten müssen und es machte ihr nichts aus, sie konnte sich sowieso nicht vorstellen, dass etwas noch Schlimmeres passieren konnte.

„Ich sorge mich um meine Brüder. Vielleicht sollte ich das nicht tun, schließlich sind sie Rüden, sollten stark sein. Aber letztendlich ist es doch so, dass sie genauso schwach sein können wie wir Fähen, und wir Fähen können genauso stark sein, wie das Bild der Rüden ist. Oder ist dem nicht so?“

Sie blinzelte und wand ihren Kopf mit dem fragenden Gesichtsausdruck in Chanukas Richtung. Seine zuhörenden Ohren, er gab ihr eine solche Geborgenheit, dass sie niemals mehr ohne ihn sein wollte. Automatisch drängte sie sich ein wenig näher an seinen kleinen Körper heran, ohne dabei jedoch grob zu sein oder ihm gar weh zu tun.

„Ciradán ist... er ist nicht mehr normal. Beide sind nicht mehr normal. Krolock trägt eine riesengroße Wut mit sich herum, manchmal glaube ich, dass gar nicht so viel Wut in einen so kleinen Körper passen kann. Und trotzdem geht es. Er wird verletzend, wirkt verletzend und ich kann ihm nicht beistehen. Genauso wenig wie ich Ciradán helfen kann. Er ist geflüchtet, in eine Traumwelt. Ich kann nur für sie da sein, doch helfen kann ich ihnen nicht. Glaube ich“

Ihre Stimme wurde mit jedem weiteren Wort ein wenig leiser, zum Schluss war es nicht mehr als ein fast tonloses Flüstern. Doch er würde sie hören, wenn er sie hören wollte. Traurig lächelte sie und blickte erneut in den Himmel. Irgendwo da mussten ihre Eltern nun sein. Und mit ihnen war der Geist Ciradáns gegangen. So musste es sein. Ciradáns Körper verweilte hier auf der Erde, bei ihnen. Doch im Geiste war er bei ihren Eltern, anders hatte sie seine Worte nicht verstehen können.

„Er sagte... er sagte, als ich ihm erzählte, dass Papa ebenfalls gestorben ist... 'Liel, Krolock hat dich nur geärgert, glaub ihm nicht. Dort vorne sitzen Mama und Papa doch, dort am See. Sie sagten wir sollen noch ein wenig spielen, sie würden dort auf uns warten“

Als sie in Gedanken die Worte erneut durch ging wurde ihr ganz schwer ums Herz. Es musste so sein, sein Geist war von ihnen gegangen, warum tat man ihr das alles an?
Doch gleichzeitig schien ihr, als ob ihr eine riesige Last von den Schultern genommen worden war. Nun stand sie nicht mehr alleine mit dieser drückenden Last in der Welt. Natürlich hatte sie Shani nicht vergessen, die ebenfalls dabei gewesen war, aber es half ihr mindestens genauso viel, dass sie dies ihrem Freund anvertrauen konnte. Vielleicht wusste er damit etwas anzufangen.
Sie lächelte ihn vorsichtig an.

„Danke“



Malicia war die Ruhe selbst, auch wenn alles an ihr schmerzte und das nach Metall schmeckende Blut der kleinen Weißen noch in ihrem Maul abklang. Sie hatte einen gleichmäßigen Lauftakt gefunden, und da sie ihre Pfoten ohnehin nicht mehr spürte, war das Laufen gar nicht mal so schwer. Doch die Last in ihrem Fang konnte sie nicht einfach so vergessen, Faith war zwar nicht unbedingt wohlgenährt, aber auch nicht gerade leicht. Malicia stöhnte leise auf und schloss die Augen. Ihr Orientierungssinn würde sie wohl nicht völlig auf die falsche Bahn lenken. Glaubte die schwarze Alphatochter jedenfalls und rannte weiter. Schließlich entschloss sie sich doch, die Augen zu öffnen und ließ die Gedanken frei durch ihren Kopf strömen.

.( ist es das, wonach wir alle verlangen? dieses verletzende leben in einer schlechten welt? ist es das, was wir verdient haben, mit unserem geiz und unserer ungerechtigkeit? haben wir nichts außer diesem leben? bleibt uns nicht, weil wir zu viel verlangen und dann nie etwas bekommen? weil wir enttäuschen, verletzen? weil wir diese welt ins verderben treiben? sind wir der grund des nichts, das unaufhaltsam alles zerstören wird? ist es unsere schuld, dass es existiert? und … können wir es denn nicht verhindern? ).

Die Gedanken machten sich selbstständig, und flossen wie eine zähe, klebrige Masse durch ihren Kopf. Es tat weh, diese deprimierenden Gedanken zu hören und keine Chance zu haben, dagegen anzukämpfen. Was hatte sie so falsch gemacht, dass sie keine Kontrolle mehr über ihre eigenen Gedanken hatte. Blut in ihrem Fang, Blut in ihrem Herzen. Es tat nicht nur einfach weh, es zeriss sie beinahe. Malicia versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, als sie sah, dass Sheena aufholte und nun neben ihr lief. Malicia suchte nach den Worten, die ihre derzeitige Situation bestmöglich beschreiben konnten, nur irgendetwas, mit dem sie Sheena davon überzeugen konnte, dass Faith mehr als hilflos durch diese Welt geirrt war. Das Nichts hätte sie verschlungen, wenn die Schwarze sie nicht vor dem Zorn Fenris’ gerettet hätte. War es das? War es Fenris gewesen? Malicia wusste es nicht und wagte sich auch nicht an den Gedanken heran.

„Sie war so hilflos!“, quälte sie mit zusammengebissenen Zähnen hervor. Ihr Blick bat die weiße Fähe um Einlass zum Rudel für das kleine Mündel in ihrem Maul. „Ich musste helfen“, brachte sie als Erklärung hervor und spürte, wie ihre Pfotenballen wieder anfingen zu brennen.

Da sie kaum sprechen konnte, versuchte die Schwarze ihre Worte via Gedankenübertragung an Sheena zu schicken, was natürlich völliger Quatsch war. Aber sie war sich sicher, dass die andere sie auf jeden Fall verstehen würde, auch wenn die beiden vielleicht nicht ein und dieselbe Meinung teilen würden. Sie kannten sich nur wenig, dennoch spürte Malicia zu der jungen Weißen eine ebenso enge Verbindung wie zu ihrer eigenen Mutter. Es war Engaya, die den Zusammenhalt des Rudels festigte und jene, die bedeutendere Aufgaben hatte unterstützte. Aber Malicia wehrte sich nicht gegen diese Bindung. Sie hatte nichts dagegen, sich eng mit dem Rudel verbunden zu fühlen, denn nun, wo Banshee tot war – und obwohl sie ihrer Mutter versprochen hatte, für die Sternenwinde zu jagen – fiel es ihr deutlich schwerer, eine Familie in diesem zusammengewürfelten Patchwork-Haufen zu finden.

.( hier geht es nicht um normalität, Malicia! Versteh das doch endlich! ).



Etwas verlieren, dass man liebte war so grausam. So schmerzhaft und beinahe unerträglich. Es zerstört sein eigenes ich und zerrt am schwachen Körper, in der Hoffnung ihn in den Abgrund zu ziehen. Katsumi schwankte oft am Abgrund entlang. Oft rutschte eine Pfote ab und Steine fielen in die Tiefe hinein. Egal wie lange der Braune auch lauschte, nie hörte er den Aufschlag am Ende des Nichts. Es gab aber auch immer wieder Dinge, die ihn zurück auf den sicheren Pfad neben der Schlucht führten und schliesslich ein Wolf, der ihn ganz davon wegzog. Etwas ein zweites Mal zu verlieren - obwohl es sich hierbei nicht um den selben Gegenstand, vielmehr um die selben Gefühle, handelte – würde den Rüden endgültig in die Tiefe reissen. Nicht noch einmal wollte er so leiden, kein zweites Mal am Abgrund entlang schleichen mit dem Gewissen bald zu fallen. ..
Katsumi bemerkte erst jetzt, dass er seine Augen geschlossen hatte. Ein Zucken und Seufzen liess ihn zurück in die eisige Realität gleiten. Sheena stand dicht bei ihm und seine Sandkönigin. Die weisse Schnauze glitt den schlanken Körper von Isis entlang und schenkte ihr neue Energie. Der ehemalige Alpha verstand, erhob seinen Körper vom Boden und nickte. Geduldig wartete er auf Isis. Würde sie es nicht schaffen, würde er bei ihr bleiben. An ihrer Seite verweilen und abwarten. Warten, bis das Ende kam. Und würde er im Jenseits erwachen, so ginge er sie suchen. Sheena ging, eilte davon, eilte zu Wölfen, die sie brauchten. Die zarte Ägypterin hatte sich ebenfalls erhoben und ihre Schnauze in Katsumis Fell vergraben. Der Braune drehte sein Haupt und legte seinen Kopf auf ihren. Nur ganz leicht, um sie nicht zu belasten. Er traute sich nicht, seine warte und raue Zunge über ihr Gesicht gleiten zu lassen.

"Wir werden es schaffen, daran glaube ich ganz fest."

Langsam setzte der Rüden seine Beine in Bewegung, achtete aber fest darauf, nicht von Isis Seite zu weichen. Oh ja, sie werden es schaffen!



Die Welt war schwarz und leer geworden. Und als wolle das Nichts ihnen allen erzählen, wie leer es sein konnte, verschluckte es einfach immer immer mehr. Alles. Bis irgendwann nichts mehr übrig war. Er fühlte sich, als begänne das Nichts auch schon damit, seine Seele auf zu fressen.
Averics Züge waren seit jenem Tag, an dem seine Mutter und sein Vater die irdische Welt verlassen hatten, starr und kalt geworden. Nichts wollte ihm mehr ein Lächeln auf die Lefzen zaubern. Worüber hätte er auch Lächeln sollen? Darüber, dass ihre Welt entschieden hatte, mit Banshee und Acollon unter zu gehen? Es war nicht direkt Wut und auch längst keine Trauer mehr, die ihn härter und härter schliffen. Es war einfach die nackte Realität. Und die verschluckte grade alles, was ihn je ausgemacht hatte. Auch das Tal der Sternenwinde war bald nicht mehr.
Mit raschen Schritten bewegte sich der Pechschwarze vorwärts, dennoch darauf achtend, dass sein Sohn mit ihm mithalten konnte. Chardím war der Einzige, der noch bei ihm war. Averics dunkle Augen hielten zwar nach seinen anderen Kindern genau so Ausschau, doch aufgesammelt hatte er bisher nur den Schwarzweißen. Tyraleen war mit Turién, Nyota, Nerúi, Aszrem und Kylia vorgegangen, mit dem Ziel einen Fluchtweg zu finden. Er wusste nicht, wie viel Hoffnung er in seine Gefährtin und die anderen legen sollte, der Pechschwarze hatte sich einfach damit abgefunden, sich dem zu fügen, was Banshee ihm aufgetragen hatte. Das Rudel lief irgendwo zerstreut, aber es war nicht seine Aufgabe sie wieder zusammen zu treiben. Man konnte ihnen wünschen, dass keiner vom Nichts verschluckt wurde, doch irgendwie lag ihm auch daran momentan kein großes Interesse. Nur seine Kinder, nach ihnen durchkämmte er den schwindenden Forst mit Argusaugen. Dass sie nur farblos sahen, war ihm dabei leider keine große Hilfe. Er hatte also auch Chardím aufgetragen, nach seinen Geschwistern Ausschau zu halten. Zwischendurch meinte Averic Stimmen zu hören, oder Geräusche von Laufenden. Aber es waren nicht die erhofften. Es wurde zunehmend gefährlicher, es schien so, als würden sich die Nebelfelder immer enger ziehen und bald alle Wege verschließen. Dass der Weg zurück bereits „tot“ war ... dessen war er sich bewusst, ohne sich umdrehen zu müssen.
Erst nach einer Weile änderte sich etwas in diesem monotonen Dahinlaufen. Averic reckte den Kopf, im selben Moment machte Chardím Halt und deutete in eine andere Richtung. Hinter ihnen. Der große Schwarze war sich bewusst, dass sein Sohn die Geschwister nicht unbedingt gerochen, aber gespürt hatte. Denn auch Averic nahm ihre Witterung erst im zweiten Augenblick auf. Rasch folgte er dem Schwarzweißen, der munter vorne weg sprang. Es war ihnen allen wohl nicht bewusst, wie gefährlich es geworden war.
Und als er schließlich Caylee, Amúr und Krolock sah, die augenscheinlich lieber mit Takashi spielen wollten, überlegte er fast, ob er sauer sein sollte. Doch fürs Erste wollte Averic einfach erleichtert sein, dass zumindest ihnen nichts passiert war.

Caylee, Amúr!“,

rief der Schwarze seine zwei Töchter, während er auf die kleine Gruppe zusteuerte. Einen etwas tadelnden Blick zu Takashi konnte er sich nicht verkneifen. Das Nichts umschloss sie schon fast!

Ich halte es für eine weniger gute Idee, jetzt mit den Welpen zu spielen.“



Munter lief die kleine Fähe neben ihrem großen Freund her, konnte sie nicht entscheiden, wenn sie ansehen sollte. Sie wartete auf eine Antwort von Liam und Lucina, aber vielleicht würde Madoc auch etwas dazu sagen? Unentschlossen richteten sich die hellen Augen Atalyas also von einem zum anderen, wieder zurück und hin und her. Sie konnte es kaum erwarten, dass ihre Fragen beantwortet wurde. Und der erste, der den Fang öffnete, um ihr genau diese zu geben, war Liam. Atalyas Ohren stellten sich auf, nahmen jedes Wort, was der Rüde von sich gab, genau auf. Und mit einigen schnellen Sätzen war sie wieder an Liams Seite, behielt jedoch auch die anderen beiden genau im Blick. Es war also seine Aufgabe, ihr sein Wissen zu geben und sie zu beschützen? Der Kopf der Fähe neigte sich leicht zur Seite. Sie sollte ihn später mal lehren, furchtlos zu sein? Hmm..

“Aber du bist doch schon furchtlos, Liam!“

Sie glaubte sich zu erinnern, dass er selbst das ein Mal gesagt hatte. Oder bildete sie sich das ein?

“Ich zeige dir aber gerne, wie man furchtlos ist!“

Immerhin war sie Atalya die furchtlose. Nicht ein Mal das Nichts machte ihr Angst! Dabei ließ sie völlig außer Acht, dass dieses Nichts kurz davor war, sie alle zu verschlucken. Das ihre Heimat, das Tal der Sternenwinde nicht mehr existierte. Ihre welpische Naivität ließ sie es vergessen, die Angst ignorieren. Und schon kam die nächste Antwort auf ihre Frage. Sie würde fliegen können, wenn sie als Vogel wiedergeboren werden würde. Dann konnte sie über das Nichts hin weg fliegen und der Welt zeigen, wie furchtlos sie war. Mit einem freudigen Lachen huschte die Graue wieder unter den anderen her, machte einen letzten Satz auf Madoc zu und merkte langsam, wie ihre Welpen Beine müde wurden. Aber das machte jetzt nichts, es gab zu viel, worauf sie reagieren konnte. Den jetzt antwortete Lucina, und auch sie wurde genau von Atalya beobachtet. Sie bot ihr an, mit ihr zusammen ihre Aufgabe zu finden. Das hörte sich sehr gut an. Die Kleine lächelte der Weißen entgegen, nickte zustimmend.

“Und für dich finden wir dann bestimmt auch eine! Dann können wir sie zusammen erfüllen.“

Die Graue atmete tief durch, richtete den Blick dann im richtigen Moment nach vorn, um noch erkennen zu können, dass Madoc einen Satz nach vorn machte, sie anstubste und sie aufforderte, dass sie ihn fangen sollte. Ihr Kopf neigte sich einen Moment zur Seite, dann zog sich ein Lächeln auf ihre Lefzen und sie sprintete dem Weißen hinterher. Vergessen war die Müdigkeit ihrer Beine, jetzt flog sie förmlich hinter ihrem Freund her, der nun die anderen beiden aufforderte, mit zu spielen. Atalya nutzte einen Moment aus, machte einige besonders große Sprünge und erreichte das Bein des Rüden. Locker stubste sie ihn mit der Nase an, blieb dabei aber nicht stehen.

“Hab dich!“

Und mit einem breiten Grinsen auf den Lefzen setzte die Graue wieder zum Sprint an, entfernte sich mit welpenmöglich großen Sprüngen von den anderen. Sie blickte zurück, ob jemand ihr folgte, ohne an zu halten. Erst als sie den Kopf wieder nach vorn drehte, blieb sie ruckartig stehen und stolperte dabei fast über die eigenen Pfoten. Sie war dem Nichts recht nah gekommen. Nicht, dass sie Angst hätte, aber sicher war sicher. Es war noch Platz zwischen ihr und dem Nichts, zwei Wölfe hätten sicher noch dazwischen gepasst. Atalya biß die Fänge aufeinander, neigte den Kopf leicht schief und trat einen Schritt zurück. Es musste ja keiner wissen, dass sie jetzt doch ein ganz kleines bisschen Angst hatte. So nah war sie dem Nichts nie gewesen, und jetzt konnte sie es genau sehen, oder auch nicht. Wie beschrieb man schon das Nichts? Atalya atmete tief durch, hoffte drauf, dass nun einer der anderen zu ihr kam. Wenn sie nun zurück lief, würden sie merken, dass sie sich ein kleines bisschen fürchtete. Sie blieb also stehen, behielt das Nichts im Auge und machte sich so groß wie möglich.

“Ich bin Atalya die furchtlose!“

Trotz ihrer vollen Größe machte die Graue noch einen Schritt zurück. Aber.. vielleicht war es ihre Aufgabe, das Nichts zu besiegen..?



Lyerra war sehr erstaunt über all das, was sie in den letzten Minuten gesehen hatte. Die weiße Fähe schien der anderen durch blosse Berührung mehr Kraft zu geben. So etwas hatte sie zuvor noch nie gesehen und eine plötzliche Furcht strömte durch ihren Körper, gleichzeitig wurde aber auch ihre Neugier geweckt. Sie hörte die leise Stimme der Fähe und lauschte. Es hörte sich sehr schön und beruhigend in ihren Ohren an. Lyerra schlug mit ihrer Rute hin und her, da sie nicht wusste, was sie sonst tun sollte. Als Sheena dann aber auch noch zu ihr und Imiák zurück kam und begrüßte, konnte sie ihre Neugier nicht mehr zurück halten:

"Oh wow, wie hast du das gemacht? Bist du etwa eine Priesterin?" Ohne die Antwort der Fähe abzuwarten fuhr sie fort:
" Ich habe davon schon öfter gehört aber noch nie mit eigenen Augen gesehen was da passiert...."

In ihrem Redeschwall stoppte sie plötlzlich verlegen, da ihr einfiel das man zu Fremden und gerade zu Priesterinnen und Leitwölfen besonders höflich sein sollte.

"Oh bitte entschuldige. Ich bin nur so neugierig und finde das so interessant. Verzeih mir bitte mein vorlautes Verhalten."

Nun hatte sie ein wenig angst. Was, wenn die Fähe nun sauer wäre? Sie schien nicht gerade unfreundlich oder so, aber trotzdem spürte Lyerra in ihrer Gegenwart ein Gefühl von angst und erfurcht. Es war wieder etwas neues für sie und nach ihrem verschwinden aus dem Rudel waren schon die Sleltsamesten Dinge geschehen so wie mit diesem komischen Geruch, den man riecht, und der doch wieder keinen Geruch hat. Manche rochen oder beschrieben es vielleicht ein wenig anders aber Lyerra fand keine anderen Worte dafür. Als Sheena dann jedoch wieder redete und Lyerra und Imiák sagte sie würde sich später um sie kümmern, hatte Lyerra das Gefühl Müdigkeit in der Stimme zu hören. Die weiße fähe schien so stark und klug zu sein, aber trotzdem hatte Lyerra das Gefühl das alle und auch Sheena gerne ausgeruht hätten. Natürlich war sie sich nicht sicher, da sie die anderne Wölfe nicht richtig gesehen hatte. Trotzdem fand sie das die eine Fähe, die zusammengebrochen war das beste Beispiel dafür war.
Als die Weiße ihr dann sagte das sie noch mehr zu tun habe und Lyerra und Imiák doch ruhig schonmal weitergehen sollten, hörte sie den leichetn Widerwillen in der Stimme der Weißen.

"Imiák, meinst du nicht es wäre das beste erstmal mit ein wenig Abstand hinter dem Rudel herzugehen?",

fragte sie die rötliche Fähe.



Jumaanas Pfoten schlugen hart auf den kalten Boden und trugen sie weiter fort von der Gefahr, die sie so unaufhörlich bedrohte. Ihr Blick glitt über die anderen Wölfe und als sie sich umwandte, um nach der weißen Jungwölfin zu sehen, dachte sie zuerst, sie würde Banshee sehen. Doch Sheena unterschied sich in vieler Hinsicht von der weisen Leitwölfin, deren Tod sich wie ein Dorn in Jumaanas Herz bohrte. Sie war viel kleiner und schmächtiger und doch ging das gleiche Leuchten von ihr aus, wie von Banshee. Es hatte etwas Mächtiges, Erhabenes, was ihre Position im Rudel nur allzu deutlich beschrieb. Jumaana fühlte innige Liebe, zu Sheena, Banshee und natürlich zu ihrer Mutter Engaya. Zu der Mutter dieses Rudels. Der Göttin des Lebens. Erst dann nahm sie die schmale, hochgewachsene Schwarze neben Sheena war. Einen Augenblick musste sie überlegen, wer diese Fähe war, doch als sie einen Blick aus deren eisblauen Augen einfing, wusste sie sofort, dass es Banshees Tochter Malicia sein musste, die Schwarze, die sich so innig mit Acollon verbunden fühlte. Die Weiße suchte auch den Blick der Jungwölfin, doch Sheena schien beschäftigt genug. Neben ihnen liefen noch zwei weitere Neuankömmlinge, eine braune und eine weiße Fähe. Die junge Wölfin würde genug zu tun haben. Seufzend richtete Jumaana den Blick wieder nach vorne. Aus den Augenwinkeln erfasste sie den unsicheren Blick ihrer Schwester. Jumaana öffnete ihre Schnauze, um etwas zu sagen, und schloss sie wieder, als sie die naheliegendsten Worte wieder verwarf. Sie schlug die Augen nieder und musterte den kalten, feuchten Boden unter sich, der wie die Bäume an ihr vorbeiflog. Der Regen prasselte unaufhörlich auf sie nieder und ließ sie leicht zittern. Doch Jumaana erlaubte sich nicht einen Gedanken an die Kälte, die eigentlich keine Kälte war. Es war recht warm für diesen wolkenverhangenen Herbsttag, doch wenn man alles zusammennahm hatte die Wölfin allen Grund, zu frieren. Erst der Tod Banshees, die Wiederkehr Acollons und nun auch noch die Flucht vor dem Nichts, was alles eingenommen hatte, das ihr wichtig war. Jumaana warf Majibáh einen nachdenklichen Blick zu.
“Sheena hat zu tun. Wir werden später reden. Du kannst alles fragen was du willst.“
Ihre Stimme war kalt und hart, als sie diese Worte sprach, ganz anders als sonst. Sie musste sich erst um das Rudel kümmern, bevor es ihr erlaubt war, sich um sich selbst zu kümmern. Die nächsten Worte der weißen Fähe ließen Jumaana leise auflachen.
„Familie? Pah!“, stieß sie leise keuchend hervor. „Und selbst wenn es so wäre – müsste es mir dann nicht eigentlich schon reichen, dass ich dich habe? Dass du mich gefunden hast? Und ja, ich habe Familie.“ Sie lachte noch einmal bei diesem absurden Gedanken. „Ein kleiner, weißer Welpe, der mir nicht vertrauen kann und ein schwarzer Wolf, der mir gerne vertrauen würde. Der genauso verrückt ist wie ich!“
Sie bereute diese Worte schon, als sie sie nur ausgesprochen hatte. Es war nicht so. Cirádan vertraute ihr und Takashi natürlich auch. Und sie waren beide kein bisschen verrückt. Alles nur Hirngespinste. Sie keuchte leise. Was redete sie da für seltsame Dinge. Das kann doch auf keinen Fall sie sein, die das gesagt hat!
.( Aarinath, hör sofort auf damit! ).
oO Beruhige dich, Tochter, ich habe nichts gemacht. Gar nichts. Oo Das vertraute Blitzen aus dunkelblauen Augen ließ eine Welle der Zuversicht durch Jumaanas Körper fließen. Sie ähnelten so sehr den Augen Takashis … oO Worum geht’s überhaupt, Weiße, dass du meinen kostbaren Schlaf störst? Oo Ihre Stimme war so liebevoll und abfällig zugleich. Wie froh die Weiße doch war, dass das Feenkind zu ihr zurückgekommen ist. .( Ich … ich sage Sachen, die ich nicht sagen will und … meine Stimme ist nicht mehr die meine. ). oO Nun, in deinen Gedanken klingst du immer noch wie zuvor – unwissend, klein und unschuldig. Mein Engelchen, was zählt das denn schon? Deine kleine Freundin hat dich doch aufgesucht, damit ihr reden könnt. Dennoch, ich erkenne dich nicht wirklich wieder, meine Liebe, auch wenn du doch die einzige bist, mit der ich noch reden kann. Schließlich bin ich hier bei Banshee und all den anderen guten Geistern. Du hast recht, es ist wirklich schade um sie. Aber hier oben geht’s ihr bestens! Oo Jumaana glaubte kein Wort von dem, was Takashis Mutter über Banshee erzählte, aber es tat ihr gut, von der Fähe aufgemuntert zu werden. oO Ich kenne dich nicht so verzweifelt, Tochter, hör doch auf damit! Es ist alles gut. Mein Sohn und der deine – der weiße Welpe, auf welchen Namen er auch immer hört; es geht ihnen ausgezeichnet. Sie jagen gemeinsam mit dem Bruder des Kleinen. Oo Die weiße Wölfin schluckte all das hinunter, was sie sagen wollte und spürte auch, wie der Schmerz in ihrem Herzen langsam verebbte. Glückselig lief sie weiter. Es tat immer noch verdammt gut, dass die Tote ihr Mut machte und sie nahezu dazu zwang, nicht aufzugeben. Dennoch spürte Jumaana, wie das Bild des Feenkinds langsam verblasste. .( Danke, dass du gekommen bist, Aarinath. Ich verstehe, was du mir sagen willst. Ich werde versuchen, wieder ich zu sein. ). Dankend neigte sie den Kopf – in Gedanken natürlich – und wie auf Knopfdruck verschwand das Feenkind aus ihren Gedanken.
Jumaana spürte, wie ihre Kräfte nachließen, wie immer, wenn sie gedanklich kommunizierte. Sie warf ihrer Schwester einen vorsichtigen Blick zu. Aarinath hatte recht.
„Aarinath hat recht. Verzeih mir, Schwester!“
Ein glückseliges Funkeln glitt über ihr Antlitz und schenkte den seetanggrünen Augen das vertraute Strahlen. Jumaana schluckte den Rest der bitteren Säure in ihrem Fang hinunter und spürte trotz ihrer Schmerzen, wie sie sich langsam besser fühlte. Sie würde nie erfahren, wer es war, der da Besitz von ihr ergriffen hatte, doch sie fühlte, dass es doch sie gewesen war, die abfällig über ihren Patensohn und ihren geliebten Gefährten geredet hatte. Majibáh würde es vielleicht verstehen und ihr verzeihen. Doch Jumaana konnte nur hoffen.



oO Ich will keine Stimmen mehr hören! Ich will keine Stimmen mehr hören! Oo ,
wiederholte Keskitio immer und immer wieder. Ihr Leben lang hatte sie Stimmen immer und immer zu gehört, und schon immer bestand der Wunsch, dass sie irgendwann verstummen würden. Aber die Einsamkeit war auch nicht das, was sie wollte. Dann war sie so alleine und es war langweilig. Und wenn sie bei anderen Wölfen war, dann hörte sie unermüdliche Stimmen. Sie wollten nie verstummen und redeten immer weiter. Ohne Unterlass. Konnten sie nicht endlich mal verstummen? Eine Frage, die sich Keskitio nicht nur seit ein paar Tagen stellte - nein, sie fragte sich genau diese Frage schon seit fünf Jahren.
Und genau in diesem Moment fragte sie sich wiedermal diese Frage, während sie durch den Wald trabte. Schon seit Tagen hatte sie keine Stimmen mehr vernommen, aber sie hatte doch irgendwie Angst, nie wieder irgendwelche Stimmen zu hören. Und sollten es doch nur die Seelenstimmen sein.
Plötzlich blieb sie stehen. War das nicht eine Stimme gewesen? Erwartungsvoll stellte sie ihre Ohren auf und horchte ganz genau, sie stand ganz still. oO Ob die Stimme nochmal erklingen würde? Oo , fragte sich Keskitio. Und dann erklang sie auch.
Keskitio konnte nicht anders: Sie sprang auf und ab und dann rannte sie los.

"Erkling nochmal!" , schrie Keskitio.

Noch nie hatte sie sich so auf eine Seelenstimme gefreut. Immer und immer wieder ertönte ein Name. Immer und immer wieder. Und Keskitio folgte der Stimme. Sie war kräftig. Bald schon mischte sich eine weitere, feinere Stimme ein. Keskitio kam den beiden Stimmen näher und sie freute sich. Endlich würde sie nicht mehr alleine sein! Und so rannte Keskitio immer schneller, sie wollte endlich bei den Wölfen ankommen. Sie beschleunigte ihr Tempo noch ein bisschen und schoss durch den Wald und wich geschickt den Bäumen aus. Dann war die feinere Stimme deutlich zu hören. Sie freute sich darauf, denn kein Wolf konnte ewig alleine sein.
Dann sah sie den Wolf, der zu der Stimme gehörte. Ein feiner muttiger Singsang ging von der Welpin aus. Und dieser Singsang umwob den Namen der Welpin. Es war ein schöner Name.

"Ich danke dir, Atalya, ich danke dir!"

Keskitios Stimme war freudig und klang sehr dankend. Sie stand zwei Wolfslängen von Atalya entfernt. Diese starrte vor sich. Es war das Nichts, was sie anschaute. Keskitio kannte das Nichts bereits, doch in diesem Moment konnte sie nur glücklich sein. Und in einiger Entfernung, nicht allzu weit, ertönten die Stimmen von drei weiteren Wölfen. Es waren Liam, Lucina und Madoc.
Glücklich strahlte Keskitio.



Imiák mochte dieses ganze Treiben nicht. Natürlich, sie hatte Gesellschaft anderer Wölfe gerne und liebte es, bei ihnen zu sein. Aber hier... das waren zu viele, wogegen sie eigentlich nichts hat, dazu kam aber noch das Chaos, das hier zu herrschen schien. Diese Wölfe waren auf der Flucht, doch vor was? Imiák beobachtete sie alle und legte mehrmals die Ohren an, stellte sie wieder auf. Hier ging es so bunt zu, alle waren so verwirrt, wütend, traurig, ängstlich und was wusste Imiák noch. Der Roten war das zu viel Trubel und sie wusste nicht mal um was. Hatten diese Wölfe einen ernsten Grund, sich zu fürchten? War es berechtigt, warum sie wegliefen, anstatt sich dem zu stellen ,was wohl hinter ihnen zu sein schien? Sicherlich. Dieses Rudel war stark, es war groß. Das, was sie verfolgte, musste weitaus mächtiger sein.
Imiák fand Sheenas Antwort unbefriedigend, doch sie nickte brav und stellte sich etwas näher zu Lyerra. Immerhin kannte sie die Weiße als einzige in diesem Rudel. Ihre Augen verfolgten die anderen Wölfe und sie lauschte Lyerras Worte, ehe sie diese ansah. Ihr Blick kehrte zurück zu dem Rudel und sie nickte heftig.

"Gute Idee, lass uns etwas weiter hinter ihnen laufen, damit wir sie nicht noch mit unserer Anwesenheit in Aufruhr bringen. Die scheinen ja total fertig mit den Nerven zu sein."

Es war ihr fast schon unheimlich, sich jetzt auf diese ganzen Wölfe zu stürzen, oder mit ihnen Seite an Seite zu laufen, wo sie sie doch gar nicht kannte und es hier so seltsam war. Imiák erinnerte sich erst jetzt an das Ziel, das Sheena erwähnt hatte; die Berge. Nicht schon wieder! Die rote Wölfin seufzte. Dieses Gebirge hatte sie doch satt und wollte auch nicht mehr zurückkehren. Aber gut, wenn es diesen Wölfen lieber war, sie würden ja schon wissen, warum sie das Tal verließen. Hier musste wohl eine Gefahr herrschen, die selbst für ein Raubtier wie den Wolf zu bedrohlich war.

"Was meinst du, wieso die so aufgekratzt sind?"

,fragte sie Lyerra und setzte sich wieder in Bewegung, nachdem der Abstand einigermaßen groß geworden war.



Es war gleichzeitig angenehm wie auch fast schon peinlich wie sich Rakshee über seine Unwissenheit freute. Garrett kam sich fast vor wie ein Außenseiter, so wenig wusste er doch von ihrer Welt. Er war eben so anders aufgewachsen, fern von alledem, ohne wirkliche Familie, nur mit Erzählungen. Vielleicht machte ihn das nun zu dem was er war, vielleicht wollte er ja deshalb alles wissen, weil er es einfach nicht kannte. So verdammt vieles einfach nicht kannte. Doch er hatte noch soviel Zeit in seinem Leben... hoffentlich. Wenn dies alles überstanden war, würde er noch viel mehr Fragen stellen. Er würde sich alles beibringen lassen, von Rakshee, von allen. Von der Welt dieser Wölfe vor alledem.
Als sie ihm spielerisch über die Schnauze schleckte, schreckte er fast zurück, fing sich aber im gleichen Moment und ein freches Grinsen zog sich über seine Lefzen.

“Hey, wofür war das denn!“

Er wollte keine Antwort haben, freute sich einfach mit ihr, weil sie soviel Gefallen und Spaß daran fand. So war sie wenigstens etwas von der Wirklichkeit um sie herum abgelenkt. Von ihrer Heiterkeit angesteckt lauschte Garrett ihren Worten. So, es ging einfach so, nur wenn man es wollte? Dann war er ja wirklich ein ganz schöner Hinterweltler... wo hatte er vorher gewohnt? Hinter dem Mond? Also einfach... denken. Naja das konnte ja nicht so schwer sein. Irgendwie würde er das schon hin bekommen. Als sie ihm auch noch ihre Götter erklärte nickte er leicht. Ja, das hatte er verstanden. Leben und Tod, ja das gab es überall. Und wahrscheinlich gab es auch überall Götter außer bei ihm, nur das sie hier eben Namen trugen. Vielleicht auch anderswo Namen trugen. Ganz andere.
Er lehnte den Kopf etwas zurück, wandte die Augen etwas zum Himmel und fixierte ihn mit seinem blauen Blick.

.oO“ So, also ähh... Engaya es wäre sehr nett wenn wir alle hier das hier überleben würden. Ich würde so gern noch viel viel mehr über ihr Leben erfahren. Es wäre Schade wenn mein Aufenthalt hier nur von so kurzer Dauer wäre. Mein Leben ist mir dabei nicht einmal wichtig.“Oo.

Sprach er leise in Gedanken und kam sich danach trotzdem irgendwie wie der letzte Idiot vor. Prüfend wandte er den Kopf zur anderen Seite, als würde er erwarten das dort nun ein Wolf stand, eine Göttin in Fleisch und Blut, aber natürlich war da nicht, also drehte er den Kopf wieder ganz herum, zur anderen Seite, zu Rakshee. Er würde ihr besser nichts von seinen kümmerlichen ersten Betversuchen erzählen. Sie würde wahrscheinlich nur lachen. Also kam der junge Rüde ganz einfach, als wäre nie etwas geschehen auf ihre Frage zurück.

“ Natürlich ist es einsam. Aber ich kannte es damals nicht anders. Erst jetzt merke ich was ich alles so verpasst habe. Damals war es einfach so, wenn man es nicht anders kennt, fechtet man es nicht an, weil es sowieso nicht anders geht. Ganz einfach eigentlich.“

Ja, damals hatte er es einfach nicht anders gekannt, er hatte es normal empfunden ohne Andere zu leben und sich später gefragt warum die meisten Wölfe denn alle so anders lebten als er es kannte. Dabei war er einfach nur anders gewesen. Aber es hatte ihn nie angebrochen. Es war immer okay so gewesen. Denn er konnte noch immer alles lernen. Und er würde.