Majibáh
03.04.2011, 22:01

Majibáhs Kopf ruhte auf ihren Pfoten, er fühlte sich schwer an und in ihm schwirrten so viele Gedanken, dass sie schon lange aufgegeben hatte mit der Versuch, ihnen zu folgen. Die Müdigkeit hatte die Macht über sie erlangt, sie verbrachte ihre Zeit damit, vollkommen erschöpft hier zu sein. Vermutlich sollte sie aufstehen und nach irgendjemandem suchen, der die Langeweile vertrieb. Aber sie schaffte es nicht, sich selbst zu überwinden, weil ein heftiger Schmerz sie jedes Mal durchzog, wenn sie versuchte sich zu erheben. Ein kleiner Teufelskreis. War sie alleine, besserte sich auch ihr körperlicher Zustand nicht. Wäre sie nicht so kraftlos, könnte sie auf jemanden zugehen. Ein leises Seufzen drängte sich aus ihr hinaus, blieb einige Sekunde hängen und verflüchtigte sich dann, ohne jemals gehört worden zu sein. Als wäre es genauso unbedeutend wie die anderen Geräusche, in denen nicht so Verzweiflung lag wie in ihrem.
Vor ihr tauchte ein Bild auf, das ihre Idealvorstellung der nächsten Momente darstellte. Jarrèll Nathaniêl tauchte vor ihr auf, es schien, als wäre er aus dem Nichts gekommen. Oder möglicherweise hatte sie nicht darauf geachtet, woher er gekommen war. Weil es egal war. Wichtig war nur, dass er da war. Hier. Bei ihr. Ja, sie kannte ihn nicht gut, keineswegs, aber sie wusste, dass er unheimlich liebevoll war. Sonst hätte er sie in dieser einen Nacht sterben lassen, und sich selbst das Leben gerettet. Immerhin war es wesentlich gefährdeter, als er mit ihr im Sturm blieb. Der Gedanke an diesen Tag gab ihr immer wieder die Kraft zu kämpfen, und sie war so froh, dass er nun erschienen war. Ihr größter Wunsch war es nun einmal, mehr von ihm zu erfahren. Von der Traurigkeit in seinen Zügen, die er hatte überspielen wollen. Und die Gründe, warum er nicht gegangen war. Die Weiße verstand eine scheinbare Unendlichkeit lang nicht, dass genau das geschehen war und der Rüde nicht weit von ihr entfernt stand. Wenn sie sich nicht so nach dem Gespräch mit ihm gesehnt hätte, hätte sie vermutlich darauf gewartet, dass er auf sie zukam – ein sinnloses Vorhaben, immerhin stand er mit dem Rücken zu ihr und hatte sie nicht einmal bemerkt. Stattdessen rief sie ohne eine Sekunde des Zögerns nach ihm:

„Jarrèll!“

Jarrèll Nathaniêl
04.04.2011, 17:40

Der tiefe Schnee machte das Vorankommen mühsam, dennoch trabte Jarrèll Nathaniêl mit gleichmäßigen Schritten durch die weißen Massen, die hinter ihm pulvrig aufstieben und ihm wie ein Schleier aus dichtem Nebel auf seinem Weg folgten. Die klirrend kalte Luft brannte in seinen Lungen, doch der Rüde empfand den Schmerz beinahe als befreiend. Sein Atem stieg in kleinen Dampfwölkchen dem Himmel entgegen, verloren sich jedoch bald im endlosen Grau des Tages. Für einen Augenblick blieb der Silberne stehen und ließ seiner Schnauze eine weitere kleine Wolke entschweben. Immer noch verspürte er ein Stechen in seiner Brust, doch sein Körper gewöhnte sich schnell an die Anstrengung und die eisigen Temperaturen, auch wenn das weiß schimmernde Fell der Wolfes in dieser Jahreszeit nicht so dick war, dass es ihm wohlig war hielt. Jarrèll seufzte und schickte noch ein Atemwölkchen auf die Reise gen Himmel, seine Gedanken kreisten um Majibáh, die weiße Wölfin die er alleine am See zurückgelassen hatte, als er zur Rudelversammlung aufgebrochen war. Seit diesem Moment tauche öfters denn je ihr Antlitz in Jarrèlls Geiste auf und manchmal ertappte er sich dabei, sich zu fragen, ob sie sich wohl noch an ihn erinnere. Die Nacht im Sturm die er damals an ihrer Seite verbracht hatte war ihm so lebendig in Erinnerung, als wäre es gestern gewesen und schien dennoch lange zurück zu liegen. Vermutlich war der Fähe nicht mehr als eine flüchtige Erinnerung geblieben an jene schicksalhaften Stunden, wenngleich sie auf seinen Rat gehört hatte, al er sie bat bei ihrer Schwester zu blieben, wobei dies vielmehr Jumaanas eigener Wunsch gewesen war, den er weitergereicht hatte. Vermutlich war es nicht von Bedeutung gewesen, dass er, Jarrèll Nathaniêl, es gewesen war, der sie vom Gehen abgehalten hatte, es war lediglich darauf angekommen, dass irgendjemand es getan hatte. Ungeachtet aller Zweifel tauchte vor Jarrèlls innerem Auge dennoch immer wieder das Bild Majibáhs auf, nach Jumaanas gehen, als der Silberne für eine Moment zurückgeschaut hatte und die Weiße ihm so einsam vorgekommen war wie nie zuvor. Aber vermutlich war sogar das lediglich Einbildung, sie hatte sicherlich gute Gründe gehabt weder ihrer Schwester und schon gar nicht ihm zur Versammlung zu folgen. Mit einem weiteren Seufzer wollte der Rüde sich wieder in Bewegung setzten, als er eine Stimme vernehm die er unter tausenden erkannt hätte. Majibáh! Im ersten Augenblick glaubte er, es sei lediglich Einbildung und wollte sich schon selbst einen Dummkopf schimpfen, als er dennoch den Kopf wandte, doch tatsächlich erblickte er im düsteren Licht des kalten Tages die Gestalt der Weißen und ihre blauen Augen in einem satten Kontrast zur fahlweißen Landschaft schimmern.

„Majibáh“, des Silbergrauen Stimme nahm einen warmen Klang an und eines seiner seltenen Lächeln huschte über sein Gesicht, „Wie geht es dir?“

Majibáh
04.04.2011, 19:09

Majibáh war immer noch nicht völlig davon überzeugt, dass ihr Traum gerade zur Wirklichkeit geworden war. Vielleicht musste sie dazu wirklich an der äußersten Grenze zur Ohnmacht sein, betäubt von den Schmerzen durch die Kälte, die man immer mehr spürte, wenn man hungerte. Genau das beschrieb die jetzige Situation wie auch die vor etwas mehr als einem Jahr, als sie endlich auf das Rudel stieß, in dem ihre Schwester die ganze Zeit über gelebt hatte. Es war zu ihrer Heimat geworden, und gleichzeitig ein Fluch, vielleicht weil sie zu viele Erwartungen gehabt hatte, zu viele Illusionen, weil sie sich selbst zu viele Versprechen gemacht hatte, die sie nicht einhalten konnte. Schließlich war es mehr oder weniger ihre eigene Schuld, dass sie im Allgemeinen ein pessimistisches, trauriges Wesen hatte. Aber in der letzten Zeit hatte sie begonnen fest daran zu glauben, dass alles sich ändern würde. Ja, sie musste dazu kämpfen, es war nicht einfach, doch es ging um sie, um ihr Leben, darum, sich nicht selbst zu verlieren, und das war es auf jeden Fall wert. Die Weiße schreckte aus ihren Gedanken, als sie Jarrèll Nathaniêls Worte hörte, wie ein fließender Strom, der sie kühlte, weil sie die Hitze nicht ertrug, ein überlebenswichtiger Tropfen Wasser, wenn sie kurz davor war zu ertrinken. Ein leichtes Schmunzeln verwandelte ihre trüb dreinschauenden Augen zu einem schönen Anblick, und sie fühlte die Anspannung in ihrem Körper weichen.

„Schon wesentlich besser bei dem Gedanken, nicht mehr alleine sein zu müssen“,

erwiderte sie in einer sanften Stimme und wandte ihren Blick nicht von ihm ab. Sonst wäre es unmöglich für sie gewesen zu glauben, dass er wirklich gerade bei ihr war und sie nicht weiterhin in ihrer Einsamkeit verharren musste, während sie sowohl körperlich als auch seelisch mit jeder Sekunde mehr Kraft verlor. Seine Anwesenheit gab ihr Hoffnung, weil sie das Gefühl hatte, unheimlich viel von ihm zu lernen.

„Wesentlich wichtiger ist es allerdings, wie es dir geht.“

Ihr Atem stockte für einen kurzen Moment, sie wusste nicht, ob sie es wagen sollte, ihn zu seiner Vergangenheit zu befragen. Aus Angst davor, dass er mit Wut reagierte oder sich ihr gegenüber verschloss, wobei Letzteres immer noch die wesentlich schlimmere Vorstellung war. Im Endeffekt besiegte die Neugier ihre Zweifel, die beide schon seit ihrer Geburt sehr groß gewesen waren. Alles floss nur so aus hier heraus, und sie gab alles genauso wieder, wie sie es selbst auch erlebt hatte. Nur in einem Punkt hatte sie sich nicht verändert: sie war stets ehrlich und sprach Komplimente offen aus, auch auf die Gefahr hin, dass man sie deshalb falsch einschätzte.

„Ich habe oft darüber nachgedacht, warum du in dieser Nacht bei mir geblieben bist und mich nicht zum Sterben zurückgelassen hast, obwohl du mich nicht kanntest. Warum du mich so traurig, mitfühlend und wissend angeschaut hast. Wieso ich glaube, dass du Ähnliches erlebt habe. Und weshalb ich ein unheimliches Vertrauen zu dir entwickelt habe, wo ich mich inoffiziellen Befehlen ziemlich gerne widersetze. Aber als du mir gesagt hast, dass ich bei Jumaana bleiben soll, irgendwas hat mir gesagt, dass ich mich darauf verlassen kann, das Richtige zu tun, wenn du es für das Richtige hältst.“

Jarrèll Nathaniêl
05.04.2011, 17:20

Mit federnenden Schritten trat der Rüde Majibáh entgegen und ließ sich schließlich neben ihr in den bauchhohen Schnee sinken. Zu Jarrèlls Erstaunen war es ein angenehmes Gefühl die Fähe in seiner Nähe zu wissen, auf einen bemerkenswerte Art und Weise machte sie die drückende Last seiner Seele leichter. Ihre sanfte Stimme klang angenehm und ihre Worte ehrlich, ihr Interesse an seinem Wohlergehen war nicht geheuchelt, sondern klang ganz und gar ernsthaft. Aber entgegen ihrer Worte war es nicht von Bedeutung wie er sich fühlte, das war es schon so lange nicht mehr, denn wie es sich anfühlte, wenn man wirklich aus ganzem Herzen glücklich war hatte er schon lange vergessen.

„Gesellschaft lenkt ab“,

antwortete der Rüde ausweichend und mit einem Lächeln auf den Lippen, welches unter der fröhlichen Oberfläche ungewöhnlich viel seiner inneren Bedrücktheit offenbarte, doch er wollte die Weiße, die selbst wirkte als wäre ihr das Herz schwer, kein einzige Sekunde lang mit seinen Problemen belasten. Sie würde ihm nicht helfen können, keiner konnte das, es würde noch unzählig viele Monde vergehen, bis die Zeit die Wunden seiner Seele zu hässlichen Narben werden lassen würde, solche wie die, die seinen Körper zeichneten. Sie würde ihn für immer an das Geschehene erinnern, auch wenn sich der Schmerz irgendwann legen sollte, wie stumme Mahnungen würden sie ihn daran erinnern, nie wieder irgendwen durch seine Fehler zu gefährden.
Wie scharfe Zähne bohrten sich die nächsten Worte der Fähe in sein Herz. Sie stellte Fragen. Wollte Antworten, Antworten, die er ihr schuldete, auf Fragen von denen er gewusst hatte, dass sie kommen würden, früher oder später. Er würde ihr antworten. Er musste ihr antworten. Sie sprach von Vertrauen, Vertrauen von dem sie wissen musste, dass er es nicht verdiente. Er war und blieb ein Schuldiger, ein Mörder wenn man so wollte, jemand der es nicht verdiente Vertrauen entgegengebracht zu bekommen. Seine Kehle war trocken als Jarrèll Nathaniêl erneut zum Sprechen ansetzte.

„Weil ich nie wieder zulassen will, dass ein Wolf stirbt, wenn ich es hätte verhindern können“,

der erste Satz klang brüchig, doch schnell nahm seine Stimme erneut den Tonfall distanzierter Beherrschtheit an, die er im Laufe der Jahre zur Perfektion gebracht hatte, als er scheinbar zusammenhanglos fortfuhr.

„Jeder hat eine Last zu tragen in seinem Leben, man kann sich nicht aussuchen welches Los einen trifft, doch man kann jedes Mal neu entscheiden und versuchen das Richtige zu tun. Dich nicht alleine zu lassen war in jener Nacht das einzig Richtige. Und es waren nicht meine Worte die ich dir am See vortrug, sondern einzig und allein Jumaanas Bitte, jeder andere hätte an meiner Stelle nicht mehr und nicht weniger getan. Ich wünschte ich hätte mehr tun können, für Jumaana und vor allem für dich, denn dein Vertrauen verdiene ich nicht...“

Majibáh
06.04.2011, 15:41

Jarrèll Nathaniêl wirkte unheimlich überzeugend, wenn er versuchte, etwas glaubhaft drazustellen. Trotzdem waren der Weißen immer leise Zweifel geblieben, die an ihr nagten, und auch heute war es nicht anders. Zuerst hatte er versucht ihr auszuweichen, und doch schien er es nicht wirklich auszuhalten, er wirkte auf einmal fast nervös, obwohl er versuchte, es zu verbergen. Worte brachen aus ihm heraus, die sie so sehr an ihre eigene Verzweiflung und die daraus entstandene Sichtweise erinnerten, bestätigten diese Angst und vertieften sie, machten es ihr unmöglich ihm zu glauben. Nein, sie konnte noch immer nicht genau verstehen, was geschehen war, dass ihn so reden ließ, aber sie war sich sicher, dass sie die Möglichkeit hatte es zu erfahren. Es wäre unheimlich nützlich gewesen, wenn er ihr etwas schuldig gewesen wäre und nicht andersherum, dann hätte sie einen Grund, die Wahrheit von ihm zu verlangen. Verzweifelt suchte sie nach einem anderen Mittel, um ihm zum Reden zu bringen. Natürlich war ihr bewusst, dass man eigentlich niemanden dazu zwingen sollte etwas über sich und seine Vergangenheit zu erzählen, doch das war anders. Bestimmt wäre es gut für ihn, und er wusste es einfach nicht oder war so von Selbsthass geprägt, dass er sich das gar nicht gönnte. Ebenso wie sie. Daraus konnte sie folgern, dass er – genauso wie sie – unheimlich schnell vertraute und bedingungslos liebte. Außerdem war er ziemlich fröhlich erschienen, als sie nach ihm gerufen hatte, und er war in dieser Nacht bei ihr geblieben. Natürlich, er wollte sie schützen, vor dem Leid, das er erlebt hatte, und er fühlte sich für sie verantwortlich. Beide waren gleichen Alters und unterschiedlichen Geschlechts, und trotzdem hatte er etwas die Rolle der Mutter eingenommen und sie selbst die der Tochter. Dieser letzte Gedanke brachte die Idee, auf die sie schon seit ewig wirkenden Minuten des Schweigens gewartet hatte. Vermutlich konnte er es sich erschließen, dass sie nicht ohne Grund eine so lange Zeit hatte vergehen lassen, bis sie auf das reagierte, was er gesprochen hatte. Daher sprach sie ihre ersten Sätze so schnell aus, wie es ihr nur möglich schien, und stolperte immer wieder auch über irgendeinen Buchstaben, doch es war ihr egal. Nur der Inhalt zählte, und nur darauf achtete er, das spürte sie.

„Du verdienst mein Vertrauen, wenn ich deines auch verdiene und wenn du mir die Möglichkeit gibst, dir das zurückzugeben, was du mir geschenkt hast. Es fällt einem leichter mit der Trauer umzugehen, wenn man nicht mehr der Einzige ist, der diese Last auf den Schultern trägt. Glaub' mir, ich werde dich nicht verurteilen, denn ich habe schon eine Meinung von dir, und die ist so positiv, wie du es dir gar nicht vorstellen kannst. Egal was mich erwartet, ich bin auf das Schlimmste vorbereitet, und selbst das würde mich nicht davon abbringen, dich zu mögen. Bitte, ich sehne mich so sehr nach einer Antwort auf meine Fragen, ich möchte niemandem das Gefühl geben, er muss Leid von mir fernhalten, schließlich ist es nicht so.“

Ihre Stimme verwandelte sich in ein Flehen, und ihre blauen Augen, in denen Tränen aufstiegen, suchten seinen Blick, er konnte ihr nicht ausweichen und sie auch nicht in ihrer Verzweiflung lassen, das wusste sie. Es beunruhigte sie selbst fast ein bisschen, dass sie gemerkt hatte, wie ernst sie das alles meinte, und dass es doch nicht gespielt war, wie sie im ersten Moment gedacht hatte. Deshalb hatte sie sich gar keine Mühe geben müssen, nicht wie eine Schauspielerin zu wirken. Jetzt merkte sie, dass sie es zwar gerne sah wenn man um sie kämpfte, sie aber auch selbst für andere kämpfen wollte. Für die, die ihr wichtig waren, und das war er... so seltsam es für andere und auch sie selbst klingen mochte.

Jarrèll Nathaniêl
07.04.2011, 19:20

Ein unendlich anmutender Moment verging bevor Majibáh dem Rüden antwortete. Es schien als hätte sie sehr genau überlegen müssen was sie hatte sagen wollen und nun da sie die passenden Worte gefunden zu haben glaubte sprudelten sie nur so aus ihr heraus. Es war nicht fair, was er getan hatte. Mit dem Versuch ihr mit der gleichen kühlen Distanz zu begegnen, ihr nicht zu zeigen, dass er selbst nicht annähernd so stark war wie er vorgab zu sein, dem nicht zu brechenden Willen ihr Halt geben zu wollen, wo er selbst doch bereits vor langer Zeit über die Klippe gestürzt war und scheinbar schwerelos über einem klaffenden Abgrund hing, an einem Rettungsseil, gesponnen aus Illusionen und einem Überlebenswillen, den die Zeit würde spröde werden lassen, der früher oder später zerschnitten werden würde, von all den messerscharfen Scherben in die sein Innerstes zerborsten war, als über die Kante fiel, mit diesem verzweifelten Wunsch hatte er alles nur noch schlimmer gemacht, hatte die weiße Wölfin ebenfalls gefährlich nahe an ebenjene Steilwand geführt, die ihm zu Verhängnis wurde. Er hatte gespürt, dass sie nach einem Hebel gesucht hatte, ihn zum Reden zu bringen, doch er hatte ihr keinen geliefert, nur diesen einen winzigen Spalt in seiner versigelten Schale, vielleicht seine einzige Schwachstelle. Majibáh schien erkannt zu haben, dass sein vermutlich edelster Zug, seine größte Schwäche darstellte. Sein unbändiger Beschützerinstinkt, sein Verlangen danach alles und jeden vor Gefahr zu bewahren, dabei sich selbst für andere aufzugeben, doch niemals zu nehmen. Einst hatte dies ihn zu einem gütigen, fürsorglichen Leitwolf gemacht, doch letztendlich war er daran zerbrochen, daran, dass er versagt hatte als es mehr denn je darauf angekommen war. Im Rudel hatte man ihn ob seiner klugen Entscheidungen respektiert und für seine Güte und Gerechtigkeit geschätzt, er war angesehen gewesen, doch niemals hätte er seine Autorität missbraucht oder wäre überheblich geworden. Scheinbar mühelos hatte er die Last der Verantwortung getragen, einzig Shayné Dalýn hatte er seine Sorgen und Zweifel anvertraut. Die kluge Fähe, die er in sein Herz geschlossen und so sehr geliebt hatte, wie er es sich nie hätte träumen lassen, hatte ihm immer zur Seite gestanden, mit Worten sowie Taten. Ihr Bild blitze vor seinem inneren Auge auf, mit dem für sie typischen sanftmütigen Lächeln auf den Lefzen.
Glutheiß brannte die unter dichtem Fell verborgene, gezackte Narbe auf seiner Wange bei diesen Gedanken, wollte ihn für immer daran erinnern, was danach geschehen war, die fatalen Stunden in denen er in einem Spiel auf Leben und Tod alles gesetzt hatte und alles verlor. Jarrèll Miene verzog sich unbewusst, ein Ausdruck des Schmerzes schlich sich auf sein Antlitz, als er in Majibàhs Augen blickt und Tränen darin schimmern sah, die seinen eigene Verzweiflung zu spiegeln schienen. Als er zum Sprechen ansetzte fühlte sich seine Zunge bleiern an, sein Gaumen trocken und sein Stimme klang tonlos aber fest.

„Niemandes Vertrauen verdiene ich, denn die, die mir vertrauten bezahlten mit ihrem Leben. Ich scheue nicht dein Urteil, denn nichts wird meine Schuld mindern können und ich möchte dir die Wahrheit nicht vorenthalten, doch ich möchte vergessen. Vergessen war geschah, vergessen all die Bilder die mich nachts in meinen Träumen verfolgen, die Geräusche die mich zusammenschrecken lassen, die jedes Mal erneut die Erinnerungen an die Vergangenheit heraufbeschwören, die mich verfolgt und einholt ganz gleich wie weit ich laufe. Ich spielte ein leichtfertiges Spiel um alles oder nichts. Ich wollte alles, doch nichts bleib mir… Nun wünsche ich nur noch zu vergessen, doch ich weiß, dass ich die Erlösung, die der Verlust meiner Erinnerungen darstellen würde, nicht verdiene.“

Majibáh
07.04.2011, 19:52

Jarrèll Nathaniêl traf genau ihren wunden Punkt. Unbewusst, doch im ersten Moment geriet sie so in Rage, dass sie sich nicht daran erinnern konnte. Seine Worte weckten das Gefühl in ihr auf, nichts wert zu sein, dass es nichts zählte, was sie dachte und was ihre Meinung war. Die Blauäugige merkte gar nicht, dass es ihre Stimme war, die erklang und sie hatte keine Ahnung, was sie ihm erwiderte. Sonst hätte sie es möglicherweise im letzten Moment noch verdrängen können. Leider merkte sie es nicht und als ihr bewusst wurde, wie stark ihre Wut zum Vorschein kam, erschrak sie selbst vor ihrer Kälte.

„Und in Wirklichkeit weißt du genau, dass deine Vergangenheit immer Bestandteil deines Lebens bleiben wird“,

gab die Fähe zurück und bemühte sich, ihren schnippischen Ton zum Schluss noch etwas abzudämpfen. Vergeblich. Der kleine Anflug von Zorn hatte sie noch immer nicht verlassen, auch wenn sie verzweifelt dafür kämpfte, denn schon wenige Sekunden, nachdem sie das ausgesprochen hatte, bereute sie es bereits. Nichts hätte ihm mehr Mut nehmen können als das, was sie ihm so eben an den Kopf geworfen hatte, nur weil sie sich in ihrem Wahn des Stolzes gekränkt fühlte. Dabei war sie nichts wert, weder im Rudelleben noch für irgendjemand sonst. Selbst ihre Schwester hätte garantiert keine Probleme damit, ihren Verlust zu verkraften, und der Rest, der Rest kannte sie noch nicht einmal. Wie gerne wäre sie jetzt auf sich selbst losgegangen, ihre Zähne durch ihr Fell und ihre Haut hindurch zu bohren. Es war einfach nicht fair von ihr, die Art, wie sie ihn behandelte, obwohl sie genau wusste, wie schlecht es ihm ging. Und dann machte sie ihn dafür verantwortlich, dass er nicht gerne über diese Ereignisse sprach. Majibáh konnte das einfach nicht so stehenlassen und setzte gleich nach:

„Verzeih mir, ich will dir die Hoffnung nicht nehmen. Schließlich wird jeder sich irgendwann einmal an alles Schlimme erinnern, was ihm widerfahren ist, ohne dass es ihn darin zurückversetzt. Die Zeit heilt alle Wunden, wie man so schön sagt. Aber ich habe mir vorgenommen, jeden vor dem Leid zu bewahren, das ich erfahren habe, und es denjenigen zu nehmen, die den Schmerz schon gespürt haben. So schnell es geht. Wenn man mir das verweigert, habe ich das Gefühl, nicht vertrauenswürdig zu sein. Erst Recht bei dir... du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich dir helfen und für dich da sein will. So wie du es warst. Und wenn ich mit meinem Leben bezahlen muss, das wäre mir dein Vertrauen wert. Es tut mir so Leid, ich habe dich gar nicht verdient.“

Einige Male überschlug sich ihre Stimme, so hastig brachte sie die Worte, die sich schon vorher in ihren Gedanken geformt hatten, zur Sprache. Währenddessen trat sie etwas auf ihn zu und lehnte ihren Kopf an seinen Körper, spürte seine Wärme in sie überfließen und nahm ihr das Zittern, die unendliche Angst davor, dass er nicht verstand, warum sie so heftig reagiert hatte. Plötzlich konnte sie die Tränen nicht mehr zurückhalten und sie nässte damit sein weißes Fell. Ein unaufhaltsamer Strom, der aus ihr herausfloss, ein Strom des Leidens der letzten Jahre, und sie wusste, sobald sie sich beruhigt hatte, stand sie schon ein bisschen näher am Licht.

Jarrèll Nathaniêl
12.04.2011, 15:47

Majibáhs scharfe Worte trafen den Kern der Sache haargenau. Und das wusste Jarrèll, auch wenn es ihm schwer fiel es zu akzeptieren, nichts und niemand würde es ungeschehen machen. Der zornige Tonfall der Fähe machte Jarrèll noch unglücklicher. Sie hatte allen Grund wütend auf ihn zu sein, sie hatte ihn lediglich um die Wahrheit gebeten und stattdessen hatte er ihr Selbstmitleid und Halbwahrheiten hingeworfen. Sie hatte ihm helfen wollen und er, er hatte sie seine Verbitterung spüren lassen, die ihm selbst so fremd vor kam, wenn er sich reden hörte, niemals hätte er es früher gewagt einem hilfsbereiten Wolf dermaßen schroff zurückzuweisen. Entsetzten rieselte wie feiner Staub auf ihn nieder, sie würde gehen und er würde alleine in der Kälte zurückbleiben, mit dem Wissen, dass er ganz allein Schuld am Fortgehen der Blauäugigen hatte und mehr denn je würde das Gefühl des Selbsthasses in ihm aufflammen. Ein eiserner Ring legte sich um seine Brust, es würde so kommen, zu sehr hatte er die Weiße verletzt, als dass sie bleiben würde. Umso mehr erstaunten ihn die Worte, die die Fähe hastig hinterher schob und ihre Gesten, als sie sich an ihn schmiegte und leise zu weinen begann. Jarrèll schloss die Augen und schluckte, es tat gut ihr nahe zu sein und so paradox es auch klingen mochte, ihre Nähe gab ihm die Kraft für sie da zu sein und sie trösten zu können.

„Es ist alles gut, Majibáh, alles wird gut“,

Jarrèlls Stimme war vielmehr ein Flüstern und als er die Worte aussprach begann er selbst daran zu glauben, vielleicht, ja möglicherwiese hatte sie Recht, die Zeit heilt alle Wunden, hatte sie gesagt, vielleicht war es für ihn an der Zeit sich dem Vergangenen zu stellen um wieder eine Zukunft haben zu können.
„Es gibt nichts was ich verzeihen müsste, vermutlich hast du recht, ich werde für immer damit leben müssen, aber die Zeit wird es leichter machen“,
der Silberne lächelte traurig bevor er fortfuhr, für einen Moment konnte man Hoffnung in seinen grünen Augen aufblitzen sehen.

„Majibáh, ich vertraue dir mehr als irgendjemandem sonst, vielleicht sogar mehr als mir selbst, das musst du mir glauben. Ich möchte dir die Wahrheit nicht vorenthalten, doch ich will dein Vertrauen nicht verlieren, verstehst du? Dass du mir vertraust bedeutet mir mehr als du dir auch nur entfernt vorstellen kannst, aber ich habe Angst, Angst davor, dass du dich von mir abwendest, dass du mich hasst, wenn du die Geschehnisse kennst die mich zu dem machten der ich heute bin. Ich möchte für dich da sein Majibáh und… und dir nicht noch mehr Sorgen bereiten, als du sie ohnehin schon hast… Sag so etwas nicht, denn nichts und niemand auf der Welt ist es wert, dass du dafür dein Leben opferst. Nein, nein Majibáh, ich habe dich nicht verdient nicht andersherum, ich habe die Chance nicht verdient die du mir geben willst… und ich bin unendlich dankbar, dass du mir sie dennoch zu geben gewillt bist…“

Die Worte waren mehr geflüstert als gesprochen, in einem rauen, aber sanften Tonfall und gegen Ende wurde Jarrèlls Stimme immer leiser, dennoch zweifelte der Rüde nicht daran, dass die Fähe sie gehört hatte.

Majibáh
21.04.2011, 16:19

Majibáh wartete nach jedem seiner Worte geduldig ab, ob nicht weitere folgen würden, und, auch wenn sie sich das nicht wirklich erklären konnte, war sie froh darüber, dass er lange Zeit nicht verstummte. An dem Inhalt konnte es nicht liegen, es enttäuschte sie fast ein bisschen, dass er immer noch nicht darüber reden wollte, und langsam begann sie sich, die schlimmsten Dinge auszumalen. Vielleicht hatte er jemanden getötet, den er einmal geliebt hatte, aus Gründen, die weder für ihn noch für irgendjemand anderen im Nachhinein nachvollziehbar waren, etwa weil sein Feind Gerüchte verbreitete, denen er glaubte oder aus Eifersucht, Neid, der Gier nach Macht. Eigentlich war alles möglich, und sie versuchte sich mehrmals dazu zu zwingen, nicht weiter darüber zu philosophieren, aber es gelang ihr nicht. Es war nicht fair ihm gegenüber, ihn als einen Mörder hinzustellen, obwohl sie sich das wirklich nicht vorstellen konnte und er es auch vermutlich nicht war. Nein, das konnte er nicht, und sie schämte sich unendlich dafür, dass sie trotzdem darüber nachdachte, ob es möglich wäre. Irgendwann, nach einer schier unendlich wirkenden Zeit, schaffte sie es endlich, sich zusammenzureißen und nicht weiter irgendwelche Vorurteile zu entwickeln.
Die Fähe bemerkte, dass er nun schon seit einiger Zeit schwieg und jetzt wusste sie, warum es so schön war, wenn er mit ihr sprach – weil seine Stimme so sanft war und er auch so mit ihr umging und weil es sie daran erinnerte, dass sie nicht alleine war und jemand der Einsamkeit keine Gelegenheit gab, sie wieder völlig zu beherrschen und sie beinahe zu einer Verrückten zu formen, die in ihrem Wahnsinn zu allem fähig zu sein schien. Ein Lächeln huschte über ihr Antlitz und verschwand ebenso schnell wieder, wie es erschienen war, doch dafür war es gefolgt von einem zweiten, das viel länger hängen blieb und nicht etwa Freude über seine ausweichende Antwort zeigte, sondern einfach ihr Glück darüber, dass er so nahe bei ihr war, so nahe, dass sich ihre Körper berührten und er sie auffing, nachdem sie Schwäche gezeigt hatte. Der Rüde hatte zugelassen, dass sie sich an ihn lehnte und sie nicht zurückgewiesen, als sie ihn so schroff behandelt hatte. Für dieses Gefühl, dass ich in ihr ausbreitete, war sie unendlich dankbar und deshalb konnte sie auch keine Sekunde lang wirklich Wut darüber empfinden, dass er ihr immer noch nichts von seiner Vergangenheit erzählt hatte. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich wieder frei, jetzt, wo er ihre Tränen getrocknet waren und er ihr bedingungslos verziehen hatte.
Mittlerweile war er sich sicher, dass er nichts mehr hinzufügen wollte und es wäre auch unnötig gewesen. Ihr Blick lag in seinen grünen Augen, in denen man sich verlieren konnte, weil sie so unheimlich tief waren und tausende Geschichten erzählten, die sie nicht entschlüssen konnte. Wie schön diese Farbe doch war, so leuchtend und auf eine seltsame Weise vermittelten sie eine unvorstellbar großen Willen und eine Stärke, die einen auf seine Überlegenheit hinwies, sowohl seelisch als auch körperlich. Jedenfalls täte sie das, wenn man ihm feindlich gesinnt wäre, und das war sie nicht, also empfand sie nicht die geringste Angst vor ihm, im Gegenteil, sie fühlte sich von ihm beschützt und umsorgt.

„Jarrèll Nathaniêl, erzähl es mir einfach.“

Obwohl sie sich zu Beginn viel Mühe gab, beleidigt und eingeschnappt zu wirken, gelang es ihr nicht, wirklich ernst zu bleiben. Jedenfalls überzeugte sie nicht einmal sich selbst, und so brach sie am Ende in ein lautes Lachen aus. Sie hatte so lange nicht mehr gelacht, und am liebsten hätte sie noch stundenlang nichts anderes mehr gemacht. Aber sie wollte nicht, dass er glaubte, sie lache ihn aus, und so riss sie sich trotzdem zusammen.

„Tut mir Leid, es war nicht meine Absicht über dich zu spotten; ich kann nur nicht wirklich zornig sein. Nicht deswegen. Trotzdem bitte ich dich inständig, mir von deiner Vergangenheit zu erzählen. Glaube mir, ich werde dich nicht verurteilen, ich habe bereits eine Meinung von dir und die wird sich nicht ändern. Jeder macht in seinem Leben Fehler, und jeder macht fatale. Bei dir ist es bis jetzt bei einem geblieben, soweit ich das aus dem, was du gesagt hast, schließen kann. Natürlich empfindet man das, was man selbst verursacht hat, schlimmer als das, was andere verursachen. Du machst es nicht besser, wenn du es mir verschweigst, dann male ich mir nur die schlimmsten Dinge aus, und in Wirklichkeit kann es nur harmloser sein. Bitte. Ich möchte dir so gerne helfen und für dich da sein, so wie du es für mich warst, ich bin dir einfach so viel schuldig, und man sollte von niemandem erwarten, so eine große Last alleine tragen zu müssen. Wenn du es schon nicht dir zuliebe tust, dann tu' es mir zuliebe.“

Die Weiße war selbst über die unheimliche Ehrlichkeit erstaunt, die man wohl auch heraushören konnte, zumal sie nie diejenige gewesen war, die eine gelegentliche Lüge nicht verzeihen konnte und sie gab auch zu, dass diese bei ihr selbst auch vorkamen. Mal um jemanden zu etwas zu überreden, wie just in dieser Situation, oder um etwas nicht zugeben zu müssen, es gab so unendlich viele Erklärungen, sie hätte noch Tage damit verbringen können sie alle aufzuzählen. Jetzt allerdings war es gar nicht notwendig, alles floss so aus ihr heraus, was sie in den Jahren des Alleinseins beobachtet und herausgefunden hatte... und als sie ihre kleine Rede beendet hatte, sehnte sie sich schon wieder nach seiner Reaktion. Voller Erwartung und mit der Hoffnung, dass er ihr endlich alles gestand, musterte sie ihn.

Jarrèll Nathaniêl
07.05.2011, 15:49

Jarrèll hatte aufgegeben, aufgegeben die Erinnerungen an jenen verhängnisvollen Tag verdrängen zu wollen, aufgegeben leugnen zu wollen er einst gewesen war, aufgegeben verbergen zu wollen wie tief die Narben waren, die zurückblieben, als sein ganzes bisheriges Leben innerhalb von wenigen Stunden zusammenbrach und nichts zurück blieb außer grauer kalter Asche. Er würde es ihr erzählen müssen, zu nahe hatte er Majibáh schon an sich herangelassen und auch wenn er es sich nicht hatte eingestehen wollen, so musste er doch einsehen, dass sie schon in der Sturmnacht damals mehr als nur an der Mauer gewackelt hatte, die er in den vergangen Monaten um sicher herum aufgebaut hatte. Nun war sie endgültig kollabiert und hatte sich in einen großen Schutthaufen verwandelt, umgeben von einer riesigen Staubwolke durch die er selbst halb verwirrt, halb befreit taumelte, verwirrt von einem leicht sonderlichen Gefühl der Freiheit. Die weiße Fähe hatte die Wahrheit gesprochen, das Gefühl Dinge frei aussprechen zu können hatte etwas befremdlich Befreiendes an sich. Mit dem nächsten, tiefen Atemzug strömte eine Welle der Ruhe durch seinen Körper. Es hatte keinen Sinn mehr der Fähe seine Vergangenheit vorenthalten zu wollen, sich hatte Recht, wenn sie sich eine Meinung über ihn bilden wollte, dann musste sie die ganze Geschichte kennen.

„Du musst mir nicht helfen und du schuldest mir auch nichts, vielmehr schulde ich dir einen Erklärung und vor allem die Wahrheit.“

Die Stimme des Rüden war ruhig und angenehm tief, als er zu erzählen begann war sein Tonfall sachlich und fest. Plötzlich fiel es ihm leicht der Ereignisse objektiv zu betrachten, als wäre es einfach ein Film der vor seinem Auge vorbei zog, ohne dass es ihn persönlich in irgendeiner Hinsicht betraf.

„Ich war einst Leitwolf des Rudels des Sternenstaubs, dessen Gebiet von hier aus gesehen viele Tagmärsche in der Richtung des Sonnenzenits liegt. Ich war sicher nicht zum Leitwolf geboren, aber man sagt, es gibt einige, die hoch geboren werden, während anderen die Hoheit zugeworfen wird. Ich zählte sicherlich zu letzteren. Nach dem Tod der früheren Alphawölfe, entflammte ein Kampf um ihre Nachfolge und im Laufe der Zeit erlangte ich gewisse Anerkennung im Rudel, die soweit ging, dass man mich schließlich bat, das Rudel von jenem Tag an zu führen. Ich stimmte zu. Gemeinsam mit Shayné Dalýn. Shayné war… sie war meine Freundin, meine Partnerin, mein Gefährtin und noch weitaus mehr als das. Ich habe sie geliebt.“

Für einen Augenblick unterbrach der Rüde seine Erzählung.

„Am frühen Morgen eines heißen Sommertages verließ ich den Rudelplatz bereits im Morgengrauen. Es war nebelig, man sah kaum die Pfote vor Augen und ohne es zu merken schlug ich einen gefährlichen Weg, hinauf in die Berge, ein. Ich wusste nicht, dass sie mir folgte. Ich wusste es einfach nicht. Nicht, bis es zu spät war. Shayné war mir gefolgt. Ich kannte sie als hervorragende Kletterin, die noch nie einen falschen Tritt getan hatte und ich weiß nicht was an diesem Morgen passierte, weshalb sie nicht auf die Kante Acht gab. Als ich sie schreien hörte war es zu spät, sie war abgestürzt, hinab in die Schlucht die nur wenige Pfotenlängen vom Pfad entfernt klaffte . Im ersten Augenblick war ich wie gelähmt, konnte nicht fassen, was passiert war, im nächsten bin ich nur noch gerannt, hinab in die Schlucht, zu ihr. Sie war noch am Leben, schwer verletzt aber lebendig. Ich blieb bei ihr, ich weiß nicht wie lange, aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit, so lange, bis ich es riechen konnte. Feuer. Ich wusste, dass das Rudel in allergrößter Gefahr schwebte, aber ich wollte Shayné nicht alleine lassen. Und doch habe ich es getan. Bin gegangen, wollte das Rudel retten, meine Familie, meine Freunde, alle diejenigen, die mir ihr Leben anvertraut hatten. Bevor ich ging schwor Shayné zurückzukommen, bat sie zu kämpfen, nicht aufzugeben, am Leben zu bleiben. Ich wollte zum Rudelplatz, aber es war zu spät, schon lange. Stattdessen fand ich mich in einem Inferno aus Feuer, Hitze und beißendem Rauch wieder, alles brannte, die Flammen versengten mein Fell und verbrannten meine Haut. Der Rauch macht mir das Atmen schwer und das Letzte woran ich mich erinnere ist, dass in der Falle saß“,

nur noch schwerlich konnte Jarrèll Nathaniêl verbregen, wie sehr es ihn aufwühlte, diese Geschichte zu erzählen. Er tat einen tiefen Atemzug, bevor er fortfuhr, fast fühlte es sich an als würde der beißende Rauch von damals ihm das Lauftholen schwer machen und scheinen Herzschlag in die Höhe treiben.

„Als ich wieder aufwache hatte Regen die Erde mit Wasser getränkt und ich war übersät mit Brandwunden. Anfangs wusste ich nicht wo ich war, geschweige denn, was passiert war. Als die Erinnerung zurückkehrte, dachte ich im ersten Augenblick, es sei alles nur ein schlechter Traum und ich würde im nächsten Augenblick aufwachen, doch dem war nicht so. Mir wurde klar, dass es für das Rudel keine Hoffnung mehr gab, denn nicht als kalter, nasser Asche war zurückgeblieben, von dem was einst meine Heimat gewesen war. Ich bin zur Schlucht zurückgerannt, ich weiß selbst nicht woher ich die Kraft dafür nahm, doch wieder kam ich zu spät. Shayné war tot.“

Die Stimme des Silbernen brach weg, die letzten Worte waren mehr ein heiseres Krächzen, er spürte wie in seinem Inneren die Tränen aufstiegen und schluckte schwer. Es war vorbei, Majibáh wusste was sie hatte wissen wollen. Es war vorbei.

Majibáh
13.05.2011, 19:48

Majibáh schwankte zwischen einer hoffnungsvollen Erwartung, weil sie wünschte, dass sie mehr über ihn und seine Vergangenheit herausfinden würde und tiefe Angst vor dem, was damals geschehen war. Der Grünäugige hatte es ihr lange verschwiegen, da er nicht wollte, dass sie über ihn anders urteilte als bisher. Also musste er etwas Schlimmes verbrochen haben, er behandelte sein bisheriges Leben wie ein riesiges Geheimnis, das niemals aus den Tiefen seines Herzens hervordringen durfte. Aber das war sein Problem, das war ihm zum Verhängnis geworden, denn es hatte ihn innerlich stark verwundet, dass er die Schuldgefühle und das schlechte Gewissen die ganzen Jahre in sich getragen hatte, ohne zu erkennen, dass man über so etwas auch mal reden musste. Selbst wenn man damit das Risiko einging, dass derjenige keinen Kontakt mehr zu einem halten wollte. Sollte das eintreten, war er es ohnehin nicht wert, dass man sich deswegen schlecht fühlte. Nur leider hatte Jarrèll genau das ausgeblendet, und bestimmt ergaben sich in seinem Leben nicht mehr allzu viele Gelegenheiten, sich diese Last einfach davonzureden. Es war so einfach, und doch schien es ihm unendlich schwer zu fallen.
Als seine Stimme erklang, wich ihrer Aufregung allmählich eine große Freude, denn es schien so, als wolle er ihr nun doch alles erzählen. Irgendwie merkte sie an seinem Tonfall auch eine riesige Erleichterung. Vielleicht hatte er viele schlechte Erfahrungen gemacht und er konnte deshalb nur sehr langsam vertrauen. Dass er es stets für richtig gehalten und es nie angezweifelt hatte, bezweifelte sie, sonst schien er nicht so glücklich darüber, dass jemand die Wahrheit erfahren wollte, egal wie schlimm sie wohl sein mochte.
Die Weiße wartete geduldig, bis er seine Erzählung beendet hatte. In ihrem Kopf schwirrten tausende Gedanken umher, die sie zusätzlich verunsicherten, ein ständiges Abwägen dazwischen, ob er einen Fehler begangen hatte oder nicht. Sie kam zu dem Schluss, dass seine Entscheidung völlig richtig gewesen war, schließlich hatte er nicht wissen können, dass er damit weder sein Rudel noch seine Gefährtin hätte retten können. Natürlich verstand sie, dass er deshalb einen gewissen Selbsthass entwickelt hatte, andererseits war es völlig unberechtigt. Eine Tatsache, die er vermutlich selbst dann vehement geleugnet hätte, wenn er eigentlich trotzdem davon überzeugt war, dass sie stimmte.
Im nächsten Moment überlegte sie, ob sie sein Denken überhaupt noch verändern konnte, ob er ihr glauben könnte und ob sie ihn nicht lieber einfach trösten sollte. Am Ende entschied sie sich dagegen, er sollte wissen, dass sie nicht ganz verstehen konnte, weshalb er deswegen so wütend auf sich war und sich davon alles zerstören lassen konnte. Dass er diese Tragödie nicht hätte verhindern können, ebenso wenig wie jeder Andere. Irgendwie erschien er ihr plötzlich so zerbrechlich, ja, sie schienen die Rollen getauscht zu haben. Heute war wieder die Sturmnacht, nur dass sie dieses Mal die Aufgabe hatte, ihn zu trösten. Nein, Aufgabe, das klang wie ein Zwang und nicht so, wie es war – dass sie ihm unbedingt helfen wollte. Nur ob sie es konnte, war eine andere Frage. Eine, die sie sich besser nicht stellen sollte. Jetzt nicht, jetzt waren Selbstzweifel absolut unangebracht. Es sollte nur um ihn gehen, nur um das, was ihn belastete. Über sie hatten die beiden schon oft genug geredet.

„Ich glaube, du wirst das, was ich jetzt sagen werde, nur für leere Sprüche und Aufmunterungen halten, die ich gar nicht so meine. Aber du musst mir vertrauen, ich werde absolut ehrlich zu dir sein.
Ehrlich gesagt kann ich irgendwie verstehen, dass dieses Erlebnis dich noch immer sehr beschäftigt und mitnimmt, allerdings muss ich sagen, ich finde, dass du in dieser Situation nicht anders hättest handeln können. Wie hättest du auch ahnen sollen, dass das Feuer schon alles niedergebrannt hat, als du angekommen warst?! Ohnehin, Shayné hätte nicht überlebt, wenn du bei ihr geblieben wärst, und sie hätte auch gewollt, dass du nicht bei ihr bleibst. Da bin ich mir sicher. Es tut mir Leid, dass sie gestorben ist, ich kann mir nicht erahnen, wie schwer das sein muss, und ich will es auch gar nicht. Und doch, ich habe viele daran zerbrechen sehen, ich hoffe, dass dir das nicht geschehen ist.
Außerdem hast du mit einer Kraft für das, was dir wichtig war, gekämpft, und es dennoch verloren. Das hat nichts mit dir zu tun. Es waren wahnsinnig unglückliche Umstände, dass die Flammen ausgebrochen sind und sie dir gefolgt ist, und daran hättest du nichts ändern können. Die Natur geht ihre Wege, und dabei kann sie oft grausam sein. Bitte gib' dir dafür nicht die Schuld, denn eben diese hast du nie gehabt.“


Nach diesen Worten verstummte sie und blickte zu ihm hinauf, wartete auf ein Lebenszeichen von ihm. Ihr Körper zitterte extrem, sie wollte das Richtige sagen und ihn aufbauen, und sollte es ihr nicht gelingen, hätte sie sich ewig Vorwürfe gemacht.
Die Blauäugige merkte gar nicht, wie sie sich an ihn lehnte und seinen Geruch tief aufsog, während sie mit ihrem Kopf an seinem Fell rieb. Es war warm und weich, fühlte sich unheimlich schön an. Ja, sie war wirklich froh darüber, dass sie ihn kennengelernt hatte, er war so etwas wie ein Freund für sie geworden. Eigentlich hatte sie sich zunehmend verschlossen, aber bei ihm hatte sie sehr offen über sich geredet, obwohl sie ihn erst seit einer kurzen Zeit kannte.
Wie gut, dass er sich an diesem Tag von seinem Rudel entfernt hatte.

Jarrèll Nathaniêl
16.06.2011, 18:53

Jarrèll Nathaniêl spürte förmlich wie in Majibáhs Kopf zwei Stimmen stritten, er wusste, dass seine Erzählung in ihr den unausweichlichen Konflikt hervorgerufen hatte, den er selbst schon unzählige Male mit sich ausgefochten hatte ohne, dass auch nur ein einziges Mal ein Sieger daraus hervorgegangen war. Seit jedem Augenblick spielte sich die Situation immer und immer wieder in seinem Kopf ab, verfolgte ihn auf seinen Wegen, jagte ihn durch seine Träume. Wieder und wieder stellte sich ihm die Frage wie er handeln würde, erneut vor dieselbe Wahl gestellt. Würde er entscheiden können? Konnte überhaupt irgendjemand diese Wahl treffen? Sie war nicht rational zu beantworten, sie war nicht fair, nicht logisch, es war die Entscheidung darüber wer eine Chance erhalten sollte, ja wer leben durfte und wer nicht. Er hatte nicht entscheiden können, vielleicht lag darin sein größtes Versagen, vielleicht hätte er entscheiden sollen, entscheiden müssen. Und ein kleiner, rein realistisch veranlagter, Teil seines Hirns sagte ihm, dass selbst bei einer getroffenen Entscheidung die Erfolgs- oder Überlebenschancen nur gering gewesen wären, ganz gleich wie er gewählt hätte.
Ganz unwillkürlich hatte der silberne Rüde die Luft angehalten, hatte nicht gewagt zu Atmen, es schien als würde alles um ihn herum stillstehen, unglaublich langsam geschehen, bis zu dem Augenblick in dem das erste Wort über Majibáhs Lippen kam. Von diesem Moment an stürzten alle Eindrücke der Gegenwart wie ein rauschender Strom auf den Rüden nieder, es gab kein Zurück mehr, die Fähe hatte ihre Meinung gebildet und war gewillt sie ihm nun mitzuteilen. Jarrèll Nathaniêl konnte nicht erahnen, wie sie ausgefallen war und auch, wenn er sich wünschte sie hätte nicht die Seite des Hasses gewählt, so wie er es selbst getan hatte, so wusste er doch, dass es die wahrscheinlichere der beiden Möglichkeiten war. Umso überraschter war er als sie ihren Worten einen sanften klang verlieh und versuchte ihn zu trösten und die Last der Schuld zu mindern. Ihre Worte waren wie klares angenehm kühles Wasser, dass seine seelischen Wunden reinigte und die glühende Hitze nahm die darin brannte. Sie hatte Sorge getragen, dass er ihre Worte für leere Hüllen halten würde und er selbst hatte diese Sorge geteilt, hatte lange Zeit keinen Sinn darin gesehen, all dies zu erzählen, riss es doch lediglich alte Narben auf, ließ neuen Schmerz durch seinen Körper strömen und gleichzeitig alle Worte, die versicherten es sei nicht seine Schuld gewesen, verblassen. Wie anderes es doch gekommen war, dachte erstaunt und gleichzeitig beflügelt von dem Gefühl der Erleichterung darüber all die schrecklichen Bilder nicht mehr tief in seinem Innersten verbergen zu müssen und zudem der Gewissheit, dass die blauäugige Weiße nicht beschlossen hatte ihm für immer den Rücken zuzukehren und ihn fortan ob seines Fehlers zu hassen. Im Unterbewusstsein spürte er eine wunderbare Welle wohltuender Wärme seinen Körper durchrieseln als Majibáh ihre Schnauze in seinem weiß silbernen Pelz vergrub und sich sanft gegen ihn lehnte. Unwillkürlich atmete er aus und schloss für einen Moment die Augen, sodass sich dieses irrationale Gefühl der Geborgenheit ungehindert fließen konnte, von seiner schwarzglänzenden Nase bis in die Schwanzspitze. Als er die Augen wieder öffnete wandte er mit einem fast weltfremden Lächeln auf den Lefzen sein Wort an die Fähe.

„Vermutlich wusste ich tief in meinem Innersten selbst die ganze Zeit über, dass ich es nicht hätte verhindern können, dass es Dinge gibt die geschehen wie sie geschehen, ohne dass man selbst auch nur den geringsten Einfluss darauf nehmen kann, so sehr man sich auch wünscht es wäre anderes. Vielleicht hat dieses unbewusste Wissen mich davor bewahrt aufzugeben. Vielleicht habe ich glauben wollen, es sei meine Schuld gewesen, habe es mir gewünscht, denn es liegt in unserer Natur einen Schuldigen zu suchen, für alles Leid, das uns wiederfährt und wenn diese vermeintliche Schuld uns selbst trifft, so nehmen wir das billigend in Kauf um daran glauben zu dürfen, dass es auch anderes hätte laufen können. Es gibt uns das Gefühl es kontrollieren zu können. Schmerz ist nicht rational, er trifft einen dort wo man am verletzlichsten ist, reißt die Wunden auf, die am empfindlichsten sind und fördert unsere innersten Ängste zu Tage. Es lag mir nichts ferner als mir selbst eingestehen zu wollen, dass ich machtlos gewesen war, in diesem Moment, angesichts der Gewalten der Natur. Ich war es schlichtweg nicht gewohnt, die Kontrolle zu verlieren.“

Der grünäugige Rüde hätte sich in diesem Moment vermutlich am ehesten selbst einen verwunderten Blick zugeworfen, hätte er denn gekonnt und dazu fragend die Augenbrauchen gehoben, obwohl er dazu, seiner Anatomie wegen, nicht in der Lage war. Jarrèll Nathaniêl konnte sich nicht wirklich erklären woher diese Worte kamen, sie waren die des Realisten, der jede Situation kühl, dennoch weitsichtig und wohlüberlegt einschätzte, der er einst gewesen war. Schon lange war diese Seite des Silberfells nicht mehr zutage getreten, die einst seine überlegenste Eigenschaft dargestellt hatte. Das sie plötzlich wieder aufblitze wie ein lang verlorener Schatz in einem tiefen See, bestehend aus Verzweiflung, Selbstaufgabe, Trauer und unbändiger Wut, schrieb der Rüde vor allem der weißen Fähe zu, die nicht Ruhe gegeben hatte, bevor er sich nicht alles von der Seele geredet hatte und den Mut fasste sich seiner Vergangenheit zu stellen und nicht länger davon zu laufen, sich verfolgen zu lassen von Bruchstücken die, die Erinnerung letztendlich zu einer gefürchteten Macht hatten werden lassen. Er war, zumindest in diesem Augenblick, in dem er fast schon zufrieden neben Majibáh lag, wieder der Jarrèll Nathaniêl, den das stolze Rudel des Sternenstaubs einst zum Alpha gewählt hatte.

Majibáh
11.07.2011, 17:45

Majibáh löste sich wieder von seinem muskulösen Körper, der sie in diesen Sekunden gewärmt hatte. Innerlich. Nach außen hin wirkte es so, als wäre sie völlig unverletzlich, weil sie einerseits so euphorisch und energiegeladen war wie ein junger Welpe, und andererseits so kräftig und selbstbewusst auftrat wie ein altes Leittier, das bis zum Ende ein stolzer Herrscher blieb, dem jeder mit Respekt begegnete. Aber wie so oft täuschte der Schein. Noch schlimmer war es, wenn ein Feind die Schwächen entdeckte, die nicht so offensichtlich waren. Wenn er wusste, wie er provozieren, verletzen und, was die direkte Folge von diesen Gefühlen ist, Fehler finden konnte. Das hatte sie sich schon selbst beibringen müssen, als sie eigentlich im Schutze ihrer Familie wohlbehütet aufwachsen sollte. Stattdessen war sie völlig alleine gewesen, musste jeden Tag ums Überleben kämpfen. Vieles hatte ihr das Leben erschwert. Die Kälte, der Hunger, die Einsamkeit. Beinahe hatten sie gewonnen, ihren kleinen Krieg gegen ein eigentlich leichtes Opfer, ein zerbrechliches Wesen, dessen Wunden nur durch Jumaanas Hilfe langsam heilen konnten. Die Worte des weisen Wolfs flogen durch ihre Gedanken. Ein Meer hat einen Boden, und es hat eine Oberfläche. Ein Abgrund führt in die Tiefe, kann aber auch ein Weg in die Freiheit sein. Und eine Nacht kann voller Alpträume sein, aber irgendwann wacht man auf und ist glücklich, weil das, was man während des Schlafs durchlebt hat, nicht der Realität entspricht. Im Nachhinein hatten sich diese Sätze ebenso bewahrheitet wie seine Prophezeiung, dass sie eben diese Wirklichkeit hinter den Worten bald erkennen könnte. Ein stummes Lächeln huschte über ihr Antlitz, beinahe nicht erkennbar, weil sie es so schnell wieder verschwinden ließ. Jarrèll Nathaniêl sollte nicht den Eindruck haben, sie konzentriere sich nicht auf seine Worte und interessiere sich nicht dafür, denn genau das Gegenteil war der Fall. Wie sehr sie es genoss, seine wesentlich tiefere Stimme zu hören, vor allem jetzt, da jeder Selbsthass aus ihm gewichen war und er die damalige Situation noch einmal völlig unvoreingenommen analysierte. Das Bedürfnis, sich wieder an sein weiches Fell zu lehnen, wuchs immer weiter, und so trat sie wieder einen Schritt auf ihn zu, wagte es nicht ihm in seine tiefen, strahlend grünen Augen zu sehen, sie wollte nur die Ängste abwehren, die in den ganzen Jahren in ihr entstanden waren. Sobald sie bei ihm war, fühlte sie sich sicher und sie wusste, dass sie ihre Seele vor ihm nicht verstecken musste. Ebenso wie er es nicht tun musste, und sie hoffte inständig, dass er gemerkt hatte, wie hilfreich es sein konnte zu reden, selbst wenn man glaubte, dass man damit jemanden verlieren konnte. Wenn man sich jemandem anvertraut und derjenige verurteilt einen aufgrund des Erzähltem, war er es nicht wert, und so hart diese Erkenntnis manchmal war, sie beschützte einen vor ebenso vielen Enttäuschungen. Der Rüde war anders, er verstand ihre Probleme und konnte sie für sich behalten. Trotzdem, sie wollte nicht zu aufdringlich wirken. Oder vielleicht war das auch nur eine Ausrede und sie war nur zu schüchtern, wollte keinen falschen Eindruck entstehen lassen, und so beließ sie es dabei darauf zu warten, ob er etwas Ähnliches tun würde.

„Es freut mich, dass du so redest und erkannt hast, dass du selbst keine Schuld daran hast. Aber du hast Recht, wir wollen es nicht hinnehmen, dass es Schicksal gibt. Und Schicksalsschläge. Dass diese ohne Grund geschehen und niemand einen Einfluss darauf hat. Vielleicht ist es einfach zu schwer für uns zu akzeptieren, dass wir darüber keine Kontrolle haben, über das, was für uns das Schlimmste ist. Schmerz.“

Einen Moment verstummte die Fähe und richtete ihren Blick in die Höhe, gegen den endlosen Horizont, von dem sie wusste, dass sie an ihm entlanglaufen konnte solange sie wollte, weil er nie aufhört. Eines, was viele ebenfalls nicht annehmen konnten, etwas, das sie sich nie werden vorstellen können, etwas ohne Begrenzung, das für ihren Verstand viel zu kompliziert war. Irgendwie konnte sie das verstehen, es gefiel niemandem, Fehler zu haben, und doch musste man es sich früher oder später eingestehen.
Bevor sie weiterredete, zögerte sie ein wenig, weil ihr dieser Moment des Schweigens eigentlich recht gut gefiel und weil sie es kaum erwarten konnte, dass er ihr antwortete. Zudem war das, was sie nun sagen wollte, ziemlich persönlich und sie hatte Angst vor seiner Reaktion. Dennoch siegte zum Schluss der Wunsch danach, diese bohrende Neugier zu stillen.

„Ich möchte dir nicht zu nahetreten, und du musst mir diese Frage nicht beantworten, aber ...“

Die Fähe wusste nicht, ob sie weitersprechen sollte, und konnte sich bereits bildlich eine Liste vorstellen, auf der sie die Vor- und Nachteile sorgfältig zusammengetragen hatte. Allerdings fiel es ihr immer noch schwer, eine Entscheidung zu treffen, und so folgte sie einfach dem ersten Impuls.

„Shayné und du... hattet ihr Welpen?“

Jarrèll Nathaniêl
07.08.2011, 12:19

Für einen Moment wirkte Majibáh abgelenkt, so als hinge sie ihren eigenen Gedanken nach, sie schien weit entfernt von diesem Ort und dennoch ganz nah. Es hatte etwas Unwirkliche. Jarrèll selbst wagte kaum zu atmen bevor die Weiße sich nicht bewegte, besorgt und gelichzeitig fasziniert blickte er sie an. Ohne Zweifel die Weiße war von bezaubernd natürlicher Schönheit, doch ihr Wesen war noch weitaus wunderbarer. Wie sie dort saß, wirkte sie unnahbar und stolz, von unglaublicher Selbstsicherheit geprägt, doch zugleich entsetzlich einsam. Der Rüde konnte spüren, dass die Fähe längst nicht so stark war, wie sie vorgab zu sein, nicht so perfekt und nicht so unantastbar, doch dieses Gefühl ließ den Silbernen keine Überlegenheit empfinden, es war nichts ehrenhaftes dabei die Schwächen anderer auszunutzen, vielmehr beruhigte es ihn, die Weiße konnte sehr stark sein, daran bestand kein Zweifel, aber Jarrèll spürte, dass sie sicherlich öfter einen guten Freund brauchen konnte, als es den zuerst den Anschein hatte. Ein kleines scheinbar weltfremdes Lächeln huschte über das Antlitz der Blauäugigen, bevor sie in die Realität zurückkehrte. Sie trat einen Schritt auf ihn zu und der Wolf schenkte ihr ein warmherziges Lächeln, er erkannte ihre Scheu, verstand sie, hatte man viel Einsamkeit erlebt, so war sie über die Jahre zu einem treuen, wenn auch leblosen Freund geworden. Die Angst sich auf etwas einzulassen saß einem im Nacken wie ein Jäger, versteckt und denn doch jede Handlung unablässig beobachtend, wartend auf den richtigen Zeitpunkt um anzugreifen, skrupellos, kalt. Allein der Gedanke daran ließ den Weißen beinahe schaudern, so schnell wurde ein alter Freund zum erbittertsten Feind, einem Feind der vor nicht zurückschreckte und dann angriff, wenn man am verletzlichsten war.
Die Worte der Fähe rissen ihn aus diesem düstern Gedankengang. Ihre Worte klangen so realistisch, so wahr, es waren keine Ausreden, um Schuld zu verbergen, es war der Boden der Tatsachen. Es stimmte, er war machtlos gewesen, war in Panik geraten angesichts des Kontrollverlusts und hatte sich überrollen lassen vom Schmerz und allen negativen Gefühlen, die ihm folgten. Sich das einzugestehen war hart, aber er wusste in seinem Innersten, dass es die Wahrheit war.

„Du hast Recht. Wir empfinden nicht rational, unsere Gefühle folgen keiner Logik und manchmal, manchmal löst ebendies große Furcht in uns aus.“

Jarrèll Nathaniêl Blick folgt dem der Fähe, die mit ihren strahlend blauen Augen den Horizont fixierte. Dieses Mal war es sein Angesicht, auf welches sich ein unwirklicher Ausdruck schlich, ein abwesendes Lächeln, für einen Moment sah er, zumindest aus der Ferne betrachtet, aus wie ein Wolf, der mit der Welt im Einklang war und den scheinbar nichts aus der Ruhe zu bringen vermochte. Was wäre, wenn es hinter dem Horizont eine neue Welt gab, eine Welt in der man von vorne anfangen konnte, in der man noch einmal spielen konnte, ohne Risiko, weil man alles falsch gemacht hatte in dieser Welt, was man nur hatte falsch machen können? Was wäre wenn… Drei magische Worte, die den Beginn oder das Ende von Dingen darstellen konnten, die einem eine irreale Tür öffneten in die Zukunft oder eine Reise zuließen, in die Vergangenheit. Was wäre wenn… Diese drei Worte denken und man konnte tun, wovon man immer geträumt hatte, konnte all das rückgängig machen, was man falsch gemacht hatte, konnte verpasste Chancen ergreifen, neu anfangen, eine neue Runde in dem Spiel welches sich Leben nannte und in der hiesigen Welt nach dem Prinzip des Punkts ohne Wiederkehr funktionierte. Welch welpenhafter Gedankengang, der Weiße war höchst erstaunt über sie selbst, wie lange schon, hatte er keinerlei solcher Gedanken mehr zugelassen, auch wenn er es als Jungwolf geliebt hatte, sich ein stilles Plätzchen im Wald zu suchen und seiner Fantasie freien Lauf zu gewähren. Was wäre wenn und alles war möglich gewesen. Er lächelte, unwirklich, unnahbar, eigenartig, dass ausgerechnet in Gegenwart Majibáhs all diese Gedanken zurückkehrten.
Schließlich wandte er seinen Blick vom Horizont ab, er wollte nicht zulassen, dass der Schmerz wiederkehrte, den diese Worte in ihm heraufbeschwören konnten. Majibáhs nächsten Worte ließen ihm obendrein keine Zeit mehr, für welpische Träumereien. Sie begann fast zögerlich und versuchte sich bereits zu erklären noch bevor sie überhaupt die eigentliche Frage ausgesprochen hatte. Der Silberwolf zog fragend die Augenbrauen hoch und sah die Fähe aufmunternd an. Er hatte ihr den Teil seines Lebens anvertraut, für den er sich am meisten schämte und den er so sehr wie nichts anderes Rückgängig zu machen wünschte, ihre Frage konnte also kaum so tiefschürfend und persönlich sein. Jarrèll Nathaniêl setzte schon zu ermunternden Worten an, als die Fähe von sich aus ihre Frage an ihn richtete. Vor Erstaunen blieb dem Rüden die Schnauze offen stehen. Sicherlich sah es albern aus, den Fang ein klein wenig geöffnet, sodass man die rötlich-rosane Zungenspitze sah, nicht einmal seine Augen vermochten mehr ihren ruhigen Ausdruck beizubehalten, stattdessen spiegelten sie ungläubiges Erstaunen.

„Welpen?!“

Mehr als dieses ungläubige Wort brachte der Grünäugige nicht über die Lippen, seine Stimme war leise und klang seltsam verzerrt, es war eine Mischung aus einem ungläubigen Quieken und einer gehauchten Frage. Er hatte mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser Frage, die ihn aussehen ließ, als wäre er nicht mehr ganz bei Trost, so wie er die Weiße mit großen Augen anstarrte.
Woher wusste sie…? Sie konnte doch nicht…? Nein, nein. Im darauffolgenden Augenblick zwang Jarrèll sich, seine Mimik wieder in die gewohnten Bahnen zu lenken und der Frage der Fähe mit dem gebotenen Respekt entgegenzutreten, er wollte nicht, dass sie dachte, er nähme ihre Frage nicht ernst oder machte sich gar über sie lustig. Seine Stimme blieb ein wenig leiser als gewohnt hatte aber ihren ruhigen, rauen Tonfall zurückerlangt.

„Ja.“

Majibáh
10.09.2011, 20:36

Majibáh spürte eine wohlige Wärme durch ihren Körper fließen, als sie sich tief in seinen grünen Augen verlor, die ihr so viele Geschichten erzählten, von einer grausamen Vergangenheit und gleichzeitig von einer Hoffnung, die sich immer wieder in den Vordergrund drängte, wenn sie nach etwas Anderem suchte als dem Leid, das ihm widerfahren war. Auch sie schwankte zwischen einer tiefen Dankbarkeit dafür, dass er bei ihr war und ihr zu vertrauen schien, und dem plötzlich wiederkehrenden Gefühl der Leere. Ihr Blick wanderte über die Züge seines Gesichtes, deren Härte und Kälte mittlerweile fast völlig verschwunden waren, und sie versuchte ihre Gedanken nur auf ihn zu konzentrieren, um ihre Trauer zu verdrängen, bevor sie wieder ihren ganzen Körper einnehmen könnte, und gleichzeitig ihren inneren Kampf vor dem Rüden zu verbergen, weil er für sie schon viel Kraft geopfert hatte, zu viel. Jetzt wollte sie ihm beweisen, dass ihr seine Sorgen ebenso wichtig waren wie ihre eigenen. Denn so war es.
Seine weiche, tiefe Stimme holte sie zurück in die Realität und besänftigte sie gleichzeitig. Ihre Ohren waren aufmerksam nach vorne gerichtet, sie wollte keines seiner Worte verpassen, so sehr genoss sie, dass er damit aufgehört hatte sich die Schuld für etwas zu geben, das eine Kettung unglücklicher Ereignisse war, die niemand hätte verhindern können. Zugleich breitete sich in ihr die Angst vor seiner Reaktion auf die Frage, die sie eben gestellt hatte, aus, und egal, wie viel Mühe sie sich gab, sie wollte nicht verschwinden. Und als er dann nur ungläubig das Wort ausspuckte, über das sie mehr hatte erfahren wollen, zuckte sie zusammen. Wie hatte sie auch so dumm sein können, so persönlich zu werden, das Risiko einzugehen, etwas sehr Schmerzhaftes aufzuwühlen, wo sie sonst doch über alles genau nachdachte, was sie sagen wollte, und stets sowohl vernünftig als auch überlegt handelte. Trotzdem blieb ihr nichts Anderes übrig, als abzuwarten. Ob er noch fortfahren würde und vor allem, wie. Obwohl er nur wenige Sekunden lang Stille einkehren ließ, kam es ihr vor wie eine Ewigkeit, und die Ungewissheit machte sie so wahnsinnig, dass sie beinahe erleichtert war über das schlichte Ja, und das trotz der Enttäuschung, die sie zugleich verspürte ... und die sie nicht verstand. Danach nahm sie nichts mehr wahr, sie hörte nur in der Ferne jemanden sprechen und es dauerte lange, bis sie realisierte, dass es sie selbst war.

„Es tut mir Leid ... das geht mich nichts an. Du musst mir dazu nichts sagen, ich ... es tut mir Leid ... wirklich, sehr.“

Jarrèll Nathaniêl
06.10.2011, 19:55

Der Grausilberne beobachtete die Weiße mit aufmerksamem Blick, er hatte den Kopf leicht geneigt und ließ seine grünglänzenden Augen über ihr weißes Fell gleiten, bis hin zu ihren tiefblauen Augen. Hinter dieser strahlenden Oberfläche schien sich ein wahrhafter Strudel aus Gefühlen und Gedanken zu verbregen. Für einen kurzen Augenblick verspürte Jarrèll eine stechenden Schmerz, ganz tief in seinem Innersten, es war, als krampfte sein Herz für einen Augenblick zusammen und setzte gelichzeitig einen Schlag aus. Der Wunsch eine unsichtbare Notbremse zu ziehen überrollte ihn, eine Reißleine die alle Gedanken für einen Sekundenbruchteil stehen ließen, nur für einen Augenblick Freiheit spüren, Ausgelassenheit, Losgelöst sein von allem. Gemeinsam mit Majibáh, ihr die Sorgen nehmen, die Zweifel, den Schmerz. Für einen Augenblick fliegen, Zweifel und Träume gelichermaßen vergessen, nur leben, den Moment spüren. Doch der Gedanke und ebenso das Stechen verschwand so plötzlich wie es gekommen war und der Silberpelz konzentrierte sich wieder auf die gegenwärtige Szene, auf die weiße Fähe neben ihm, ihre gespitzten Ohren, die Worte, die sie sprach und aus denen er Enttäuschung herauszuhören glaubte, obwohl sie beteuerte einen Rückzieher zu machen. Das Lächeln auf Jarrèll Nathaniêls Lefzen wirkte beinahe entrückt, weltfremd, als seine Lippen leise Worte formten.

„Es gibt nichts was du bereuen müsstest, du hast mich an Tage meines Lebens erinnert, die ich beinahe selbst vergessen hatte. An deiner Wissbegierde ist nichts Verwerfliches, Majibáh.“

Die grünen Augen des Graumelierten lagen suchten den Blick der weißen Fähe. Er nahm ihr die Fragen nicht übel, nach Erinnerungen begraben unter den Trümmern seiner eingestürzten Vergangenheit. Seine gesamte Welt war zusammengebrochen, als er alles verlor, wonach er sein bisheriges Dasein gerichtet hatte, unter diesem Schutt begrub er auch die Erinnerungen an eine Zeit in der ein Leben geführt hatte, mit Höhen und Tiefen, Glück und Traurigkeit, ein Leben ganz normal und gleichzeitig außergewöhnlich. Die Trümmerfelder irgendwo in seiner Erinnerung, wie ein Spiegelkabinett, in denen er sich selbst verlieren konnte, nicht mehr wusste wo er stand, was Realität und was Einbildung war. Welche Bruchstücke zu Tage traten und wann, konnte nicht einmal Jarrèll selbst genau sagen, welches Fragment das nächste würde , welches im Licht aufblitzte und glänzte, wie das Stück eines verlorenen Schatzes. So lange bis sich erneut Asche und Staub darüber legten zumindest und sie wieder in einem Scherbenmeer versanken, tief und unergründlich wie der Boden des nahegelegen Sees, dessen Oberfläche stets nur spiegelte was auf sie traf oder verzerrte was man unter Wasser zu erkennen glaubte.

Majibáh
12.11.2011, 00:15

Augen sollen die Spiegel der Seele sein. Diesen Spruch hatte Majibáh im Laufe ihres Lebens immer wieder gehört, und sie hatte ihn auch verstanden; und dennoch hatte sie noch nie einen solch starken Bezug zwischen diesen, oberflächlich gesehen, völlig unterschiedlichen Dingen finden können. Bis zu diesem Moment. Da stand sie nun mit Jarrèll, dem sie, ohne auch nur ein einziges Wort zu sprechen, inmitten eines heftigen Sturmes ihren Schmerz anvertraut hatte, und der ihr nun seine eigene, schwere Vergangenheit offenbart hatte, und wenn sie ihn anschaute, sah sie durch ihn hindurch, erkannte das Leid hinter seiner äußeren Stärke. Als sie zu ihrer Schwester zurückgekehrt war, hatte sie niemals geglaubt, dass sie jemals jemandem so vertrauen könnte wie ihr. Jumaana. Wie sehr sie sie doch liebte. Aber es war falsch, so von ihr abhängig zu sein wie sie es vor einem Jahr gewesen war. Jeden Tag dachte sie an sie, verspürte eine starke Sehnsucht nach ihr, ihren Gesprächen und den Momenten des Schweigens, der Worte, die sie nicht aussprechen mussten, weil sie sie beide schon kannten. Aber sie wusste, dass es gut gewesen war, zumindest eine Zeit lang etwas Distanz zu ihr zu wahren. Neue Freundschaften zu knüpfen, die Wölfe dieses Rudels kennenzulernen. Oder zumindest einige von ihnen. Ja, sie hatte das etwas zu sehr vernachlässigt, da es ihr schwerer gefallen war als sie gedacht hätte, aber zumindest hatte sie schon mit einigen gesprochen. Und da war ja noch der Rüde, der vor ihr stand und dessen Stimme sie aus ihren Gedanken riss, was sie eine unheimliche Dankbarkeit verspüren ließ. Das war der falsche Zeitpunkt, um über etwas Anderes nachzudenken als ihn, seine verständnisvolle Reaktion auf ihre unangebrachte Frage, als dieses Gefühl der Nähe, das sie als angenehm empfand und am liebsten ständig verspüren wollte.

„Ich will dich nicht verletzen, indem ich schmerzhafte Erinnerung wieder hervorhole. Dafür ist meine Neugier keine gute Ausrede. Nein, überhaupt keine. Aber ich danke dir. Dass du mein Verhalten entschuldigst, als wäre es überhaupt nicht fehl am Platz gewesen.“

Ihr Blick war aufgrund ihres Respekts vor ihm auf den Boden gerichtet, als sie einen Schritt an ihn herantrat, um die Wärme seines Körpers spüren zu können. Vielleicht sollte sie Angst davor haben, dass er das alles falsch interpretieren könnte, doch sie wusste, dass ihre Beziehung nicht über eine Freundschaft hinausging, auch wenn diese zu einer ziemlich innigen geworden war.
Er überragte sie etwas, und so musste sie sich leicht strecken, um ihren Kopf auf seinen Rücken abzulegen. Obwohl dieser ziemlich muskulös war, fühlte er sich nicht hart an, denn sein Fell war einerseits so dick und andererseits so weich, dass sie es als sehr bequem empfand, und sie hoffte sehr, dass es ihn auch nicht störte.

„Lass uns nochmal ganz von vorne anfangen … Wir beide.“

Bei diesen Worten leuchteten ihre Augen glücklich auf, auch wenn ihre Miene wie versteinert blieb. In diesem Moment wurde ihr bewusst, wie glücklich und beschützt sie sich in seiner Gegenwart fühlte. Die Weiße konnte sich vorstellen, dass er sie verteidigen würde, wenn es nötig wäre. Schließlich half er ihr auch im Kampf gegen die Erinnerungen, die sie so unglücklich machten und erschöpften. Eines wusste sie: Sie würde jederzeit dasselbe für ihn tun.

Jarrèll Nathaniêl
25.12.2011, 12:24

Für einen Moment sah Jarrèll Nathaniêl ein ganz anderes Gesicht vor seinem inneren Auge aufblitzen, die harmonischen Gesichtszüge einer weißen Fähe, mit sanften, braunen Augen, die gleichzeitig vor Weisheit strahlten. Eine innere Ruhe ging von der Weißen aus, obwohl sie mit drei Jahren noch recht jung war. Für einen Moment schenkte das Bild in seiner Fantasie ein gütiges Lächeln, dann verschwand die Wölfin in einem dichten Nebel. Um ein Haar hätte Jarrèll laut aufgejault, doch er zügelte die Gefühlsflut die ihn angesichts des Traumbildes zu überwältigen drohte und japste nur kurz auf. Kein Zweifel, es war Shayné gewesen, seine Shayné. Allein der Gedanke jagte ihm brennede Stich in Herz.
Mit aller Macht versuchte er das Bild loszuwerden und sich stattdessen auf die Fähe zu konzentrieren die nur ein paar Schritte von ihm entfernt stand. Majibáh hatte ihr Wort an ihn gerichtet und was sie sagte zauberte dem Silbernen ein Lächeln auf die Lippen, kein freudiges jedoch, sondern ein trauriges Lächeln, geprägt von Bitterkeit und dem Schmerz der in seinem Inneren loderte und an seiner Seele zehrte wie lechzende Flammen.

„Sorge dich nicht, Schmerz fügen mir andere Dinge zu, an deinen Worten war nichts Falsches.“

Seine Stimme klang härter, kühler, ironischer, als er es beabsichtigt hatte. Bereits im Augenblick darauf, hätte der Rüde sich auf die Zunge beißen können. Musste er wirklich immer alles verderben? Wenn er nun Mjibáhs zarten Freundschaftsbande zerrissen hatte, dann geschah es ihm recht. Wie konnte er bloß nach all der Zeit immer noch seine innersten Gefühle nicht ganz aus seinen Worten verbannen? War er nicht stolz drauf gewesen, stets kühl und sachlich zu wirken, zumindest nach außen hin? Wieso funktionierte das nicht mehr, jetzt da sich sein Leben doch scheinbar sogar zum Besseren gewendet hatte?! Fragen, viel zu viele Fragen, auf die der Rüde sich keine Antwort wusste. Ein weiteres Gefühl, welches ihm neu und doch bereits so vertraut war, die Ratlosigkeit. Früher hatte er auf alles und jeden eine Antwort gehabt, doch jetzt tat er sich schwer die eigenen Fragen zu beantworten. Welch Ironie, dass auch Majibáh im nächsten Augenblick eine Frage stellen sollte.
Sie bat um einen Neuanfang. Im ersten Moment empfand Jarrèll nichts als Verwirrung, doch sogleich erinnerte er sich an die Worte, die er der Fähe für wenigen Augenblicken vorgeworfen hatte und war voller Reue, ja, es gab Dinge die zwischen ihnen standen, Dinge für die keine Zeit gewesen war in jener Sturmnacht, die jedoch nun ihren Platz einforderten.
Neu anfangen, ja, der Gedanke hatte etwas beruhigendes, wohltuendes für Jarrèlls geschundene Seele, ein Neuanfang, langsam und behutsam. Als sich die Weiße an ihn lehnte löschte es die Flammen in deinem Inneren, sodass nur ein Glimmen zurückblieb.
Die Angst vor einem Neuanfang schwand mit jedem Atemzug. Hatte er zuvor noch befürchtet, die Dinge die zwischen ihnen standen würden womöglich unüberwindbar, so verflog diese Furcht nun und Zuversicht erfüllte den Silbernen. Seit langer Zeit war es das erste Mal, dass er wirklich wieder etwas wie Hoffnung verspürte. Was hatte er denn noch zu verlieren, konnte es nicht immer nur besser werden?

„Ja. Ja, lass uns… neu anfangen, Majibáh.“

Das erste Wort war so leise, dass es mehr an den Rüden selbst gerichtet war, doch mit jedem weiteren Wort wurde seine Stimme kräftiger. Es fühlte sich gut an, seit langer Zeit fühltet sich mal wieder etwas richtig an.