18.02.2011, 23:54
Wann?;; in der Dämmerung nach Eiseskälte
Wo?;; Rand des nördliches Mischwaldes, Nähe Gedenkstätte Banshees &. Acollons Tod
Malicias Blick umfasste zum letzten Mal das Ausmaß des nördliches Mischwaldes. Lange Zeit war sie hier herumgezogen, war hier, war dort, versteckte sich dahinter und wanderte, wanderte und suchte und fand doch nichts. Was sie wollte? Das wusste sie selbst nicht, in ihrer Nachdenklichkeit hatte sie soviel aus ihrem Gedächtnis verdrängt. Sie war sich aber sicher, dass sie nachdenken wollte, sich selbst finden wollte und Ruhe in ihre Seele bringen wollte. Ein scheuer Blick hinter den eigenen, inneren Horizont. Die Ebene, die nun kam, wurde in rötliches Licht gehüllt. Sommer. Eigentlich so farbenfroh und herrlich, doch für Malicia war es ein einziges grau in grau. Nichts konnte ihre Seele erhellen, nicht nach ...
"NEIN!",
schrie sie sich selbst an. Denke nicht daran, dann wird es nur schlimmer. Schlimmer? Es kann nicht schlimmer werden, Malicia. Es war eine harte Zeit für die schwarze Fähe gewesen. Eine Zeit des testens, des probierens und des nachdenkens. Antworten hatte sie noch nicht gefunden, aber sie war fest davon überzeugt, dass sie diese vielleicht finden würde, wenn sie wieder unter Wölfe kam. Wenn sie zu ihrem Rudel zurückkehren würde. Wenn sie es schaffen würde, wieder Teil zu werden. Und die Geister der Vergangenheit zu verdrängen. Mit sanften, langsamen Schritten ging die Schwarze weiter. Ein Ziel hatte sie nicht, und sie dachte auch nicht daran, welche Stätte ihr direkt vor Pfoten lag. Die Erinnerungen würden wieder herauf kommen, ans Tageslicht, aber dessen war sie sich keinesfalls bewusst. Die Gedenkstätte ihrer Eltern kam näher. Und sie kam der Verzweiflung näher, mit jedem einzelnen Schritt, den sie tat. Sie wusste, wenn sie einmal die bekannten Gesichter ihrer Geschwister, Tante, Onkel, Nichten und Neffen, Cousins und Cousinen wiedersehen würde, würde wieder alles von vorn los gehen. Aber diesem Szenario musste sie sich stellen, wenn sie sich selbst beweisen wollte. Was würden ihre Eltern sagen? Was würde das Leben sagen? Und was der Tod? War es die richtige Entscheidung ...?
Langsam ließ sich Malicia auf ihre Hinterbeine nieder und schaute auf den Boden. Diese reine Erde, durch was würde sie beschmutzt? Morde ... Tod ... Elend ... das war es. Verrat ... Hass ... Meuchelei ...
Würden sie, die Wölfe aus dem Tal der Sternenwinde, sie mir nichts dir nichts wieder aufnehmen? Einfach so?
"Ich kann da doch unmöglich ... einfach so ... reinplatzen ..."
Auch wenn Malicia sonst nicht wirklich gesprächig war, diese Disskusionen zwischen ihrem Verstand und ihrem Bauchgefühl mussten sein. Sie mussten auch laut ausgetragen werden. Auch wenn sie es nciht wirklich weiter brachte. Es war ein Zwiespalt, von dem sie nicht wusste, wie er zu bezwingen und zu bekämpfen war. Entweder sie gab auf, lief wieder zurück und lebte allein, in ihrer Trauer. Oder sie bewies ihre Stärke, ihre Willenskraft. Und traute sich endlich.
Sie legte sich hin, rollte sich ein wenig zusammen. Wenn sie doch nur jemanden hätte ... einen Raben wenigstens, dem sie zuschauen könnte. Aber nichts. Stille. Kein einziges Tier, kein Wolf, kein ... nichts einfach. Niemand, der ihr helfen konnte. Und das war das entscheidende Problem. Das nichts.
19.02.2011, 10:06
Tyraleens Blick lag auf den beiden kleinen Bäumchen, die vom Schnee umspielt in der Mitte der Lichtung standen, an deren Rand die Weiße zwischen den Ästen einer der Trauerweiden saß. Die zarten Pflänzchen waren noch klein, ihre höchsten Äste überragten sie nur knapp, doch sie wuchsen stetig, selbst im Winter oder in diesem Sommer, der ein Winter war. Ein Jahr war es nun her, dass Banshee und Acollon ihr Leben hier gelassen hatten und doch kam es der Weißen vor, als wäre es erst gestern gewesen. Sie erinnerte sich noch genau, wie Banshee dort umlagert von den vielen Welpen gelegen hatte und nicht müde wurde, jedem von ihnen noch ein paar letzte Worte mit auf den Weg zu geben. Sie spürte heute noch die jubelnde, ungläubige Freude, als Acollon plötzlich mit Averic an seiner Seite aufgetaucht war. Und was er zu ihr gesagt hatte … er würde immer stolz auf sie sein. Immer? Wirklich immer, Papa? Und sie sollte auf Averic aufpassen. Auf den grimmigen, gedankenwälzenden Averic, der sie brauchte. Ein bitterer Geschmack legte sich auf ihre Zunge. Vielleicht brauchte Averic sie wirklich, ebenso wie Tyraleen ihn brauchte, aber er hatte sich dagegen entschieden. Er hatte sein Urteil gefällt und sie würde nicht dagegen anrennen, nicht einmal für ihren Vater. Dessen Stolz auch nicht mehr allzu umfassend sein konnte, ganz zu schweigen von dem ihrer Mutter.
Sie wandte den Blick ab, starrte stumm auf den gefrorenen Boden und fragte sie, was sie hier tat. Sie hatte ihre Eltern besuchen wollen und nun wagte sie es doch nicht, die kleinen Bäume zu berühren. Sie war ihnen so fern, ferner, als die wenigen Schritte, die sie von den Pflänzchen trennten. Schon wollte sie sich umdrehen und fortgehen, da hörte sie ganz eindeutig ein “NEIN“ von der Lichtung. Oder von da hinter? Unsicher und verwirrt huschte ihr Blick von den reglosen Bäumchen über das schneebedeckte Gras zu den Trauerweiden am anderen Ende. Es war wieder ganz still. Wurde sie jetzt paranoid? Sicher, ab und an hatte sie mit den Bäumen hier gesprochen, aber die Stimmen waren stets in ihrem Kopf gewesen, niemals waren sie durch den stillen Wald gehallt. Zögernd betrat sie die Lichtung und näherte sich den in sich verschlungenen Bäumchen. Doch noch bevor sie sie erreichte, war die Stimme schon wieder da "Ich kann da doch unmöglich ... einfach so ... reinplatzen ..." Jetzt krauste sich Tyraleens Stirn. Das waren nicht die Worte, die ein Baum sprechen würde. Außerdem war die Stimme diesmal ganz eindeutig aus dem Wald jenseits der Lichtung gekommen. Erleichtert und beinahe amüsiert über sich selbst realisierte die Weiße nun auch die schwache Witterung eines anderen Wolfes in der Luft. Der Schnee schluckte jeden Geruch, es war ihr kaum möglich mehr herauszufinden. Mit einem zärtlichen Blick verabschiedete sie sich von den Pflänzchen, dann steuerte sie den gegenüberliegenden Rand der Lichtung an und tauchte zwischen die Äste der Trauerweiden. Nun war der Geruch schon viel deutlicher, sie kannte ihn, aber jetzt zögerte sie erneut. War das Malicia? Ihre große Schwester, die so selten unter ihnen geweilt hatte? Sie beschleunigte ihren Schritt und tatsächlich sah sie bald einen schwarzen Wolf, der leicht zusammengerollt auf dem kalten Waldboden lag. Malicia. Tyraleen wurde langsamer, bis sie schließlich zum Stehen kam und zögernd eine Wolfslänge Abstand halten die schwarze Gestalt betrachtete.
“Malicia …?“
Als wäre sie sich nicht sicher, ob dort tatsächlich ihre Schwester lag. Dass sie zuvor angenommen hatte, ihre Stimme wäre die eines Baums gewesen, erwähnte sie lieber gar nicht erst.
19.02.2011, 13:35
Endlose Leere.
Die Lichtung, die ganze Atmosphäre, alles schien zu der Stimmung der schwarzen Fähe zu passen. Die Trauerweiden. Der Schnee, der alles Leben unter sich begrub und keinem neuen Leben die Chance ließ, bevor die Sonne ihn nicht endgültig vernichtete. Alles neue, jeder Neuanfang hieß also auch - Ende. Wenn sich Malicia nun also auf den Weg machte, ihr Leben wieder einmal 'neu' zu starten, in dem sie wieder bei den Sternenwind-Wölfen aufkreuzte, starb in ihr etwas. Doch was dieses etwas war, wusste Malicia nicht, obwohl sie die Vermutung hatte, dass es ihre Hoffnung sein musste. Oder etwas anderes? Malicia grübelte ein Weilchen, dachte über die Frage nach und verdeckte ihren Fang mit der langen, buschigen, schwarzen Rute. Sie sah ihr Fell genau vor sich, und als sie die weißlich grauen Stichelhaare am Ende ihres Schwanzes sah, verzog sie widerwillig das Gesicht. Das Ende ... mein Ende. Die Antwort lag auf der Hand. Was brachte es überhaupt, zum Rudel zurückzukehren, wenn sie doch eh in den nächsten zwei oder drei Jahren sterben würde? Schon jetzt, nach vier Sommern hatte sie gräuliche Haare in ihrem Pelz entdeckt, wie lange würde es also dauern, bis sie endgültig gehen musste? Das konnte sie ihren ganzen Verwandten unmöglich antun. Das konnte sie einfach nicht tun! Sie würden doch bestimmt genauso leiden wie bei dem Tod der anderen Familienmitglieder. Oder verstießen sie die Schwarze wirklich so sehr, dass sie noch nicht einmal wollten, dass sie zurückkehrt? Waren sie gar froh darüber, dass die Schwarze kapituliert hatte und von dannen gezogen war? Wollten sie, ihre geliebten Verwandten, sie sterben sehen ...?
Die zarten, dünnen Ästchen und Zweige der umstehenden Trauerweiden wurden durch eine leichte Windböe erfasst und wiegten sich beruhigend im Winde. Es war still, wunderschön und still. Wie in einem Märchenland - weißer Puderzuckerschnee, zauberhafte Trauerweiden, einsame Pflänzchen mit Hüten aus Eiskristallen ... einfach herrlich. Doch Malicia konnte sich an dieser Kulisse nicht erfreuen, erfasste sie doch eine gewisse Angst und Furcht. Im Unterholz, hinter den Bäumen knackte es fast unkenntlich. Einbildung. Ein Eichhörnchen oder ein Vogel. Die Brise wehte der Schwarzen zu, sie atmete die Luft langsam ein, füllte ihre Lungen mit dem kühlen Gas und erfasste einen bekannten Geruch. Wolf. Ein Wolf war in der Nähe! Freund, Feind? Ruckartig versteckte sie bald wieder ihren Kopf unter der Rute, tat als würde sie ruhen, betrachtete aber argwöhnisch die Richtung, aus der Duft und Laut zu kommen schienen. Es kam näher. Und plötzlich trat eine wunderschöne, weiße Fähe aus den Trauerweiden heraus. Malicia musste dreimal hinschauen, um sich zu vergewissern, dass es nicht Engaya oder Banshee selbst war. Sie war ihr doch zu ähnlich ... und jetzt wusste sie wieder, wer diese verblüffende Ähnlichkeit mit der Lebensgöttin teilte. Es war niemand anderes als ihre jüngere Wurfschwester, Tyraleen. Die Weiße schaute ebenfalls nicht schlecht, als sie ihre schwarze Schwester allein auf dem gefrorenen Boden liegen sag. Wer erwartete das schon, aus diesem Rudel? Das Malicia zurückkehrte? Niemand, sicher niemand. Aus diesem Grund kam Tyraleen auch näher, nur wenige Schritte vor dem Häufchen Elend blieb sie stehen und fragte fast nach dem Namen ihrer Schwester. Beide waren sichtlich verwirrt und erstaunt, sich wiederzusehen. Doch Malicia entgegnete die Blicke ihrer schönen Schwester nicht und schaute an sich herunter. Langsam und fast mühevoll erhob sich die schwarze Fähe und wusste nicht recht, was sie machen sollte. Die Blockade, die eigene Schwester zu begrüßen, war einfach zu groß. Seit dem Tode Banshees hatten sie sich nicht mehr gesehen. Was sollte sie tun? Woran dachte ihre Schwester wohl, wenn sie Malicia so sah?
"Tyra ... leen ...",
murmelte sie, und der Name wurde schon fast zerhackt. Er hatte im Munde Malicias seinen Klang verloren, sodass es wie eine Art Missgeburt klang. Doch Tyraleen konnte es sicher angesichts der Tatsache verstehen, dass ihre große Schwester so verwirrt und gedemütigt war. Schließlich war es eine unangenehme Situation. Sie drehte ihrer Schwester den Kopf zu, betrachtete sie von oben bis unten und meinte, dass an ihr etwas anders war als sonst. Sie schien nicht so, wie damals, als sie das Tal der Sternenwinde verlassen hatte. Irgendwie anders. Aber was anders war, konnte sie sich nicht erklären.
21.02.2011, 14:28
Die Stimmung, die Malicia einzuhüllen schien, verwirrte Tyraleen. Schwermut und Melancholie gingen von ihrer Schwester aus, als hätte sie eine tiefe Trauer erfasst. Nicht gerade die Gefühle, die man erwartete, wenn ein vermisstes Rudel- und Familienmitglied zurückkehrte. Aber auch die Situation an sich passte nicht zu einer Rückkehr – die Rückkehrende lag nicht schwermütig zusammengerollt im Wald und redete mit – ja, mit wem eigentlich? – sodass ihre Schwester annahm, ein Baum würde zu ihr sprechen. Die Weiße fühlte sich unwohl, nicht, weil sie sich nicht freute ihre Schwester wiederzusehen – wie wenig sie auch immer mit ihr zu tun gehabt hatte – sondern weil Malicia so anders wirkte. Weder fröhlich, sie zu sehen, noch wieder im Tal zu sein. Tyraleen kannte ihre Schwester zu wenig, um sich dieses Verhalten erklären zu können. Doch es war und blieb ihre Schwester und sie freute sich immer, wenn sie in Familienmitglied traf, erst Recht eines, das sich nicht gegen sie gewandt hatte.
Als sich Malicia erhob, den Blick noch immer gesenkt, kam die Weiße ein wenig näher und berührte ihre Schwester beinahe vorsichtig mit der Nase an der Stirn. Eine Art zögerliche Begrüßung. Sie spürte den Blick der Schwarzen und fragte sich, was diese nun wohl sah. Sicher nicht mehr die Tyraleen, mit der sie gemeinsam Abschied von Banshee und Acollon genommen hatten. Es hatte sich viel verändert.
“Du bist zurückgekommen?“
Zögernd sog sie den vertrauten Geruch ihrer Schwester ein.
“Warum freust du dich denn nicht? Bist du nicht gerne hier?“
Ihre Frage klang welpisch, aber sie war ehrlich. Die Weiße verstand Malicia, ihre Reaktion und ihr Verhalten nicht.
21.02.2011, 22:26
Wenn dich ihre Pfoten, oder ihre Schnauze berühren, zieht sich der Schmerz in sekundenschnelle zum Gehirn. Es ist, als wären sie in Gift getränkt. Als wöllten sie dich quälen, töten. Du kannst nichts dagegen tun. Es schmerzt nur. Es tut nur weh. So unglaublich weh. Aber du kannst nichts dagegen tun. Schließlich ist dieser Schmerz nichts Neues für dich, Malicia ...
Ihre Stimme im Kopf fasselte wirres Zeug, aber sie hatte recht. Es war so eigenartig, als ihre Schwester sie leicht und sanft berührte. Wie eine Feder, die sie nur tangierte und dann zu Boden fiel. Leicht und schwebend.
Sie dachte lange über die Worte ihrer Schwester nach. Eigenartig war es, ihre Schwester stand vor ihr. Doch wusste Malicia nichts. Sie hatte kaum mit ihr zu tun gehabt. Eher mit ihrem Bruder Averic. Aber diese Zeit lag schon lange, lange zurück ...
"Ich freue mich doch ..."
brachte die Schwarze endlich hervor. Ihre Ohren zog sie nach hinten, so dass es fast aussah, als würde sie ein wenig lächeln. Denn dadurch zogen sich die Leftzen etwas nach hinten. Ein Trick, den sie sich vor langer Zeit einmal angewöhnt hatte. Ob er glaubhaft war oder nicht, konnte Malicia nicht erahnen.
Malicia wusste nicht, weshalb Tyraleen so erstaunt war. War sie denn anders? War sie nicht wie früher? Nein ... eigentlich nicht. Unbeschwert war sie einst als kleiner Welpe gewesen, aber diese Zeiten waren vorrüber. Längst vergangene Geschichten!
Was nun geschehen würde, wie sich das alles entwickeln würde, wenn Malicia zum Rudel geht ... das würde sich noch zeigen. Doch Malicias Herz begann bei diesem Gedanken schneller zu schlagen, zu groß war die Furcht und der Gedanke daran. Was würde nur geschehen ...
25.02.2011, 14:31
Nach Tyraleens Berührung war es, als hätte sie irgendetwas Falsches gemacht. Malicia stand da, schien einer tonlosen Stimme zu lauschen, Tyraleen stand da, lauschte der Stille und gemeinsam waren sie alles, aber keine Familie. Ihre Frage war im Schnee verklungen und beinahe schien es der Weißen, als würde sie keine Antwort mehr bekommen. Vielleicht wollte ihre Schwester alleine sein. Ja, bestimmt, sonst wäre sie doch beim Rudel und nicht alleine hier im Wald. Tyraleen setzte schon dazu an sich umzudrehen, als Malicia ihr doch noch antwortete. So überzeugend, dass die Weiße beinahe gelacht hätte, wäre an dieser Situation irgendetwas Lustiges gewesen. So wenig überzeugend wie ihre Worte war auch ihr Lächeln. Tyraleen trat einen Schritt zurück – es war kein Zurückweichen, nur ein Abstand schaffen. Sie legte leicht den Kopf schräg, ihr Blick war schwermütig, wenn auch nicht traurig.
“Ich kenne dich so wenig, Mali, dass ich nicht einmal weiß, ob du dich wirklich nicht freust. Vielleicht ist es ja deine Art von Freuen. Aber ich weiß nicht, ob ich mich dann mit dir freuen kann. Mich macht das traurig.“
Sie wandte sich langsam um, zurück zum Trauerweidenhain und ihren Eltern. Nach den ersten Schritten drehte sie noch einmal den Kopf und sah ihre Schwester an.
“Aber ich freue mich, dich zu sehen. Mama freut sich sicher auch. Du bist schließlich meine Schwester.“
26.02.2011, 15:52
Malicia wusste nicht, wie sie jetzt handeln sollte, um ihre Schwester nicht zu verletzen. Tyraleen hatte recht, sie kannten sich eigentlich zu wenig, um das Verhalten genauer zu interpretieren und einzuschätzen. Wie oft sie ihre weiße, wunderschöne Schwester auch schon gesehen hatte - ein direktes Schwesternverhältnis gab es nicht. Vielleicht lag es daran, dass an Tyraleen stets hohe Anforderungen gesetzt wurden und sie generell mehr um die Ohren hatte als die depressive Malicia, die immer schien, als lebte sie nur in ihrer eigenen Welt.
Malicia wollte sie nicht verletzten, aber das konnte Tyraleen ihr ja nicht aus den Augen lesen. Da müsste was sein, da ist immer was, bloß da ist nichts - nur leere, kalte Augen aus Eis und Schmerz. Nicht wie die der Weißen ... obwohl sie derzeit melancholischer schien wie sonst.
Sie umhüllte ein Nebel, fein, dennoch trüb. Was war nur geschehen, aus dem sonst so unbeschwerten Leben aller Wölfe im Sternenwinde-Tal?
Langsam erhob sich Malicia und dehnte die steifen Glieder. Sie ging zu Tyraleen. Sie ging an Tyraleen vorbei. Zum Trauerweidenhain.
"Freuen ... fällt mir einfach schwer. Das ist alles. Seid Mama und Papa ... seid Banshee und Accollon .."
Malicia ließ den Kopf wieder etwas hängen. Nun würde Tyraleen sicherlich verstehen, weshalb ihre Schwester so traurig schien. Die ganze Wahrheit verriet diese Geste jedoch nicht. Das, was sie bedrückte, konnte man nicht erklären.
06.03.2011, 14:37
Tyraleen hatte den Kopf wieder nach vorne drehen und ihren Weg zum Trauerweidenhain fortsetzen wollen, doch aus dem Augenwinkel sah sie wie Bewegung in Malicia kam. Sie kam auf sie zu, ging dann an ihr vorbei, schien nicht mit ihr und doch auch nicht ohne sie gehen zu wollen. Zögernd folgte die Weiße ihrer Schwester, erreichte sie und nun gingen sie langsam nebeneinander auf den Hain zu, tauchten zwischen die langen Äste der Trauerweiden und konnten die Lichtung mit den zwei kleinen Pflanzen bereits erkennen. Die Erklärung, die Malicia abgab, konnte Tyraleen mehr als verstehen, hatte sie sich doch ebenso gefühlt – direkt nach dem Tod ihrer Eltern. Doch dieser lag nun ein Jahr zurück, Banshee hätte nicht gewollt, dass sie so lange trauerten. Was war das für ein Leben, wenn man sich nicht mehr freuen konnte?
“Du hast dich seit einem Jahr nicht mehr gefreut? Das ist eine sehr lange Zeit … Ich dachte auch, dass ich mich nie mehr freuen könnte – damals, als Mama und Papa plötzlich einfach nicht mehr da waren – aber dann waren da meine Welpen, man muss sich freuen, wenn man sie sieht. Und die Besiegung des Nichts und … und … die Sonne.“
Sie hatte nicht Sonne sagen wollen. Sie hatte Averic sagen wollen. Doch ihre Zunge war nicht dazu fähig gewesen, seinen Namen zu nennen und tatsächlich hatten sie sich alle sehr über die Sonne gefreut.
“Hast du nichts Schönes mehr seit dem erlebt?“
06.03.2011, 19:58
Wie eine traumhafte Kulisse, mit zwei wunderschönen Hauptcharakteren die so unterschiedlich, aber auch so gleich waren, wirkte diese Szene. Der schwarze Wolf und der weiße Wolf, der Hain, die Trauerweide. Eine malerische Umgebung, die die Sinne bezauberte, berührte und an den vergangenen Stunden und Erinnerungen kratzte.
Die Worte ihrer weißen Schwester klangen teilweise sehr kindlich, ja, sie wirkte fast naiv. Obwohl sie gleichalt waren, schienen sie in zwei unterschiedliche Richtungen zu gehen; zwar hatten beide Sorgen, von denen der Andere nichts wusste.
oO( Ein Jahr ... ist es schon her. Stell dir vor, Malicia. EIN Jahr. Und? Hat sich was geregt? Gebessert? Verändert? )
Malicia legte die Ohren an, so dicht an den Kopf, dass es aussah, als hätte sie gar keine Lauscher.
"Wie ist es bei dir ... Schwester? Was gab dir die Sonne, was dir der Mond nicht schenken konnte?"
Malicia spürte, dass es nicht nur der Tod ihrer Eltern war, der Tyraleen bedrückte und sie in ein so melancholisches Kleid hüllte. Sonst war sie doch immer anders gewesen ... Oder? War sie auch eine Schauspielerin, wie Malicia selbst? Vertuschte sie ihre Gefühle? Für die schwarze Fähe kamen Fragen über Fragen auf, die sie ohne jemals jemanden zu fragen, nie beantworten könnte. Und da war der Knackpunkt.
Reden fiel ihr schwer. Wie sollte sie da zu ihrem Rudel zurückfinden? Das grenzte schon fast an ein Wunder, wenn es eintreten würde, einfach so. Einfach so?
07.03.2011, 11:14
Das Verhalten ihrer schwarzen Schwester wurde Tyraleen immer rätselhafter. Sie schien nachdenklich, dann legten sich ihre Ohren an, als hätte sie plötzlich Angst oder wäre unglaublich wütend und stellte eine Frage, die die Weiße irritierte. Sie konnte kaum die echte Sonne und den echten Mond meinen, doch auch in einer Metapher verstand sie den Sinn nicht. Sprach Malicia von Engaya und Fenris?
“Wie meinst du das?“, fragte sie zögernd und betrachtete die seltsame Haltung der Schwarzen. “In den Nächten des Nichts war auch nie ein Mond am Himmel gewesen, doch ich bezweifle, dass er Hoffnung hätte wecken können.“
Sie hatten die Lichtung erreicht, vor ihnen breitete sich die kleine, schneebedeckte Grasfläche aus, nur unterbrochen von den beiden kleinen Bäumchen, die ineinander verschlungen der Kälte trotzten.
“Wovor hast du Angst?“
08.03.2011, 17:27
Wenn Malicia nicht eine so große Hemmschwelle hätte, die sie so penetrant dazu bringt, sich nicht zu getrauen, ihrer Schwester einfach einmal sanft in die Seite zu knuffen oder ihr liebevoll das Ohr abzulecken. Stattdessen gingen sie auf diesen Hain, mit den kleinen Pflänzchen und der Erinnerung ... an den Tod ... ihrer Eltern.
"Engaya und Fenris, so unterschiedlich aber auch ... so gleich. Wie weiß"
Malicia schaut zu ihrer Schwester Tyraleen.
"... und schwarz. Für die, die an die Sonnen denken, weckt die Sonne die Hoffnung. Die, die an den Mond denken, an die Nacht, die werden durch dessen Kräfte bestärkt."
Sie blickte gen Himmel und atmete tief ein und betrachtete ihn. Sie glaubte nicht, dass sie so ... lang und gefühlsbetont gesprochen hatte. Schon lange hatte sie das nicht mehr getan. Wovor hast du Angst ... fragte Tyraleen und Malicia lagen die Worte auf der Zunge.
"Ich habe Angst, davor ... zu erkennen, was ich bin. Zu erkennen, dass ich so bin, wie ich bin. Zu erkennen, dass ich diese ... nachdenkliche, melancholische Fähe sein muss. Für immer. Und zu erkennen, dass ich mich nie ändern kann, weil mir ... die Kraft fehlt."
09.03.2011, 22:50
Nun begann Malicia auch noch in Rätseln zu sprechen und verwirrte damit Tyraleen endgültig. Hatte sie mit Mond und Sonne doch Fenris und Engaya gemeint? Und warum philosophierte sie nun über die Götter, obwohl es gerade um ganz anderes ging – um Malicia selbst, ihre Rückkehr, ihr Verhalten. Doch es schien der Schwarzen Mühe bereitet haben, so zu sprechen und Tyraleen spürte auch, dass es nicht selbstverständlich war. Aber die Gedankengänge der zwei Fähen unterschieden sich in diesem Moment so sehr, dass es der Weißen nicht möglich war, auf Malicias philosophische Worte angemessen zu antworten. Sie wollte nun nicht über Engaya und Fenris und die Hoffnung und Kraft reden. Sie wollte über Malicia reden.
“Es geht doch gar nicht um Engaya und Fenris … es geht um dich. Und vielleicht um mich. Um uns. Um deine Familie.“
Und Malicia tat ihr den Gefallen, zumindest freute es Tyraleen, endlich etwas über ihre Schwester zu erfahren. Auch wenn es seltsam klang, wovor die Schwarze Angst hatte. Wie konnte man nicht die Kraft haben, sich zu ändern, wenn man sich nichts mehr wünscht?
“Wenn du etwas wirklich willst, hast du auch die Kraft dafür. Nur vielleicht fehlt dir manchmal der Mut, etwas wirklich zu wollen. Aber dann hast du deine Familie, die dir den Halt geben kann, den du brauchst und die dir den Rück stärkt, wenn du strauchelst. Aber ich weiß nicht, ob du es wirklich willst … dich ändern. Davor kann man Angst haben. Ich habe mich verändert und hätte ich es zuvor gewusst, hätte ich schreckliche Angst davor gehabt.“
11.03.2011, 18:05
Erstaunt - wieder einmal - wie offen Tyraleen, obwohl es ja ihre Schwester war, mit der sie lediglich selten zu tun gehabt hatte, blickte Malicia auf die beiden Pflänzchen in der Mitte der Lichtung auf dem Trauerweidenhain. Das Tyraleen dachte, es ginge nicht um Engaya und Fenris, verstand Malicia zwar nicht, da diese beiden Götter ja doch letztendlich das war, was sie waren. Das Leben, der Atem, die Gedanken, die Erde unter ihren Pfoten ... warum verstand Tyraleen dies nicht? Es konnte einfach nicht um die unscheinbare Malicia gehen, um die beiden ungleichen Schwestern auch nicht ... aber um das, was sie verband, nämlich das Tal der Sternenwinde und ihre Familie. Dieses starke, schöne und mächtige Rudel. Warum also brachte diese weiße Fähe nicht in ihren Kopf herein?! Seit langem wieder dachte Malicia intensiv an etwas anderes als an sich und ihre Verlassenheit. An ihre Vergangenheit. Aber dieses Thema wollte die schwarze Fähe nicht aufreißen und bejahte das Ganze mit einem leichten Kopfnicken.
Plötzlich schnellte ihr Kopf auf, ruckartig bewegte er sich und Malicia blickte Tyraleen an. Ihre Augen waren unglaublich groß, sie hatte Angst. Was war passiert? Das war doch eine Andeutung! Am liebsten hätte sie geschrien und sich näher zu Tyraleen begeben, aber sie traute es sich nicht.
"Was ... hast ... geschehen?
Und wie soll ich mir ... von euch, meiner Familie, Rückhalt geben lassen, wenn es alle anderen schon schwer genug haben? Ich kann es euch nicht antun, euch so sehr ... zur Last zu fallen. Lebt doch einfach weiter unbeschwert umher und lasst mich verwesen ... das wäre wohl das Beste. Du sagst niemand, dass du mich getroffen hast ... und ich gehe .... ich will euch nicht stören. Wenn du also willst ... gehe ich."
Die sonst schon zarte Stimme zitterte aufgeregt und die Ohren gingen ein wenig nach hinten. Die Rute und Läufe waren durch ein beben erschüttert und sie befand sich auf wackeligen Boden. Warum waren nur so viele ... schlimme Dinge geschehen, in letzter Zeit? Das Nichts, das Verschlucken ihrer Welt ... der Tod ihrer Eltern. Womit hatten sie das alles nur verdient? Womit? Ihre Augen füllten sich langsam mit Tränen und sie setzte sich auf ihre Hinterbeine, noch immer aufgeregt. Und das tat sie ihrer Schwester an .. tze. Einfach so schlappmachen. Alle im Stich lassen. Das darf eigentlich nicht sein ...
29.03.2011, 10:31
Malicia nickte, doch es schien Tyraleen nicht, als wäre die Schwarze wirklich ihrer Meinung. Sie dachte anders, als ihre Schwester, sie beide verfolgten unterschiedliche Absichten, Wege und Methoden, sie waren sehr verschieden. Aber das hieß nicht, dass sie sich nicht verstehen konnten. Sie mussten sich nur akzeptieren und hinnehmen, was der andere dachte, gleichzeitig aber das ansprechen und möglicherweise ändern, was unverständlich oder inakzeptabel war. Es klang kompliziert, doch im Prinzip war es etwas vollkommen Natürliches, was in jeder Beziehung geschah. Nur bei Malicia wirkte alles etwas komplizierte, nicht unbedingt positiv anders.
Malicia schien erschrocken oder zumindest erstaunt von Tyraleens weiteren Äußerungen. Sie wusste nicht, was geschehen war, schien jedoch zu spüren, dass es einen entscheidenden Einschnitt im Leben Tyraleens und des Rudels. Die Weiße hätte darauf geantwortet, doch ihre Schwester stellte noch mehr fragen, die tiefe Furchen in die Stirn Tyraleens gruben. Warum redete Malicia so? War das Kritik, Spott, Verachtung? Warf sie ihr vor, sich nicht um sie gekümmert zu haben? Ihre Worte schienen genau das auszusagen, doch die Schwarze selbst war traurig und saß zusammengesunken vor ihr.
“Warum sagst du so etwas? Unsere Familie hat jedes seiner Mitglieder immer gestützt, wenn es sich hat stützen lassen. Ich werde dir meine – unsere – Hilfe nicht aufdrängen, wenn du gehen willst, dann geh und lehne unsere Hilfe ab. Wenn du bleiben willst, dann bleib und nimm unsere Hilfe an. Aber mach mir deine Entscheidung nicht zum Vorwurf, gib mir nicht das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben, obwohl ich dir Hilfe angeboten habe.“
Ebenso wie bei Malicia zuvor, klangen Tyraleens Worte härter, als ihr Verhalten sie begleitete. Sie saß nun auch, betrachtete ihre Schwester und wirkte ebenso traurig.