01.11.2010, 12:36
Nach dem Gespräch mit Madoc und Avendal hatte Atalya sich die meiste Zeit etwas entfernt vom Rudel aufgehalten. Sie hatte viel Zeit gebraucht, um über so vieles nachzudenken. Über sich selbst, über ihre Mutter.. über diesen Tag, der sich in ihr Gedächtnis gebrannte hatte. Es schmerzte noch immer, wenn sie daran dachte. Ein Gemisch aus Wut und endloser Trauer ergriff sie immer wieder, sie war gefangen in einem Teufelskreis, aus dem sie keinen Ausweg finden konnte. Atalya war immer wieder zu Madoc geflohen, hatte stumm bei ihm gelegen. Sich in seinem warmen Pelz versteckt und Trost in seiner Nähe gesucht.
Nun war sie allein, den Geruch des Rudels in der Nase. Mit langsamen Schritten folgte sie dem Pfad zurück zu ihnen, einer bestimmten Fährte folgend. Unsicher setzte sie eine Pfote vor die andere, den Kopf leicht zu Boden gesenkt. War dies die richtige Entscheidung? War die Zeit für dieses Gespräch gekommen? Die Ohren der Grauen legten sich leicht zurück, je näher sie ihrer Mutter kam, desto unsicherer wurde sie. Sie hätte es nur zu gut verstanden, wenn die Weiße sie nicht hatte sehen wollen. Aber.. sie wollte es wenigstens versucht haben.
Einige Minuten, und unzählige Zweifel vergingen, als sie das weiße Fell ihrer Mutter erkennen konnte. Ihr Herz machte einige schnelle Sprünge, während sie den Kopf leicht anhob, weiter auf Tyraleen zu schritt. Sie hatte sie sicher schon bemerkt.. und erkannte nun die Zweifel die in jeder ihrer Bewegungen lag. Wie nah sollte sie gehen? Wie weit sollte sie sich ihrer Mutter nähern? Die Graue schluckte, blieb dann in wenigen Schritten Entfernung stehen. Den hellen Blick unsicher auf das Gesicht der Weißen gelegt. Ihr Herz raste, ihre Beine wollten weiter laufen. Aber die Fähe blieb standhaft, wußte jedoch nicht, wie sie anfangen sollte. Ihr Blick wandte sich an ihrer Mutter vorbei. Sie fand keine Worte für das, was sie sagen wollte. Atalya fühlte sich winzig, völlig in sich zusammen gesunken. Ganz langsam und vorsichtig suchte sie wieder den Blick ihrer Mutter. Ihre Augen zeugten von der Unsicherheit, die sie nicht loslassen wollte.
“Mama.. .. ich.. ..“
Ihre Stimme brach ab, noch ehe sie weiter sprechen konnte.
01.11.2010, 18:20
Tyraleen hatte die Augen geschlossen, wollte schlafen und wurde doch immer wieder von den Bildern der vergangenen Tage heimgesucht. Averics Abscheu, Tascurios tote Augen und der Hass, der ihr von ihren Rudelmitgliedern entgegengespieen wurde. Irgendwann gab sie es auf und öffnete die schmerzerfüllten Augen. Ziellos wanderte ihr Blick über die Umgebung und blieb erst an einer kleinen grauen Gestalt hängen, die sich ihr näherte. Als ihr bewusst wurde, dass es Atalya war, schnellte ihr Kopf nach oben. Kam sie zu ihr? Wollte sie mit ihr sprechen? Ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer, Hoffnung schlich sich in ihren Blick. Sie hatte nicht vergessen, was ihre Tochter zu ihr gesagt hatte, um so wenig hatte sie erwartet, dass sie nun zu ihr kommen würde. Natürlich erkannte sie die Zweifel, die in jedem Schritt Atalyas zu liegen schienen und ebenso die Unsicherheit, die unübersehbar in dem Blick ihrer Tochter lag. Aber sie kam zu ihr, sie wollte mit ihr sprechen. Ein zaghaftes Lächeln entstand in Tyraleens Gesicht.
“Atalya. Ich freue mich, dich zu sehen.“
Sie wollte sich vor zu ihrer Tochter beugen und sie an der Nase berühren, hielt jedoch mitten in der Bewegung unsicher inne. Leicht vorgebeugt aber erstarrt sah sie in die Augen ihrer verloren geglaubten Tochter.
01.11.2010, 18:38
Atalya hielt den Kopf leicht gesenkt, die Ohren nach hinten geneigt. So viele Worte lagen ihr auf die Zunge, die ihren Fang aber nicht verließen. Für einen Moment fühlte sie sich wie ein Welpe, der auf sie Strafe seiner Mutter wartete, weil er irgendetwas ausgefressen hatte. Sie erkannte das Lächeln, das sich auf die Lefzen ihrer Mutter zog. Aber sie konnte es nicht erwidern, noch nicht. Die Worte, die dann folgten, stachen der Grauen in ihr Herz. Die Worte, die sie selbst gesagt hatte, klangen noch immer in ihrem Kopf wieder. Und trotzdem verjagte Tyraleen sie nicht, sprach von der Freude, sie zu sehen. Und mit jedem Wort fühlte sich die Graue kleiner. Ihr Blick fiel von den Augen ihrer Mutter zurück auf den Boden vor ihren Läufen. Sie schämte sich für das, was sie gesagt hatte. Und nun wurde sie genau damit konfrontiert. Sie bereute es.
Atalya schluckte schwer, hob nur die Augen zum Gesicht ihrer Mutter. Sie wollte sie berühren, und hielt doch inne. Einen kurzen Moment schwang Atalyas Rute durch die kühle Luft, als hätte sie die Berührung ihrer Mutter gewartet. War sie doch nicht froh darüber, dass sie zu ihr gekommen war?
“Es.. tut mir Leid.. Ich habe Dinge gesagt, die nicht stimmen..“
Sie flüsterte leise, und doch verständlich. Sie fand keinen richtigen Anfang, fand keine Worte die ausdrückten, wie Leid es ihr tat. Aber sie wollte es nicht unausgesprochen lassen. Es belastete sie zu sehr. Und ganz langsam und vorsichtig neigte sie den Kopf zu ihrer Mutter, streckte ganz zaghaft die Schnauze in ihre Richtung. Eine Geste des Friedens, der Zuneigung. Und ganz leicht pendelte ihre Rute hin und her.
02.11.2010, 08:40
Alles an Atalya sprach von Unsicherheit, von Zögern, sogar von Scham. Sie kam zu Tyraleen wie ein Welpe, der einen Fehler begangen hatte und nun eine böse Bestrafung erwartete. Dabei war es doch Tyraleen gewesen, die die falsche Tat begangen hatte. Und Atalya hatte sie daraufhin bestraft. Vielleicht waren nicht alle Worte fair gewesen und sicher hatten sie Tyraleen verletzt, aber sie hatte nie das Gefühl gehabt, sie nicht zu verdienen. Auch wenn sie schmerzten und auch wenn sie bedeuteten, dass ihre Tochter sie nicht mehr länger als ihre Mutter ansah. Doch Atalya schien ihre Meinung geändert und ob verdient oder nicht, Tyraleen freute sich unbändig darüber. Ihre Rute begann bei den Worten ihrer Tochter durchs Gras zu wischen und als sich die Graue vorsichtig vorbeugte um die unvollendete Berührung ihrer Mutter zu beenden, schloss Tyraleen für einen kurzen Moment die Augen; genoss die kleine Schnauze ihrer Tochter an ihrer Nase und ihren Geruch, der nun wieder ganz nahe war.
“Danke … meine Kleine.“
Sie wollte ihre Entschuldigung würdigen, wollte sie in jedem Fall annehmen, wollte ihre Freude darüber zeigen, auch wenn sie schon im nächsten Atemzug widersprechen würde.
“Aber in Vielem hattest du Recht. Ich habe nicht nachgedacht. Ich hätte nachdenken müssen.“
Ihr Blick hatte sich zu Boden gesenkt.
30.11.2010, 13:47
Sie konnte sehen, dass ihre Mutter für einige Momente die hellen Augen schloß, und tat es ihr selbst gleich. Einige stille Momente verharrte die Graue so, neigte den Kopf dann erst zurück, als die Worte ihrer Mutter an ihre Ohren drangen. Atalyas Ohren neigten sich leicht zurück, als ihre Mutter wieder sprach, und den Blick dann abwandte, ihn in Richtung Boden wandte. Hilflos blickten die hellen Augen der Fähe die Weiße an. Was sollte sie nun tun? Sie wollte nicht einfach hier stehen und zusehen, wie ihre Mutter litt. Noch einmal schloß sie die Augen, trat dann einen Schritt vor und stellte sich neben die Weiße, lehnte sich leicht an ihre Seite. Sie wußte nichts zu sagen, wußte nicht, wie sie ihrer Mutter anders Trost spenden sollte. Sie fand sich zum ersten Mal in solch einer Situation, wußte nicht, wie sie sich verhalten sollte. Was sagte man in solch einem Moment, der von fast peinlicher Stille umhüllt war? Nur ein weiteres, leises Flüstern verließ ihren Fang.
“Es.. wird alles wieder gut.. oder?“
Sie hoffte es so inständig.
03.12.2010, 15:51
Aus dem Augenwinkel konnte Tyraleen sehen, dass sich ihre Tochter wieder in Bewegung setzte und fürchtete wenige Herzschläge lang, dass sie sich abwenden würde. Doch Atalya kam noch ein wenig näher, drehte sich dann leicht und war plötzlich an ihrer Seite, lehnte sich an sie, als hätte sie die Zweifel nun restlos hinuntergeschluckt. Im Liegen schmiegte sich Tyraleens Wange an die Schulte ihrer Tochter und langsam nickte sie, als wäre sie sich sicher.
“Natürlich wird es wieder gut. Aber anders. Doch genau das bietet neue Chancen, vielleicht sogar ein besseres ’gut’ zu finden. Wir dürfen uns nur nicht mehr streiten, auch du und deine Geschwister nicht.“
Sie war versucht, ihren eigenen Worten Glauben zu schenken und wagte diese Hoffnung doch noch nicht. Noch war es für sie viel zu früh um mit einem Lächeln in die Zukunft zu blicken; nur das Wissen, dass es vielleicht bald schon geschehen konnte, ließ sie ihrer Tochter eine Antwort geben, die nicht gelogen war.
18.12.2010, 14:58
Atalya spürte das zaghafte Nicken ihrer Mutter, wandte den Blick ein wenig zu ihr und lauschte den Worten der hellen Fähe. Neue Chancen, ein Neuanfang. So wie Madoc es gesagt hatte. Aber.. was war, wenn dieses Neue nicht gut sein würde? Wenn die Welt weiter so trist bleiben würde? Atalya kuschelte sich in das warme Fell ihrer Mutter, schloß die Augen und roch den vertrauten Geruch ein. Es sollte wieder alles wie früher sein. Ohne Hass und Streit.. mit Tascurio. Als Welpe war sie glücklicher gewesen, genau wie ihre Eltern.. zusammen. Die Graue kniff die Augen fest zusammen.
“Wirst du dich wieder mit Papa vertragen? Ich.. ich will nicht, dass ihr euch hasst..“
Die junge Wölfin versteckte ihr Gesicht ein wenig tiefer im weichen Fell ihrer Mutter
“Könnt ihr nicht auch.. neu anfangen?“
08.01.2011, 22:32
Natürlich hatte Tyraleen mit dieser Frage gerechnet. Wenn ein Wolf von Anfang an mit sich liebenden Eltern aufwuchs, dann empfand er diesen Zustand als ideal und würde ihn sich immer zurückwünschen. Die Weiße konnte nicht leugnen, dass auch sie sich nie etwas Schöneres hatte vorstellen können. Doch jetzt hatte sich so vieles geändert und durch die Taten, die erfolgt waren, würde es nie wieder werden wie früher. Es war nicht mehr ideal, Averic zum Gefährten zu haben, denn Averic hatte all seine Idealität von sich geschleudert. Sie schüttelte den Kopf, diesmal energischer.
“Wir hassen uns nicht, Atalya. Und ich denke, dass wir uns auch wieder vertragen werden. Aber wir können uns nicht mehr lieben. Liebe braucht Vertrauen und das haben wir gebrochen, wahrscheinlich für immer.“
Tyraleen war sich nicht sicher, ob sie sich mit Averic wieder vertragen würde, aber im ewigen Streit würden sie auch nicht leben. Schließlich würde keiner von ihnen dieses Tal verlassen. Ihre Aussage, Averic nicht zu hassen, war keine direkte Lüge, aber sie entsprach auch nicht der Wahrheit. Sie wusste nicht, ob sie ihn hasste. Sie hasste seine Taten, seinen Verrat und dass er sie im Stich gelassen hatte. Aber hasste sie so auch ihn?
“Neu anfangen funktioniert nur, wenn man mit dem Vergangenen abgeschlossen hat. Aber wenn das Vertrauen gebrochen wurde, kann man damit nicht abschließen. Es wird immer im Hinterkopf bleiben und jeden Versuch scheitern lassen.“
16.01.2011, 14:11
Atalya ließ die Augen geschlossen, als könne sie sich so vor der Umwelt verstecken. Als könne sie so all dem Schmerz entfliehen, der sich um ihr Herz gelegt hatte. Aber es half nichts, zu tief waren die Gedanken an den Tag, an dem ihre Mutter diesen.. Fehler begangen hatte. Nur ganz leicht hob die graue Fähe den Kopf, als ihre Mutter den Kopf schüttelte und zu sprechen begann. Vorsichtig hob sie den Blick zum Gesicht der weißen Wölfin.
„Aber.. wenn wir uns verzeihen können, wieso könnt ihr das Vertrauen nicht neu aufbauen? Wieso könnt ihr euch nicht noch eine Chance geben?“
Atalyas Ohren neigten sich zurück, und sie wandte den Blick von ihrer Mutter ab. Nun blickte sie auf den Boden unter ihren Läufen. Unsicher atmete sie aus.
“Es wäre doch einen Versuch wert.. Wenigstens einen..“
25.02.2011, 15:19
“Das ist nicht so einfach, wie es klingt, mein Schatz. Vertrauen kommt nicht, indem man sich noch einmal eine Chance gibt. Vertrauen kommt oder nicht. Vielleicht hast du Recht und irgendwann können wir uns wieder vertrauen, vielleicht aber auch nicht. Du sollst aber dein Glück nicht davon abhängig machen. Du kannst genauso glücklich sein, wenn deine Eltern sich nicht mehr lieben. Wir sind ja dennoch beide für dich da.“
Aufmunternd stupste Tyraleen ihre Tochter an. Es gab so viel wichtigeres für eine junge Wölfin, als das Glück ihrer Eltern. Es war ja nicht einmal gesagt, dass Tyraleen und Averic, jeder für sich, nicht wieder glücklich werden könnten. Vielleicht mit einem anderen Partner, vielleicht mit sich und der Familie. Vielleicht. Vielleicht eher nicht. Es war unvorstellbar.
06.03.2011, 15:20
Verunsichert, ob sie ihre Mutter nun ansehen sollte, oder nicht, wandte Atalya den Blick vorsichtig zu ihr. Mit unglücklichem Blick betrachtete sie die weiße Wölfin, lauschte ihren Worten. Ihre Ohren neigten sich wieder ein wenig zurück, als Tyraleen sie anstupste, versuchte sie aufzumuntern. Aber in diesem Moment schien nichts ihr helfen zu können. Nein... jetzt hatte die Trauer über die Wut gesiegt. Und es fühlte sich nicht gut an.
Leise seufzend ließ die graue Jungwölfin den Kopf zu ihrer Mutter sinken, versteckte das Gesicht in ihrem weichen Pelz. Auch ihre Worte hatten sie nicht aufmuntern können. Alles, was sie tun konnte, war abwarten. Warten, dass es besser wurde. Oder dass sonst irgend etwas passierte, was alles wieder... gut machte.