13.08.2010, 22:33
Der Sturm war vorbei und nur noch leichter Regen fiel vom Himmel herab. Leise prasselten die Wassertropfen auf den Blättern der Bäume und fielen platschend in das Wasser des Sternensees. Hierher, abgeschieden vom Rest des Rudels, hatte sich die Jungwölfin zurück gezogen. Sie musste alleine sein, sie musste nachdenken. Ihre schlanke, hochbeinige Gestalt hob sich durch das weiße Fell besonders gut vom Nachthimmel ab, doch könnte sie ebenso gut eine Illusion sein. Die schlanken Beine und auch die buschige Rute ragten ein Stück weit über den Stein hinaus, auf dem sich Aléya nieder gelassen hatte.
Tief atmete die junge Wölfin den Geruch des frischen Regens, feuchter Erde und kaltem, klaren Wassers ein. Ihr Geruchssinn war schärfer als der aller anderen. Das hatte sie inzwischen mit bekommen. Auch ihr Gehör, ihre Augen und ihre Reaktionsfähigkeit war um einiges verbessert worden. Ihre Schritte waren schnell und dennoch anmutig und elegant, als wäre sie kein Wesen dieser Welt.
Genau dies war der Grund, weshalb die Helle den Abstand und die Einsamkeit suchte.
Die schweren Lieder hoben sich, sie blickte hinab in das unruhige Gewässer unter ihr, erkannte die dunklen Augen, schwärzer als der zugezogene Himmel über ihr. Was war bloß mit ihr los?
Ein Brennen, so wie vor der Jagd, hatte ihre Kehle schier in Brand gesteckt. Überall im Rudel hatte sie das laute Pulsieren der Herzen, das Rauschen von warmen Blut vernommen.
In einem kurzen Blitz des Erkennens, die Bilder der Jagd waren in ihr Bewusstsein getreten, hatte die Jungwölfin sofort kehrt gemacht und war so schnell sie konnte vor dem Rudel, vor sich selbst geflohen.
13.08.2010, 22:56
Es war einige Zeit vergangen seit der Rüde in das Tal der Sternenwinde gekommen war. Er konnte nicht recht sagen, ob er sich schon eingelebt hatte, oder ob die Umgebung ihn noch fremd war.
Er wusste nichteinmal zu beurteilen, ob ihm viel entgegengekommen war, oder nicht. Genaugenommen machte er sich derzeit keinerlei Gedanken um das, was geschehen war.
Der Regen hatte nachgelassen. Mittlerweile waren es nur noch ein paar Tropfen, die die immernoch dichte Wolkendecke über ihm verließen und sich ihren Weg durch die Luftschichten hinunter in sein Fell bahnten. Glücklicherweise hatte sein Fell seit seiner Ankunft im Tal keine größere Nässe mehr erlitten und war erfolgreich getrocknet, so, dass er nun vor dem Regen geschützt war, soweit es ging. Dennoch bahnte er sich seinen Weg durch das Unterholz so, dass er Zeit genug hatte, um trocken zu bleiben.
Wohin er ging wusste er selbst nicht. Auch nicht, wo die anderen waren und was sie trieben. Da war eigentlich niemand, dem er begegnen konnte. Sicher, dass hatte ihn verwundert und die düstere Vermutung, dass die anderen ein Vorhaben hatten, dem er nicht beiwohnen durften, beschlich ihn. Ráyon mochte es nicht von etwas ausgeschlossen zu werden. Er mochte es generell nicht, wenn es da etwas gab, dass er nicht erfahren konnte.
Aus seinen Gedanken gerissen wurde er erst, als Wasser plötzlich seine Vorderläufe umschloss. Vollkommen irritiert löste er seinen Blick aus seinen Gedanken zu dem, in dem er nun stand: ein Gewässer. Nicht tief oder groß, aber unruhig. Wie wild geworden umschloss das kühle Nass seine Pfoten und schienen ihn tiefer hineinzuzerren. Erst da bemerkte er, dass das Wasser ihn aus zwei pechschwarzen Agen anstarrte. Erschrocken machte er einen Satz zurück. Panick ergriff ihn für einen Moment, ehe ihm bewusst wurde, dass es das Spiegelbild zweier Wolfsaugen war, dass er erblickt hatte.
» ALÉYA ALÉYA!! «
Seine Rute peitschte zwischen seinen Hinterläufen hin und her. Aufgeregt und erfüllt von Freude hüpfte er auf und ab, so dass das Wasser unter ihm nur so spritze.
Seit dem Tag seiner Ankunft hatte er die Weiße nicht mehr ernsthaft gesehen. Sie nun allein anzutreffen war eine reine Glückssache... doch irgendwie schien sie weniger begeistert.
Wahrscheinlich nicht mal wegen ihm. Sie schien eher bedrückt.
Promt endete sein freudiges Schauspiel und er klemmte die Rute zwischen die Läufe. Die Fähe lag ein Stück höher als er, und brauchte er sich nicht zu ducken, als er näher auf sie zu kam und ihr freundlich, aber bedacht, über die Pfoten schleckte, die in etwa auf seiner Kopfhöhe waren. ( Ich stell mir das so vor, dass es ein Felsvorsprung ist, auf dem sich Aléya niedergelassen hat. Also einer, der etwas über dem Wasser aufragt. Wenn ich falsch liege, bewegt sich Ráyon anders, um ihre Pfoten zu erreichen. )
»Guck nicht so grimmig. «, winselte er, obwohl die Fähe kaum grimmig, eher beunruhigt dreinschaute. Aufmunternd und irgendwie doch etwas verlegen schaute er zu ihr auf. Er wollte sie auffordern zu spielen, oder irgendetwas in der Richtung, doch er traute sich nicht.
14.08.2010, 13:54
Noch bevor etwas zwischen dem dunklen Regenschleier erkennbar war, hatte die Weiße ihn schon gehört, seine Witterung in der regenschweren Luft ausgemacht. Natürlich, sie hätte es sich doch denken können. Innerlich seufzte die Fähe. Was sollte sie bloß tun? Sie konnte in diesem Augenblick eigentlich keine Gesellschaft gebrauchen, obwohl es die Nähe war, in die sie sich flüchten wollte. Sie wollte beschützt werden, in dieser Sekunde, in der sie so ratlos und verwirrt war. Wieso bloß war ihr Vater Aryan nicht mehr bei ihr, warum hatte er sie verlassen müssen?!
In einem Aufbegehren ihrer Gefühle holte Aléya aus und zerschlug das Spiegelbild ihrer schwarzen Augen auf der Wasseroberfläche. Sie wollte dort nicht mehr hin sehen, wollte nichts mehr wissen.
Das Ráyon, den sie längst bemerkt hatte, näher kam, ignorierte sie.
Noch bevor er in Sichtweite kam, konnte sie das Geräusch seiner Pfoten auf dem durchnässten Boden hören, lauschte – als er sie fast erreicht hatte – seinen regelmäßigen Atemströmen, konnte das Pulsieren seines Herzschlages wahrnehmen.
Sie schluckte.
Das Brennen in ihrer Kehle tat weh, die Versuchung einfach aufzustehen und – sie verbot sich den Gedanken. Sie mochte den plüschigen Rüden irgendwie. Seine Frohnatur war angenehm und die Wärme, die er ausstrahlte, kam von Körper und Herz. Sie wollte ihn nicht verletzen.
Leicht stellten sich die Nackenhaare auf, die Lefzen zuckten, als der Rüde näher trat und ihre Pfoten leckte.
Er sollte ihr lieber nicht zu nahe kommen, sie wusste sonst nicht, was mit ihr passierte. Auf seine Worte legte sie die Ohren an, den Kiefer fest aufeinander gepresst. Das Brennen in ihrer Kehle nahm immer mehr zu, während sie dem Klang seines Herzens lauschte.
Wieder schluckte sie.
Sie durfte ihn nicht in ihr einladendes Netz hinein ziehen, ihn nicht in Gefahr bringen. Er war unschuldig, wusste nichts von dem, was mit ihr los war. Wobei sie dies selber noch nicht ein Mal erkannte.
Ihr Instinkt sagte ihr, dass sich etwas an ihr immer weiter veränderte und das sie es nicht kontrollieren konnte. Die Jagd hatte es gezeigt. Zwischen ihrem Sprint und dem Ende der Jagd klaffte eine große Lücke. Sie wusste nicht, was passiert war und konnte sich nicht erklären, wie sie zu der Beute gekommen waren.
„Ráyon...“ Ihre Stimme war mehr ein raues Flüstern, welches schwer ihre Lefzen verließ. Der Durst brannte in ihrer Kehle und die Beherrschung, die es sie kostete einfach liegen zu bleiben, ließ ihre Stimme weniger gefestigt klingen.
„Ich muss dich bitten zu gehen...“ Wieder war es nur ein Wispern, doch dieses Mal klang es so qualvoll, dass selbst ihr nicht entging, dass ihre Schauspielkunst auf ganzer Linie versagte. Schnell kniff sie die Augen zusammen, presste den schlanken Kopf zwischen dir Vorderläufe. Sie durfte sich um Himmels Willen keinen Millimeter rühren.
„Es tut mir leid.“
((Jepp, ist schon richtig mit dem Felsen. x)
Äh, lass ihn ruhig da stehen, er muss nicht weg gehen - wäre ja auch sinnlos, damit wäre das Play schon vorbei. ^.~))
14.08.2010, 14:09
Seine Ohren zuckten hin und her um die leise Stimme der Fähe zu hören.
Ahnungslos stand er vor ihr, wusste nicht, was er ihr glauben sollte, was er gar von ihr halten sollte. Sollte er gehen? Sollte er bleiben? Sie klang so als würde sie es selbst nicht wissen. So als würde sie etwas, oder jemand zwingen abstand von allem Leben zu halten.
Sollte Ráyon das gewähren lassen? Sollte er zulassen, dass die kleine Aléya, wie sie da so schutzlos und zerbrechtlich, aber irgendwie dennoch bedrohlich vor ihm auf dem Felsen lag, von den anderen abkapselte?
»Nein. «
Seine Stimme war fest und vollkommen entschlossen und bot die klare Antwort auf die Fragen, die sich in seinem Kopf abspielen.
Jetzt, wo er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte änderte sich etwas an seiner Haltung. Er war nun, in dieser Situation nicht mehr der vierjährige Rüde, der sich benahm wie ein kleiner Welpe, sondern der, der den Fels in der Brandung spielen würde.
Seine Rute schwenkte nicht mehr hin und her und sein Blick wurde ernst. So ernst, dass man kaum noch glauben konnte, dass es Ráyon war, der da vor dem Felsen stand. Dennoch war unverkennbar, dass der verspielte Wolf immernoch in seinem Inneren hockte & seelenruhig darauf wartete, dass sich die Situation bessert und er wieder aus seinem Versteck kommen konnte.
» Nein, Aléya, ich werde nicht gehen. Da müsstest du mir schon die Kehle zerbeißen, um mich loszuwerden. «
Natürlich ahnte der Rüde nicht, dass diese Gefahr derzeit tatsächlich bestand.
Mit langsamen, bedächtigen Schritten ging er zur anderen Seite des Felsens, erklomm ihn und ließ sich neben der Weißen nieder. Eigentlich wollte er seinen Kopf in ihren Nacken legen, doch etwas hinderte ihn daran. Etwas, das ihn darauf hin wies, dass es eher eine Gefahr für ihn wäre.
» Erzähl mir, was dich bedrückt. «
Seine Stimme war nur ein raunen neben ihrem Ohr, denn auch er bettete seinen Kopf nun auf den Pfoten, so dass er nah an dem von der Jungwölfin lag.
18.08.2010, 11:14
Innerlich stöhnte die Helle auf über die Worte, die Ráyon an sie richtete. Wieso konnte er nicht verstehen, weshalb wollte er es vermutlich auch gar nicht? Er war zu gutmütig, sie spürte das. In diesem Augenblick aber wünschte sie sich, dass es anders wäre. Sie war nicht gut und längst nicht mehr der Welpe, der sie einst gewesen war.
Das eindeutige ‚Nein’, welches, einem Echo in den Bergen gleich, mehrmals in ihrem Kopf wiederholt wurde, war wie ein Schlag in die Niere oder ein Stein um ihr Herz.
Hart biss sie den Fang aufeinander, während sie sich dazu zwang, nicht zu tief ihre Lungen mit Luft und dem verlockenden Geruch seines Körpers einzuatmen.
Es war falsch, dass wusste Aléya, ganz falsch, dass sie hier lag und nicht davon lief. Doch wo sollte sie schon hin, immerhin würde ihr Ráyon wohl folgen. Außerdem gab es keine Sicherheit, dass sie nicht kehrt machen würde. Inzwischen hatte sie fast begriffen, wonach es ihren Körper verlangte. Ihre Muskeln waren wie bei der Jagd angespannt, ihre Sinne flirrten regelrecht und nahmen noch so kleine Veränderungen wahr.
Auch die weiteren Worte des Rüden waren weniger erbaulich, während die Weiße beharrlich schwieg. Sie konnte ihm schlecht sagen, dass sie genau das befürchtete. Das sie aufspringen würde, dass sie sich auf ihn stürzen und seine Kehle zerreißen würde.
Die innerliche Anspannung erklomm praktisch ihren Höhepunkt, als er sich direkt neben ihr nieder ließ und der süßliche Geruch ihr unweigerlich, fast schon beißend, in die Nase stieg.
Vor Anspannung krallten sich die Pfoten der jungen Fähe in den Stein, kratzten über das raue Material hinweg. Am liebsten hätte sie schlicht in den Felsen hinein gebissen, auch in dem Risiko, fortan ohne Zähne leben zu müssen. Damit wäre sie klar gekommen, wenn sie doch nur dieses Verlangen bremsen konnte.
Trotz der Anspannung tat ihr die Anwesenheit des Rüden gut. Seine Wärme rief ihr stets ins Gedächtnis, dass ein Wolf war und nicht ein anderes Wesen, welches sich selber vergaß.
Langsam öffnete sie wieder die Augen, die schier Funken sprühten, und blickte in die sonnigen Augen des Rüden. Jeder, der sie zum ersten Mal sah, wäre vermutlich verwirrt. Ihre Seelenspiegel waren wie zwei Onyxsteine, pechschwarz mit einem unheimlichen Schimmer. Sie verrieten die Gier und den Durst, nachdem sich die trockene Kehle der Jungwölfin verzehrte. Zugleich lag auch ihre Unsicherheit, ihre Furcht vor der eigenen Person in ihrem Blick, der etwas von der Schärfe weich machte.
„Ich weiß nicht was es ist, aber etwas geschieht mit mir...“, wisperte sie leise, kaum vernehmbar, die Ohren angelegt. Ihr ganzer Körper strahlte Hilflosigkeit aus, die sie in dieser Situation wieder zu einer Jungwölfin werden ließ.
18.08.2010, 15:32
In dem Moment, in dem Aléya ihre Augen öffnete, wusste Ráyon, dass er gerade sein Leben auf's Spiel setzte. Dennoch - er hielt ihrem Blick stand. Nur kurz weiteten sich seine Augen in einer Mischung aus Erstaunen und Schrecken, doch er rührte sich. Keinen Zentimeter. Würde er von hier fort laufen, würde sie ihn als fliehendes Beutetier sehen, so dachte er.
Ráyon wusste nicht genau, was es war, dass er in ihren pechschwarzen Augen sah, sprudelnd vor Gier. Jedoch war da auch die Furcht vor dem, was sie nicht in Worte fassen konnte. Sie hatte, stellte Ráyon für sich selbst fest, auch, wenn es nicht stimmen musste, Angst vor sich selbst. Dann bemerkte er auch, wie angespannt sie war. Er verunsicherte die Jungwölfin, doch er hielt das für ein gutes Zeichen.
Nein, Aléya würde ihm nichts tun. Selbst dann wäre er noch in der Lage sich zu wehren, egal wie flink und gerissen diese Fähe in ihrem Zustand sein mochte. Er war kräftig genug, um sie für die Zeit, die er zum fliehen brauchte, außer Gefecht zu setzen.
Gleich nachdem er diesen Gedanken gefasst hatte, hätte er sich am liebsten dafür geohrfeigt. Wie kam er nur auf die Idee, dass er sie verletzen könnte? Das sie ihn verletzen könnte? Das irgendwer überhaupt irgendwen verletzen würde? Soweit würde es nicht kommen. Nie. Auch wenn man niemals nie sagen sollte, darf man... Schluss! Ráyon hätte sich am liebsten selbst angeschrien. Stattdessen rührte er sich nicht. Sein Blick immernoch auf Aléya - und vor allem ihre Augen - gerichtet. Und er begriff: Wenn er ihre Augen beobachtete, würde er wissen, wann sie ihm tatsächlich zur Gefahr wurde.
Trotzdem schaffte er es nicht. Es war nciht so, dass ihre Augen ihm Angst machten, aber er wollte, musste ihr zeigen, dass er sich nicht vor ihr fürchtete, sie nicht wegen ihrer... Eigenart meiden würde.
Und aus diesem Grund hob er nun den Kopf und legte ihn ihr auf den Nacken. Er wusste, dass sie nur den Kopf ein Stück drehen brauchte, um an seine Kehle zu kommen, doch er fürchtete sich nicht. Nein. Sie würde ihm nichts tun.
» Es wird vergehen, Aléya. Du wirst es kontrollieren können, und dann wird alles so sein wie früher. Nur, dass du dann jagen kannst. Besser als die anderen. «
Auch seine Worte waren nur ein leichter Hauch, fast ohne Ton. Vielleicht, weil er selbst nicht wusste, ob er Recht haben würde. Immerhin wusste er nicht, was mit ihr war, welche komischen Vorgänge in ihrem Innern, oder ihrem Kopf am werkeln waren und das mit ihr anstellten, was ihr solche Sorgen bereitete.
Aber es würde wieder gut werden.
Es musste wieder gut werden.
Schon allein, weil Ráyon sie doch lieb hatte.
02.11.2010, 16:14
Unischer beobachtete Aléya die Reaktion des Rüden. Welchen Weg würde er nun wählen? Sie hatte ihn gebeten zu gehen, nicht um seines oder ihres Willen, sondern um ihn vor etwas zu beschützen, was sie selber nicht kannte. Diese Ungewissheit und doch das Gefühl der Veränderung in ihrem Körper, welches sie unmöglich leugnen konnte, verwirrten die Jungwölfin. Am liebsten hätte sie ihren Ziehvater Aryan gefragt, was nun zu tun war. Aber Aryan war nicht da.
Stattdessen legte Ráyon den Kopf in ihren Nacken und fällte damit ihr gemeinsames Urteil.
Schnell kniff Aléya die Augen zusammen, presste den Kiefer aufeinander, hielt den Atem an. Nichts geschah.
Nur die leisen Worte des Rüden drangen an ihre Ohren. Sie hatten etwas Tröstliches an sich, dass die Weiße beinahe den Schmerz in ihrer Kehle vergaß. Dafür aber wurden Wunden in ihrem Herzen aufgerissen, die sie längst vergessen hatte.
Als Welpe war sie verloren gewesen, um in einem fremden Rudel ihrem schwarzen Schicksal zu begegnen. Was sollte bloß werden? Die Fähe vermochte es nicht zu sagen.
Sie wusste nur, dass sie Ráyon unbedingt und mit jeder Faser ihres Körpers glauben wollte, darauf hoffen wollte, dass er Recht behielt.
„Es wird nicht mehr so sein wie früher. Es… schreitet nur immer schneller voran.“ Leise Worte, die nur mühsam über ihre Lefzen kamen, so sehr klammerte sich die Helle an ihren Verstand, an ihr Herz, welches sie nicht an das Unbekannte verlieren wollte.
Irgendwie schaffte Ráyon es, den Durst in ihr zu kontrollieren, obwohl er sie innerlich bereits aufschreien ließ. Ihr Instinkt wimmerte, jammerte wie ein gepeinigtes Tier und verlangte nach Erlösung, welches nur im Blut gefunden werden konnte.
Mit einer ruckartigen Bewegung vergrub sie die Schnauze in dem weichen Fell, den Fang noch immer fest aufeinander gepresst. Es glich schon an Selbstkasteiung, denn der Schrei ihrer Instinkte, die nach frischem Blut verlangten, surrte durch jeden Muskel, jedes Haar.
„Ich… habe Angst.“
02.11.2010, 16:58
Der Rüde spürte, dass sie noch immer angespannt war. Vermutlich versuchte sie gerade krampfhaft ihn nicht zu zerstückeln. Lebensgefahr hin oder her, er konnte hier jetzt nicht so einfach weg. Dazu bedeutete es ihm zu viel der Kleinen zu helfen. Sie war die erste gewesen, mit der sich Ráyon hier in diesem Rudel gut verstanden hatte und somit hatte er die junge Fähe auch apprupt lieb gewonnen. Was für eine Schandtat würde es sein, wenn er sie jetzt, in dieser Situation mit sich allein lassen würde, nur weil er eventuell in Gefahr lief ein ungewolltest Opfer zu werden.
Und er war froh, dass er nicht gegangen war.
» Vielleicht wird es tatsächlich nicht so werden wie früher, aber das muss doch nicht gleich bedeuten, dass es schlechter wird, mh? Vielleicht schwierig, aber nicht unbedint schlecht! «
Abermals war seine Stimme nur sehr leise zu vernehmen, doch die Worte steckten trotzdem voller Bedeutung. Der Ton in seiner Stimme ließ nur erahnen, wie ernst er das, was er von sich gab meinte und das hier war keineswegs einer dieser Versuche jemanden zu trösten, ohne dass man es wirklich versuchte.
Dem Braunen war da nach noch ein Stückchen näher zu rücken, um ihr förmlich einzuprügeln, dass er bei ihr war und ihr alle Kraft geben würde, die er selbst zur Verfügung hatte, aber die Furcht davor, dass es für Aléya zu viel werden könnte und sie nur noch mehr quälte hielt ihn davon ab.
» Du solltest dich nicht davor fürchten... dann hat es zu viel Macht über dich. «
Wahrscheinlich war dies einer dieser Sätze, die nicht wirklich halfen, doch viel anderes konnte der Rüde dazu nicht sagen. Wenn man sich vor etwas fürchtete, dann kontrollierte es einen auch, zwar nur in der Angst, aber das war genug, um die Macht später auszuweiten. Angst war nie ein guter Weg eine Sache zu verarbeiten.
02.11.2010, 17:36
Sich einzugestehen, dass man Angst hatte war manchmal schwer. Das die ehemals muntere Welpin es sich eingestand, war noch viel schwerer. Aber das Eingeständnis auch noch nach außen zu tragen war eine große Überwindung. Aléya achtete nicht darauf. Es war ihr völlig gleichgültig.
Sie hatte Angst vor dem was war, sie hatte Angst vor dem, was unweigerlich kommen würde und noch mehr Angst hatte sie davor, was dann kommen würde. Danach.
Auf seine weiteren Worte schniefte die Fähe nur leise. Ein großer Fehler, denn so sog sie förmlich den Geruch von Ráyons Körper in sich auf, seine Wärme sickerte durch ihren Körper und das Verlangen nach Blut, welches ihre Kehle durchtränkte, wurde unermesslich groß. Seine Nähe trieb sie schier in den Wahnsinn.
Ihre Läufe begannen zu zittern, die Krallen kratzten über den felsigen Untergrund, der Kiefer presste sich nur noch härter aufeinander. In ihrer Brust begann ihr Herz immer schneller zu pulsieren, das Gift verteilte sich und riss sie immer mehr mit sich fort.
Die Gier loderte in den tiefschwarzen Augen auf, mühsam leckte sich die Jungfähe über ihre Lefzen. Ihre Kehle war trocken, es brannte, es schmerzte so sehr.
Es war kaum mehr als ein heiseres Keuchen und doch so erschreckend verständlich.
„Blut…“
05.11.2010, 16:03
»Ruhig, Aléya... «
Sein Wispern würde nichts helfen und dass wusste der Rüde dieses Mal auch. Er erahnte, dass die Situation schnell zum Konflikt werden würde, wenn er nicht rasch etwas unternahm - nur... was sollte man gegen soetwas unternehmen?
Langsam hob er den Kopf, streng darauf bedacht sich nicht zu schnell zu bewegen, denn er wusste, dass eine hektische Bewegung den Jagdinstinkt der jungen Fähe nur noch anstacheln würde und das wäre das letzte, was er in diesem Moment gebrauchen konnte. Eben so langsam wie er den Kopf gehoben hatte, stand er nun auch auf und entfernte sich von der Kleinen - zumindest einen Schritt, denn weter würde er nicht fortgehen. Sie sollte sehen, dass er sie nicht alleinlassen würde. Niemals. Stattdessen ging er diesen einen Schritt und ließ sich dort, nur ein paar Zentimerter von der nach Blut flehenden Fähe nieder. Noch immer redete er sich ein - nein, er wusste es - dass sie ihm nichts tun würde, so stark ihr Verlangen auch war.
» Du bekommst das hin, Aléya. Du wirst jetzt aufhören auf das zu achten, was dich reizt und dann wird der Drang ganz schnell wieder vergehen. «
Seine Stimme war so ruhig, dass er sich selbst so falsch vorkam, fast so als würde er die Sache nicht ernst nehmen, aber genau das tat er doch! Und das wollte er ihr auch zum Ausdruck bringen, indem er sie ernst ansah. Vielleicht etwas zu ernst und möglicherweise war sein Blick auch etwas zu hart, aber vielleicht würde ihr das zeigen, dass sie zu tun hatte, was er sagte - auch wenn Ráyon nicht das geringste Recht hatte ihr irgendwas zu 'befehlen'.
» Hör auf das Rauschen des Windes oder irgendetwas anderes, aber lenk dich ab! Kämpfe! «
09.11.2010, 12:30
War es dem Wunder von Ráyons Stimme zu verdanken, dass sie noch halbwegs bei klarem Verstand war. Aléya wusste sich längst nicht mehr zu helfen, konnte nur versuchen dem leisen Wispern, welches doch lautstark in dem empfindlichen Gehör widerhallte, folge zu leisten. Was blieb ihr auch anderes übrig?
Als der Rüde aufstand, folgte auch die Helle seinem Beispiel. Unbewusst bewegte sich ihr Körper, passte sich automatisch den Bewegungen ihres Gegenübers an. Mattschwarz glänzten die Augen der Jungwölfin, begegneten dem strengen Blick. Er glaubte noch an sie, er wollte, dass sie aufhörte.
Die Lieder senkten sich, wenn sie schon mal nicht mehr hin sah, vielleicht würde dann der Drang verschwinden. Doch sobald sie die Augen schloss, wurden – wie von alleine – ihr Geruchs- und Gehörsinn verstärkt. Eigentlich eine normale Reaktion des Körpers, um das fehlende Organ auszugleichen, doch in diesem Augenblick traf sie der Geruch und das Geräusch so sehr, als würde man vor ihrer Schnauze ein Festmahl bereiten und immer, wenn sie sich regte, würde es ihr entzogen werden.
Dabei brauchte sie doch nur noch zu zupacken. Ein Satz, ein kleiner Sprung und schon würde sie sich von den Qualen erlösen können. Sie konnte es schon vor ihrem geistigen Auge sehen und praktisch fühlen, wie der Drang, die pulsierende Lust, verschwand. Warm und beruhigend rann die rote Flüssigkeit ihre ausgedörrte Kehle hinab und befriedigte endlich das Verlangen in ihr.
Wie durch Watte drangen die Worte in ihren Kopf, schlugen dort ein Echo, so dass sie nur seltsam verzerrte Worte verstehen konnte. Der Durst vernebelte ihre Sinne, ihr emotionales Denken, immer mehr.
Das Rauschen des Windes… die Fähe spitzte die Ohren, lauschte. Es rauschte tatsächlich etwas in ihrer Nähe. Die Weiße hörte genauer hin und vernahm das deutliche Pochen eines Herzens.
Die Zunge fuhr sich über die Lefzen, ihr Körper wusste was zu tun war, wie er alle dem ein Ende setzen konnte. Ohne zu zögern, blind von Verlangen, sprang die Fähe los, den Rachen weit aufgerissen. Fern von allen Sinnen.
12.11.2010, 18:00
Scheinbar hatte Ráyons gutes Zureden kaum noch eine Wirkung auf die kleine Fähe, denn genau diese sprang den Rüden im nächsten Augenblick an, blind vor dem Verlangen, dass sie fesselnd im Griff hatte und nicht wieder loslassen wollte. Der Braune reagierte nicht rechtzeitig und so warf sie die Weiße mit einer enormen Kraft, die Ráyon ihr nicht zugetraut hatte, um.
Vollkommen perplex rasten die Gedanken des Wolfs und für einen Augenblick drohte es ihm die eigene Fassung zu verlieren. Seine Pfoten zuckten, wollten wegrennen, fort von diesem kleinen Ding, in dem er für den Augenblick nicht mehr Aléya sehen konnte, nicht mehr die kleine Weiße, für die er hatte da sein wollen. Nein, für einen kurzen Augenblick war er komplett blind, gefangen von Schock und einem Anflug von Angst. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Glück, vielleicht Schicksal, aber seine Fassung kehrte schnell genug zurück um nicht voller Panik nach dem Jundwolf zu schnappen und somit vermutlich den größten Fehler seines Lebens zu begehen. Zwar zitterten seine Glieder immernoch vom Schreck, doch auch das Weglaufen ließ sich nun um einiges besser kontrollieren. Sein Herz jedoch wollte sich nicht beruhigen. Noch immer pumpte es schnell und hektisch das sauerstoffreiche Blut durch die Adern, um die Müskeln seiner Läufe mit dem Sauerstoff zu versorgen, dass er brauchte, sobald er sich mit einem Sprint in sicherheit bringen würde.
Ráyons Kopf hatte jedoch schon einen ganz anderen Plan geschmiedet. Bleiben. Warten. Reden. Irgendwann - so hoffte der Rüde - würde sie wieder zu vernunft kommen, und ihn nicht zerreißen, so wie sie es eigentlich vor hatte. Irgendwann... Genauso, wie sie es irgendwann kontrollieren konnte.
Für den Moment brachte er dennoch kein Wort heraus.
24.11.2010, 16:33
Der Instinkt hatte den Körper übernommen, den Verstand ausgeschaltet. Es war das Blut, welches durch den Körper des Rüden rauschte, welches ihren Sinn umnebelte. Mit Genugtuung nahm die Weiße durch den Schleier, der sie umgab, wahr, wie ihre Beute nachgab. Der Braune roch nach Angst, Panik kroch in seinen Läufen empor, fesselte ihn am Boden. Die gierigen schwarzen Augen richteten sich unheilvoll auf das Gesicht Ráyons. Laut und deutlich konnte die Helle das Vibrieren der Muskeln und Sehnen vernehmen, konnte seine Anspannung spüren. Er wollte weg laufen, sich und sein Leben rettet. Leicht kräuselten sich die Lefzen der weißen zu einem Lächeln. Eine Jagd würde noch mehr Freude bereiten.
Der Instinkt zeigte ihr vor ihrem geistigen Auge, wie sie der Hirschkuh hinterher gehetzt, zum Sprung angesetzt und mit perfekter Präzision den todbringenden Biss angesetzt hatte.
Geifer sammelte sich in der schmalen Schnauze, der Körper spannte sich an. Das schnell pochende Herz stachelte das Adrenalin und die Lust am Jagen in der Jungwölfin nur noch weiter an.
Schnell wirbelte die Weiße auf den Hinterläufen herum, brachte den agilen Körper erneut in Angriffsposition. Mit einem weiteren Sprung landete die Weiße auf dem Braunen, presste mit aller Kraft den Leib des Rüden zu Boden. Den Fang gebleckt, die spitzen Zähne strahlendweiß und begierig, direkt über der Kehle des Braunen.
Als sich die hellbraunen Augen in den schwarzen Perlen widerspiegelten, hielt die Fähe inne. Angst durchströmte neben der Gier ihren Körper.
„Rá… Ráyon?“
Die Stimme der Weißen klang gebrochen, verzweifelt. Schnell klappte sie den Fang zu, konnte sich aber sonst nicht weiter rühren. Was hätte sie da fast getan?
04.12.2010, 11:50
Angst fesselte ihn noch immer am Boden. Der rasende Schlag seines Herzens ließ ihn fast kollabieren. Es viel ihm zunehmend schwer die Nerven zu behalten. Als Aléya sich erneut in Angriffsposition brachte, zuckten seine Läufe noch extremer, wollten rennen, hetzten, nur schnell weg von diesem Ort, weg von dieser Fähe, die ihm die Kehle zerreißen wollte. Er sah in ihren Augen, dass sie nur darauf wartete, dass er rennen würde. Dass sie hoffte ihn hetzten zu können, bis er elendig zu Boden ging, sie über ihn herfallen konnte. Doch dieser Gedanke ließ ihn standhaft bleiben - zumindest standhaft an einem Ort. Vielleicht war es auch nicht nur dieser Gedanke, der nicht zuließ, dass er sich rührte. Genausogut konnte es sein, dass ihn die Angst, die Panik gefesselt hatte und nicht gehen lassen wollte.
Als die kleine weiße Fähe erneut zu, Sprung ansetzte schloss Ráyon nur die Augen. Er sah sich schon selbst sterben. Glaubte, dass er gleich den letzten Atemzug tun würde. Als der Aufprall der Fähe auf seinem Körper folgte, öffnete er wieder die Augen. Der Ruck und die Kraft, die auf ihn wirkten, hatten ihm die Luft aus den Lungen gepresst und er rang verzweifelt nach Atem. Er konnte nicht blind bleiben, wenn die Gefahr direkt auf ihm stand. Ráyon spürte den Atem an seiner Kehle, wusste, dass ihr Fang kurz davor war zuzuschnappen. Es erschien ihm, als würden Stunden vergehen. Stunden, in denen der Rüde Aléya anstarrte und die Weiße zurückstarrte. Doch ihr Blick veränderte sich und der Braune konnte förmlich spüren, wie ihre Stimmung zu schwanken begann. Als sie ihre gebrochene, verzweifelte Stimme erhob glaubte Ráyon, dass der Spuk vorbei war.
Noch immer pochte das Herz in seiner Brust so schnell wie nie zuvor, doch jetzt fühlte er sich nicht mehr in Gefahr.
» Aléya... «
Auch seine Stimme war nicht mehr als ein Hauch. Keinen Ton würden seine Lefzen so schnell von sich geben. Für den Moment war er nur glücklich darüber, dass die weiße Fähe wieder die war, die er kennengelernt hatte.
05.12.2010, 14:11
Nach und nach schien sich die Haltung der Weißen zu entspannen. Zumindest verlor die Jungwölfin den gierenden Blick aus den Augen, die straffe Haltung, die nach Jagd lechze, wurde vom Wind fort getragen. Ansonsten wagte Aléya es nicht sich auch nur einen Millimeter zu bewegen. Die halbwegs zurück gewonnene Fassung ließ sie erstarren, erschrocken über das, was in ihr vorging. In ihrem Herzen schrie alles danach zurück zu weichen, so weit wie nur möglich, Distanz zwischen sich und den liebevollen Rüden zu bringen.
Die perlenartigen Augen ruhten noch immer auf den sanften braunen Seelenspiegel, die Ohren hatten sich unsicher zurück geneigt. Verwirrung und Angst durchflutete ihren Körper. Was war, wenn es doch nicht ausgestanden war? Sie hatte eben einen erwachsenen Rüden zu Boden stoßen können – wer wusste schon, wozu sie noch in der Lage war?
Sie konnte nicht erklären woher, aber sie konnte ganz deutlich die Kraft in ihrem schlanken Körper spüren, die wie das Gift durch ihre Adern strömte und sie zu einer anderen Persönlichkeit werden ließ.
Mit bebenden Nasenflügeln hob Aléya den schmalen Kopf ein Stück an, nahm somit den psychischen Druck ein wenig mehr von dem Rüden runter. Sie wollte ihm nicht wehtun. Das war ihr klar geworden.
Aber dieses… was auch immer, dieser Instinkt in ihr, der immer noch nach Blut schrie, wollte nicht leiser werden. Die Stimme, die sie dazu anstachelte, die schlimmsten, grausamsten Dinge zu vollbringen, wollte nicht verstummen.
Ein leises Winseln verließ ihre brennende Kehle, ein Ausdruck ihrer Hilflosigkeit.
„Was… ist mit mir?“
18.12.2010, 11:35
Es war das erleichterte Aufatmen, dass verriet, dass er sich wohl doch noch gefürchtet hatte. Erst als die Fähe diesen Blick, diesen unglaublich grauenvollen, gierigen Blick aus den Augen verlor, wagte er es wieder normal zu atmen. Die Tatsache, dass sie sich trotzdem nicht bewegte, erschütterte ihn kaum. Zwar war es minimal beunruhigend, dass sie ihn noch immer an den Boden presste, aber angesichts des Schreckens, den er gerade hatte erleben müssen, war das alles kaum noch nennenswert.
Er hatte Recht behalten, oder? Sie hatte ihm nicht wehtun können. Sie hatte nichts schlimmes getan. Aléya hatte sich doch beherrschen können und würde das auch in Zukunft können, oder? Fragen tobten durch Ráyons Kopf, doch keine Antwort wollte passen. Es war wie ein Puzzel, bei dem kein Stück zum anderen passte, und die meisten Bindeglieder waren einfach verschwunden. Verloren in den Weiten des Verstandes und den Grenzen der Unwissenheit. Auch Ráyon fragte sich nun, was hier vor sich ging. Was die junge Fähe dazu veranlasst hatte ihn derart zu attakieren. Sicher, es war keinesfalls ihre Schuld! Das wollte und konnte Ráyon nicht annehmen. Ihr würde er keinen Vorwurf machen. Nie! Doch des Rätsels Lösung würde dadurch auch nicht näher kommen.
Aléya sprach letztendlich die Frage aus, die Ráyon sich schon die ganze Zeit stellte. Sein trauriger Blick verriet, dass er ihr keine Antwort geben konnte. Er war kaum ein paar Tage hier. Woher sollte er wissen, was in diesem seltsamen Tal vor sich ging?
» Aléya... « Seine Stimme klang heiser und er versuchte den bitteren Geschmack hinunter zu schluchen, doch es gelang ihm nicht. » Ich weiß nicht, was hier vor sich geht. Ich... begreife nicht, wieso soetwas passieren konnte, was dich so verändert hat. Ich... ich habe soetwas noch nie gesehen, geschweigedenn erlebt. Vielleicht... viellei... «
Er schüttelte den Kopf, unsicher, was er noch hinzufügen sollte. Der Rüde wollte ihr vorschlagen, dass sie jemand anderen fragen sollte, dass irgendjemand aus ihrer Familie es wissen konnte. Vielleicht kannte sie sich ja damit aus? Doch diesen Satz zu formulieren würde bedeuten ausdrücklich sagen zu müssen, dass Ráyon nicht im Geringsten helfen konnte. Und das war für den braunen Rüden das grauenvollste, dass er hätte tun können. Er wagte es nicht, den Satz zu beenden.