22.07.2010, 18:02
Der junge Wolf, der Welpe, streunte herum und wusste nicht so Recht, was er mit sich und seiner Zeit anfangen sollte.
Er wusste einfach gar nichts, dabei wollte er doch so viel Wissen, damit er nicht bloß immer der Schwache war. Und auch mal was gut konnte.
Seufzend überprüfte er die Luft. Zum Glück schien Krolock nicht in der Nähe zu sein.
Mit ihm verstand er sich ja so gar nicht. Dafür aber mit Liel, normalerweise.
Doch seltsamerweise hatte er sich von seiner Schwester in der letzten Zeit entfernt. Innerlich und auch so kam er ihr kaum noch entgegen. Versteckte sich viel lieber irgendwo alleine. Obwohl ... so manchmal wünschte sich auch Cirádan dass er sich so prima mit seinen Geschwistern verstehen würde, wie die anderen es mit dem Rest der Welpen taten.
Ach, was dachte er sich nur.
28.07.2010, 16:41
Lange schon hatte Liel nichts mehr mit Cirádan und Krolock zu tun gehabt. Und so wuchs ihre Sorge um die beiden stetig. Doch irgendwie hatte sich die Gelegenheit nie ergeben. Vielleicht war sie auch einfach zu feige gewesen um auf die beiden zuzugehen. Sie hatten sich so schrecklich verändert. Es erschien ihr, als ob es gar nicht mehr ihre Brüder waren. Leise grummelte sie vor sich hin. Natürlich waren es ihre Brüder, es würden immer ihre Brüder bleiben, egal wie sehr sie sich veränderten.
Ihre Angst wurde beiseite geschoben, sie würde sich auf den Weg machen um wenigstens einen der beiden zu finden. Zusammen konnte es sowieso nichts werden. Sosehr sie ihre Brüder liebte, vor allem, das musste sie sich innerlich immer wieder eingestehen, Krolock, sosehr hasste sie ihn auch dafür, dass er den kleinen Cirádan so schlecht behandelte. Doch irgendwie hatte sie keine Kraft um sich mit ihrem rebellischen Bruder auseinander zu setzen. Hinterher schrie er sie sowieso nur wieder an und das war verletzender als sich einzugestehen, wie feige sie war.
So in Gedanken lief sie also durch das Revier und ehe sie noch weiter überlegen konnte, witterte sie einen ihrer Brüder. Es war Cirádan und nicht Krolock, so wie sie vielleicht innerlich gehofft hatte, doch sie liebte auch ihren schwachen Bruder mit einer solchen Innigkeit, dass es ihr fast wie Verrat vorkam, als sie die leichte Enttäuschung in ihrer Brust spürte. Umso mehr war sie über ein fröhliches Gesicht bemüht, was ihr ohne große Probleme gelang. Wie gesagt, sie liebte auch Cirádan sehr.
Und doch blickten ihre Augen ein wenig traurig und leer. Noch immer war das sonnige Lächeln nicht in ihr Gesicht zurück gekehrt.
Mit kleinen Sprüngen machte sich die Jungwölfin auf in Richtung ihres Bruders und mit einem leisen Bellen machte sie ihn auf sich aufmerksam.
„Cirádan…!“
Es klang fast wie ein Seufzer der Erlösung.
28.07.2010, 16:49
Als er das Rascheln und kurz darauf das Bellen hinter sich hörte, zuckte er leicht zusammen und seine Nackenhaare stellten sich im ängstlich zu Berge.
Doch als Cirádan sich umdrehte, erblickte er nur seine Schwester, die er schon so lang nicht mehr gesehen hatte. Was falsch war. Er hatte sie gesehen, aber sie ihn nicht. Oder sie hatten nur nicht gesprochen. Ja, sie schliefen nicht mal nebeneinander.
"Ach du bist es Liel."
Irgendwie freute es den jungen Rüden, dass seine Schwester hier war auch wenn er sich seltsam fremd ihr gegenüber fühlte.
Er hoffte nur, das Krolock nicht bei ihr war. Doch mit einem wittern in der Luft konnte er nichts bemerken. Keine Spur von seinem Bruder.
Erleichtert seufzte er, doch widmete dann seinen Blick gänzlich auf Liel.
"Ähm... wie gehts so?.",
fragte er etwas unsicher und versuchte zu lächeln.
28.07.2010, 16:56
Was für eine Distanz sich zwischen ihnen aufgebaut hatte. Liel blieb im ersten Moment fast die Luft weg, doch schnell hatte sie sich wieder gefasst und auch ihr Mienenspiel verriet nichts von ihrer kurzfristigen Überforderung.
„Mir geht es gut. Wie immer…“
War das eine Lüge gewesen? Falls ja, war es ihr selber nicht bewusst geworden. Sie war geschickt geworden im Umgang mit ihren Gefühlen und mittlerweile fühlte sie sich nur bei Chanuka sicher und vollkommen verstanden. Wobei sie auch mit ihm länger keinen richtigen Kontakt gehabt hatte. Warum klappte eigentlich nichts so wie sie es wollte?
Also würde sie auch Chanuka bald wieder aufsuchen müssen. Doch nun war sie bei ihrem Bruder.
So als hätte sie die Kälte zwischen den beiden Geschwistern nicht gemerkt, war sie an den jungen Rüden heran getreten und hatte ihre Nase in sein Schulterfell vergraben. Eben so, wie es ihre Mutter einst bei ihnen getan hatte. Die Geste der Familie, der sie verbindenden Liebe.
„Und wie geht es dir? Ist es dir gut ergangen?“
28.07.2010, 17:06
Er merkte, dass auch Liel irgendwie anders war. Anders als in seinen Erinnerungen. Obwohl... wie war sie denn gewesen? Erinnerte er sich überhaupt noch an was? Immerhin hatte er so viel verdrängt. Aber es gab auch so vieles was er einfach nicht verdrängen konnte.
Cirádan nickte, als Liel meinte, es geht ihr gut... wie immer.
Wie immer? Das klang irgendwie... nicht wirklich richtig. Er hätte sie am liebsten gefragt, ob sie es wirklich ernst meinte, doch traute sich nicht.
Stattdessen erstarrte er, als sie ihre Nase in sein Fell vergrub. Spannte sich an, doch dann lächelte er, als er ihre Worte hörte und stupste sie leicht in die Flanke. Auch wenn diese Bewegung unsicher war.
"Das klingt, als hätten wir uns Ewigkeiten nicht gesehen..",
spottete er. Doch auch das klang unsicher. Falsch. Er spottete nicht. Er konnte sowas nicht. Aber irgendwie ... irgendwie hatten sie sich ja auch seit Ewigkeiten nicht gesehen.
"Ich denke mir geht es auch so gut wie immer.",
erklärte er und schmiegte sich näher an Liel. Sie roch wie seine Mutter. Auch wenn er sich nicht mehr erinnerte wie seine Mutter gerochen hatte. Aber er nahm einfach an, dass Liel ganz genauso riechen musste.
"Du erinnerst mich an Mama...",
flüsterte Cirádan und hoffte fast, dass Liel es überhören würde. Denn irgendwie war es ihm peinlich.
28.07.2010, 17:19
Nun erstarrte Liel doch. Damit hatte sie nicht gerechnet. Warum war sie wie Mama Kaede? Mama Kaede war lebensfroh und ehrlich. Sie liebte jeden Wolf ob gut oder böse. Und sie war blind. Aber sie selber war nicht blind, sie hatte sie strahlend blauen Augen, wie ihre Mutter früher. Hieß das nun, dass sie auch erblinden würde, wenn sie alt wurde? Cirádan war bereits auf einem Auge erblindet. Hatte sie jedem ihrer Kinder etwas von ihr vererbt?
Andererseits ehrte er sie, indem er ihr sagte, dass sie ihn an ihre Mutter erinnerte. Denn ihre Mutter war eine sehr schöne, hübsche und faire Fähe gewesen. War sie ihrer würdig?
Wenn Cirádan es doch so sagte, aber konnte sie Cirádan wirklich alles glauben? Sie wusste, dass der kleine Rüde manchmal in seiner Fantasiewelt lebte, vielleicht war es schon längt wieder in ihr gelandet und sah eigentlich seine Mama vor sich und wusste nur noch unterbewusst, dass er eigentlich Liel vor sich stehen hatte.
Doch sie wollte ihn nicht kränken und ihm keinesfalls den Misstrauen offenbaren, wie sie es einst getan hatte.
„Danke…“
Das Wort kam leise und fast schüchtern aus ihrem Fang. Obwohl sie das Thema sehr beschäftigte, gab es noch ein dringenderes Thema als ihre Ähnlichkeit mit der Mama.
Seine Gesundheit, er hatte ihr fast mit ihren eigenen Worten geantwortet, dabei wusste doch so gut wie jeder Wolf aus dem Rudel, dass es Cirádan so gut wie niemals gut ging. Oder irrten sich alle?
„Cirádan. Ich möchte dich nicht verspotten, aber es ging dir sehr selten gut. Wie geht es mit deiner Blindheit? Wie geht es mit deinem…“
Ihre Worte verliefen sich. Sie konnte ihm nicht ins Gesicht sagen, dass er verrückt war. Vielleicht war er das auch gar nicht. Er lebte nur ein wenig in einer anderen Welt. War das denn gleich schlecht?
Wäre Shani doch hier, die hätte ihr sicher sagen können, was sie tun musste.
„Wie geht es mit dem Verlust, den du, den wir alle erlitten haben?“
Vielleicht konnte sie sich so noch aus dem Schlamassel retten. Oder merkte Cirádan doch mehr, als sie annahm?
28.07.2010, 17:34
Sie hatte es doch gehört. Doch seltsamerweise machte es ihm weniger aus, als er gedacht hatte. Es freute ihn sogar, dass sie sich bedankte.
Doch plötzlich nahm ihre Stimme einen anderen Ton an, so dass sich Cirádan etwas von ihr entfernen musste, damit er seine Schwester in vollem Blick hatte.
Sie wollte ihn nicht verspotten...
"Meiner Blindheit? und meinem ... ?"
Was meinte sie denn. Wie es seinem Kopf ging. Damals kurz nach Mamas Tod hatte er mit Liel diesen Streit ... oder sowas in der Art gehabt. Nein, es war kein Streit. Aber sie hatte ihm nicht glauben wollen, dass Mama hier war. Bei ihm gewesen war auch nach ihrem Tod. Und auch Papa. Ja ... das war nach Vaters Tod...
Dem Verlust also.
Cirádan schüttelte den Kopf.
"Ich denke, ich komme mittlerweile ganz gut klar. Immerhin bin ich nicht ganz blind.",
meinte er unsicher lächelnd und wandte sich dann von Liel ab.
"Und was meinen Kopf angeht ... und den Verlust... Ich vermisse sie immer noch. Alle beide."
Cirádan sprach leise und traute sich nicht zu Liel zu sehen. Auch nicht als er weiter sprach.
Er hatte schon lange nicht mehr von seiner Mutter oder seinem Vater geträumt. Vielleicht hatte er das ganze auch schon überwunden?
29.07.2010, 14:07
Sie hatte doch nicht wie ihre Mutter klingen wollen und doch hatte sie das Gefühl, dass sie genau das getan hatte. Aber sie stand Cirádan gegenüber und nicht Krolock. Dieser hätte sich bestimmt wieder tierisch aufgeführt und ein riesengroßes Theater gemacht. Wie damals.
Sie nickte ihrem Bruder zu, natürlich war er nicht ganz blind und selbst wenn ihm dies passieren sollte, ihre Mutter hatte doch auch lange genug in der Dunkelheit gelebt ohne große Probleme zu haben. Wie hatte sie immer so schön gesagt?
„Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für die Augen verborgen…“
Flüsternd wiederholte sie die früher so oft gehörten Worte und musste dabei unwillkürlich lächeln. Hoffentlich würde sie irgendwann auch mal so weise werden, wie ihre Mama es gewesen war.
Nun wand sie sich wieder Cirádan zu.
„Dann… siehst du Mama und Papa nicht mehr?“
Unsicher ob sie diese Frage stellen durfte, gestärkt durch das Wissen, dass es ihr Bruder war.
31.07.2010, 02:39
Man sieht nur mit dem Herzen gut, das Wesentliche bleibt für die Augen verborgen… Diese Worte ließen den jungen Rüden zittern.
"Das hat Mama auch immer gesagt, nur ich ...."
verstehe das nicht wollte er sagen. Aber ihre Mutter war auch blind gewesen. Sie hatte mit dem Herzen gesehen, aber wie sollte er das schaffen? Musste er dazu auch erst blind werden?
Er hatte schon lange nicht mehr an diese Worte gedacht. Er hatte an so vieles nicht mehr gedacht, aber ihre Mutter. Sie war immer klug gewesen. Sie war für Cirádan die klügste Wölfin auf Erden gewesen.
Doch auf die weiteren Worte Liels wusste Cirádan zuerst keine Antwort. Ob er sie noch sah?
Er wollte sie sehen. Sicher. Doch so scharf wie damals ging es nicht mehr. Warum eigentlich nicht?
"Nur im Schlaf wie durch Nebel ... Liel."
Cirádan stockte und seufzte traurig, sah nun seine Schwester endlich wieder an.
"Ich habe Angst dass ich beginne Mama und Papa zu vergessen."
Er wollte sie aber nicht vergessen. War er jetzt ein schlechter Sohn, wenn er nicht mehr wusste, wie seine Eltern einst gewesen sind?
03.08.2010, 02:00
Lange blickte sie ihren Bruder an. Mit Krolock die einzige Familie die ihr noch geblieben war. Von Shani abgesehen. Doch ob diese Familie werden würde, so richtig, das würde sich auch noch zeigen müssen.
Nach seinen Worten schloss sie die Augen, sie kniff sie nicht zu, sondern legte die Lieder ganz entspannt über ihre Pupillen. Fast, als würde sie schlafen.
Dann tat sie einen Schritt. Langsam. Und wackelig. Doch so umkreiste die Ciradán vorsichtig. Ohne zu blinzeln. Sie verbrachte hin und wieder ihre Zeit damit ‚blind’ durch das Leben zu laufen. Mittlerweile konnte sie auch längere Strecken laufen, doch es war sehr anstrengend. Sie ermüdete immer sehr schnell, aber es war ihr wichtig dies zu tun. Erstens fühlte sie sich dann mit ihrer Mama sehr verbunden und zweitens hatte sie wissen wollen, was sie damit meinte: ‚Man sieht nur mit dem Herzen gut’. Und das hatte sie herausfinden können.
Auch wenn ihr die Pflanzen und Tiere in ihrem Blickfeld fehlten, sie hatte doch immer Bilder vor Augen, vor was für Dingen sie sich gerade befand. Zwar sah der Baum in ihrer Vorstellung nicht haargenau aus, wie der Baum vor dem sie sich wirklich wiederfand, aber das war nicht so schlimm.
Das Einzige was sie störte war, dass sie sich nur sehr langsam und immer noch ein wenig unsicher vorwärts bewegen konnte. Doch sie wusste, dass dies erlernbar war. Wenn es auch weitaus schwieriger war, als wenn sie wirklich blind gewesen wäre. Der Drang die Augen einfach aufzumachen war am Anfang sehr schwierig zu unterdrücken gewesen. Nun tat sie es nur noch selten.
„Kleiner Bruder, ich weiß was es bedeutet. Es ist unwichtig ob du Augenlicht besitzt oder nicht. Es ist vielleicht praktischer, vielleicht auch schöner. Aber nur, wenn man nicht weiß, dass das Leben auch ohne Augenlicht schön sein kann. Man kann trotzdem alles sehen. Man bekommt trotzdem alles mit. Und vor allem bildet man sich eine viel ehrlichere Meinung. Man wird nicht von anderen Eindrücken abgelenkt. Cirádan. Auch ich kann sehen ohne meine Augen zu benutzen…“
Sie lächelte, sie wollte es ihm beweisen. Also hielt sie ihre Augen weiterhin geschlossen.
Seine nächsten Worte schreckten sie auf und fast hätte sie instinktiv die Augen geöffnet. Doch das ging ja nicht, sie war schließlich ‚blind’.
Vorsichtig rief sie sich das Bild der Eltern vor Augen. Da waren sie, klar zu erkennen und gestochen scharf. Fast, als würden sie direkt vor ihr stehen und sie anlächeln.
„Nein Cirádan. Du wirst sie nicht vergessen. Niemals. Sie sind deine Eltern. Vielleicht verblassen die Bilder, vielleicht werden sie unscharf und nicht mehr greifbar. Aber du wirst sie immer in deinem Herzen tragen. Das kann dir niemand nehmen!“
Sie verschwieg ihm jedoch, dass sie keine Probleme damit hatte, sich an ihre Eltern zu erinnern. Lag es an ihrem Training ‚blind’ zu sein ohne es wirklich zu sein. Oder hatte sie das Talent ihrer geliebten Mama als Geschenk bekommen?
08.08.2010, 03:28
Neugirieg beobachtete Cirádan seine Schwester. Zuerst verstand er nicht, was sie da tat. Er wagte auch nicht sie zu fragen, aus Angst sie zu stören. Sie umkreiste ihn. Mit geschlossenen Augen und er folgte ihr mit seinem blauen Auge und schwenkte auch seinen Kopf leicht immer nach Liel.
Er verstand es auch immer noch nicht, als sie zu sprechen begann.
Doch sie meinte, sie wusste was es bedeutet. Was es bedeutet?
Auch sie konnte sehen, ohne ihre Augen zu benutzen?
Er war erstaunt. Hatte sie deshalb die Augen geschlossen? Wollte sie ihm das zeigen, oder ... ja. oder was?
"Liel...",
murmelte Cirádan unsicher, gedankenverloren. Nein. Er verstand es immer noch nicht so ganz. Vielleicht sollte er auch ganz blind durch die Gegend laufen, aber ... er wollte doch sehen! Er war froh, dass ihm zumindest noch dieses eine Auge geblieben war!
Liel hatte ihre Augen immer noch geschlossen, als sie auf seine weiteren Worte antwortete.
Er würde sie also nicht vergessen?
Er würde sie immer in seinem Herzen tragen? Ja. Nein. Vielleicht. Ach, er wusste doch so wenig. Vielleicht sollte er sich andere Ziele setzten, denn irgendwie klappte das so schlecht mit dem klüger werden. Er fühlte sich immer noch sehr viel nutzloser als der Rest seiner Geschwister und sowas-wie-Geschwister.
"Willst du wie Mama sein?",
fragte Cirádan dann seine Schwester. Zumindest kam sie ihm jetzt so vor.
Und er war sich sicher, dass niemand so wie Mama sein konnte. Oder er es zumindest nicht wollte. Auch Liel sollte nicht so sein. Nein.
18.08.2010, 14:53
Fassungslos riss Liel die Augen auf. Was war denn das für eine Frage? Doch wahrscheinlich hatte Cirádan gar nicht so Unrecht. Wollte sie wie Mama Kaede sein. War das ihr einziges Ziel? Zweifelnd wand sie den Blick ab, sie wollte nicht, dass ihr Bruder sie so hilflos sah. Sie wollte für ihn, auch für Krolock, die starke Schwester sein. Die Mutter?
~ Nein, nein, nein ~
Stumm schüttelte sie den Kopf. Wollte nicht jeder so wie seine Eltern sein? Waren Eltern nicht die Vorbilder an denen ein junger Wolf sich orientierte? Aber sie hatten keine Eltern mehr, das Leben hatte sie ihnen weggenommen und somit hatten sie auch keine Vorbilder mehr. Zumindest nicht in ihren Eltern. Oder konnte man sich auch an Toten orientieren? War das nicht ein wenig makaber?
Liels Gedanken rasten, überschlugen sich fast.
Nein, sie wollte nicht wie Mama Kaede sein.
Ja, sie wollte wie Mama Kaede sein.
Aber sie wollte nicht sie sein.
„Das ist eine schwere Frage.“ sie stockte. „Es ist wirklich nicht leicht sie zu beantworten.“ Wieder ein Hänger. Was wollte sie ihm sagen?
„Nein, ich möchte nicht wie Mama sein. Ich bin nämlich nicht Mama. Ich bin ich. Und ich werde immer ich sein. Aber sie hat uns ihre Weisheit nicht umsonst mitgeteilt. Ich möchte versuchen…“
Ja, was wollte sie versuchen. Verzweifelt suchte sie den Himmel ab. Gab es dort eine Antwort? Irgendein Zeichen. Irgendeine Idee…
~ Mamaaaaaaaa. ~
„Ich möchte versuchen ihr Wissen nicht zu verlieren, damit ich es auch meinen Welpen mitgeben kann. Aber ich möchte nicht wie sie sein. Ich möchte sein wie ich bin. Und sie ist mein Vorbild, also entwickele ich mich in die Richtung in die sie mich gelenkt hat. Aber ich werde niemals sein wie sie. Das geht gar nicht“
Mehr konnte sie dazu nicht sagen. Langsam hatte sie auch ihre Gedanken wieder ins Gleichgewicht gebracht und geordnet. Langsam gewann sie ihre alte Sicherheit und Überzeugung wieder und sie strahlte ihren kleinen Bruder an. Sie hatte die Lösung gefunden, vielleicht nicht vollständig, aber sie hatte einen weiteren Schritt nach vorne gemacht.
Erwachsen werden war doch gar nicht so schwer.
20.08.2010, 15:06
Abwartend beobachtete Cirádan seine Schwester. Diese schüttelte den Kopf und meinte mehrmals, dass sie nicht so sein wollte wie Mama. Aber Cirádan war sich nicht sicher. Vielleicht hatte sie es selbst nicht gewusst, dass sie so sein wollte!
Er setzte sich auf seine Hinterpfoten, sein Kopf zu weit gen Erde und beobachtete seine Schwester während diese antwortete, von unten hinauf.
So schwer war die Frage doch gar nicht?! Warum brauchte sie so lange um zu antworten?
Misstraurisch lag sein Blick auf Liel. Er wollte nicht, dass sie wie Mama war. Er wollte nicht, dass irgendjemand wie Mama war.
Als sie geendet hatte, schwieg Cirádan. Sein gesundes Auge blickte zu seiner Schwester.
Doch nach ein paar Augenblicken seufzte der junge Rüde und lächelte unsicher.
"Da bin ich beruhigt. Ich will nicht, dass du wie Mama wirst. Mama war einzigartig und du..."
Was war mit ihr? Sie war seine Schwester. Ja, doch... auch Liel.
"Und du bist auch einzigartig Liel. Ich bin froh, dass wir zumindest nicht ganz alleine sind.",
murmelte er dann wieder unsicher.
12.09.2010, 18:03
„Ist nicht jeder Wolf einzigartig?“
Ob die Frage explizit an Ciradán gestellt war, wusste sie selber nicht. Die Frage schwebte im Raum, es war weniger einfach nur dahin gesagt, als wirklich bewusst ausgesprochen, doch ob sie eine Antwort erhalten musste, war sie sich nicht sicher.
Ihrer Meinung nach war jeder Wolf einzigartig und egal wie sehr man sich anstrengen würde, niemals würde man so werden können wie ein anderer Wolf. Man konnte sich ein Ziel setzen, Charaktereigenschaften übernehmen und ausbauen, vielleicht somit den Fehlern des Vorbildwolfes ausweichen und in bestimmten Situationen besser handeln, aber trotzdem blieb man der Wolf der man war. Mit Ecken und Kanten, bereit Fehler zu begehen und sie bestmöglich wieder gerade zu biegen.
Sackgassen gehörten zum Leben dazu, man musste einfach nur umdrehen und den nächsten Weg gehen. Mauern niederreißen und an bestimmten Stellen neu aufbauen.
Liel war sich sicher. Sie hatte nicht wie Kaede sein wollen. Sie hatte nur einige Charakterzüge ihrer weisen Mutter übernommen.
Konnte Ciradán das nicht verstehen?
Sie musterte ihn, schon war sie wieder die ‚ältere’ Schwester, bereit alles für ihren ‚kleinen’ Bruder zu tun. Aber wie konnte sie ihm schon helfen?
~Zusammen allein~
Den Gedanken sprach sie nicht aus, aber war es nicht so. Auch wenn sie hier nun gemeinsam saßen, sich unterhielten und sich liebten. Trotzdem kam sie nicht an ihn ran und er wohl auch nicht an sie. Konnten Geschwister denn so verschiedener Meinung sein?
Dieser Gedanke stimmte sie ein wenig traurig, aber gerade deshalb kuschelte sie sich noch fester an ihren Bruder heran. Spürte seine Wärme und spürte ihre Wärme. Sein Körper, ihr Körper. Sie würden immer die gleichen Eltern haben. Egal was noch passieren würde.
20.09.2010, 13:56
Ist nicht jeder Wolf einzigartig?
Was für eine merkwürdige Frage. Darüber hatte er noch nie wirklich nachgedacht. Aber seine Schwester schien auch keine Antwort zu erwarten. Er wusste nun nicht mehr was er zu ihr sagen sollte. Hoffte, dass sie nicht von ihm erwartete etwas zu sagen.
Doch Liel kuschelte sich an ihn und auch er legte seinen Kopf auf ihre Vorderpfoten.
Er hatte seine Schwester wirklich gern. Wirklich, wirklich gern.
Aber er fühlte sich trotzdem so weit weg von ihr. Aber das wollte er ihr nicht sagen.
"Ich hab dich gern, Liel. Und irgendwann werd ich auch etwas können, womit ich dich beschützen kann."
Er war sich jedoch nicht so sicher, als er die Worte aussprach. Würde er überhaupt je was können, was anderen nützlich war?