Atalya
26.12.2009, 02:09

Es waren fast vier Wochen seit der furchtbaren Lawine vergangen. Das Rudel hatte sich gefasst, sie würden weiter leben und die Bergwelt nahm keine Rücksicht auf ihren Schmerz. Stark dezimiert, aber noch immer von großer Zahl musste man sich um die Wölfe kümmern, für Nahrung sorgen und ihnen Mut zu sprechen. Zudem kam die Zeit der Ranz, Fähen verströmten lockende Düfte, die Gedanken der Wölfe wurden von dem kommenden Frühling verdrängt. In der toten Bergwelt zeigte sich zwar nichts davon, es war weiterhin kalt und alles in tiefen Schnee gehüllt, doch meinte man selbst hier oben einen ersten warmen Wind zu spüren. Banshee hatte mit dem gesamten Rudel eine ernsthafte Unterhaltung geführt, hatte jeder Fähe verboten, Welpen zu bekommen, sogar sich selbst. Hier oben Leben zu zeugen, war unverantwortlich, sie konnten schon so nur schwer überleben, Welpen würden hier oben wohl sterben. Es war der weißen Leitwölfin sehr wichtig gewesen, dass ein jeder verstand, sie wollte ihr Rudel nicht überwachen, sie wollte ihm vertrauen.
Es war ein wolkenloser Tag, die Sonne brannte vom Himmel und spendete doch keine Wärme, blendete nur die empfindlichen Augen der Wölfe und ließ sie sich in der Höhle verkriechen. Nur langsam erwachte das Rudel und vielleicht würde das schöne Wetter ein paar Mutige nach draußen locken, diese Welt ganz ohne Schneesturm zu sehen, war ungewohnt, auch wenn die Wolken schon seit einigen Tagen ausblieben.


Banshee schritt langsam und ein wenig mühevoll durch den Tiefschnee. Sie musste bei jedem Schritt eine Ladung Schnee vor sich herschieben, in der Nähe des Gletschers gab es einige Stellen, an denen der Schnee nicht mehr hart wie Eis war, sondern mit einem mal zu lockerem, aber fast schultertiefem Pulverschnee wurde. An solchen Stellen konnte man sich nur verbissen weiterkämpfen und hoffen, den kurzen Abschnitt schnell überwinden zu können. Gleichzeitig freute es die Weiße, für sie war es nur ein weiteres Zeichen, dass es ganz langsam aber unaufhaltsam wärmer wurde. Selbst hier oben, in der Welt, in der Wärme nicht zu existieren schien. Mit Erleichterung stellte sie fest, dass es langsam schwerer wurde, sich wie ein Felsen durch den Schnee zu wühlen, nutzte einzelne, festgefrorene Schneeballen und kämpfte sich so nach oben. Der Pulverschnee war wieder der harten Schneedecke gewichen, in die man kaum einsank. Auch kam der große Eingang der Höhle in Sicht, bald würde sie wieder in dem sicheren Schutz des Steins sein, was sie erleichterte. Innerlich hatte sie den Schrecken der Lawine noch immer nicht überwunden, zwei ihrer Welpen waren ihr zum Opfer gefallen … das Bergland hatte so viele Opfer gefordert. Immer wieder hatte sie sich gefragt, ob ihre Entscheidung wirklich die richtige gewesen war, damals im Sommer, als sie ihr Rudel in die ewige Kälte geführt hatte. Auch deshalb hatte sie jetzt wieder die Einsamkeit gesucht, war ein wenig am Rande des Gletschers gewandelt, hatte es genossen, alleine zu sein. Jedoch hatte sie ihr Rudel noch zu einem weiteren, weit wichtigeren Zweck alleine gelassen … sie hatte mit ihrer Mutter reden wollen. In stummen Gebeten und reglosem Stehen hatte sie alles über Nyota und ihre Bestimmung erfahren wollen. Was sie nun wusste, war jedoch nicht so viel, wie sie sich erhofft hatte. Auch war es kaum als Wissen zu beschreiben … es verwirrte sie. Um es zu verstehen würde sie sowohl Acollon als auch Nyota brauchen, doch schon so war sie beruhigter.
Sie hatte den Höhleneingang erreicht und setzte sich wie schon so oft an die kalte Steinwand und betrachtete ihr Rudel. Sie waren weniger geworden, doch ebenso hatten neue zu ihnen gefunden, ein ewiges Kommen und Gehen, nicht mal die Berge konnten diesen Kreislauf verhindern. Die Erkenntnis erfüllte sie mit einer angenehmen Zufriedenheit, auch wenn diese kaum zu Tage trat. Zu viele Dinge gruben tiefe Sorgenfalten in Banshees Gesicht, nicht einmal die Ranz, die sie sonst stets seltsam überdrehte, vermochte sie in dieser Welt zu umnebeln.


Nyota war verrückt. Nein, eigenlich war sie wie immer, wobei man auch da schon Paralellen ziehen konnte - aber die Ranz war zuviel. Sie hatte nicht mal geglaubt dass ihr Körper die Zeit in dieser weißen Hölle erkennen würde - und doch spülte ihr nun ständig ein Drang nach berauschender Nähe durch die Adern.
Es war eigentlich gar kein Problem, hatte sie doch keinen Gefährten und keinen Rüden dem sie auch bloß im Ansatz nahe war - aber dennoch erwichte sie sich ständig dabei wie sie plötzlich in der Nähe von einem auftauchte. Obwohl sie den Eindruck hatte, dabei nicht ganz alleine zu sein. Und tatsächlich konnte es ja nicht schaden die Wölfe des Rudels besser kennenzulernen. Zumindest Face, der wie Kaede zum 'oberen' Kreis dse Rudels gehörte, und Midnight, mit dem sie auf Jagd war, wollte sie ein wenig zuordnen können. Immerhin bestand die Führungsriege eines Rudels für gewöhnlich aus einem eingeschworenen Trupp - und das waren sie nun wirklich noch nicht.

Und Acollon war wieder da. Nyota konnte es kaum erwarten im in die Rute zu beissen - aber er hatte bis zuletzt viel damit zu tun gehabt Banshee über den Verlust weiterer Kinder hinweg zu trösten, wie auch sie selbst.

Jetzt lag die Schwarze ein wenig abseits, nahe dem Höhleneingang, und überlegte. Sie hatte einige Geschichten von ihrer Reise mitgebracht, aber es gab niemandem dem sie sie erzählen konnte. Den Welpen war sie wohl immer zu fremd gewesen, Banshee hatte zuviel um die Ohren, wie es nunmal das Los der Alpha war - und so hatte sie nur dem Wind ihre Geschichten und Gedanken anvertraut, wenn sie alleine im Schnee unterwegs war. Genau wie ihre Schwester war sie gerne mal etwas ab vom schuß unterwegs, wobei Nyota diese Zeit jedoch eher zum Ordnen von Gedanken nutzte, und nicht um mit den Göttern zu sprechen. Auch die Götter waren ihr recht fern - natürlich wusste sie um sie, wie sollte es anders sein, bei dieser Schwester - aber sie bedeuteten ihr nicht mehr als die säulen der Welt. Es gab sie, und sie lenkten die Geschicke, und manchmal musste man sie erst ein wenig in den Hintern zwicken, bevor sie reagierten. Das war so, und sie nahm es hin.

Banshee erschien im Höhleneingang, und Nyota begrüßte sie mit einem Lächeln.


Nach der schrecklichen Lawine erklärte sich für Acollon vieles. Er beließ es dabei. Redete nicht darüber. Zog sich immer wieder zurück, obwohl er körperlich bei seiner Gefährtin blieb. Wie ein Schatten, der immer hinter der Weißen blieb. Seine Gedanken allerdings waren weit ab, nicht bei den Toten und ihren Seelen. Fern ab von jeder Gesellschaft und jedem Worte. Selbst bei dem großen Fest hatte er geschwiegen. Auch seine Aura hatte sich verschlossen. Seine Gegenwart war nun mehr eiskalt und distanziert. Der Schwarze hatte sich ganz dem freien Geschehen hingegeben. Es lag wohl an seiner Rückkehr, oder doch an der langen Einsamkeit? Eigentlich gab es keinen ersichtlichen Grund für die anderen Artgenossen. Vielleicht wusste Banshee, warum der Todessohn sich immer mehr zurückzog, vielleicht auch nicht. Doch sie ließ ihn. Er hätte wohl auch nicht anders gekonnt. Seine Müdigkeit war bislang immer noch nicht verschwunden. Und mehr bekam der Schwarze einen Eindruck von einer Müdigkeit, die nichts körperliches vermochte. Die sich allein auf der Gefühlsebene befand. Auch die Willensstärke ließ ab. Jegliche treibende Kraft wich von ihm. Ein schwarzes Unheil, welches nicht zu fassen war. Sein Körper war dementsprechend. Die Rippen drückten sich, noch mehr als zuvor, durch die Fellwand. Das Gesicht war knochig geworden, die Augen ein wenig eingefallen. Der Glanz war aus ihnen gewichen. Seine Erscheinung glich einem Skelett. Einem ausgemäkeltem Altwolf, nicht einem Todessohn.
Aber immer trug er ein leichtes Lächeln auf den Lefzen. Und auch wenn sein Erscheinungsbild etwas anderes sagte, dem Schwarzen ging es nun besser. In Gesellschaft seiner Familie, seines Rudels, besann er sich schneller. Die Einsamkeit hatte aus ihm etwas gemacht, dass man wohl wahrlich als ‚Nichts’ betiteln konnte. Die seltsame Besserung Acollons barg aber auch schlechte Seiten. Seine Träume wurden immer undurchsichtiger, immer schrecklicher. Und eines Aufwachens verspürte er sogar Angst vor dem Tod; vor sich selbst. Er träumte, er würde seine Familie töten. Banshee in Stücken zu reißen und nichts dagegen tun zu können. Doch wenn er an seine Seite schaute, konnte er sie friedlich träumen sehen. Und nun passt die Gefahr auf Deine Träume auf.

Die schweren Augenlider hoben sich. Er starrte zum Höhlenausgang. Seine Gefährtin saß dort, neben ihr Nyota. Die Schwarze hatte ihren Weg wirklich hierher gefunden. Ob dies nun ein schlechtes Ohmen war, glaubte Acollon nicht. Sie war aus Liebe zurückgekehrt. Seltsam, seitdem der Schwarze wusste, welche Aufgabe die Schwester Banshees hatte, traute er ihr mehr. War nicht Eifersüchtig, glaubte nicht mit ihr konkurrieren zu müssen. Zum Teil war es aber auch, dass der Fenrissohn sich nicht viel damit beschäftigen konnte. Er war alt geworden. Kein Jungspunt mehr, der sich hitzig durch die Welt schlagen konnte. Mit viel Ruhe und Geduld war er nun gesegnet. Obwohl man dazu schreiben sollte, dass er trotzdem noch seinen Pflichten nachkommen würde. Dass er noch nicht aus dem Rennen war. Es bedurfte wohl nur einer Auszeit. Einer gewissen Distanz.
Oft fragte sich Acollon, warum er Sympathie für das Rudel empfand. Er kannte sie alle nicht. Hatte sich nicht mit ihnen beschäftigt. War nur der Schwarze, der kam und ging. Ihm war es gleich. Er brauchte keinem Rechenschaft ablegen, außer seinen Kindern und Banshee. Und dabei blieb es wohl auch. Nur schwer konnte sich der Schwarze erheben. Eigentlich wollte er die beiden Schwestern nicht stören. Und so blieb er auch erst etwas abwartend sitzen und betrachtete die Schatten. Weit hinten in der Höhle lag der Beinlahme Gregory, der tief schlief. Der Schwarze hatte den Verletzten hierher gebracht. Das natürlich nicht ohne Komplikationen. Immer wieder hatte der Graue versucht, Acollon zu töten. Und es war freilich nicht leicht, einen Todfeind, der um sich wütete, klarzumachen, dass es Alles nur zu seinem Besten war.

Die Muskeln zogen sich zusammen und er gähnte lautlos. Erhob sich nur allmählich und trat neben seine Gefährtin. Er sah sie nicht an, schwieg auch nur. Sein Blick suchte die Ferne. Bald musste er der Schwarzen erklären, warum sie nun hier war. Wer sie gesandt hatte. Welche Aufgabe sie doch zu erfüllen hatte. Doch der Augenblick war noch nicht passend. Erst etwas später, wo sich alles hätte gelegt, würde er Nyota darauf ansprechen. Aber sie wusste wohl auch jetzt schon, dass der Schwarze ihr etwas zu sagen hatte. Eindeutig oft suchte er ihre alleinige Gegenwart, und verstummte, ohne etwas gesagt zu haben.

Seine grauen Augen sahen von dem tiefen Weiß ab und sahen auf die weiße Gestalt neben sich. Der Blick verriet alles, und wohl gleich nichts. Nur eines war klar, dass er bei ihr bleiben würde.


Die Schritte Shani Caiyés setzten sich unregelmäßig und tänzelnd auf den festgefrorenen Schnee, mal zurück, dann wieder vor, hin und her, wie in einem verwirrenden Tanz. Sie fühlte sich federleicht, aller Schrecken und jede Bedrohung war vergessen, es gab nur noch Hiryoga neben ihr und sein Duft, der sie umnebelte. Nie zuvor hatte sich die Weiße so gefühlt, aber es war wunderbar. Wieder sprang sie voraus, drehte sich dann elegant um die eigene Achse, genoss es, den Blick des Braunen auf sich zu spüren und musste lachen. Sie hatten sich schon recht weit von der Höhle entfernt, waren ganz allein im ewigen Weiß, aber genau so war es perfekt. Allein mit Hiryoga, allein mit seinem Geruch, seinem Blick, seinem Atem.

Der Rüde wusste nicht, was mit ihm geschah, aber so hatte er den 'Frühling', von dem man hier oben nicht viel spürte, noch nie erlebt. Während er neben Shani herging, stürmte sein Herz gegen die Brust, ein leichtes Zittern, nicht durch die Kälte ausgelöst, ergriff seinen Körper immer wieder, wenn die Weiße ihm sehr nahe kam, ihn berührte. Hiryoga wusste nicht, was mit ihm geschah, der süßliche Geruch, den die Fähe verströmte nahm seinen ganzen Körper ein, er war nicht mehr Herr seiner Sinne und Gedanken, das einzige was er spürte, war dieser Drang, der Fähe nah zu sein. Immer wieder machte er einen Schritt auf sie zu, seine Schulter berührte ihre, seine Schnauze fuhr durch das weiße Fell, die smaragdfarbenen Augen konnten nicht von ihr ab lassen.

Immer wieder sprang Shani von Hiryoga weg, ließ ihn ganz absichtlich nicht all zu oft nahe an sich heran, wollte in seinen Augen sehen, dass er sich danach sehnte, sie wieder bei sich zu spüren, wollte ebenso seine Berührung auf ihrer Haut fühlen und sprang doch immer wieder weg, kam zurück und entzog sich ihm aufs Neue. Nur langsam zog sie es immer enger zu ihm, ihre Gedanken hatten sich schon längst ausgeschaltet, kein Funke Vernunft war mehr in ihrem Kopf. Schließlich hielt sie es selbst nicht mehr aus, strich einmal um den Braunen herum und drückte sich dann eng an ihn, die Schnauze in seinem Fell, seinen Geruch inhalierend. Sie wollte ihn noch enger an ihr spüren, ihn in sich spüren, mit ihm zu einer Person verschmelzen.

Es war eine Art Spiel, welches sie da mit ihm trieb, mal kam die Fähe ihm so nahe, dass er ihren Körper an seinem fühlte und dann entzog sie sich ihm wieder. Ein leises Lachen verließ seine Kehle, er machte einen kleinen Sprung auf die Fähe zu, die ihm plötzlich ganz nahe kam und sich anscheinend nicht mehr entziehen würde. In diesem Augenblick war alles vergessen, die eisige Schneelandschaft, all der Schmerz und all die Sorgen, es gab nur noch Shani, sie war seine Welt. Hiryoga leckte der Weißen über die Schnauze, die Augen, drückte seinen Körper an ihren, vergrub die Schnauze in ihrem Fell und sog den lieblichen Geruch ein. Ohne wirklich zu wissen, was er tat - nämlich sich mit ihr paaren- schob er seinen Körper über ihren und drang in sie ein.

Shani versank in einer Welt aus rosaroten Wattewolken, alles duftete lieblich, die Welt war ein einziger Glückstaumel, noch nie war sie so uneingeschränkt glücklich gewesen. Als Hiryoga sie bestieg, wurde es nur noch perfekter, noch schöner, nicht weil ihr Verstand das sagte, sondern weil ihr Körper frohlockte, ohne dass die Weiße irgendetwas verstand. Der Braune rutschte wieder von ihr herunter, aber noch immer waren sie verbunden und es war perfekt, so wie es war. Eng aneinandergepresst standen sie da, die Schnauze im Fell des anderen vergraben, die glücklichsten Wölfe der Welt. Wie lange es dauerte, wusste keiner von beiden aber Zeit hatte keine Bedeutung, Shani wäre auch Tage, Wochen, Jahre so da gestanden, nur um Eins mit Hiryoga sein zu können. Doch irgendwann spürte sie tiefe Müdigkeit, Hiryoga hatte sich von ihr gelöst, sie konnte sich wieder ein paar Schritte von ihm entfernen, hatte es aber nicht vor, legte sich nur eng neben ihn und schloss die Augen.

Irgendwann, er wusste nicht wann, die Schneelandschaft ließ es ein schweres sein, die Tageszeiten zu unterscheiden, war er aufgewacht. Sein Kopf schreckte in die Höhe, die großen Ohren spielten einen Moment, ehe er die Weiße neben sich liegen sah und wieder wusste, wo er war und was vorhin geschehen war. Wie lange hatten sie nun geschlafen? Hiryoga wusste es nicht, aber seine Läufe waren eingeschlafen, ein wenig taub von der Kälte, aber nichts weswegen man sich große Sorgen machen musste. Vorsichtig schob er seine Schnauze unter Shanis, drückte ihren Kopf etwas hoch und versuchte sie somit aufzuwecken. Ebenso sanft zog er seine Schnauze wieder drunter hervor, fuhr mit der Zunge über ihre Augen und japste leise.

Shani erwachte, als jemand ihren Kopf nach oben drückte. Erst in diesem Moment realisierte sie, dass sie geschlafen hatte. Verwirrt schlug sie die Augen auf, sah sich um, Schnee und Schnee und noch mehr Schnee und nur Hiryoga neben ihr. Liebevoll begrüßte sie ihn, als hätte sie ihn lange nicht gesehen, fuhr mit der Schnauze durch sein Fell, zog an seinem Ohr, strahlte ihn an. Nur langsam kamen Erinnerungen zurück, was sie hier draußen getan hatten und mit einem Mal krachte wie ein schwerer Stein die Angst in ihr Herz. Was hatten sie getan? Schrecken stand auf ihrem Gesicht, voller Entsetzen sah sie Hiryoga an, wohlwissend, dass er verstehen würde.

Mit einem sanften Lächeln benatwortete er Shanis liebevolle Begrüßung und betrachtete die weiße Fähe, sie war glücklich und er war es auch, zumindest in diesem Augenblick, denn im nächsten war sie schon aufgesprungen und betrachtete ihn entsetzt. Hiryoga legte die Ohren an den Kopf, langsam zog er sich auf die Läufe und blickte sie verwirrt an. Was war denn nun geschehen, was versetzte sie schon wieder in Panik? Vorsichtig schob er seinen Kopf zu ihr und berührte sie beruhigend, hatte sie etwas gesehen, hatte sie an etwas Schlimmes gedacht?

"Was...hast du denn plötzlich? Ist alles in Ordnung?"

Seine Stimme zitterte leicht, er wusste nicht, was sie hatte, aber es konnte mit ihm zu tun haben, gar seine Schuld sein und diesen Gedanken konnte er nicht ertragen.


Shani starrte Hiryoga eine ganze Zeit lang stumm an und verstand nur ganz langsam, dass er nicht verstand. Er wusste nicht, was sie getan hatten, er verstand nicht, dass sie sich über den Befehl Banshees und die Gesetzte des Lebens hinweggesetzt hatten. Sie konnten doch nicht, sie durften doch nicht … am liebsten wäre sie davon gerannt, hätte sich verkrochen, unsichtbar für alle Welt und damit von jeder Schuld freigesprochen. Aber das ging nicht … immer neue Wellen der Angst überrollten sie, was sollte sie nur tun? Sie konnte es doch nicht Banshee sagen … aber was wenn … ? Hoffnung kam auf, was, wenn sie nicht trächtig geworden war, ja, es bestand doch eine Chance, es war doch möglich, es … sie schluckte, alles drehte sich um sie, aus dem Glückstaumel war sie hart zurück in die grausame Realität geworfen worden. Sie musste hoffen … Sie setzte ein gespieltes Lächeln auf, knuffte Hiryoga in die Seite und fühlte sich dabei schrecklich alleine.

„Nichts, es ist alles okay. Wir sollten nur schnell zurück zur Höhle, hier kann es gefährlich für uns werden.“

Sie wollte nur weg, nur schnell weg von diesem Ort … und weg von Hiryoga, der nicht verstand, der sie in ihrem Wissen und ihrer Angst alleineließ.


Gespannt hatte er auf ihre Antwort gewartet, wobei nicht gespannt passte, sondern voller Angst, die schlimmsten Ideen eroberten seine Gedanken, was sie nun alles hätte sagen können. Doch plötzlich schien alles okay, zumindest sagte sie das, aber glauben wollte er diesen Worten und diesem Lächeln nicht schenken. Nein, Shani konnte ihre Gefühle nur zu gut verbergen, das wusste er. Aber etwas in ihm sagte ihm, er solle einfach vorangehen, sie wollte zurück zur Höhle, also hatte er doch keine andere Wahl. Der Rüde schenkte ihr noch einen Blick, niedergeschlagen und überfordert, die Ohren an den Kopf gepresst, er verstand sie manchmal nicht und konnte sich keinen Reim drauf machen, warum sie nun so panisch geworden war. Langsam setzte sich der Braune in Bewegung, Richtung Höhle.

Shani Caiyé tat es fast körperlich weh, Hiryoga so zu sehen, wie er nichts verstand, wie er plötzlich aus seinem taumelnden Glück gerissen worden war und nicht wusste, was mit ihr los war. Sie hätte es sagen können, hätte erklären können; etwas, das sie nicht verstand und er nicht mal wusste, aber sie brachte es nicht über sich. Sie konnte es einfach noch nicht aussprechen, damit hätte sie es akzeptiert, hätte vielleicht sogar die Chancen erhöht, trächtig zu sein, dabei war es ihre einzige Hoffnung, die einzige Möglichkeit, diesem Grauen zu entkommen. Und doch glaubte sie nicht daran. Der warme Körper Hiryogas schien endlos weit entfernt, sie war nur froh, dass er vorausging, wenn auch geknickt. Sie wollte weg von ihm, wollte ihn nicht ansehen, wollte nicht immer wieder vor sich sehen, was sie getan hatten und was ihnen noch bevorstand. Welpen … sie war doch selbst noch ein Welpe, war doch selbst noch klein und schwach, brauchte selbst noch Schutz. Die Welt war für sie ein Mysterium, sogar die Liebe zu Hiryoga war noch neu … und jetzt … Welpen? Sie konnte das nicht, sie würde es nicht schaffen, niemals. Sie würde sterben und die Welpen mit ihr … und wenn nicht bei der Geburt, dann würde Banshee sie verstoßen. Sie hatte sich über den Befehl der Leitwölfin hinweggesetzt, dabei war es die Weiße gewesen, die sie noch vor einem Jahr gütig aufgenommen hatte, ihr eine neue Familie geschenkt hatte … und jetzt hinterging sie sie auf eine solch unverzeihliche Art und Weise. Und, oh, immer mehr und mehr stürmte auf sie ein und immer größer wurde der Wunsch, sich einfach hinzulegen und zu sterben. Dann würden die Welpen gar nicht erst entstehen, sie wären noch kein Leben, sie würde sterben, bevor es soweit kommen konnte. Aber sie wusste, dass sie es nicht könnte, nein, sie wollte doch leben, bei Hiryoga bleiben, bei Lunar bleiben, bei Tyel bleiben … Es war ein Dilemma, dass ihre Vorstellungskraft weit überstieg, ein Problem, das sie unter sich begrub und alles andere verschluckte. Sie konnte weder vor noch zurück, wollte davon rennen und doch war ihr nicht mal dies möglich. Und schon tauchte die Höhle vor ihnen auf, Banshee saß mit Acollon im Höhleneingang, ließ Shani zurückprallen, wie angewurzelt blieb sie stehen. Keinen Schritt würde sie in die Höhle gehen, keinem würde sie in die Augen sehen können, nie mehr, sie war allein, schrecklich allein. Mit größter Anstrengung verzerrte sich ihr Gesicht erneut zu einem Lächeln, leicht stupste sie Hiryoga an und deutete mit der Schnauze auf die Höhle.

“Gehst du schon mal vor? Ich komm gleich nach, ja? Möchte nur kurz alleine sein, ein wenig nachdenken.“

Ihre Stimme klang krampfhaft fröhlich, doch war sie Hiryoga unendlich dankbar, als er ihrer Bitte folgte, langsam zur Höhle ging und darin verschwand. Sie schleppte sich, plötzlich wie zerschlagen wirkend an den Rand des Gletschers, so dass man sie nicht sah, wenn man aus der Höhle ins Freie blickte und brach dort mit einem keuchenden Laut zusammen. Tränen rollen ihr über die Lefzen, die Sonne schien für sie nicht mehr, große schwarze Wolken hingen am Himmel und verdunkelten ihre doch vorher noch so glückliche Welt. Noch nie in ihrem Leben, nicht einmal nachdem Lunar sie verjagt hatte, hatte sie sich so einsam gefühlt. Alleingelassen von der ganzen Welt, ein Geheimnis in sich tragend, das ihr Leben zerstören würde und jeder Hoffnung beraubt lag die kleine, schwächliche Wölfin im Schnee und weinte bittere Tränen aus gefrorenem Schmerz.


Ja, Hima erinnerte sich nur zu gut an den verhängnisvollen Tag der Lawine. Zu gut hatte sich dieser Schicksalsschlag in ihr Gedächtnis eingebrannt und in ihren Träumen fantasierte sie weiterhin von unbekannten Wolfsgestalten, die leblos unter einer mächtigen Schicht des weißen Todes lagen, von wem auch immer zum Sterben gezwungen. Dabei hatte alles so gut angefangen... Ihre Ankunft mit Sam beim Rudel war ihr so hoffnungsvoll erschienen. Ihre ersten Bekanntschaften... Mitten im Gespräch mit Kaede war die Nachricht eingetroffen, dass die Jäger Erfolg gehabt hatten und durch der Körper der weißen Fähe schien vor Glückshormonen fast zu platzen. Und so war das Rudel aufgebrochen, ein jeder mit glücklichen oder zumindest zufriedenen Gesichtern. Es war herrlich gewesen, sich den Bauch vollzuschlagen, schließlich faul herumzuliegen und die Kälte kaum noch wahrzunehmen. Und dann war es passiert... An dieser Stelle war in Himas Gedanken nur noch Weiß vor. Etwas anderes hatte sie gar nicht mehr wahrgenommen, während sie wie die anderen auch davonstob, so schnell ihre langen Läufe sie tragen konnten. Ein Dröhnen hatte in der Luft gelegen, der Boden schrecklich vibriert...

Schaudernd schüttelte die Fähe den Kopf, um diese schrecklichen Erinnerungen erneut für wenigstens ein paar Minuten zu vertreiben. Es war vorbei und es war nicht rückgängig zu machen. Hima befand sich nur wenige Minuten von der Höhle entfernt. Sie hatte heute den ersten richtigen Streifzug durch dieses neue Revier unternommen um einen klaren Kopf zu bekommen, was allerdings nur zum Teil gut geklappt hatte. Zur Zeit war sowieso alles merkwürdig. Entweder tummelten sich die Gedanken an die Lawine in ihrem Schädel, oder aber die Ranz machte sich zu deutlich bemerkbar. Beides war der Weißen nicht recht, obwohl Letzteres nun wirklich das deutlich kleinere Übel war.

Als ein eisiger Wind durch ihren Pelz zauste, setzte sie sich fröstelnd wieder in Bewegung. Sie war lange genug fort gewesen und es wurde Zeit für ein bisschen Gesellschaft um an gänzlich andere Dinge zu denken. Ihre Pfoten tänzelten inzwischen wieder völlig leichtfüßig über den Schnee, die Wunden der langen Wanderung waren fast gänzlich abgeheilt bis auf wenige kleine Überreste. Und Hima war immer noch froh, dieses Rudel gefunden zu haben. Mochten die letzten Ereignisse auch noch so furchtbar gewesen sein, es schweißte alle mehr zusammen.
Die Höhle war inzwischen schon ein Stückchen näher gerückt aber immer noch ganz am Rande ihres Sichtfeldes und die Weiße verfiel in ein langsameres Tempo, den Blick fast abwesend auf Erkundungsgang. Trug ihr der Wind da nicht so etwas wie... Ja, doch, da war etwas zu hören - und das hörte sich nicht glücklich an. Ruckartig stemmte sie die Läufe in den Schnee, die blaugrünen Augen angestrengt in die Richtung starrend, aus der sie das Geräusch vermutete. Und wenn sie ganz genau hinsah, dann lag da etwas. So weiß wie sie selbst und noch recht klein... Und so hilflos. Augenblicklich erwachte jeder Tatendrang in Hima. Mit ausgesuchter Vorsichtigkeit näherte sie sich der Fähe, denn um eine solche handelte es sich ganz offensichtlich. Genauso offensichtlich war die Tatsache, dass die Andere der Verzweiflung nahe war, und das konnte Hima beim besten Willen nicht mit ansehen.
Stumm, ohne vorher nach Erlaubnis oder Einverständnis zu fragen, tapste sie noch näher, legte sich neben die Fähe, sodass sich ihre eigene Körperwärme übertrug und stupste sie vorsichtig mit dem Fang an. Das es die Andere stören könnte kam ihr erst gar nicht in den Sinn. Stattdessen brummelte sie in beruhigendem Singsang vor sich hin, keine anderen Laute kamen ihr über die Lefzen.


Der leichte, stetige Wind, der immer in solchen Bergregionen vorhanden war, zerrte ein wenig am Fell des Pechschwarzen, zerzauste die langen Nackenhaare und wehte sie in alle Richtungen. Schon den ganzen Morgen lag Averic oben auf der Höhle, über dem Eingang und starrte grade aus, hatte beobachtet, wie das gelle Licht immer höher stieg. Die Pupillen des großen Rüden hatten sich durch die Lichteinstrahlungen zu kleinen Schlitzen verengt und doch konnte er sie offen halten. Nichts, was er sehen konnte, war klar. Um den jungen Hünen herum nur weiß und Grautöne, mehr nicht. Alles hatte sich irgendwie miteinander vermischt und war verschwommen, sodass die Welt für ihn kaum mehr real aussah. Aber inzwischen schenkte Averic diesem gar keine Aufmerksamkeit mehr und hatte die Lider ein klein wenig gesenkt. Er kannte die große, weite Welt nicht anders. Es war immer alles schwarzweiß. Außer natürlich in diesem anderen ... „Sonderzustand“. Aber dieser war ihm immer noch nicht ganz geheuer und momentan auch nicht von Nöten. Er wusste nicht, ob Schnee wirklich so weiß war, oder ob er vielleicht einfach nur von einer sehr hellen, anderen Farbe war. Er wusste auch nicht, ob der Himmel wirklich so stahlgrau war, ob wirklich alle nicht schwarzen und weißen Wölfe grau waren. Überhaupt. Nicht mal bei den Schwarz- und Weißtönen konnte er sagen, ob sich nicht vielleicht andere Nuancen hinein gemischt hatten. Eigentlich wusste er gar nichts, vielleicht würde er nicht mal wissen, dass die Welt eigentlich nicht Schwarzweiß war, wenn er nicht ab und an hörte, wie Wölfe zu irgendwas „Rot“ oder „Blau“ sagten. Und natürlich, wenn die Flammen der Seele nicht farbig wären. Aber leider veranlasste dies auch, dass er sich oft fragte, wie die Welt in Farbe aussah. Und das Ding dabei war, dass er es niemals wissen würde, nicht mal, wenn es ihm jemand erklärte. Überhaupt ... niemand wusste, dass er Farbenblind war. Nicht mal Cylin hatte das gewusst, auch nicht Banshee. Eigentlich fand er das auch gar nicht so wichtig. Nur manchmal ... war es hinderlich.
Seine Pfoten und sein Körper fühlten sich inzwischen ziemlich kalt an, trotzdem stand er nicht auf. Er fand es angenehm, alleine hier oben auf der Höhle liegen zu können und über die eintönige Landschaft zu schauen. Seine Ohren nahmen jetzt aber auch langsam Gespräche derer auf, die in der Höhle ein und aus gingen. Da waren zum Beispiel sein Bruder Hiryoga – zu dem er keine wirkliche Beziehung hatte – und dessen Gefährtin. Während seine dunkelblauen Augen gelangweilt nach unten glitten und das Geschehen verfolgten, ging Hiryoga in die Höhle und seine Gefährtin verschwand hinter der Höhle. Averic zuckte nur beiläufig mit den Ohren, ihn interessierte nicht, was da von Statten ging. Als er dann aber noch drei andere Wölfe in etwa unter sich witterte, sträubte sich sein Nackenfell. Acollon. Ja, dieser verlogene Mistkerl lebte immer noch, obwohl bereits 4 Wochen seit seiner Morddrohung vergangen waren. Man sollte aber deswegen nicht meinen, dass seine Worte leer und nicht ernst gemeint gewesen waren. Es hatte sich nur noch keine Gelegenheit ergeben und außerdem sah sein Vater so erbärmlich aus, dass es mit Sicherheit ein peinlich leichtes Spiel werden würde. Seltsamer Weise hatte er in den vergangenen Wochen immer mehr das Interesse an ihm verloren. Er mied ihn, er hasste ihn, wenn er ihn ansah, dann war sein Blick tödlich, aber er redete nicht mit ihm, ging nicht auf ihn los. Noch nicht. Zudem war nämlich auch immer seine Mutter in der Nähe. Und ... ihn in ihrer Gegenwart angreifen konnte er einfach nicht.
Langsam drehte sich Averic auf die Seite und drehte den Kopf so, dass er in den Himmel sehen konnte. Vor vier Wochen hatte es auch eine Lawine gegeben. Viele Wölfe waren von ihr verschluckt worden, auch zwei seiner Schwestern, was ihn aber eher weniger interessierte. Nur bei Malicia spürte er leichtes Bedauern, sie hatte er – allerdings weit hinter Cylin – von seinen verbliebenen Geschwistern noch am meisten gemocht. Zumindest als Welpe. Aber mit der Zeit war die Schwarze sowieso nur noch ein Schatten des Rudels gewesen. Unsichtbar, unwichtig. Doch, es war recht viel an diesem Tag passiert. Nicht nur, dass dieser Bastard von Vater zurück gekommen war, nein, nach der Lawine hatten er sich auch noch verirrt. Mit Tyraleen als Anhängsel. Da er kurz vorher noch eine kleine Auseinandersetzung mit ihr gehabt hatte, da sie ihn davon abhalten wollte Acollon zu töten – was ihr verdammter Weise sogar irgendwie gelungen war – hatte ihn das zuerst nicht grade milder gestimmt. Aber irgendwie war er dann doch mal ganz freundlich gewesen und hatte mit ihr das Rudel wieder aufgespürt. Immerhin hatte sie sich ja auch etwas verletzt, da hatte er sie nicht zurück lassen können. Banshee hätte ihm das auch sicherlich übel genommen. Naja, inzwischen verstand er sich erstaunlicher Weise sogar ganz gut mit ihr, obwohl es anfangs fast eher Mord und Todschlag geworden wäre. Er verachtete noch immer, dass sie Acollon so vergötterte, weil er es einfach nicht verdient hatte. Aber sonst, wenn sie mal nicht deswegen stritten ... naja. So hatte er wenigstens jemanden, mit dem er mal reden konnte. Wahrscheinlich hätte er sonst noch angefangen mit Cylins Geist zu reden, oder etwas Ähnlichem. Stumm beobachtete Averic die Atemwolken, die aus seinem halb geöffneten Maul kamen, verharrte einen Moment so, dann setzte er sich recht nah am Felsrand auf und schob dabei ein wenig hohen Schnee von sich weg, sodass dieser hinunter fiel.


Shanis Augen waren geschlossen, sie wollte den hellen Schnee nicht mehr sehen, wie er in der Sonne glitzerte, wollte die Welt nicht mehr sehen, niemals mehr. In ihrer Verzweiflung gab es keine Hoffnung mehr, für sie war es, als wäre ihr Schicksal besiegelt, verbannt werden, als Mutter und doch Mörderin von ihren eigenen Welpen, unfähig sie in dieser Welt versorgen zu können. Denn selbst wenn sie es schaffte, dass sie alle gesund zur Welt kamen, würde sie sie doch nicht ernähren können. Sie war nie gut im Jagen gewesen, ihre Eltern hatten es ihr kaum lehren können und danach hatte es nur noch Hiryoga gegeben. Und der war auch kein großer Jäger. Mit diesen Eltern, zwei unwichtige Wölfe, Außenseiter, ohne jegliche Erfahrung, konnten die Welpen nur sterben. Sie musste noch heftiger weinen, Träne um Träne rollte ihre Lefzen hinab und wollten nicht mehr aufhören zu fallen. Sie sollte weggehen, vom Berg hinabsteigen, vielleicht würde sie ein Rudel finden, dass eine trächtige Wölfin aufnahm … aber auch dieser Gedanke wurde sofort zerschlagen … kein Rudel nahm eine trächtige Wölfin auf, erst Recht nicht, wenn die eigene Welpengeburt kurz bevor stand. Und außerdem … sie konnte nicht einfach Hiryoga verlassen, Lunar, Tyel, Rasmús … sie brauchte sie alle. Und doch waren sie jetzt so unerreichbar fern. Der aberwitzige Gedanke, es Lunar zu erzählen, wurde ebenso schnell verworfen wie er gekommen war. Es war unmöglich … sie war doch seine kleine, unschuldige, naive Schwester … und keine Fähe, die bald Mutter werden würde. Mutter! Das Wort auf Shani angewandt war wie als würde man eine Pfütze einen Ozean nennen. Sie war keine Mutter, nicht einmal wenn die Welpen geboren waren, würde sie eine Mutter sein. Sie war doch selbst noch Welpe.
Wie um sich noch kleiner zu machen, grub sie ihre Schnauze unter ihre Pfoten, versenkte sie im Schnee als könnte sie so ersticken und bekam doch noch genug Luft. Aber nicht nur das, in ihre entrückte Welt voller Verzweiflung drängte sich etwas anderes. Ganz deutlich spürte sie, wie plötzlich neben ihr etwas Warmes war, ein Körper, ein Wolf. Obwohl sie erschrak, konnte sie nicht leugnen, wie wunderschön es sich anfühlte, doch nicht ganz so alleine zu sein, auch wenn der oder die andere neben ihr nichts verstand. Ein leichtes Stupsen an ihrer Schulter, ein leises, beruhigendes Brummen, das sie auf wunderschöne Art an die Zeit erinnerte, als sie noch als kleiner hilfloser Welpe in der Höhle lag und ihre Mutter ihr leise etwas vorsang. Eine ganze Zeit lang lauschte sie einfach nur dem fremden Wolf, einer Fähe, wie sie irgendwann bemerkte, und ließ ihren eiskalten Körper gewärmt werden. Nichts hatte sich an ihrer Lage geändert, aber dieser unverhofft auftauchende Engel, der sie nicht alleine gelassen hatte, obwohl er wohl nichts von ihr wusste, hatte ihr zumindest gezeigt, dass es noch Wärme in dieser Welt gab. Irgendwann schob sie die Schnauze aus dem Schnee und öffnete die tränennassen Augen. Eine weiße Wölfin lag neben ihr, die grün schimmernden Augen den ihrigen gleichend. Shani kannte sie, sie war aus dem Rudel, kurz vor der Lawine zu ihnen gestoßen. Auch ihren Namen hatte sie schon gehört, wusste ihn sicher auch noch, aber konnte sich jetzt, in dieser düsteren Situation nicht mehr an ihn erinnern. Ob die Fähe ihren Namen kannte, war fragwürdig, wahrscheinlich nicht, trotzdem war sie zu ihr gekommen und hatte sie getröstet, tröstete sie noch immer.

“Danke.“

Kam es schwach von ihr, jedoch zutiefst ehrlich. Die Weiße hatte ihr nicht geholfen, ihr Elend war immer noch genauso groß und ihr Schicksal ebenso auswegslos, aber immerhin war sie nicht mehr ganz so alleine. Wäre sie in ihrer Verzweiflung nicht so gefangen gewesen, hätte sie wohl angefangen, sich darüber Gedanken zu machen, wie sie nun mit der Weißen umgehen sollte, aber sie musste noch immer weinen, konnte nur mühsam die Tränen aufhalten und ihr Kopf war auch bereits wieder auf ihre Pfoten gesunken. Die Fähe war gut, gut in dem Sinne wie Engaya gut war, aber helfen konnte sie ihr doch nicht.


Die Augen geschlossen lag Tyel in der Höhle. Es war relativ warm hier drin. Sie konnte die anderen Wölfe reden hören, verstand die Worte jedoch nicht. Sie konnte fühlen, dass irgendetwas anders war. Die junge Fähe wusste nicht was es war doch irgendwie machte es ihr Angst und gleichzeitig wollte sie unbedingt wissen was es war. Ein leises Seufzen entfuhr der Bunten. Sie wollte nicht aufstehen. Gerade erst waren sie der Lawine entkommen, hatten zahlreiche Wölfe verloren. Vier Wochen waren keine lange Zeit um Verluste zu begreifen. Tyel kannte die Wölfe, die gestorben waren, zwar nicht, doch sie spürte die Trauer derer die sie gekannt hatten. Auch hatte sie noch immer Banshees Worte im Kopf. Keine Welpen. Tyel überlegte kurz. Die Bedingung war für sie nicht schwer einzuhalten. Ihr stand sowieso gerade nicht der Sinn danach. Sie konnte noch nicht mit ihnen umgehen. Nie war sie einem Welpen näher gekommen als es sein musste. Sie hatte irgendwie Angst etwas falsch zu machen. Die Fähe schüttelte kurz den Kopf und schlug dann die bernsteinfarbenen Augen auf und hob den Kopf schlagartig an. Auf einen Blick erfasste sie die Wölfe in der Höhle. Ließ ihren Blick kurz über sie gleiten und legte den Kopf dann wieder auf die Pfoten. Warum hatte sie nur so ein komisches Gefühl? Es war doch alles in Ordnung. Alle hatten ihre Aufgaben, berücksichtigten diese. Nochmals glit der Blick der Fähe zu Banshee. Ein kurzes Lächeln huschte über die Züge der Bunten. Delta. Natürlich hatte auch sie eine Aufgabe bekommen. Tyel liebte sie, es war eine tolle Aufgabe und die Bunte konnte endlich wieder richtig laufen. Alles beobachten. Die junge Fähe leckte sich über ihre Vorderpfoten und stand dann langsam auf. Es war Zeit sich wieder etwas zu bewegen. Vielleicht sollte sie sich auch mit Wölfen unterhalten, die sie noch gar nicht richtig kannte. Die Fähe dachte kurz darüber nach zu Miral zu gehen und sich etwas mit der Kleinen zu beschäftigen. Vielleicht sollte sie das tun. Immerhin war sie der erste Welpe, oder auch Jungwolf, Tyel wusste es nicht recht zu sagen, dem sie sich nähern konnte ohne Angst zu haben irgendetwas falsch zu machen. Es war schön zu sehen wie gut sich die kleine Fähe mit allen verstand. Noch mal schüttelte die Fähe den Kopf, nein. Sie würde sich nicht auf Mirals Aufgeschlossenheit verlassen um das Rudel besser kennen zu lernen. Zuallererst würde sie ihren Rundgang unternehmen. Nur kurz raus in den Schnee und schauen wie es draußen aussah. Leise lief die bunte zum Höhleneingang ließ ihren Blick über Banshee, Nyota und Acollon schweifen. Sie wollte etwas sagen, doch wusste sie nicht was sie hätte sagen sollen. Mit nun gesenktem Blick ging sie an den drei Wölfen vorbei nach draußen in die Sonne. Spürte jedoch keine wirkliche Wärme. Kälte unter ihren Pfoten, ja. Aber nicht die Wärme, die sonst von der Sonne ausging. Hier oben war alles so verdreht. So anders als sie es kannte. Eine Weile stand Tyel in der Sonne und blinzelte um ihre Augen an das ungewohnte Licht zu gewöhnen. Nicht nur die Sonne blendete sie auch der Schnee funkelte in allen erdenklichen Weißtönen und machte es der Bunten schwer etwas zu sehen. Doch trotz allem genoss sie es im Schnee zu stehen und endlich wieder die Sonne zu sehen. Sie hatte lange in der Höhle gelegen und auf Miral acht gegeben. Hatte dabei gar nicht wirklich mitbekommen wie schön es hier draußen geworden war. Wusste nicht wie unwirklich es aussah wen hier oben die Sonne schien.

oO Wer wohl noch alles nach draußen gegangen ist?...Ich habe Shani noch gar nicht gesehen...wo sie wohl gerade ist? Oo

Der Blick der jungen Fähe streifte kurz die ganze Umgebung, blieb nirgendwo lange hängen. Ein seliges Seufzen kam aus der Kehle der Bunten. Vielleicht sollte sie einfach darauf warten, dass Shani kam. Oder sollte sie die weiße Fähe suchen gehen? Sie hätte auch Hiryoga fragen können, immerhin war er doch gerade an ihr vorbei ins Höhleninnere gegangen. Vielleicht wusste er ja wo die Weiße sich gerade aufhielt. Vorerst blieb die Bunte aber erst stehen. Vielleicht kam Shani ja noch. Immerhin hatte sie mit Hiryoga die Höhle verlassen und er hatte nicht so ausgesehen als ob irgendetwas Schlimmes passiert währe. Shani wollte sicher nur kurz allein sein.


Rasmús lag neben Tyel in der Höhle, und auch er frate sich, wo Shani und Hiryoga wohl sein mochten. Die Ranz hatte das Rudel in Unruhe versetzt, es würde bald wieder Welpen geben. Gähnend streckte Rasmús sich, er hatte schon oft die Zeit der werfenden Fähen miterlebt, die vielen schmerzerfüllten Gesichter, das leise Winseln und die unbändige Freude über das neue Leben, das sie gebaren. Rasmús sehnte es nach einer Gefährtin, er hatte noch nie die Freude der Liebe kennengelernt, und je öfter er Shani und Hiryoga zusammen sah, desto deutlicher wurde das Gefühl der Einsamkeit. Unwillkürlich kuschelte er sich näher an seine Sternenschwester, und strich ihr mit der Schnauze kurz durch ihr warmes, weiches Fell. Stumm fragte er sich, wie viele Würfe es wohl sein würden. Jedes Rudel handhabte das anders, das hatte er gelernt. In manchen war es nur dem Alphapaar gestattet, in manch anderen jedem, in einigen auch niemandem. Ein wenig ratlos blickte er Tyel von der Seite an. Er hatte sich schnell an ihre Nähe gewöhnt, was nicht hieß, dass er sie nicht trotzdem schätzte. Im gegenteil, jeden tag freute er sich von neuem darüber, sie zu sehen, sie bei sich zu haben und an ihrem Leben teilnehmen zu können. Er genoss es, ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen.

Spielerisch biss er ihr sanft ins Ohr, ehe er sie anblickte. Wie glücklich er doch mit ihr war, und er fragte sich, ob er je mit einer Fähe glücklicher sein könnte, ob er überhaupt dafür bestimmt war, einmal Gefährte und vielleicht sogar Vater zu werden. Wer konnte sein Herz mit noch mehr Wärme füllen als seine Schwester?

"Was meinst du, Tyel, werden wir dieses Jahr Welpen im Rudel haben?"

Er hatte ihr noch gar nicht von seiner Leidenschaft für die jungen Fellbündel erzählt, doch in seiner Stimme schwang deutlich mit, was für ein guter Vater er einmal sein würde, wenn es denn dazu kam. Kaum dachte er an die kleinen tapsigen Schritte, blühte es in ihm genau wie in den tieferen Ebenenen des Tals im Frühling.

"Ich liebe Welpen. Ich hätte gern so ein paar kleine, tapsige Dinger um mich herum. Dann kann man nochmal Kind sein..."

Er lächelte zaghaft, und schmiegte sich dann wieder an Tyel. Sie würde schon verstehen, was er meinte. Rasmús hob ein wenig den Kopf und blickte nach draußen. Noch immer war alles eisig und weiß draußen. Ob sich das im Sommer ändern würde? Er bezweifelte das. Es würde schwer für die kleinen Welpen werden, wenn es so kalt blieb. Wenn sie noch so jung waren, schützte ihr Fell sie nicht vor der klirrenden Kälte. Dann würden sie zunächst nur die beschränkte Welt der Höhle kennen lernen. Wie schade. Rasmús seufzte leise.


Hima konnte nicht sagen, ob sie lange bei dieser Fähe gelegen hatte, die Hilfe offenbar so dringend benötigte und sie deswegen auch bekam, mochte sie ihr auch in gewisser Weise fremd sein. Natürlich, vom sehen her erkannte Hima die Andere, sie war aus dem Rudel. Und wenn sie ganz genau hinschaute... Ja, das war die Kleine, die damals, am Tage ihrer Ankunft, vor den schwarzen Rüden getreten war und die gereizte Stimmung schlagartig in etwas anderes verwandelt hatte. Jetzt, wo sie darüber nachdachte, kam ihr die Situation fast schon wieder glasklar vor Augen. Mutig war diese Fähe gewesen, sich einfach vor diesen Koloss aufzubauen... Was damals genau vorgefallen war wusste die Weiße selbstverständlich nicht, und im Moment war es ihr auch herzlich egal. Doch das Bild, dass sich ihr nun bot passte ganz einfach nicht zu der damaligen Situation... Aber nein, darum ging es nun wirklich nicht.
Hima bemerkte mit einer gewissen Erleichterung, dass ihre Nähe die verzweifelte Fähe anscheinend nicht störte sondern eher beruhigte. Zumindest wurde sie irgendwann ruhiger und gefasster - äußerlich. Und wieder einmal fühlte sie sich auch wie eine Mutter, obwohl sie kaum sehr viel älter sein konnte. Doch was tat das schon zur Sache?

Die Andere hatte inzwischen den Kopf gehoben und es geschafft ihr kurz in die Augen zu sehen, obwohl aus den eigenen die Tränen rannen. Ein Stich heftigen Mitleids fuhr durch Himas Herz, als ob ein Dolch sie verwundet hätte. Was konnte nur geschehen sein, dass dieses Geschöpf so sehr litt?

“Du wirst dir hier draußen noch den Tod holen - und das willst du ja hoffentlich nicht. Also würde ich vorschlagen, dass wir irgendwo hin gehen, wo es etwas geschützter ist, sofern dir das Recht ist. Ob das nun die Höhle ist oder nicht, das überlasse ich dir. Aber ich werde nicht zu lassen, dass du hier erfrierst! Einverstanden?“,

erwiderte sie leise, mit warmer Stimme. Ihr Gesicht war ausnahmsweise nicht durch ein Lächeln gezeichnet, stattdessen hatte sich tiefste Sorge darauf abgebildet, als hätte sich eine dichte Wolkenfront vor der Sonne versammelt. Dann wurde ihr Blick entschuldigend und sie räusperte sich.

“Tut mir Leid, dass ich mich dir so aufdränge. Vielleicht willst du gar nicht mit mir darüber reden, was dir solche Schmerzen bereitet. In diesem Fall bringe ich dich nur zurück zur Höhle und lasse dich dann selbstverständlich alleine... Mein Name ist übrigens Hima.“,

fügte sie nach kurzem Zögern hinzu, der Körper weiterhin schützend neben dem der Anderen. Nein, Hima würde sie nicht alleine lassen, egal was sie sagen würde.


Ein erbarmungsloser Schneesturm wütete hoch oben in den Bergen. Mitten drin lief Balthasar auhnungslos umher. Der starke Wind zersauste sein Fell und Schnee brannte in seinen Augen. Er wusste nicht wohin er ging und sein Körper zitterte stark. Immer wieder versuchte er sich an irgendetwas zu orientieren, doch ohne Erfolg. Der Sturm war so gewaltig, dass man nicht mal mehr seine eigene Schnauze erkennen konnte. Das einzige was Balthasar erkennen konnte, waren die Schatten seltsamer Wesen, die sich dort draußen bewegten. Der Graue war sehr erschöpft und bemerkte kaum dass sich ein paar geheimnisvoller Wesen sich ihn näherten. Sie kamen immer näher und schlossen um Balthasar einen Halbkreis. Um jeden Schritt den der Rüde wagte, engte sich der Kreis immer weiter. Doch dann, nach kurzer Zeit nahm Balthasar Witterung auf. In diesem Moment war er den seltsamen Wesen zum Greifen nahe. Nun zog der Rüde die Leftzen hoch und spannte seine Rute an. Er musste winselt und Angstgefühle kamen in ihn hoch, als sich die grausamen Biester in Dämonen verwandelten. Blut tropfte aus den Maul des Dämon. und er gab schreckliche Laute von sich. Immernoch kneifte der Rüde die Augen zu und hoffte auf Hilfe. Doch plötzlich formte sich unter den Pfoten des Rüden ein schwarzes Loch. Es wurde immer größer und die Panik des Rüden gleichermaßen. Bald war das Loch vollendet, Balthasar verlor sein Gewissen und fiel in den knadenlosen Tod..
Blitzschnell öffneten sich die Augen des grauen Rüden. Total geschockt lag er am Boden. Schon die ganze Zeit lag er in der Höhle und hatte sich ausgeruht. Alles was gerade geschehen war, hatte er geträumt. Er hatte kaum bemerkt dass er im Schlaf gewinselt hatte und am Boden rumgezappelt. Nun aber beruhigte sich der Rüde und kam zurück in die Zivilisation. Dann blickte er durch die Höhle. Er hatte nur ein paar Minuten geschlafen und war dann in einen schrecklichen Alptraum verfallen. Kurz blinselte er nochmal, richtete sich auf und schüttelte sich den Schnee vom Fell. Jetzt streckte er sich und trödelte dann in Richtung Höhleneingang...

.oO(Was nur hatte dieser Traum zu bedeuten..?)

althasar versuchte sich den Unsinn aus den Kopf zu vertreiben, doch ohne Erfolg. Er konnte seine Gedanken einfach nicht davon losreißen..


Die Kälte kroch ihr durch den dunklen Pelz, schlich kribbelnd über ihre Haut und lies die chwarze unmerklich zittern. Zeit, sich etwas vom kalten Höhleneingang zu entfernen, in dem Acollon nun neben Banshee saß. Ja, was war der Schwarze eigentlich? Ein fähiger Alpha, oder bloß ein Anhängsel Banshees, mit dem einzigen Zweck der Weißen Glück zu spenden? Sie konnte sich nicht mit sich selbst einigen, aber sie hatte ihn auch lange genug nicht mehr gesehen. Wer wusste, ob er sich nicht genau dasselbe über Nyota fragte...

Sie erhob sich, schenkte den Zweien noch ein Lächeln und trabte weiter in die Höhle. Da waren die zwei Neulinge, die sie kurz vor der Lawine eingesammelt hatten...ja, die Lawine...einige Wölfe waren ihr zum Opfer gefallen, aber Nyota hatte bei keinem der Vermissten einen Stich gespürt - für sie waren es bloß Fremde gewesen, und so war ihr Tod wohl traurig, aber nichts worum sie weinen würde.

Direkt vor Kische und Akriyo blieb sie stehen, lies einmal freudig die Rute durch die Luft wischen und setzte sich vor Kische hin.

"Du bist..Ki..Ki...Kirsche, oder so, richtig?"

Gerade hatte sch das ratende Grinsen auf ihre Leftzen gelegt, da zog sie auch schon wieder die Stirn kraus.

"Nein, da ist irgendwas falsch. Entschuldige, ich habe deinen Namen nur mal im Vorbeilaufen gehört...verrätst du mir wie er richtig lautet?"

Das Grinsen kehrte sofort zurück, und auch Akriyo sah sie mit einem Blick an, der nach 'und wer bist du?' aussah.

Wie um Kische vor der Verlegenheit zu bewahren, fuhr sogleich fort, und setzte sich dabei auf den Boden, der hier hinten zumindest ansatzweise wärmer war.

"Und ich bin Nyota"


Ihr Atem ging ruhig ein und aus, eigentlich eine Seltenheit für die junge Fähe. Kein Raspeln, Ziehen oder Drücken in ihrer Lunge, das es ihr schwer machte zu atmen. Noch seltener war jedoch, dass sie sich bei jemandem befand; Ninniach lag in unmittelbarer Nähe zu Face.
Sie war nicht eng an ihn gekuschelt, hatte sich aber auch nicht von ihm distanziert. Auf eine gewisse Art und Weise fühlte sie sich zu dem Schwarzen hingezogen. Es war schwer zu beschreiben, welches Gefühl in ihr wuchs, das sie fest an diesen Rüden band, das sie immer zurück zu ihm rief. Ehrlich gesagt, wollte sie es auch gar nicht wissen. Es tat einfach gut bei jemandem bleiben zu können. Würde er sie nicht länger bei sich haben wollen, so würde sie abtreten. Aber solange er kein fortschickendes Wort äußerte bliebe sie bei ihm.
Die Unruhe im Rudel und die ganze Verliebtheit blieben ihr fern, es war ihr fremd. Obwohl auch sie sich scheinbar nach Nähe sehnte, was ihr ebenso fremd war, wie der Tumult drumherum.
Sie sah Face eine Weile lang an, musterte ihn von oben bis unten, zeigte sich ein wenig neugierig, näherte sich aber nicht weiter.

"Face?"

Ihre Stimme klang, wie eigentlich immer, unsicher. Es war als würde sie dauernd auf dünnem Eis balancieren und müsse fürchten, dass schon ein falsches Wort das Eis unter ihr bersten ließ.

"Wenn... wenn ich dich störe oder dir zu nahe trete, bitte ich dich, es mir zu sagen.. schick mich fort, wenn dir danach ist."

Sie senkte den Blick, hoffte natürlich das dergleichen nie passieren würde und legte den Kopf auf ihren Pfoten nieder.

.oO( Schließlich könnte ich verstehen, wenn du dich nicht mit mir abgeben willt. Außerdem hast du nun ja einen hohen Rang in diesem Rudel - ich hingegen bin immernoch bloß eine Fremde. Oder?"

Nun, welchen Stand genau sie hatte, wusste sie nicht. Aber es war auch noch nicht viel zeit vergangen, seit sie hier war. Und jeden kennen war schwierig, schließlich war das Rudel relativ groß.
Vielleicht machte sie die Schwarze auch einfach zu viele Sorgen.. was war bloß los mit ihr? Sie tat Dinge, vor denen sie eigentlich zurückschreckte... Die Ranz schien sie zu verändern - vermutlich aber nur für eine kurze Zeit..


Die schwarze Wölfin erhob sich. Nun saß der Fenrissohn neben seiner weißen Gefährtin und starrte in das Weiß hinaus. Seine matten und eingefallenen Augen waren still, kalt und bewegungslos. Sie drückte nur Eiseskälte aus. Aber nicht, dass es Emotionen waren, nein, es war eher eine Art Gleichgültigkeit. Eine Distanz, die ihn seltsam abschirmte. Nicht nur von den Anderen, nein, auch von sich selbst. Die Gedanken, die in ihm aufwirbelten, verblassten je, und zeigten keine große Erkenntnis. Es waren schlaffe Gedanken, seltsam stumpfe. Acollon vergaß seine Pflicht nicht, seine Pflicht seiner Gefährtin, seiner Kinder, oder seinem Rudel gegenüber nicht. Diese Pflichten schienen zweitrangig. Was genau in dem Schwarzen vorging, wusste nur er selbst. Und er versuchte sich darauf vorzubereiten, so gut es ging.
Er wusste, dass bald die Zeit gekommen war, die er hätte lieber außer Acht gelassen. Doch um die Ruhe wieder herzustellen, nahm er vieles in Kauf. Selbst sein eigenes Zugrundegehen. Noch wusste er nicht, wie sich alles entwickeln würde, noch konnte er alles beeinflussen. Er könnte wieder jäh verschwinden. Abhauen und nie wieder kehren. Aber er könnte auch hier bleiben und alles auf sich zukommen lassen. Beide Wege waren nicht richtig verlockend und bargen einige Schwierigkeiten. Eines wusste der Schwarze aber, er wollte hier bleiben. Bei Banshee. Schweigsam sah er von dem weißen Nichts ab und schaute zu seiner Gefähtin. Sie saß immer noch da, und rührte sich nicht. Die kalten, leeren Augen bekamen einen Hauch von Leben. Kein freundliches und hoffnungsvolles Zeichen, aber immerhin, irgendein Zeichen.

"Ich werde es Deiner Schwester noch sagen, keine Sorge.",

raue Worte, Worte ohne Liebe. Ohne weitere Emotionen. Heiser war er geworden, der schwarze Rüde. Lange hatte er seine Stimme nicht benutzt. Nun schien es so, als hätte er sie verloren. Seltsam fremd und doch ein Klangmuster, dass typisch für den schwarzen Todessohn war.


Zögernd, mit einem unsicheren Blick hatte er sich von Shani entfernt, wagte es nicht den Kopf nach hinten zu drehen und ihr nach zu sehen, erst kurz bevor er die Höhle betrat, drehte er den Kopf nach hinten, erhaschte noch einen Blick auf die Weiße, wie sie davonging. Er war ihrer Bitte gefolgt, hatte außer einen niedergeschlagenen Blick nicht viel für sie übrig gehabt, er verstand nicht, was mit ihr los war, er war ihrer Bitte einfach nachgegangen. Ein leises Seufzen entwich seiner Kehle, als er den kühlen, aber festen Steinboden unter seinen Pfotenballen spürte. Hiryoga hatte nicht einmal seine Mutter und seinen Vater bemerkt, als er an ihnen vorbei gegangen war, sein Blick war zu Boden gerichtet gewesen, sein hagerer Körper wirkte kleiner als sonst, den Kopf zum Boden geneigt, die Schulterblätter eng beieinander. So hatte er die Höhle betreten und sich irgendwo, in der Nähe von niemandem, fallen gelassen. Schwer sackte sein doch so leichter Körper zusammen, den Schmerz des Aufpralls verdrängten seine Gedanken.
Was hatte er getan, was war falsch gelaufen? Niedergeschlagen bettete er den schlanken Kopf zwischen den Boden auf dem harten Boden, die großen Ohren lagen fest am Haupt, die smaragdfarbenen Augen hatte er zusammen gekniffen, mochte sie erst gar nicht öffnen. Warum hatte sie plötzlich so bestürzt reagiert, was hatte sie nur so verletzt? Der Braune mochte nicht an ihren Gesichtsausdruck denken, nicht an die Art wie sie ihn angesehen hatte, es schmerzte nur zu sehr und vor allem der Gedanke daran, dass sie seine Hilfe nicht wollte, dass er nichts für sie tun konnte, dass er vielleicht der Grund für ihren Schmerz war. Was konnte er nur tun, damit es ihr besser ging, konnte er denn überhaupt etwas tun? Sie hatte ihn weggeschickt, sie hatte versucht ihre Gefühle zu verbergen, war es denn so schlimm, dass sie es ihm nicht anvertrauen konnte, hatte er ihr wirklich so weh tun können, ohne es zu merken?
Hiryoga spürte einen stechenden Schmerz in seinem Kopf, zu viele Gedanken überströmten ihn und das Nachdenken viel ihm schwer. Die smaragdfarbenen Augen öffneten sich wieder einige lange Augenblicke später, es brachte doch nichts, wenn sie ihn nicht bei sich haben wollte, musste er es akzeptieren, vielleicht konnte er nachher mit ihr reden, vielleicht hatte sie sich bis dahin beruhigt? Missmutig begann der Rüde seinen Blick auf das Rudel zu richten, welcher von einem Wolf zum anderen huschte, dabei schien Hiryoga sie nicht wirklich anzusehen, sondern mehr durch sie hindurch. Immer wieder kreiste sein Blick über die verschiedenen Wölfe, bis er kurz an den zwei Neuen hängen blieb, zu denen sich Nyota, seine Tante, gesellt hatte. Nur einen Augenblick betrachtete er die drei Wölfe, ehe er den Blick auf die Höhlenwand richtete und in seinen Gedanken zu ersticken drohte. Wären sie doch nur unten im Tal, dann hätte er sich in den Wald zurückgezogen, hätte sie aufgesucht und...wenn er diesen Gedanken nun fortsetzten würde, würde es die ganze Situation nicht verbessern, sondern verschlimmern, Sehnsucht und Heimweh waren nicht die Gefühle, die er nun brauchte, es war zum Verrückt werden, diese Ungewissheit.


Nienna lag immernoch in der Höhle als andere Wölfe um sie herrum schon wieder auf den Beinen waren. Die Fähe machte gerade ihre Augen auf, blinzelte kurz, stellte ihre Ohren auf und drehte eines leicht zur Seite. Sie hörte leise Schritte unter sich, dennoch bewegte sie sich kaum. Die Schwarze hatte einfach keine Lust auf zu stehen bewegen, geschweige denn sich überhaupt zu bewegen. Aber ihre Neugier war wie immer so viel größer als ihre Faulheit, also stand sie auf, erhob sich und schüttelte erst mal ihr Fell durch. Nienna zitterte leicht und ihr schwarzes Fell vibrierte leicht. Sie setzte ihre Pfoten weiter nach vorne und der Boden knirschte immeroch leicht unter ihren Pfoten. Ihre Bewegung war ziemlich flüssig ohne Pausen und ihr Fell glänzte in dem sanftem Sonnenlicht. In der Höhle war es noch schön ruhig da kaum ein Wolf wach war oder sich zu bewegen mochte. Neugierig schaute sie sich um in der Hoffnung irgendwen zu entdecken der schon auf den Pfoten stand oder lag. Ihr Blick schwief über den Höhlenboden und ihr Blick stoppte bei einem Rüde(Balthasar), der gerade in die Höhle kam. Sein Fell war grau und seine Augen waren eisblau. Nienna musterte ihn kurz und sah das sein Fell immernoch mit Schnee bedeckt war. Es sah so aus als habe er gerade geschlafen, wieder aufgewacht habe aber nicht gut geschlafen.

"..Hallo..?!

Fragte Nienna leise und stubste ihn leicht mit der Nase an. Der Rüde fühlte sich ziemlich kühl an aber Nienna schaute ihn mit ihren großen grünen Augen an. Ihre Augen funkelten in dem Licht leicht und spiegelten den Rüden darin wieder. Die Fähe fragte sich ob es dem Rüden wirklich gut gehe oder woher er ggerade kommt.

"..Ich bin Nienna Singollo..aber nenn mich besser Nienna..und wie lautet dein Name?

Fügte sie schnell hinzu und setzte sich auf ihre Hinterläufe.


Akriyo saß, einem Leibwächter ähnelnd, neben Kische und ließ seinen Blick über das Rudel schweifen. Es waren recht viele Wölfe, die da lagen, saßen, schliefen und redeten, doch vor dieser schrecklichen Lawine waren es viel mehr gewesen. Er war verwundert gewesen, war es immer noch, dass ein so großes Rudel hier oben genügend Nahrung fand. Das Verbot, Welpen zu zeugen hielt Akriyo für sehr vernünftig. Es war schrecklich, junges Leben sterben zu sehen.
Nunja, der Winter verlangte nach Opfern, dass war in seinem Geburtsrudel das Erste, was man als Welpe lernte. Wenn er den Jägern nicht ihre Beute wegnahm und verhungern ließ oder sie von der Kälte fressen ließ, schickte er den Schnee, seinen gehorsamen Diener und verwandelte das, was einmal aus vielen zarten Flocken bestanden hatte, zu einem tödlichen Ungeheuer.
Der Graue Wanderer schloss die Augen.
Der Winter brauchte Opfer. Und das war der Grund, weshalb er grade im Winter nie lange bei anderen Wölfen blieb. Er kannte den Schmerz, der entstand, wenn man jemanden verlor, den man liebgewonnen hatte, einfach zu gut. Dieser Schmerz schrumpfte mit der Zeit, doch er verschwand niemals. Jedenfalls bei ihm nicht. Akriyo öffnete die Augen und betrachtete Kische von der Seite. Er mochte sie. Und das war nicht gut.

oO(Ich sollte mich schleunigst auf den Weg machen...)

Ein Schatten kam auf Kische und ihn zu, der Graue sah alarmiert auf, erkannte dann aber die schwarze Fähe, die Schwester der Alpha, so wie er es verstanden hatte. Er berührte kurz mit der Nase den Boden, um seine Eherbietung auszudrücken, wie es bei den Frostsängern Brauch gewesen war, dann fiel ihm wieder ein, dass er hier eben nicht bei seinem Geburtsrudel war und dass diese Geste bei den meisten Rudeln unbekannt war. Es war schwer, alte Gewohnheiten abzulegen.

"Sei gegrüßt, Nyota. Ich bin Akriyo. Manchmal nennt man mich auch den Grauen Wanderer."

sagte Akriyo und nickte der Schwarzen zu. Aus den Augenwinkeln sah er einen braunen, jungen Wolf, der an ihm vorbeitrottete. Akriyo drehte sich unwillkürlich zu ihm um und betrachtete ihn genauer. Er wirkte niedergeschlagen, sehr sogar. Ob er um einen Wolf trauerte, der von der Lawine verschüttet worden war? Akriyos Beine bewegten sich beinahe von selbst und ehe er sich versah, stand er schon vor dem niedergeschlagenen Rüden. Der Graue zögerte kurz. Vielleicht wollte sein Gegenüber auch einfach in Ruhe nachdenken, ohne gestört zu werden. Aber es gab genügend einsame Plätze hier in den Bergen, die er hätte aufsuchen können, wenn er allein sein wollte.

"Sei gegrüßt. Mein Name ist Akriyo."

Er legte sich hin, damit der Andere nicht zu ihm aufsehen musste.

"Ich bitte vielmals um Verzeihung, sollte ich stören, aber dich scheint etwas zu beschäftigen und vielleicht gehörst du ja zu den Wölfen, denen es Erleichterung verschafft, mit einem anderen Wolf über ihre Probleme zu reden."

Akriyo sah sein Gegenüber freundlich an, jedoch ohne ein Lächeln, denn das hatte er immer noch nicht wiedergefunden.



Den Kopf auf die Vorderpfoten gebettet, die Ohren jedoch aufmerksam aufgestellt, den Blick der Bernsteinen Augen interessiert nach vorne gerichtet, hatte sie in der Höhle gelegen, neben sich Akriyo und eine ruhige Zufriedenheit gespürt. Ruhig in dem Sinne, dass sie vollkommen entspannt war, sie fühlte sich nicht danach im Schnee herum zu tollen, sondern genoss die ruhigen Stunden, die sie neben ihrem großen Begleiter verbringen konnte. Das Rudel hatte sie freundlich aufgenommen, wie sie es fast erwartet hätte, obwohl das Rudel groß war, sie hier oben nicht viel Nahrung fanden, hatten sie doch einen Platz für sie übrig gehabt. Ein erleichtertes Seufzen verließ ihre Kehle, sie war glücklich und hätte dennoch trauern können, denn kurz nach ihrer Ankunft hatte eine schreckliche Lawine einige Rudelmitglieder mit sich genommen, hatte sie zu einem Ort gebracht, über den sie nicht viel wusste, nur erzählen konnte, was sie gehört hatte. Niemand ihr wichtiges war gestorben und dennoch hatte sie den Wunsch verspürt, den Sternen ihr Klagelied zu schicken, insgeheim verband sie den Tod der Wölfe mit den Tod ihrer Vertrauten, aber das musste niemand wissen, nicht einmal Akriyo, besser gesagt, erst recht nicht der Graue Wanderer. Nichts wollte sie ihm geben, was ihn vielleicht noch mehr betrüben würde, sie hatte das Verlangen ihn Lächeln zu sehen, ihn in seiner Welt nicht alleine zu lassen. Sie wusste, dass sie das noch nicht konnte, aber vielleicht würde er sie irgendwann in seine Welt lassen, sie an seinem Schicksal teilhaben lassen.
Die Fähe schreckte jedoch aus ihren Gedanken auf, als ein dunkler Schatten sich zu ihnen gesellte und als Nyota entpuppte, eine enge Vertraute, Verwandte der Alpha. Ein sanftes Lächeln zog sich um ihre Lefzen, als sie sich auf die Läufe zog und auf ihrer Hinterhand sitzen blieb, den kleinen Gruß erwiderte sie, indem sie selbst die Rute schwang und mit den kleinen Ohren spielte. Sie sprach einige Worte, ehe Akriyo ihr schon antwortete und sich zu einem brauen Rüden, der soeben die Höhle betreten hatte, gesellte. Leicht irritiert spitzte sie die Ohren, sah ihm kurz nach, ehe sie den Blick wieder zu Noyta richtete.

"Verzeih..."

Sie warf der Fähe ein kurzes, entschuldigendes Lächeln zu, da sie einen kurzen Augenblick ihre volle Aufmerksamkeit nur Akriyos Gehen geschenkt hatte und sie dabei völlig vergessen hatte.

"Du liegst fast richtig. Kische ist mein Name, aber Kirsche wurde ich schon oft genannt, es hat mir nie etwas ausgemacht, ich mag den Vergleich."

Kische fügte ihren freundlich gesprochenen Worten ein Dauerlächeln hinzu, welches ihren Gemütszustand widerspiegelte und beendete ihren Satz sogar mit einem kurzen, leisen Lachen. Ja, sie liebte es schon fast, wenn man sie damit verglich, sie konnte nicht sagen wieso, aber es war so, sie nahm niemanden diesen Vergleich übel, eine Kirsche war eine wunderbare Frucht, ein Teil dieser Welt, sogar ein wichtiger, wie sie es fand.

"Es freut mich dich kennen zu lernen Nyota. Und du bist…eine enge Vertraute...nein Verwandte der Alpha? Zumindest habe ich es noch so in Erinnerung, die letzten Tage waren etwas chaotisch, aufgrund der Lawine. Es tut mir Leid, dass einige ihr Leben lassen mussten, ich hoffe doch, du hast keinen zu großen Verlust erlitten?"

Die Worte sprudelten wieder einmal aus ihr heraus, ihr gesprochenes Beileid war ernst gemeint, ihre freundlichen Züge waren um einiges weicher geworden, fast leidend, es war keine einfache Zeit für das Rudel und dessen war sich das Sternenkind nur zu gut bewusst. Aber was redete sie da schon wieder? Wie konnte sie nur wieder nach so viel fragen, nach so viel Vertrauen verlangen? Es war typisch sie, aber sie sollte sich dennoch etwas zurückhalten.

"Oh...entschuldige bitte, wenn ich dir zu Nahe trete, natürlich musst du mir keine Antwort auf meine Fragen geben, wenn du es nicht möchtest."

Schnell fügte sie diese Worte noch hinzu, obwohl sie schon sechs Winter auf dieser Welt verbracht hatte, so konnte sie manchmal wie eine Jungwölfin sprechen, unbedachte und willkürliche Worte wählen.


Warum? Das war wohl die passende Frage, die er sich ständig stellte, sein Leben lang hatte er sie sich schon gestellt, warum war er so schwächlich, warum war er so ängstlich, warum lief immer alles in seinem Leben schief, warum hatte Shani plötzlich so reagiert? Der junge Rüde schob eine Pfote über seine Schnauze und wollte die Welt um sich herum vergessen, aber nach wenigen Augenblicken nahm er die Pfote wieder herunter, er konnte sich nicht vor der Welt verstecken, nicht vor seinen Eltern, seiner Patin oder seiner Gefährtin. Und er wollte sich nicht verstecken, nicht mehr.
Nicht lange folgte er dem Gespräch der drei Wölfe, sein Blick huschte wieder umher, blieb im Nichts hängen. Im Tal würde es nun langsam Frühling werden, bald würde es den Schnee nicht mehr geben, neue Lebewesen würden das Licht der Welt erblicken, die Pflanzen würden sich zur Sonne strecken, die warm auf den Pelzen schien, aber von all dem würden sie hier oben nichts spüren. Ein Seufzen verließ seine Kehle, es machte keinen Sinn, sich vor Sehnsucht nun auch noch verrückt zu machen, er hatte schon genug Probleme.
Völlig versunken in seinen Gedanken, war es natürlich verständlich, dass er den grauen Rüden erst gesehen hatte, als er vor ihm stand und ihn ansprach. Akriyo hieß er, ein ruhiger Geselle schien er zu sein, soweit das Hiryoga mit dem ersten Blick beurteilen konnte. Erst jetzt merkte er, dass er völlig unhöflich da lag und hob den Kopf, spitzte die großen Ohren und schenkte ihm ein kurzes, entschuldigendes Lächeln. Als sich der Rüde vor ihn legte, war ihm der Braune sichtlich dankbar, er fühlte sich im Moment nicht dazu im Stande, sich zu erheben. Nachdem der Fremde gesprochen hatte, musterte er ihn ausgiebig, soweit er es zumindest konnte. Der Rüde hatte einen seltsamen Blick, etwas betrübt, obwohl seine Gesichtszüge dennoch freundlich wirkten. Erleichterung zu Reden? Hiryoga zweifelte daran, dass der Graue ihm diese Erleichterung schenken konnte, ob das überhaupt jemand konnte, selbst wenn Shani ihn wieder gespielt anlächeln würde, es würde ihm seine Zweifel nicht nehmen, aber eine Chance sollte er bekommen, vielleicht würde es tatsächlich helfen?

„Es freut mich Akriyo. Hiryoga ist mein Name, ihr seit erst vor einigen Tagen zu uns gestoßen, mit der Fähe, die sich mit Nyota unterhält, habe ich es richtig behalten?“

Er wusste nicht, wieso er ihn das nun fragte, er wollte sich nur davor drücken ihm die Wahrheit zu erzählen, aber nicht weil er Akriyo für nicht Vertrauenswürdig hielt, sondern weil er nicht wusste, was er ihm erzählen sollte, viel gab es doch nicht wirklich.

„Ich hoffe doch, es gefällt euch bei uns.“

Hiryoga drückte die Ohren an den Kopf und richtete den Blick zum Höhlenausgang. Irgendwo da draußen saß sie nun und dachte nach. Über ihn? Über sie beide? Über sich selbst, ihre Vergangenheit, über ihr Leben? Er wusste es nicht und es machte ihn verrückt, dass er es nicht wusste, er wollte doch nur wissen, was schief gelaufen war, hatte er nicht das Recht dazu, dies zu erfahren?

„Ich versteh es nicht…ich versteh sie nicht…“

Seine Stimme erklang nur ganz dünn, so leise und fast nur gehaucht, als würden seine Worte beim nächsten Windhauch zerbrechen, er hatte vor sich her gesprochen und merkte erst jetzt, dass der Rüde dies mitbekommen hatte. Er seufzte leise und betrachtete Akriyo und fuhr mit lauterer Stimme fort.

„Ich meine, meine Gefährtin. Sie wirkte plötzlich so…bedrückt…so traurig, ich kann’s mir nicht erklären. Sie wollte alleine sein, um nachzudenken, hat sie gesagt. Ich weiß nicht, was ich tun soll, ich meine…was, wenn ich daran Schuld bin? Aber ich wüsste nicht, was ich getan haben sollte…“

Und ohne es zu merken begann er zu erzählen, von Shani und sich und ihrer momentanen Situation, einem völlig Fremden und dennoch schien er ihm nicht so fremd.

„Danke…“

Obwohl er ihn nicht kannte, vertraute er ihm, obwohl Akriyo ihn nicht kannte, war er für ihn da und dafür wollte er sich bedanken, für diese kleine Geste, er hatte ihn aus seinen Gedanken errettet und sie nun jemanden preis zu geben, war doch gar nicht mal so schlecht. Aber wirklich besser fühlte er sich nicht, es befreite nur für den Augenblick, es erleichterte.


Nyota lächelte, als Akriyo sich ihr vorstellte, und sah ihm nach, als er Hiryoga folgte. Der Braune war ein Sohn ihrer Schwester, der mit seiner hübschen Gefährtin überraschend zurückgekommen war, völlig ausgemergelt und geschächt. Die zwei hatten sich eigentlich recht gut erholt hatte sie gedacht, aber der Blick und die Haltung des Rüden vermittelten eher den verlorenen Eindruck einer zerbrechenden Welt unter seinen Pfoten. Es war ihr irgendwo ganz recht dass der Graue sich nun um Hiryoga zu bemühen schien.

Ihr Blick fand zu Kische zurück.

"Oh, dann war ich ja dicht dran"

fügte sie lächelnd hinzu, legte den Kopf leicht schräg, und lauschte Kisches Worten.

"Ja, ich bin Banshees Schwester"

sprach sie strahlend, bevor ihre Miene sich ein wenig in Ernstheit verlor.

"Ich habe an diesem Tag nur Fremde verloren - aber nicht jeder hatte das Glück, den Schmerzen zu entgehen"

Ihr Blick strich kurz über die umliegenden Wölfe, fand zu Kische zurück und wurde wieder zu einem Lächeln. Nyota trug kein Bitterkeit in sich, und sie war nicht länger ernst als sie musste.

"Und ich tue es doch"

gab sie winkernd zurück, und musterte Kische. Die Wölfin war sicher bedeutend erfahrener als sie selbst, aber sie sprach mit überaus höflicher Zurückhaltung.

"Verrätst du mir was dich in diese Kälte getrieben hat?"

Ihr Blick verlor sich einen Moment an der Steinwand hinter Kische, doch sie glaubte Banshee anzusehen. Banshee war überall, Banshee war in allem. Leben.

~Und verrätst du mir wann wir sie wieder verlassen?~


Leicht blinzelten die blauen Augen der jungen Fähe, die sich irgendwo in der Höhle zusammen gerollte hatte. Ein wenig Bewegung kam in den Körper, als sie die Ohren aufmerksam nach vorne drehte und den Kopf langsam anhob. Leicht streckte sie die Glieder, wollte sich aber nicht zu viel bewegen, um ein graues Fellknäul an ihrer Seite nicht zu wecken. Ein warmer Gesichtsausdruck legte sich auf ihre Züge, als sie das schlafende Gesicht ihrer Schwester betrachtete. Vorsichtig senkte sie den Kopf, strich mit der Zunge über den grauen Kopf. In der Zeit, eben seit Daylight wieder zurück kam, war sie ihrer älteren Schwester kaum von der Seite gewichen und hatte sich all die Tage um sie gekümmert. Nacht für Nacht hatte sie über ihren Schlaf gewacht, bis sie schließlich selber vor Müdigkeit eingeschlafen war. Die regenblauen Augen betrachteten einen Augenblick die Höhlenwand vor ihr. Schon seltsam. Sie hatte plötzlich ein viel besseres Verhältnis zu ihrer Familie, auch wenn sie noch immer wohl die Schweigsamste aus ihrem Wurf war. Ein kleiner Sonderfall. Mit ihr umzugehen war gewiss nicht leicht, aber wer ein wenig Einfühlungsvermögen besaß, der konnte mit Sicherheit ein etwas umgänglicheres Wesen aus ihr machen. Leicht drehte sich das rechte Ohr zur Seite, während die Jungfähe sich umsichtig ein wenig anders legte, da ihre die momentane Haltung etwas zu unbequem war. Ein leichtes Gähnen verließ ihre Kehle. Sie war noch lange nicht ausgeschlafen, aber immerhin schon mal ausgeruhter, als sie es am Tag zuvor gewesen war. Ein wohliger Kehllaut, ein leises Brummen, erklang, als Amáya den Kopf zurück auf ihre Pfoten legte. Sie war so schläfrig und dösig. Kein Wunder. Das Rudel hatte Beute gemacht und in der Höhle war es angenehm warm. Und zum ersten Mal genoss sie das nahe Beisammensein mit ihrer Schwester. Was würde sich wohl noch alles verändern? Vielleicht, aber auch nur vielleicht würde sie doch eines Tages ihre Eltern stolz machen können und sich würdig genug fühlen ein Teil dieser Familie zu sein.

Immernoch blickte der Rüde in die weißen Berge und ließ die Sonne auf sein Gesicht scheinen. Er liebte es einfach nur so dazusitzen und das Leben zu genießen. Als sich Balthasar dann aber umdrehte, kam eine junge Fähe auf ihn zu und sah in an. Sie natte sich Nienna und fragte den Rüden nach seinen Namen. Balthasar zögerte ein wenig, setzte sich dann aber aufrecht hin und..

"Entschuldige, ich war nur etwas in meine Gedanken vertieft. Es freut mich dich kennenzulernen Nienna, wie dein Name doch war. Ich heiße Balthasar Balthasar Elzha NaneNda Yorgha, aber ich möchte dich nicht überrummpelt. Nenn mich einfach nur Baltha."

sprach er. Nun endlich hatte sich jemand getraut mit ihn zu reden. Der Graue dachte schon er müsse sein Leben allein überstehen, doch da hatte er sich wohl geirrt. Nun formte sich ein kleines Lächeln auf Balthasar`s Leftzen. Er war sehr glücklich darüber hier zu sein. Was nur hätte er gemacht wenn er dadraußen bleiben hätte müssen. Hier fühlte er sich willkommen, zwar gehörte er noch nicht zum Rudel, doch er hatte vor sich so bald wie möglich anzuschließen. Nun betrachtete der Rüde Nienna. Ihr Augen glänzten grün und tarrierten einfach perfekt mit ihren schwarzen Fell. Die Fähe schien sehr freundlich zu sein und machte bei Balthasar einen gut geplfekten Eindruck..

"Sag mir, wie lange wird es dauern bis der Winter vorbei ist. Dort wo ich herkam war bereits Frühling eingebrochen, doch hier scheint es nicht der Fall zu sein.."

Der Graue war sehr neugiereig, er liebte den Frühling und die herrlichen Gerüche die er mit sich brachte. Zwar war der Frühling bereits eigetroffen, doch dies hatte er noch nicht wahrgenommen. Zu sehr war er mit seinen Gedanken beschäftigt und hatte die Zivilisation hinter sich gelassen..

Atalya
26.12.2009, 02:10

Ewiger Winter. Tag für Tag. Man mochte es so oder so auffassen. Ob in einem selbst, ob draußen, vielleicht auch überall. Die dichte, undurchdringbare und weiße Schneedecke umgab sie jederzeit, wie das Nichts. Obgleich war es auch das nichts, denn man brauchte sich nur umsehen, man würde überall das Selbe entdecken. Kälte. Aber selbst dieses Nichts war nicht ohne Gefahren, wie er grade erst spüren musste. Die Lawine lag zwar nun schon Wochen zurück, doch ebenso hatte sie etwas in Face Taihéiyo zurück geworfen. Die Flucht im Chaos, nicht wissend wer bei einem war, wer es schaffte. Im Großen und Ganzen war es dem Tiefschwarzen egal, doch inzwischen waren ein paar seiner Prinzipien eingebrochen, ohne das er etwas dagegen hätte tun können. Das Prinzip alles ab zu stoßen, das Prinzip nichts mehr nach innen zu lassen. Das Prinzip sich nicht mehr verletzen zu lassen. Wie oft hatte er sich nach ihnen umgesehen? Nach Tyraleen vielleicht Tausend mal, ebenso hatte er sich immer wieder vergewissern müssen, dass Ninniach nicht unter den Schneemassen begraben wurde. Selbst nach jener weißen Fähe Leyla hatte er sich umgesehen, nach Banshee. Leyla hatte er allerdings nicht mehr gesehen, so wusste er nicht, was mit ihr war. Face kannte sie zu wenige Sekunden um Bedauern zu empfinden, falls ihr etwas geschehen war, aber doch stellte sich ihm eine Frage. Welchen Weg hatte sie vor der Lawine gewählt? Hatte sie gefressen und damit das Leben gewählt, oder hatte sie es liegen gelassen um den Tod Willkommen zu heißen? Wenn sie sich für das Leben entschieden hatte, war diese Entscheidung von der Lawine zunichte gemacht worden? Er wusste es nicht. Ein anderes, ungutes Gefühl hatte nach dem Schneesturz die Oberhand ergriffen. Denn Tyraleen war nicht unter denen, die es zur Höhle geschafft hatten. Es war ein zerrendes Gefühl gewesen, als ob man keinen festen Boden mehr unter den Pfoten hätte. Vielleicht stand man auf einem Drahtseil, vielleicht auf dünnem Eis. War es Angst? Immerhin war sie sein Patenkind, auch wenn sie inzwischen so groß geworden war, nicht mehr die kleine, zurückhaltende Tyraleen ... Und doch. Hatte er nicht damals versprochen, sie nicht sterben zu lassen, sondern sie zu beschützen? Hatte er versagt? Dieses Erlebnis hatte ihn einmal mehr zurück geschleudert und wieder etwas abgestumpft. Sie hatte zwar überlebt und zurück gefunden, so gut wie unversehrt, doch diese Angst war da gewesen und hatte sich festgefressen. Kein schönes Gefühl. So war es vielleicht besser, die Barriere wieder auf zu frischen, damit er so etwas nie wieder fühlen musste. Aber gleichzeitig wusste er doch, wie unsinnig das war, dass es ihn hier nicht weit brachte. Und es klappte ja doch nicht mehr. Es hatte sich halt alles verändert, seit er hier war, seit er ... lebte. Aber lebte er wirklich? Physisch, klar, wieder ... aber, psychisch? Vielleicht ... zumindest fühlte er. Und das war der beste Beweis, den man für das Leben brauchte.
Ninniach war bei der Lawine nichts passiert und hielt sich inzwischen recht oft in seiner Nähe auf. Und damit sogar in direkter Nähe. Bei den Meisten hätte Face Taihéiyo dies als äußerst unangenehm empfunden, doch die Schwarze duldete er einfach so bei sich. So wie er es dulden würde, wäre seine nicht mehr so kleine Patenwelpin immer bei ihm. Aber wie erwähnt, sie war nicht mehr klein.
Jetzt lag sie bei ihm, Ninniach Favéll. Nicht aufdringlich dicht, aber es war anders als sonst. Lag es an der Ranz? Face wusste es nicht, er hatte von solchen Dingen noch nie eine Ahnung gehabt, die Verliebtheit der Pärchen war ihm ebenso fremd. Aber in ihm steckte ein seltsames Gefühl, dass verursachte, dass er Ninniach einfach nicht direkt ansehen konnte. Als sie schließlich das Wort erhob, zuckten seine Ohren kurz, er richtete den saphirblauen Blick etwas zur Seite, aber sah sie doch nicht richtig an.

Nein ...“,

antwortete er recht schnell. Wieder drehten sich seine Ohren kurz hin und her, fast etwas nervös. Aber nein, er konnte es nicht recht beschreiben. Schließlich drehte er den Kopf ein wenig weiter herum und sah sie an, mied aber den Blick in die Augen.

Du störst nicht, wobei auch?“,

ergänzte er mit ruhiger, wie immer recht ausdrucksloser Stimme. Leise und dunkel, aber dennoch klar.


Ruhig vor sich hin dösend lehnte die Fähe an der Höhlenwand, den Kopf leicht zur Seite geneigt und auf den Pfoten gebettet. Die aufgestellten Ohren machten den Anschein, als würde Kisha auf jedes Geräusch reagieren wollen, jedoch schlief sie tief und fest. Gelgentlich schniptten die schwarzen Ohren nach hinten, stellten sich jedoch sofort wieder auf. Eine ganze Weile spielte dies sich so ab, bis sie schließlich doch aus ihrem Dämmer Zustand erwachte. Müde schlug die Schwarze die braunen Augen auf, ließ den Kopf jedoch in seiner jetzigen Position liegen. Ruhig beobachtete Kisha den Schnee vor sich, sie wartete förmlich darauf, das er sich bewegte oder sonst etwas tolles anstellte. Vergebens. Das war doch langweilig. Die anderen schliefen noch, wahrscheinlich war sie die einzige, die wach war. Mit einem Ruck duckte sie sich vor, patschte mit der Pfote nach dem weißen Zeug. Es musste sich doch irgendwie in Bewegung setzen lassen. Während die Rute der Schwarzen hin und her pendelte schlug Kisha immer wieder nach dem Schnee, der unmittelbar in ihrer Nähe lag. Schließlich gab sie es auf, ließsich auf die Hinterläufe sinken und starrte den Schnee an.

"Na komm schon!"

Erwartungsvoll wartete sie auf eine Reaktion, die jedoch ausblieb. Eine ganze Weile saß sie da, den Kopf zur Seite geneigt und mit funkelnden Augen das langweilige Zeug beobachtend. Letz endlich verließ sie die Lust an diesem dummen Spiel und mit einigen ruhigen Bewegungen wandte sie sich wieder dem Höhleninneren zu. Irgendjemand musste doch wach sein. Egal wer. Eine kleine Bewegung ließ sie die Ohren aufstellen. Ha! Ohne zu zögern setzte die Schwarze auf ihre zwei Geschwister zu, noch immer freudig mit der Rute wedelnd. Fast schon hämmisch grinsend nahm sie das letzte kleine Stück mit einem kräftigen Satz, so das sie auf den Beiden landete. Zufrieden grinsend schaute sie abwechselnd die Beiden an.

"Aufstehen!"


Ninniach blinzelte kurz zu Face herüber, sah dann aber in eine andere Richtung. Ihre Neugier war ein breitgefächerter Raum, der sich hier in der Höhle auszudehnen schien - alles und jeder interessierte sie. Ein herzhaftes Gähnen und die Müdigkeit war vollends von ihr gewichen. Die kleine Fähe lief ihren Gedanken hinterher und ließ das Schweigen zwischen den beiden Schwarzen neuentstehen. Frühling... hier konnte man zwar nicht davon sprechen - aber sie erinnerte sich noch lebhaft an den Frühling. Es war ihre liebste Jahreszeit; sie stand für neues Leben. Auch sie hoffte auf ein Wiedererblühen... Jahr für Jahr - aber es hatte sich nichts geändert, würde sich nichts ändern. Von ihrer kindlichen Hoffnung erzählte sie nicht, es würde niemand verstehen - für die meisten wäre es eine eher lächerliche Vorstellung.
Die schlug eine Pfote über die andere und bette den Kopf auf ihren Vorderläufen, sich ihren kindlichen Träumereien hingebend. Kurz sah sie zu Face hoch, der versuchte zu vermeiden, ihr in die Augen zusehen. Sie wusste nicht, ob es etwas Schlimmes war, jemandem direkt in die Augen zusehen, hatte sich damit bisher nie befasst... jetzt beschäftigte es sie - wobei sie ihm trotzdem in die Augen sah und versuchte seinen Blick zu erhaschen - er blieb eisern. Sie sah von ihrem niedriggelegenen Standpunkt zu ihm hoch. Unbeeindruckt davon, dass es draußen nichts schönes gab, was an den Frühling erinnerte, vwersuchte sie genau über diesen ein Gespräch zu beginnen.

"Magst du den Frühling?"

Sie lächelte matt. Alles was sie am Frühling so sehr liebte und schätzte... war hier oben weit und breit nicht mal annähernd zu erahnen...


Die kleinen Ohren waren gespitzt, die bernsteinfarbenen Augen lagen auf der Schwarzen, aufmerksam lauschte sie den Worten der Fähe, belächelte sie sachte und nickte nur kurz, also war sie wohl eine eng Verwandte der Alpha, sie war sogar ihre Schwester. Vom Aussehen her schienen sie sich jedoch nicht sehr zu ähneln und in erster Linie hätte sie auch nicht gedacht, dass sie sich vom Charakter ähneln würden, so weit sie es hatte beurteilen können, aber nun war sie völlig offen um sich ein neues Bild von diesen Schwestern zu schaffen. Mit einem ruhigen, zuversichtlichen Lächeln betrachtete sie die Fähe, reagierte auf ihre Worte hin und wieder nur mit einem Schnippen der Ohren, einem kurzen Lächeln, oder etwas Betrübtheit, sie hielt es nicht für so wichtig, diese Worte nun zu beachten. Aber ihre Frage fand sie umso interessanter.
Was sollte sie nun antworten? Die Wahrheit? Würde man sie dann nicht als verrückt abstempeln, gar sie vertreiben? Nein, das waren falsche Gedanken, die sie gegen dieses Rudel hegte, sie waren freundlich und aufgeschlossen, sie hatten ihnen Zuflucht gewährt, obwohl sie selbst so viele Probleme hatten, sie würden sie nicht wegschicken, sodass sie es mit der Wahrheit versuchen würde.

"Es mag nun vielleicht komisch klingen, was ich dir erzählen werde, aber einen Versuch ist es wert. Ich stamme aus dem Land Anda, ich weiß nicht, wie viel dir dieser Name sagt, aber es heißt, dort ist das Glück Zuhause, darüber mag ich jedoch nicht entscheiden, die einen finden ihr Glück und andere wie ich, ziehen hinaus um es zu finden. Aber um nicht zu sehr von der eigentlichen Antwort zu weichen, ich zog eines Tages hinaus und seitdem leitet mich eine Art innere Stimme, meine Intuition, sie schickt mich zu den verschiedensten Rudeln, meist gerade dorthin, wo man Unterstützung am meisten gebrauchen kann. Es soll nicht überheblich oder lächerlich klingen, aber meist leiten mich diese Gefühle richtig."

Sie schwieg und ließ der Fähe einen Augenblick Zeit ihre Worte richtig zu verstehen, Kische wollte sich selbst nicht schön reden, aber dennoch war sie eine Art Unterstützung, brachte mit sich nie Probleme, sondern eine helfende Pfote. Nyota würde sie schon nicht missverstehen, da war sie sich sicher, die Fähe war nicht mehr so jung, sie würde ihre Worte richtig interpretieren. Nach einem Moment des Schweigens erhob sie wieder die Stimme, ein sanftes Lächeln zog sich um ihre Lippen.

"Und du siehst, hier bin ich. Ich weiß nicht, ob ich euch groß helfen kann und ob ihr überhaupt Hilfe benötigt, aber ich hoffe doch, ich kann eine kleine Unterstützung sein."

Es war, als loderte ihr Lebensfeuer in den Seelenspiegeln der Weißen auf, nur für einen kurzen Moment, ehe es erlosch und sie die Schwarze mit ihrem üblichen liebevoll-freundlichen Blick anstrahlte. Aber nun wollte sie einige Fragen beantwortet wissen.

"Wie lange seit ihr schon hier oben? Junge Welpen scheint es nicht mehr zu geben, sondern nur noch Jungwölfe, dann wird es doch wohl bald den Versuch geben, in das Tal zurück zu kehren? Zumindest kenne ich es so, ich habe es selbst schon zweimal miterlebt, wir werden sicherlich schneller als gedacht in das Revier zurückkehren, ich stelle es mir zumindest so vor, ob es wirklich so sein wird, darüber können nur die Alphawölfe entscheiden."


Auf leisen Pfoten kam Aradis auf das Rudel zu.

"Was war das für ein Rudel?"

fragte sich Aradis. Sie schlich nun nicht mehr, denn sie wollte nicht den Eindruck vermitteln, als ob sie angreifen oder stehlen wollte. Als Aradis sich den Bergen genähert hatte, in denen sich dieses Rudel befand, war ihr aufgefallen, wie bitter kalt es war. Es war eine andere Kälte als bei ihrem Rudel, in ihrer früheren Heimat gewesen. Erbamungsloser. Aradis hatte zum Glück ein dickes Fell, doch trotzdem fing sie an, ein wenig zu zittern. Sie legte sich in einem respektvollen Abstand zu dem Rudel in den frisch gefallenen Pulverschnee. Wie gerne würde sie sich jetzt in dre Mitte des Rudels sein, gewärmt von den anderen. Es war genau wie früher, als sie mit ihrer halben Familie auf der Jagd gewesen war. Ungeduldig wie sie war, hatte sie oft das Wild verjagt. Doch ihr Vater hatte ihr beigebracht, dass man nicht drängn durfte. Und so wartete Aradis. Sie legte ihren Kopf auf die Vorderpfoten und betrachtete das Rudel. Ihr fiel eine etwa gleichaltrige Fähe auf. Sie war jedoch sehr zierlich und mager. Ihr Fell hatte eine weiß- beige Farbe und ihre Augen waren von einem dunklen Grün. sie lag am Rand des Höhleneingangs. Wer wohl in der Höhle war? Sicher der Rudelwolf. Oder war es eine Rudelwölfin? Aradis übte sich in Geduld, denn noch hatte sie scheinbar niemand bemerkt. Sie war natürlich auch sehr gut versteckt, sie, mit ihrem dichten, schneeweißen Fell. Ihre Ohren waren ständig in Bewegung, sie versuchte, zu hören, über was die anderen sprachen. Doch sie war zu weit weg, um richtig zu verstehen, was die anderen Wölfe sich zu sagen hatten. Enttäuscht drückte sie ihre Nase wieder in den Schnee. Es war so kalt... Noch einmal hob sie ihren Kopf. Doch sie hörte nichts. Da half auch ihr gutes Gehör nicht weiter. Ob die Wölfe sie überhaupt jemals bemerken würden? Aradis jaulte kurz auf.

Aradis duckte sich. Sie, die sonst nie ängstlich war! Aber das war eine andere Lage. Sie war nicht mehr so stark, wie vor ihrem Aufbruch von ihrem Geburtsrudel. Die lange Reise hatte sie geschwächt. Ihr Überleben hing nun von der Entscheidung der Leitwölfe ab... Schließlich erhob sie Aradis. Sie schritt ein wenig weiter weg vom Rudel. Sie hatte Hunger. Seit sie ihren Gefährten verloren hatte, war es viel schwieriger geworden, sich Fressen zu beschaffen. Ein einziger Wolf konnte leichter überwältigt werden. Ein einziger Wolf hatte geringere Überlebenschancen. Ein einziger Wolf ohne Rudel... war nichts. Aradis musste sich eingestehen, dass sie nicht viel länger überleben würde, wenn sie jetzt nicht aufgenommen werden würde. Langsam überkam Aradis Panik. Sie begann haltlos zu zittern. Ihr war so kalt. Ihr war noch nie in ihrem ganzen Leben so kalt gewesen. Es war, als ob tausende von kleinen Eiskristallen sich durch ihr Fell in die Haut picksten und sie pisacken würden. Es war nicht schlimm. Es war schrecklich. Aradis wandte ihren Kopf noch einmal dem Rudel zu. Eine Pfote vor die andere setzte sie in den Schnee und kam dem Rudel immer näher. Sie jaulte nocheinmal auf. Jetzt musste sie einfach jemand bemerkt haben! Als sie näher kam, roch sie etwas. Aradis erinnerte sich: Es war zwra unbeschreiblich kalt, doch es näherte sich der Frühling, und die Fähen verstreuten ihren süßlichen Duft. Es war die Zeit der Ranz! Und doch... Ihre Zukunft lag in den Entscheidungen der Rudelführer...


Die Schwarze hatte in einer spielerischen Geste den Kopf schiefgelgt und den Worten des Schneefells gelauscht, bis sie endete. Nun rückte sie ihren Kopf wieder gerade und musterte Kische nocheinmal. Zwar konnte sie mit dem Ort ihrer Herkunft wenig anfangen, aber sie glaubte doch nur zu gut zu verstehen was die Weiße meinte.

Tatsächlich habe ich keine Ahnung wo das Land Anda liegt, aber ich glaube doch zumindest das Gefühl zu kennen, von dem du sprichst...vielleicht ist es Engaya die dich führt, und durch dich den Wölfen zu helfen sucht.

Sie sprach ohne jeden Spott, es war nichts übermäßig vergnügtes in ihrer Stimme, jedes Wort war ernst gemeint, und das Lächeln auf ihren Leftzen entsprang bloß ihrer Fröhlichkeit. Sie überlegte einen Moment lang.

"Nunja, je größer ein Rudel ist, desdo mehr Aufwand ist es, dafür zu sorgen dass niemandem etwas geschieht. Hier oben ist jede helfende Pfote gebraucht und überaus willkommen."

Zurück...ja, da sagte sie was. Nyotas Augen begannen aufzuflammen als Kische das Tal erwähnte, und in einer unwillkürlichen Geste leckte sie sich über die Leftzen. Aber es war kein Beschwichtigungssignal, nein, die Schwarze dachte bloß daran sich Blut vom Maul zu lecken.

"Ich kenne Banshees genaue Pläne nicht, aber ich bin der Meinung das jede Minute hier oben eine zuviel ist...als ich ankam habe ich das Rudel getroffen dass uns hier hoch getrieben hat."

Sie zwang sich zum Schweigen, sie wollte Kische nicht verschrecken, denn die Worte die folgen würden, hätte von Kampfselust erzählt, von Rachsucht und von der Liebe einer Schwester, die Blut mit Blut zu sühnen gedachte. Darum brachte sie sich besser auf andere Gedanken, bis es soweit war.

"Ich weß nicht wie lange die anderen schon hier sind, und bei mir selbst habe ich die Tage nicht gezählt...aber es war lang genug, um mir ganz gründlich den Hintern abzufrieren..."

Das Grinsen war auf ihre Leftzen zurückgekehrt, als sei es nie fortgewesen.


Nienna schaute zu dem Rüden mit dem langem Namen, welcher für sie ziemlich kompliziert klang. Die Fähe saß auf ihren Hinterläufen und hörte seiner wohl klingenden Stimme zu. Wie Niennas Blick war konnte man in diesem Moment gar nicht sagen. Denn es war eine Mischung aus Neugier, Angst und Freude irgendwem zu begegnen. Im Moment kam die Angst zwar mehr zum vorschein, da sie etwas zitterte, aber sie lies sich nicht unter kriegen. Ihre tief grünen Augen lagen auf den Lefzen Balthas. Wieso? Nienna fand, dass seine Bewegungen, sein Gesicht schön umspielen und auf irgendeine Art und Weise auch eine Zufriedenheit aussrahlten. Nienna schüttelte kurz den Kopf da sie schon wieder zu viel nachdachte, ob Baltha ein freundlicher Rüde sei oder nicht. Eine Naivität machte sich in der Schwarzen breit. Und dennoch wusste sie nicht welches Gefühl jetzt richtig sei. Nienna Singollo schaute erneut zu dem Rüden rüber. Nun wollte sie sich mit dem beschäftigen was er sagte.

"...Dein Name klingt ziemlich schön..aber zu kompliziert für mich, sodas ich ihn mir merken könnte... Mh..Wie lange hier schon Winter ist? Ich weis nicht genau. Die Tage zu zählen ist nicht so mein Ding...

Sagte sie etwas schüchtern zu dem Grauen mit einem leichtem, aber dennoch klarem Lächeln auf den Lefzen. Die Fähe hob kurz die Nase in die Luft, roch Balthas Fährte und senkte den Kopf tief nach unten. Ihre Vorderpfoten waren nun unter ihrem Kopf vergraben, so wie sie es eigentlich fast immer machte wenn sie wen traf. Ihre Rute war dicht an den Körper gepresst und ihre Ohren schienen mit dem Wind zu spielen. Nienna drehte ihre Ohren etwas im Wind aus purer Verspieltheit und Neugier auf eine Antwort von Balthasar Elzha NaneNda Yorgha.

o.(Balthasar Elzha NaneNda Yorgha...).o

Ging es ihr öfter durch den Kopf und sie musste ein wenig grübeln woher dieser lange Name stammt.


Der Rüde sefutzte erneut leise und versank in Gedanken. Er spürte, wie es gewesen war, als sie beide noch Welpen gewesen waren. Wie unbeschwert und leicht sie sich doch gefühlt hatten, er und seine Schwester, in der kurzen Zeit, die sie hatten zusammen verbringen dürfen. Der Frühling hatte sie gerufen, der Duft der Bklumen sie betört und die Sonne sie in den Nasen gekitzelt. Das Fell hatte im Schein der Frühlingssonne geglänzt und es hatte sich warm, so warm angefühlt. Die Röte, die auch durch die geschlossenen Lider gedrungen war, hatte sie in eine ferne Welt voller Freude und Wohlbefinden entrückt.
Dann waren sie getrennt worden, die Sternengeschwister waren in verschiedenen Richtungen gestoßen worden. Doch das Schicksal hatte es gut gemeint, Rasmús hatte nicht aufgegeben und nun waren sie wieder eins. Dem Rüden fehlte nicht mnehr viel zu seinem perfekten Glück, und er wusste, selbst wenn er alles hatte was er wolle, würde er nicht ganz glücklich sein. denn das Leben brauchte seine Höhen und Tiefen, und ohne Zwischenfälle, Angst und Trauer konte er auch keine Freude und kein Glück empfinden. Deswegen liebte er den Fall. Denn die sanfte Landung folgte immer, irgendwann, und mochte es auch noch so lange dauern. Er glaubte fest daran, dass auch er irgendwann finden würde, was sein Herz noch nie gefunden hatte.

Der Graue blickte auf, seine honigfarbenen Augen waren noch ein wenig galsig von den Träumereien, die in seinem Kopf umherschwirrten, sobald er sich entspannte. Hatte er nicht gerade etwas gehört? Ein Jaulen, irgendwie schüchtern und zurückhaltend, so als ob es gehört werden wollte, und doch irgendwie auch nicht. Rasmús erhob sich, und schüttelte sich sanft. Leichte Staubpartikel stoben umher, die Höhle war warm und gemütlich. Der Fels war von den vielen Leibern, die hier zusammengefunden hatten, erwärmt und in einigen Ecken lag sogar ein wenig Stroh. Er würde den Neuankömmling, der sich so zurückhaltend ankündigte, erst einmal hereinholen. dann zu Banshee bringen, je nach Verfassung des Fremden. Als der Grau nach draußen in die Helligkeit der schneeweißen Ebene trat, da hielt er kurz inne. Es handelte sich um eine Fähe, die gute fünfzig Schritt von der Höhle entfernt im Schnee kauerte und ziemlich verängsigt wirkte. Sofort schlich sich ein wohlwollendes Lächeln auf die Lefzen des Rüden. Er verspürte ein merkwürdiges Gefühl des Beschützerinstinkts, das in ihm auf stieg. Mit Mühe unterdrückte er es und ging langsam auf die Fähe zu, um sie nicht zu erschrecken. Bei näherem Hinsehen stellte er fest, dass sie jung war, aber nicht viel jünger als er selbst. Er Lächelte ihr zu, blieb etwa fünf Schritt von ihr entfernt stehen.

"Willkommen im Revier des Rudels aus dem Tal der Sternenwinde. Mein Name ist Rasmús Tinuviel, und beruhige dich, ich bin nicht der Alpha. Wie ist dein Name, hübsche Fähe?"

Das Adjektiv 'hübsch' hatte er eigentlich weglassen wollen, aber irgendwie war es ihm beim Anblick er Fähe mit den hypnotisch grünen Augen nicht gelungen. Sie war weiß, so weiß wie der reine Schnee um sie herum. Ihr Fell hob sich kaum davon ab, ließ den Schnee sogar ein wenig grauer erscheinen als sonst. Die Wölfin zitterte, nein, sie bebte förmlich, und stoßweise kamen weiße Atemwolken aus ihrem Fang hervor. Sie wirkte nicht nur verängstigt, sondern sie schien auch noch halb erfroren und äußerst hungrig zu sein, denn ihre Statur ließ auf Unternährung in der letzten Zeit schließen. Der Rüde trat das letzte Stück vor und stupste die Fähe unters Kinn, damit sie sich erhob.

"Ich will nicht zu nahe treten, aber vielleicht ist es besser, du kommst erst einmal mit in die Höhle. Banshee, unsere Alphafähe, wir mit Sicherheit nichts dagegen haben, und wenn doch, so tue ich es auf meine Verantwortung. Du solltest dich erst einmal aufwärmen und beruhigen. Du scheinst mir sehr ängstlich zu sein. Hier wird dir keiner etwas tun, das Rudel ist friedlich. Nur ein wenig durcheinander, doch dies ist durch die Ranz begründet, die die Fähen des Rudels im Moment ein wenig drunter und drüber bringt."

Er versuchte, der Wölfin Freundlichkeit zu vermitteln, denn sie sollte sich nicht vor ihm fürchten. Er wollte ihr helfen. Mit einem kurzen Kopfnicken wies er zur Höhle hin, und lächelte ihr erneut zu. Dann wandte er sich halb um, wartete jedoch auf die Fähe. Es war eine frei wählbare Entscheidung für sie, sie konnte hier auf Banshee warten oder aber Rasmús führte sie hinein und ließ ihr erst einmal ein wenig Zeit, ehe er sie zu banshee brachte, damit sie sich vorstellen konnte. Er würde das auf seine Verantwortung tun, Aradis würde nichts zu befürchten haben. Das versicherte er ihr noch einmal, ehe er sie erneut auffordernd anstupste. Er war sich nicht sicher, ob sie Körperkontakt scheute, er würde es jedoch merken, wenn dem so war, und es dann unterlassen, damit die Fähe sich möglichst wohl fühlte. Sein Blick wanderte kurz an ihr auf und ab - sie war wirklich wunderschön, und hilflos wie sie wirkte, schlich sie sich bereits in das Herz des Rüden.


Aradis war eingeschlafen, vor Müdigkeit, und so bemerkte sie das sanfte Stupsen an ihrer Nase erst gar nicht. Sie schlug ihre grünen Augen auf und blickte in zwei honigfarbene Augen eines Rüden. Er hatte ein gemischtes Fell und es war ein wenig weiß meliert. Keine Frage, er war ahnsehnlich. Doch Adaris war ein wenig misstrauisch. Der Rüde war sicher 20 Centimeter größer als sie selbst. Doch dann hatte er sie gefragt, ob sie in die Höhle kommen wollte. Er hatte sie hübsch genannt. Adaris fand das ein wenig unverschämt, wollte jedoch nicht gleich am Anfang schon arrogant wirken, und so versuchte sie dem großen Rüden in die Höhle zu folgen. Doch sie war halb erfroren, und es war schwer, aufzustehen. Sie schüttelte sich, um ein wenig Gefühl in ihre Glieder zu bekommen. Unterwegs fiel ihr eine lange, helle Narbe an der Flanke des männlichen Wolfes. Eine Kampfesnarbe? Der Rüde war sehr verständnisvoll zu ihr gewesen. Er wollte sie zur Alphafähe bringen. 'Banshee'. Ein seltsamer Name. Adaris hatte noch nie zuvor von so einem Namen gehört. Der große Rüde drehte nocheinmal seinen Kopf zu Adaris. Und als er sie so anblickte, hatte Adaris das Gefühl, als ob sie sich blind verstehen würden. Der Rüde mit dem ebenfalls seltsamen Namen Rasmús Tinuviel ließ sie entscheiden. Er drängte sie nicht, mitzuommen. Adaris mochte den Rüden. Seine Aura verwunderte sie sehr. Er hatte sie mit seinen funkelnden Augen in den Bann gezogen, doch Adaris wollte nicht unhöflich wirken und schaute auf den Boden vor ihr. Wie wohl Banshee auf sie reagieren würde?

"Rasmús, in welchem Monat sind wir?"

fragte Adaris zaghaft. Ihre leise Stimme würde Rasmús Tinuviel vielleicht gar nicht erreichen, es musste gewartet werden. Ob sie den Rüden überhaupt nur Rasmús nennen durfte? Erschrocken duckte Adaris sich ein wenig, aus Angst, sie hätte es sich schon mit ihrer ersten neuen Bekanntschaft verdorben. Hoffentlich nahm er es ihr nicht zu übel, das blieb jedoch abzuwarten...


Rasmús wartete geduldig darauf, dass die Wölfin sich erhob. Sie zitterte ob der bitteren Kälte und schien noch immer von einer Unsicherheit erfasst zu sein, die dem Rüden fast einen mitleidvollen Blick entlockt hätte. Doch er unterdrückte das aufkommende Gefühl und lächelte einfach aufmunternd. Er wollte, dass sie wusste, dass ihr nichts passieren konnte, und das sie ihr Unwohlsein so bald wie möglich überwinden konnte. Es dauerte einige Momente, ehe die Wölfin aich aufgerappelt hatte. Die Schwäche und die Müdigkeit hatten sie in die Knie gezwungen.

.oO( Kein Wunder bei diesen Temperaturen...),

dachte der Rüde und schüttelte kaum merklich den Kopf. Dann lief er ein Stück vor und registrierte mit Freude, das Aradis ihm folgte. Also hatte er nicht zu aufdringlich gewirkt. Er freute sich darüber, wenn er helfen konnte, und diese Fähe hatte seine Hilfe nötig. Er verlangte keine Gegenleistung, für ihn war es Gegenleistung genug, wenn seine Hilfe Erfolg hatte. Wenn es den Wölfen danach gut ging, zumindest besser ging, und sie ihn vielleicht sogar anlächelten. Das reichte ihm vollkommen. Er hörte die Worte der Wölfin nur zaghaft, und so dauerte es einen kurzen Moment, bis er sich aus dem, was er verstanden hatte, eine zusammenhängende Frage gebastelt hatte. Dann hob er kurz nachdenklich dn Kopf gen Himmel, ehe er Aradis erneut anblickte.

"Die Ranz der Wölfinnen fällt in den Frühling, also schätze ich, dass wir entweder ziemlich am Ende des Februars sind, oder ziemlich am Anfäng des März'... was einem bei dem Anblick hier nicht gerade glaubhaft vorkommt, nicht wahr? Die Winter sind hier oben ewig, so scheint es. Ich bin selbst noch nicht allzu lange hier, zwei, drei Monate vielleicht. Wisse jedoch, dass dieses Rudel hier keine überstrengen Regeln hat. Du hast Freigang, sozusagen, lediglich Verhalten, das sich negativ auf das Rudelleben auswirkt, ist unerwünscht, aber ich denke, das kannst du dir auch selbst zusammenreimen, nicht wahr? Was ich damit sagen will... du brauchst nicht den Respekt zu haben, den man den Göttern zollt. Wir alle sind genau wie du, Wölfe, die auf ihren langen, meist ziellosen Wanderungen hierher gekommen sind, zufällig oder absichtlich... vom Schicksal geschlagen, oder auch vom Schicksal belohnt... Es ist interessant, mit so vielen Wölfen, die so viele Geschichten zu erzählen haben, zusammenzuleben. Nach zwei Jahre langer Suche habe ich hier meine Schwester Tyel wiedergefunden. Du siehst also, dass sich hier viele Wege treffen, und leider auch wieder trennen. Du brauchst vor niemandem hier Angst zu haben."

Dann verfiel Rasmús für eine Weile in Schweigen. Er bestand nicht darauf, zusätzlich mit seinem Nachnamen angesprochen zu werden. Er verband ihn lediglich familiär mit seiner Schwester, und er bedeutete ihm nichts, denn es war nur ein Wort, im Gegensatz zu seinen Gefühlen, die ihn viel stärker mit seiner Schwester verbanden, als es etwas anderes je vermochte.
Langsam schritt Rasmús auf Banshee zu, die sich am Höhleneingang aufhielt. Er hatte sie gar nicht bemerkt, als er hinausgelaufen war. Nun jedoch sah er sie, wie sie dort stand, bei Acollon. Er nickte ihr kurz zu und achtete darauf, dass Aradis ihm auch folgte.

"Hallo Banshee. Ich bringe dir einen Neuankömmling. Ich brauche nur dein Einverständnis, dass sie sich vorerst bei uns aufhält, wieder ein wenig zu Kräften kommt, denn die Kälte und die lange Wanderung haben ihr zugesetzt. Ich passe auf sie auf und übernehme die Verantwortung, falls etwas passieren sollte. Komm doch hervor, ... die, die du mir noch nicht deinen Namen verraten hast."

Er lächelte der Fähe zu und stupste sie leicht aufmunternd an die Wange. Sie sollte sich nicht scheuen, das Wort an die Alpha zu richten. Er wollte Banshee nicht lange belästigen, da sie immerzu etwas zutun hatte. Außerdem wusste er um den Zustand der Fähe, die er mit sich brachte, und wollte sie nicht noch länger ohne Futter und Wärme hier draußen verweilen lassen. Es ging ihr nicht erheblich schlecht, dennoch war sie geschwächt und vermutlich sehr müde und hungrig. Rasmús würde sie versorgen, so gut es ging, und sie dann mit sich in eine ruhige Ecke nehmen, wo sie erst einmal ein wenig abseits der Anderen schlafen konnte.


Der Rüde hob den Kopf in die kalte Luft und sog sie tief ein, füllte seine Lungen mit der reinen, klaren Luft des Berges, den er soeben erklommen hatte. Der Blick des Rüden wanderte über die weite Fläche aus Schnee und Eis. Vereinzelte Spuren von Himmels- und Baumbewohnern zogen sich in schmalen, geschwungenen Pfaden durch das flockige Weiß. Die Atemluft des Weißen zog sich über seinem Kopf zu dichten Nebelschwaden zusammen, ihm war, als könne er fast die kleinen Eispartikel darin spüren, wie sie in der Luft erstarrten und auf ihn herabregneten. Kurz schloss der Rüde die Augen, und dann ließ er aus dem 'kurz' eine längere Weile werden, in der er der absoluten Stille lauschte, die hier oben über Allem lag. Nichts regte sich, kein eisiger Windstoß, keine fallende Schneeflocke wühlte die Welt auf, in der er sich nun befand. Seine hellen Augen öffneten sich langsam wieder, und das Grün, mit dem Leben der ganzen Welt darin, mit den Geschichten aller Wesen in ihnen, suchten nach der Richtung, in der er die Wölfe finden würde, die hier lebten. Es war unerklärlich, wie die Wölfe, die zuvor im Tal Zuhause gewesen waren, hier oben überleben konnten. Sie hatten nicht sein Fell, und die Winter waren hier oben unerbittlich und erbarmungslos kalt. Sie zogen vorbei und hinterließen schleichend den Tod und den Hunger. Und doch hatte es das Rudel der Sternenwnde, die der Rüde aufzusuchen beabsichtigte, hierher getrieben. Und er fand auch Gründe dafür, denn die Spuren des Kampfes und der Verfolgung am Berghang und unten im Tal waren unübersehbar gewesen. Er konnte sich denken, dass niemand sonst sich hierher wagen würde, und so wären sie vorerst sicher vor Feinden. Einsame Wanderer, wie er einer war, konnten dem Rudel nichts anhaben, und für ein fremdes, weit von hier entfernt lebendes Rudel wäre die Wanderung zu anstrengend. Hier oben gab es nichts, womit sich viele Wölfe auf einmal versorgen konnten, jeder musste auf sich selbst aufpassen, und diese Gegebenheiten konnte nur ein Rudel bewältigen, das sich entschieden hatte, mit den Bedingungen zu leben und sie zu ihrem Vorteil zu nutzen, so unwahrscheinlich und unmöglich dies auch klingen mochte.

Lumen, so war der Name des Wanderers, und er war im Herzen ein Poet und der Träger von Frieden und Hoffnung. Seine Geburt hatte ein Zeichen gesetzt, so wundervoll und lichtrein, dass es bereits sein ganzes Leben lang über den Wölfen stand wie ein heller Stern, der sie daran erinnerte, was sie einst aufgegeben hatten für den Frieden, und wie sehr es sich doch für sie gelohnt hatte. Die Kanadischen und die Arktischen Wölfe, die aus ihrer Heimat geflohen waren, lebten nun zusammen in Kanada, in Frieden und Zweisamkeit. Erst als die Kinder der beiden großen Frontrudel sich ineinader verliebt hatten, und der Frühling das Kind ihrer Liebe gebracht hatte, da hatten die Feinde erkannt, dass es auch unter Feinden Liebe geben konnte, und das der Hass nicht für die Ewigkeit währen musste. Die blutigen Auseinandersetzungen endeten, und die Wölfe entschlossen sich, in Kanada, das doch groß und reich genug für sie alle war, ein friedvolles Zusammenleben zu führen. Er, Lumen Lycídas, war das Symbol für das Ende der Schlachten, für den Frieden und das Licht im Leben. Er stand für das Schöne im Hässlichen und das Gute im Bösen, denn er hatte von klein auf gelernt, diese Dinge zu sehen und das Leben mit all seinen fehler, Höhen und Tiefen zu lieben und zu ehren. Nun sehnte es den ewigen Wanderer nach Nähe und Gesellschaft. So hob er den Kopf und stieß ein Heulen aus, klar und frisch wie das eines jungen, kräftigen Rüden mit dem Licht der Welt im Herzen und dem Geheimnis des Lebens in der Seele.
Langsam setzte Lumen eine Pfote vor die andere, hinterließ tiefe Spuren im lockeren Schnee. Er fühlte von der Kälte um ihn herum nicht mehr als jemand, der in sengender Hitze einen kalten Lufthauch zu spüren bekommt. Ja, das dicke, abweisende Fell hatte seine Mutter im evererbt. Seine liebe, alte Mutter, die noch immer mit seinem Vater wie eine frisch verliebte, junge Fähe durch Kanada wanderte. Sie hatten ein wunderbares Leben gehabt, genau wie er. Er war seinen Eltern für vieles dankbar, auch dafür, dass sein Vater ihn fortgeschickt hatte. Er hatte nie Sehnsucht nach seinem Zuhause verspürt, denn er konnte überall Zuhause sein. Die Welt war sein Heim, und das Leben zeigte ihm, wie leicht sich Sehnsucht in Vorfreude umwandeln lassen konnte. Und schon verspürte er keine Schuld mehr bei dem Gedanken, dass er nicht bei seinen Eltern war. Er wusste, dass seine liebe Mutter nicht gerne gesehen hätte, wenn er wieder bei ihnen war. Sicherlich hätte sie sich gefreut zu sehen, was aus ihrem Jüngling geworden war, und doch war er sich sicher, sie war zufrieden mit dem Gedanken, dass er das Licht in die Welt brachte, als ein Träger der Liebe und der Hoffnung. Er hatte Dinge gesehen, und gelernt, die kein anderer wusste, und er wollte dieses Wissen mit möglichst vielen teilen. Denn irgendwann einmal würde er nicht mehr sein, und dann sollten sich die jungen Wölfe an die heilenden Worte des Lumen Lycídas erinnern, und wenn sie alt wurden, sollten ihre Kinder davon erfahren. Sie sollten erfahren, was die Geburt des Lumen Lycídas ihnen gebracht hatte. Die großen Kriege hatten ein Ende genommen, und er hatte begonnen, eine neue Lehre in die Welt zu bringen, die viele verpasst oder vergessen hatten: bedigungslose, beständige Liebe zum Leben.

"Rudel, das aus dem Tal der Sternenwinde zu fliehen gezwungen war! Ich fand in eure Gefilde, um euch Botschaft zu bringen, vom Leben und von der Geburt des Friedens. Eine Geschichte habe ich euch zu erzählen, und viele Geschichten werde ich hören, wie ich hoffe! Lasst mich zu euch kommen, ich versichere, dass es nichts Böses ist, was mich treibt."

Nun hatte er gesagt, was er sagen wollte, und was das Rudel wissen musste, um ihn zu empfangen. Er freute sich auf viele neue Gesichter und hoffte darauf, dass er dem einen oder anderen vielleicht sogar die rettenden Worte mit auf den Weg geben konnte. Viele Wölfe hatten das Leben und seine Glücksmomente aus den Augen verloren, und er konnte dafür sorgen, dass das Licht sie wieder auf den rechten Weg führte, den sie lange suchten und allein nicht finden konnten. Denn er war der im Licht wandelnde Engel, Lumen Lycídas, er hatte erfahren, was das Leben für sie alle bereithielt, und wie man die vollkommene Zufriedenheit erreichen konnte, ohne sich um seine Ziele und Wünsche zu grämen. Er konnte den Wölfen die Augen öffnen, für das, was nur wenige sahen, und viele noch niemals gesehen hatten. Er war das Licht, und er würde seine Erfahrung weitergeben, so gut er nur konnte.


Aradis folgte Rasmús zur Höhle. Anscheinend fand er es nicht sonderlich schlimm, nur mit seinem Vornamen gerufen zu werden. Aradis entspannte sich wieder. Der Rüde wandte sich immer wieder um, um sicher zu gehen, dass sie ihm folgte. Aus ihre Frage hatte er geantwortet. Etwa die Hälfte von alle dem, was er gesagt hatte, war in ihr Gedächtnis eingedrungen, der Rest war verwischt. Vor Hunger und Müdigkeit konnte sie sich kaum auf den Beinen halten. Dann sah sie am Eingang der Höhle eine Fähe. Sie war zierlich gebaut, sah aber keines falls schwächlich aus. Ihre Fell awr weiß und sie hatte bernsteinfarbene Augen. Neben ihr stand ein großer, pechschwarzer Rüde. Er war riesig. Seine ganze Erscheinung flößte Aradis mächtigen Respekt ein, und auch die weiße Fähe hatte eine hohe Autörität, dass spürte Aradis. Als Rasmús sich umwandte und sagte, dass das die Alphafähe wäre, erschrak Aradis ein wenig. Doch Rasmús fuhr schnell fort, dass sie nichts zu befürchten hätte. Sie wären im Grunde alle gleich, und dass sie frei wäre. Es gäbe nur eine Regel: Sie dürfte dem Rudel nicht schaden, aber da das eh selbstverständlich war, war das keine große Sache für Aradis. Sie wollte nur schnellstmöglich das Gespräch mit der Fähe hinter sich haben. Rasmús stellte sie nun der Alphawölfin vor. Er fragte um ein Einverständnis, dass sich die Wölfin hier aufhalten durfte. Er stupste sie ein wenig an, wohl um ihr zu sagen, dass sie zu Banshee sprechen sollte, und keine Angst haben sollte. So richtete Aradis sich auf, versuchte, ihren letzten Stolz zusammen zu halten, und sprach:

"Banshee, es ist ein kalter Winter, und ich bitte dich, mich auf zu nehmen. Ich bin seit etwa zwei Monaten unterwegs, und habe unterwegs meinen Gefährten verloren. Ich habe lange nichts mehr gegessen, bin schwach und müde. Ich bitte um eine Aufnahme für eine Nacht. Ich bin auf der Suche nach einem neuen Rudel..."

Sie brach ab, und schaute zu Rasmús. Sie wusste nicht, ob sie fragen sollte, ob sie in das Rudel aufgenommen werden durfte. Doch da Rasmús nichts sagte, fuhr Aradis fort, und versuchte, nicht zu ängstlich zu klingen.

"... ich würde gerne weiter bei deinem Rudel bleiben, denn ich würde allein in der Kälte nicht überleben."

Sie schaute in die bernsteinfarbenen Augen der Fähe. Würde sie zustimmen?

"Bitte nimm mich dir an, Banshee, Alphawölfin im Tal der Sternenwinde. Ich werde meinen Beitrag für das Rudel leisten. Ich hoffe, du verstehst, was ich versuche in Worte zu fassen..."

Aradis senkte ihren Kopf und folgte dann Rasmús in die Höhle, um endlich zu schlafen. Sie vertraute dem Rüden und bevor sie einschlief, lächelte sie ihm dankbar an und stupste ihn einmal mit ihrer dunklen Nase an, um ihren Dank nocheinmal auszudrücken, bis der Schlaf sie übermannte. In Rasmús hatte sie etwas gefunden, was sie so sehr brauchte... Geborgenheit, Fürsorglichkeit... das waren ihre letzten Gedanken, bevor sie endgültig die Augen schloss, und schlief, ihren Kopf sachte auf Rasmús Vorderläufe gelegt.


Der Rüde folgte gespannt Aradis' Worten. Sie war redegewandt, das fiel ihm gleich auf, und er lächelte, als sie versuchte, sich der Alphafähe zu erklären. Sie hatte wirklich großen Respekt vor den Authoritäten hier. Das war einerseits ratsam, andererseits würde es sie sehr in ihrem Verhalten einschränken. Denn wer ständig darauf bedacht war, alles richtig zu machen und nicht unangenehm aufzufallen, der würde irgendwann kaum mehr einen Schritt tun ohne zu überlegen, und das war eine Belastung, die sich Aradis weiß Gott nicht antun sollte. Als die Fähe geendet hatte, führte Rasmús sie in die Höhle. Die Wölfin hatte sich vorgestellt und das zählte erst einmal. Banshee konnte sie auch später noch ausfragen, wenn sie überhaupt das Verlangen danach hatte.

Nun schritt der Graue mit der Fähe an seiner Seite durch die Höhle, warf den Rudelmitgliedern hin und wieder einen Blick und seinen Bekannten ein Lächeln zu, waren es doch noch nicht viele. Ganz nach hinten führte er Aradis, in die leeren Winkel der Höhle, in die kaum Licht vordrang. Doch der Schnee war so hell, dass man auch hier noch ohne Probleme genug erkennen konnte. Sachte ließ er sich auf den Boden gleiten, und gähnte leicht. Er döste schon den ganzen Tag vor sich hin, deswegen war er nur mäßig müde, er würde nicht schjafen können. Dafür würde er auf Aradis aufpassen und die anderen Rudelmitglieder mit Auskunft versorgen, wenn sie nachfragten. Rasmús streckte sich leicht, und als Aradis den Kopf auf seine Vorderläufe legte, da zuckte er kaum merklich zusammen. Er betrachtete sie, wie sie schlief. Sie war wunderschön, und sein herz machte einen kleinen Hüpfer. Eigentlich hatte er sie noch nach ihrem Namen fragen wollen. Er wusste ihn immer noch nicht, sie hatte ihn mit noch keinem Wort erwähnt...
Der Graue grübelte eine Weile, welcher Name zu der Fähe passen mochten, und entschied schließlich, dass er dann doch ganz anders sein würde, als er dachte. Also bettete er seinen Kopf leicht auf dem der Wölfin und schloss die Augen. Er würde entspannen, und warten, bis die Wölfin wieder einigermaßen aufgewärmt und zu Kräften gekommen war.
Was wohl Tyel gerade trieb? Sie hatte vorhin die Höhle verlassen und schien nach etwas Ausschau gehalten zu haben. Auch, wo Shani und Hiryoga sich aufhielten, wunderte ihn. Aber es schien ihnen gut zu gehen, denn niemand suchte nach ihnen und es gab auch keine Aufregung wegen des Verschwindens. Er hoffte, dass es ihnen gut ging, und er wartete bereits sehnsüchtig auf ihre Rückkehr. Er würde endlich wieder einmal mit Shani reden und sich bei Hiryoga entschuldigen, der vermutlich immer noch böse auf ihn war...
Rasmús gähnte erneut leise und fragte sich, was er Aradis zu fressen anbieten sollte. Es müsste von seiner letzten Jagd noch ein Kaninchen oder auch übrig sein... vielleicht lagen sie noch in der Futterkammer, bei der Kälte blieb das Fleisch länger frisch.


Aradis schlief fest. Sie träumte von Rasmús. Es war ein seltsamer Traum. Sie erwachte plötzlich. Auf ihrem Kopf lag der Kopf Rasmús. Sie lächelte. Sie wra sehr froh, dass er geblieben war. Sie stupste ihn sanft. Er hatte immer noch die Augen geschlossen, doch Aradis war sich sicher, dass er nicht wirklich schlief. Er träumte vor sich hin; döste vielleicht. Sie begann leise zu reden:

"Es tut mir leid... ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich heiße Aradis Zei Morad. Ich komme weit her. Früher war ich die Tochter des Alphawolfs, in meinem Rudel. Es war das Silbermond Rudel. Ich hatte mehrere Geschwister, doch meine Schwester, die mich am besten von allen aus meiner Familie verstand, starb. Ich..."

Aradis schluckte leise. Sie schlug die Augen nieder. Nich nie hatte sie jemandem davon erzählt. Aber sie hatte zu Rasmús vertrauen gefasst, dennoch wurde ihre Stimme ein wenig zittriger, als sie fortfuhr:

"... Ich glaube, ich selber war an ihrem Tod schuld! Wir wurden beide fast von einer Lawine verschüttet, och konnte mich gerade noch retten... und dann tauchte sie wieder auf, ich sah ihren Kopf, und sie sagte zu mir, ich solle ihr helfen... vor Glück, dass sie noch lebte, bellte ich... und... und..."

Eine Träne floss auf die Pfoten des grauen Rüden. Wahrscheinlich schlief er doch, und sie erzählte vor sich hin, einfach so. Und niemand hörte ihr zu. Das war Aradis aber auch liebend gerne, und sie redete weiter, sie flüsterte fast...

"Ich habe eine weitere Lawine ausgelöst. Sie überschüttete meine Schwester und sie tauchte... diesaml nicht mehr auf! Ich wollte nicht mehr bei meinem Rudel bleiben, ich hatte Schuld an dem Tod eines Familienmitgliedes und so machte ich mich auf und davon, um ein neues Rudel zu finden. Ich hatte nach ein paar Tagen auch einen Gefährten gefunden. Doch einige Wochen danach, mussten wir mit anderen Wölfen kämpfen, dabei ging es nur um ein kleines Kaninchen... er war nicht mehr der Jüngste gewesen, ich versuchte, ihm zu helfen, aber einer unserer Rivalen kratzte mich so stark am Ohr, dass ich fast ohnmächtig wurde... ich habe immer noch die kleine Narbe hinter meinem rechten Ohr. Sie ließen mich liegen, und meinen treuen Gefährten auch. Und ich konnte ihm nicht mehr helfen... es war so schrecklich... ich hatte jetzt schon zwei Tode innerhalb weniger Wochen miterlebt... mein Herz hatte einen kleinen Riss bekommen... Bitte erzähle es niemandem, Rasmús, sie sollen nicht schlecht von mi denken. Und du auch nicht...."

fuhr sie mit flehender Stimme fort.

" Denke nicht schlecht von mir, bitte nicht!"

Sie weinte still weiter, und hoffte, Rasmús hatte sie gehört, und doch nicht gehört... es war alles so schwierig.


Langsam drehte sich ein schwarzes Ohr zur Seite. Und jetzt? Nichts jetzt. Nichts. Nichts endete und nichts begann. Nichts änderte sich. Es blieb alles gleich. Es gab Leben und es gab den Tod. Nur er. Weder konnte er richtig leben, noch konnte er sterben. Was hatte man mit ihm vor? Die mitternachtsblauen Augen wanderten ein Mal kurz über die Wölfe des Rudels, die er erkennen konnte. Aber keinen von ihnen kannte er. Kannte er wirklich. Und keiner kannte ihn. Wofür hatte er sein Exil denn verlassen? Er hätte seine Jahre auch in trostloser Abgeschiedenheit verbringen können. Wo war der Unterschied? Er war nicht mehr gänzlich alleine. Aber er war nun in der Gemeinschaft alleine und direkt schien es auch niemanden zu geben, der sein Schicksal teilte. Dies war auch besser so. Matt blinzelte der nachtschwarze Rüde, der nie viele Worte wechselte. Er war verloren, verloren gegangen. Der Rüde von damals. Er erinnerte sich nicht mehr und das was er noch wusste war alles andere als schön. Ab und an ertappte er sich bei dem Gedanken, dass auch diese Erinnerungen am Besten verschwanden. Für immer und schlicht eine leere Hülle zurück ließen, weiß und rein wie der Schnee überall. Die lange, buschige Rute schlang sich um seine gefrorenen Pfoten die ihn schon so viele Meilen getragen hatten. Würden sie ihn auch zu einem Ziel bringen?
Langsam erhob sich Midnight, trat ein paar Schritte vor, als müsste er sich fast dazu zwingen, sich zu bewegen. Er hatte keine Schmerzen, keine Behinderungen. Er war eigentlich nur müde vom langen Wandern. Aber es zog ihn weiter. Lange an einer Stelle zu sein lag ihm nicht so. Es zog ihn weiter, irgendwohin, wo er vielleicht eine Antwort fand. Nur eine Antwort auf eine seiner vielen Fragen. Stellte sich nur die Frage, wo er seine Antwort her bekam. Hier, bei diesem Rudel? An solch einem Ort? Langsam wanderte der Blick der blauen Augen über die Landschaft. Alles war weiß und unter einer dicken Schneedecke begraben. War dies eine Symbolik für seinen Zustand? War dies der Grund, weshalb er sich damals zu der Eiswüste hingezogen gefühlt hatte, wenn man dies so nennen konnte? War da ein Vergleich? Wie auch immer. Die gebrochene Seele der Nacht setzte seinen Weg fort, Schritt um Schritt entfernte er sich von der Rudelhöhle, in deren Nähe er gesessen hatte. Nur wohin?
Eine Weile wanderte der Schwarze ziellos durch die Schneeebenen, ohne wirklich ein Ziel zu haben, ohne bewusst zu laufen. Nur wie es ihm sein Gefühl sagte. So kam es, dass er praktisch fast über einen Rüden stolperte, der nicht minder heller als all der Schnee war. Ruckartig blieb der Nachtsohn stehen, musterte einen Augenblick den Weißen.

Verzeiht…

Leise hatte das Wort seine Kehle verlassen, seine Stimme war leicht angeraut, hatte er sie schon einige Zeit nicht mehr gebraucht. Noch ein Mal nickte er dem Hellen zu, wollte sich dann zum Gehen wenden.


Der Rüde tauchte aus seinen Tagträumen auf, als Aradis ihn sanft anstupste. Er hielt die Augen geschlossen und verhielt sie ruhig. Sie stellte sich ihm vor, mit vollem Namen. Aradis Zei Morad... der Name klang fern, irgendwie exotisch, und er zerging dem Rüden in Gedanken auf der Zunge, den noch sprach er ihn nicht aus. Sie entschuldigte sich dafür, dass sie ihren Namen erst jetzt preisgab. Doch der graue Wolf war ihr nicht böse, vielmehr freute er sich, dass sie es schließlich von allein tat. Als die Fähe zu reden begann, da öffnete Rasmús ein Auge, nur ein kleines Stück. Sie erzählte von einer Schwester, und dass diese Schwester gestorben war. Sie berichtete ihm von einer Lawine, von einem schrecklichen Vorfall, und dass sie glaubte, Schuld an dem Tod ihrer Schwester zu sein. Sie vertraute sich ihm an, und erklärte ihm, dass sie eine weitere Lawine ausgelöst hatte...

Rasmús kannte dieses Gefühl. Schuld an etwas zu sein, dass man ohnehin nicht hatte ändern können. Er wusste noch nicht recht, was er der Fähe darauf antworten sollte. Er wollte sie aufmuntern, ihr versichern, dass es nicht ihre Schuld war. Es war schließlich ein Unfall gewesen, und kein vorsetzlicher Mord. Er musste ihr irgendwie klar machen, dass es in ihrem Leben noch so viele andere Dinge gab als die Schuldgefühle und den Riss in ihrem Herzen, der sich damit aufgetan hatte.
Die Fähe sprach noch weiter, von einem gefährten, mit dem sie zusammengefunden hatte, und den sie wenieg Wochen später in einem Kampf wieder verloren hatte. Sie beichtete ihm, dass sie die zwei Todesfälle in so kurzer Zeit heftig trafen, und der Rüde konnte es verstehen. Wie viel Angst und Verzweiflung hatte er schon verspürt, seit er hier lebte? Als Shani und Hiryoga in die Gletscherspalte gefallen waren? Als Tyel verschwunden war? Auch hier gab das Leben keine Ruhe, und man hatte oft genug an Dingen zu knabbern, die einem auf dem herzen lasteten. Aber solange man mit jemandem sprechen konnte, war es gut so. Es war in Ordnung.
Als Aradis geendet hatte, ließ der Rüde sie eine Weile in Ruhe, spürte die Tränen, die auf seine Pfoten tropten, und musste bei jeder einzelnen ein Winseln unterdrücken. Dann hob er den Kopf, und vergrub ihn an dem halsfell der Wölfin. Stupste sie sachte an, und sprach mit leiser, ein wenig rauer Stimme auf sie ein.

"Hör mir zu, Aradis. Es ist nicht deine Schuld, ganz bestimmt nicht. Du konntest nicht ahnen, was passieren würde, du hättest es ebenso wenig verhindern können. Gib dir nicht die Schuld daran, hörst du? Es gibt in deinem Leben so viele Dinge, und du musst dich nicht von deinen Schuldgefühlen und deiner Trauer einsperren lassen. Sie werden dir Ketten anlegen, die du irgendwann nicht mehr loswerden kannst. Also wehre dich lieber jetzt dagegen. Vertrau mir, du kannst es nicht mehr verändern, und du hättest es auch damals nicht verändern können. Die Lawine wäre gekommen... auch ohne dein Bellen. das ist das Schicksal, und manchmal spielt es mit uns. Doch davon dürfen wir uns nicht erdrücken lassen. denke einfach daran, dass das letzte, was deine Schwester gesehen und gehört hat, dein erleichtertes Lächeln und dein freudiges Bellen war, dass du dich gefreut hast... Glaub mir, wenn sie auf dich herabsieht, wird sie sich bestimmt oft wünschen, du würdest noch einmal für sie lächeln."

Über ihren Gefährten verlor er kein Wort. Solche Dinge passierten nun einmal, und es lang in niemandes Macht, dies zu verhindern, oder die Dinge gar zu verändern. Das musste auch Aradis verstehen. dennoch wollte er sie trösten, also fuhr er ihr mit der Zunge leicht über den Kopf und stupste sie erneut unters Kinn. Es war seltsam für ihn, dass er keine bedenken hatte, wenn er sie berührte. Er war sonst auch nicht scheu Fremden gegenüber, aber zu der Fähe war er wirklich sehr offenherzig. Er behandelte sie beinahe, als würden sie sich schon ewig kennen, vertrauenswürdig und zärtlich.

"Glaub mir, dein Herz ist bei mir sicher. Wenn du über irgendetwas sprechen möctest, bin ich für dich da. Versprochen."


Aradis lag da. Immer noch liefen vereinzelnt Tränen an ihrer Schnauze hinunter. Da begann der Rüde plötzlich zu sprechen. Er beruhigte sie. Aradis hörte ihm zu, sprach nicht, lag einfach nur da und hörte seine raue Stimme über sie hinweg rauschen. Wie ein Windhauch, angenehm und schön. Er vergrub seine Schnauze in ihr Fell und ihr Herz machte einen kleinen Hüpfer. Er hatte ihr zugehört! Als Rasmús geendet hatte, fühlte sich Adaris gut. Und sie wusste, dass sie gerade einen Lebensabschnitt beendet hatte und jetzt ein neuer anfing, mit einem lieben Rüden an ihrer Seite, dem sie sich anvertrauen konnte, ohne zu befürchten, dass es falsch war. Ihr Herz fühlte sich warm an und ihr ganzer Körper erwachte nun auch langsam aus der Starre, sie schmiegte sich wohlig an Rasmús. Sie fragte sich, warum sie so gut mit Rasmús reden konnte, so vertrauensvoll und... liebevoll. Sie wusste noch nicht, ob es eine freundschaftliche Beziehung werden würde, oder eine der anderen Art. Doch im Moment war sie zufrieden. Sie hatte gefunden, was sie gesucht hatte: Eine Vertrauensperson wo ihr Herz sicher aufbewahrt wurde. Rasmús hatte ihr endlich klar gemacht, dass es nicht ihre Schuld gewesen war, dass ihre Schwester gestorben war. Es war sehr eindruckvoll gewesen. Und die Sache mit den Ketten, dass musste Aradis sich zugestehen, stimmte auch. Wie kam es, dass der Rüde sie verstand? Hatte er selbst schon solches Leid gefühlt? Wusste er, wie schwer es war, von Schuldgefühlen loszuwerden?
Aradis fragte sich, ob der Rüde ihr vielleicht, irgendwann, auch etwas zukommen lassen würde. Doch Aradis war zufrieden. Was wollte sie mehr, als einen Wolf, der sie verstand, und wahrscheinlich auch mochte? Sie mochte es, wie er sie sanft über den Kopf leckte und sie anstupste. Sie mochte es auch, wie er seinen Kopf in ihr Fell gegraben hatte. Sie verspürte eine jetzt schon tiefe Zuneigung zu dem großen Rüden mit den honigfarbenen Augen. Sie hoffte inständig, dass sie ihn in naher Zukunft nicht verlieren würde. Aber sie war nicht die einzige, die da war. Er hatte sicher Freunde, Eltern, Geschwister und viele Bekannte.

Sie wusste, dass es sehr voreilig wäre, wenn sie ihn jetzt schon an sich binden wollte. Das war nicht berechtigt, und das wollte sie auch auf keinen Fall. Sie kniff ihm zärtlich in den Nacken und leckte sanft über seine Nase. Dann blickte sie in seine Augen und lächelte.

„Danke.“

Es verwunderte sie sehr, in was für einer Weisheit dieser Wolf sprach, der kaum viel älter als sie selbst war.


Der Weiße wartete eine ganze Weile, ohne, das etwas passierte. Die Ebenen waren weit, vermutlich würde es eine Zeit dauern, bis sich ein Botschafter vom Rudel wegbewegte und ihn erreichte. Oder aber die Entfernung war zu groß, um sein Rufen zu hören, was er jedoch stark bezweifelte. Lumen streckte sich, seine Glieder schmerzten ein wenig. Seine Wanderung war lang gewesen, und die sechs Winter, die er mit sich in seinem Pelz trug, machten ihn zwar noch lange nicht alt, aber doch war er auch kein Jüngling mehr, und die lange Reise machte sich in seinen Knochen bemerkbar. Der weiße Rüde ließ seinen Blick erneut über die weite, weiße Ebene schweifen, der er in seiner Fellfarbe vollkommen glich. Wieder einmal sann er darüber nach, was ihn wohl bei diesem Rudel erwarten wüprde. Viele Rudel hatte er bereits kennengelernt, und doch sagte ihm sein Gefühl, dass es diesmal anders sein würde. Er freute sich auf die jüngeren Wölfe, denen er einige Dinge beibringen konnte, und auf die erwachsenen Rüden und Fähen, die jeder für sich eine Last trugen, die er ihnen vielleicht nhemen oder zumindest erleichtern konnte.

Sein Blick wurde wach, als ein schwarzer Fleck, scheinbar ohne Konturen, auf ihn zukam. Bei näherem Hinsehen erkannte er ihn als Wolf, der, den Kopf gesenkt, in seine Richtung lief, offensichtlich ohne Notiz von ihm zu nehmen. Doch dann hob der ungewöhnlich dunkle Rüde doch den Kopf, und ließ seinen Blick aus königsblauen Augen kurz über seine Erscheinung wandern, ehe er sich leise und höflich entschuldigte, um weiterzugehen. Ein Nicken folgte dem gemurmelten Wort. Lumen wollte den Rüden keineswegs auf seinem Wege aufhalten, und doch interessierten ihn ein paar Dinge sehr. So sehr, dass er sich entschloss, den Schwarzen eine Weile aufzuhalten, vielleicht gegen seinen Willen. Wenn er sich in Unmut über den Aufenthalt äußerte, würde de Weiße ihn ziehen lassen. Langsam richtete er sich ein Stück auf, und lächelte freundlich.

"Seid gegrüßt, Nachtschwarzer. Mein Name ist Lumen Lycídas, und ich komme, um eurem Rudel eine Bereicherung an Geschichten und Rat im Leben zu sein. Sagt, darf ich Euch begleiten?"

Er wollte sich keinesfalls in die Angelegenheiten des Schwarzen einmischen oder ihm gar irgendwelche Informationen entlocken. Er wollte nur freundlich sein und sich vielleicht ein wenig unterhalten, nachdem er so lange in Einsamkeit gelebt hatte. Nicht, dass es ihn gestört hätte, doch eine Abwechslung hin und wieder hatte er ganz gern. Zudem fragte er sich, wie ein junger Wolf auf ein ''Alttier'', wie er sich eigentlich nicht gern nannte, reagieren würde. Normalerweise hätte ein Wolf in diesem Alter wederversucht, einen Platz in einem Rudel zu finden, noch hätte er eine solch lange Wanderung unternommen. Doch das Leben schien dem Weißen noch einen langen Weg bereitzuhalten, und deswegen glich seinem Körper größtenteils noch dem eines erwachsenen, kerngesunden, kräftigen Rüden.


Rasmús musste unwillkürlich lächeln, als Aradis sich so an ihn schmiegte und ihm Zärtlichkeiten zuteil werden ließ, die ihm Schauer durch den Körper jagten. Er ließ sich jedoch nichts anmerken. Für ihn ging das alles viel zu schnell, Hals über Kopf reagierte sein Körper auf jede ihrer Berührungen mit Herzrasen und schickte ihm Impulse durch die Nerven, die es ihm beinahe Unmöglich machten, das sanfte Beben zu unterdrücken, das ihn dann packte. Und doch schaffte er es irgendwie, zu verbergen, wie gefangen genommen die Fähe ihn wirklich hatte. Es war einfach zu früh, und er wollte nichts überstürtzen. Er kannte sie kaum, und doch war er sich im Klaren darüber, dass es nicht mehr lange dauern würde, ehe er sich ganz sicher sein konnte, was er fühlte. Ein wenig Angst machte ihm diese Wandlung, hatte er doch gerade noch darüber nachgesinnt, ob er je eine Wölfin treffen würde, die ihn noch tiefer berühren konnte als seine Schwester, auf eine andere Art und Weise zwar, und doch... Rasmús schüttelte sanft den Kopf und blickte Aradis lange an. Es freute ihn, dass es ihr besser ging, und er hoffte inständig, dass er ihr etwas Wertvolles hatte geben können, das sie sich tief im Herzen behalten konnte, und daran denken konnte, wann immer es ihr auch weiterhalf.

"Gern geschehen, Aradis. Ich, ähm..."

Er wollte sich der Fähe erklären, doch hatte er ein wenig Skrupel davor. Er war verlegen, und sah sich nervös nach den Seiten um, eher er der Wölfin die Tränen von den Wangen leckte und sie sachte gegen die Nase stupste.

"Du bist mir sympathisch. Ich mag dich, Aradis. Ich fühle mich mit dir wohl, unerklärlicherweise, aber ich denke... ich meine..."

Er kam sich dumm, und mit einem Mal unhöflich vor. Er konnte doch nicht so direkt sein! Er konnte sich nicht entscheiden, ob er nun wollte, was unweigerlich geschehen würde, wenn er so weitermachte, oder ob er es wollte, aber in einem anderen Tempo. Langsamer. Ganz langsam. Gefühle mussten sich doch entwickeln, sie tauchten doch nicht einfach so auf? Verlegen brach der Rüde also ab und schwieg. Irgendwie hoffte er, sie würde ihn auch so verstehen. Er konnte es einfach nicht aussprechen. Und irgendwie hoffte er auch, dass sie ihn nicht verstand, nicht nachfragte. Wenn sie nachfragte, saß er in der Falle. Rasmús blickte die Wölfin ein wenig verloren an und versuchte sich an einem Lächeln.


Wieder wanderten die mitternachtsblauen Augen über die leere Umgebung, als würden sie versuchen, sich an einem Fleck versuchen fest zu halten. Nur dass es nirgends etwas gab, an das er sich klammern, an das er sich fest halten konnte. Hieß es denn nicht, dass sich ein Ertrinkender an jeden Halm klammern würde? War er denn nicht schon ertrunken? Irgendwo versunken in seiner einsamen Monotonie? Und wenn er es nicht war, was war er dann? Wer war er? Keine Hoffnung auf eine Antwort, dass es ihm jemand sagte. Eine Stimme hinter ihm veranlasste den Totenwandler sein Vorhaben in eine andere Richtung zu ziehen erst Mal fallen zu lasen. Den Kopf mit der leichten Nackenkrause umwendend blickte der Nachtsohn den Weißen an, der ihn angesprochen hatte. Ein wenig genauer betrachtete Midnight den hellen Rüden und dessen Lächeln, welches so unbefangen wirkte, als hätte er nie die Abgründe des Lebens gesehen. Möglicherweise war dies auch besser so. Ein Weilchen schwieg der Dunkle, sah Mal den Rüden an, wandte dann den Blick wieder ab. Er wollte gewiss nicht angestarrt werden und ihm stand es nicht zu einen Reisenden auf Herz und Nieren zu löchern.

Willkommen in der Todeszone.

Ruhig blickte er sich wieder um, als müsste er einen Fluchtweg suchen, ehe er sich dem Rüden, der sich ihm als Lumen Lycídas vorgetellt hatte, wieder zuwandte. Er wollte ihn nicht verschrecken, aber auch keine Träumereien festigen, wobei er sich recht Sicher war, dass er schon wusste, wie es hier oben war.

Ungewöhnlich, dass sich hier so viele Fremde hier hinauf verlaufen, immerhin ist dies eine unwirkliche Umgebung und absolut untypisch. Wie auch immer. Mein Name ist Midnight Sayrán und ob Ihr mich begleiten wollt oder nicht ist euch frei überlassen. Ich habe kein bestimmtes Ziel, den Tod mal ausgenommen...

Letzteres fügt er eher leise zu, aber was machte er sich groß Gedanken darüber? Sterben würden sie alle irgendwann Mal. Die Einen früher, die Anderen später. Das war etwas ganz natürliches. Warum beschäftigte ihn das? Und was war es, was ihn dazu brachte, so viel Lumen mit zu teilen? Was auch immer es war, was ihn dazu veranlasste so viel einem Fremden mit zu teilen. Vielleicht war es die Einsamkeit, der er über wurde? Dabei war er doch immer alleine, oder nicht?


Nachdem Aradis sich an Rasmús herangekuschelt hatte, schaute sie ihn an. Er war schön anzusehen. Kein Durchschnittswolf, er hatte ein gewisses Etwas. Als sie ihn berührt hatte, hatte sie ein leichtes Beben gespürt. Sie stupste ihn noch mal an und lächelte. Dann begann er zu reden. Aber er brach schon nach einem Satz ab. Er sah sich schnell um und leckte Aradis dann blitzschnell die restlichen Tränen weg, die noch übrig geblieben waren und gab ihr einen Stubs auf die Nase. Sie genoss jede dieser Berührungen. Dann begann er von neuem. Aradis schaute ihn durch ihre großen Augen an. Er begann zu sprechen:

„Du bist mir sympathisch. Ich mag dich, Aradis. Ich fühle mich mit dir wohl, unerklärlicherweise, aber ich denke... ich meine ...“

Erneut brach er ab. Er war sehr verlegen geworden, dass wusste Aradis. Sie wollte ihn nicht drängen, doch ihr Herz verlangte, sehnte, riss sich fast aus ihrer Brust, um den letzten Teil des Satzes zu hören. Aradis verstand ihn auch so. Sie hatte ihn eigentlich schon vom ersten Moment an verstanden. Er war ihr Seelenverwandter. Aradis hätte nie geglaubt, dass sie je jemanden treffen würde, den auch nur annähernd diese Bezeichnung traf. Und dann traf sie auf Rasmús, diesen lieben, großen, beschützenden irgendwie... geheimnisvollen Rüden. Er schaute die aufmerksame Fähe an und brachte ein halbes Lächeln zustande. Doch Aradis sagte ernst:

„Ich werde dich nicht bedrängen. Du weiß allein, was du mir preisgeben willst, und ich habe ein tiefes Verständnis dafür, vielleicht sogar mehr Verständnis, als du denkst. Ich will dich nicht zwingen, mir etwas zu sagen, was du nicht aussprechen willst. Und du sollst wissen, dass ich das voll und ganz respektiere, Rasmús. Falls du es mir sagen willst ...“

Aradis schaute ihn liebevoll an, ihre Augen spiegelten die so ungleichen wieder. Dann schloss sie die Augen und rieb kurz ihren Kopf an seinem. Sie hoffte inständig, dass er sie verstanden hatte. Dann flüsterte sie ganz leise, sie war sich nicht einmal sicher, ob er sie hören würde:

"Ich mag dich, Rasmús Tinuviel!"

Dann legte sie ihren Kopf auf ihre Pfoten, zwinkerte ihm kurz zu und wandte dann ihren Kopf den anderen Wölfen zu, um sie zu beobachten.


Der Rüde blickte den Nachtschwarzen lange an, beobachtete ihn, wie er über die weiße, leere Ebene blickte, dann sein Blick eine kurze Weile ihm galt, bis er sich wieder umsah - nach Worten suchend, wie ihm schien. Als er ihn in die „Todeszone“ einlud, was Lumen zunächst ein wenig verwirrt. Was mochte der Schwarze denken, was hiermit ihm geschah? Würden die Wölfe ihn auseinander nehmen? Oder würde die Kälte ihn in die Knie zwingen, dachte er dies? Letzteres mit Sicherheit nicht, so konnte der Weiße sagen. Wieder überblickte der Schwarze die weiße Ebene, eine Schneewüste, eine Hölle und ein Ende allen Lebens. Nur sie, sie waren noch hier. Nichts bewegte sich sonst. Kein Geräusch, nicht einmal vom Schnee gedämpft, drang an ihr Gehör.

“Wahrlich eine Todeszone, wie recht Ihr doch habt.“

Aber überall gab es Leben, und so auch hier. Schließlich waren sie beide hier, und er war sich sicher, dass es auch noch andere gab. Das Rudel aus dem Sternenwind Tal lebte hier oben in den Bergen, weitab allen Lebens, und nur karge Beute hielt sie hier oben. Etwas hatte sie vertrieben, und Lumen würde noch früh genug erfahren, was. Er war nicht neugierig.
Als der Rüde fortfuhr, blickte der Weiße ihn an, musterte ihn bedächtig. Er schien eine schwere Last zu tragen, und er schien nicht halb so abweisend zu sein, wie er tat. Wahrscheinlich nur kein Freund großer Worte, so wie der Lichtgeborene viele von ihnen traf und sie respektierte.

“Und wieder gebe ich Euch recht, der Tod ist ein Wendepunkt in jedem Leben. Sollte er doch aber nicht das Ziel des Lebens sein. Es ist so einfach, dieses Ziel zu erreichen, und wie viele andere Dinge, die man tut, weil man sich gut fühlen möchte, bringt auch diese Sache einem nichts. Man sollte nicht darauf warten, und man sollte nicht vor davor weglaufen. Lebe den Tag, mein Freund.“

Er erwartete keine Antwort, denn er wusste, dass man Schweigsame nicht zum reden zwingen sollte. Er selbst war redselig, und er würde es auch bleiben, doch er setzte dabei nicht voraus, dass sein Gesprächspartner es ihm gleich tun musste. Abwesend blickte der Weiße wieder über die Ebene. Auch hier mochte sich leben verbergen, und diesem Leben kam er zu Hilfe. Wollte ihnen eine Botschaft bringen, die sie nie vergessen durften. Würde vielleicht sogar bei ihnen bleiben.

„Nun, Midnight Sayrán, so werde ich euren Pfaden folgen. Fühlt euch ungestört, eure Wege weiterhin zu verfolgen."


Rasmús konnte nicht anders, als die Dinge zuzulassen, die mit ihm geschahen. Wenn sie sich an ihn schmiegte, war er wie gelähmt, und er wollte es so sehr, dass sie sich ineinander verliebten, und das sie ein Paar wurden, und für immer zusammenblieben. Er wusste aus einem unerfindlichen grund, das Aradis die Richtige dafür war. Doch er wusste auch, dass überstürtzte Dinge schief gingen, und zwar immer. Also musste er darauf bedacht sein, nicht zu weit zu gehen, immer noch ein wenig Raum zu lassen, damit es nicht zu ernsthaft wurde. denn er wollte wissen, wen er da an seiner Seite hatte, wollte möglichst viel über sie erfahren und sie dann für das lieben, was sie war - und nicht für das, für das er sie hielt. Es war nicht richtig, sich sofort auf etwas einzulassen, das er nicht kannte, und er wusste, das sie ihn genau verstanden hatte. Irgendwann, wenn er sich dazu bereit fühlte, oder wenn es ihn zu sehr in die Enge trieb, würde er in Worte fassen können, was ihn bedrückte. Solange würde er genießen, jemanden in seiner Nähe zu haben.

Die Worte der Fähe bestätigten sein Denken und entlockten ihm ein seichtes Lächeln. Seicht wie warmes Tümpelwasser, umschwärmt von Libellen und Schmetterlingen und die Luft erfüllt von dem Flirren der Hitze... Wie gerne wäre er manchmal der Kälte hier entkommen. Und nun war die Kälte zumindest aus seinem Inneren verschwunden. Er hatte sich hier immer wohl gefühlt, auch wenn er schon oft Angst um geliebte Personen haben musste. Aber immer waren sie wiedergekehrt. Die honigfarbenen Augen musterten die Fähe, die nun die anderen Wölfe betrachtete. Sein Herz flatterte wie ein junger Vogel, der bald flügge werden würde. Er konnte Honig auf der Zunge schmecken, wenn er sich nur daran erinnerte, dass es Frühling wurde, und das es unten im Tal bereits eine Pracht von Farben und Tieren sein musste. Bienen, die ihre winterlich niedergelegte Arbeit wieder aufnahmen, die ersten Schmetterlinge, die sich aus ihren Kokons befreit hatten. Sonne, die nicht nur blendete, sondern wärmte. Das Plätschern von Wasser. Es schüttelte ihn, packte ihn wild, er wollte mit ihr hinunter, wollte ihr zeigen, in was für einem herrlichen Tal das Sternenwind Rudel einmal gelebt hatte. Er hatte das tal doch selbst gesehen, auf seiner Durchreise. Er wollte aufspringen, loslaufen, raus aus dem Schnee. Lange genug hatte er Schnee gesehen.

Statt seinem Herzen zu folgen, hielt er sich jedoch beisammen. Es machte keinen Sinn, jetzt fortzugehen. Banshee würde nicht glücklich darüber sein, und Tyel würde ihn vermutlich vermissen, selbst, wenn er nur ein paar Tage fort war. Und Shani und Hiryoga würde er nicht begrüßen können, wenn sie zurückkehrten. Immer noch betrachtete er Aradis, und schließlich stand er auf.

"Bist du hungrig? Ich werde uns etwas zu Fressen besorgen."

langsam erhob er sich, er fühlte sich alt und müde, denn seine Träume würde er vermutlich nie mehr sehen. Es schien, als war er hier oben in der Trostlosigkeit gefangen, und nicht einmal das Leben mit seiner Vielfältigkeit konnte sie vertreiben. Schließlich gab es nur die Wölfe hier oben. Keine Blumen,kein Gras, keine Schmetterlinge, keine Hitze. Die Wärme auf seinem Fell fehlte ihm am meisten.
Schleppend lief er zur Futterkammer, packte sich zwei Kaninchen. Die Kaninchen, die er eigentlich für Tyel mitgebracht hatte. Doch sie war nicht hungrig gewesen. Vorsichtig schlängelte er sich zwischen den vielebn Rudelmitgliedern hindurch, und ließ die Kaninchen vor Aradis auf den steinigen Boden gleiten.

"Hier. Bedien dich ruhig, ich bin nicht hungrig."

Er wandte den Kopf, und sah zum Höhleneingang hinaus, Dort stand Tyel noch immer, still und abwartend. Und die Sonne umrahmte sie, ein gleißender Rahmen, den man gar nicht ansehen konnte, ohne zu erblinden. kalt war das Sonnenlicht, nichts anderes als blendend und feindlich hier oben. Es nahm einem die Sicht, wenn der Schnee es reflektierte und dennoch herrschte um einen herum unerbittliche Kälte. Rasmús seufzte deprimiert, nur leise, damit Aradis ihn nicht hörte. Sie sollte sich keine Gedanken machen.


Der Nachtschwarze runzelte ein wenig nachdenklich die Stirn, davon abgesehen blieb sein Gesicht allerdings ausdruckslos. Der Weiße sprach wie es ihm in den Sinn kam, hatte nicht weniger Erfahrungen gesammelt, wie er selber, wenn auch bestimmt nicht so viele negative, wie der Nachtsohn. Ein wenig erinnerte ihn der Weiße an Shit, auch wenn die beiden Rüden nicht zu vergleichen waren. Nur der Wille zum Leben war das, was sie verband, was sie einte. Shit war jünger und auch naiver gewesen, wenn auch nicht weniger geschickt im Umgang mit Worten. Dennoch war ihm ein etwas weniger redseliger Geselle wie der Weiße hier irgendwo lieber, obwohl er es nicht leugnen konnte, dass er den Graubraunen irgendwo im Grunde seines Herzen recht gut leiden konnte. Nur wie es das Schicksal so wollte, waren all jene, die er zu bewahren versuchte, zur Verdammtheit gezwungen, was Midnight weiter dazu brachte, Kontakte zu vermeiden. Es hatte keinen Zweck. Als würde er das Unglück selber auf dem Rücken tragen brachte er nur Tod und Verderben mit sich, wie ein Todesengel, der all die unschuldigen Seelen in den Abgrund riss. Dabei wollte er niemandem etwas Böses. Seine Sünden färbten sein Fell wohl noch finsterer und unsichtbares Blut klebte an ihm. Blut Unschuldiger, deren Lächeln er bewahren wollte. Ein einziger Wunsch und selbst dieser wurde immer wieder aufs Neue zerschlagen. War es da ein Glück oder Unglück, dass er sich nicht erinnern konnte und alles von einem dichten Nebelschleier umgeben war? Eine verirrte Seele, die einen Ausgang aus all dem Wirrwarr suchte und nur noch mehr Hoffnungslosigkeit fand. Er war alleine, einsam und das sogar in einer solch großen Gruppe wie hier. Aber irgendwo machte es ihm nichts mehr aus, dazu war er schon zu abgestumpft. Schweigend lauschte er den Worten Lumens, sah ihn nur kurz an.

Dem habe ich nichts hinzu zu fügen. Jeder schreibt seine Geschichte.

Langsam wanderte sein Blick zum wiederholten Male über die Umgebung. Wohin jetzt? Nirgendwo hin. Zurück zur Höhle wollte er ehrlich gesagt nicht, es machte keinen Unterschied ob er nun anwesend war oder nicht.

Aber…

, setzte er wieder an, wandte sich wieder um, um sein Gegenüber anzusehen.

… eine Frage habe ich.

Einen Augenblick zögerte er, denn es kam mit Sicherheit seltsam rüber, eine eigenartige Frage und dennoch hatte er das Gefühl, sie stellen zu müssen. Warum gerade ihn konnte er sich nicht erklären, spielte dies für den Augenblick aber auch keine Rolle.

Wenn ich schon nicht sterben kann… wie lebe ich dann?


Die Fähe bemerkte, dass der Rüde nachdachte. Sie wollte ihn dabei nicht stören und schaute sich weiter in der Höhle um. Plötzlich kam Rasmús wieder- mit einem herrlich duftendem Kaninchen im Maul. Aradis Augen weiteten sich, als er es genau vor ihre Pfoten legte. Sie sprang auf und stürzte sich darauf. Bis zu diesem Moment hatte sie sich zusammenreißen könne, doch jetzt... sie blickte zwischen zwei Bissen entschuldigend zu Rasmús auf, um ihre Manieren zu entschuldigen. Er dachte immer noch nach. Anscheinend hatte er keinen Hunger, was er auch kurz darauf sagte. Er schaute die ganze zeit zum Höhleneingang, dort stand eine etwas magere Fähe, die etwa so alt wie Rasmús war. Er hatte braun/schwarz/weißes Fell. Sie war ziemlich groß für eine Fähe. Aradis hörte kurz auf, zu fressen und schaute Rasmús an. War das seine Freundin? Plötzlich hatte sie keinen Hunger mehr. Sie schaute giftig zur Fähe rüber, die bewegungslos da stand. Sie hatte gelbe Augen, doch sie hatten nicht dieses gewisse Etwas, was in Rasmús Augen zu entdecken war. Warum schaute sie so starr in den Schnee hinaus?
Ohne das sie es richtig wahrnahm, kam ein leises Knurren aus ihrer Kehle. Hoffentlich hatte Rasmús das nicht gehört! Aber sie hatte ja auch dieses kaum wahrnehmbare Seufzen gehört. Was hatte er für Sorgen?
Aradis wollte ihn nicht bedrängen. Jetzt war sie jedoch sauer. Sie beachtete Rasmús nicht weiter. Warum war er so liebevoll zu ihr gewesen, wenn er schon eine Frau hatte oder zumindest.... eine Freundin! Eifersucht fraß sich durch ihren Körper und sie begann, unkontrolliert zu zittern.

„Wer ist das?“

blaffte sie den Rüden an. Und machte eine sehr schnelle Kopfbewegung zu der Fähe. Jetzt war es raus. Sie drehte dem Rüden den Rücken zu und legte sich hin. Jetzt war es vorbei. Warum konnte sie ihren Mund auch nicht halten! Sie hatte schon gedacht, dass sie vielleicht später mit ihm zusammen kommen würde, wenn nichts überstürztes passierte, doch das war jetzt passiert, und es ließ sich nicht rückgängig machen. Was hatte sie sich nur für ein Recht heraus nehmen können, einen Rüden von seinem Stand, und der sich so toll um sie gekümmert hatte, anzublaffen? Aradis schluckte und schielte zu dem Rüden hinüber. Wie er wohl reagieren würde? Noch zeigte sich jedenfalls keine Reaktion...

Atalya
26.12.2009, 13:22

Mit einem Schmunzeln beobachtete Rasmús nun die Fähe, die sich gierig über die Kaninchen hermachte. Sie warf ihm einen entschuldigenden Blick zu und fuhr dann fort, das Fleisch von den Knochen des kleinen Tieres zu trennen. Der Graue lächelte ihr zu. Er konnte sie gut verstehen. War er nicht genauso hungrig und müde hier angekommen? Und war all das Schlechte nicht verflogen, als er hier seine Schwester, Tyel, wiedergetroffen hatte. Und er war bei ihr geblieben, konnte sein Glück noch immer kaum fassen. Sein Lächeln verblasste, als er Aradis' Blick sah. Er war unruhig, und irgendwie feindselig. Zuerst sah sie ihn an, dann blieb ihr Blick an seiner Schwester hängen, wie sie da am Höhleneingang stand und hinaus starrte, sich nicht bewegte. Genau wie er selbst, machte sie sich vermutlich Sorgen um Shani, die für sie, und mittlerweile auch für ihn, wie eine kleine Schwester war, obwohl sie sich fast im gleichen Alter befanden. Und auch ihren Gefährten Hiryoga zählte er langsam zur Familie. Er war glücklich hier, zwischen seinen Lieben, und es gab nichts, was er sich mehr wünschen konnte, außer, dass er und Aradis irgendwann ein Paar sein würden. Und wie er sah, gab es bereits die ersten Turbulenzen.

Sie fauchte ihn an, fragte ihn nach der Beziehung, die er zu der Wölfin am Höhleneingang hatte. Sie fragte danach, wer die Wölfin sei, und doch hörte Rasmús an ihrem kratzbürstigen Unterton, dass sie eigentlich wissen wollte, wer die Wölfin für ihn war. Eine Bekannte, eine Freundin vielleicht. Das wollte sie hören. Ds wollte sie wissen. Der Ton, in dem Aradis zu ihm gesprochen hatte, hatte ihm einen kleinen Schauer über den Rücken gejagt. Doch er blieb ruhig, denn er hatte nichts zu verbergen. Ernst sah er die Weiße an, bohrte sich mit seinen honigfarbenen Augen in die ihren, die ihn wie zwei Smaragde anfunkelten. In gewisser Weise wütend, misstrauisch. Ja, das war es. Dann drehte die Weiße sich von ihm weg, neigte ihm den Rücken zu. Was sie wohl denken mochte?

"Bleib ruhig. Das ist meine Schwester, Tyel Tinuviel. Ich habe ein sehr enges Verhältnis zu ihr. Ich habe dir von ihr erzählt. Zwei Jahre, mein ganzes Leben lang sozusagen, war ich auf der Suche nach ihr, denn unsere Eltern trennten uns im frühen Welpenalter. ich habe alles aufgegeben, um sie zu finden, und ich weiß, dass sie auf mich gewartet hat. Sie ist meine Schwester, der flüssige Sonnenschein, der mir durch die Adern fließt."

Er versuchte, der weißen Wölfin begreiflich zu machen, wie er zu Tyel stand. Sie musste verstehen, dass er sie abgöttisch liebte, so sehr, wie ein Bruder seine Schwester eben lieben kann. Und doch war es eine vollkommen andere Liebe, als die, die zum Beispiel Shani und Hiryoga verband. Das hatte nichts mit Aradis zutun.

"Mach dir keine Sorgen. Mein Herz ist frei..."

Er brach ab und stupste die Wölfin an. Seine Lefzen verzogen sich zu einem liebevollen Lächeln, fast zärtlich blickte er der Wölfin in die Augen, als er langsam um sie herumging, und sich vor ihr auf den Bauch sinken ließ, um ihr in die Augen sehen zu können.

"... frei gewesen."

Er grinste fast schelmisch, schnippte mit den Ohren und strahlte die Wölfin an.


Die weiße Fähe schaute sich beunruhigt zum Rüden um. Sie fragte sich immer noch, wie er reagieren würde. Gerade hatte er sie noch angelächelt, doch als er ihr in die Augen geblickt hatte, wurde sein Lächeln starr und dann hörte er auf zu lächeln. Er hatte ihren Blick bemerkt. Dann fiel sein Blick auf die Fähe am Höhleneingang. Dann beruhigte er sie mit sanften Worten, in denen er erklärte, dass das seine Schwester Tyel wäre. Natürlich entschuldigte sich Aradis sofort für ihr Verhalten, jedoch sprach sie keine Worte dabei, sondern kniff ihn ins Ohr, um ihm zu zeigen, dass es ihr leid tat. Hoffentlich verstand er das ... und zwar nicht als aggressive, sondern eher liebevolle Geste! Plötzlich sagte er etwas, was Aradis sehr verwunderte. Nicht den Inhalt, den hatte sie schon von Anfang an gewusst, sondern das er ihn aussprach. Zwar nicht direkt... aber immerhin indirekt. Mein Herz ist frei... zumindest war es frei. Das war der Satz gewesen. Sie schaute ihn sehr lange mit ihren großen smaragdgrünen Augen an. Sie erwiderte sein schelmisches Grinsen mit einem sanften Nasenstüber. Sie lächelte ihn an.

„Du meinst jemanden bestimmten?“

fragte sie auffordernd. Doch sie wollte überhaupt nichts mehr hören, ihr reichte, was er gesagt hatte. Sie mussten einfach ein bisschen warten... abwarten. Abwarten, wie alles sich entwickelte. Aradis hatte schon lange ohne andere Wölfe gelebt, sie war es nicht gewöhnt, so viel mit anderen ihrer Art zu tun zu haben. Sie wollte sich erst wieder eingewöhnen, bevor sie neue Gefühle zu ließ. Völlig neue Gefühle für sie... und wohl auch für Rasmús. Denn die Liebe zu einem Geschwisterteil war einfach anders. Liebevoll, ja, aber trotzdem nur freundschaftlich. Sie kannte diese Gefühle. Genau diese hatte sie auch für ihre Schwester empfunden. Um so schlimmer war ihr Tod gewesen, doch Aradis wollte sich zusammenreißen, und sie schaffte es auch, ihr Lächeln zu behalten.
In letzter Zeit hatte sie Veränderungen an ihrem Körper bemerkt. Sie kam bald in die Ranz. Ihr Duft war noch nicht so stark, wie der, der anderen Fähen, aber ein leichter, süßlicher Duft war schon da. Sie ging zu Rasmús und schmiegte sich ganz dicht an seinen Körper. Sie genoss seine Nähe und sog sie ein wie frische Frühlingsluft. Sie vergrub ihr Gesicht in sein Fell und seufzte froh. Sein strahlendes Lächeln spiegelte die kalte Sonne vor der Höhle wieder. Seine Ausstrahlung zog sie magisch an.

,Er ist ein Geschenk Engayas.’

dachte Aradis. Und sie war sehr dankbar für dieses Geschenk. Im Moment fühlte sie sich glücklicher, als je zuvor.


Shani Caiyé war in diesen Sekunden unfähig dazu, sich genügend auf die fremde Weiße zu konzentrieren, um in irgendeiner Weise ihre Gedanken oder zumindest ihre Meinung zu dieser Situation zu erfahren. Aber zum ersten Mal war es ihr auch vollkommen egal. Sie, die sonst immer so bedacht darauf war, dass alle Wölfe in ihrer Umgebung glücklich und mit ihr im Reinen waren, konnte sich jetzt nicht mal mehr um andere kümmern. Ihre Verzweiflung überstieg all diese normalen Eigenschaften, die zu Shani gehörten wie ihr weißes Fell und gerade diese Tatsache, ließ sie nur noch mehr verzweifeln. Es ging alles zu Bruch, ihre so hübsch aufgebaute Welt, ihre neue Familie, ihr neues Leben hatte sich an diesem einen Tag durch diese eine, so lächerliche Tat so verändert, dass sie dadurch alles verlor. Ihr kleiner Körper erzitterte heftig, fast zeitgleich mit einer Regung der weißen Fremden. Ihre Worte lösten erneut einen Schwall von Gefühlen aus. Hoffnung und gleichzeitig Schrecken über den möglichen Tod, Abneigung und fast Angst über die Höhle und damit die Gesellschaft anderer Wölfe. Nur war da wieder etwas Warmes, etwas Beschützendes … jemand passte auf sie auf, würde nicht zulassen, dass sie erfröre. Es wäre nicht Shani, wenn sie diese Zuwendung nicht trotz allem genoss und daran ein bisschen Hoffnung fand. Doch es änderte nichts daran, dass der Tod wohl doch nur alles besser machen würde und sie die Höhle niemals wieder betreten könnte.
Langsam öffneten sich ihre Augen und huschten zu der Weißen, sie war so gut zu ihr, aber Shani konnte das Angebot nicht annehmen. An diesem Platz konnte sie sich wenigstens ein bisschen verstecken, die Schnauze einziehen und vielleicht wirklich auf den Tod warten.

“Du bist so gut zu mir, das habe ich nicht verdient. Ich kann nicht in die Höhle gehen, nie mehr und auch nirgendwo anders wird irgendetwas besser werden. Wenn ich, Shani, hier sterben soll …“

Sie beendete den Satz nicht, wollte nicht auch noch sagen, dass das vielleicht genau das richtige war. Es klang doch nur lächerlich … sie war eine lebensfrohe Wölfin, sie liebte das Leben, hatte es schon immer genommen wie es gekommen war und schaffte es doch in jedem Übel etwas Positives zu finden. Aber jetzt nicht mehr. Jetzt gab es nur noch die Verzweiflung.
Neue Worte ließen ihre wieder zugefallenen Augen sich erneut öffnen. Hima, ja, sie erinnerte sich. Mit ihr darüber reden … wie könnte sie? Es wäre Himas Pflicht als verantwortungsvolles Rudelmitglied zu Banshee zu gehen und ihr diesen unverfrorenen Bruch ihres Gebots mitteilen … und sie wollte erst Recht nicht verlangen, dass die Weiße diese Pflicht einfach vernachlässigen würde. Jeden, dem sie es erzählte, würde es nur ebenfalls in diese Auflehnung gegen die Alpha ziehen und das wollte Shani nicht. Sie wollte doch selbst ein gutes Rudelmitglied sein. Und doch brannte in ihr die Sehnsucht danach, dem Grauen Luft zu machen, es auszuspucken, als könnte sie damit auch die Welpen loswerden. Aber es waren egoistische Gedanken, sie würde Hima dazu zwingen, für sie zu lügen, das konnte sie nicht verlangen.

“Ich habe einen riesigen Fehler begangen.“

Flüsterte sie schließlich ganz leise, als würde sie hoffen, dass Hima sie nicht verstanden hatte. Sie wollte es nicht erzählen und vor lauter Verzweiflung, dass sie doch gerade dabei war, erzitterte sie nur noch stärker und grub die Schnauze wieder unter ihre Pfoten in den Schnee. Sie kannte die Weiße doch gar nicht, es gab weder einen Grund, es ihr anzuvertrauen, noch von ihr zu erwarten, dass sie bedingungslos zu ihr hielt. Aber vielleicht wäre es auch gerade gut, wenn sie zu Banshee gehen würde, ihr es einfach sagen würde, dann wäre das alles vorbei. Dann müsste sie Lunar nicht gestehen, dass sie nicht mehr seine kleine, naive Schwester war und sie müsste Hiryoga nichts erklären, sie würde einfach nur da draußen, irgendwo in der Kälte und Einsamkeit erfrieren.


Face Taihéiyo beobachtete, mit welcher Aufmerksamkeit Ninniach Favéll sich in der Höhle umsah, ihn selbst interessierte es wenig, was die anderen Wölfe trieben. Vielleicht suchte sein saphirblauer Blick nur ab und an nach Tyraleen, oder vielleicht einmal der sonderbaren Fähe Leyla, doch viel eher gehörte Ninniach seine Aufmerksamkeit. Nun ja, sie lang ja auch direkt neben ihm. Als die Schwarze versuchte den Blick seiner Augen zu fangen, musste er unwillkürlich zur Seite schauen und drehte ein Ohr leicht zur Seite. Es war, als fürchtete er von ihr gefangen genommen zu werden, wenn sie in direktem Blickkontakt standen. Bewegungslos gefesselt. Nur warum? Warum war das so? Glücklicher Weise ging die Wölfin nicht auf sein, für ihn selbst seltsames Verhalten ein, sondern fragte etwas, womit er nun wirklich nicht gerechnet hatte. Ob er den Frühling mochte. Jetzt sah Face sie einen Moment wieder deutlicher an, wandte den Kopf aber dann zum Höhleneingang herum, als suche er dort draußen in der kalten Schneewüste nach etwas, dass an Frühling erinnerte. Natürlich würde er niemals fündig werden und dennoch verfing sich sein tiefblauer Blick in eigenen Vorstellungen.

Frühling ...“

Hier konnte der Tiefschwarze sich die Frage stellen, welchen Gedanken sie grade bezüglich des Frühlings hegte. Ob sie nun die Blumen meinte, das Grün, die Bäume, die wieder anfingen Blätter zu tragen, Temperaturen die wieder anstiegen und ... brachte der Frühling nicht auch Welpen? Face drehte die Ohren leicht zur Seite. Vielleicht meinte sie auch alles zusammen? Ja, das wäre ihr eher zu zutrauen. Der endlos schwarze Rüde richtete den saphirfarbenen Blick wieder auf Ninniach. So halbwegs zumindest.

Meine Erinnerungen an den Frühling sind blass ... ich habe ihn auch erst zwei – nein ... einmal richtig miterlebt.“

In einer dorren Steppe gab es keinen Frühling. Dort sahen fast alle Jahreszeiten gleich aus. Der Sommer war unerträglich, die Herbste brachten Unmengen an Regen und wenig Sonne, die Winter blieben immer schneelos. Aber der Frühling war fast genau so wie der Sommer. Nur nicht so verdorrt und heiß. Dieses wuchern und wachsen, das entstehen von Leben gab es dort nicht. Die endlose Hochebene war ein trostloser Ort gewesen. Mit all ihren Einwohnern zusammen. Abgesehen von dem Indianerdorf. Aber auch das war nun nur noch ein trostloser, toter Ort. Den ersten Frühling hatte er erst im großen Waldgebiet weit hinter der Steppe kennen gelernt. Damals hatte er ihm geholfen ein bisschen von sich selbst zurück zu finden, zusammen mit den Anwohnern, die er dort kennen gelernt hatte. Letzten Endes war aber auch der große Wald nur noch ein Platz voller Erinnerungen, die Face Taihéiyo hinter sich lassen wollte. Den Frühling bei den Sternenwinden hatte er nicht erlebt. Er war bloß ein wandelnder Geist gewesen. Körperlich tot und innerlich gebrochen. Verbrannt und jederzeit sterbend. Bis zu dem Tag, an dem Banshee mit ihm in den Wald gegangen war, um seine Fragen zu beantworten. Antworten hatte er keine einzige Richtige bekommen, dafür ... noch ein Leben. Tyraleen zuliebe, die einen Paten gebraucht hatte, dessen Herz schlug. Dieses Kriterium hatte er nicht erfüllt. Und jetzt brauchte sie ihn nicht mehr, obwohl sein Herz aufs Neue zu schlagen begonnen hatte. Das Ganze war nun fast wieder ein Jahr her. Sechs Jahre würde seine Seele alt werden, sein Körper würde erst bei der Fünf ankommen. Er wurde alt. Vielleicht war seine Seele aber auch schon viel älter, Tausende von Jahren geschunden und getreten. So fühlte sie sich zumindest an. Aber die Antwort, die Face Ninniach nun gegeben hatte, war noch nicht wirklich vollständig, er hatte nicht gesagt, ob er ihn nun mochte, oder nicht.
Einen tieferen Atemzug aus kalter Luft nehmend, drehte Face Taihéiyo die Ohren wieder nach vorne und richtete den Blick tatsächlich wieder in ihre Augen. Einen kurzen Moment hatte der Tiefschwarze wirklich das Gefühl, dass sich nun Fesseln um ihn legen würden.

Wo ich herkomme, gibt es keinen Frühling ... aber ... ich denke schon, dass ich ihn mag. Den richtigen Frühling.“

Damit war es ausführlicher. Zwar nicht begründet, aber die Aussage, die sie verlangt hatte, hatte Ninniach Favéll bekommen. Und jetzt, kam er von ihren grünlichen Augen nicht mehr los.


Der dunkle Graue erwachte aus einem unruhigen und sehr kurzen Schlaf. Sein Atem, trotz seiner entspannenden Position, war ziemlich hektisch und schnell. Die Augen noch halbgeschlossen und die lange Hinterläufe von sich gestreckt. Wirre und unverständliche Träume hatten Gregory heimgesucht. Vieles über seinen Erzfeind Acollon, doch auch einiges aus seiner weit zurückliegenden Vergangenheit.
Nachdem eine Lawine das Rudel heimgesucht und der schwarze Teufel, den gelähmten Grauen gerettet hatte, war alles sehr ruhig geworden. Zwar passte es dem Hünen nicht, immer noch bei diesem Rudel zu sein, aber ihm blieb nicht viel anderes übrig, als hier zu schmoren. Fern ab von jeder bekannten Seele, einer vertrauten Einsamkeit. Weit ab von allem, was er einst so sehr geliebt hatte, was er einst geschätzte. Die Zeit ergriff natürlich die Chance, seine Wunden zu heilen und ihm die körperlichen Schmerzen zu nehmen. Sie ließ er zu, dass die Zeit sich um ihn kümmerte. Konnte und wollte sich nicht dagegen wehren, wollte sich gar nicht mehr wehren. Er konnte nicht vor und nicht zurück, er wollte neue Wege gehen.

Am Höhleneingang erblickte er dann die weiße Banshee und neben ihr der schwarze Teufel. Ein leicht gehässiges Lächeln trat auf seine Lefzen, als er den Zustand des Schwarzen sah. Abgemagert, nur noch Knochen und Fell. Schwach sah er aus, fast gebrechlich. Eine Erscheinung gleich wie einem Schatten. Dem Grauen war es nur recht, doch irgendetwas regte sich in ihm, als er den Zustand des Anderen so betrachtete. Er hatte geglaubt der Todessohn würde sich keiner Schwäche beugen, wäre unverwundbar und der eigene Mittelpunkt seiner Existenz. Doch nun floss er einfach in ein Geschehen ein, dass er nicht beherrschte. Ließ sich treiben von der Kraft des ganzen Rudels. Und dennoch war er nicht richtig da. Der Graue war nicht anders, nur dass er keinen Bezugswolf in diesem Rudel fand. Er war auf sich allein gestellt und dennoch war er nie allein. Umgeben von fremden Gestalten, die sich nicht für ihn interessierten, ihm vielleicht Fleisch brachten. Aber ansonsten war er einsam unter vielen.

Das Sonnenlicht flutete die Höhle, warf seltsame Schattenspiele an die Wand. Es war kein warmes Licht. Es erhellte nur die Umgebung und zeigte, wie grell der Schnee blenden konnte. Keine Wolke am Himmel, eigentlich ein viel versprechender Tag. Vor allem für die Wölfe, die ihre erste Ranz mit ihren neue Gefährten verbrachten. Ein süßlicher Duft hing in der Luft. Ein Lockmittel der Fähen. Und die Rüden folgten diesem Geruch. Gregory ließ dieser Geruch kalt. Für Liebe hatte er keinen Sinn und vor allem nicht die Lust. Es gäbe auch keine Wölfin, die er betören müsste. Es gab nur ihn, mitten in diesem Haufen verliebter Wölfe. Es gab nur diesen geschundenen grauen Wolf, der versuchte einfach nur zu leben. Es ging nicht um schöne Dinge, es ging um ein einfaches, sehr stupides Leben. Ignoriert und vielleicht gehasst von dem Rest des Rudels. Doch es kümmerte den Hünen nicht. Er konnte es eh nicht ändern oder vermeiden.

Die hübschen Augen waren nun vollkommen geöffnet und begutachteten die Umrisse im Höhleneingang. Fast verträumt konnte er seinen Blick nicht davon abwenden, versank in eine Art Trance. Es dauerte einige Augenblicke bis er sich davon abwenden konnte. Seltsamerweise war er nicht hasserfüllt und wütend. Nein, jegliches negative Gefühl war gewichen und machte Platz für die Leere und dem einfachen Gedanken. Der Rüde gähnte ausgiebig und entblößte dabei seine Zähne. Seine Glieder zuckten und str4eckten sich. Es wäre wieder an der Zeit einen Versuch zu starten, ob ihn seine Hinterläufe nun tragen könnten. Eigentlich zog er es lieber vor, alleine seine körperlichen Fähigkeiten zu testen. Doch er konnte wohl schlecht nach Einsamkeit bitten. Und so stemmte er so auf. Eigentlich hatte sich sein Körper wieder gut erholt. Die Schmerzen aber, blieben. Seine Läufe wollten nicht so, wie er es gerne hätte. Ächzend knurrten seine Muskeln. Rettend ließ er sich gegen die Höhlenwand fallen, die ihn in aufrechter Position hielt. Der linke Hinterlauf setzte sich fest auf den Boden, er füllte sich der gänzlichen Heilung nahe. Den Rechten aber, konnte er nur vorsichtig und zaghaft aufsetzen. Mit einem seichten Ruck stieß er sich von der helfenden Wand weg. Er stand, zwar nicht wie vorher. Doch er stand. Ein Weilchen genoss er die neu erworbene Freiheit, bevor er es wagte einige schritte zu machen. Nur langsam, sehr langsam kam er vorwärts. Der schwerer verletzte Lauf setzte sich nur humpelnd auf den Boden. Und gab jeden Schritt nach. So bevorzugte der Graue, diesen lieber hinter sich her zu ziehen.

Sein Ziel war der Höhleneingang. Und er erreichte diesen auch. Gregory ließ sich also wieder in eine gemütliche Position fallen. Banshee und Acollon ignorierte er. Versuchte seine schmerzen und Behinderungen mit Würde zu nehmen. Das Haupt stolz erhoben, ließ er sich den seichten Wind durch das Fell wehen. Es tat gut, wieder die frische Luft einzuatmen. Denn die Luft in der Höhle war schon recht verbraucht. Auch die Helligkeit tat ihm gut. Durstig senkte er seinen Kopf und nahm ein wenig Schnee auf, den er in der Schnauze einfach schmelzen ließ und runterschluckte. Die Prozedur dauerte lange und war nicht angenehm für einen Wolf, der eigentlich die Freiheit besaß, wenn er Durst hatte, einfach an den nächsten Bachlauf auf zu suchen.
Doch die Fassung des Grauen war beachtlich. Gerade so, als sei es selbstverständlich und ganz normal, Schnee zu fressen um damit seinen Durst zu löschen. Nachdem er fertig war blieb einfach still dort sitzen und rührte sich nicht. Sein Magen knurrte, doch er ließ davon nicht beeinflussen und tat so, als hätte er es nicht gehört oder bemerkt. So weit es möglich war, saß er von dem Alphapärchen weg.


Ein kleines Lächeln machte sich auf Balthasar`s Leftzen breit. Er konnte die verwirrung in Nienna deutlich erkennen und wusste auch warum. Alle Wölfe, denen der Rüde seinen Namen genannt hatte, schienen diesen nicht zu verstehen und grübelten meist vor sich hin..

"Elzha Nanenda, Name des Rudels, bei den ich aufgewachsen war. Yorgha, Name eines in unseren Land bekannten Wolfsgott. Falls du wissen willst was mein Name bedeutet oder woher er stammt. Ich selbst wusste nie genau warum er so lang war, doch als man mir eine sehr lange Predikt darüber gehalten hatte, wusste ich ein wenig Bescheid."

Erklärte der Graue und versuchte das Gefühl der Verwirrung zu vertreiben. Man sollte sich nicht lange über ihn unterhalten. Balthasar Elzha Nanenda Yorgha wollte kein Star sein, nicht wegen seinen langen Namen. Langsam wandte er seinen Kopf wieder raus in die schöne Gegend. Der Winter hier war vorbei, auch wenn es nicht genau zu erkennen war. Die Ranz war eingebrochen und immernocht hatte Balthasar keine Fähe ergattert. Schon lange hatte sich der Graue vorgenommen, sich nur einmal zusammen zu reißen und eine etwas stillere Art anzunehmen. Immer lustig, ständige Witze und immer hyperaktiv, dies war nie die Art sich bei Fähen gut zu präsentieren. Zumindest nicht für Balthasar, schließlich hatte er immernoch keine Gefährtin gefunden und war deshalb auch sehr entäuscht von sich. Jetzt aber nahm der Rüde ein leichtes Geräusch war, das von der Nähe her kam. Es klang nach fließenden Wasser, vielleicht ein Wasserfall oder so etwas in der Art. Der Rüde richtete sich auf und trödelte aus der Höhle. Kurz noch blieb er stehn und musterte noch einmal zu der schwarzen Fähe..

"Ich sehe mich ein wenig um. Schließlich hatte ich nocht keine Gelegenheit dazu. Willst du vielleicht mitkommen? Du könntest mir vielleicht einen schönen Platz zeigen oder einfach nur durch euer Revier führen.,wenn du Lust hast. Ich will dich natürlich nicht dazu zwingen. Aber Angst brauchst du nicht vor mir zu haben"

Nicht schon wieder. Der Rüde hatte einen Witz gemacht. So würde er doch nie ankommen. Nun ja, jetzt konnte er auch nichts mehr dagegen machen. Balthasar lächelte Nienna an und wartete auf deren Antwort. Die für ihn fast eindeutig war...

Nienna drehte sich zu dem Rüden, der nun direkt neben der schwarzen Fähe stand. Nienna drehte ein Ohr schwungvoll zur Seite um ihn genauer zu hören. Seine Stimme klang in ihren Ohren ziemlich gewohnt auf irgendeine Art. Nienna hörte zu wie er versuchte seinen Namen zu erklären und sie konnte die Lefzen nur grinsend nach oben ziehen. Es war keine Geste von Spott abe es war eine Geste für Vertständniss, weil Nienna genau das selbe Problem hatte. Dank ihrer Augen wurde sie immer nur "Green" gennannt und keiner hat ihren wirklichen Namen erfahren, bis sie sich erinnern konnte. Nienna Singollo.

"..Meine Bedeutung kenne ich auch nicht..ihc wurde eigentlich immer Green genannt..wegen meinen Augen..aber was Nienna SIngollo wirklich heist..weisi ch erlich gesagt auch nicht..

Sagte die Fähe zu dem Rüden mit einer durstigen Stimme. Ihr matt schwarzes Fell glänzte etwas im warmen Sonnenlicht das durch die Blätter fiel. Die Fähe drückte ihre Pfoten gegen den Boden und stemmte sich hoch. Ihre Ohren waren angelegt und ihre Rute wedelte aus Freude, weil sie sich endlich mal unterhalten konnte und nicht nur ruig rum lag.

"..Natürlich werde ich mit dir kommen..ich werde mich freuen..."

Sagte sie mit einem deutlichem grinsen auf dem Lefzen. Seinen Witz hatte sie gar nicht gestört. Schließlich ist Nienna selbst eine sehr verspielte Fähe, da sie in ihrer Kindheit nie freien Laufen lassen konnte. Die Schwarze drehte sich zu dem Rüden und beschnuppert ihn vorsichtig um den Hals. Sie zog seinen Geruch richtig ein und drehte sich langsam weg. Ihr Blick war im Moment volller Freude und so setzte sie auch direkt ihre Pfoten nach vorne.


Ninniach lauschte geduldig, versuchte sich ein Bild von seiner Antwort zu machen und rief sich eines in ihren Kopf - ihre Fantasie war schließlich sehr labhaft; spielte ihr aber gerne auch sehr schmerzhafte Streiche.

"Grauenvoll...",

murmelte die Schwarze gedankenverloren, ohne aber den Faden zu verlieren. Erneut trat ein nachdenkliches Schweigen ein. Die Fähe hatte den Blick von den Saphiren abgewandt und starrte eine Weile leer gegen eine Höhlenwand. Ihre Erinnerungen vermischten sich mit dem Bild, dass sie sich auf Faces Antwort hin zurecht gemalt hatte. Etwas wehleidiges lag darin... er tat ihr Leid, nicht mit dem Frühling, wie sie ihn kannte, aufgewachsen zu sein - es hieß also auch, dass er nicht das Gleiche mit ihm verband. So sprach sie diese herzerwärmende Jahreszeit einfach nicht nochmal an. Die Hoffnung des Wiedererblühens und des Zurückfindens des Lebens... all das würde er nicht damit verbinden - nicht so sehr wie sie. Aber ihre Hoffnungen und Träume schienen ihr kindlich und naiv - er hingegen war reif, hatte viele Erfahrungen gesammelt.

"Du erinnerst mich an einen Berg..."

Sie warf ihm einen seltsamen Blick zu, der nur schwer zu deuten war. Er hatte etwas verlegenes an sich, schien aber dennoch fest und auch irgendwie... liebevoll.

"Du distanzierst dich und erhebst dich in voller Größe. An dir liegt etwas... merkwürdiges - magisch möchte man meinen. Man verbigt sich hinter deinem harten, manifestierten Schutz, den du darbringst - und doch zeigst du dich selbst als unnahbar. Ich mag die Berge. Nur diese hier... sind mir zu kalt."

Hieß das nun, dass sie seine Kühle nicht sonderlich mochte, oder hing es wieder damit zusammen, dass sie den Frühling viel mehr schätzte als den Winter, der sie so voller Unbehagen zurückließ. Einen Moment dachte sie nach. Ihr Gehirn schien ein kleines bisschen... verdreht. Es sprang von einem Punkt zum nächsten, was es schwierig machte, dem Gedankengang Ninniachs wirklich zu folgen. Es war wohl das beste, wenn man es nicht tat...

"Face?",

fragte sie ruhig und spitzte die schwarzen Ohren, die Augen zum Ausgang gerichtet.

"Was bedeutet dein Name? Also... dein... dein vollständiger Name?"


Face Taihéiyo war Ninniach fast dankbar, als sie wegsah und er ihr nicht mehr in die Augen sehen konnte. Aber ihre gemurmelten Worte klangen fast so, als hätte seine simple Antwort sie nun wirklich schockiert. Zumindest von der Wortwahl her. Ihre Stimme klang mehr, als wären ihre Gedanken längst abwesend und irgendwo anders. Kurz fuhr sich der Tiefschwarze über die Lefzen und drehte den Kopf zum Höhleneingang herum. Es musste ein wenig seltsam aussehen, zwei Wölfe die nebeneinander lagen, aber den Kopf in völlig verschiedene Richtungen gewandt hatten. Wie auch immer. Als Ninniach wieder sprach, sah Face sie zwar wieder an, aber sein Blick war nun wahrhaftig etwas irritiert. Ein Berg? Bei allen Bezeichnungen, die man ihm und er sich selbst jemals verpasst hatte, das Wort „Berg“ war niemals dabei gewesen. Kurz musterte er ihren Gesichtsausdruck, während Face noch überlegte, was er nun an sich hatte, dass sie an einen Berg erinnerte. Da sie allerdings auch schon zu einer Erklärung ansetzte, war das nicht mehr nötig und er lauschte ihr. Er hatte etwas Magisches an sich? Der Tiefschwarze wusste wirklich nicht so recht, was er jetzt damit anfangen konnte. Bedeutete das, dass sie sich hinter seiner Größe und Unnahbarkeit versteckte, den Schutz suchte? Er verstand es nicht. Und auch nicht ob er nun der gemochte Berg war, oder der, der Ninniach zu kalt war. Wenn er zu kalt war, allerdings, warum lag sie dann bei ihm?

Ich weiß nicht wirklich, was ich dazu sagen soll ... ist das nun negativ, oder positiv?“

Wenn er gekonnt hätte, so hätte Face Taihéiyo jetzt gelächelt. Sein Gesichtsausdruck hatte zwar etwas friedliches und ruhiges an sich, doch nicht mal der blasseste Hauch eines Lächelns zierte seine Züge. Er konnte es einfach nicht. Er hatte nie gelernt, wie man lächelte. Wie ein Lächeln aussah, das wusste der große Wolf, doch es selbst aus zu probieren ... nein, sowas lag ihm nicht. Komische Grimassen zu schneiden, es sähe bei ihm sicherlich nur sehr verzogen und seltsam aus.
Ninniach Favéll hatte den Blick längst wieder von ihm abgewandt, aber wieder sprach sie seinen Namen aus und ließ seine Ohren zucken. Diese Wölfin sprang wirklich von einem Thema zum anderen. Aber auf die Frage bezüglich seines Namens, war der Rüde nun wirklich nicht gefasst gewesen. Seine Züge wurden wieder ein wenig ernster, leerer konnte man meinen und langsam ließ er sein Haupt auf die großen Pfoten nieder.

Er bedeutet Stiller Ozean. Genau genommen Gesicht des stillen Ozeans ...“

Der Name, der ihm gleich zwei Mal gegeben wurde. Einst zu beginn seines Lebens von seiner Großmutter, die so etwas wie hellseherische Fähigkeiten besessen haben musste und dann noch von Cloud. Cloud, der sowieso ein Mysterium für sich gewesen war, ein Wesen das er nicht begreifen konnte und es nie werden würde. Ein Wesen das ihn gequält und geliebt hatte, ihm ein Freund gewesen war und ein Feind. Ein verstorbener Geist. Face stieß ein wenig kalte Luft aus seiner Nase, wie bei einem Seufzen und blinzelte trüb. Ebenso wie die schwarze Wölfin, sah er zum Höhleneingang und nicht zu ihr.

Hat dein Name eine Bedeutung?“


Bei genauerem Betrachten wirkte Ninniach etwas sehr... eigen. Es schien als wolle sie all die ungesprochenen Worte nachholen und nieausgesprochene Gedanken zu Tage befördern. Allerdings war sie auch hier nicht grade sehr bewandert - ihre Worte fielen eher karg aus, aber immerhin gab es einige. Ihre Gedanken sprangen von einem Punkt zum anderen - ihre Assoziationen zwischen diesen ganzen widersprüchlichen Thematiken blieben jedem anderen ein Geheimnis. Fraglich, ob es etwas derartiges gab... Verbindungen zwischen ihren Gedanken. Bevor Ninniach in das Denken vom Denken der Gedanken verfallen konnte, find Face an, eher verwirrt etwas auf ihr schwirrendes Gefasel hin, zu sagen. Sie spitzte die Ohren und fixierte den schwarzen Rüden nun wieder fest - fast so, als hätte sie Angst, er könne sich heimlich aus ihrem Blickfeld stehlen.

"Es war... positiv gemeint - eigentlich. Aber... ach, ich bin einfach nicht sonderlich gut darin, das zu beschreiben, was in meinem Kopf vor sich geht..."

Beschämt über diese kindliche Tatsachte legte sie den Kopf wieder auf die Pfoten, hielt den Blick aber haftend an Face. Die Fähe hatte ihn nach der Bedeutung seines Namens gefragt und lauschte nun deutlich interessiert. Doch es gab eine Wandlung... Faces Stimmung schien bei diesem... Punkt irgendwie umzukippen. Wo er grade noch sanft wirkte, machte es nun den Anschein, als sei er betrübt. Den Grund dafür kannte Ninniach nicht - würde ihn vermutlich nicht erfahren, selbst wenn sie danach fragte - also ließ sie es ganz einfach bleiben.

"Eine schöne Bedeutung - vom Klang her... von den Hintergründen... man kann so viel hineininterpretieren - aber alles was ich damit verbinden kann, stimmt mich traurig..."

Ninniach stob mit dem bauschigen Schwanz über die Erde und berührte mit der Spitze leicht die Rute von Face. Ohne weiter darauf zu achten, pendelte sie weiter über den Boden, immer wieder die schwarze Rute des Rüden flimmernd berühren.

"Oh... ja, das hat er, glaube ich. Ehrlich gesagt bin ich mir nicht sicher - man kann die Worte mehrfach deuten. Ninniach heißt so viel wie Regenbogen oder Regenschleier. Favéll hingegen... graues oder trostloses Farbspiel. Zusammengefügt finde ich die Bedeutung grauer Regenschleier oder farbloser Regenbogen doch sehr... traurig aber treffender."

Ihr Blick wurde trüb. So gern wäre sie sich im Klaren gewesen, was ihr Name eigentlich hieß - sie wusste, dass sie ihn trug und sie wusste auch, dass die beiden Worte eine Bedeutung hatte. Aber was sie nicht wusste war, wieso sie diesen Namen trug. Ihre Vergangenheit war lückenhaft und hielt nicht viel an Antworten für sie bereit. Es gab doch nichts, wo man nach Wissen schöpfen konnte. Vieles davon konnte sie nicht mehr als Realität einstufen. Sie hatte das Vergangene oft durch Träume versucht zu ersetzen um es erträglicher zu machen. Wahres von illusion zu unterscheiden viel ihr nun sehr schwer - aber sie reute nicht. Wenn sie sich nicht daran entsinnen konnte, so war es ihr doch erfolgreich gelungen es zu verdrängen - und das war schließlich, was sie gewollt hatte. Ninniach schloss die Augen, womit sie es riskierte, dass Face sich tatsächlich in just diesem Augenblick aus dem Staub machte - es wäre ihm nicht zu verdenken. Die kleine Fähe hatte schließlich nicht mehr alle Latten am Zaun - zumindest machte sie den Eindruck. Man wusste nicht recht, was man von ihr halten sollte - oder konnte. Ihre Stimmung war stets eintönig - nie wirklich schwankend. Aber ihr Wesen...?

"Mir ist kalt..."


Face Taihéiyo blieb ruhig auf seinem Platz liegen, die Muskeln recht entspannt, nur der Blick nicht ganz klar. Sondern mehr so leer wie sonst auch. Ein wenig gedankenverhangen, aber trotzdem hörte er die Worte, die Ninniach Favéll sprach ganz genau. Allerdings wusste er auf ihre erste Antwort nichts zu sagen und so beließ er es einfach dabei. Ein Berg ... positiv gemeint. Wie auch immer. Irgendwie war es ganz schön hier einfach so zu liegen und mit der schwarzen Fähe ein wenig zu reden. Irgendwie hatte das so etwas Zwangloses an sich, etwas Ruhiges und auch Vertrautes. Was sie über seinen Namen sagte, vermerkte sich hingegen wieder in seinem Kopf. Sie verband damit nur Trauriges ... und irgendwie interessierte es ihn, was genau sie mit der Bezeichnung „Stiller Ozean“ assoziierte. Aber erst einmal sagte er nichts, zuckte aber kurz mit einem Ohr, als er spürte, wie ihre Rute in einem gleichmäßigen Takt immer wieder die seine striff. Wieder etwas, dass ihn glatt irritieren konnte, doch dieses Mal reagierte er einfach nicht darauf, sondern beließ es bei dem, was es war. Face machte sich nun seine eigenen Gedanken über die mögliche Bedeutung des Namens der Schwarzen. Grauer Regenschleier ... farbloser Regenbogen ... seiner Meinung nach ebenfalls angenehme Lautklänge. Aber jemand wie er konnte das nicht beurteilen. Was wusste er schon?
Langsam drehte Face Taihéiyo die Schnauze herum um Ninniach Favéll wieder ansehen zu können. Auch ihr Blick hatte sich ein wenig getrübt. Verbanden sie beide so viel und doch nichts Positives mit ihren Namen? Genau genommen wusste er rein gar nichts über Ninniach Favéll, abgesehen davon, dass ihm ihre Anwesenheit nicht unangenehm war und er sie an einen Berg erinnerte. Wie sie die Augen schloss musste er unwillkürlich an ein altes Bild denken, an einen schicksalsschweren Tag voller Blut und Tod. Ein Körper ohne Leben, der nur eine gefangene Seele in sich trug und vor ihm eine zerbrechliche Gestalt im Matsch. Das war sie. Und er war einfach da geblieben. Leider verband er mit dieser Szene aber auch automatisch das Auftauchen einer seltsamen Welpin, die aber danach nie mehr aufgetaucht war. Face konnte nicht sagen, dass er deswegen traurig war. Es war ihm unangenehm gewesen, von einer Welpin einfach so als Vater bezeichnet zu werden, obwohl er doch genau wusste, dass es nicht stimmte. Und außerdem ... „Vater“ ... dieses Wort ließ ihm die Nackenhaare zu Berge stehen.
Langsam ließ er den Kopf auf die Pfoten sinken, ebenso wie Ninniach. Den Blick aus saphirblauen Augen hatte er ihr jedoch noch zugewandt. Ihr war kalt ... nun, das war ihr nicht zu verdenken, wenn man die Jahreszeit und die Temperaturen hier oben bedachte. Aber irgendwie ... nun, er konnte seine Gedanken nicht richtig fassen und nichts zuordnen. Der Tiefschwarze konnte auch nichts tun, es war irgendwie ein seltsames Gefühl.

Ich glaube, ich bin nicht fähig dir Wärme zu spenden ...“,

murmelte er nur sehr leise, sodass Face sich fast fragte, ob sie es überhaupt gehört hatte. Seine Gedanken waren aber auch nicht richtig bei der Sache, sondern schienen einfach irgendwo herum zu driften und so war es ihm egal, ob sie es überhaupt gehört hatte. Er dachte nicht einmal darüber nach, wie man seine Antwort nun deuten konnte. Der Tiefschwarze blinzelte kurz, sah sie noch einen Moment an und schob die Schnauze wieder nach vorne, Richtung Höhleneingang.

Farbloser Regenbogen passt am Besten.“

Nun schien es er zu sein, der Zusammenhangloses von sich gab. Ein Regenbogen war etwas seltenes, etwas Buntes was auftrat, wenn trotz Regen die Sonne schien. Ein Streifen am Himmel, der alle Farben beinhaltete. Etwas Positives, dass von dem Wort farblos allerdings wieder in ein Stück Traurigkeit gerissen wurde, denn ein Regenbogen war kein Regenbogen mehr, wenn er nicht bunt war. Farblos sah man ihn schließlich nicht. Ein farbloser Regenbogen war also der frohe Streifen am Himmel, der sich trotz Regen zur Sonne reckte. Allerdings sah man ihn nicht. Unsichtbar, ungesehen, vergessen. Ja, das war doch irgendwie sehr tiefsinnig. Face Taihéiyo ließ ebenfalls die Augenlider sinken.

Was verbindest du mit meinem Namen?“


Der Rüde lächelte und zuckte mit den Ohren ...

Es freut mich dass du mit mir kommst. Dann lass uns gehen, bevor der Tag zu Ende geht“

Langsam wandte sie der Rüde nun von Nienna ab und trödelte los. Er wusste nicht wohin er gehen würde, doch das interessierte ihn nicht im Geringsten. Er hoffte die Schwarze würde ihr folgen, weshalb er sich mehrmals umdrehte und nach ihr schaute. Seit ein paar Minuten liefen die beiden nun schon und Balthasar achtete stets woher er tritt. Nach einer Weile wurde es den Rüden zu kalt und er stolzierte zu Nienna.

Schönes Revier habt ihr hier. Die Berge, die schönen Aussichten und überhaupt gefällt mir alles. Aber weißt und, schon sein ein paar Minuten glaube ich das Geräusch von Wasser zu hören. .Täusche ich mich oder gibt es bei euch in Revier einen See oder so etwas in der Art. Zwar fließt das Wasser nicht, trotzdem kann ich es unter einer dicken Eisschicht noch genau erkennen.“

Sprach Balthasar und forderte die Schwarze auf, ihm den See zu zeigen, der hier in der Nähe war. Das Revier dieses Rudels war sehr groß und ohne die Hilfe von Nienna würde er nun gewiss nicht mehr zurückfinden. Gerade jetzt erinnerte sich der Graue daran, dass er sich den Alpha des Rudels noch gar nicht vorgestellt hatte. Darüber aber wollte er sich jetzt keine Gedanken machen, schüttelte kurz den Kopf und blickte die schwarze Fähe an ...



Der Schlohweiße nickte dem Nachtschwarzen zu, und lächelte in sich hinein. Er war sicherlich ein interessanter Rüde, und dies bestätigte sich, als er eine ebenso interessante Frage von Midnight Sayrán vernahm, über deren Bedeutung er sich erst einmal klar werden musste. Welchen Grund hatte der schwarze Nachtsohn, ihm eine solch tiefgründige Frage zu stellen? Hate er Zweifel? Lumen blickte dem Rüden in die Augen, nicht eindringlich, dennoch tief. Die Augen Midnights sprangen ihn an wie zwei meerfarbene, dunkle Saphire, gefunden im Abgrund des Lebens. Durchdringend blau und irgendwie hypnotisch im gegensatz zum schwarzen Fell des Wolfes. Lange Zeit sah er Midnight an, dann schloss er sie Augen und dachte über die Antwort nach. Er beschloss, die wirkliche Antwort erst einmal in den Hintergrund zu stellen. Es gab keine Erwiderung auf diese Frage, die für jeden galt. Jeder einzelne hatte ein anderes Schicksal, und jeder einzelne erhielt auf die Frae also auch eine andere Antwort.

"Sagt, Midnight Sayrán... Sind es die Zweifel am Leben, die Euch diese Frage stellen lassen? Es betrübt mich, sie aus dem Fang eines solch jungen Rüden zu vernehmen. Es muss also einen gewichtigen Grund für Eure Annahme geben, die Antwort auf diese Frage wäre wichtig für Euch. Ist es das? Der Zweifel daran, ob es für Euch noch ein Leben gibt? Eines, das lebenswert ist?"

Lumen Lycídas war das Licht des Friedens, und auch den Wölfen, die ihr Leben bereits aufgegeben hatten, konnte er einen kleinen Teil dieses Lichts zukommen lassen. Und das war es, was er sich als Lebensaufgabe zugeschrieben hatte. Jeder musste seine Aufgabe für sich finden, und er konnte dabei helfen, wenn auch nur ein wenig. Die Augen des Schwarzen fingen ihn, und er musste mhrmals blinzeln, um sich von der Tiefe der Farbe loszureißen.
Der große Weiße lächelte, leicht nur, doch es war ein trauriges Lächeln.

"Es gibt keinen Grund für Euch, zu sterben. Ihr seid jung, und auch die Einsamkeit kann ein Freund sein. Natürlich nicht für Alle, und fast nie, wenn sie ewig währt. Lasst Euch gesagt sein, Midnight Sayrán: Euer einsamer Pfad verrät Euch in Eurer Situation. Kein Wolf, der die Gesellschaft liebt und viele Freundschaften pflegt, begibt sich allein in diese Schneewüste hinaus."

Der Weiße blickte gen Himmel, während sie langsam dahinschritten. Der Schnee knarzte unter ihren Pfoten, ein sanftes Rascheln, wie es nur der Schnee zu tun vermochte. Ihre Pfotenspuren vermengten sich, da Lumen dicht hinter Midnight daherlief, und seine hohen Schulter bewegten sich gleichmäßig, gelassen, und frei jeglicher Last. Nicht, dass ihn nie etwas bedrückt hätte, oder dass er nie Fehler gemacht hatte. Doch er hatte es geschafft, das Positive im Negavtiven zu sehen, und so fühlte er sich oft befreiter als andere. Und er hoffte inständig, er konnte sie dazu bringen, eben diese Freiheit anzunehmen, denn oft waren es sie selbst, die sich im Wege standen und sich so das Leben schwer machten. Und keiner von ihnen bemerkte, dass es die eigenen Pfoten waren, die ihnen schmerzhaft auf die Zehen traten.

"Sterben ist schwerer als Töten. Aber es ist oftmals leichter, als zu leben. Doch was bringt es Euch, Euer Leben hinter Euch zu lassen, in dem Wissen, dass Ihr es nicht geschafft habt, Euch selbst zu helfen? Hilfe anzunehmen ist immer ratsam und nie eine Schande. Aber es gar nicht versucht zu haben ist das Schlimmste, was passieren kann. Mein Rat fällt sehr vage aus, Midnight Sayrán, da ich Euch nicht recht beurteilen kann, und dieses auch gar nicht möchte. Ich glaube, ich spreche für Euch, wenn ich es ein wenig abkürze: Springt über Euren Schatten. Traut Euch, andere anzusprechen. Die Wölfe sind nicht halb so abweisend, wie sie in Euren Augen erscheinen mögen."

Es klang wahrlich einfach, aber Lumen wusste sehr wohl, dass dem nicht so wahr. Dennoch wusste er, dass man es versuchen musste, immer wieder versuchen, und irgendwann würde man seinen Schatten tatsächlich hinter sich lassen, und dann war das Leben eine freie Straße voller Sonnenschein. Lumen war kein Prediger, und auch kein Weiser. Er war kein geborener Optimist. Er liebte nur, so, wie es am Anfang der Welt der Gedanke des Träumers gewesen war: bedingungslos und unwiederruflich.


rasch merkte die Fähe auf und ihre Ohren schnellten in die Höhe, bei den ersten Worten, die Face ihr entgegenbrachte. Es war so... so fremd?

"Oh, nein, nichtdoch - das hat auch niemand erwartet oder verlangt. Ich wollte damit nur sagen, dass mir kalt ist. Nicht mehr und nicht weniger. Man ist hier nunmal der Kälte ausgesetzt und jeder, der es nicht schafft ihr auch allein zu trotzen ist doch ohnehin verloren, nicht?"

Sie lächelte matt, fühlte sich dumm, da man sie missverstand, weil sie sich falsch ausdrückte - weil sie sich nicht wirklich ausdrücken konnte. Ninniach schluckte schwer und lauschte weiterhin der ruhigen Stimme Face. Die Bilder, die in seinem Kopf waren, hefteten sich oft an ihre Fersen - es würde nie vergessen sein. Nachdem die Huftiere sie niedergetreten hatten, war sie schwerverletzt in den Schlamm gesunken. Deutliche Spuren waren davon übrig geblieben. Betrübt schloss sie die Augen und wollte nicht zurück in heikle, schmerzhafte Erinnerungen verfallen, wo das Hier und Jetzt doch so viel angenehmer waren.

"Findest du? Wo es doch so widersprüchlich ist... aber mir gefällt es mit am besten. Es hat etwas eigenes - so verrückt und unverständlich wie der Träger dieses Namens."

Ein erneutes Lächeln huschte über ihre Lefzen, nur aber, um das, was wirklich in ihr herrschte, zu übermalen. Sie war bedrückt, hilflos und sie wusste, dass niemand sie wirklich verstand - sie tat es selbst nicht wirklich. Ihr Handeln und denken sprang immer wieder in andere Richtungen, die teilweise sehr gegensätzlich waren.

"Mit deinem Namen... beginnend bei der Stille. Stille begleitet mich schon mein Leben lang. Ich mag es zwar, sie in bestimmten Momentan zu genießen, doch hat sie etwas drückendes, melancholisches an sich... Stille... erinnert mich an den Tod. Und der Ozean ist nur ein weiteres Synonym dafür. Der Ozean ist die Ruhestätte der Toten - er ist tief, weit und unergründlich... traurig."

Sie seufzte schwach. Es kam ihr vor, als würde er sie wieder nicht verstehen können - was sie ihm nicht verdenken könnte, schließlich drückte sie sich in solchen Sachen nicht wirklich klar aus.

"Entschuldige, hör einfach nicht hin, ich rede wieder nur wirres Zeug."

Sie schnaubte resignierend und schloss wieder die Augen, als könne sie so alles verdrängen, was vor wenigen Minuten passiert war. Es funktionierte nichtmal ansatzweise. Es wäre ja auch zu leicht gewesen - und es gab nichts, das leicht war. Man bekam im Leben nunmal nichts geschenkt!


Kleine Dampfwölkchen stiegen an die Decke der Höhle, als die Fähe sich kräftig streckte und dabei heftig ausatmete. Lange Zeit hatte sie nicht wirklich etwas gemacht. Hatte gefressen, rum gelegen und über das Schicksal nachgedacht. Nun fühlte sie sich durstig und außerdem war sie Beta des Rudels. Vielleicht sollte sie mal nach dem Rechten schauen. Und sowieso hatte sie große Lust sich ein wenig zu bewegen. Sie fühlte sich, als ob alles in ihr langsam anfangen würde zu verrosten, oder besser gesagt einzufrieren. Nachdem sie sich also genüsslich gestreckt und gereckt hatte, brachte sie ihre Pfoten wieder in die ursprüngliche Ordnung und wendete ihren Kopf ein wenig, während sie einen vorsichtigen Schritt nach vorne machte. Sie wusste, dass sie sich nicht unweit des Höhlenausgangs niedergelassen hatte und anhand des Klangs, den ihre Pfoten auf dem Boden machten, wusste sie sofort, wohin sie sich wenden musste. Den Kopf ein wenig hin und her schwenkend machte sie sich nun also zielstrebig auf den Weg zum Ausgang. Unterwegs schossen ihr einige Gedanken durch den Kopf, doch keine schien ihr weiter notwendig um genauer darüber nachzudenken. Also setzte sie einfach ein kleines Lächeln auf ihre Lefzen und trat so aus der Höhle in den Schnee. Sie wusste, nun war der Frühling und mit ihm die Ranz angebrochen. Vom ersten jedoch war hier oben nicht sonderlich viel zu merken. Wie gut, dass die innere Uhr der Wölfe so perfekt funktionierte. Der Schnee war also immer noch so wie er vor dem Frühling war. Zu viel und zu kalt. Doch da die Fähe ja genügend Fell besaß, was sie gegen die Kälte schützte und zudem auch noch große Pfoten hatte konnte ja eigentlich nicht viel schief gehen, wenn sie langsam und bedächtig gehen würde. Ihre Pfoten würden verhindern, dass sie tief einsinken würde und der Klang ihres Schrittest würde sie gewiss vor einer Unebenheit wie einem Felsen oder vor tiefen Eisspalten schützen. Ihre puscheligen Ohren also nach vorne gerichtet setzte sie ihren Weg in die Richtung des Sees fort. Sie wusste, dass es kein weiter Weg war und hoffte, dass der See nicht zu dick eingefroren sein würde. Eigentlich bildeten sich auf ihm immer nur kleine, dünne Eisschichten, da sie darauf achteten, dass sich keine dickeren bildete, denn sonst wären sie hier oben hoffnungslos verloren. Die Grau-Weiße wich einem kleinen Felsen aus und erreichte das Ufer des Sees. Sie tappte vorsichtig mit ihrer Pfoten auf das Eis und ging noch ein wenig weiter nach links hinüber, weg von der Rudelhöhle und fand so schließlich die dünnere Stelle im Eis. Mit einem kleinen Stoß ihrer Pfote und dem anschließendem Druck ihrer Schnauze gab das Eis knackend und splitternd nach. Erleichtert ließ Kaede ihre Schnauze ein wenig geöffnet in das eiskalte Wasser gleiten und begann in langen Zügen zu trinken. Auch wenn das Wasser wie kleine Nadeln in ihrem Maul pieksten, ließ sie sich nicht beirren und trank weiter. So langsam hatte sie sich daran gewöhnt, dass es nicht mehr das schöne, weiche Wasser aus dem Sternenwind Tal gab sondern dieser kalte und harte Wasser hier oben. Aber da man dies sowieso nicht ändern konnte, musste man es eben so hinnehmen wie es war. Als sie ihren Kopf hob tropften einige Wasserperlen zurück in den See und andere, spätere, gefroren an ihren kleinen Härchen rund um die Schnauze herum. So hatte sich in Windeseile ein kleiner, glitzernder Eisbart gebildet. Davon ließ sie sich ebenfalls nicht ablenken. Sie drehte sich um und setzte ihren Weg, nahe dem See, weiter fort. Sie ging nicht zurück zu der Rudelhöhle sondern eher in die Richtung aus der sie gekommen waren. Natürlich nur ungefähr und sie wusste auch nicht wo ihr Weg sie hinführen würde, aber sie wollte sich auf jeden Fall ein wenig die Beine vertreten.
Sie grübelte immer noch darüber nach, wie es hier oben wirklich aussah. Sie konnte sich nicht wirklich etwas vorstellen. Sie hatte ein Bild vor ihren Augen, doch es war nicht Detailreich, es war einfach eine Art Tal zwischen hohen und zerklüfteten Bergen, welches selber mit Felsen gespickt war. Diese waren sicher mit der Zeit von den Bergen herunter gekommen. In einem der Berge hatte sich eine mittelgroße Höhle, aus welchem Grund auch immer, gebildet in der sie nun hausten. Dann gab es noch den See. Wie groß und wie tief er war wusste sie nicht. Nur das er sicher aus einem der Bergflüsse gespeist wurde und so auch nie zu dick einfror, aber doch teilweise zu dick um an das Wasser zu gelangen. Na und dann war natürlich alles mit Schnee bedeckt. Auch die gefährlichen Eisspalten in die man ganz leicht rutschen konnte. Kaede konnte sich noch gut erinnern. Früher, als sie jünger war hatte sie sich immer menschlich über den Schnee gefreut. Sie war wie eine Irre durch die Schneeteppiche gesprungen und hatte die dicken Flocken bestaunt, die einfach so aus dem Himmel gepurzelt kamen. Sie musste daran denken, wie die Welpen, falls sie hier geboren werden sollte, staunen würden, wenn sie aus der Schneelandschaft zurückkehren würden. Sie würden das Laub und die Bäume ebenso bestaunen, wie sie es damals mit dem Schnee getan hat. Bei dem Gedanken musste Kaede lachen und auch danach funkelten ihre Augen ein wenig mehr, als sie es sonst taten und sie sah glücklich aus. Sie freute sich schon wieder auf die neuen Welpen. Sie hoffte, dass nicht zu viele sterben würden. Es würde hart für sie werden. Und auch wenn sie nicht damit rechnete eine Patin zu werden freute sich, sich die Kleinen herum wuseln zu hören. So in Gedanken versunken blieb sie ruckartig stehen, als ihr der Geruch einer Fähe in die Nase stieg. Sie witterte nochmals. Es war eine Fähe aus dem Rudel, doch konnte sie sich nicht entsinnen schon einmal näher mit ihr zu tun gehabt zu haben. Oder doch? Kaede bemühte sich den Geruch wieder zu erkennen, doch fiel ihr nichts ein. Neugierig, warum eine Fähe anscheinend alleine so weit von dem Rudel entfernt war, änderte sie ein wenig ihre Richtung, um zu eben dieser Fähe zu gelangen. Sie musste auch gar nicht mehr weit gehen und auch nur zwei kleineren Felsen ausweichen, als sie merkte, dass die Fähe nun nicht mehr weit von ihr entfernt sein konnte. Sie tat noch einen kleinen Schritt und blieb in angemessenen Abstand von der Fähe stehen. Irgendwie schien ihr die Fähe erschrocken. Ja, vielleicht sogar verängstigt, doch sicher war Kaede sich nicht. Doch sie war sich sicher, dass diese Fähe Traurigkeit ausstrahlte. Warum war sie bloß traurig, sollte ihr Gefühl stimmen. Und warum saß sie hier alleine? Eben weil sie traurig war? Kaede zerbrach sich schon wieder den Kopf bevor sie die Fähe überhaupt angesprochen hatte, gekannt hatte. Sie lächelte die Fähe mit schräg gelegtem Kopf an, nachdem sie sich über die Schnauze geleckt hatte und so einige kleine Eiskristalle von ihrem Fell in den Schnee gefallen waren. Leicht stellte sie ihre Rute auf und wedelte der anderen freundlich zu. Ihre Ohren waren zwar aufmerksam nach vorne aufgestellt, aber auch ein wenig zur Seite. Sie wollte der Fähe zeigen, dass sie sich nicht zu fürchten brauchte. Erst dann kam ihr in den Sinn, dass sie auch mit der Fähe reden konnte und erhob über sich selbst amüsiert ihre Stimme.

„Sei gegrüßt, du mir fremde Fähe. Ich ging so meine Wege, als ich deinen Duft vernahm und so habe ich zu dir gefunden. Darf ich mich wohl zu dir gesellen oder ist dir das nicht Recht? Ich möchte dich keinesfalls belästigen oder mich dir aufdrängen, weißt du. . .“

Kaede blickte weiterhin freundlich, gespannt auf die Antwort. Vor allem gespannt darauf, wie die Stimme klingen würde. Es enttäuschte sie irgendwie immer wieder, dass sie die Mimik, die Gestik der Wölfe nicht sehen konnte, aber sie hatte gelernt damit umzugehen. So musste sie eben auf ihr Gefühl vertrauen. Auf ihr Gefühl, die Ausstrahlung der anderen wahrzunehmen und auch richtig zu deuten. Und auf andere Sachen, wie Bewegungen und eben die Stimme.


Der Frühling nahte, aber in ihr hielt der Winter inne. Sie hatte die Begegnung mit dem Rüden und der Fähe nicht vergessen, erachtete sie jedoch als unwichtig. Das klang zunächst alles andere als schön, doch hatte es zum Vorteil, dass niemand verletzt werden konnte. Es war weder eine boshafte Begegnung gewesen, bei der sich die beiden Seiten oder zumindest eine der anderen Leid zufügen wollten, noch eine so schöne, dass sie es nun bedauern musste, nicht mehr bei der anderen Seite zu sein. Sie wusste nicht, was sie jetzt taten und eigentlich beschäftigte es sie auch nicht. Sie wusste nach wie vor gar nichts über die Zwei. Zwar hatte sie sich wegen dem Rüden hin und wieder Gedanken gemacht, er war recht anders als sie meisten anderen, die sie zuvor in ihrem Leben kennen gelernt hatte, doch es zog sie auch nicht unbedingt in seine Nähe. Sie hatte nun aber das relativ feste Gefühl, dass es ich nicht darum gegangen war, ihr Schaden zuzufügen oder auch nur Angst einzujagen. Wenn dem so wäre, so hätte er das in den letzten Wochen mit Nachdruck ausüben können, doch das hatte er nicht.
Während sie viel zu lange über Schicksale und Lebenswege nachdachte, stieg ihr die Witterung eines weiteren Fremden in die Nase, eine Fähe, wie sie recht bald feststellte. Augenblicklich stand sie auf. Sie war nach wie vor geschwächt, hatte nur von kleineren Tieren gelebt, die sich in ihrem Leben wohl noch ungeschickter anstellten, als sie es schon tat und dem Tod somit noch früher in die Augen blicken mussten. Nur das hatte sie bis jetzt am Leben erhalten und gab ihr jetzt das Bisschen verbleibende Kraft, die Fremde zu registrieren und sich noch einmal aufzustellen, als ob es von ihrer längst vergangenen Würde, wie sie glaubte, noch etwas retten würde.
Ein misstrauischer Blick beäugte die sich nähernde Weiß-Graue. Unsicher tat sie ein paar zaghafte Schritte zurück, stieß dabei jedoch nach wenigen Schritten mit dem Hinterlauf gegen einen kleinen Stein im Schnee, als wolle er sie aufhalten..davor bewahren, wieder einmal mehr vor ihrem Schicksal davonzulaufen. Ihr zögerlicher Blick hielt an, sie richtete die Ohren nach vorn, als sie sprach. Leyla gab sich Mühe, so ,normal’ wie möglich zu wirken. Sie kannte sie noch nicht, wie es schien. Sie wollte ihr nicht auch noch unter die Nase halten, welch schwache und zerstörte Seele sie war, wie sehr ihr Selbstbewusstsein seit ihrer Jungwolfzeit gelitten hatte. Keine Unsicherheit sollte ihren Blick prägen. Nicht nur, dass sie nicht wusste, dass ihr das nicht gut gelang, so wusste sie auch und erst recht nicht, dass die Fremde das nicht sehen konnte. Mit Unverständnis lauschte sie ihren Worten. Was hatte die Fremde? Sie wirkte auf sie auch sehr mysteriös, so wie sie es für sie vielleicht tat, wenn auch auf eine andere Art und Weise. Nicht mehr weichende Fraglichkeit begleitete ihr Gewissen. Der Eindruck der Fremden lenkte so sehr von ihren Worten ab, dass sie erst beim Zweiten Nachdenken mitbekam, was sie überhaupt sagte. Leyla wandte den Blick abgelenkt ab und sah leer in die Gegend, dachte nach. Konnte sie darauf antworten? Belästigen..das hatte die Schwarze vor einiger Zeit auch gefragt. Wenn es danach ging, so durfte sie niemanden an sich heranlassen, doch das konnte sie so oder so nicht bewirken. Dafür war sie viel zu schwach und ihr Selbstbewusstsein war nicht im Stande, sie von allen Unannehmlichkeiten fern zu halten. Bisher hatte sie die Einsamkeit als natürliche Sache des Lebens hingenommen. Doch nun staunte sie, welch verwunderliche Wölfe es im Rudel noch gab. Zunächst konnte man meinen, war sie gar nicht so besonders. Sie schien vom Schicksal besser behandelt worden zu sein. Sie sprach zumindest so. Und doch ließ sie das Gefühl nicht los, dass diese Fähe etwas hatte, was sie zu etwas Besonderem machte, wenn man so wollte. Überrascht, durch ihre Unaufmerksamkeit, abgelenkt durch dieses Etwas, was sie noch nicht bestimmen konnte, hielt sie nun den Blick wieder auf sie. Und sofort hatte sie sich als unnormale, unfreundliche und unsoziale Persönlichkeit bewiesen. Sie sah sie nicht einmal an, während sie mit ihr sprach und gab lange gar keine Antwort. Obwohl es nichts mehr zu verlieren oder zu retten gab, wie sie meinte, so war es ihr doch unangenehm, nun auch bei dieser Fähe als unfähig für ein Rudel auffällig geworden zu sein. Sie senkte das Haupt etwas. Zu gern hatte sie wissen wollen, was mit dieser Wölfin war. Warum..ja..warum sah sie ihr nicht direkt in die Augen, sondern nur so ungefähr? Niemals hätte sie sich gewagt, sie das zu fragen und doch musste sie Worte wechseln, wenn sie hoffte, dass sie es ihr dann vielleicht selbst verraten würde. Auffällig war auch gewesen, dass sie ihren Namen noch nicht genannt hatte. Leyla würde dies nicht zuerst tun, das war für sie nicht möglich.

„Mh.“

Gab sie leise durch die Nase zu hören. Es war so ein Laut, der alles und nichts aussagte. In diesem Falle wohl am ehesten, dass sie nicht wusste, was sie dazu sagen sollte. Es war ein Ja, sie störte, wie jeder Wolf, aber auch ein Nein, weil sie etwas Besonders an sich zu haben schien, was sie doch ein wenig neugierig gemacht hatte. Und sie war dabei von sich selbst überrascht. Dass sie wirklich noch einmal Neugier entwickelte, das war nicht häufig. So wusste die Fremde gar nicht, wie sehr sie sich schätzen konnte.

„Wie..wie..“

Sie zögerte mit den Worten, als wäre jedes Wort tausend Stiche in ihren Leib. Sie sah etwas angestrengt darüber zu Boden, konnte ihr nicht noch in die Augen sehen, auch wenn sie das Gefühl hatte, die Blicke der Namenlosen waren leer und deutungslos.

„Wie heißt du?“

Huschte es ihr dann recht plötzlich über die Lefzen. Sie würde doch einsehen, dass sie mit ihr nichts anfangen konnte, so lange sie noch nicht einmal einen Namen von ihr wusste. Aber so hatte sie schon leichtes Interesse geäußert, das war hoffentlich eindeutig. Hätte sie sie nur gestört, absolut, dann hätte sie sie nicht nach dem Namen gefragt sondern wäre fortgegangen. Aber..der Stein hinderte sie daran, symbolisch zumindest. Sie hoffte, dass die Weiß-Graue weiter so gesprächig war und vielleicht irgendwann..vielleicht auch nur aus Versehen, äußerte, was mit ihr war.


Wie fühlt man sich, wenn man offensichtlich der Einzigste ist einem völlig verzweifelten Geschöpf zu helfen - und das ohne genau zu wissen, wie man denn nun zu helfen hat? Hima fühlte sich auf gewisse Art und Weise schrecklich. Einerseits war ihr ganzes Herz vor Mitleid und Verständnis förmlich getränkt, andererseits wusste sie nicht, was nun zu tun war. Sicher, sie hätte versuchen können Hilfe zu holen. Allzuweit war die rettende Höhle nun auch wieder nicht entfernt, es würde wahrscheinlich gar nicht so lange dauern jemanden zu finden, der sich so einer Aufgabe gewachsen fühlte - am Besten und sichersten wäre es selbstverständlich gewesen Banshee an Ort und Stelle zu bringen. Sie als Alpha würde mit allerhöchster Sicherheit wissen, wie man zu reagieren hatte. Doch Hima scheute sich Shani auch nur für einen Augenblick alleine zurückzulassen, hier in dieser weißen und eiskalten Todeswüste. Sie fürchtete sich davor, was es für Folgen haben würde... Einerseits ginge wichtige Wärme verloren, gleichzeitig jemand, an den man sich anlehnen konnte, von dem man zumindest wusste, dass er zuhörte. Wenn sie, Hima, nun ginge, was würde Shani tun? Die Fähe sah zumindest nicht danach aus, als würde sie mit aller Kraft probieren am Leben zu bleiben. Es blieb also nichts anderes übrig als im kalten Schnee zu verharren, abzuwarten, Gehör zu schenken und zu reden.

"Aber Shani, warum solltest du nicht zurück in die Höhle können? Du bist Rudelmitglied und du verdienst es wie jedes andere Lebewesen auch, zu leben! Und welchen Fehler möchtest du bitte begangen haben, der so schwerwiegend ist, dass nicht einmal Banshee dich wieder einlassen würde? Das würde sie nämlich, soviel ist sicher. Du kannst noch nicht sehr alt sein, nicht wahr? Du hast das Leben doch noch vor dir, warum möchtest du es so beenden? Eine Lösung gibt es für alles, Kleines. Aber aufzugeben, das ist wirklich der falsche Weg! Warst du es nicht, die damals, als auch diese schreckliche Lawine über uns hereinbrach, so mutig diesem Schwarzen gegenüber getreten bist? Selbstverständlich kenne ich die näheren Zusammenhänge nicht, aber für mich beweist es, dass du zu so viel mehr fähig bist..."

So viele Worte, die zwar natürlich dem Zweck dienten, Shani wieder so etwas wie Lebenswille einzuhauchen, aber auch um ihr zu verstehen zu geben, dass sie wirklich etwas wert war, völlig egal was denn nun dieser Fehler war. Diesen Satz, dass sie etwas falsches getan hätte, hatte Shani vorhin so leise gemurmelt, dass der Wind ihn fast fortgetrieben hatte bevor Hima in der Lage war, ihn aufzunehmen und zu verstehen. Sie schüttelte bedächtig den Kopf, den Blick, der während ihrer ganzen kleinen 'Ansprache' auf der Weißen geruht hatte, ließ sie nun schweifen. Man sah nicht viel, am wenigsten natürlich Wölfe... Doch vielleicht war es tatsächlich gut, dass die beiden Fähen in dieser Situation allein waren. Denn wenn Shani bereit war sich zu öffnen und preiszugeben, was sie innerlich so zerriss, dann bestand eine gute Chance sie ins Leben zurückzureißen. Ein weiterer Artgenoße würde sie vielleicht nur weiter in sich selbst zurückdrängen und alles nur erschweren - das hoffte Hima zumindest. Denn gerade schien alles von ihr selbst abzuhängen: ob Shani gewillt war mit ihr zurückzukehren und weiterzuleben, oder... Nein, diesen Gedanken konnte die Fähe nicht zu Ende denken.


Ihr Blick war die ganze Zeit über nur ungefähr auf die wahrscheinlich vor ihr stehende Fähe gerichtet. Zwischen durch mal schweifte ihr Blick weiter ab. Sie wunderte sich ein wenig, warum die Fähe nicht antwortete, sich nicht einmal durch einen Laut zu erkennen gab. Wenn Kaede nicht ihren Geruch gehabt hätte, hätte sie sich sicher gefragt, ob da überhaupt ein Wolf war. Allerdings war auch noch die Ausstrahlung der Fähe da, natürlich. Was wäre ein Wolf schließlich ohne Ausstrahlung. Doch Kaede wollte die Fähe nicht drängen, wenn sie antworten wollte, würde sie es gewiss noch tun. Sie würde schon ihre Gründe haben, dass sie schwieg.
Als sie dann das leise und unsichere Geräusch der Fähe vernahm drehten sich ihre Ohren leicht weiter nach vorn. Ja unsicher war das richtige Wort gewesen. Es war ein Laut, der nicht klar werden ließ, was sie eigentlich sagen wollte. Vielleicht war sie sich selber nicht sicher was sie wollte, oder auch nicht wollte. Dieses Gefühl der Zwiespaltigkeit war ihr nur zu gut bekannt. Wieder glitt ein Lächeln über ihre Lefzen. Ja, in früheren, vergangenen Zeiten war ihr dieses Gefühl nur zu oft über den Weg gelaufen. Fast schien es ihr damals, als ob sie es immer wieder herausforderte. Sich eigentlich zeigen wollte, dass sie sich entscheiden kann und dann doch wieder gescheitert ist. Aber Kaede sagte sich, dass das alles sie zu der Fähe gemacht hatte, die sie jetzt ist. Also war schon alles richtig gewesen, was sie gemacht hatte, ob gezwungen, freiwillig, gequält oder mit einem Lachen auf den Lefzen. Dann wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Wieder kamen nur zögernd, fast schon stammelnd Worte über die Lefzen der ihr noch immer Unbekannten. Und dann plötzlich schien sie sich einen Ruck gegeben zu haben und fragte sie nach ihrem Namen. Das war ihr aber nun wirklich unangenehm, da hatte sie schon wieder so viel geredet und sich dabei ganz vergessen vorzustellen. So was war ihr wirklich unangenehm und sie senkte etwas den Kopf und brachte ihn so noch mehr in eine Schräglage. Ihre Rute ging ebenfalls etwas runter, schwenkte nur noch leicht von Rechts nach Links. Die andere hatte sich zwar auch nicht vorgestellt, aber vielleicht wartete sie auch nur darauf, dass sie ihren Namen nannte. Vielleicht wusste sie, dass sie der Beta des Rudels war und wollte so zeigen, dass sie sich ihr unterordnete. Oder hatte es wohl andere Gründe. Immer noch beschämt darüber, dass sie ihren Namen vergessen hatte zu nennen hob sie wieder leicht den Kopf und antwortete der Fähe rasch, bevor diese noch unsicherer wurde, weil sie, Kaede, so lange schwieg.

„Entschuldige bitte, ich habe ganz vergessen meinen Namen zu nennen. Ich bin Kaede. Darf ich auch fragen wie du heißt?“

Ihr fiel es schwer die Fähe vor ihr richtig einzuschätzen. Viele Wölfe verrieten einiges über sich durch Bewegungen, aber diese Fähe schien nichts zu machen. Einfach nur zu stehen. Außer den paar Worten, die sie gesprochen hatte konnte Kaede nichts vernehmen. Ein wenig tippelte sie mit ihren Pfoten auf der Stelle, ehe sie sich langsam hinsetzte. Durch die vorsichtigen Schritte die sie gemacht hatte, bemerkte sie, dass sie nicht unweit der Fähe war und die Fähe nahe einem Felsen stand. Der Abstand konnte nur wenige Meter betragen, sonst hätte sie dies nicht hören können, der lästige Schnee verschluckte viel zu viele Einzelheiten, die Kaede eigentlich wichtig waren um richtig orten zu können. Ach, wie leicht es doch früher gewesen war, als sie noch hatte sehen können. Oder auch noch, als sie nur noch die Umrisse und Schatten wahrnehmen konnte. Doch diese völlige Finsternis trieb sie noch immer manchmal fast in den Wahnsinn. Sie konnte sich nicht ganz daran gewöhnen, würde es sicherlich nie ganz schaffen. Es war so schwer für sie, sie war eine so Lebensfrohe Fähe gewesen, war es eigentlich ja immer noch, aber es schien ihr, als ob etwas in ihrem Leben fehlte. Die farbige Fröhlichkeit. Ja, das war es. Fröhlichkeit verspürte sie immer noch, natürlich und sie freute sich auch immer, aber bei all dem fehlten die verschiedenen Farbstufen. Die Figuren. Die sich ebenfalls freuenden Gesichter um sie herum.
Die viele Grübelei an vergangene Zeiten betrübte die Fähe und durch ein leichtes Kopfschütteln vertrieb sie die Gedanken. Sie konnte schließlich noch immer die Farben sehen und auch die lachenden, fröhlichen Gesichter. Es war doch so oder so immer noch alles in ihr drin. Es lag doch an ihr wie sie sich ihr Leben gestaltete. Begeistert von dieser immer wiederkehrenden Erkenntnis zog sich ein strahlendes Lächeln über ihre Schnauze. Immer wieder retteten sie die Gedanken an vergangene, frohe, noch bewegte Szenen aus ihrer Melancholie, die sie von Zeit zu Zeit immer mal überfiel. Doch alles in allem war sie von gut gelaunter Natur. Oh, wie oft war sie schon über schwierige Zeiten hinweggekommen, ob mit oder ohne einen treuen Freund an ihrer Seite.
Doch nun war sie erst einmal neugierig, was die Fähe vor ihr Antworten würde, sie würde gewiss antworten. In der letzten Frage lag schließlich etwas von Neugier. Vielleicht weniger Neugier als nun in ihr wuchs aber immerhin etwas. Es konnte ja auch nicht jeder so neugierig sein wie sie, das wäre dann bestimmt sehr chaotisch wenn jeder immer alles wissen wollen würde. Aber vielleicht lag das ja auch mit an ihrer Blindheit. Sie wollte immer so gerne so vieles wissen, damit sie sich ein gutes Bild machen konnte. Und selbst dann blieb es meist nur ein unscharfer Schatten in ihrem Kopf. Aber je besser man ihr Dinge, Wölfe, die Umgebung beschrieb, desto klarer wurden die Bilder, desto besser konnte sie sich vorstellen wie alles aussah. Und das stimmte sie fröhlich. Vielleicht hatte sie hier ja auch endlich eine Wölfin gefunden, die ihr die Umgebung genauer schildern konnte, denn das hatte ihr bis jetzt noch niemand. Sie hatte sich immer nur auf ihre Sinne verlassen können. Natürlich war das weiter nicht schlimm, aber einerseits fand sie es schade, dass niemand auf den Gedanken gekommen war und andererseits mochte sie Landschaften fast immer. Egal wie sie aussahen. Jede war auf ihre Art und Weise faszinierend, wunderbar und auf jeden Fall einzigartig.


Aus dieser Fähe konnte man wohl nicht schlau werden, in diesem Falle brauchte sich Leyla vielleicht gar keine Vorwürfe machen. Sie wurde das Gefühl nicht los, dass sie ihr etwas verschwieg. Doch vielleicht aus gutem Grund. Die Weiße betrachtete sie unsicher, achtete jedoch darauf, dass sie sie nicht allzu sehr anstarrte, das hätte sehr bald unhöflich wirken können und weitere Feinde wollte sie sich gewiss nicht machen. Unsicher ließ sie den Blick umherfahren und überlegte, was es wohl sein konnte, das sie ihr verschwieg. Ja, sie hatte wirklich ihre Neugier geweckt. Sie sollte nicht mehr gehen, nicht, bevor sie nicht wusste, was mit ihr war. Angst hatte sie vor ihr keine, sie sah keinen Anlass dafür und scheinbar brauchte sie doch noch einen, zumindest den, dass ihr Gegenüber deutlich und spürbar stärker war, wie es der Schwarze gewesen war. Sie aber schien ganz anders. Sie schien sich der Sache sicherer obgleich sie sie vergessen hatte, ihren Namen zu nennen. Sie bemerkte nur, dass sie es vergessen hatte, das hatte Leyla noch gar nicht einmal in Betracht gezogen. Sie hätte sich auch gut vorstellen können, dass sie ihn nur nicht hatte nennen wollen oder dass sie Probleme damit hatte, so wie es bei ihr war. Aber sie hatte es nur vergessen. Es hätte wohl auch nicht zu ihr gepasst, wenn sie ihn nicht hätte nennen wollen, da sie schließlich diejenige war, die das Gespräch begonnen hatte, ja, sie sie überhaupt aufgesucht hatte. Die Weiße atmete angestrengt durch, sie ließ ihre Miene dabei gleich bleibend. Sie ahnte nicht, dass es kaum eine Rolle spielte, welche Miene sie abgab.
Es schien niemand in ihrer Nähe zu sein, gar niemand. Sie witterte und hörte die anderen zwar etwas entfernter weg, doch sie beobachteten sie wahrscheinlich nicht. Das gab Leyla etwas Mut. Nur ungern hätte sie gesprochen, wenn noch jemand anderes dabei gewesen wäre, wie es bei der letzten Begegnung plötzlich der Fall war. So musste sie wohl etwas daran setzen, herauszufinden, was ihr Geheimnis war, bevor jemand kam, der ihr die Möglichkeit dazu nahm. Ihre Freundlichkeit schien von Ehrlichkeit geprägt, sie wirkte nicht so, als wäre alles nur gestellt oder nur eine Scheinfreundlichkeit, um sie zu locken oder auszulachen. Auf unerklärliche Weise entwickelte sich so etwas..so etwas wie Vertrauen, ohne, dass sie es erklären konnte, warum. Letztlich war sie wohl doch nur eine ganz einfache Wölfin, wie jede andere im Rudel auch, oder nicht? Sie war ganz anders als sie, so aufgeweckt. Eigentlich hätte Leyla sofort die Distanz gesucht. Was es hier war, was sie hielt, an ihr, was ihr sogar das Gefühl gab, sie brauchte ihr gegenüber kein so große Misstrauen aufbringen, war ihr noch unklar.

„Ley-Leyla.“

Sagte sie vorsichtig, beobachtete die Weiß-Graue genau, um sofort zu sehen, welcher Ausdruck in ihrer ersten Situation lag. Leyla hatte eine Ahnung, mehrere sogar und mit Sicherheit waren die meisten oder sogar alle falsch. Doch ihre innere Neugier trieb sie dazu an, einen kleinen, zaghaften Schritt auf die Weiß-Graue zu tun, um ihr etwas näher zu sein. Warum und was das bringen sollte, wusste sie selbst noch nicht genau. Doch Angst bestand keine, Respekt aber allemal. Sie würde ihr nicht zu nahe kommen, der nächste Schritt musste daher ein anderer sein, wenn es denn noch einen geben sollte.
Sie hielt ihren Blick auf Kaedes Augen. Sie dachte so sehr nach, dass ihr erst im nächsten Moment einfiel, dass sie diesen Namen schon einmal gehört haben musste..Kaede..aber sie hatte ihn sich nie gemerkt, er hatte keine Bedeutung für sie. Und sie würde ihn sicher auch bald wieder vergessen, von ihrem Vorhaben, den Weg des Abseits zu gehen und dem Pfad der Ewigkeit weiter zu folgen, war sie trotzdem nicht abgekommen, es war so fest in ihr, dass sie sich nicht vorstellen konnte, dass ihr Leben noch lange seinen jetzigen Weg verlief. Sie musterte die Augen der Wölfin, vergaß dabei, vielleicht durch ihr Inneres, was ihr diese Sicherheit gab, weil es mehr wusste, dass sie sie schon wieder anstarrte. In ihren Augen stand so eine Leere, eine Düsterkeit, keine farbliche Düsterkeit, eine Düsterkeit des Lebens, fast so, wie in ihrer Seele. Obwohl Leyla ihren Blick mehrmals gewendet hatte und nie längere Zeit auf einem Punkt hielt, wie es für sie und wohl alle Lebwesen normal war, so tat es Kaede aber doch. Interessierte sie das alles nicht? Sie wirkte abwesend, beinahe interesselos .. dabei waren ihre Worte doch von Interesse geprägt, es passte also nicht zusammen. Dieser scheinbar desinteressierte Blick aber diese fröhlichen, fragende Worte aus ihrem Maul. Nachdem sie einige Zeit näher bei ihr gestanden hatte und sie angestarrte hatte, als säße ein Insekt auf ihrer Nase, löste sie endlich ihren mittlerweile beinahe schon ebenso starren Blick und sah beschämt zu Boden.

„Entschuldige.“

Ihr Wort der Bitte um Vergebung schien für sie sehr angebracht. Sie hatte sie angestarrt als wäre sie etwas sehr Auffälliges, das konnte Kaede nur unangenehm sein. Zumindest wäre es für Leyla so gewesen, hätte sie jemand so angestarrt. Leyla selbst kannte den Grund dieses unhöflichen Verhaltens nicht, noch weniger aber die Antwort auf das Hervorrufen dieser Tatsache. Sie erwartete nun vorwurfsvolle Worte, weitere Abneigung der Fähe, wie sie es gewohnt war. Leylas Augen durften nichts erfahren, es war ihr verboten. Sie fragte sich, wozu sie sie dann in ihrem Leben mit auf den Weg bekommen hatte. Eine, so gesehen, unsinnige Tatsache .. wie sie meinte.

Atalya
26.12.2009, 13:23

Rasmús nahm die Geste der Fähe mit einem Lächeln an und stupste sie sanft zurück. Keinen Moment lang war er böse auf sie gewesen. Er hätte es nicht gekonnt, vermutete er mal. Lange musterte er Aradis, die ihn ebenfalls anblickte. Sie war schön. Reinweißes Fell, Augen, so grün wie zwei funkelnde Smaragde. Und ein Lächeln, das ganz bestimmt nicht von dieser Welt war. Er hätte sie stundenlang so ansehen können, aber er zog es vor, den Blick abzuwenden und sich wieder bei der Wölfin niederzulassen. Vorsichtig zog er ein Stück Fleisch aus dem Kaninchen, das sie angefangen hatte zu fressen, und reichte es ihr. Egal was vorgefallen war, sie musste Hunger haben, und den konnte sie mit so einem kleinen, halben Kaninchen noch nicht gestillt haben.

Als er ihre Worte vernahm, musste er grinsen. Sein Herz machte einen Hüpfer, und zur Antwort bekam sie nur einen beschwörenden Blick. Eiinen kurzen, so hypnotischen Blick, dass ihr die Antwort förmlich in den Kopf hätte gleiten können. Schmunzelnd wandte Rasmús erneut den Kopf ab, und warf noch einen Blick zum Höhleneingang.

"Ich denke, sie wartet auf Shani und Hiryoga. Ich frag mich auch, wo die beiden sind."

Besorgt blickte er noch einmal hinaus, dann wandte er sich wieder Aradis zu. Allein der Name zerging ihm wie die köstliche Sheabutter auf der Zunge, die er einmal gefunden hatte, zurückgelassen in einem leeren Menschenlager. Köstlich war sie gewesen, zart, irgendwie fließend und doch fest. Rasmús sehnte sich in diesem Augenblick so sehr nach einem Stück davon, das er mit Aradis teilen konnte, das es fast wehtat. Doch er fasste sich un seufzte lächelnd.

"Es wird ihnen schon nichts geschehen sein. Magst du nicht auffressen, Aradis?"

Er stupste die Kaninchen und dann sie ganz sachte an, lächelte ihr wohlwollend zu. Hier ließ es sich doch aushalten.


Während der Nachtsohn auf eine Antwort wartete, setzte er sich wieder in Bewegung, stellte eine Pfote vor die andere und nahm seinen Weg durch das Weiß wieder auf. Wie aus einem Traum, so schien alles hier zu sein, wobei er sich nicht entscheiden konnte, ob es sich um einen Traum oder eher Albtraum handelte. War die Landschaft hier wie das Abbild seiner Seele. Weiß und kalt, leer und undurchsichtig. So verwirrend. Die grünen Augen trafen die Seine, was ein leichtes Zucken seiner Ohren nach sich zog. Innerlich runzelt er die Stirn, war nicht minder verwirrt wie damals als er zusammen mit dem Graubraunen Shit am Abgrund gestanden hatte, der ihn gerufen hatte. Der Tod war so nah gewesen, trotzdem war der ewige Wanderer einen anderen Weg eingeschlagen. Hatte er seine Wahl getroffen? Schon, wenn auch irgendwie nicht, da er nicht vor Shit sich in die Schlucht hatte stürzen wollen. Hatte er dabei zu sehr an die Gefühle des Jüngeren gedacht, als an sich selber? Wäre er egoistischer gewesen, würde er heute nicht hier stehen. Jetzt galt es nicht, einen Gedanken daran zu verschwenden, denn sein Weg hatte ihn zum Leben zurück geführt, wobei er nicht behaupten konnte, dass er schlauer als damals war. Er war keinen Schritt weiter gekommen, drehte sich nur nach wie vor weiter im Kreis, bis ihm schwindelig war. Es ging immer weiter. Nie hörte es auf. Jetzt war er hier, lebte und existierte doch nur vor sich hin. Ein Schatten, der Form und Gestalt angenommen hatte, den man sehen riechen und fühlen, mit allen Sinnen wahrnehmen konnte und auch er vermochte all dies, aber Leben konnte er dies nicht nennen. Daher seine Frage. Wie lebte man? Wie lebte man richtig? Gab es da ein Richtig und ein Falsch? Man konnte einem doch nicht vor schreiben, was man zu tun oder zu lassen hatte, aber das Betraf eher die Frage nach Freiheit. Aber was war Leben? War Leben Freiheit? So viele Fragen, die kein Ende nahmen und noch immer war keiner in Aussicht, der sie ihm möglicherweise beantworten konnte. Was hatte man mit ihm vor? Etwas musste es doch geben, wofür er am Leben gehalten wurde, denn sein herz schlug doch. Nur fühlte es auch? Im Gehen dachte Midnight über Lumens Antwort nach, die ihm keine sonderlich erbauenswerten Antworten auf seine Fragen gab. Zumindest keine, mit der er etwas anfangen konnte.

Nein...

, murmelte er leise, doch klar verständlich.

Weder weiß ich, ob es ein erstrebenswertes Leben für mich in der Zukunft gibt, noch weiß ich, ob es so was in der Vergangenheit je gegeben hat.

Lebewesen verkamen, wenn sie keine Aufgabe hatten, die sie erfüllte, die ihnen das Gefühl gab gebraucht zu werden. Und er war so jemand. Keiner hier brauchte den Nachtschwarzen, es kannte ihn auch kaum einer, außer vielleicht flüchtig oder vom Sehen. Eine Aufgabe hatte er auch nicht, ein Ziel nicht und sein Leben machte schon eine Weile keinen Sinn mehr. Ob es einen Sinn gehabt hatte bevor er die Erinnerung verloren hatte, das wurde von einem dichten Nebelschleier verborgen.

Die Einsamkeit ist seit jeher mein einziger, treuer Begleiter, der mich niemals verlassen wird. Und was ist es für ein Wolf, der es doch tut? Der sich selber ins Exil schickt? Und wer seid Ihr? Denn seit ihr nicht weniger hier hinauf gestiegen?

Von der Seite warf er dem Hellen einen ruhigen Blick zu, schritt dann weiter. Inzwischen hatte er während er sprach inne gehalten, damit der Weiße zu ihm aufschließen konnte und nicht hinter ihm her lief. Irgendwie hatte es ihm ein seltsames Gefühl gegeben, welches er nicht zu deuten vermochte und auch wenn seine Anwesenheit ihm nicht unangenehm war – ganz im Gegenteil, was ihn erstaunte und überraschte- aber das er hinter ihm lief missfiel ihm, so dass die beiden Rüden mit respektvollem Abstand nebeneinander liefen.

Niemand spricht vom Töten, auch wenn es Morde überall gibt. Und den Tod suche ich auch nicht mehr freiwillig, sondern will warten bis er zu mir kommt. Ja, ich habe mich für das Leben entschieden, aber der Weg dorthin zurück ist mir nicht erkenntlich. Ich finde ihn nicht. Und außerdem...

Er brach ab, ließ eine Weile verstreichen, die Ruhe wieder herrschen, bis er das Wort erhob, diesmal noch leiser als bisher.

... außerdem habe ich das Gefühl, etwas schreckliches getan zu haben...



Ihre Gedanken trugen die Grau-Weiße weiter. Sie machte sich nichts daraus, dass die Fähe nicht sofort antwortete. Auch wusste sie nicht genau, wie sie sich verhalten sollte, diese Fähe war anders. Doch das war ihr schon bei mehreren Wölfen dieses Rudels aufgefallen. Wenn sie sich nicht irrte, waren in dieses Rudel anders als andere. Sie hatte noch nie so ein Rudel getroffen, dabei hatte sie in vielen kurzzeitig mit gelebt. Aber eben auch nur kurz. Sie war nirgendwo aufgenommen worden. Wahrscheinlich wegen ihrer Blindheit. Es war schließlich ein große Schwäche und nicht jedes Rudel wollte so ein schwaches Mitglied haben. So ein hilfloses Anhängsel, wie sie es war. Auch wenn sie sich nicht immer so sah. Gewiss, wirklich jagen konnte sie nicht, nicht alleine. Aber sie hatte gelernt. In Begleitung und auf weiten Flächen konnte sie mittlerweile sogar schon kleinere Tiere erlegen. Nur hier war es ihr unmöglich. Selten gelang es ihr, auch nur wenn sie ein kleines Tier ganz in ihrer Nähe witterte und sie gegen den Wind stand, sonst war es hier viel zu gefährlich, da sie wenn sie zu schnell lief nicht gut orten konnte. So hatte sie gelernt mit wenig Nahrung auszukommen. Sie wusste nicht genau, ahnte aber, dass sie dünner geworden war, jedoch war ihre Muskelmasse auch mehr geworden. Hier oben wurden die Muskeln schön sehnig, vor allem auf der weiten Wanderung hatte sich vieles getan. Es war ja ein anstrengender Weg gewesen und man hatte viel Kraft benötigt. Sie achtete, obwohl sie in Gedanken war immer noch auf die andere Fähe, endlich begann diese auch wieder zu sprechen, jedoch genauso stockend wie schon zuvor. Und mehr als ihren Namen brachte sie auch nicht heraus. Leyla, es war ein schöner Name fand Kaede. Er klang sehr sanft und ruhig, sie vermutete, dass dies auch genau auf die Wölfin zutraf. Nun tat die Fähe auch einen kleinen Schritt auf sie zu. Kaede nickte leicht. Anscheinend schien Leyla ihr nicht ganz zu mistrauen.
Kaede schlang ihre Rute um ihre Pfoten und richtete ihren Kopf wieder gerade. Sie rechnete nicht mehr damit, dass Leyla noch etwas von sich geben sollte und so war sie überrascht, als sie wieder ihre Stimme erhob und um Entschuldigung bat. Wieder legte sich ihr Kopf schief. Ein verwirrter Ausdruck trat in ihr Gesicht. Sie konnte nichts mit einer Entschuldigung anfangen. Hatte Leyla irgendetwas gemacht? Wieder überkam Kaede ein unangenehmes Gefühl. Obwohl sie so lebensfroh war, überkam sie dies sehr oft. Sie hasste ihre Augen dafür, dass sie ihr dies angetan hatten. Kaede ließ ein leises Seufzen vernehmen sie senkte den Blick etwas, senkte den ganzen Kopf und erhob sich wieder. Ihre Rute hin nun schlaff herunter, eher sie sich erneut setzte und ihren Kopf hob um Lelya anzuschauen.

„Ich weiß nicht warum du dich nun Entschuldigt hast, es tut mir Leid, dass ich das nun fragen muss. Ich verstehe nicht ganz. Vielleicht hast du es nicht bemerkt. . . „

Wieder senkte sie ihren Kopf. Von Zeit zu Zeit viel es ihr leicht über ihre Blindheit direkt zu sprechen, aber meist betrübte sie das. Lieber sprach sie von ihren Erinnerungen. Von ihrer Zeit, als sie noch gesehen hat. Das waren schöne Erinnerungen. Doch, vielleicht sollte sie es der Fähe, Leyla direkt sagen. Vielleicht fand sie es sonst unhöflich. Vielleicht dachte sie dann, dass sie nun sauer wäre, dass sie es nicht gemerkt hatte. Kaede hob ihren Kopf wieder, nun stolz. Denn sie war stolz, dass sie überhaupt noch am leben war. Trotz ihrer Augen.

„Ich wollte dir damit keinen Vorwurf machen. Ich dachte nur, man würde mir ansehen, dass ich nichts sehen kann, das ich in Dunkelheit lebe.“

Das Wort blind vermied sie. Versuchte es zu vermeiden. Sie mochte dieses Wort nicht, es klang so nach Krüppel. Fand sie.

„Ich hoffe ich habe dich nun nicht erschreckt. Ich bin froh, trotzdem noch zu leben weißt du. Du musst, nein du sollst mich jetzt bitte nicht bedauern und dir auch keine Vorwürfe machen, dass du es nicht selber gesehen hast. Du hast mich nicht in Verlegenheit gebracht. Das ist schon okay, man kann es ja nicht wissen, ich habe selber auch noch nie einen blinden Wolf gesehen. Es ist halt irgendwie schon komisch, ich dachte man sieht es vielleicht, weil ich denke ich werde dich nicht richtig anschauen. Ich stelle es mir so vor, dass es so aussieht, als ob ich überall hindurch schauen würde. Es muss menschlich blöd rüberkommen. Bestimmt sieht es aus, als ob ich total desinteressiert wäre oder? Ich meine, wenn ich nur so komisch in die Gegend starre. Ich weiß nicht warum es so gekommen ist, aber ich habe mich einigermaßen damit abgefunden. Oh jetzt rede ich schon wieder so viel. Es tut mir Leid. Wenn ich einmal angefangen habe, dann komme ich so schnell nicht mehr raus.“

Ein Grinsen schlich sich auf Kaedes Gesicht. Sie wusste, dass sie schon immer soviel geredet hatte. Wenn sie dann in der Stimmung war und das war sie eigentlich immer. Außer wenn sie gerade trauerte. Aber das war ja nicht so oft der Fall. Und das war auch gut so. Früher. Nein diese Gedanken verbot sie sich. Früher war früher und jetzt war jetzt. Das hatte schon alles seine Richtigkeit, so wie es war. Kaede blinzelte. Versuche sich vorzustellen, wie Leyla aussah, doch es gelang ihr nicht. Sie versuchte in ihre Richtung zu gucken, so als ob sie sie wirklich anschaute, doch sie bezweifelte, dass ihr das gelang. Doch nun ließ Kaede sich nicht wieder von Schwermut erfassen. Sie hatte das Gefühl, dass die Fähe vor ihr schon so viel Schwermut in sich hatte, dass es für sie beide reichte. Viel lieber wollte Kaede fröhlich sein. Sie wollte so gerne alle an ihren Erinnerungen teilhaben lassen, doch fühlte sie sich zu aufdringlich, wenn sie jetzt schon wieder wie ein Wasserfall das Reden anfing. Also schwieg sie und sah Leyla nur aufmunternd an. Sie sollte keine Hemmungen haben, sie konnte ruhig lockerer werden und mit ihr reden.

„Ich beiße auch nicht“ Grinste Kaede. Ich glaube ich bin eine ganz freundliche und nette Fähe. Wenn irgendetwas ist, trau dich ruhig zu fragen. Egal was. Du brauchst auch keine Angst zu haben, dass ich mich über dich lustig mache oder so etwas in der Art. Niemand wird von unserem Gespräch erfahren, außer du wünscht es, aber das glaube ich kaum. Du scheinst etwas zurückhaltend, ja verschüchtert zu sein. Ich weiß nicht wieso, vielleicht liege ich auch falsch. Du musst es auch nicht bestätigen, verneinen oder sagen wieso. Das ist deine Sache, wenn du es natürlich loswerden willst, dann tu dir keinen Zwang an aber. Oh überrumpele ich dich eigentlich? Das ist nicht meine Absicht“

Ein fröhliches, helles und melodisches Lachen kam aus Kaedes Kehle. Ja sie war eine Schwätzerin und sie hoffte, dass Leyla sich nun nicht überrumpelt fühlte. So etwas konnte schließlich schnell passieren und sie wollte die Fähe nicht verschrecken. Viel Reden kam eben nicht bei allen Wölfen gut an.

“ Wenn ich dir zu viel rede, gib bitte Bescheid. Ich will dich nicht verjagen“

Etwas betroffen, aber nicht weniger gut gelaunt wartete Kaede nun auf die Antwort, die Antworten Leylas. Es würde sicher wieder etwas Zeit verstreichen, bis diese antwortete, aber das war ja nicht schlimm. Hauptsache sie war jetzt nicht irgendwie genervt oder so etwas in der Art und ließ sie stehen. Das wäre Schade, aber natürlich ihr gutes Recht.


Das Sonnenkind räkelte sich schläfrig, gähnte mit geschlossenen Augen und kuschelte sich leise seufzend an den warmen, schützenden Leib ihrer Schwester. Ihre Ohren zuckten aufmerksam, doch es dauerte lange bis die auffordernden Worte durch das Dämmerlicht in ihren Kopf durchgedrungen waren. Als Antwort folgte nur ein unbewusstes Murmeln, als eine tatsächliche Reaktion:

„Ich will aber noch nicht aufstehen… lass mich schlafen, Kisha.“

Aber es dauerte nur einen Herzschlag lang, bis sie die Bedeutung ihrer eigenen Worte wahrgenommen hatte.

{Habe ich Kisha gesagt? KISHA!}

Ein freudiges Winseln erklang, noch heiser und schläfrig, doch eindeutig zu vernehmen und schon im nächsten Moment stand die kleine Graue auf noch wackeligen Pfoten. Die honigfarbenen Augen leuchteten in der Dämmerung und schienen die ganze Höhle mit innerem Licht und innerer Wärme zu füllen, als sei mit einem Male nach endloser Dunkelheit eine Sonne aufgegangen. Leise wuffend umarmte sie ihre Schwester mit den Pfoten, leckte das schwarze Gesicht und vergrub immer wieder die schmale, graue Schnauze in Kishas weichem Fell.

„Kisha… du bist wieder zurück! Ich habe dich so sehr vermisst…“

Sie lachte glücklich, winselte auf und fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen. Ihre Rute schlug so heftig hin und her, das sie den Staub am Boden aufwirbelte. Tränen schimmerten in ihren Augen, Tränen des Glücks und der Freude. Sie trat einen Schritt zurück, wischte mit einer Pfote die Tränen fort. Lästige Dinger, die sie in letzter Zeit so oft begleitet hatten. Und betrachtete Kisha mit schiefgelegten Kopf, ein breites Lächeln huschte über ihre schwarzen Lefzen, sie trat erneut näher, legte den Kopf an Kishas Schulter und ließ den Tränen freien Lauf.

„Ich habe so gehofft, dass du zurückkommst.“

Ihre Stimme klang zittrig und ihr Körper bebte vor Aufregung und Schwäche, ihre Gedanken waren wieder zu Parveen geschweift. Parveen mit dem weißen Stern auf der Stirn, ihre Schwester, ihre andere große Schwester.

„Parveen ist fort…“

Ihre Stimme brach ab, sie suchte einen Moment nach Worten, den richtigen. Dann huschte ein zögerndes Lächeln über ihre Lefzen, ihre Augen suchten Kishas Blick.

„Es ist ein gutes Land in das sie gegangen ist.“

Sie hielt inne, drehte leicht den Kopf und begegnete Amáyas nachtregenblauen Augen. Eine Welle aus Schuld überströmte die kleine Wölfin, sie taumelte und sank neben ihrer Wurfschwester zu Boden. Es war Amáya gewesen, die da gewesen war, als sie sie am nötigsten gebraucht hatte. Es war Amáya gewesen, die über ihre Träume gewacht hatte. Es war Amáya gewesen, die ihr in all ihrer Verzweifelung Mut zugesprochen hatte. Amáya… nicht Kisha.
Entschlossen und trotzdem spielerisch schnappte sie nach dem schwarzen, zuckenden Ohr ihrer Schwester und hielt es vorsichtig, aber fest zwischen den Fängen.

„Danke, dass du auf meine Träume aufgepasst hast und danke, dass du für mich da warst. Wann immer du mich brauchst, werde ich über deine Träume wachen, wann immer du willst, werde ich für dich da sein. Vergiss das nicht. Ich hab dich lieb, Schwesterchen.“

Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, kaum mehr als der Windhauch, der in diesem Moment durch das Fell der Wölfe fuhr. Doch Amáya würde verstehen. Amáya verstand immer. Ein Lächeln zierte ihre Lefzen und sie begann an dem schwarzen Fell ihrer gleichaltrigen Schwester zu knabbern und sprang dann spielerisch bellend auf.

„Na? Was wollen wir unternehmen? Hat einer von euch eine Idee?“

Sie schwenkte die Rute und grinste, sodass ihre Augen fröhlich funkelten, hell wie das Sonnelicht, das sich hier oben in den Bergen nur so selten zeigte. Ihr Blick glitt hinaus, sie betrachtete kurz den fallenden Schnee und wandte sich dann wieder ihren beiden Schwester zu.

Das weiße Zeug dort draußen ist öde und langweilig! Es tut nichts als vom Himmel zu fallen und alles zu verstecken auf das es fällt. Außerdem ist es kalt, nass und ekelig!“

Sie rümpfte die Nase und schüttelte ihren dichten, grauen Pelz, dann bellte sie auffordernd ihren beiden Schwestern zu. Es war eine gute Lösung! Sie würden einfach alle drei zusammen etwas unternehmen! Day lachte leise auf und schnappte erst nach Amáya, drehte sich blitzschnell zu Kisha und versuchte deren Rute zu erhaschen, erwischte sie und biss sanft hinein, dann jagte sie fröhlich kläffend davon, um sich schließlich hinter Amáya zu verstecken. Das Leben war ein Spiel, man musste nur wissen, wie man es spielte!


Locker waren die Ohren zur Seite gedreht, die Augen der Fähe entspannt geschlossen, die ruhig da lag. Die Stimmen die verstreut erklangen, drangen nicht an ihre Ohren vor, allein die Klänge nahm sie wahr, nicht aber was gesprochen wurde. Die dunkle Jungfähe trieb Mal wieder mit ihren Gedanken irgendwohin, wo sie niemand erreichen konnte. Sie war wieder zum Anfang zurück gekehrt, als sie noch leise den Herzschlägen ihrer Geschwister lauschen konnte, die neben ihr friedlich schliefen. Wie wohl sie sich in der Wärme gefühlt hatte. Sie wurden alle umsorgt, gleich behandelt und geliebt. Doch plötzlich hatte dies alles ein Ende, es war vorbei. Und die vertrauten Klänge waren weg. Einfach so. Der selbe Herzschlag wie ihrer, ihre andere Hälfte war verschwunden. Wo mochte sie jetzt sein? Ihr zweites Selbst. Wie sie jetzt aussehen würde? Genauso schwarz wie sie, mit blauen Augen? Oder eher wie ihre Mutter Banshee mit hellem Fell? Oder hatte sie graues, wie ihre Schwester Daylight? Wie hätten ihre Eltern sie genannt?

.oO(Schwester... ich vermisse dich so...wo bist du? Schwester...)

Ihr war, als würde etwas Sanftes über ihren Kopf streichen, ihr wieder Wärme schenken. Als wäre sie im Bauch ihrer Mutter mit all ihren Geschwistern. Der Geist ihrer Zwillingsschwester war zurück und passte auf sie auf.

.oO(Séi...Séishima...wiedergeborener Geist...Schwester...)

Blinzelnd öffneten sich die dunkelblauen Augen des Regenkindes, die erneut einen traurigen Glanz inne hatten, obwohl sich ihre Lefzen zu einem leichten Lächeln verformten.

.oO(Ich weiß was du mir jetzt sagen würdest...)

Das Trommeln von einem Quartett Pfoten auf dem Boden ließ Amáya den Kopf anheben, allerdings kam sie nicht weiter, denn ein schwarzer Schatten hatte sich bereits auf die beiden Schwestern gestützt und halb unter sich begraben. Unwirsch legten sich die Ohren an, dann ging alles ganz schnell. Die fröhliche Stimme, die sie zum Aufstehen animieren wollte, woraufhin Daylight erfreut aufsprang und die ältere Schwarze stürmisch begrüßte. Gerade hatte sie doch noch geschlafen... Um klarer im Kopf zu werden, schüttelte das Regenkind den Kopf, samt Fell, richtete sich auf, streckte sich und ließ sich dann abwartend auf die Hinterläufe sinken. Ruhig und schweigend beobachtete sie die Szene, die sich ihr bot. Ihre ältere Schwester Kisha war zurück. Noch jemand aus ihrer Familie, den sie nicht kannte, höchstens vom sehen her. Nie hatte Amáya eine richtige Verbindung zu ihnen allen herstellen können, stand sie sich oftmals selber im Wege. Sie konnte einfach nicht. Trotzdem würde sie sich bemühen, so dass sie sich zu einem freundlichen Nicken und einem leisen

Hallo.

durch rang. Es mochte nicht die Begrüßung sein, die von ihr erwartet wurde, nur traute sie sich momentan nicht mehr zu. Diese ewige Distanz konnte sie nicht einfach mal so überwinden. Bedächtig legte sich die lange, buschige Rute neben die Schwarze, als Daylight zu ihr kam, ihr am Ohr zupfte und leise Worte hinein murmelte. Sie bedankte sich dafür, dass sie auf ihre Träume acht gegeben hatte?

Dafür musst du dich nicht bei mir bedanken...Ich...

Eigentlich hatte sie selber zu danken, genauso wie sie irgendwo Tyraleen zu danken hatte. Unsicher wanderte ihre rechte Vorderpfote über den Boden, wo sie ein paar Spuren hinterließ, während ihre Gedanken zu Parveen wanderten. Sie ließ die Ohren etwas hängen, denn auch ihre ältere Schwester, aus dem selben Wurf wie Kisha, vermisste sie irgendwo sehr, die ihr vor einiger Zeit geholfen hatte, nicht gänzlich den Anschluss zu verlieren. Aber jetzt war sie nicht mehr da.

.oO(Parveen...bist du gegangen, weil du gesehen hast, dass ich auch ohne dich klar komme? Bist du nun bei Séishima und passt auf sie auf?)

Für einen Augenblick schloss sie die Augen, während Daylight sich wieder Kisha zu wandte. Irgendwie war das Leben hier doch sehr eintönig und langweilig.


Natürlich wollte Aradis auffressen. Sie machte sich wieder über dsa Kaninchen her. Fragend blickte sie zu Rasmús. Ihr kam es schier unfassbar vor, dass man keinen Hunger haben konnte! Sie ließ sich noch einmal die Namen durch den Kopf gehen, die ihr Beschützer soeben erwähnt hatte. Sie überlegte. In diesem Rudel gab es so viele seltsame Namen! Zwar wusste sie es nicht ganz sicher, aber wahrscheinlich war ihr eigener Name auch für die anderen Rudelmitglieder komisch, so unglaublich das auch klang.

"Wie findest du eigentlich meinen Namen, Rasmús? Ich meine... alle Namen, die ich bisher gehört habe, klangen so... anders..."

sie schluckte kurz das leckere Fleisch des Kaninchens runter. Es war wunderbar. Es roch intensiv und schmeckte einfach köstlich. Die Fähe leckte sich ein wenig Blut von den Lefzen und seufzte glücklich, bevor sie fortfuhr.

" 'Rasmús Tinuviel'... das ist doch kein normaler Name! 'Shani': Kein normaler Name und 'Hiryoga' doch auch nicht! Weißt du... eine sehr wichtige Frage liegt mir schon eine ganze Zeit auf der Zunge: Wo sind wir hier eigentlich? Und warum können wir nicht ins Tal? Ist es dort nicht wärmer als hier oben, in den Bergen? Zwar scheint die Sonne, aber es ist nicht besonders warm. Nun ja..."

Aradis wäre errötet, wen Wölfe erröten würden. Stattdesen senkte sie kurz den Kopf, bevor sie ihn wieder hob und ihre grünen Augen in die gelben des Rüden einschlugen wie Blitze. Aradis spürte förmlich dieses Knistern. Es schauderte sie angenehm. Sie wollte dem Rüden nahe sein, so nahe, wie möglich. Sie stand auf und ging die wenigen Centimeter zu Rasmús. Dann legte sie sich neben ihn, so, dass ihre Körper sich gerade nicht berührten. Dann flüsterte sie ganz leise:

"Aber wenn ich DICH anschaue, wird mir sofort warm!"

Ihre Augen blitzten schelmisch über das Gesicht des Rüden. Sie schnupperte ein wenig am Fell des Wolfes. Es roch ein wenig nach Harz.

"Jagst du eigentlich? Und wer sind überhaupt Hiyoga und Shani? Ich möchte viel über das Rudel kennen lernen! Ich möchte dazu gehören und mit euch jagen im Sommern und einfach... zu euch gehören! Das ist ein so großer Wunsch von mir... ich kann es gar nicht beschreiben!"

meinte Aradis und schaute dem Rüden ins Gesicht.
Dann sprach sie ihre größte Sorge aus:

"Glaubst du, ich werde überhaupt aufgenommen? Banshee ist bisher noch nicht darauf zurück gekommen... vielleicht möchte sie mich nicht um Rudel haben!"

Sie schaute angstvoll auf. Doch als sie ins Gesicht des Rüden blickte, vergaß sie ihre Sorgen einen Augenblick. Benebelt lächelte sie ihn an. Seine Aura war so anders... sie zoig sie magisch an!


Die junge Weiße erschrak förmlich, als ihr Sinn aufnahm, was bei ihr Tatsache war. Sie war blind? War das ihr Geheimnis? War es das, was sie nicht erkannt hatte? Leyla erschrak sehr und lief unsicher zwei, drei Schritte zurück. Sie verbarg ihren erschrockenen Gesichtsausdruck nicht mehr, wenn sie wusste jetzt, es spielte keine Rolle. Ohne es beeinflussen zu können, so bekam sie etwas Angst vor ihr, nun doch. Die Blinde machte ihr Angst. Sie wurde von einem Schicksal begleitet, über das Leyla noch nie nachgedacht hatte, weil sie noch nie jemanden getroffen hatte, der nicht sehen konnte. Es war etwas, das für sie so selbstverständlich war. Kaede schien trotzdem eine glückliche und lebensfrohe Fähe zu sein, aber trotzdem hatte auch sie etwas, dass sie in ihrem Leben stark beeinflusste, auch sie hatte nicht das perfekte Leben, das wusste sie nun.
Warum bekam Leyla Angst? Sie war doch kein Monster. Was konnte sie dafür, dass sie mit ihren Augen nicht sehen konnte? Auf einmal war alles anders. Die Wölfin, die so freundlich sein wollte, schien auf einmal .. unheimlich, könnte man fast sagen. Leyla hatte einfach Angst bekommen. Vor ihr stand eine Fähe mit einem ganz normalen, physischen Körper, wie jeder andere Wolf auch, besaß sogar Augen, konnte aber nicht sehen. Sonst aber tat sie alles, was andere, „normale“ Wölfe auch taten. Sie sprach, sie lief, sie hörte zu und antwortete und sie besaß eine eigene, ganz individuelle Seele. Und trotz alle dem sah sie noch nicht einmal, war direkt vor ihr stand, wessen Stimme sie hörte. Dass sie Leyla zwar hörte aber ihr Aussehen nicht im Kopf hatte, konnte sie noch gar nicht so recht begreifen. Unsicher sah sich die Weiße um. Sie fühlte sich auf einmal seltsam in ihrer Gegenwart. Sie verstummte und sagte nichts mehr, sie dachte nur noch nach. Ihr Gewissen redete negativ auf sie ein. Sie sollte sich schämen .. ihr Inneres verurteile eine Fähe, die zum Einen niemandem etwas Böses getan hatte, zumindest ging sie davon aus und die noch dazu selbst sicherlich schon gestraft genug war, dass sie nichts sehen konnte. Leyla wurde unruhig. Sie musterte sie unsicher, betrachtete ihre Pfoten, die sie ebenfalls auf der Stelle bewegte aber vor allem ihre Augen, welche so leer schienen. Sie konnte es einfach nicht begreifen. Sie hatte doch Augen und konnte damit trotzdem nicht sehen. Es war, als wären sie tot, dabei fühlte sie sicherlich nach wie vor mit ihnen und nahm wahr, was mit ihnen geschah, etwa, wenn sie sie bewegte oder sie schloss, sie waren also nicht tot. Obwohl sie nun also wusste, dass Kaede sie nicht sah, konnte sich ihr Inneres noch nicht vorstellen, dass sie sie wirklich nicht sah, dass sie vor ihr stand, aber trotzdem nicht wusste, wie Leyla aussah. Es würde dauern, bis sie das verinnerlichte und vor allem, bis das Bild der freundlichen und gutmütigen, offenen Fähe wieder hergestellt war. Ängstlich musterte sie sie und starrte förmlich in ihre leeren Augen, ihr Atem blieb dabei flach, die Gedanken, die ihr nun zu tausenden durch den Kopf schwirrten, verlangten zu viel Konzentration. Mit einem Mal schien sie kein gewöhnlicher Wolf mehr zu sein und Leyla wusste, so zynisch das klang, was sie, trotz aller Schicksalsschläge, doch noch hatte. Es verschlug ihr die Sprache, sie dachte nicht einmal mehr daran, dass sie sicher noch auf eine Antwort wartete. Sie sah in diesem Moment nur eine Fassade vor sich stehen, mit Augen, deren Status sie erst einmal verstehen musste, verarbeiten musste. Kade als Person hatte sie in diesem Moment .. vergessen.


Nun hatte Kaede nicht lange auf eine Reaktion warten müssen. Eine Antwort bekam sie jedoch nicht, aber damit rechnete sie auch nicht mehr, als sie bemerkte, dass die Fähe einige Schritte, hektisch, nach hinten wich. Weg von ihr, Kaede. Verwundert fragte sie sich, warum die Fähe dies nun getan haben mochte. Sie wollte jetzt nicht fragen, die Fähe sollte erstmal zur Ruhe kommen und dann würde sich zeigen, ob sie wieder mit ihr reden würde, sich ihr nähern würde oder ob sich ganz davon gehen würde. Es war ja ihre freie Entscheidung und so grübelte Kaede lieber etwas darüber nach, warum Leyla so reagiert hatte. War es etwa weil sie so viel geredet hatte? Oder hatte sie einfach etwas Falsches gesagt. Auf die Idee, dass es wegen ihrer Blindheit sein konnte kam sie vorerst nicht. Konnte man jemanden derartig verschrecken, wenn man viel redete? Auch wenn die Person an sich nicht viel redete? Das war ihr ja noch nie vorgekommen, nein es konnte nicht sein, weil sie so viel geredet hatte. Noch nie war ein Wolf so entsetzt von ihr gewichen, wie Leyla nun. Wenn sie doch nur ihren Gesichtsausdruck sehen könnte. Kaede verfluchte sich nun noch mehr dafür, dass sie nichts sehen konnte. In Gedanken ging sie abermals die Worte durch, die sie gesagt hatte. Nein, es war eigentlich nichts dabei gewesen, was irgendwie mies gewesen sein könnte. Oder verletzend. Oder verschreckend. Also, das konnte es auch nicht sein. Was war denn nur passiert? Sie konnte das entsetzten ausmachen, ganz leicht, welches von Leyla ausging. Aber warum denn nur? Kaede hielt ihr Gesicht ruhig. Wollte die andere Fähe nun nicht auch noch dadurch beunruhigen, dass sie irritiert, oder sogar verletzt schaute. Irgendwas musste die Fähe haben. Oder hatte sie etwas gesehen was sie in Angst versetzte? War etwas hinter ihr, Kaede, was sie nicht wahrgenommen hatte, was sie immer noch nicht wahrnahm? Sie witterte, der Wind kam aus Leylas Richtung. Es konnte also etwas hinter ihr sein, dann musste es sich jedoch sehr leise angeschlichen haben und das konnte Kaede sich wirklich nicht vorstellen. Aber wenn nun doch? Nun überfiel Kaede doch leichter Argwohn. Sie versteifte sich ein wenig. Nun stand sie ganz still und ihre Ohren waren nach hinten geklappt um ja, jedes noch so kleine Geräusch einzufangen. Doch da war nichts hinter ihr. Absolute Stille. Hatten ihre Ohren etwa auch schon nachgelassen. Immer ruhig bleiben befahl Kaede sich. Ihre Anspannung ließ nicht nach, aber sie fürchtete sich nicht mehr so doll, vor dem ihr Unbekannten. Aber da war doch nichts, so sehr sie sich auch anstrengte, sie konnte von weiter weg nun Geräusche ausmachen, so sehr konzentrierte sie sich. Hinter ihr war niemand. Also, was war es dann, was Leyla so hatte zurück weichen lassen. Ein zweites Mal filterte sie ihre Worte. Sie hatte Leyla erzählt, dass sie blind war. Und so weiter und so fort. Wirklich nichts Schlimmes. Wieso nur, wieso konnte sie Leyla nun nicht ansehen, vielleicht hätte sie dann mehr aus ihrem Gesicht lesen können.
Oder war es etwa. Nein, das konnte doch nicht sein. Kaedes Ohren gingen nach vorne. Sie glaubte begriffen zu haben. Wenn es so sein sollte brauchte sie nicht mehr angestrengt lauschen. Warum war sie nicht vorher auf diese Idee gekommen? Wahrscheinlich, weil es für sie selber so normal, so selbstverständlich war. Doch sie konnte ja nicht ahnen, was dies für einen anderen Wolf bedeuten konnte. Darüber hatte sie sich kaum Gedanken gemacht. Sie hatte sich früher ja auch nie Gedanken darum gemacht, wie es wäre blind zu sein. Warum sollte man sich über Dinge Gedanken machen, die jenseits seines Begreifens lagen? Man konnte nicht begreifen, wenn man selber sehen konnte, dass ein anderer es nicht konnte. Man konnte sich einfach nicht vorstellen nie mehr etwas zu sehen, wenn es nicht so war. Es reichte nicht ein paar Schritte mit geschlossenen Augen zu gehen, das wusste Kaede. Früher als Welpe hatte man doch vieles ausprobiert. Sie war mit Augen zu gelaufen und prompt gegen einen Stein gerannt. Sie hatte es nicht ausprobiert, weil sie wusste dass sie blind werden würde, gewiss nicht. Sie hatte damals nicht einmal gewusst, was das heißt, blind zu sein. Doch nun im Nachhinein schien alles so klar, so einfach. Doch Kaede musste sich bremsen. Es war vielleicht der Grund, der Leyla verschreckt hatte, doch sie konnte sich nicht hundertprozentig sicher sein. Allerdings fiel ihr auch nichts anderes ein, was es sein könnte. Oh verdammt. Vielleicht war es so unvorstellbar für die Fähe gewesen, dass sie sich so erschrocken hatte? Wie war es wohl zu wissen, dass jemand mit dem man sich unterhielt nichts sehen konnte, wenn man selber doch alles sah? Das musste ein schreckliches Gefühl sein beschloss Kaede. Sicher konnte sie sich nicht sein, aber es war eben einfach. Unvorstellbar. Sie bekam Mitleid mit Leyla und hoffte, dass diese sich wieder fangen würde. Also setzte sich Kaede nun wieder lockerer hin und wartete einfach. Ihre Gedanken kreisten immer noch um das schreckliche Gefühl des Wissens.


Mit zufriedenem Gesicht lag die Schwarze auf ihren zwei Geschwistern, begrub sie förmlich unter sich. Ohne auch nur die geringste Unterbrechung sauste ihre Rute hin und her, zeugte von der typischen guten Laune der Jungwölfin. Die braunen Augen wechselten den Blick zwischen den beiden hin und her. Erst die Graue, dann die Schwarze. Daylight und Amáya. Hin und her. Und immer noch schien ihre Rute keine Ruhe zu finden. Ihr Kopf fiel etwas zur Seite, als die Graue sie ansprach. Nicht aufstehen? Den Tag verpennen?!

”Schlafmützen! Steht auf!”

Mit einem Ruck beförderte sie ihren zierlichen Körper hoch, so das sie nun über den beiden stand. Mit einem weiteren Satz stand sie vor ihnen, die hellen Augen schauten immer wieder von der einen zur anderen. Als Daylight aufsprang zuckte die Schwarze nicht ein mal und ihre Rute nahm noch ein Mal etwas an Tempo zu. So wie die Graue selbst kuschelte sie sich in das Fell ihrer Schwester, während sie ruhig vor sich hin lächelte. Auf die Wort der jüngeren neigte sich ihr Kopf erneut etwas zur Seite.

Jaaa! Ich bin wieder da!”

Freudig sprang sie kurz auf Amáya zu und patschte mit der Pfote auf ihren Rücken.

”Aufstehen!”

Sie dachte nicht nach, sondern richtete das Wort sofort wieder an Daylight.

”War ich den weg?!”

Nun war auch die Schwarze aufgestanden und bekam ein aufgedrehtes Grinsen zugeworfen. Na also. Man musste ja nicht gleich den ganzen Tag verpennen. Wie gestochen sprang sie zur einen Seite, sprang von da aus jedoch wieder auf die andere Seite. Und wieder dieses hin und her. Hechelnd blieb sie schließlich stehen, schenkte den Worten Daylight’s keine Aufmerksamkeit, sie waren eh an Amáya gerichtet. Also ging sie diese Sache nichts an. Parveen war fort. Ja.. Kisha ließ ein Ohr hängen, stubste Daylight dann aufmunternd an die Schnauze.

”Parveen geht’s sicher gut! Sie spielt bestimmt mit ganz vielen Schmetterlingen!”

Als ihre jüngere Schwester nach ihrer Rute schnappte, die nun zum ersten Mal seit längerem wieder ruhig stand, drehte sie den Kopf und versuchte ihre Rute aus der Umklammerung der Grauen zu befreien.

”Hey!”

Grinsend drehte sie sich ruckartig um, als Daylight los ließ und zu Amáya sprang.

”Passt auf!”

Mit einigen Sätzen sprang die Schwarze auf den Höhlenausgang zu, ließ sich ohne große Kompromisse in den Schnee fallen. Sofort drehte sie sich auf den Rücken und streckte die Läufe in die kalte Luft um sich herum. Was war daran eklig, kalt und nass?” Mit einem freudigen Sprung begab sie sich wieder in die Luft, wirbelte dabei etwas Schnee auf. Ein spielerisches Knurren verließ die Kehle Kisha’s, während sie sorglos mit der Schnauze im Schnee spielte. Ihr Fell war fast komplett weiß, als sie sich mit stürmischen Sprüngen zurück auf den Weg zu ihren zwei Schwestern machte.

Guckt Mal! Ich seh aus wie Mama!”

Voller Begeisterung bremste sie kurz vor den beiden ab und schüttelte schließlich das dunkle Fell. Ein breites Grinsen auf den Lefzen schaute sie wieder abwechselnd beide an.

”Ist gar nicht soo langweilig!”


Wölfe kamen und gingen an ihr vorbei, nahmen sie nicht wahr. Die Augen auf den Boden gerichtet saß sie da und dachte über die Worte ihres Bruders nach. Achtete nicht auf die Wölfe, die an ihr vorübergingen genauso wenig wie sie beachtete wurde. Obwohl sie wusste, dass sie geliebt wurde fehlte ihr doch irgendetwas. Sie wusste nicht genau zu sagen was es war doch schlug sie sich wohl vorerst mit den gleichen Gedanken rum die auch ihren Bruder bewegten. Doch ihr Bruder würde eine liebevolle Fähe finden. Doch wie es um sie selber stand war noch nicht bestimmt. Es stand auf keinem Stück Papier ihre Geschichte war unwichtig geworden, unausgesprochen und irgendwie belastend für alle anderen. Selbst für ihren Bruder war sie wohl mittlerweile belastend. Genauso wie für sie selbst doch immer wieder musste die Fähe daran denken. Wie ein Alptraum der solange wiederkehrte bis die Wunden endlich geheilt waren. Doch wie sollten Wunden verheilen die sie immer wieder selber aufriss? Fast daran zerrte. Der Blick der bernsteinfarbenen Augen glitt traurig zu Boden, starrte in den weißen Schnee. Warum tat sie das? War es Selbstzerstörung? Traurig schüttelte die Fähe den Kopf. Sie sollte nicht weiter darüber nachdenken. es reichte schon, wen sie dauernd von ihrer Mutter träumte und von dem Fluss der seine Wellen gierig über sie schlug. Wieder schüttelte sie den Kopf, senkte ihn dann soweit herunter bis ihre schwarze Nase den weißen Schnee berührte. Tief atmete sie ein und bekam dabei einige Schneeflocken auf die Nase. Welche jedoch viel zu schnell wieder wegtauten, als das Tyel ihn auf ihrer Nase hätte anschauen können. Mit einem leichten Lächeln auf den Lefzen drehte sie sich um, wollte schon wieder reingehen als sie eine Fähe bei ihrem Bruder sah. Wie lange sie wohl hier gesessen hatte um einfach nur auf den Schnee zu starren? Ihr Bruder sah so glücklich aus genauso wie die Fähe. Wie schnell sich ihre Gedanken doch bewahrheiteten. Vielleicht sollte sie wirklich aufhören zu denken. Jetzt war sie schon eifersüchtig auf ihren Bruder. Was sollte das hier eigentlich alles. So kannte sie sich doch gar nicht. Sie war niemals eifersüchtig auf andere. Sie liebte ihr Leben. Leicht wütend fuhr sie sich mit der Zunge über die Lefzen und dachte kurz nach. Sie sollte einfach mal wieder rein gehen sonst würde sie bei der Helligkeit hier noch Schneeblind werden. Entschlossen stand sie auf und drehte sich zur Höhle um. Ihre Spuren waren noch immer zu sehen. All zu lange konnte sie noch nicht hier gesessen haben. Tyel Tinuviel nahm noch einen tiefen Zug der klaren Luft und ließ ihn dann langsam wieder aus den Lungen entweichen. Erst dann ging sie langsam wieder zurück in die Höhle. Wollte sich nur kurz bei Rasmús´ neuen Freundin vorstellen. Obwohl auch das wahrscheinlich ziemlich komisch aussehen würde. Die eifersüchtige Schwester die bei ihrem Bruder sein wollte wen er seine Liebe fand. Abrupt blieb die junge Fähe stehen und schaute zu Seite. Noch könnte sie einfach abbiegen ohne, dass es komisch aussehen würde.

oO~ Immer Tapfer bleiben meine Kleine. Du brauchst keine Angst vor den Hunden zu haben. Siehst du die Leine die sie an den Bäumen festhält? Sie können dir nichts tun, können nicht nahe genug an dich heran. ~Oo

Worte von einem Menschen gesprochen und trotzdem gaben sie der Fähe immer wieder Mut. Nicht die letzten Sätze doch der erste. Damals hätte sie am liebsten geantwortet: "Aber ich habe nicht vor den Hunden Angst sondern vor den Leinen...Ich will nicht auch an einer Leine enden." Und doch war sie in gewisser Weise an eine Leine gebunden, auch wen sie sich frei bewegen konnte. Ihre eigene Scheu legte ihr die Ketten an, ließ sie stocken. Schnell schüttelte die Fähe den Kopf und setzte sich wieder in Bewegung. Die Zeit die sie dort gestanden hatte war wohl etwas zu lang gewesen, doch die Wölfin kümmerte sich in diesem Moment nicht weiter darum. Sie ging einfach weiter zu ihrem Bruder und seiner Gesellschaft. Senkte kurz den Blick, änderte ihren traurigen Blick in einen freudigen. Fing sogar an mit der Rute zu schwenken. Ein Ausdruck von Freude und Liebe vielleicht auch. Sie hatte die Worte der Fähe noch verstanden und antwortete nun vor ihrem Bruder darauf.

"Als ich glaube nicht, dass Banshee eine so schöne Fähe einfach wegschicken wird...Noch dazu hier oben in den Bergen...Du musst etwas ganz besonderes sein...wenn ich mir das Leuchten in den Augen meines Bruders ansehe...mein Name ist übrigens Tyel"

Die Worte waren freundlich und aufrichtig gesprochen. Tyel wollte nicht, dass sich eine Fähe im Rudel auch nur unwohl fühlte oder nicht freundlich aufgenommen. Sie alle gehörten zusammen und waren ein Rudel. Sie bekämpften sich nicht. Sie sollten sich nicht bekämpfen. Sollten alle ihrer Rasse freundlich aufnehmen und ihnen das Gefühl geben dazuzugehören. Schon immer dabei gewesen zu sein. Zu Hause zu sein.


Mit einer geduldigen Ruhe betrachtete die Schneeweiße die schwarze Fähe, wartete auf ihre Antwort, stellte die leicht spitzen Ohren auf, ein glückliches Strahlen zog sich um ihre dunklen Lefzen, fast wie sie sich es gedacht hätte, aber als sie Engaya und damit ihren Namen in Verbindung brachte, es waren wunderbare Worte, die ihr die Fähe schenkte. Selbst wenn Engaya nicht eindeutig diejenige war, mit der sie aufgewachsen war in Gedanken, dennoch bestand eine gewisse Verbindung zu dem Leben, sie hatte das Leben schon immer als etwas wundervolles betrachtet, als sie vor vielen Jahren von Engaya gehört hatte, hatte sie sich mit diesem Begriff mehr als nur angefreundet, Engaya ebenso Fenris, zwei wichtige Bestandteile der Welt.

"Oh, du weißt nicht, wie sehr mich diese Worte ehren, ich danke dir."

Als Zeichen ihres Dankes und ihrer übermäßigen Freude, die sie nun ereilte, berührte sie Nyota kurz am Hals, auf der einen Seite eine freundliche Geste, zum Zeichen der Freude und der Verbundenheit, auf der anderen Seite zeigte es eine gewisse Demut, die Achtung eines höhergestellten Rudelmitgliedes. Und dass sie ihre Hilfe in gewisser Hinsicht annahm, ließ ihr Lächeln nur noch herzlicher und breiter werden.

"Sei dir meiner vier Pfoten sicher!"

Sie lachte kurz, dabei legte sie den Kopf einen Moment lang schief und schwenkte die Rute, sie hatte soeben ihre Pfoten verschenkt, ihre helfenden Pfoten. Dann plötzlich wirkte die Schwarze wieder ernst, natürlich, sie sprach auch ein überaus wichtiges und ebenso ernstes Thema an, die Vertreibung und bevorstehende Rückkehr. Kische seufzte, das Lächeln war aus ihrem Gesicht gewichen, sie kräuselte die Nase, wie sie es tat, wenn sie ihre Wortwahl bedachte.

"Natürlich, hier oben findet man nicht viel, gefrorenes Wasser welches vom Himmel fällt und vor allem spürt man den Tod an jedem Fleck, jedoch muss das Rudel auch wirklich bereit sein, um das Fremde zu vertreiben. Aber ich verstehe deine Begründung, kalt ist es hier oben und jeder neue Tag kann Opfer fordern, aber ich bin mir sicher, Engaya weiß schon, was sie mit euch bzw. mit uns vorhat und wenn Banshee aufbrechen wird, ist es der richtige Zeitpunkt."

Kische erwiderte Nyotas Lächeln, ihre Worte waren alle ehrlich, mit einem gewissen Ernst, aber auch einer erfahrenen Sicherheit gesprochen, die ihrem Alter entsprechend waren. Sie wusste, jeder Tag hier oben bedeutete ein weiterer Tag dem Tode ausgeliefert zu sein, doch das fremde Rudel zu vertreiben in einem geschwächten Zustand würde zu viele das Leben kosten, das konnte eine Alpha nicht verantworten, sie konnte sich Banshees Sorgen nur zu gut vorstellen.

"Zumindest sind wir alle noch wohl auf, die Welpen scheinen sich prächtig zu entwickeln, das Tal wird auf uns warten. "

Mit einem Nicken und einem sicheren Lächeln sah sie wieder Nyota an, das war die Hauptsache, alle schienen halbwegs gesund und noch schien alles Unheil von ihnen abgewandt zu sein.



Rasmús beobachtete Aradis beim Fressen und lächelte ihr ab und an zu. Als sie begann zu sprechen, musste er schmunzeln. Wie neugierig sie war, und wie sehr sie das Rudel doch interessierte. Er wartete ab, bis sie geendet hatte, dann stupste er sie sachte an, eine Erwiderung auf ihre ersten Worte. Ja, auch ihm wurde warm, wenn er sie sah, und es machte ihn froh, sie bei sich zu wissen, auf eine merkwürdige Art und Weise. Aber er würde ihr Zeit lassen, und sich selbst auch, denn er wusste, dass es dauern würde, bis er ihr das geben konnte, was er ihr geben wollte - Liebe. Bisher hatte sein Herz allein seiner Schwester gehört, für die er alles aufgegeben hatte. Lächelnd erhob Rasmús das Wort.

"Also, zuallererst, Tyel und ich kommen von weit her. Wir sind nicht im Tal der Sternenwinde geboren. Shani und Hiryoga scheinen auch von der Ferne zu kommen, und die Namen obliegen immer den Eltern. Die Eltern geben uns die Namen, die sie für uns erachtet haben, die uns 'stehen' sollen."

Er dachte einen Moment nach. Ja, wo waren sie hier eigentlich? Im ewigen Eis, wie es schien. Ein wenig deprimiert blickte er zum Höhleneingang. Weiß war es, überall. Es schien, als würde es hier oben nie Frühling, nie ommer, nie erbst werden. Nichts als leichte Temperaturschwankungen. Ewiger Winter.

"Ich kenne den genauen Grund auch nicht. Ich musste dem Rudel auf meiner Wanderung folgen, hier hinauf, als es gerade aus dem Tal floh. Es holte es erst auf halber Höhe ein, als sie eine Rast machten. Soviel ich weiß, vertrieb ein fremdes Rudel von räudigen Wölfen das Sternenwind Rudel aus ihrem Tal. Sie verfolgten mich, bis ich beim Rudel ankam. Das Tal der Sternenwinde ist wunderschön. Ich habe es im Herbst gesehen. Es war golden und rot und es roch nach Honig und Harz. Es war wundervoll. Ich möchte auch gern wissen, wie es dort im Frühling, im Sommer ist."

Er lächelte versonnen, und blickte an die Höhlendecke, träumte eine Weile von dem, was sie im Tal erwarten würde, würden sie zurückkehren. Mittlerweile würde Rasmús sogar gegen das andere Rudel kämpfen, um das Tal nur einmal im Frühling zu sehen. Dann fiel ihm die Frage nach seinen Jagdfähigkeiten wieder ein.

"Nun ja, mein Körperbau begünstigt mich. Das heißt... ja, ich bin ein Jäger. Aber hier oben spürt man nicht viel auf."

Gerade wollte er ihr eine Beschwichtigung auf ihre Bedenken erwidern, da trat Tyel zu ihnen. Der Rüde wandte den Kopf, blickte zu ihr auf und brachte kaum ein Lächeln zustande. Sie war aus ihrer Starre erwacht! Dann strahlte er sie an, als sie zu Aradis sprach, sie aufzumuntern versuchte. Wie sehr er seine Tyel doch liebte. Einmal hatte er sich insgeheim gewünscht, sie wäre nicht seine leibliche Schwester. Doch es war nur ein einmaliger, flcühtiger Wunsch gewesen, ehe er sich daran erinnerte, dass sie seine Schwester war und er sie doch gerade dafür so liebte.

"Tyel... ich bin froh, dass du da bist. Machst du dir auch solche Sorgen um Shani und Hiryoga? Sie sind schon eine ganze Weile lang weg. Ich frage mich, ob es ihnen gut geht..."

Er wollte ihr keine Angst machen, doch er zog immer das Schlimmste in Betracht, ohne es recht glauben zu wollen. Sanft stupste er Tyel an, udn er spürte, das etwas nicht in Ordnung war. Irgendetwas beschäftigte sie, und die Frage danach lag ihm auf der Zunge. Doch er unterdrückte es, wollte sie nicht vor Aradis dazu nötigen, ihre Gefühle zu offenbaren. Vielleicht mussten sie einmal wieder einenSpaziergang unternehmen. Ja, das würde er ihr vorschlagen.


Face Taihéiyo lauschte mit geschlossenen Augen, was Ninniach Favéll auf seine kurze Aussage erwiderte. Das sie ihn doch gehört hatte, war ihm nun glatt ein wenig unangenehm. Der Tiefschwarze wusste ja selbst nicht, was er da von sich gegeben hatte – also die genaue Bedeutung von dem. Und so beschloss er einfach nichts mehr dazu zu sagen. Einfach über etwas hinweg zu schweigen, war ja so einfach ... es war immer der leichteste Schritt. Schweigen. Stumm sein. Das konnte er gut.
Den nächsten Teil ihrer Worte ordnete er wieder der Bedeutung ihres Namens zu. Widersprüchlich und paradox. Verrückt und unverständlich? Face öffnete die saphirblauen Augen wieder und richtete den immer noch recht leeren Blick wieder zu Ninniach.

Ich glaube nicht, dass du verrückt oder unverständlich bist ... nicht auf eine negative Art und Weise. Hmh ... farbloser Regenbogen. Das bedeutet für mich unsichtbare Hoffnung.“

Es war eigentlich nur sehr selten der Fall, dass der Flammentänzer etwas von dem Preis gab, was er dachte. Früher hätte man an Stelle von „selten“ sogar ein „niemals“ schreiben müssen. Aber so wie sich alles veränderte, veränderte das Dasein in diesem Rudel auch ihn. Die Wölfe, die Paar, die er trotz Widerwillen an sich heran gelassen hatte, veränderten ihn.
Kurz musterte Face Taihéiyo das Lächeln der Schwarzen und wandte den Blick dann wieder ab. War es wirklich so einfach? Nein, nicht für ihn. Ein Lächeln wurde mit der Zeit zu einem Reflex, der bei so gut wie jedem existierte. Das wusste er. Aber für manche, die es nicht lernten, oder erst spät damit anfingen, war es schwieriger. Kein Reflex. Und für ihn, so glaubte er, war es unmöglich. Seine Gedankengänge unterbrachen sich aber schnell wieder, da Ninniach erneut anfing zu sprechen. Er prägte sich ihre Deutung ein, wusste aber wieder nicht genau, was er nun dazu sagen sollte. Ein Ozean war still, tief und unergründlich. Wie die Ruhestätte der Toten, da hatte sie Recht. Für ihn bedeutete der Ozean am Grunde zu liegen, mit tonnenschweren Wassermassen über sich und verloren in endloser Schwärze. Keine Luft, kein Licht. Und die Oberfläche war zu weit weg, als das er sie je erreichen könnte. Alles fiel zu schwer, als das er sich überhaupt bewegen könnte. Er war ein Gefangener und der Ozean sein Käfig. Ein Käfig bestehend aus Stille, Schwere, Leere und dem Nichts.

Du hast Recht ... So weit unten im Ozean erstickt jeder Laut. Er ist ein Käfig, aus dem man nicht entkommen kann.“

Nur kurz wanderte Faces Blick wieder zu ihr hinüber, nachdem sie ihre resignierenden Worte ausgesprochen hatte. Er schüttelte nur mit einer eintönigen, sachten Bewegung den Kopf und ließ ihn dann zurück auf die Pfoten sinken.


Innerlich schüttelte sich die Weiße. Wie immer war ihre unsoziale Art ein scharfer Stein, mit dem sie auch andere leicht verletzen konnte, auch wenn sie es nicht wollte. Sie hatte nicht nachgedacht. Wie gut wohl, dass Kaede ihr Gesicht nicht sehen konnte, sie wäre womöglich enttäuscht gewesen. Sie war bis jetzt so freundlich gewesen, dass sie es nicht verdient hatte, mit unhöflichen Blicken oder einer abweisenden Art bestraft zu werden. Leyla schämte sich, Kaede hingegen tat ihr Leid. Sie empfand seit langer Zeit wieder einmal Mitleid mit jemandem anders, obwohl sie selbst es auch nie leicht gehabt hatte. Doch Kaede, so meinte sie, hatte es vielleicht noch viel schwerer gehabt, ohne dass sie etwas dafür konnte. Leyla selbst hatte so viele Fehler verschuldet. Sie war schuld gewesen, dass Alienna gegangen war, sie war schuld gewesen, dass man sie im Rudel nie akzeptiert hatte, das dachte sie zumindest über sich. Erst jetzt hatte sie sich selbst wieder schuldig gemacht, in dem sie Kaede so abweisend, ja beinahe wie ein Monster behandelt hatte. Und wäre es in ihren Möglichkeiten gewesen, sie hätte Leyla wohl genauso bestraft, wie alle anderen es auch immer getan hatten. Doch sie musste die zweite Chance nutzen und klar machen, dass sie es bereute, so unfreundlich gewesen zu sein. Dabei war es vielleicht für sie beide von Nutzen, sie erwähnte es nicht noch extra. So würde Kaede nicht weiter verletzt werden, wenn sie sich nicht sicher sein konnte, ob Leyla aus Schrecken vor ihr geschwiegen hatte oder aus einem anderen Grund und sie selbst würde vielleicht, mit etwas Glück, die freundliche Art Kaedes erhalten können, ihr gegenüber. Trotz allem tat sie ihr immer noch Leid und das war keine sehr häufige Sache. Sie wusste nicht, wie schlimm es für sie war und stellte sich das so schrecklich vor. Womit hatte sie das nur verdient? Zum ersten Mal seit langer Zeit empfand sie selber wieder einmal, dass es jemand anderes auch nicht einfach hatte, es war, als wären ihr die Augen für eine Sache ein Stück weit geöffnet worden. Es gab noch andere Wölfe, die schwere Schicksale hatten erdulden müssen. Verlegen sah die Weiße zu Boden, suchte nach ersten Worten.

„Nichts..ich.. ich..“

Sie wollte nicht sagen, warum sie sich entschuldigt hatte. Sie wollte aber auch nicht lügen und etwa sagen, sie hatte sich entschuldigt, weil sie nicht wusste, dass sie blind war. Das war nicht der wirkliche Grund gewesen und das letzte, was sie jetzt noch tun wollte, war, sie weiter zu belügen, sie, die sie bis jetzt so gutherzig zu ihr gewesen war, wenn auch etwas schwätzig, doch das war kein Grund, sie zu verstoßen.

„Wie..wie lange schon?“

Fragte sie dann vollkommen neu, aus ihren Gedanken heraus, an die diese Frage aus reiner Selbstverständlichkeit anschloss. So selbstverständlich, dass sie ganz vergaß, zu nennen, was sie mit der Frage genau meinte. Nichtsdestotrotz sah sie Kaede als etwas sehr Verwunderliches an. Sie war so freundlich, redete wie andere Wölfe auch und trug eine ebenso einzigartige Seele mit sich, obwohl sie nicht sehen konnte, etwas, das sonst für alle Wölfe, auch für Leyla, so natürlich war, dass sie das nur verwundern konnte. Da waren auf einmal so viele Fragen, die sie am liebsten stellen wollte, aber das wäre wohl auch eher unhöflich gewesen. Sie wollte Kaede nicht das Gefühl geben, sie sei etwas Sonderbares, auch wenn sie das vielleicht war. Viel mehr sollte sie ihr dass auf eine andere Art und Weise geben- sie war etwas Sonderbares, dass sie, trotz ihrer Blindheit, so fröhlich und lebensfähig war, so eine offene Person war, die so normal reden konnte.

Atalya
26.12.2009, 18:20

Die Fähe hörte dem Rüden gespannt zu. Zwra war es nicht gerade viel, was er sagte, doch langsam baute Aradis sich ein Puzzle daraus zusammen, und jedes noch so kleine Teilchen sollte dabei sein, hinzugefügt werden. Anscheinend waren immer wieder neue Wölfe zum Rudel hinzugestoßen. Aradis überlegte weiter. Ihre Gedanken kreisten in weite Ferne. Ein räudiges Rudel. Aradis schnaubte leise. Bei ihrem alten Rudel war es anders gewesen; sie waren nicht geflüchtet, nein, sie waren ihren Feinden entgegengetreten. Sie wollte damit nicht meinen, dass das Rudel Rasmús Feiglinge waren, keines Falls. Doch hatten sie nicht wenigstens versucht, zu kämpfen?!
Aradis erhob ihr Wort, nachdem sie eine Sehne durchgebissen hatte, die an dem Stück Fleisch hing:

"Sag, Rasmús... Du bist ein Jäger. Und sicher sind das noch viele andere aus eurem Rudel- oder etwa nicht? Ich verstehe deshalb nicht ganz, warum... warum ihr euch nicht einfach stellt! Ihr habt doch viele Wölfe! Und anscheinend ist keine eurer Fähen trächtig. Wollt ihr nicht lieber wieder eure Jagdgründe zurück erobern? Mein altes Rudel hatte sehr viele feindliche Rudel. Wir besaßen sehr gute Jagdgründe, weißt du? Sehr viel Wald, und mittendrin schöne, kleine Seen. Es hat sich nur so getummelt vor Kaninchen, Rehen und noch so vielen anderen, essbaren, Tieren...Naja. Selbst im Winter gab es reichlich Nahrung. Einmal ist jedoch mein Bruder nicht von der Jagd zurück gekommen. Wir haben zwar nicht seine Leiche gefunden, jedoch war er für immer verschollen. Ein weiterer Bruder von mir, Sorjon, ist gestorben. Wir hatten mal wieder Streit mit einem anderen Rudel. Es war Sommer, glaub ich. Nun, der Kampf war schon fast vorbei, doch dann, dann kam der Alphawolf des anderen Stammes noch einmal und biss Sorjon. Sorjon war sehr tapfer, er nahm den Anführer mit in den Tod."

Stolz hob Aradis ihren Kopf. Ihre smaragdgrünen Augen funkelten, sie schaute Rasmús an. Was er wohl zu ihrer Geschichte meinte? Sie schaute ihn prüfend an. Sie schaute weg, und sah aus der Höhle. Weiß. Keine Regung... in diesem Moment vermisste sie ihre alten Jagdgründe. Plötzlich kam Tyel, Rasmús Schwester zu ihnen. Was sie wohl wollte?

Sie richtete ihren Blick auf die Schwester und fragte:

"Einen schönen Tag wünsch ich dir. Du heißt Tyel, nicht wahr? Ich bin Aradis. Es freut mich, dich kennen zu lernen, mit deinem Bruder habe ich schon Bekanntschaft gemacht."

sie lächelte die andere Fähe ruhig und freundin an. Tyel war in ihren Augen eine hübsche Fähe. Sie sah ihrem Bruder ein wenig ähnlich. Aradis schaute Rasmús fragend an, sie wollte gerne wissen, was sie wollte. Außerdem war ihr die Gestalt der Fähe angenehm, jedoch auch ein wenig mulmig. Ob sie sie beobachtet hatte,wie sie und Rasmús...? Sie hatte sehrwohl auch das strahlende Lächeln auf Rasmús Gesicht gesehen, als sie gekommen war. Irgendwie war eine art... Last von ihm abgefallen. So schien es auf jeden Fall Aradis. Gespannt hörte die weiße Fähe, was Tyel zu berichten, zu erzählen hatte. Da plötzlich kam ihr ein anderer Gedanke... vermutlich würde Tyel gerne allein mit ihrem Bruder reden! Aradis erhob sich langsam. Dann wandte sie sich zu Tyel.

"Ich lass euch dann alleine, ich werde mich ein wenig in der Höhle umschauen. Ich möchte euch nicht stören. Rasmús, ich glaube, ich kann ein paar Schritte machen, du kannst ruhig mit Tyel reden... ich bin ziemlich zäh."

Die Fähe blinzelte zu Rasmús hinüber. Er sollte nicht den Eindruck bekommen, dass sie eifersüchtig oder beleidigt war. Sie wollte die beiden Geschwister nicht stören. Nocheinmal schoss ein Gedanke in ihren Kopf. Sie hatte gerade etwas ziemlich egoistisches gesagt. Sie hatte so getan, als ob Rasmús eigentlich mit ihr gegangen wäre, wenn Tyel nicht gekommen wäre. Erschrocken schaute sie ihn nocheinmal an. Sie fixierte ihn mit ihrem blitzenden Blick, doch sie wusste, auf unbekannte Weise, dass er sie... wahrscheinlich verstanden hatte. Sie drehte sich um und ging ein paar Schritte. Dann knickte sie plötzlich um und jaulte auf... Ihr Bein, ihr Bein... Aradis schaute entsetzt, versuchte den Blick von Rasmús einzufangen. Sie brauchte siene Hilfe! Mit schmerzerfülltem Blick schaute sie in sein schönes Gesicht, als letztes, bevor ihr schwarz vor den Augen wurde, sah sie seine gelben Augen. Ihr Kopf sank auf die Seite...


Akriyo verstand, warum Hiryoga zunächst davor zurückschreckte, sich ihm anzuvertrauen und erst einmal über etwas ganz Anderes sprach. Einem fremden Wolf etwas von den eigenen Problemen zu erzählen, war nicht leicht, vor allem, wenn dieser Wolf aussah, als hätte er schon genügend eigene Probleme. Sehr kurz, kürzer als die Dauer eines Atemzuges, fragte sich der Graue, ob er nicht wirklich schon genug Probleme hatte und ob es klug wäre, sich auch noch um die eines völlig Unbekannten zu kümmern. Aber Akriyo schob diesen Gedanken beiseite, dieser junge Rüde vor ihm wirkte so unglücklich, so hilflos, der Graue wollte ihm helfen.

"Ja, ich habe Kische hierher begleitet, wir kamen kurz vor der schrecklichen Schneeflut zu diesem Rudel."

Er zögerte einen Moment, bevor er Hiryogas nächste Frage beantwortete.

"Es...gefällt mir hier wirklich gut, alle sind sehr freundlich und haben offenbar nichts gegen Neuankömmlinge. Das ist sehr selten und großzügig, vor allem im Winter, in einem kargen Revier wie diesem."

Dass er bald wieder fortgehen wollte, verschwieg der Graue Wanderer. Hiryoga würde gewiss fragen, warum er nicht bleiben wolle, doch jetzt ging es nicht um Akriyos Situation, sondern um die des jungen Wolfes ihm gegenüber. Der Rüde legte den Kopf schief und sah den Braunen aufmerksam an. Er sagte nichts, als Hiryoga zu erzählen begann, ließ ihn ausreden, selber entscheiden, wie viel er ihm erzählte. Er vernahm das altbekannte Gefühl, als etwas von dem Kummer Hiryogas auf den Grauen Wanderer überging. Akriyo erinnerte sich an die vielen, vielen Wölfe, die mit ihrem Kummer zu ihm gekommen waren und ihn um Rat gefragt hatten. Wenn sie ihm von ihren Problemen berichtet hatten, hatte er mit ihnen gelitten, doch er hatte immer Worte gefunden, um ihre und dadurch seine Trauer zu lindern. Doch dann, ja, dann waren seine Gefährtin und sein über alles geliebter Welpe gestorben. Vielleicht hätte die Zeit die Risse in seinem Herzen geheilt, doch er hatte nicht damit aufgehört, sich die Sorgen anderer erzählen zu lassen. Und ihr Kummer war sein Kummer geworden, wie zuvor, doch die tröstenden Worte und Ratschläge wollten nicht mehr kommen. Und so war er der Graue Wanderer geworden, er schleppte die Trauer von vielen anderen Wölfen mit sich herum. Er hatte es auf seiner Wanderschaft bisher vermieden, sich erneut die Sorgen Anderer anzuhören. Warum er es nun doch tat, das wusste Akriyo nicht. Wahrscheinlich machte es sowieso keinen Unterschied mehr, er würde diese ewige Trauer wohl niemals loswerden. Als Hiryoga aufhörte zu erzählen, schwieg der Graue eine Weile und dachte nach. Schließlich richtete er das Wort wieder an den jungen Rüden.

“Auf einmal, sagst du? Und du weißt nicht, was der Grund sein könnte? Hat sie vielleicht jemanden verloren, den sie mochte? Oder ist kurz vorher irgendetwas geschehen, das sich auf ihre Stimmung ausgewirkt haben könnte?“

Die braunen Augen, die vom Kummer durchtränkt waren, blickten Hiryoga fragend an. Akriyo wollte helfen, aufrichtig helfen. Er hatte dieses Gefühl vermisst.


Erwartungsvoll hatte Kaede auf eine Reaktion Leylas gewartet. Sie war sich mittlerweile sicher, dass es wegen ihrer Blindheit war. Je mehr Gedanken sie sich darum gemacht hatte, desto wahrscheinlicher wurde diese Überlegung. Je mehr sie an ihre sehende Zeit dachte, desto besser konnte sie sich vorstellen, wie erschreckend es sein musste, wenn man plötzlich einer Blinden wie nun ihr gegenüber stand. Verwirrt blinzelte sie, als sie dann die eingeschüchterte Stimme hörte. Da versank sie einmal in Gedanken und dann auch noch in Gedanken um die Fähe, die vor ihr stand und trotzdem vergaß sie, wo sie eigentlich war.
Sie lächelte wieder. Ja sie freute sich wirklich, dass die Fähe sich entschieden hatte wieder mit ihr zu sprechen und noch erstaunter war sie als sie dann eine rasche Frage vernahm, ohne jegliches zögern oder stocken. Doch die Art der Frage verdutzte sie dann doch wieder. Sie hatte gedacht, dass Leyla nun Fragen dieser Art vermeiden würde. Das sie versuchen würde, sie Kaede einfach ohne Blindheit zu sehen. Doch das ging wahrscheinlich gar nicht so einfach. Schon wieder eine Frage, bei der Kaede die Antwort nur vermuten konnte. Diese Fähe ließ sie ganz schön über ihre Behinderung nachdenken, doch komischer Weise fand Kaede das gar nicht schlimm. Eigentlich war es gut, so genau hatte sie sich noch nie damit auseinander gesetzt. Sie hatte es, so gut man es eben konnte, verdrängt und sich einfach still damit abgefunden. Und damit hatte sie gelitten. Die ganze Zeit über war sie sich wie ein Krüppel vorgekommen. Wie eine Hilflose Fähe, die allen nur zur Last fiel. Zwar hatte sich diese Einstellung inzwischen geändert, aber tief in ihr, merkte sie nun, dass es immer noch diese Meinung in ihr gab. Und sie wusste, sie konnte diese nur vertreiben, wenn sie sich damit auseinander setzte. Vielleicht war ja gerade jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen. Vielleicht würde diese Fähe ihr helfen, ohne wirklich irgendwas zu machen. Nicht so, dass Kaede reden musste darüber, nein das hatte sie eigentlich abgeschlossen. Aber diese Fähe halt ihr, einfach so, sie brachte Kaede zum nachdenken. Vielleicht würde Leyla ihr auch irgendwann einmal die Umgebung erklären. Sich selbst erklären. Ihr erklären, wie sie den anderen erschien. Doch nun wollte sie erst mal Leylas Frage beantworten. Doch seit wann war sie eigentlich blind? Sie hatte es gar nicht richtig mitverfolgt, es war irgendwann einfach gekommen. Oder wusste sie es und hatte es auch einfach nur verdrängt?

„Es tut mir Leid, so ganz genau kann ich dir das gar nicht beantworten. Als ich in dieses Rudel gekommen bin konnte ich eigentlich noch perfekt sehen, jedoch habe ich schon gemerkt, dass ich alles nicht mehr so sehe wie früher. Das heißt, von da an ging es eigentlich nur noch bergab. Und das ist jetzt so. Hm lass mich überlegen. Ja zwei Jahre muss es jetzt her sein . . . Eine lange Zeit für uns, nicht wahr“

Sie blickte Leyla dankbar an. Vielleicht konnte sie aus dem Blick nicht erkennen, dass er voller Dankbarkeit war, und wenn doch wusste sie vielleicht nicht wieso. Aber Kaede war es ihr auf jeden Fall. Dies alles hatte sich in ihr aufgestaut und ganz unbewusst hatte Leyla dies gelöst.


Mit einer ungeheuren Ruhe sammelte die Graue Worte zu ihrer Erklärung. Wie konnte sie das alles nur so gut wegstecken? Sie fragte sich wirklich, was sie ihr so im Vorteil hatte. Sie hatte es gewiss nicht leicht, auch wenn sie nicht genau wusste, wie die anderen mit ihr umgingen. Wahrscheinlich hatten sie sie von Anfang an mit ihrer Eingeschränktheit akzeptieren gelernt und wahrscheinlich war es mit so jemandem noch leichter, als mit jemandem wie ihr, zumal sie ein großes Problem daraus machte, sie konnte nicht anders, als so zu sein, wie sie war. Sie hatte immer so sein müssen. Sie hatte sich immer unterwürfig zeigen müssen und immer die Rolle der Schwächeren einnehmen müssen, selbst vor Alienna, auch wenn sie das vielleicht anders sah. Alienna hatte es auch nicht sehr einfach gehabt und doch schien sie lange Zeit gut zu recht zu kommen, hatte so vieles fest im Griff, wie es Leyla nie gelernt hatte. Bei Kaede war es vielleicht ähnlich. Leyla fragte sich, wen sie hatte, der ihr so viel Kraft gab, der ihr den Mut gab, weiterzumachen. Wie musste es sein, in ewiger Dunkelheit zu leben? Wie musste es sein, am Leben zu sein aber mit toten Augen sein Dasein zu verbringen? Wie konnte man so gut mit anderen umgehen, obwohl man noch nicht einmal das Wichtigste, was für ein soziales Tier wie den Wolf von Nöten war, nutzen konnte. Die Kommunikation mit Blicken und Mimiken. So wurde sie, als Blinde, vielleicht nicht so oft missverstanden, da sie auch mit ihren erloschenen Augen noch Emotionen sprechen lassen konnte, doch sie verstand scheinbar öfter Dinge falsch, so wie bei ihr zuletzt. Jetzt lag es an Leyla, das zu erklären, was sie nicht wissen konnte. Dieses Rudel zählte wirklich sehr interessante Wölfe. Alienna, den Schwarzen und nicht zuletzt sie, jeder war einzigartig und niemand von denen schien es so leicht zu haben, wie Leyla immer gedacht hatte, dass alle anderen Wölfe es leicht hatten. Sollte ihr das Mut geben?
Leise seufzte die Weiße. Sie ließ den Blick hin und her wandern, eher etwas ziellos, da sie Kaede keine aussagenden Blicke zukommen lassen musste. Es war, als ob man mit jemandem sprach, den man selbst gar nicht sah, weil er irgendwo weiter drüben stand, hinter Hügeln und Steinen, hinter Bäumen oder anderen Sträuchern. Leyla wusste so viel zu fragen, aber nichts zu sagen. Sie konnte das Gespräch nicht fortsetzen, so gern sie es vielleicht gewollt hätte. So setzte sie sich hin und senkte den Kopf etwas nachdenklich. Immer wieder atmete sie schwer ein und aus und spürte dabei die Kälte der frischen Luft, die in ihrer Nase zog. Sie legte die Rute eng an den Körper und bewahrte die feste, physische Distanz zu Kaede. Sie hatte das Gefühl, ihr, ähnlich wie Alienna, nicht zu nahe kommen zu dürfen. Doch aus einem anderen Grund.
Sie konnte nicht rechtzeitig ausweichen, wenn sie das wollte, weil sie sie nicht sah und es womöglich auch anders nicht schnell genug wahrnahm. Wenn man nicht sah, was um einen herum geschah, fühlte man sich doch sicher unwohl, weil man nicht wusste, was einem vielleicht ganz nah war, ohne, dass man es wusste? So viele Fragen hatte sie, wollte gern mehr über sie wissen und wie es für sie war. Aber sie traute sich nicht weiter zu fragen. Wie schwer musste es für sie sein, wenn sie wusste, wie schön es war, sehen zu können, es jetzt aber nicht mehr zu können?


Als das Schneefell Nyota nun die Nase an den Hals legte, grinste die Schwarze freudig. Sie wusste sehr wohl beide Bedeutungen dieser Geste herauszulesen, und an dem Lächeln Kisches konnte sie sich umso mehr freuen. Es stachelte sie geradezu auf fröhlich zu sein und zu bleiben, die Weiße schien eine wandelnde Wärmequelle in der Eiswüste zu sein.

"Wunderbar, wunderbar"

fasste sie den bisherigen Stand zusammen, und lies den Blick wieder über die anderen Höhleninsassen schweifen. Der Aufstieg war nicht leicht gewesen, drei Tagesreisen durch Schnee und Eis waren nunmal kein Waldspaziergang. Langsam nickte die Schwarze, setzte eine Pfote vor und wieder zurück, und sah in Richtung Höhlenausgang, als sie Kische antwortete.

"Tatsächlich wird das Tal wohl nicht Verderben während wir hier oben sind, doch auch die Welpen, die längst keine mehr sind, haben einen schöneren Ort verdient um aufzuwachsen."

Sie schwieg wieder einige Momente, während ihr geistiges Bild des Tals von blutgesprenkelten Frühlingsblumen sprach, und schüttelte sacht den Kopf, woraufhin das Blut von Regenschauern fortgewaschen wurde. Es sollte Tote geben, aber sie würde nicht darunter sein.

"Ja, Banshee wird den richtigen Zeitpunkt wissen..."

Ihr Blick haftete nun wieder an Kische.

~Engaya wird uns herunter führen, und Fenris wird uns empfangen~


Die junge Fähe zuckte leicht mit den Ohren, stumm dem Schwarzen lauschend. Wie gerne sie doch in den Kopf des Rüden geguckt hätte - nur einen winzigen Blick hineinwerfen. Aber hellseherische Fähigkeiten besaß sie nunmal nicht.

"Welch schöne Bedeutung... auf sowas wäre ich nicht gekommen."

Es war klar, dass sie niemals auf eine positive Bedeutung ihres eigenen Namen gekommen wäre. Ihre Selbstbeurteilung und ihr Vertrauen zur eigenen Personen waren nur geringfügig. Wie bei vielen anderen in dieser trostlosen Zeit. Ruhig ließ sie ihre Rute weiter gegen seine Pendeln, als wäre es das Normalste auf der Welt. Nun, auf gewisse Weise hatte es einen Grad des Normalen erreicht, immerhin verscheuchte er sie dafür nicht wie unerwünschtes Ungezifer. Plötzlich, und aus einem scheinbar unbekanten Grund, versiegte das Pendeln der Rute. Jeder Muskel der kleinen Schwarzen war bis zum Zerreißen gespannt. Ihre Krallen schienen vergebens Halt zu suchen und sich in den eisigen Stein zu schlagen. Das sanfte Lächeln wich plötzlicher Anspannung. Die längliche, schwarzen Ohren waren nach hinten geklappt, während sie ihren Rumpf und die Schnauze flach auf den Boden drückte, als würde sich der Raum drehen und sie müsse sich statt auf dem Boden, an der Decke festkrallen um nicht rücklings herunter zu fallen.

.oO( Atme! Atme, verdammt nochmal! Lass Luft in diese gottverdammte Lunge!)

Es war im Grunde nichts Neues für die Schwarze, dennoch immer wieder ein schreckenserfüllter Moment. Ihre Lunge erhielt keinen Sauerstoff, den sie weiter Pumpen konnte. Für gewöhnlich dauerte dieser Vorfall nicht lange, hinterließ aber immer wieder neue Spuren der Angst in ihrem zerrüttetem Wesen. Angst... Angst vor dem Verwelken.
Nach einem angstgeschwänkerten Moment tat sie einen tiefen Atemzug. Es fühlte sich hohl an... sie ließ die Augen geschlossen und die auftretende Schwärze auf sich wirken. Tat sterben so weh? Oder... tat es nur weh immer auf der Grenze zu balancieren? Dabei konnte sie doch nichtmal etwas dazu. Sie war schon immer labil in ihrer Gesundheit gewesem; durch den Unfall nun aber durchaus geschwächter. Wie ein verwundetes Tier kauerte sie sich zusammen und winselte, leise, in sich hinein. Es bedurfte nun ein wenig Zeit, bis sie sich gefangen hatte und zurück in die Gegenwart kehren konnte und wollte.


Ruhig, vielleicht zu ruhig hatte sie abgewartet. Sie merkte, hörte wie Leyla sich irgendwann wieder setzte, mehr jedoch kam nicht von ihr. Hatte sie nichts weiter zu sagen, oder traute sie sich nichts weiter zu sagen? Noch konnte Kaede die Fähe vor ihr nicht gut einschätzen. Es konnte einfach so sein, wie der Schwarze, den sie getroffen hatte. Er hatte nicht viel geredet, jedoch war seine Stimme kräftiger gewesen. Nein, Leyla hatte wahrscheinlich einfach nur Angst. Wusste vielleicht nicht, was mit so einer Situation anzufangen war. Kaede wippte ihren Kopf leicht in Leylas Richtung.

„Du kannst ruhig etwas sagen. Du kannst mich auch fragen, wenn dir irgendetwas auf dem Herzen liegt. Ich nehme es dir gewiss nicht übel. Fragen an eine Fähe wie mich sind doch irgendwie selbstverständlich, weil man es sich als.. Ich sage mal normaler Wolf, so etwas nicht vorstellen kann.“

Sie spürte, wie ihr langsam etwas kühler wurde und so stand sie auf, tat ein paar Schritte, fast auf der Stelle, ehe sie sich wieder niederließ. Sie freute sich schon auf den Frühling, ganz gleich wie er hier ausfallen würde. Sie konnte sich schon gut vorstellen, wie alles allmählich wärmer wurde. Wenn auch nicht viel, ein wenig wärmer würde es bestimmt werden. Außerdem würde der Frühling hier oben interessant und neu riechen. Da war sie sich ganz sicher. Und vielleicht würden sie dann auch irgendwann überlegen, ob sie nicht wieder in das Tal zurück kehren wollten. Was heißt wollten, sie wollten es ja schon, aber eben ob sie es auch machen würden. Die Wölfe waren hier oben bestimmt, auch wie sie, muskulöser geworden. Die Muskeln waren sehniger geworden und irgendwie fühlte Kaede sich auf eine andere Art und Weise fitter. Nicht, dass sie im Tal ein fauler Wolf gewesen war. Nein, sicher nicht, aber hier oben galten eben andere Bedingungen. Unten hatte man sich wenn man Hunger hatte immer schnell was jagen können, das war hier oben schon schwierige. Man musste sich aufmerksamer vorwärts bewegen und auch die Wege waren anstrengender. Sie konnte sich schon gut vorstellen, dass sie eine gute Chance hatten, ihr Tal wieder zu bekommen. Bei dem Gedanken an das Tal zog sich ein großes Lächeln über ihre Lefzen. Sie wendete den Kopf, den sie unbewusst in die ungefähre Richtung des Tals gerichtet hatte, wieder Leyla zu.


Aufmerksam stand die junge Fähe vor ihrem Bruder und deren Freundin, ließ ihre Rute hin und her schwenken. Sie hatte sogar ein leichtes Lächeln auf die Lefzen gelegt, doch irgendwie kam sie sich bei dem ganzen so unendlich falsch vor. Was gab ihr das Recht ihren Bruder so zu hintergehen? Ihre Gefühle vor ihm zu verheimlichen. Schnell schob sie die Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf ihren Bruder und Aradis. Sie wollte wirklich nicht stören doch mit jeder Sekunde die verstrich, fühlte sie sich unwohler bei den beiden. Irgendwie fehl am Platz. Fast hätte Tyel seine Worte gar nicht mitbekommen, doch als er sie anstupste erwachte sie aus ihrem kurzen Traum. Bekam auf irgendeine komische Art und Weise sogar seine Worte mit, obwohl er sie schon vorher ausgesprochen hatte. Wie verwirrend die Welt doch manchmal sein konnte. Fast schon wollte die Bunte auf die Worte ihres Bruders antworten, als ihr Blick wieder auf Aradis fiel. Es war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt um sich jetzt Sorgen zu machen. Neben ihnen war ein neues Rudelmitglied und Tyel wollte nicht, dass dieses gleich alle Probleme mitbekam. Vorsichtig schüttelte sie ihren Kopf, hoffte, dass Rasmús es verstehen würde und nicht weiter nachfragte. Natürlich machte sie sich ebenfalls Sorgen um die beiden, doch wusste sie genau so gut, dass die beiden gut allein zu Recht kamen. Schließlich hatten sie den Sturz in die Felsspalte überlebt und hatten sogar einen Ausgang gefunden. Ein weiteres Mal schüttelte sie den Kopf, doch nun um ihre Gedanken abzuschütteln, es war nicht gerade höflich über Probleme nachzudenken, wenn ein Gast dabei war. Ein kurzes Lächeln huschte über die Züge der Fähe als sie die Worte Aradis´ vernahm. Natürlich hatte sie schon Bekanntschaft mit ihrem Bruder gemacht, dass war ja nicht zu übersehen gewesen. Auch diesen Gedanken behielt die Bunte für sich, nickte stattdessen nur einmal. Ihr Blick glitt über ihren Bruder, wie fröhlich er doch aussah. Es musste ein schönes Gefühl sein. Wieder huschte ein kurzes Lächeln über ihre Lefzen, dann bedachte sie Aradis mit einem prüfenden Blick, natürlich war sie eine hübsche Fähe, stark und fröhlich. Sie selbst musste im Moment wie ihr komplettes Gegenteil wirken. Leicht abgemagert und nicht wirklich bei der Sache. Jede freundliche Geste ihrerseits brachte die Bunte fast in den Wahnsinn, so falsch fühlte sich ihr Lächeln an. Ihre Gefühle schwappen wie in einem kleinen Kessel immer wieder über den Rand. Wusste sie doch nicht was sie in Wirklichkeit empfand. Sie sollte wieder gehen, die beiden waren besser dran ohne sie. Doch Aradis kam ihr zuvor, als sie gerade die Lefzen geöffnet hatte und sich entschuldigen wollte tat es die Weiße. Schnell schüttelte Tyel den Kopf und formte in Gedanken ihre Worte um.

"Nein, du brauchst nicht gehen. Ich wollte dich nur kennen lernen und euch bestimmt nicht stören. Ich sollte gehen."

Doch kamen ihre Worte zu spät, Aradis hatte sich schon umgedreht und ging einige Schritte, bis sie zu Boden stürzte. Tyel bemerkte die Blicke die sie ihren Bruder zuwarf, wartete schon auf den schmerzhaften Stich etwas verloren zu haben, doch blieb er diesmal aus. Verwirrt schaute sie kurz zu Rasmús und dann zu Aradis die auf dem Boden lag. Schnell war sie bei ihr und stupste sie vorsichtig an. was konnte sie schon tun? Sie, so schwach und allein? Sie hatte doch gar keine Ahnung was sie tun sollte und trotzdem stand sie zuerst bei der Fähe, versuchte ihr zu helfen.


Kaede schien weniger zu reden, als sie es bis eben noch tat. Dafür gab Leyla sich selbst die Schuld, sie hatte sie zum Schweigen gebracht, weil sie selbst geschwiegen hatte beziehungsweise es nicht getan hatte, sondern ein paar Dinge gesagt hatte, nur ein paar, aber sie waren ausschlaggebend, dass sie nun nicht mehr so redete, wie bis eben noch. Zu gern würde sie wollen, dass sie weiterredete, ganz so, wie vorher. Sie wollte ihre unzähligen Fragen nicht stellen, sie wollte, dass Kaede sie von sich aus beantwortete, so würde es zu keinen weiteren, eventuell verletzenden und stechenden Fragen kommen, die sie nicht stellen durfte. Sie musste geduldig sein. Aber das Interesse, mehr über diese merkwürdige Fähe zu erfahren, die sich so tapfer durchs Leben zu schlagen schien, war geweckt. Sie wollte nicht einfach wieder gehen, wie es bei den anderen zu Anfang immer der Fall gewesen war.
Außerdem interessierte sich die Weiße für die Sichtweise der anderen über Kaede. Wie lebten sie mit ihr? Was sollte sie nur beachten im Umgang mit ihr? Fühlte sie sich verletzt, wenn sie sie zu ihrer Blindheit befragte, weil sie sie damit jedes Mal daran erinnerte, dass sie anders war? Aber in diesem Rudel war jeder auf seine Art anders. Der Schwarze war anders als alle Rüden, die sie zuvor getroffnen hatte, die Fähe sicher auch, die hinzugekommen war, Alienna, noch zuvor, war ganz sicher nicht gewöhnlich und nun auch Kaede. Vielleicht sah sie zum ersten Mal, wer sie selbst wirklich war. Sie war nicht blind, aber sie hatte andere Dinge, die ihr Leben zu etwas Schwierigem machten, die sie zu einer Einzigartigen machten. Sie betrachtete sich weiterhin kritisch, aber zum ersten Mal in einem anderen Licht. Mit den Gedanken über Kaede kamen auch die Gedanken über sich selbst. Wie konnte es sein, dass ausgerechnet eine Blinde ihr die Augen öffnete? Sie war merkwürdig. Auf die Einladung, weitere Fragen zu stellen, wollte sie dennoch nicht eingehen. Sie hatte Angst davor, sie noch stiller zu machen, sie weiter zu verletzen, denn davon ging sie aus. Nur eine Sache interessierte sie noch. Wie war das alles aus ihrer Sicht? Wie dachte sie darüber und wie dachte sie über Leyla? Sie konnte sie das so nicht fragen, also wollte sie es anders herausbekommen, falls das überhaupt möglich war.

„Wie..normal?“

Fragte sie unsicher, auf den Boden sehend. Sie fühlte sich zum ersten Mal nicht gezwungen, den anderen nicht aus den Augen zu lassen, denn Kaede stellte keine physische Gefahr dar und seelisch würde sie sie sicher auch nicht absichtlich schädigen wollen, da sie selbst verletzbar war, verletzbarer, als sie es von denen kannte, sie sie selbst bisher verletzt hatten. Außerdem musste Leyla keine Mienen manipulieren, sie musste ihr Gesicht nicht verstellen, konnte so gucken, wie es tat, wenn sie allein war und doch ganz normal mit ihr reden. Das Gefühl des Mitleids für Kaede war nach wie vor vorhanden, aber das hätte sie so nie geäußert, da sie selbst nicht stark genug war, Leid anderer auf längere Zeit mitzutragen. Jedenfalls hätte sie sich das anhören müssen. Sie sah nun leicht auf, um den Gesichtsausdruck während ihrer Antwort beobachten zu können, er war mindestens genauso aussagend. Sicher konnte eine Blinde ihren Gesichtsausdruck nicht so leicht verstellen, da sie selbst nicht sah, wie sie es hätte machen müssen, damit es überzeugend wirkte. So blieb ihr wahrscheinlich gar nichts anderes, als den ehrlichen Gesichtsausdruck wiederzuspiegeln, zum Vorteil für Leyla, welche erst Vertrauen fassen musste und das ging bei ihr vielleicht schneller, als bei anderen Wölfen, da sie selbst ein großes „Makel“ trug.


Auch für Face Taihéiyo war es nicht einfach in den eigenen Kopf zu gucken. Oft wusste er selbst nicht einmal genau, was er wollte, da er es nicht wagte sich danach zu fragen. Er hörte nicht genau in sich hinein, er hörte nicht, sondern spürte immer nur. Immer nur den Schmerz, die Zweifel und sein eigenes Sträuben. Das eigentliche Sträuben. Gegen die ganze Welt. Die Furcht davor Vertrauen zu jemandem zu fassen, in einer Art, wie man sie sich nicht vorstellen konnte. Die Angst verletzt zu werden, noch tiefere Risse in der Seele davon zu tragen, bis sie schließlich ganz zersprang. Die seidenen Fäden wurden doch immer dünner. Aber gleichzeitig war da doch auch dieses Verlangen, welches gegen den Widerwillen stellte. Das Verlangen nach dem Vertrauen, nach einer gewissen Sicherheit, Geborgenheit. Konnte man sich nach etwas sehnen, dass man nicht kannte? Von dem man wusste, dass es existierte, aber nie gefühlt hatte? Vielleicht war es der Wunsch, zu wissen, was es außer der Leere und dem Schmerz noch gab. Was es Schönes gab. Hatte er sich nicht deshalb auf die Patenschaft mit Tyraleen eingelassen? Hatte er nicht deshalb zugestimmt, als Engaya ihn ins Leben zurück führte? Hatte er sich mit Clouds entgültigem Ableben nicht auch entgültig von seinem alten Leben verabschiedet? So viele Gedanken und doch tausend Zweifel. Konnte er tatsächlich so etwas wie Hoffnung in sich tragen?
Noch während er dem nachhing, mit sich selbst haderte und kämpfte, sich selbst gegenüber stand, fühlte Face plötzlich, wie sich neben ihm etwas verkrampfte. Rasch wandte der endlos schwarze Wolf den fein geschnittenen Kopf zur Seite und sah eine Ninniach, der es ganz plötzlich gar nicht mehr gut zu gehen schien. Kurz durchströmte den Rüden eine Art Schock. Kaum suchte er nach dem Inneren Frieden, nach den Möglichkeiten und versuchte mit ihnen ins Reine zu kommen, dachte gar über Hoffnung nach, da ging auf einmal etwas schief. War er der Auslöser? Verdammt, war er so verflucht?
Ohne darüber nach zu denken näherte er sich der schwarzen Wölfin mit der Schnauze. Atmete sie überhaupt? Warum atmete sie nicht? Schließlich war da doch wieder ein Hauch, dafür auch ein leises Winseln und Ninniach hatte sich zusammen gerollt. Etwas hilflos stupste Face ihr leicht gegen den Hinterkopf. Was war los, was passiert?

Ninniach, ist alles in Ordnung?“

Seine Stimme war leise, fast flüsternd und tatsächlich zeichnete sich in seinen saphirblauen Augen so etwas wie Sorge ab.


Kaede hoffte darauf, dass Leyla sie einiges fragen würde. Es war ihr schon irgendwie unangenehm, immer so viel zu reden und die andere Person sagte kaum etwas. Es kam ihr dann so vor, als ob sie die andere nicht reden lassen würde, obwohl sie ja wusste, dass dies nie der Fall war. Sie hatte kein Problem damit über ihre Blindheit zu reden, fand es aber auch nicht wirklich richtig einfach drauflos zu sprechen. Dann war es, als ob sie Leyla alles aufzwingen würde. Doch da Leyla nur eine Frage stellte, hatte sich ihr Wunsch wohl nicht erfüllt. Nun, dann würde sie eben auf ihre gestellte Frage antworten. Wie definierte sie denn normal.

“Na ja. Ich konnte es eben nicht besser ausdrücken, aber ich versuche es dir zu erklären. Mit normal in dem Zusammenhang zu dem was ich vorhin gesagt habe, waren all die nicht-blinden Wölfe gemeint. Ich weiß, wer oder was ist schon normal. Dazu definiert das einfach jeder anders. Mir viel nur kein besseres Wort ein, euch alle zusammen zu packen. Wenn du jetzt verstehst was ich meine. Von meiner Seite ist es, denke ich, leichter von normalen Wölfen zu sprechen als von eurer. Gewiss weiß ich auch, dass jeder Wolf anders ist und irgendetwas besonders gutes, besonders schlechtes hat oder wie auch immer. Aber trotzdem seit ihr für mich alle noch normal, da ihr etwas könnt was ich nicht kann, was aber sonst eigentlich zu jedem Wolf dazu gehört. Das Sehen. Ich verdamme mich jetzt nicht, weil ich nichts sehen kann, aber ich bin auch nicht stolz darauf. Ich finde es nicht total schlimm, aber ich freue mich auch nicht darüber. Und ich bin froh, dass ich noch meine alten Erinnerungen behalten habe. Denn dort wird nie etwas ausgelöscht werden, ich werde mir immer und immer wieder, so oft ich mag die Bilder vor Augen führen können. Vielleicht besser als ihr, die die sehen könnt. Ich weiß es nicht, woher auch. Aber ich liebe es mir diese Bilder, diese Geschichten anzuschauen, egal ob es schlechte oder Gute sind. Ein Teil meines Lebens ist mit meinem Augenlicht geschwunden. Ein Wolf meinte mal zu mir, dass er sich das gar nicht vorstellen könne, da ich ihm so fröhlich rüberkommen würde. So lebensfroh. Und das bin ich ja auch, denn was ist das Leben ohne Freude? Es wäre gar nichts. Man würde einfach vor sich hin leben, jeder verbittert und zurück gezogen in seiner eigenen Welt. Es tut gut das Leben auch mal aus anderen Augen zu sehen. Natürlich ist es blöd, dass ich jetzt, hier oben nichts sehen kann. Das erschwert mir einiges. Unten im Tal kannte ich mich wenigstens aus. Hier oben fällt mir alles viel schwerer. Ich kann nicht einmal ein klitzekleines Tier jagen, ohne Angst zu haben, dass mir etwas passiert. Aber dafür sind wir ja ein Rudel, auch wenn es mir unangenehm ist, dass mir oft geholfen werden muss tue ich es. Nehme ich die Hilfe an, da ich weiß, dass mein Leben noch nicht vorbei ist. Als einzelner Wolf wäre ich sicher schon umgekommen, aber ich bin eben kein einzelner Wolf und warum soll ich mein Leben nicht weiter genießen, nur weil es mir erschwert wird? Das fände ich nicht fair und ich bin froh, dieses Rudel gefunden zu haben. Vor allem weil hier viele tolle Wölfe leben. Viele sind anders, etwas besonderes und hatten vielleicht auch eine nicht tolle Vergangenheit. Und die meisten gehen hier gut damit um. Natürlich gibt es zwischendurch mal Zoff, aber wo gibt es das nicht. Das wäre ja dann schon unnatürlich und doch auch irgendwie langweilig. Ach, ich weiß auch nicht, willst du noch irgendetwas wissen? Scheu dich nicht, ich habe wirklich kein Problem damit. Du siehst ja wie gerne ich rede. Es macht mir nichts aus und auch wird mich schon keine deiner Fragen verletzten. Dazu braucht es ein bisschen mehr weißt du. Fragen sind nicht schlimm, egal welcher Art. Wenn ist die Vergangenheit schlimm. Verhalten bestimmter Wölfe in der Vergangenheit, wie auch immer aber Fragen zu mir, zu meinem Leben. Meiner Blindheit oder zu was auch immer. Sie stören mich nicht.“

Tief Luft holend endete sie nun und blickte erwartungsvoll in Leylas Richtung. Sie wusste nicht, ob sie sich nur nicht traute zu fragen. Wenn ja konnte sie es nicht nachvollziehen, hätte sie eine Fähe wie sich selber vor sich. Kaede schmunzelte. Sie glaubte sie würde dann Fragen, auch wenn sie sonst nicht so gesprächig wäre. Allerdings wusste sie selber nicht, was sie Leyla fragen konnte. Und durfte, sie hatte Angst diese eh schon verschüchterte Fähe abermals zu verschrecken. Vielleicht davon zu jagen und außerdem war es ihr unangenehm sie zu fragen, ob sie sich und die Umgebung beschreiben konnte. Vielleicht später, vertröstete sie sich. Jetzt war noch nicht der rechte Zeitpunkt dafür gekommen. Aber er würde sicher kommen. Irgendwie kam es ihr so vor, als ob Leylas Ausstrahlung schon nicht mehr so ganz abweisend war wie zu Beginn. Sie wusste zwar nicht woher dieses Gefühl kam, aber das störte sie nicht. Immerhin war es da.


Mit ihrem Schwall von Worten würde sie aus ihr sicher nicht mehr herauslocken können, im Gegenteil. Leyla wurde unsicherer und rollte nachdenklich mit den Augen hin und her, sah überall und nirgends hin. Kaede überforderte sie in zweierlei Hinsicht. Zum Einen, weil sie so viel redete und Leyla nicht wusste, was sie dazu sagen sollte und zum anderen natürlich, das war nicht zu ändern, durch die Tatsache, dass sie ganz anders als alle anderen Wölfe war, die sie bisher kennen gelernt hatte. Aber das konnte sie ihr natürlich nicht übel nehmen, sie würde lernen müssen, damit umzugehen. Als Kaede ihre Rede beendet hatte, sah sie beobachtend zu ihr auf. Sie wusste, dass sie nicht wenig redete und doch konnte sie nicht anders. Sie war einerseits sicher und selbstbewusst aber andererseits auch wieder unsicher und sich nicht eins mit sich selbst, das dachte sie zumindest, das war ihr erster Eindruck von Kaede. Nun wartete Kaede sicher darauf, dass Leyla auf all das einging, was sie gesagt hatte, sie kannte sie noch nicht gut und wusste nicht, wie sie mit ihr am besten hätte umgehen können. Leyla konnte es ihr nicht erklären und einen Dritten gab es nicht, nicht mehr. Alienna vielleicht..sie hätte es wohl gekonnt. Sie hatte mit den anderen, „normalen“ Wölfen kommunizieren können und hatte Leyla ebenso verstanden, zumindest hatte sie immer das Gefühl gehabt. Wieder trat diese unglaubliche Sehnsucht auf. Aber sie war jetzt nicht hier, sie konnte ihr nicht helfen. Leyla konnte sich nicht jemanden anders herwünschen, sie musste lernen, mit denen zurecht zu kommen, die bei ihr waren, insofern sie nicht bösartig oder sadistisch waren und das war sicher weder Kaede, noch der schwarze Rüde oder die schwarze Fähe an seiner Seite. Doch Zeit benötigte sie vor allem. Kaedes Definition von Normal teilte sie jedenfalls nicht. Sie ging davon aus, alle waren normal, nur sie nicht? Dann war sie wirklich blind und sie brauchte wohl jemanden, der ihr die Augen öffnete, auf eine andere Art und Weise. Denn jeder konnte sagen, er selbst war nicht normal, weil er sich nun mal am besten kannte. Die anderen kannte man weniger, sie wirkten alle gleicher, also waren sie normal. Aber wie sollte sie Kaede das erklären? Das konnte sie nicht. Diese Barriere war nach wie vor gegeben, nur bei Alienna hatte sie es geschafft, frei zu reden. Hier fehlte noch die Zeit dafür. Sie brauchte Zeit, das alles zu verstehen und zu verinnerlichen. Hoffentlich akzeptierte Kaede das und sie gab nicht so schnell auf. Jetzt würde sie also wieder nichts gesagt haben. Aber das konnte sie nicht ändern. Kaede ging vielleicht davon aus, dass Leyla das alles nicht interessierte, was sie gesagt hatte, weil sie dazu nichts sagte. Vielleicht würden die ersten Missverständnisse schon zum Ende dieser noch so neuen Bekanntschaft führen. Dann hatte sie nicht genug Geduld gehabt und Leyla hätte sich geirrt in ihr. Das war aber vielleicht auch nur ihre Schuld, da sie nicht in der Lage war, sich zu bessern. So würde sie auch nie die Chance dazu erhalten, es war ein Dilemma.

Und wieder antwortete die Fähe vor ihr nicht. Kaede wusste nun nicht mehr genau, was sie sagen sollte so schwieg sie. Was dachte die andere Fähe vor ihr bloß? Warum sagte sie denn nichts? Wenn sie schüchtern war und reden nicht sonderlich mochte okay, aber so gar nichts zu sagen. Das fand Kaede ihr gegenüber nicht richtig fair. Natürlich konnte man das von allen Seiten aus anders betrachten. Nicht fair war vielleicht auch das falsche Wort aber wenigstens irgendeinen Laut konnte man doch von sich geben oder? Es musste ja nicht einmal irgendein Wort sein. Mit sehenden Wölfen wäre es schon wieder was anderes. Sie unterdrückte ein seufzen um die Fähe nicht noch mehr zu verunsichern. Doch innerlich seufzte sie trotzdem. Natürlich konnte sie es nicht ändern, sie fand es auch nicht direkt schlimm, sie musste sich nicht unbedingt unterhalten aber irgendwie eine Reaktion, ein Hinweis darauf, dass Reden nicht erwünscht war. War das zu viel verlangt?
Kaede dachte nach. Früher hatte sie auch nicht so viel geredet. Früher hatte sie eigentlich ebenfalls gar nicht geredet. Wie war es ihr damals ergangen. Sie erinnerte sich, dass sie einfach den Kontakt zu anderen Wölfen gemieden hatte. Erst in diesem Rudel hatte sie gelernt zu sprechen. Richtig zu sprechen, aber vielleicht war das auch wegen der Blindheit so gekommen. Das wäre natürlich eine Möglichkeit, denn genau konnte Kaede sich nicht daran erinnern, was sie dazu veranlasst hatte wieder mehr zu reden. Und nun sprudelte meist alles aus ihr heraus. Sie lächelte leicht über ihre Gedanken. Auch als sie mit dem anderen Wolf sich unterhalten hatte, der nicht sonderlich gesprächig war, hatte sie viel geredet. Aber da war es auch noch mal etwas anderes gewesen. Ihm hatte es nichts ausgemacht, dass sie viel geredet hatte. Er hatte eben nur das nötigste dazu gesagt oder eben geschwiegen wenn es unwichtig war. Aber diese Fähe hier antwortete gar nicht, egal was sie sagte. Musste das nicht ein schrecklich deprimierendes Leben sein, wenn man aus dem nicht mehr reden gar nicht mehr hinaus kam? Sie war froh, dass sie diesen Sprung geschafft hatte. Freute sich, dass sie gelernt hatte mehr zu reden, auch wenn sie natürlich etwas ruhiger sein könnte. Doch noch nie hatte sie hier einen Wolf getroffen den dies angenervt hätte. Allerdings unterhielt sie sich auch nicht zu oft mit Wölfen hier einfach so. Sie lebte viel vor sich hin, hoffte aber dass sich das vielleicht auch noch ändern würde. Aber wie auch immer, vielleicht würde Leyla sich irgendwann auch noch mal zu Wort melden. Und wenn nicht. Eine Fähe in der Nähe zu haben war immer schön, dazu konnte man auch schweigen. Reden war schließlich nicht wirklich wichtig. Wahrscheinlich war es nur ihre Zuflucht geworden. Die Sprache zu benutzen, dafür das sie nicht mehr sehen konnte. Ja das musste es sein.


Kaedes Redefreudigkeit schien abzudämmen, auch sie sagte nun nichts mehr. Sollte Leyla sich Sorgen machen? Sie wollte sie nicht „zum Schweigen bringen“ und andererseits war es schön, ein Mal wieder Luft holen zu können, erst ein Mal über ihr Gesagtes nachdenken zu können. Sie freute sich etwas über diese Ruhe. Sie wollte erst ein Mal nicht reden, sie nur ansehen und über sie nachdenken. Sie hätten sich auch trennen können und Leyla hätte, bis zu ihrer nächsten Begegnung, zunächst ein mal über sie nachgedacht und über all das, was sie ihr erzählt hatte. Aber sie wollte sie nicht fortschicken, das hätte sie sicher auch nicht gekonnt und gehen wollte sie auch nicht. Wie sollte sie überhaupt jemals wieder gehen? Sie konnte nicht einfach gehen. Das ging bei einem, wie sie sagte, „normalen“ Wolf, aber nicht bei ihr, einer Blinden. Sie hatte das Gefühl, sie würde sie hintergehen, würde sie nun einfach gehen. Kaede würde es nicht sehen und, so ihr Gedanke und ihre Angst, sie würde womöglich denken, Leyla würde nach wie vor vor ihr stehen und ihr zuhören und Kaede würde ihre Gefühle und Gedanken ganz umsonst äußern und keiner würde ihr zuhören. Was also sollte sie tun? Sie hätte ihr wohl sagen müssen, wenn sie ging. Aber jetzt wollte sie eh erst ein Mal nicht gehen. Ihr Blick hing nachdenklich am Boden und sie überlegte. Sie wollte sich befreien von der Pflicht, auf all das, jeden Satz, den sie gesprochen hatte, eingehen zu müssen, wie sie anfangs meinte, es zu tun müssen. Sie redete sich nun ein, dass sie das nicht brauchte. Sie konnte mit Kaedes Worten nicht viel anfangen und so nahm sie nun aus dem Nichts das Bewusstsein über sich selbst, einfach nicht darauf einzugehen, weil sie selbst es nicht als wichtig und notwendig genug erachtete.
Dann sah sie auf, sie sah ihr ins Gesicht. Wie schlimm musste es für sie sein, ihr eigenes Gesicht, ihren eigenen Körper nicht mehr sehen zu können, wenn sie etwa ins Wasser sah? Sie konnte ihre eigenen Gesichtszüge nicht mehr sehen und erst recht nicht die der anderen.

„Wie..“ sie setze an, etwas Leises zu sagen. „Wie stellst du dich..mir vor, Kaede?“

Sie verzog das Gesicht zu einer ängstlichen Miene. Sie hatte Angst vor dieser Frage, weil es sie womöglich verletze könnte.
Sie wollte es nicht als Spott betrachten und hinnehmen, denn spotten wollte sie gewiss nicht. Sie wollte einfach nur wissen, das entsprach ihrer Neugier, wie Kaede sich Leylas Aussehen vorstellte. Was glaubte sie, vom Gefühl her, für eine Wölfin vor sich stehen zu haben? Was würde sie sagen? Würde sie nur sagen, welche Fellfarbe sie sich vorstellte, oder auch die Augenfarbe, womöglich auch die Gesichtszüge? Was dachte sie wohl? Leyla wollte es gern wissen, aber trotzdem hatte sie Angst vor ihrer Reaktion, weil sie eventuell verärgert war über die Frage. Leyla schluckte mit leichten Gewissensbissen herunter und wandte den Blick ab, weil ihrer vielleicht verletzend für sie sein könnte, wenn sie verärgert war. Sie hatte sie nicht verärgerten wollen. Sie war doch so nett, es würde Leyla wehtun, zu wissen, wenn sie sie nun vergärt hatte und enttäuscht hatte. Zum Glück sah sie nicht, dass Leyla sie nicht ansah. Aber vielleicht war das auch gar nicht schlimm. Schließlich unterhielt sich Kaede auch mit ihr obwohl sie sie nicht sehen konnte. Ja..das brachte Leyla auf eine Idee. Erst kostete es sie etwas Überwindung, sie sah sich etwas nervös um. Sie sah in alle Richtungen, guckte, ob noch jemand anders in ihrer Nähe war. Als sie jedoch niemanden sehen konnte, entschied sie, es so zu tun. Sie waren ganz allein, niemand würde sie auslachen oder gar angreifen können. Leyla entschied sich, ihre Augen zu schließen. Sie wollte wissen, wie es war, sich mit ihr zu unterhalten, wenn sie sie nicht sehen konnte. Ja, sie wollte nicht, dass sie es besser hatte. Sie wollte auch nur mit ihr reden können, während sie sie nicht sah. Das gab ihr das Gefühl, mit ihr auf einer Ebene zu stehen. Sie erhoffte sich dadurch, sie besser zu verstehen. Leyla schloss die Augen und wartete ihre Antwort ab. Was für ein Gefühl das war. Sonst hatte sie die Augen nur geschlossen, wenn sie allein war. Jetzt schloss sie sie, während jemand vor ihr stand, was sie bei niemandem mehr tun würde..nur..bei jemandem, der sie auch nicht sehen konnte. Es war ein Gefühl, ein erstes Gefühl der Gemeinsamkeit. Nun waren sie beide in ihrer Kommunikation eingeschränkt und niemand mehr bevorteiligt oder benachteiligt. Vielleicht würde es Leyla die Angst etwas nehmen, zu reden, weil sie keine Angst mehr vor enttäuschenden Gesichtsaudrücken haben musste, die Kaede womöglich selbst noch nicht einmal so zeigen wollte, wie sie herüberkamen, weil sie sie auch nicht sah. Zum ersten Mal hatte Leyla das Gefühl, durch die geschlossenen Augen etwas freier zu sein, sonst war es wohl eher umgekehrt. Es war nachteilig, und eigentlich sah sie auch gern in Kaedes Gesicht, aber jetzt wollte sie es so. Keade würde sie das nicht erzählen, aus Angst vor Unverständnis oder davor, Kaede würde dieses Experiment missverstehen und als Spott deuten, das sollte es nicht sein. Vielleicht würde sie es ihr einmal sagen, aber dazu wollte sie sie erst besser kennen lernen und sehen, ob es wirklich gerechter wurde, wenn sie sie auch nicht sehen konnte.


Freudig bemerkte sie nun, dass Leyla leise wieder ihre Stimme hob. Eine einfache Frage kam aus ihrer Schnauze, nicht viel, aber sie hatte geredet und das freute Kaede. Es war natürlich keine einfache Frage im Sinne, dass Kaede diese leicht hätte beantworten können, sondern eher in dem Sinne, dass es nichts Großes war, nicht viel. Doch es reichte, vom inhaltlichem her war es eine fast schon riesige Frage. Kaede musste ein wenig nachdenken. Natürlich bildeten sich gewisse Bilder in ihrem Kopf, jedoch immer ungenau und sie war sie nie sicher, ob es auch wirklich richtig war. Aber trotzdem war sie froh über die Frage. Noch nie hatte sie ein Wolf danach gefragt, höchstens und selbst das war selten hatten die Wölfe sich von selbst beschrieben. Jetzt, wo sie danach gefragt wurde, merkte sie, dass es ihr ein wenig unangenehm war. Nicht schlimm, aber ein bisschen peinlich. Was war, wenn Leyla ihr böse war, weil sie sie falsch einschätzte? Nein, soweit sie einschätzen konnte war Leyla nicht die Art von Wolf, die böse wurde weil sie etwas Falsches sagte. Vor allem weil es ja nicht direkt falsch war, nicht gewollt falsch war. Sie sollte sich keine Gedanken darum machen, dass Leyla sich über sie lustig machen würde. Sie wollte auf Leylas Frage versuchen zu antworten. Vielleicht kurz erklären wie sie dazu kam. Doch wie stellte sie sich Leyla denn genau vor? Grübelnd ließ sie ihre Ohren Kreisen, witterte kurz im Wind und tappte dann einen winzigen Schritt nach vorne. Sie konzentrierte sich dabei auf die Fähe vor ihr, wollte anhand des Tones den ihre Schritte erzeugten schauen, wie die Fähe ungefähr gebaut war. Sie war zufrieden mit dem, was sie herausfand, also beschloss sie nun zu sprechen. Diesmal leiser, viel leiser als vorher, begann sie zu sprechen. Etwas unsicher nun, dabei hatte sie doch beschlossen, dass es ihr nicht unangenehm sein musste. Egal.

„Wie ich dich, mir vorstelle. Ich denke, dass du ungefähr so groß bist wie ich, nicht wirklich breit, eher schlank. Auch wenn der Wind mir sagt, dass du ein größerer Widerstand bist als wirklich ganz schlanke Wölfe. Doch vom Ton her hört es sich schlank an. Also vielleicht viel Fell? Ich denke du hast eine gedeckte Fellfarbe, kein bunter Wolf. Deine Augen müssten Unsicherheit, Scheu, Weisheit und Angst ausdrücken. Denke ich. Ich stelle mir vor, dass du weiche Gesichtszüge hast. Nichts wirklich Eckiges. Natürlich auch nicht rund, nicht das du mich falsch verstehst, aber eben gut übergehend. Ich denke, dass du keine großen Pfoten hast wie ich“ Sie blickte mit ihren verschleierten Augen in Richtung ihrer Pfoten, hob dann den Kopf wieder zu Leyla. “Als du dich vorhin bewegt hast, hörte es sich anders an als bei mir. Als ob weniger Boden verdeckt worden wäre. Ich hoffe, ich habe jetzt nicht irgendetwas Blödes gesagt. Ich habe nicht vor, dich in irgendeiner Art und Weise anzugreifen.“

Sie schloss leise ihr Maul, war unsicher, wie Leyla ihre Aussagen aufnehmen würde. War sich unsicher, ob sie alles so ausgedrückt hatte wie sie es meinte. Ob man alles so verstehen konnte, wie sie es eigentlich meinte. Doch eigentlich blieb ihr sowieso nichts übrig als zu hoffen. Weil wenn sie es jetzt nicht besser erklärt hatte, würde sie es auch nicht auf ein Neues besser rüber bringen können.


Nun öffnete Leyla doch wieder die Augen. Mit leichter Erschrockenheit sah sie die blinde Fähe vor ihr an und sie war froh, die Augen wieder öffnen zu können, ein Privileg, dass Kaede zwar nicht besaß, dafür aber mit ganz anderen Fähigkeiten bestückt war. Sie sah sie mit verwundertem Blick an. Zum Einen, weil sie Dinge gesagt hatte, die Leyla beim besten Willen nicht nachvollziehen konnte, zum anderen, weil sie Dinge gesagt hatte, die äußert richtig waren und bei denen sie sich nur fragen konnte, wie sie das nur gewusst hatte. Leyla sah an sich herunter, zu ihren Pfoten, betrachtete sie, als wolle sie nachprüfen. Große Pfoten, kleine Pfoten.. Ja, was für Pfoten hatte sie eigentlich? Darüber hatte sie nie ernsthaft nachgedacht. Sie sah hinüber zu Kaede, auf ihre Pfoten. Dann noch einmal zu ihren, vergleichend. Anschließend hob sie den Blick wieder und sah die graue Wölfin fragend an. Wer war sie? Auf jeden Fall ein außergewöhnlicher Wolf. Es gab keine normalen Wölfe. Kaede war nicht normal und sie selbst sah sich auch als alles andere als normal. Kaede betrachtete die Welt auf eine ganz andere Art und Weise. Sie nahm Dinge war, an der die Sehenden blind vorüberliefen. Das versetzte die Weiße in Erstaunen. Das Leben war nicht eintönig, es war bunter als je zuvor, auch wenn sich hin und wieder Schatten über die Farben legten und sie schlechter zu erkennen ließen. Doch Kaede war der lebendige Beweis dafür. Auf der anderen Seite hatte Kaede von Weisheit gesprochen..weise? Das war sie ganz sicher nicht. Sie dachte darüber nach, kam dann aber zu dem Entschluss, dass das nicht stimmen konnte.

„Ich..“ sie setze an um etwas Zaghaftes zu sagen, doch es kam nur schwerlich über ihre schmalen Lefzen. „Ich..ich bin nicht..“ sie setze eine Pause ein, um noch einmal darüber nachzudenken, beendete dann jedoch so wie geplant. „..weise.“

Ihr Blick vertrübte sich und sie ließ den Kopf hängen. Diese Eigenschaft mochte etwas Positives sein, aber sie brauchte sich nichts vormachen, weise war sie ganz sicher nicht. Einer Blinden musste sie doch sagen, was sie falsch sah. Auch wenn es hierbei nicht mehr nur ums Sehen ging. Sie wollte Kaede nicht hintergehen, sie wollte offen sein und ihre Schwächen offenbaren, damit sie selbst für sich entscheiden konnte, ob sie noch länger mit dieser Fähe zu tun haben wollte..oder nicht.

„Ich..bin nur“ sie überlegte. Was war sie denn? Da gab es nur eins, wenn sie nicht einfach verstummen wollte. „..Leyla?“ sie hob den Satz leicht zur Frage an und sah wieder auf, nur kurz, nur schwach, bevor sie den Kopf wieder senkte.

Leyla..so hatten sie alle immer genannt. Das war der Ausdruck für Schwäche, Angst, Unsicherheit, Unmut, Kälte..für eine Verliererin. Sie wusste, dass es wenig attraktiv war, sich mit diesen negativen Eigenschaften über sich selbst zu äußern. Die anderen wandten sich in der Regel recht bald ab und ließen sie in ihrer Trauer..in ihrem..Selbstmitleid? Aber letztlich bekräftigte das die Aussage doch nur und gab ihr, für sie selbst, noch einen weiteren Grund, sich selbst zu bemitleiden, weil es doch sonst niemand tat. Dabei hätte es niemanden gebraucht, der sie bemitleidete, es hätte jemanden gebraucht, der ihr auf positive Art und Weise klarmachte, warum das auch nicht der richtige Weg war. Vielleicht war Kaede dieser Jemand..


Sie hatte noch weiter über die Fähe vor sich nachgedacht, war aber zu dem Entschluss gekommen, dass das was sie gesagt hat, so genau wie sie es hatte sagen können, gewesen war. Sie war gespannt, ob und was Leyla nun sagen würde und war kurze Zeit später erstaunt, als sie meinte, dass sie gar nicht weise wäre. Kaede runzelte leicht die Stirn. Sie hatte gedacht, dass Leyla weise war. So wie sie ihre Worte wählte, so wie sie stockend erzählte. Sie hatte gedacht, dass das nicht nur aus Angst geschah. Außerdem hörte sie sich weise an. Aber eigentlich müsste Leyla es ja wissen, aber vielleicht wollte sie es nicht wahrhaben? Empfand es einfach nicht so, als ob sie weise wäre. Aber vielleicht hatte sie sich auch einfach geirrt. Das konnte schließlich auch gut sein. Überraschenderweise erhob Leyla abermals ihre Stimme, wieder stockend. Und ihr Satz endete mit einer angedeuteten Frage. Das sie nicht mehr wäre als eben sie selbst, als Leyla. Und selbst das war als eine Frage formuliert. Dies stimmte Kaede ein wenig traurig. Man musste sich selber doch wenigstens ein bisschen mögen um leben zu können oder? Sie hatte doch selber erfahren, dass man nicht ein Leben lang traurig sein konnte. Das man sich nicht ein Leben lang hassen konnte. Hatten diese Gefühle einen Grund bei Leyla? Oder war es vielleicht sogar etwas ganz anderes, dass Leyla so war, wie sie rüber kam? Sie hatte das Bedürfnis die Fähe ein wenig aufzuheitern. Dieser letzte fragende Satz war so verzweifelt angekommen. Er hörte sich so verloren an, so traurig und zweifelnd. Kaede überlegte, was sie sagen konnte. Leyla war einfach Leyla. Natürlich, aber irgendetwas sagte dieser Name doch aus. Hieß es nicht, dass der Name Nacht bedeutete. Nacht/ Dunkelheit, die Geheimnisvolle und auch die dunkle Schönheit. Und bedeutete es nicht auch Kämpferin? Nacht und Dunkelheit erschien ihr für passend. Auch geheimnisvoll war Leyla, eine Schönheit, dass konnte sie selber nicht sagen, wobei sie jeden Wolf auf seine Art und Weise schön fand, aber sie ging davon aus, dass Leyla eine wirklich hübsche Fähe war. Und eine Kämpferin, davon merkte Kaede nichts. Nicht viel, aber vielleicht musste dies erst erweckt werden? Vielleicht musste Leyla erst erfahren, dass man für ein schönes Leben kämpfen konnte?

„Natürlich bist du Leyla, so benannte man dich denke ich vor langer Zeit. Allerdings ist dies auch nur ein Name, du bist das was unter diesem Namen steckt. Und doch haben alle Namen eine Bedeutung. Und die meisten Namen treffen auch auf den tragenden Wolf zu. Sieh dir deinen Namen an, ich finde er klingt schön, freundlich, einladend und bunt. Die Bedeutung ist nicht sonderlich bunt, Nacht. Aber eine Nacht kann wunderschön sein. Das würde die dunkle Schönheit untermauern, die diesem Namen zugeschrieben wird. Ebenso, wie es die Geheimnisvolle heißt. Dies trifft doch alles zu oder habe ich Unrecht? Außerdem bedeutet der Name die Kämpferin soweit ich weiß. Das sehe ich bei dir nicht, aber vielleicht schläft es noch? Dein Name klingt so voller Leben. Die Nacht ist die Zeit, in der viele Tiere erwachen, durch die Gegend ziehen. Er klingt nach versteckten Freuden? Wo sind diese Freuden geblieben Leyla? Schau dir die Welt an, hier oben entdeckt man nicht so viel davon, aber unten im Tal. Alles war voller Leben. Munterem Leben. Und auch hier oben kann man es entdecken. Es wird bald Frühling, alles wacht auf, wie aus einem tiefen Winterschlaf. Alles ist so schön, so bunt. Voller Leben. Davor kann man nicht die Augen verschließen. Natürlich bist du, du. Aber auch nur das du, was du aus dir machst. Ich war auch nicht immer so, und schau mich jetzt an. Ich erfreue mich so an dem Leben, ich habe mich etwas verändert. So das ich mir besser gefalle.“

Schon wieder hatte sie so viel geredet. Sie hoffte, dass sie Leyla nun nicht verschreckt hatte. Sie wollte sie gerne mit ihr unterhalten. Sie kam ihr sympathisch vor. Auch wenn es heißen sollte, dass sie weniger reden musste, das nahm sie gerne in Kauf, wenn die Fähe ihr ab und zu antwortete.


Kaedes Aufmunterung kam bei ihr nicht an. Es schien so fremd, so absurd, was sie sagte. Den Namen hatte sie bekommen, als sie ein Welpe war. In dem Alter hatte man sie vielleicht sogar noch lieb gehabt. Aber später verlief alles ganz anders und so, wie die anfängliche Begeisterung für den Namen, sank auch die Liebe zu ihr und sie war nur noch ein Ding, das im Wege stand, dass einfach immer da war und scheinbar nicht mehr wegzubekommen war, eine Last, ein Fluch, eine Krankheit. Später erlöste ihr Vater sich von ihr, ihr Rudel, ihr Bruder. Doch sie konnte sich von dieser Zeit nicht mehr lösen. Was für die Familie all die Jahre ein Fluch gewesen war, war für sie die prägende Zeit und niemand vermochte diese nun so schnell neu zu prägen in ihr. Alienna hatte es geschafft, sie zu Veränderungen zu bewegen, sie wieder mutiger zu machen. Doch das ganze glitt ihnen aus den Pfoten und so stand sie nachher noch leerer da als vorher, weil sie nun wusste, was war und was sie nicht mehr hatte. Wie sollte sie all das nur der grauen Fähe, die jetzt vor ihr stand, erklären? Kaede wusste sich gut auszudrücken mit ihren Worten, Leyla hatte es da nicht so einfach. Seufzend sah sie zu Boden. Sie schloss wieder ihre Augen und dachte über ihre Rede nach. Sie konnte sie nicht teilen, das war nicht sie, über was sie dort sprach. Sie hatte leider keine Ahnung. Wie sollte man es nur jemandem erklären, der so anders war? Natürlich hatte sie auch Leid erfahren. Wie schrecklich musste es nur sein, wenn man sein Augenlicht verlor. Das hatte sie zum Glück nicht auch erfahren müssen. Aber im Gegensatz zu Kaede redete sie es nicht herunter, im Gegenteil. Sie fand es vielleicht bald schlimmer als Kaede selbst und Leyla wünschte sich, sie könnte ihr helfen, wieder zu sehen, wie sie ihr versuchte zu helfen, neuen Mut zu schöpfen.
Ja, vielleicht sollte sie ihre vergeblichen Versuche, sie aufzumuntern, endlich stoppen und ihr dafür zeigen, wie dankbar sie ihr war, dass sie so gut zu ihr war, zu der, die andere immer nur als unsoziale Verliererin abgestempelt hatten. Sie wollte nicht auf Keades Enttäuschtheit warten, weil Leyla ihre Freude nicht teilen konnte, weil sie ihren Worten nicht Glauben schenken wollte und weil sie nicht fähig war, ihren Rat zu befolgen. Sie wollte sie nun lieber selbst einmal etwas beglücken. Man brauchte nicht versuchen einen Traurigen zum Lachen zu bringen, so meinte sie, es war viel sinnvoller die Kraft demjenigen zu geben, der schon wusste, wie Freude war, damit er das Lachen nicht verlernte. Und Kaede war nicht nur gut genug, dass sie es verdient hatte, noch weiter lachen zu dürfen, sie hatte sogar selbst einen Grund, nicht zulachen, ihre Sehbehinderung und so war die Kraft, sie zum Lächeln zu bringen, bei ihrer gewiss nicht umsonst investiert.

„Ich habe weißes Fell..“ begann Leyla zögerlich, als sie wieder aufsah und ihr in ihre leeren Augen blickte. „Meine Augen sind grün und..“

sie dachte nach. Was sollte sie noch beschreiben? Sie musste überlegen. Sie dachte nach, was Kaede wohl als erstes bemerken würde an ihr, könnte sie sie ansehen. Sie musste sich so beschreiben, wie sie sie als erstes sehen würde, wie sie als erstes denken würde und was ihr als erstes auffallen würde, wäre sie nicht blind, sondern könnte sie sie ganz normal betrachten.

„Mein Fell ist dicht und..und..“

sie senkte den Kopf. Weiter fiel ihr nichts ein. Wie sollte sie sich beschreiben? Mit jedem Wort, ob es Fell war, Augen oder ein anderes, spürte sie förmlich das, was sie beschrieb, wie einen leichten Schmerz. Ja, das war sie nun ein Mal. Es war nicht einfach, sich selbst zu beschreiben. Sie wollte nicht alles ansprechen, was sonst so selbstverständlich war. Sonst machte sich der andere einfach seine stillen Gedanken, bildetet sich ein Urteil, ob er sein Gegenüber hübsch fand oder nicht. Jetzt aber kam es ganz auf ihre Beschreibungen an. Sie konnte sich nicht schön beschreiben, wollte sich aber auch nicht noch weiter verletzen, oder gar albern wirken, in dem sie sich abwertend beschrieb.
Vielleicht waren Worte wirklich nicht der geeignete Weg. Sie konnten das Sehen nicht ersetzen, nicht einmal zur Improvisation reichten sie. Leyla sah Kaede starr an, während sie ihre Mimik förmlich studierte, wie sie wohl reagieren würde. Ein anderer Gedanke machte sich in ihr breit. Sie hatte das Gefühl, dass sie es bereuen würde und doch wollte sie ihr verständlich machen, dass sie es ehrlich meinte und sie nicht anlog. Denn wie sollte einer, der nichts sah, das überprüfen? Zwischen ihnen musste das Vertrauen von Beginn an eine der größten Rollen übernehmen, sonst konnten sie nichts miteinander zu tun haben. Leyla stand auf und sah sie noch einmal an. Dann schluckte sie herunter und stellte ihre rechte Vorderpfote, so weit es ging, vor sich, zwischen Kaede und ihrem eigenen Körper. Es war ein Zeichen des Vertrauens. Leyla hatte weniger Probleme damit, jemanden zu berühren, dem sie vertrauen wollte. Das war bei Alienna anders. Dafür hatte sie nicht das Problem der Wortkargheit. Alle waren sie verschieden und doch keiner perfekt. Leyla dachte noch über ihren nächsten Schritt nach. Sollte sie warten, ob Kaede mitbekam, dass Leylas Pfote wenige Zentimeter vor ihrer stand..oder..sollte sie schon jetzt den letzten Schritt tun und ihre Pfote ganz berühren? Sie dachte weiter nach, handelte nicht länger übereilt und sah ihr bittend in die Augen.


Eine warme Welle der Freude umspülte Kaedes Inneres, als Leyla zaghaft anfing zu reden. Auch wenn sie nicht viel sagte, immerhin wusste sie nun ein wenig mehr über die Fähe bei der sie stand. Außerdem freute sie sich, dass sie nicht so falsch gelegen hatte mit dem dichten Fell. Weiß mit grünen Augen. Es musste ein schönes Farbspiel sein beschloss sie. Sie erinnerte sich an ihre frühere Augenfarbe. Bei ihr war es kein großer Kontrast gewesen wie bei Leyla. Ihre Augen waren früher strahlend blau gewesen, hatten zwar aus ihrem Gesicht heraus gestochen, aber waren nicht auffällig gegenüber ihrem grau weißen Fell gewesen. Sie wollte Leyla erzählen, was sie früher für eine Augenfarbe hatte. Es war nichts besonderes, aber sie wollte auch nicht einfach nur schweigen. Gerade als sie beginnen wollte zu sprechen merkte sie, wie Leyla aufstand. Wollte sie gehen? Nein, sie spürte wie die weiße Fähe etwas in ihre Richtung trat. Nicht ganz, eher schien sich unsicher eine Pfoten weiter vor zu setzen. So als ob sie sich nicht sicher wäre bei dem was sie tat. Und dann rührte sie sich nicht mehr, aber Kaede war sich sicher, dass Leylas Augen auf ihren ruhten. Sie anblickten und auf eine Reaktion wartete, sodass nicht sie diejenige sein musste, die weiter handelte. Ihre Rute fing leicht an von rechts nach links zu pendeln und mit einem kleinen Schritt, der sie kaum vorwärts brachte näherte sie sich Leyla soviel, sodass sie nur vorsichtig ihre Schnauze hätte ausstrecken müssen um die Fähe zu berühren. Dies ließ sie aber bleiben, eher schob sie ihre eine Pfote ein Stück weiter nach vorne und berührte so Leylas Pfote zart. Es war nur eine kurzes, flüchtiges vorbei streichen, dann nahm Kaede ihre Pfote langsam wieder zurück. Sie wollte nicht, dass Leyla sich bedrängt fühlen würde.

„Deine Augen stelle ich mir bemerkenswert vor. Wie frisches Gras, was sich übermütig aus dem Schnee zwängt.“ Sie lächelte und seufzte leicht „Ich hatte früher strahlend blaue Augen. Irgendein Wolf hat mir gesagt, dass sie Angst ausstrahlten, Angst aber auch eine gewisse Naivität. Das sind nicht gerade Worte mit denen man unbedingt beschrieben werden möchte.“ Kaede lachte kurz „Und ich war früher magerer als jetzt. Ich bezeichne mich jetzt nicht als dick, aber als gerade richtig. Ich fühle mich wohl so wie ich bin. Früher fühlte ich mich okay, aber nicht wohl. Ich kam mir eher wie Knochen mit Fell vor . . . Verletzlicher als jetzt.“

In Gedanken hing sie wieder zwischen dem jetzt und dem früher fest. Sie dachte daran, dass vor ihr Leyla stand, eine wortkarge und verschreckte Fähe. Und sie sah, dass sie selber sich ein wenig in dieser Fähe wieder erkannte. Sie selber vor einiger Zeit. Naiv und ängstlich. Naiv war sie noch immer, ihre Angst hatte sie ein wenig überwunden. Doch war sie wirklich naiv? Wie auch immer, Kaede hatte wieder mal keine Lust sich damit auseinander zu setzen, so setzte sie wieder ein kleines lächeln auf und blickte Leyla an. Diesmal richtig, sie blickte nicht einfach an ihr vorbei sondern es schien als würde sie durch den Schleier hindurch blicken. Als könnte man das strahlende Blau wieder finden, würde man ein Tuch von Kaedes Kopf nehmen. Als würde der Blick in Leylas Augen schauen, über ihren Kopf und ihren Körper huschen.

„Du bist eine hübsche Fähe Leyla. Was auch immer man genau darunter versteht.


Kaede war wirklich eine seltsame Persönlichkeit. Einerseits wollte sie ermuntern und aufmuntern, andererseits verfiel sie immer wieder in längere Reden, ja, sie redete viel und gern. Leyla hatte kein Problem, ihr dabei zuzuhören und irgendwie war es schön, sie reden zu hören. Doch es kam anders bei ihr an, als Kaede es sich vielleicht wünschte, vielleicht wäre sie enttäuscht. Ihre Worte wanderten ihr durch den Kopf, hinterließen aber kaum merkliche Spuren, Leyla merkte es sich nicht alles. Sie merkte sich nur das, was ihr Unterbewusstsein als besonders und als wichtig empfand. Alles, was sie zu Kaede machte, was Leyla bewundernswert fand und was sie prägte, das merkte sie sich. So konnte man wohl sagen, behielt sie das meiste, was sie sagte nicht, doch das wenige, was sie sich merkte, trug seinen wesentlichen Teil zu einer freundlichen und liebenswerten Wölfin in ihrem Kopf bei.
Ein knappes, kurzlebiges und nur sehr schmales Lächeln flog über ihre Lefzen. Sie konnte Kaedes Auffassung von ihren Augen zwar nicht teilen, doch sie wollte ihr auch nicht widersprechen und fand es dafür umso schöner. Sie wollte sie nicht enttäuschen. Vielleicht musste sie sich Vorwürfe machen, wenn sie sie im Glauben ließ, sie sei wirklich hübsch. Leyla hatte sich nicht oft Gedanken gemacht, ob sie hübsch war oder nicht, vielleicht war sie wirklich nicht hässlich. Doch als hübsch würde sie sich auch nicht bezeichnen. Vielleicht war das auch etwas zu einfach gesagt. Sie sah sich jedes Mal, wenn sie sich zum Trinken über einen See beugte, konnte jederzeit und immer, wann sie wollte, ihr eigene Gesicht sehen, wenn sie Wasser fand und sonst auf den Rest ihres Leibs, das Fell, die Pfoten … doch wenn man dieses Bild immer trug und es die äußerliche Signatur, das äußerliche Bild für jeden war, mit dem sie zu tun hatte, dann machte sie sich Gedanken, ob es die war, die es hätte sein sollen, um einen guten Umgang mit den anderen gewährleisten zu können. Doch Kaede sah das nicht. Sie baute sich in ihrem Kopf eine ganz andere augenscheinliche Signatur von Leyla zusammen, ein Bild ihrer Selbst. Leyla hatte nicht den Mut, einzugreifen, sie daran zu hindern, sich eine Illusion aufzubauen. So verschwand das Lächeln so schnell wieder, wie es gekommen war und sie sah trüb zu Boden. Aber wie sollte sie jemals herausfinden, wie Leyla wirklich aussah? Es ging ihr nicht in den Kopf. Sie würde sie nie ansehen können, das tat ihr Leid für sie, obwohl sie ihr Äußeres nicht hübsch fand. Sie wünschte sich so sehr, Kaede könne sie einmal ansehen. War das nicht schrecklich? Wie konnte sie nur so glücklich sein? Wie konnte sie die Welt so schön reden? War das ein Effekt des Blindseins? Wenn man gar nichts mehr sah, sah man automatisch alles schön? Sie hatte das Gefühl, als Blinde musste man sich doch sehr hilflos vorkommen. Fast hatte sie Angst um sie. Sie sah sich einmal um, ob noch jemand in ihrer Nähe war. Sollte jemand kommen, würde sie es ihr sofort sagen, dabei bestand keine Überwindungsangst. Sie wollte, dass sie es genauso schnell erfuhr, wie Leyla es mitbekam. Sie wollte ihr dankbar sein. Gern hätte sie ihr Augenlicht geliehen … oder gar geschenkt und dafür das Leben geben. Aber es war absurd. Ihr Tod hätte es für Kaede nicht einfacher gemacht, so hingegen konnte so versuchen, es ihr einmal einfacher zu machen, wenigstens einmal, für eine kurze Zeit. Nur so lange sie lebte, konnte sie mit ihren Augen Gutes für sie tun, so wie sie Gutes für sie tat.


„Was ist los Leyla? Schaust du dich nur so um oder dachtest du, dass sich von irgendwoher etwas nähert? Keine Sorge wir beide sind hier relativ alleine. Es ist nichts gefährliches in der Nähe und auch kein Wolf aus unserem Rudel treibt sich hier herum.

Soweit sie wusste funktionierten ihre anderen Sinne noch gut genug um so etwas mitzubekommen. Und wenn es irgendwann einmal nicht mehr der Fall sein sollte, dann war ihr Leben sowieso verwirkt. Es war sowieso ein wunder, dass so ein Wolf wie sie noch lebte. Wo fand man sonst schon blinde Wölfe? Und in diesem Rudel war ihr bis jetzt noch niemals jemand deshalb aufgefallen, weil er sie verachtete. Zumindest hatte es ihr gegenüber niemand geäußert und Banshee schien ja von ihr überzeugt zu sein. Das lächeln wich von ihren Lefzen. Sie hatte so viel Glück gehabt. Normalerweise musste bald etwas Schlimmeres passieren. Doch was sollte denn noch passieren? Irgendwann würde sie sowieso noch einmal Hass empfangen. Solchen Dingen konnte man nicht ausweichen. Innerlich verkrampfte sich alles in Kaede. Früher hatte sie all dem auch schon nicht ausweichen können und da war sie noch sehend gewesen. Und jetzt war ihr auch noch diese Gabe genommen worden. Der Gedanke, dass sie jemand hier aus diesem Rudel hassen würde, wegen ihrer Behinderung machte ihr Angst. Große Angst. Sie hatte diesem Rudel so viel zu verdanken. Und sie hatte diesem Rudel auch schon Leid zugefügt. Wenn sie nur an die verhängnisvolle Jagd zurück dachte. Aber nein, daran wollte sie gar nicht denken. Lieber wollte sie an das Tal an sich denken. An all die tollen, schönen Plätze die sie zu Anfang kennen gelernt hatte. Sicher gab es hier oben auch einen schönen Platz. Sie blickte wieder zu Leyla hinüber. Ein lächeln sah man auf ihren Lefzen jedoch nicht.

"Weißt du Leyla. Immer wieder beneide ich euch, dass ihr sehen könnt. Ich habe es früher als so selbstverständlich hingenommen. Ich habe erst angefangen auf die schönen Dinge des Lebens zu achten, als mir bewusst wurde, dass mein Augenlicht schwindet. Ich habe versucht so viele schöne Augenblicke bildlich fest zu halten. Natürlich habe ich auch Bilder von unschönen Situationen. Aber das gehört schließlich dazu. Warst du schon mal am Meer?“

Bei dieser letzten Frage fing sie wieder an zu strahlen, ein leuchten schien in ihren Augen gefangen zu sein so funkelten sie. Begeisterung packte die Fähe. Das Meer. Wie oft sie Wölfen davon vorschwärmte. Sie hoffte, dass Leyla keine schlechten Erinnerungen mit dem Meer verknüpfte. Sie selber hatte zumindest den Grund wieso sie überhaupt ans Meer gekommen war verdrängt und nur die schöne Zeit dort gespeichert. Oft war diese Erinnerung ihre Zufluchtsstätte gewesen. Dieser Gedanken Ort hatte sie in manchen Situationen gerettet und ihr neue Kraft verliehen. Kraft, nicht aufzugeben, was auch immer passiert war. Was auch immer noch passieren mochte.


Jedes Mal musste sie sich Vorwürfe machen, wenn sie nicht wusste, was sie antworten sollte. Sie traute sich noch nicht, alle Fragen zu stellen, die ihr auf der Seele brannten. Was sollte sie nur sagen? Sie wollte auch nicht einfach irgendetwas sagen, irgendetwas Unüberlegtes, womit sie sie womöglich noch verletzen konnte. Wenn sie in ihren Kopf hätte sehen können, wäre sie womöglich schon längst verletzt gewesen und hätte sich von ihr abgewandt. Denn Leyla musste viel darüber nachdenken, über sie, ihre Blindheit und warum sie so viel redete. Sie atmete tief durch, doch Erleichterung brachte es ihr keine. Weit war sie noch nicht gekommen. Auch das Berühren ihrer beider Pfoten hatte sie innerlich nicht näher gebracht, auch wenn es schön war, zu wissen, sie nun einmal gespürt zu haben. Sie war keine Illusion und sie hatten sich mehr erreicht, als bisher nur durch einfache Worte. Kaede konnte sie ja noch nicht ein Mal sehen, ihr fehlte also noch viel mehr, um Leyla wirklich kennen zu lernen. Aber Leyla konnte auch nicht alles in Worte fassen, das war unmöglich. Ihr Blick hing wieder trübe am Boden. Nein, einen Grund zum Beneiden gab es nicht. Leyla war nicht zu beneiden. Sicher war ihr klar, dass sie sich recht oft in eigenem Mitleid befand und wenig Versuche unternahm, aus ihrem Dasein in Traurigkeit und Depression herauszukommen, aber zu beneiden war sie, auch objektiv betrachtet, ganz sicher nicht. Sie musste daran denken, wie sie früher immer gedacht hatte, dass Welpen es gut hatten. Davon war sie ausgegangen, umso größer und älter sie wurde. Inzwischen, da war sie sich aber sicher, war das eine Illusion. So gut hatten Welpen es auch nicht. Ihnen fehlte es an Niveau und sie waren nicht auf dem gleichen Standpunkt, auf dem die anderen Mitglieder des Rudels waren. Sie würde kein Welpe mehr sein wollen, auch wenn man Liebe und Fürsorge bekam. Zudem war das Leben als Welpe nicht ungefährlich. Das war es auch für Leyla nicht, doch im Rudel hatte sie, auch wenn sie kaum dazugehörte, genau betrachtet, bessere Möglichkeiten, wenn auch nicht allein. Aber all das konnte sie ihr nicht sagen. Das einzige, was sie hervorbekam, war ein leise Verneinen durch die Nase, nur um es abzustreiten und sie nicht in dem Irrglauben zu lassen, sie hatte es besser als Kaede, nur weil sie sehen konnte. Dass Kaede nicht zu beneiden war, stand ganz außer Frage und das tat sie auch nicht. Und doch hatte sie einige Vorzüge. Ihre Seele war so frei und stark, hatte sich wohl immer wieder aufrichten können, während Leylas seit frühen Tagen nur am Boden lag und kaum beachtet wurde. Alle sahen immer nur die traurige, weiße Fähe. Sie hatte einen traurigen Blick, also wandte man sich rasch wieder von ihr ab, weil man nichts mit ihr anzufangen wusste und eigentlich auch nicht wollte. Die Wölfe hatten ihre eigenen Probleme, da wollten sie nicht noch eine immer depressive Fähe in ihren Kreisen haben. Man hielt also Distanz zu ihr. Kaede aber sah ihren traurigen Blick nicht. Sie ging also mit weniger Vorurteilen an sie heran und das gab ihr das Gefühl, sich vor Kaede von Anfang an freier bewegen zu können, als vor den meisten anderen Wölfen.

oO{ Glitzernd schlagen die Wellen an den Sand. Schaumkronen tanzen auf den Spitzen des Wassers. Ein salziger Geruch liegt in der Luft, man kann das Salz schmecken. Möwen kreischen über einem und lassen sich von dem Wind durch die Lüfte tragen. Oder sie schwimmen leicht auf dem Wasser, die Wellen lassen sie fast schon tanzen. Einen Schritt noch, einen Schritt noch und schon umspült das kühle Wasser die erschöpften Pfoten. Und es hat sich gelohnt, wie es sich gelohnt hat. Tief einatmen, alles festhalten. Die Sonne scheint das Wasser zum kochen bringen zu wollen. Tiefrot hängt sie weit, weit entfernt und scheint in das Wasser einzutauchen. Und doch brodelt es nicht, das Wasser verfärbt sich nur. Alles schimmert, rot, orange. Alles sieht so freundlich aus, obwohl das Wasser so tobt, obwohl die Sonne so glühend aussieht. Nun ist der ganze Himmel rosa. Die Wolken verfärben sich. Wie schön, wenn man direkt da sein könnte. . . }Oo

Lächelnd hob Kaede den Kopf, den sie ganz unbewusst etwas gesenkt hatte, als sie nachgedacht hatte. Sie vernahm ein verneinendes Geräusch von Leyla, war sich nun aber nicht sicher, ob es unbedingt auf die Frage gemeint war, die sie gestellt hatte. Vorsichtig tat sie einen kleinen Schritt und streckte ihre Schnauze zaghaft in Leylas Richtung. Sie sog abermals ihren Duft ein, ihr Kopf musste ungefähr auf ihrer Höhe sein. Ein kleines bisschen drehte sie ihn zur Seite und berührte Leyla dann leicht an der Schulter, sog abermals den Geruch ein und fuhr ich kurz durch das Fell, dann ging sie wieder so zurück, dass sie sich hinsetzten konnte und tat dies auch. Sie hoffte, dass es für Leyla okay war, dass sie sie so berührt hatte. Sie wusste, sie musste einfach ein wenig warten, irgendeine Reaktion würde Leyla schon zeigen und wenn es die Flucht war, würde sie wissen, dass es falsch gewesen war. Sie drehte ihre Ohren ein wenig hin und her und schlang ihre Rute um ihren Körper. Sie war sich nicht sicher, ob Leyla überhaupt noch Interesse daran hatte sich mit ihr zu unterhalten. Oder mit ihr hier zu stehen, vielleicht drückte dies es besser aus. Vielleicht hatte sie aber auch noch einige Fragen und traute sich nur nicht diese zu stellen!? Aber vielleicht würde sie sich irgendwie, irgendwann überwinden können. Es wäre schließlich schön, für sie beide. Ob Leyla so etwas wie ein Erfolgserlebnis verspürte, wenn sie jemanden kennen lernte, sich traute etwas in Worte zu fassen? Kaede war ihre eigene, frühere Welt so fern geworden, dass sie sich schwer erinnern konnte, wie es ihr früher gegangen war. Erstens lag es schon etwas weiter zurück und zweitens hatte sie die Gedanken, ihre Taten von damals auch geschickt, oder weniger geschickt, verdrängt. Wahrscheinlich wäre es besser gewesen, sie zu verarbeiten. Sie dafür zu benutzen um aus ihnen zu lernen. Aber sie hatte schließlich auch so gelernt. Oder gab es in ihr etwa immer noch die alte Kaede, die nie verarbeitet wurde? Nun unsicher geworden horchte sie in sich hinein. Es schien ihr als würde sie durch lange, dunkle Gänge laufen um sich selbst, ihr altes sein wieder zu finden. Obwohl sie es eigentlich nicht wieder finden wollte. Und sie fand was sie eher weniger suchte. Sie fand die Unsicherheit, das Unwissen, die Angst und die Verzagtheit. Erschrocken über diesen Fund schüttelte sie leicht den Kopf und blinzelte einmal. Sollte dieses „sein“ doch einfach da bleiben wo es jetzt war. Da störte sie es schließlich nicht. Es wäre sicher nicht gut gekommen, wenn es sich jetzt gezeigt hätte. Dann wäre Leyla sicher verschreckt und noch unsicherer geworden. Nein, sie war sich sicher, dass diese alte Kaede nur darauf wartete, dass man sich mit ihr auseinander setzte. Schließlich hatte sie selber sehr darum gekämpft so zu werden, wie sie jetzt war und sie war meistens sogar relativ stolz auf sich.

Atalya
26.12.2009, 18:53

Irgendwie drehten sie sich im Kreis. Sie würden sich wohl nicht besser kennen lernen, wenn sie hier noch weiter standen und auf Reaktionen warteten. Außer es würde eine von ihnen etwas tun, was den anderen völlig überraschte. Dann aber hoffentlich nur im Positiven.. Wobei Leyla nicht wusste, was das hätte sein können. Ihr Wunsch, Kaede würde sie einmal ansehen können, blieb nach wie vor, sie hätte es aber um alles in der Welt nicht zu ihr gesagt. Vielleicht wollte sie gar kein Mitleid. Sie war selbst stark genug und hatte sich wieder eine Welt aufgebaut, dass Mitlied ihr nur das Gefühl geben würde, sie wäre unfähig und ein armes Ding, dass nicht ohne die anderen konnte. Aber vielleicht war es auch nicht so und sie freute sich auch, wenn ihr jemand Aufmerksamkeit zukommen ließ. Irgendeinen Vorteil musste diese Einschränkung doch haben, dass man nicht sehen konnte. Leyla hätte ihr wohl nicht so sehr zugehört und sich nicht für sie interessiert, wenn sie eine ganz „normale“ Fähe wäre, die einfach nur nett war. So überzeugte sie jedes ihrer Worte. Sie hatte das Gefühl, sie war sehr ehrlich, jedes ihrer Worte, weil sie selbst darauf bauen musste, dass andere ehrlich zu ihr waren, weil sie es oft nicht überprüfen konnte. Leyla atmete tief durch und versuchte sich einmal abzuschütteln von allen Sorgen und einmal nur bei ihr zu sein mit den Gedanken, im positiven Sinne, ohne übertriebenes Mitleid, einfach nur nachvollziehen zu können, wie es für sie war. Aber noch bevor sie so richtig beginnen konnte, darüber nachzudenken, spürte sie auf einmal, dass sie ihr sehr nahe gekommen war. Und eh sie sich versah, berührte sie auch schon ihre Schulter. Der Weißen blieb der Fang etwas offen stehen und ihre Augen rollten zu ihr hin, sahen sie aber nicht richtig, weil sie ihr schon so nahe war. Sie fühlte sich etwas überrumpelt. Die Geste mit der Pfote schien angekommen zu sein und jetzt ging sie sogar schon etwas weiter. Sie spürte ihre Schnauze in ihrem Fell und auf ihrem Körper. Sie war erschrocken, aber nicht geschockt. Dennoch war es ihr ganz recht, als sie wieder Abstand nahm. Sie sah in das Gesicht der Wölfin, welche ihres nicht sehen konnte. Sie brauchte ihren überraschten Blick nicht verbergen. Im Gegenteil, sie hätte ihn sogar sehen dürfen, nur sie konnte es nicht. Blind zu sein verlieh scheinbar Mut, weil man die Blicke des anderen nicht sah. Und dass Leyla nicht viel redete, das wusste sie ja. Es erinnerte sie an die Zeit mit Alienna und sie hatte Angst, dass sich nun alles wiederholte, dass alles zurückkam. Sie wollte das nicht. Niemand konnte Alienna ersetzen. Kaede war nett, womöglich auch nicht weniger nett als Alienna, aber sie war dennoch anders. Sie hatte keine Berührungsängste, sie war blind. Jeder hatte seine Nachteile. Jeder hatte Schwächen. Eigentlich war es für Leyla nicht schlimm, von einer anderen Fähe berührt zu werden, nur jetzt hatte sie die Befürchtung, ging all das wieder auf, was schon einmal war. Sie fürchtete sich davor, dass ganze noch einmal durchmachen zu müssen. Ungewollt, nur durch ihr Unterbewusstsein, verließ sie ihre lockere Haltung wieder und stand auf. Sie konnte so schnell nicht..das war zu schnell. Aber sie durfte Kaede nicht böse sein, sie war doch so nett und hatte diese ungerechte Einschränkung, so jemandem durfte man nicht böse sein. Sie schüttelte kaum merklich mit dem Kopf, für sie wohl sogar ganz unmerklich und sah nervös zu Boden.

„Nein .. nein“

sagte sie zwei Mal leise, als würde noch etwas folgen. Sie sprach es mehr zu ihrem Schicksal, es solle nicht noch einmal dieses Spiel mit ihr spielen, denn es nahm jedes Mal ein unvorhersehbares Ende, dass sie zum Schluss verletzte. Alles Positive kehrte sich dann um und wandte ihr die spitzen Stacheln zu, um sie zu verletzen. Bald schon verstummte sie wieder und versank in Erinnerungen. Kaede war nicht Alienna, so gern sie das gewollt hätte. Doch in dem Moment, in dem sie das Gefühl bekam, ging die ganze Tragik von vorn los. Kaede dufte ihr nicht so viel bedeuten, sonst stürzte sie es in tödliches Unglück, wenn sie sie wieder verließ, so wie all die anderen, dennoch wenigen, aber wertvollen Freundschaften.


Die Aura, welche Leyla umgab veränderte sich. Es schien als ob sie kühler geworden wäre. Kaede legte zweifelnd ihren Kopf schief, anscheinend war ihre Berührung nicht das richtige gewesen. Beschämt senkte sie den Kopf, als sie spürte wie nervös Leyla wurde. Kaede schüttelte im stummen Entsetzen den Kopf. Dann vernahm sie leise die gestammelten Worte Leylas. Sie zwang sich still sitzen zu bleiben, dabei wäre sie am liebsten fortgelaufen. Ihre Krallen bohrten sich in den Boden, sie hätte besser aufpassen müssen, so etwas war ihr noch nie passiert, vielleicht weil sie noch nie so spontan jemanden berührt hat, den sie kaum kannte. Betroffen saß sie da, wusste nicht wohin mit sich selbst und verfluchte sich dafür, dass sie Leyla nicht anschauen konnte um zu sehen wie schlimm diese Berührung gewesen war. So konnte sie nur die Nervosität der vor ihr stehenden Fähe spüren.
Alles schrie in ihr, dass sie es doch selber immer verbaute, immer verbaut hatte. Der Grund warum sie keine feste Freundin im Rudel hatte, niemanden festen, der für sie da war. Alle hatten sie immer verlassen, ob weil sie sie vergrault hatte oder wegen anderen Gründen. Und Leyla hatte sie nun schon vergrault bevor sie überhaupt sich richtig kennen gelernt hatten. Selbstzweifel überrollten die graue Fähe. Sie versuchte ihre Mimik unter Kontrolle zu halten, in ihrem Gesicht würde man nichts lesen können, doch ihre Pfoten, vor allem ihre Pfoten würden sie verraten. Die Anspannung des restlichen Körpers war eher unsichtbar. Nur die Pfoten drückten sich immer tiefer in den Schnee. Wortfetzen flogen ihr durch den Kopf. Sie konnte sie nicht greifen, schaffte es nicht einen vernünftigen Satz auf die Reihe zu bekommen. Eben noch hatte sie an ihr altes Ich gedacht und nun sollte es also die Oberhand gewinnen und zum Vorschein kommen?

oO{Nein, dass kann ich nicht zulassen, das darf ich nicht zulassen, Nein, dass . . . Nein . . . geht nicht, darf nicht sein . . . Nein, los . . zurück . . Nein.. lass mich in Ruhe . . . Stopp! Immer die Ruhe bewahren Kaede, bleib einfach schön ruhig, das klärt sich alles wieder, einfach tief durchatmen . . .}Oo

Langsam beruhigten sich die Gedanken in ihrem Kopf wieder. Es fühlte sich an, als ob ein Windstoß alle sorgsam gehüteten Gedanken aufgeweckt hätte, sie alle mit sich durch die Gegend getragen hätte und sie so durcheinander gewirbelt hätte. Die Gedanken beruhigten sich also wieder, doch sie selber war immer noch sehr aufgewühlt. Vor allem bemühte sie sich sehr, dass Leyla nichts von all dem mitbekam. Sie lächelte, gezwungen, und blickte Leyla weiterhin oberflächlich ruhig an. Wenn sie Glück hatte würde Leyla nichts bemerken. Aber so schätze Kaede die Fähe eigentlich nicht ein. Sie war sauer auf sich. Warum war sie nur so schnell klein zu bekommen. Warum konnte sie nur nicht stärker sein? Dass sie dieses Verhalten seit langer Zeit unter Verschluss gehalten hatte, beachtete sie gar nicht.


Bestimmt sank Kaedes Mut schon und Leyla sah das noch nicht ein Mal, obwohl sie ja nicht blind war, zumindest nicht mit den Augen. Aber sie konnte es vermuten, sich dabei aber auch irren. Es war wahrscheinlich, dass sie den Mut verlor und wohl bald keine Freude mehr daran hatte, noch mit ihr zu reden, weil Leyla nicht im Stande war, so zu antworten, wie sie es vielleicht mit anderen Wölfen konnte. Konnte sie nicht verstehen, dass Leyla dazu nicht im Stande war? Sie tat es ja nicht aus Boshaftigkeit oder weil es ihr Freude machte, im Gegenteil, aber es war ein Ding der Unmöglichkeit für sie, so wie für Kaede mittlerweile das Sehen. Das war vielleicht der geeignetste Vergleich. Wenn der Körper in Ordnung war, hieß das noch lange nicht, dass die Seele es auch war, oder umgekehrt eben. Sie wartete eigentlich nur darauf, dass Kaede es aufgab und wieder ging, für sie- für immer. Sie bereute es sicher schon, ihr so viel von ihr erzählt zu haben und hatte nun eine Antipathie gegen sie aufgebaut, weil sie nicht genau wusste, ob Leyla es verstand oder nicht. War das Blind-Sein etwa von Vorteil? Sie konnte sich das kaum vorstellen, aber es gab einige Anhaltspunkte, dass es überwindbar war. Leyla konnte ihr doch helfen und sich beschreiben, so wie sie es auch getan hatte. Aber konnte jemand anderes sagen, was Leyla dachte? Das sicher kaum. Nur Alienna hätte vielleicht erklären können, für alle anderen, warum sie so war, wie sie war. Sie hatte es verstanden. So ließ sie ihren Pessimismus walten und dachte immer weiter darüber nach was, wieso, warum und was wenn … Was die Graue nun wohl über sie dachte? Vielleicht wollte sie das lieber nicht wissen. Es war bestimmt nichts Gutes, ohne es böse zu meinen, aber sie bewegten sich in zwei völlig verschiedenen Welten und waren unerreichbar. Selbst wenn sie mal ein paar Worte miteinander wechselten, verstehen konnten sie sich eigentlich nicht. Leyla war es ein Rätsel, woher sie ihren unermüdlichen Optimismus nahm, Kaede sicherlich, warum sie keine Hoffnung sah. Vielleicht hatte Kaede sich die Welt, in der sie alle lebten, schon ganz anders gestaltet, in ihrem Kopf. Sie musste nicht täglich das triste Grau und Weiß dieses abgelegenen Tals hier sehen, den sonnenlosen Himmel und die verständnislosen Gesichter der anderen. Ja, sie wagte sogar zu behaupten in sich selbst, hätte sie Leyla ein Mal in ihr missmutiges Gesicht sehen können, hätte sie verstanden, dass es hoffnungslos war, sich mit ihr abzugeben. Und wenn sie sich nicht schnell von ihr entfernte und Abstand nahm, würde ihr unendlicher Optimismus vielleicht auch gefährdet und sie würde in die matte Welt der Depressionen abrutschen.

Der Platz auf dem sie saß war ihr unbehaglich geworden, leicht ruckartig stand sie auf und schüttelte sich. Leise hoffte sie, dass sie damit auch ihre komischen Gedanken und ihr Verhalten abschütteln könnte. Doch natürlich wusste sie, dass ihr dies nicht möglich war. Sie hatte auch gehofft, dass Leyla irgendetwas sagen würde, doch war ihr im vorneherein schon klar gewesen, dass sie dies nicht tun würde. Kaede wollte sich zusammen reißen, wollte irgendetwas sagen, sich bei ihr entschuldigen, doch brachte sie nichts zu Stande. Sie stand da wo sie vorher gesessen hatte und schlug unruhig mit der Rute hin und her. Sie wollte Leyla gewiss nicht nervös machen, nervöser als sie wahrscheinlich schon war, aber sie fühlte sich gerade selber so anders als sonst. So wie früher. Ihre Schnauze fing kaum merklich an zu beben, sie biss die Zähne zusammen, das beben ging nur noch innerlich weiter.
Jetzt wünschte sie sich nichts mehr als Leyla einmal anzusehen. Nicht um ein richtiges Bild von ihrem äußeren zu haben, sondern um ein bisschen mehr von ihrem Inneren erfahren zu können.

oO{ Irgendetwas musst du doch sagen, lass dich nicht von deiner Angst regieren. Sag einfach irgendetwas, versuch diese Atmosphäre hier etwas aufzulockern. Dir geht es nicht schlecht, komm schon, sag was!}Oo

Bedängt von ihrer inneren Stimme zwang sie wieder ein leichtes Lächeln auf ihre Lefzen. Was sollte sie nur sagen, Leyla konnte schließlich nicht wissen, was in ihr vorging, konnte nicht irgendwie herausbekommen, warum sie sich nun plötzlich so verändert hatte. Sie schnaufte leise auf, die kühle Luft durchströmte ihren Körper und gleich fühlte sie sich etwas besser. Sie versuchte die Zweifel abermals zu unterdrücken.

„Tut mir Leid Leyla. oO{ Wie? Mehr nicht? Sag etwas, sprich mit ihr, erklär ihr alles, erklär ihr die Situation!}Oo „Ich kann nicht . . . Es tut mir Leid. Ich denke ich weiß ein wenig, wie du dich fühlst, dass du so wenig sprichst. Ich weiß auch nicht . . . Gerade . . Tut mir Leid“

Sie hob hilflos eine Pfote, setzte sie ein paar Zentimeter weiter vorne wieder ab. Blickte fast schon flehend in Leylas Richtung. Sie musste sich einfach einen Ruck geben. Innerlich befahl sie sich wieder und wieder abzuschalten. Und dann plötzlich gelang es ihr, sie wurde wieder ruhiger, das Lächeln wurde wieder natürlicher und ungezwungener. Sie schüttelte wieder leicht den Kopf, blinzelte ein, zwei mal und hob dann den Kopf, blickte Leyla an.

„Vergangenes holt einen immer wieder ein, nicht wahr?“

Sie schwenkte ihren Kopf leicht nach vorne, so als ob sie Leyla anstupsten würde, ohne sie dabei zu berühren. Sie hoffte, dass sie die Situation, diesen Augenblick hier nun nicht durch ihr eigenes dummes Verhalten zerstört hatte.


Die Weiße wurde das Gefühl nicht los, dass sie langsam aber sicher gegen einen Fels steuerten, dass es so bald nicht mehr gehen konnte. Sie schien es wohl langsam aufzugeben und selbst ihren großzügigen Optimismus zu verlieren. Immer unruhiger und nervöser wurde sie nun auch, das war ihr doch irgendwie leicht anzumerken, wenn sie sich nicht ganz täuschte. Vielleicht tat sie das aber auch? Wo war die strahlende, ja geradezu alles überblendende Freude Kaedes mit einem Mal hin? Hatte Leyla sogar sie in ihrem Optimismus zum Verzweifeln gebracht? Ja, das wäre ihr gar nicht so neu und eigentlich verstand sie es. Sie konnte nicht wie Alienna sein, welche sie scheinbar völlig verstanden hatte und alles nachvollziehen konnte und wohl auch wusste, wie es ihr ging. Ähnliches sagte Kaede nun auch von sich, aber Leyla hatte da so ihre Zweifel. Natürlich, wenn es so war, dann gab es auch keinen Grund mehr, noch länger vor Freude zu strahlen, doch wie sollte sie sie von diesen Fesseln der Depressionen und des ewigen Alleinseins befreien, wenn sie selbst schon verzweifelte? Vielleicht war es das Beste, sie nahm nun langsam Abstand von ihr und ließ Kaede wieder in Ruhe. Sie bewunderte die Graue. Sie war so stark und lebensfroh. Niemand mehr würde Leyla dazu bringen, ebenso frohen Mutes zu werden. Es wäre schon ein großes Glück, wenn Kaede durch sie, eine bedingungslose Verliererin, nicht in den gleichen Pessimismus abrutschen würde. Deshalb schätzte sie es von Notwendigkeit ein, dass sie sich nun wieder trennten und wieder ihre eigenen Wege gingen, damit es Kaede nicht ähnlich erging. Sie hatte es sicher versucht doch, zu Recht wohl, schon bald festgestellt, dass es bei Leyla keine Hoffnung gab und dass man eher der Verzweiflung nahe kommen würde, als dass sich auch nur eine geringe Spur des Erfolges abzeichnen würde bei ihr.
Sie hatte schon fast abgeschlossen mit ihren Gedanken, da bekam sie Kaedes vorerst letzte Worte zu hören, die denen, die vorher aus ihr förmlich gesprudelt waren, überhaupt nicht mehr glichen. Die Vergangenheit holt einen immer wieder ein..
Leyla riss erschrocken die Augen auf und starrte sie entsetzt an. Das stellte die ganze Sache in ein völlig anderes Licht und die Weiße begriff, was wohl wirklich war. Dies war bislang, während sie sich gegenübersaßen und sprachen, nur ein leiser Verdacht gewesen, der sicher dumm und unsinnig war, doch jetzt schien sogar sie es zu bestätigen. Ihr wurde fast schlecht. Furchterregt sah sie in das Gesicht der Blinden und tänzelte unruhig auf ihren Pfoten hin und her. Sie hatte ihre halbwegs gelassene Haltung nun abrupt verlassen und starrte sie an wie einen Geist.. wie ihren Geist. Ja, ein Alptraum schien wahr zu werden und sie hatte es wohl zu spät gemerkt. Kaede..nur der Geist Aliennas, welcher nun zurück war um sie noch einmal allein zurückzulassen, nachdem sie sich ein zweites Mal in ihn verliebt hatte?

„W-wie meinst d-du das?“

stotterte sie ängstlich und nahm einen immer größer werdenden Abstand von Kaede. Das wurde ihr nun endgültig zu viel und sie konnte nicht länger. Die Graue machte ihr Angst. Sie sprach das aus, was Leyla noch nicht einmal zu denken gewagt hatte. Alles würde seinen Lauf noch einmal nehmen und zurück würde eine, dem seelischen Tod geweihte Wölfin bleiben, die ihre restlichen Lebensgeister der schmerzhaften Vergangenheit widmete.


Kaede hatte wieder ihren friedlichen und gütigen Blick gefunden. Sie lächelte entspannt, wollte Leyla doch nur zeigen, dass alles in Ordnung war, dabei spürte sie genau, dass es der weißen Fähe nur noch schlechter ging als vorher. Sie war sauer auf sich, dass das nun alles so kommen musste und wollte Leyla nun vorsichtig erklären, was sie mit ihrem letzten Satz gemeint hatte. Denn sie war sich doch recht sicher, dass dies der Satz war, der so viel Unbehangen, ja vielleicht auch Angst bei der weißen Fähe vor ihr ausgelöst haben musste.

„Es tut mir wirklich aufrichtig Leid, dass ich so viel Wirbel mache, wenn du willst kann ich auch weiter gehen, ich möchte dir nicht noch mehr Kummer bereiten . . . Aber lass mich kurz erklären, mein letzter Satz scheint dich ja sehr aus der Fassung gebracht zu haben! Es war nur, ich meinte . . . . Warte kurz“

Sie brauchte einen Moment um ihre Worte zu sammeln. Sonst würde sie nur wirres Zeug reden und Leyla würde gar nichts verstehen, was in dieser Situation nicht sonderlich hilfreich wäre. Wie immer wenn sie nachdachte, legte sie ihren Kopf leicht schräg.

„Ich glaube ich war dir früher nicht sehr unähnlich. Natürlich kann ich nicht wissen wie es in dir drin aussieht, aber ich habe früher kaum geredet. Ich wusste nicht was ich sagen soll, ich hatte einfach Angst etwas zu sagen. Genauso wie ich Angst vor Kontakt zu anderen Wölfen hatte. Ich hatte unsagbare Angst. Das alles hat sich hier gebessert. Ich fühlte mich fast wie im siebten Himmel. Wenn du verstehst was ich meine. Ich war so froh endlich etwas gefunden zu haben wo ich akzeptiert werde, so wie ich bin. Ich wurde in Ruhe gelassen und aufgemuntert dann wenn ich es brauchte. Ich lernte viele nette Wölfe kennen und merkte, wie sehr man sich das Leben zum Freund machen kann. Nur habe ich nie über meine Probleme geredet und so passiert es halt, dass man sie nur verdrängt, nicht aber verarbeitet. Vielleicht kennst du das ja selber auch, ich weiß es nicht. Aber bei mir passiert es dann manchmal, dass ich mich quasi umstülpe. Dass mein altes Ich wieder an die Oberfläche kommt und ich schwer damit zu kämpfen habe, dass ich wieder die Oberhand gewinne. Ich weiß, dass alles noch besser werden würde, wenn ich mich mit meinen Problemen auseinander setzten würde, aber ich habe Angst, da es lange dauern wird und ich will nicht dass sie dann doch noch gewinnen oder ich nicht mehr so werde, wie ich jetzt bin und so habe ich beschlossen einfach alles dabei zu belassen wie es jetzt ist und einfach immer mal wieder dagegen ankämpfen. Schließlich geht es mir eigentlich gut damit. Verstehst du nun? Ich wollte dir gewiss keinen Schrecken einjagen!“

Vorsichtig lächelnd und mit der Rute wedelnd blickte Kaede Leyla an. Hoffentlich würde die Weiße sich wieder etwas beruhigen, sonst wäre es gewiss besser, wenn sie gehen würde. Auch wenn es schade wäre, wenn sie hier nichts machen konnte außer die Fähe noch mehr aus der Fassung zu bringen. Dann tat es Kaede viel zu sehr Leid.


Jetzt wusste sie nicht so recht, ob die Graue sich rechtfertigen wollte, sich verbessern wollte oder Leyla beruhigen wollte. Kaede erschien ihr nicht als schlechtes Wesen, sie schien so vieles gut machen zu wollen, während sich Leyla oftmals gar keine Mühe mehr gab, weil sie glaubte, dass eh alles vergebens war. Aber es kam auch nicht richtig bei ihr an. Ihre Worte erreichten sie nicht. Das beantwortete ihre Sorgen und Fragen absolut nicht. War sie die geistige Wiederkehr ihrer süßen Vergangenheit? Sollte sie sie noch ein zweites Mal in den Abgrund führen? Wie oft konnte man leben und wie viele Tode konnte man sterben? Das waren die Fragen, die sie beschäftigten. Kaede schien mehr zu erzählen, dass sie es nicht böse meinte.. Aber das sah sie doch selbst. Sie war gewiss eine gute Seele und sie war bereit gewesen, ihr zu vertrauen. Jetzt aber hatte sie Angst, dass wenn sie sich auf das alles einließ, sie wieder bittertraurig werden würde, wenn das alles nicht mehr existierte, wenn alles nur noch Erinnerungen waren. Das Leben, eine einzige Illusion, geh ruhig weiter, du schaffst das schon.. Die Wölfe wussten doch überhaupt nichts. Und Kaede verstand sie auch nicht. Aber sie konnte ihr wohl kaum Vorwürfe machen, sie redete ja nicht viel. Sie musste mehr über sie wissen, nur dann konnte sie versuchen, dem Schicksal, das sie schon ein Mal so schwer heimgesucht hatte, aus dem Wege zu gehen. Aber wie sollte sie das nur ausdrücken? Kaede konnte nicht sehen, sie war blind. Leyla konnte nur schwerlich aus sich herausreden, sie war so verletzt. Vielleicht sollte sie es einfach nicht mehr so weit kommen lassen. Kaede würde nur eine freundliche Bekannte sein. Aber wenn sie sie gar nicht mehr an sich heranließ und ihr nicht von ihr erzählte, würde es sie auch nicht so sehr treffen, wenn sie eines Tages genauso fort wäre. Andererseits war die Möglichkeit, enttäuscht zu werden, trotzdem gegeben. Kaede würde trotzdem Vertrauen erbringen, sie würde Leyla vielleicht zunehmend sympathisch finden und dann schwer enttäuscht sein, wenn sie auf ein Mal merkte, dass sie doch anders war, als sie es gedacht hatte. Davor hatte die Weiße Angst. Sie wollte Kaede nicht enttäuschen, aber sie wollte ebenso wenig enttäuscht werden. Voller Kummer und Entscheidungszwist, stand sie nach wie vor da, auf ihren Pfoten, raus aus der bequemen Haltung, in einer unangenehmen Lage, starrte zu Boden, als läge dort die Antwort vor ihren Pfoten. Kaedes freundliche Gesten nahm sie kaum mehr wahr. Sie war so vorsichtig geworden, dass sie alles, was sie sah, für eine Illusion hielt. Sah man also besser gar nichts, als wenn man sah und nicht wusste, ob es wahr war?

„Ich glaube wir drehen uns im Kreis. Wir kommen nicht richtig vorwärts, gehen eher rückwärts. Es ist schade, ich würde es gerne ändern, wenn ich es könnte. Doch weiß ich leider nicht wirklich wie. Vielleicht rede ich dir auch zu viel?“

Leicht seufzend nahm Kaede wieder ihre Gedanken wahr, welche ihr durch den Kopf schossen. Anscheinend hatte sie auch hier keinen Wolf gefunden, der ihr eine gute Freundin werden konnte. Es schien einfach zu scheitern, weil sie nichts für Leyla tun konnte, eher alles schlimmer machte. Nichts über sie wusste und auch nichts erfahren konnte, da sie nicht einmal in ihre Augen schauen konnte um zu erkennen, was sie ihr sagen konnten. Anscheinend war sie nicht fähig Freundschaften zu knüpfen und wenn, sie auch aufrecht zu halten. Vielleicht redete sie wirklich zu viel und so verließen die Wölfe mit denen sie viel zu tun hatte immer fluchtartig. Vielleicht war es eine art Fluch, vielleicht war sie ihnen allen zu anhänglich gewesen, vielleicht hatten sie sie nur als Belastung angesehen. Nur dies halt nicht von Anfang an, sondern erst nachdem sie näheren Kontakt zu ihr hatten und merkten was wirklich los war. Es fiel ihr schwer über dies nachzudenken und nicht gleich wieder in ihre alten Verhaltensmuster abzurutschen, doch sie biss die Zähne zusammen und schaffte es so, sich bei Laune zu halten. Unglaublich wie viele Gedanken einem auf einmal durch den Kopf gehen konnten. Verwundert schüttelte die Graue ihren Kopf. Sie war sich nicht sicher, irgendwie kam ihr gerade alles so irreal vor. Sie versuchte zu blinzeln, so als ob dann alles wieder normaler werden würde, als ob sie danach wieder sehen können würde. Es kam ihr vor, als ob sie alles nur träumte und doch wusste sie irgendwie, dass sie nicht träumte, sondern dass alles real war. Das sie nicht einfach blinzeln musste um die Fähe vor sich zu sehen, dass sie nicht einfach ein paar tröstende Worte sagen mussten, damit es ihr besser ging. So einfach war das Leben nicht und doch wünschte Kaede es sich sehr. Doch sie sollte nicht in ihren Wunschgedanken versinken. Sie wollte versuchen, dass es zwischen ihr und Leyla wieder aufwärts ging, war jedoch total ahnungslos und wusste nicht, wie sie dies anfangen sollte. Ihr kleiner Ausbruch hatte sie scheinbar mehr verwirrt, als sie sich eingestehen wollte.


Jetzt war sie sich nicht mehr sicher. Sah Kaede ein, dass sie, Leyla, schuld daran war? Dann konnte sie es ihr nicht verübeln, wusste jedoch aber auch, dass sie dann wirklich nicht weiter miteinander reden mussten, um nicht weiter zu verletzen. Enttäuschung machte sich in ihr breit. Sie hasste sich dafür. Sie konnte einfach nichts tun, um sich verständlich zu äußern. Manchmal hätte sie gewollt, dass solch gutmütige Wölfe wie Kaede Gedanken lesen konnten. Wo waren ihre Gaben? Wo waren ihre Fähigkeiten, wenn sie sie gebrauchen konnte? Die Lage war so verzwickt. Sie sah zu, wie das einzige Schiff, das sich ihr auf ihrer einsamen Insel genähert hatte, wieder davonfuhr und sie zurückließ. Sie hätte schreien können. Aber Lautstärke war nicht ihre Sprache. So tat sie es innerlich. Kaede war sicher so gut und neuer Mut wäre gut investiert gewesen, sie hätte sich die Chance geben sollen. Aber wenn selbst schon die fröhliche und allzeit optimistische Kaede begann, mit solch einem Trübsinn zu reden, dann verlor auch sie die letzte Hoffnung.
Ihre Schultern fühlten sich schlaff an, wollten sie herunterziehen. Sie war so matt und wurde eins mit der kalten, tristen Umgebung, frohr selbst zu einem eisigen Fels ein, der die Zeiten unverändert, gleich bleibend rau, überdauerte, ohne sich zu verändern. Sie hatte gehofft, Kaede würde sie ändern können, Kaede würde das Eis schmelzen können, aber Kaede hatte keine Antwort erhalten, im wahrsten Sinne des Wortes. So sah auch sie ein, dass der einzige Weg, der ihr nun noch blieb, der des Aufgebens war. Kaede hatte keine Schuld. Sie konnte ihr nicht vorwerfen, dass sie sie nicht verstand, dass sie nicht in ihren Gedanken lesen konnte. Kaede war auch „nur“ eine Wölfin, eine Wölfin, die ebenfalls gelitten hatte und es nun nicht mehr tat, weil sie es geschafft hatte. Aber sie konnte nicht erwarten, dass sie genug Kraft und Stärke hatte, sie auch aus dem Sumpf herauszuholen. Leise murmelte sie, gedankenverdrossen sah sie auf den kalten Schnee.

„Nein, es ist nicht deine Schuld. Ich.. ich.. ich bin eben so.“

sagte sie. Sie sah auf zu ihr, sah ihr in ihre leeren Augen, versuchte dort doch etwas wie einen Rest von Lebendigkeit zu finden. Vielleicht hatten ihr die anderen nur nicht richtig in die Augen gesehen, vielleicht entdeckte sie sie ja doch wieder, die Lebendigkeit. Kaede besaß sie doch. Warum konnte sie ihr ihr Augenlicht nicht schenken und Kaede zum vollendeten Glück des Lebens helfen? Warum konnte es nicht wenigstens ihr richtig gut gehen. Verdient hatte sie es, sie hatte ja sogar versucht, einem hoffnungslosen Fall wie ihr zu helfen. Kaede sollte es besser haben. Vielleicht blieb Leyla doch noch einige Zeit an ihrer Seite. Sie mussten ja nicht miteinander reden, sie konnten eine reine Zweckgemeinschaft bilden. Leyla beschrieb ihr die Welt, erklärte ihr, wie die Farben sich veränderten hier oben und wie die Wölfe aussahen, die auf das Rudel trafen. Vielleicht konnte sie sie etwas glücklicher machen, wenn sie ihr schon nicht helfen konnte.


Freudestrahlend realisierte Kaede, dass Leyla etwas gesagt hatte, ihr klar machte, dass sie nicht zu viel redete, sondern das es laut ihrer Aussage eher ihre Schuld war. Empört schüttelte Kaede ihren Kopf.

„Papperlapapp. Ja, okay, du bist so, aber dass heißt noch lange nicht, dass du Schuld daran bist, dass wir uns im Kreise drehen. Das sind wir eher beide, aber ich denke es ist gar nicht mehr so schlimm wie eben. Ich finde es schön dich in meiner Nähe zu haben, so weiß ich immerhin, dass ich nicht alleine bin, weißt du. Da muss man sich ja nicht die ganze Zeit über unterhalten. Wenn ich reden möchte, dann rede ich halt und wenn ich keine Antwort bekomme oder du einfach nichts erzählst ist es doch auch nicht so schlimm. Ich weiß ja nicht, ich kenne dich schließlich kaum. Hast du allgemein Probleme zu reden, also Angst davor? Weißt du einfach nichts? Oder ist es einfach bei Dingen über dich? Ich würde dich so gerne Anschauen, wenn man einen Wolf erblickt, erfährt man meistens einfach viel mehr über ihn, als wenn man sich durch sein Verhalten, seine Bewegungen und seine Ausstrahlung etwas zusammen reimt.“

Ein paar Schritte und sie berührte Leyla sanft mit ihrer Schnauze, ehe sie wieder ein wenig zurücktrat. Nein, sie wusste nicht, wie sie Leyla helfen konnte. Hatte einfach keine Idee, wollte aber nicht einfach aufgeben. Sie konnten ja wirklich zusammen bleiben, irgendwohin gehen, hier stehen bleiben, wie auch immer. Man musste schließlich nicht immer reden und wenn sie es nicht schaffte Leyla irgendwie etwas glücklicher zu machen, dann schaffte sie es eben nicht. Sie durfte sich da gar nicht unter Druck setzten, sonst würde sowieso nur noch mehr schief laufen, als es jetzt schon lief. Vielleicht würde es ja irgendwie ganz von selber kommen. Langsam, mit der Zeit gehend. Natürlich wäre es ein Erfolgserlebnis, aber sie schwor sich, dass sie nicht in Depressionen verfallen würde, wenn es nicht so werden würde. Sollte sie überhaupt bei ihr bleiben wollen. Schließlich war Leyla auch nicht damit geholfen, dass es Kaede ebenfalls schlecht ging, das würde sie wahrscheinlich nur noch mehr runterziehen, weil sie sich dann daran die Schuld geben würde und es würde ihr nur noch schlechter gehen und. . . Es wäre ganz einfach ein Teufelskreis und das musste auf jeden Fall vermieden werden.

„Wir werden einfach schauen, wie es so kommt, was meinst du?“


Kaede hatte ihren Optimismus wieder. Sie redete davon, dass es nicht so schlimm war und sie doch beide schuld waren. Aber Leylas Sorgen ließen sich nicht so leicht wegschaffen. Sie hatte nach wie vor die Gedanken, was alles Schlimmes passieren könnte. Kaedes „einfach ausprobieren“, konnte sie nicht so recht nachvollziehen. Da war es wohl wieder, das Phänomen. Wenn man nichts sah, sah man auch die zu vielen, unnötigen Sorgen und Ängste nicht. Das war beeindruckend. Trotzdem beneidete sie Kaede nicht um ihre Blindheit. Sie war nach wie vor benachteiligt dadurch und Leyla wünschte, sie könnte ihrem Leid Abhilfe schaffen. Vielleicht war es für die Graue auch schlimmer, als sie zugeben wollte. Sie konnte so vieles mit einem Lächeln abtun, dass es die Weiße nur erstaunte. Vielleicht gab sie einfach nur nicht zu, wie schlimm es für sie wirklich für sie war, weil sie sie nicht noch zusätzlich beunruhigen wollte. Immer wieder sagte sie, es sei doch nicht so schlimm und das schaffe sie schon. Wie lange würde sie das noch sagen? Wie schlimm musste es werden, bis sie es nicht mehr sagen würde? Man konnte nicht alles positivieren. Es gab nicht in jedem Negativen etwas Gutes. Leyla glaubte viel eher an das Gegenteil, auch wenn das vielleicht auch übertrieben war. Aber das sah sie nicht so. Wie konnte sie sie fragen, ob sie Angst davor hatte, zu reden? Das war doch Irrsinn. Sie konnte sie doch nicht etwas fragen, wo es um das Reden ging, wenn sie es in Worten beantworten sollte. Das war widersprüchig. Natürlich wusste sie viel, was andere längst auch in Worte, in mündliche Fragen gefasst hätten. Aber sie konnte es eben nicht aussprechen und auch nicht erklären, warum das so war. Oder gab sie sich zu wenig Mühe? Das musste sie vielleicht zunächst ein Mal sich selbst fragen und dafür bedufte es keine Worte und niemand würde es hören.

Erneut hatte sie sie mit ihrem Köper berührt. Leyla zuckte leicht zusammen. Sie war mit ihren Gedanken ganz woanders gewesen. Sie hatte überlegt, ob sie doch noch ein Mal versuchen sollte, etwas zusagen. Aber jetzt wurde sie wieder so herausgerissen aus ihren Gedanken. Letztlich empfand sie es aber auch dieses Mal als eine liebe Geste, dass Kaede das getan hatte, dass sie so war, wie sie war. Sie war wirklich guten Herzens. Leyla hoffte zumindest, dass sie nicht irrte. Aber alles andere hätte sie zu diesem Zeitpunkt auch nicht wahrhaben wollen. Sie sollten es weiter versuchen und Leyla konnte nicht widersprechen. Sie wollte es nicht, auch wenn sie in Verleitung gekommen wäre, es zu tun. Sie wollte sie nicht enttäuschen. Alles andere war jetzt unwichtiger, empfand sie für sich. Es war nicht wichtig, ob sie sie dafür später enttäuschte oder ob sie später ebenfalls einfach weg war. Jetzt waren sie bei diesem Moment und den wollte sie versuchen mit ihr zu genießen. So gut das ging.. Sie nickte leicht. Dann aber fiel ihr ein, dass sie das ja nicht sehen konnte. Also fügte sie noch ein verkümmertes und leises

„Ja..“

Mit hinzu und schabte leicht nachdenklich mit ihrer rechten Pfote auf dem eisigen Untergrund.


Glückselig schnaubte sie in den Winterhimmel. Auch wenn von Leyla nur ein karges Wort gekommen war, immerhin schien sie es halbwegs ehrlich zu meinen. Sie spielte mit den Ohren, lauschte auf das Schaben, welches Leylas Pfote auf dem eisigen Boden von sich gab. Tja, was konnte sie noch groß tun? Sie blickte mit ihren grau verhängten Augen um sich. Vor ihren Augen schmückten die Bilder riesengroßer Wälder das, was sie nicht sehen konnte. Das öde weiß graue Land was vor ihnen lag. Unterbrochen von ab und zu einem Felsen, und großen Bergen, Schluchten und kleinen Gewässern. Doch das alles konnte sie sich gar nicht vor Augen führen, da sie so etwas noch nie so gesehen hatte. Sie kannte Schnee, sie kannte auch Schneeebenen, aber nicht so hoch oben in den Bergen wie sie es nun waren. Sie vertriebt die Gedanken an die grünen Wälder, die schönen Pflanzen, denn sie wusste das es hier oben niemals so aussehen würde. Auch schob sie die Gedanken an das Meer mit dem Sand unter den Pfoten zur Seite. Eher versuchte sie, aus der Schneeebene die sie kennen gelernt hatte, das kalte und ungemütliche jetzt zu schaffen. Doch wie sollte es ihr gelingen, wenn sie nicht einmal eine Sekunde einen Blick darauf erhaschen durfte. Vor ihrem Geiste wuchsen Berge ins unermessliche, Flüsse bauschten sich aus Schmelzwasser auf, der See wurde riesengroß und die ganzen Schluchten und Eisspalten durchzogen das Land, sodass Kaede keinen Schritt mehr in dieser Gegend tun wollte. Wenn sie nicht gewusst hätte, dass sie sich dies selber zusammengesetzt hatte würde sie wohl wirklich nicht mehr hier weggehen. Doch da ihre schon unternommenen Wanderungen ihr gezeigt haben, dass es nicht ganz so schlimm hier oben war, ließ sie sich gar nicht erst auf die ausbrechende Panik ein und bezwang sie so, bevor man sie hatte bemerken können. Wie es wohl dem Rudel ging? Lange Zeit stand sie nun mit Leyla hier und drehte sich unbewusst im Kreis, doch Banshee würde das schon geregelt bekommen, sie hatte schließlich auch Face und Nyota die sie tatkräftig unterstützten, mehr als sie es wahrscheinlich je tun konnte. Vielleicht hätte sie damals den Posten als Betafähe nicht annehmen dürfen, vielleicht war es voreilig und falsch gewesen zuzustimmen nur weil Banshee ihr so gut zugeredet hatte. Bis jetzt war ja alles ganz gut gegangen, aber das würde bestimmt nicht für immer anhalten. Aber warum machte sie sich jetzt Gedanken darüber? Wenn musste sie das alles ganz in Ruhe überdenken, denn sie wollte Banshee nicht verletzen oder im Stich lassen. Außerdem sollte sie ihr in diesem Punkt vielleicht einfach vertrauen, wenn sie, sie für würdig und gut genug empfand, dann war es wohl auch so, Banshee machte selten Fehler. Und nur weil sie selber nicht so überzeugt war, hieß das noch lange nicht, dass sie wirklich so unfähig war, es war doch fast immer so, dass man sich schlechter einschätze als man war. Oder war das nur bei ihr so? Vielleicht gab es gar nicht so viele Wölfe wie sie, welche Tag täglich in Selbstzweifel versanken. Aber das war ja eigentlich auch unwichtig, wer alles, und vor allem wie viele an sich selber zweifelten, der Punkt war, dass sie es tat und zwar zu viel und dass sie sich diese Angewohnheit abgewöhnen sollte und auch wollte, denn damit ließ es sich nicht so gut leben, auch wenn sie vielleicht immer so fröhlich rüber kam, war sie es nicht immer, was sie selber sehr schade fand. Doch nun genug mit diesen Trübsalblasenden Gedanken, es war ein Jammer, sie sollte sich lieber freuen, das sie am Leben war und sogar den Posten einer Betafähe bekommen hatte. Das war eine große Ehre also sollte sie nicht so viel an dieser Ehre zweifeln und das beste daraus machen. Sie ließ ihre plüschigen Ohren noch ein wenig kreisen, ehe sie wieder nach vorne zeigten und auf Leyla konzentriert waren, von der wahrscheinlich sowieso nichts kommen würde, aber das war ja nicht schlimm. Das Lächeln war während all der Gedanken nicht von ihren Lefzen geschlichen, eher war es gegen Ende nur noch größer geworden.

Es war still geworden und Leyla machte sich Gedanken, dass es ihre Schuld war, dass Kaede nichts mehr sagte oder wenn, dann nur wenig. Sie wollte ihren wortreichen Fluss in einer Mischung aus Glückseligkeit und Optimismus nicht stoppen, auch wenn sie damit nichts anzufangen wusste ihrerseits. Sie konnte diesen Optimismus eben nicht teilen, die Wölfe waren verschieden. Es waren nicht alle gleich. Nach wie vor beschäftigte sie sehr stark, wie es ihr ging und wie sie das Leben meisterte mit ihrer .. Behinderung.. Sie tat ihr nach wie vor sehr Leid und sie wünschte sich, dass sie ihr Gewissen beruhigen konnte, in dem Kaede verdeutlichte, dass sie trotz allem stark genug war und das Leben auch mit ihrer fehlenden Sehkraft gut meistern konnte. Sie hatte einiges erzählt, aber kaum etwas darüber, wie sie das Leben in dem Rudel bewältigte. Wahrscheinlich hatte Leyla sie mit ihrem Trübsinn auch zu sehr abgelenkt und ihr andere Gründe zum Reden gegeben, als sie noch redete. Jetzt standen sie sich stillschweigend gegenüber und so lange wie Leyla schwieg, konnte Kaede unsicher werden, was Leyla tat. Daher musste sie sich etwas sagen, um ihr Vertrauen zu behalten und weiter zu stärken, um ihr deutlich zu machen, dass die Weiße gutmütig war und für Kaede war. Immerhin hatte sie selbst das oft genug gezeigt in ihrem Gespräch. Immer wieder war sie diejenige, die sich mitfühlend und verständnisvoll gezeigt hatte. Das hatte sie nicht gekonnt, nicht, weil sie es nicht war, sehr sogar, sondern weil es ihr nun ein Mal schwer fiel, so offen mit ihr zu reden. Das war eine innere Hürde, die sie noch nicht überwinden konnte, dafür brauchte es Zeit, viel Zeit und Geduld. Und Leyla wusste nicht, ob sie diese hatte oder .. ob alles schon wieder zu Ende war, bevor es überhaupt so richtig begonnen hatte. Sie wollte diese Verbindung also noch aufrecht erhalten, noch eh sie von einer größeren Macht und Stärke wieder mit Gewalt getrennt wurde, wie sie es in der Vergangenheit erlebt hatte. Außerdem gab es sowieso eine Frage, die sie brennend interessierte und sie nicht zur Ruhe kommen ließ. Sie war kurz und kaum missverständlich, sie würde es schaffen, sie ohne weiteres in Worte zu fassen. Langsam erhob sie ihre leise Stimme und sah gefühlvoll in ihr Gesicht.

„Mh..wie..was..was ist blind? Wie..ist es für dich, bitte beschreibe es mir.“

Sie konnte sich nur schwer vorstellen, dass es für Kaede einfach zu beschreiben sein würde, auch wenn sie es ja mit Sicherheit wusste. Leyla selbst wäre mit dieser Frage wohl vollkommen überfordert gewesen und hätte darauf nicht antworten können. Vielleicht war es falsch diese Frage zu stellen und hinter dieser Benachteiligung verbarg sich auch so etwas wie das Gefühl des Schämens, weil es ihr peinlich war? Das zumindest hätte Leyla von sich aus gedacht. Aber sie konnte es nun einmal nicht verstecken und ob sie darauf antwortete oder nicht, blieb ja immer noch ihr selbst überlassen. Aber sie war sich dennoch sicher, Kaede würde es versuchen zu beschreiben. So gut kannte sie sie doch schon, meinte sie.


Freudig hatte sie registriert, dass Leyla leise zu sprechen begonnen hatte. Es war keine leichte Frage, die sie ihr nun gestellt hatte und doch wollte Kaede versuchen ihr zu Antworten.
Doch vorerst musste sie ein wenig nachdenken, sie wusste nicht genau wie sie es in Worte fassen sollte, schließlich war sie mehr oder weniger einfach blind und so war es eben für sie, aber irgendwie musste man es ja mit Hilfe von Worten veranschaulichen können, wie es in etwa war, blind zu sein.
Nachdenklich wiegte sie so ihren Kopf ein wenig hin und her, durchforstete ihre Erinnerungen an einen etwaigen Vergleich, den Leyla kennen konnte.

oO Was ist blind . . . Eine schwere Frage, da ist es schon leichter zu beschreiben wie es für mich ist, aber auch das ist schwer, ich habe mich wohl zu wenig damit auseinander gesetzt. Oo

Sie schloss ihre Augen, zauberte sich die alte, heile Welt vor Augen. Ließ alles prächtig und bunt gedeihen, sah einem Sonnenuntergang zu, vor den sich schließlich eine Wolke schob. Und mit diesem Gedanken schoss ihr dann auch eine Idee in den Kopf, wie sie Leyla ihre Behinderung mitteilen wollte. Sie öffnete langsam, ganz langsam ihre Augen, hoffte fast ein wenig, dass der graue Schleier sich verzogen hätte, wusste aber natürlich, dass er immer noch vor ihren so strahlend blauen Augen lag. Wie ein Tuch, was ihr übergelegt wurde, damit niemand ihre Augenfarbe sieht, damit sie nichts mehr sieht.
Leise, fast flüsternd fing sie an zu sprechen, blickte dabei nachdenklich an Leyla vorbei, suchte immer noch die passenden Worte, damit Leyla alles verstehen würde, nicht weil sie dachte, dass sie eine nicht kluge Fähe war, nein, es fiel ihr einfach nicht so leicht so zu Beschreiben, dass ein sehender Wolf es verstehen konnte.

„Was blind sein genau ist, ist schwierig zu erklären. Wenn ich ehrlich bin habe ich mich nie sonderlich viel und gerne mit dieser Frage beschäftigt, ich habe versucht einfach so weiter zu leben wie es mir noch möglich ist, aber nein, natürlich kann ich nicht sagen, dass ich mir noch nie Gedanken darum gemacht habe. Es einem sehenden Wolf zu erklären ist schwer, doch ich werde es versuchen, ich hoffe ich drücke mich verständlich aus.“

Noch einmal verstummte sie und hob ihren Kopf in den Nacken, blickte in den Himmel, ehe sie sich zu Leyla drehe und sie aufmerksam anschaute.

„Es ist wie, wie. Wenn du in den Himmel guckst, wenn der Himmel blau ist. Man sieht kein Wölkchen was die Sicht trübt. Und wenn du dann in die Sonne schaust. Nein, warte. Das ist nicht gut, wenn man dann in die Augen guckt. Stell dir einen Sonnenuntergang vor, stell dir vor, du stehst an einem See, die Sonne geht, nach einem wunderschönen Sommertag unter, es sieht aus als brennt das Wasser, sie versinkt ganz langsam. Und wenn sich dann, vor die Sonne, vor das schöne Spiegelbild, wenn sich davor eine Wolke schiebt, ganz langsam, eine riesengroße graue Wolke, die einfach das schöne Schauspiel unterbricht, die einfach alle Farben wegwischt und alles nur noch grau werden lässt. Das ist ein wenig so. Natürlich siehst du dann immer noch alles, aber dann ist es nicht mehr so farbig. Und dann, stell dir vor, ein riesiges Blatt würde dir vor die Augen gelegt, ein riesiges dunkles Blatt. Dann kannst du nichts mehr sehen. Es ist wie, wenn sich die Nacht über einen Wald legt und sich die nicht Nachtaktiven Tiere alle schlafen legen, weil sie nicht mehr gut oder gar nicht mehr sehen können. Wie ein Wasserfall, der dir nicht zeigt was er hinter sich hat. Du siehst nur seine Fassade, doch kannst du nicht sehen was hinter dem Wasser liegt. Ich weiß nicht, ob du meinen Gedankengängen folgen kannst, ich hoffe es einfach. Für mich ist diese Behinderung . . . wie soll ich sagen, natürlich bin ich nicht erfreut darüber, aber ich muss ja irgendwie weiterleben, wenn mir nicht gegeben wurde zu sterben, sondern wenn mir nur mein Augenlicht genommen wurde.“

Sie hatte die letzten Sätze etwas munterer ausgesprochen, wollte nicht zeigen, dass es ihr Anfangs sehr schwer gefallen war, sich mit ihrer Blindheit abzufinden. Sie wollte die Fähe vor ihr nicht traurig, oder noch trauriger Stimmen, weil es ihr selber nicht gegeben war das zu haben, was wahrscheinlich fast alle Wölfe sonst konnten.


Kaede wollte ihr den Gefallen tun und versuchen zu beschreiben, was Blindsein bedeutet..was es für sie bedeutet. Wie so oft war es sehr schwer für Leyla, Kaede zu verstehen. Auch sie hatte Mühe, sich auszudrücken und verhedderte sich scheinbar und suchte dann nach anderen Worten, nannte gleich mehrere Beispiele und stiftete so neue Verwirrung. Trotzdem aber versuche Leyla es so gut es ging nachzuvollziehen, falls das überhaupt eine Spur weit möglich war. Es war kein Vergleich, die Augen einfach ein Mal zu schließen und für kurze Zeit nichts zu sehen. Wie es war, nichts sehen zu können, merkte man erst, wenn man sich in Not fühlte, unbedingt etwas sehen wollte und nicht wusste, ob man sich beruhigen sollte oder ob der Anlass zur Beunruhigung begründet war. Spätestens in diesem Moment hätte jeder sehende Wolf die Augen aufgerissen und sich Überblick verschafft. Nichtsdestotrotz hatten sie natürlich auch ihren Geruchsinn und der war nicht zu unterschätzen. Die Nase war für alle Wölfe sehr wichtig, aber sie war eben nicht in der Lage, eine Welt aus Farben und purer Schönheit zu ersetzen und einem genau mitzuteilen, welches Gesicht man gerade vor sich hatte, was es jetzt zeigte und wie die Situation war, in der man sich befand. Zum Schluss äußerte sie noch ein Mal, dass sie alles versuchte, damit so gut wie möglich zu Recht zu kommen und Leyla bewunderte sie dafür. Sie war nicht nur eine Überlebenskünstlerin, sie war vor allem jemand, der sich einfach nicht unterkriegen ließ, alles mit seiner Gutmütigkeit und Liebe ummantelte und sich seine eigene Welt schuf, die zwar nicht immer mit der „echten“ identisch war, auf jeden Fall aber Raum zum Dasein bot. Aber letztlich war diese Welt, egal wie gut Kaede zu den anderen war, nur ihre und nur sie konnte daraus richtig Kraft für die Seele schöpfen. Jeder musste seine eigene Welt finden, seine Quelle für die Kraft des Lebens. Leyla hatte danach bislang immer vergeblich gesucht. Vielleicht war Kaede ein Grund zum Mutschöpfen, weil sie sah, es ging trotzdem. Sie waren sehr verschieden aber trotzdem hatten sie gewisse Gemeinsamkeiten, die nicht unrelevant waren und daher konnte man durchaus Vergleiche aufstellen. Trotz allem ließ die Weiße es sich nicht nehmen, zu äußern, dass sie Kaedes Lebenswillen nicht eins zu eines übernehmen konnte oder könnte. Wenn sie daran dachte, was sie ihr über Blindsein erzählt hatte, musste sie fast wieder froh sein, wenigstens das nicht auch noch verloren zu haben. Wenn sie sich überlegte, Kaede oder auch Alienna kein einziges Mal ansehen zu können, das wäre schrecklich gewesen. So hatte sie doch wenigstens noch etwas von ihr, ein Bild im Kopf. Sicherlich..ein Bild von Leyla hatte Kaede natürlich auch im Kopf, wenn auch keines bestehend aus Licht und Schatten, aber es war da, ein ganz unverwechselbares, wie kein zweites.
Leyla atmete schwer durch und ließ die Blicke in der Gegend herumfahren, sie musterten nichts genau. Sie wollte Kaede nicht unentwegt anstarren, das hielt sie nicht für gerecht, auch wenn es eigentlich absurd war, da es nun mal normal war, den anderen anzusehen. Sie wollte Kaede nicht näher zu ihren Beispielen über Blindheit befragen. Sie wollte nicht jedes Mal darauf zeigen und sie spüren lassen, dass sie so anders war. Sie wollte sie nicht kränken, in dem sie sie jedes Mal mit der Nase darauf stieß. Im Gegenteil, sie wollte, um das unschöne Thema abzuschließen, nur noch hinzufügen, dass sie dazu, wie zu so vielem, nicht fähig gewesen wäre.

„Das..könnte ich nicht.“


Wie konnte sie sich nur sicher sein, dass Leyla verstanden hatte, was sie ihr da versucht hatte näher zu erläutern? Eigentlich gar nicht und sie wusste auch nicht, ob Leyla auch nur einen Teil richtig verstanden hatte. Sie konnte es sich bestimmt nicht besser vorstellen als vorher. Doch sie hatte ihr bestes gegeben, sie wusste einfach nicht wie man eine solche Krankheit besser in Worten ausdrücken sollte, vielleicht wäre es einem anderen besser gelungen. Kaede schätze Leylas Ehrlichkeit, als sie ihr mitteilte, dass sie sich nicht vorstellen konnte so zu leben.

"Früher hätte ich es mir auch nicht vorstellen können, doch nun ist es eben so gekommen und ich muss versuchen damit klarzukommen und damit weiter zu leben, schließlich wurde es mir gegeben, weiter zu leben, es wäre doch schade, wenn ich dieses Geschenk einfach wegwerfen würde. Damit wäre auch niemandem geholfen. Natürlich weiß ich, dass es genügend Wölfe gibt, die denken ich bin zu schwach als blinde Fähe, ich würde wenn überhaupt ans Ende des rudels gehören aber am besten tot sein und wenn sie dann hören, dass ich Beta bin. Doch da muss man drüber stehen, sicher bin ich in vielem ungeschickter und brauche eine bestimmte Sicherheit um mich wirklich wohl zu fühlen, aber jeder hat doch irgendwo seine Schwächen. Und so versuche ich eben damit zu leben, bis ich alt bin und meine Zeit gekommen ist."

Was erzählte sie da eigentlich? Sie hatte mal wieder einfach drauf los gesprochen. Aber das war ja eigentlich nicht schlimm, sie hoffte einfach, dass sie nicht zu verwirrend und verschachtelt geredet hatte und dass Leyla verstehen würde was sie meinte.
Mit der Rute wedelnd setzte sie sich wieder hin. Ja, was sollte sie jetzt noch groß sagen. Langsam wusste sie nicht mehr, worüber sie noch erzählen konnte.

"Ich würde gerne nocheinmal ans Meer. Und einen Regenbogen sehen. Aber da es mir nicht gegeben ist, muss ich mir die Bilder in meinem Kopf anschauen. Was willst du jetzt tun? Hast du irgendwelche Ziele oder Pläne für die nächste Zeit?"

Ja, hatte sie eigentlich Pläne? Wenn sie genau darüber nachdachte, hatte sie keine wirklichen. Sie wollte einfach nur das Leben was ihr noch blieb so gut es ging genießen. Neue Wölfe kennen lernen, vielleicht darunter auch gute Freunde finden, vielleicht sogar wieder einen Wolf finden den sie lieben konnte. Wer wusste schon, was die Zukunft ihr noch alles brachte. Aber genaue Ziele hatte sie nicht, sie ließ es lieber auf sich zukommen.
Oder doch, ein Ziel hatte sie.

"Ich will auf jeden Fall noch so lange leben, dass ich die Rückkehr ins Tal miterleben kann!"

Sie lächelte versonnen bei dem Gedanken an das Sternenwindtal. Sie freute sich, das ihr bekannte Gebiet wieder zu "sehen". Denn sie konnte es genauer sehen als hier oben. Sicher würde es sich verändert haben, aber im Grunde würde es so wie früher sein, wie als sie ankam und es noch wirklich sehen konnte. Die Bilder in ihrem Kopf würden dann wieder besser passen als ihr oben, in dieser grau-weißen Ebene, die sie noch nie zu Gesicht bekommen hatte und die ihr nie irgendjemand genauer beschrieben hatte. Dieses unklare Bild regte sie innerlich sehr auf, wer wusste denn ob sie überhaupt alles richtig gebildet hatte. Wahrscheinlich, sehr wahrscheinlich sah alles anders aus als in ihrem Kopf, genauso wie die Wölfe anders aussahen, die sie erst hinterher kennen gelernt hatte, so wie Leyla.


Kaedes Optimismus schien unschlagbar. Sie war so schwer vom Schicksal getroffen und doch dachte sie nicht im Entferntesten daran, aufzugeben. Sie war verblüfft, wie jemand so optimistisch sein konnte. Sie war..sie war genau das Gegenteil von ihr. So lange sie über Kaede redeten, schien alles gut und die Atmosphäre ungetrübt. Doch sobald sie wieder auf Leyla zu sprechen kamen, zogen sich dunkle Wolken über den geistigen Horizont. Sie wollte sich am liebsten selbst vergessen. Sie wollte am liebsten die Rollen tauschen. Aber sie hatte nicht das Recht, jemanden mit ihrem Schicksal zu bestraften. Vielleicht..ja, eventuell war Blindsein doch weniger schlimm. Vielleicht war sie aber auch einfach nur..überlebensfähiger. Sie war eine ungebrochene Gewinnerin und wenn es noch so tragisch kam. Leyla bewunderte sie. Aber sie konnte unmöglich immer an ihrer Seite sein. Kaede würde das nicht ewig können, bei ihr sein. Sie wurde schon sprachlos, wenn sie über Leyla nachdenken musste, wenn es um die Weiße ging. Selbst dann fielen der sonst so gesprächigen Fähe kaum noch Worte ein. Womöglich bemitleidete sie sie. Das konnte sie ihr nicht übel nehmen, aber sie schämte sich innerlich dafür. Sie wollte Kaedes frohsinniges Gemüt nicht mit ihren Sorgen bedrücken. Sie wollte nicht der Stein auf Kaedes Weg sein, sie wollte nicht, dass Kaede negativ beeinflusst wurde durch sie. Sie hatte nicht das Recht, ihren Optimismus zu schwächen, wenn sie sah, wie es einem noch gehen konnte. Wahrscheinlich war sie etwas ganz Neuartiges für sie und Kaede hätte nie gedacht, dass es solche Wölfe gab. Nun wurde sie eines Besseren belehrt, als sie sie getroffen hatte. Aber alles brachte nichts. Sie konnten es nicht schön reden. Und Kaede brauchte Leyla nicht, um ihr die Gegend zu beschreiben. Dafür hatte sie so viele Wölfe. Für Leyla war doch alles grau, jeder Tag bewölkt. Als sie hörte, dass sie ans Meer wollte und einen Regenbogen sehen wollte, wurde sie noch betrübter. War sie sich denn im Klaren, dass ein Regenbogen nicht die Seele veränderte? Ja, Leyla konnte ihn sehen, wenn denn einer da war und wenn sie aus dem Tal gingen, aber das ganze Leben war doch voller Enttäuschungen. Wenn sie den Regenbogen betrachtete, sah sie gleichzeitig auch die schrecklichen Dinge und es schlug ihr wieder auf. Auch ein Regenbogen machte das Leben, so meinte sie, nicht besser. Sehen war nicht alles. Aber sie wollte es ihr nicht so sagen, sie wollte ihr nicht das schöne Gefühl nehmen, das sie zu besitzen schien. Die Wölfin mit den grünen Augen hatte keine Pläne, keine, die man realisieren konnte. Ihre Pläne lagen hinter ihr, in Scherben und längst Vergangenheit. Ihre Pläne haben sich immer wieder in Albträume verwandelt. Alles hatte keinen Zweck gehabt. Jedes Mal, wenn sie glaubte, nun war es besser, stellte es sich doch wieder als eine Illusion heraus. Ein schöner Traum, der wie eine Seifenblase zerplatzt war. Und wenn sie daran dachte, dass sie ins Tal zurückgehen würden, womöglich jetzt bald..dann konnte sie nur schwer schlucken. Dort, im Tal, dort waren diese Scherben. Die Erinnerungen an Alienna, die Vergangenheit, die ihr den Boden unter den Füßen weggezogen hatte. Es fröstelte sie, an die vergangenen Zeiten zu denken, sowohl an die schlechten, als auch an die guten, welche sich als schlechte herausgestellt hatten, weil sie mit einem Desaster geendet hatten. Leicht schüttelte sie den Kopf, ohne daran zu denken, dass Kaede es ja gar nicht sehen konnte, sah betrübt zu Boden und flüsterte traurig.

„Nein.. keine Pläne..“


Unschlüssig schwenkte Kaede ihren Kopf hin und her. Sie traute sich nicht recht Leyla zu fragen, ob sie ihr die Gegend beschreiben würde, denn sie wollte die Fähe nicht unter Druck setzten, hoffte aber irgendwie, dass sie dadurch ein wenig reden würde. Doch wenn es sie dann unter Druck setzte, würde sie sich schuldig fühlen, schließlich wollte sie nicht, dass Leyla sich noch schlechter fühlte. Lange zauderte sie, ihre Stimme wieder zu erheben. Sinnierte darüber nach, warum Leyla wohl so geworden war, konnte aber natürlich keine Antwort finden, denn sie konnte sich schlecht irgendetwas ausdenken, weshalb die Fähe so war, wie sie ihr jetzt gegenüber stand. Plötzlich viel ihr auf, dass Leyla einige Zeit mit Alienne befreundet gewesen war, doch diese wollte sie jetzt nicht ansprechen, sie hatte das Gefühl, dass Leyla noch sehr an ihr hing, und dann wäre dies definitiv das falsche Gesprächs Thema. Ob Leyla mit Alienna mehr gesprochen hatte? Vielleicht lag es ja einfach an ihr, dass sie so extrem schweigsam war. Sicher war sie auch sonst keine sehr gesprächige Fähe, aber vielleicht mehr als bei ihr. Sie mochte Leyla zwar, aber hatte sie das Gefühl, dass sie einfach nicht auf einer Höhe waren. Das war auch auf gar keinen Fall böse gemeint, aber Kaede fühlte sich einfach ziemlich hilflos, weil sie so wenig mitbekommen konnte, wie es Leyla ging, es fehlte ihr die Mimik und die Gestik der Fähe um sich ein besseres Bild machen zu können und das stimmte sie etwas traurig, gerne würde sie ihr helfen.

"Es tut mir Leid, dass ich so wenig für dich tun kann Leyla"

Betroffen flüsterte Kaede in die Stille, welche sie beide umgab. Hoffentlich würde Leyla sich nun keine Vorwürfe machen. Doch Kaede war es wichtig, dass Leyla wusste, dass sie sie gerne mochte und ihr gerne helfen wollen würde, wenn sie es nur könnte.

"Vielleicht hast du ja Lust mir die Umgebung hier etwas zu erläutern? Ich habe wie ich wahrscheinlich schon erwähnte nur mein eigenes Bild in meinem Kopf, noch nie habe ich jemanden gefragt, aus Angst, dass sie sich darüber lustig machen. Doch bei dir bin ich mir sicher, dass du die Frage nicht schlimm findest, nur weil ich sie stelle, weil ich blind bin. Eher fällt es dir schwer es mir zu erklären, aber ich habe Zeit und würde mich sehr freuen, wenn du es mir wenigstens etwas veranschaulichen könntest. Auch wenn es wahrscheinlich ein drückendes Bild wird, drückender vielleicht, als ich es jetzt in meinem Kopf habe. Wenn du verstehst was ich meine?!"

Sie seufzte, nie würde sie etwas so sehen können wie es wirklich war, wenn sie es nicht schoneinmal gesehen hatte. Und selbst dann würde sie ein falsches Bild vor Augen haben, denn schließlich veränderte sich alles, immer und immer wieder, ein Leben lang. Doch, mehr als versuchen das Bild immer mehr zu ergänzen konnte sie doch eigentlich nicht tun, oder?



Nein, Leyla verstand nicht so recht. Irgendwie lebten sie auch in zwei völlig verschiedenen Welten und das nicht nur, weil Kaede blind war und sie nicht. Sie waren eben sehr unterschiedlich und die Kontraste sehr stark. Betrübt blickte sie zu Boden. Sie sollte ihr die Umgebung beschreiben. Aber welchen Eindruck würde es ihrer vermitteln, wenn Leyla sie beschrieb, wie sie sie mit ihren Augen sah? Sollte sie sie schöner reden, als die Landschaft war und als sie sie sah? Die Lüge wäre schnell aufgeflogen, auch für jemanden, der das nicht nachprüfen konnte. Sie wollte sie daher nicht gern beschreiben, auch wenn es bis eben noch ihr Gedanke war, Kaede auch zu helfen. Aber sie hatte Angst, dass sie ihr mit ihrer Art Hilfe nur Schaden zufügte, etwa, weil sie ihr den Mut nahm, den Optimismus, den sie besaß, weil sie die Umgebung aus ihrer Sichtweise beschrieb und diese war keine schöne. Kaede würde eher die Wahrheit über Leyla klar werden, wie hoffnungslos der Fall war. Vielleicht war das auch der Grund gewesen, warum Alienna damals einfach fortgegangen war.
Aber überhaupt, was gab es hier schon zu beschreiben? Sie beiden standen verloren in einer Eiswüste, die Leylas Seele widerspiegelte. Ja, sie würde sich selbst damit beschreiben. Aber andererseits wollte sie Kaede auch nichts vormachen oder sie eben anlügen, sie wollte schon, dass sie die Wahrheit kannte. Aber sie wollte sie ihr schonend beibringen, falls das irgendwie ging.

„Hier..ist nichts. Hier ist nur..Eis, Schnee..kalter, weißer Schnee. Grau und weiß vermischen sich..zu einem trüben Gebräu..“ sie hielt kurz an und schwenkte den Blick noch einmal umher, als gäbe es dort noch etwas anderes, das sie nur erspähen musste. Aber da war nichts, kein Grashalm, kein Sonnenschein, der sich durch die dicke, vergangene Wolkendecke verirrte. „Grau ist der Tag, so farbenlos wie die Nacht. Hier ist kein Sonnenuntergang, weil hier keine Sonne ist. Es ist..es..ist..eine Immernacht.“

Sie schloss die Augen und verzog sich in sich selbst, sah lieber nichts als das. Das einzige, was sie hier gerne ansah, war Kaede, aber sie wollte sie auch nicht die ganze Zeit anstarren, wo sie sie doch gar nicht sah. Jetzt, wo sie schon einmal begonnen hatte zu sprechen, die Wahrheit zu erzählen, konnte sie ihr wirklich die Augen öffnen und ihr das beschreiben, was nicht nur sie nicht sah, sondern nach Alienna auch kein Sehender mehr. Sie wollte erzählen, wie sie sich selbst sah.

„Kaede.. du bist freundlich.. gütig..ich glaube ich glaube, deine warmen Worte gebühren nicht mir. Du..du sprichst sie ins Leere, du wirfst sie weg, in einen Abgrund, der im ewigen Dunkel endet. Vergeude deine Zeit nicht mit mir, liebe Kaede..“
sie schluckte schwer. Es fiel ihr schwer, offen ihrer positiven Gedanken, gehüllt in Komplimente, Kaede zu geben und sich selbst als das zu äußern, wie sie sich sah. „Du findest bestimmt jemand Sehenden..“ sie sah zu Boden. „Der dir die Umgebung schöner beschreiben kann, als ich. Jemand, der sie mit anderen Augen sieht. Oder wenn nicht..“ sie hielt kurz an und sah wieder auf, als könnte Kaede ihren Blick treffen. „Dann ist es immer noch besser, das hier nicht sehen zu müssen, als so, wie ich es sehe.“

Leyla wusste, was sie tun würde, in ihrer Zukunft, falls man diese als solche bezeichnen wollte. Denn Zukunft, das klang immer so positiv, aber Zukunft war ein neutrales Wort, es konnte auch etwas Negatives in der Ferne bezeichnen, manchmal aber war diese Zukunft näher, als es klang. Sie hatte im Sinn, sich von Kaede zu lösen, eh sie sie verletzen würde, weil Kaede eines Tages erkennen würde, dass es vergebens war. Und das würde sie auch, wenn sie weiterhin nichts sehen konnte. Sie würde eines Tages geistig die Augen geöffnet haben und Leyla als das sehen, was sie war. Eine hoffnungslose Verlorene, die fiel..und den losließ, den sie mochte, um ihn nicht mit in die Tiefe zu reißen.


Etwas erschrocken richtete Kaede ihren Blick auf Leyla. Es tat ihr Leid, diese Worte von der Fähe zu hören. Eigentlich war ihr schon lange bewusst gewesen, dass sie dieser Fähe wahrscheinlich nicht helfen konnte, da sie ein schweres Problem mit sich herum trug, aber diese Worte stachen ihr tief ins Herz. Nicht, dass diese Worte sie selber verletzten, das nicht, nicht direkt, aber es tat ihr einfach Leid, dass eine Fähe eine solche Last mit sich umher schleppen musste. Das war doch nicht gerecht. Natürlich hatte auch sie keine schöne Vergangenheit, aber sie hatte es mehr oder weniger geschafft diese zu verarbeiten, die Last auf ihrem Rücken war immer weniger geworden.

oO Legt man einem jungen Welpen eine schwere Last auf den Rücken und erhöht diese, je älter er wird, fühlt er sich unwohl, wenn er sie später los ist. Legt man jedoch einem jungen Wolf eine Last auf den Rücken, fühlt dieser sich so lange unwohl, bis er die Last wieder los wird. Man muss über Probleme reden, doch wie, wenn man nicht reden kann? Oo

Ein wuffen entwich ihr, noch ehe sie sich darüber im klaren war. Sie wollte nicht, dass Leyla sich selber als so schlecht darstellte. Natürlich sah jeder Wolf die Welt, nicht nur hier oben, anders, aber erst, wenn man einige, verschiedene Ansichtsweisen gehört hatte, konnte man sich doch daraus die Welt erschaffen, wie sie am wahrscheinlichsten war.
Also war es auch wichtig Leylas Worte zu hören. Doch sie wusste nicht, wie sie Leyla dieses begreiflich machen sollte. Sie sah immer nur das schlechte, dass stimmte Kaede nicht allgemein traurig, nur jetzt ein wenig hilflos, da sie dies einfach nicht zu ändern wusste.

„Versuch die Dinge doch mal positiver zu sehen. Ich weiß nicht, was dich daran hindert, es geht mich wahrscheinlich auch nichts an, oder du kannst es mir nicht erzählen, aber das ist ja nicht schlimm. Ich wünschte mir, und dir, nur, dass du die Welt schöner erleben kannst, auch wenn sie dies vielleicht nicht unbedingt ist. Ich versuche einfach immer das Beste an Situationen zu sehen. Das ist nicht leicht, aber eigentlich auch nicht zu schwer. Es wäre schön für dich gewiss. Und doch, meine Worte sind an dich bestimmt, ich möchte sie dir mit auf den Weg geben, dass du sie in deinem Kopf trägst und vielleicht geben sie dir ja auch ein wenig Hoffnung. Genauso wenig ist es nicht blöd, wenn du mir die Gegend aus deiner Sichtweise erzählst, jede Sichtweise ist wichtig um mein Bild komplett werden zu lassen. Außerdem, die Welt hier oben ist halt trostloser als in fruchtbaren gebieten. Da ist gar nichts falsch an deiner Aussage meine Liebe . . .“

Lächelnd blickte sie die weiße Fähe vor ihr an. War sie wohl so kalt, wie der Schnee unter ihren Füßen, innerlich?


Kaede gingen die Argumente nicht aus. Sie stellte immer neue Theorien über ihre Seele auf. Leyla hätte nicken oder den Kopf schütteln können, aber nicht einmal dazu sah sie sich im Stande, geschweigedenn auf all ihre Gedanken eingehen zu können. Sie änderten sich sehr schnell und ständig kam etwas Neues aus ihr heraus, etwas, was nur wage Vermutungen waren, schließlich kannten sie sich noch nicht lange. Leyla hatte Angst, dass es erneut zu einem Unglück kam, wenn sie sich länger kannten. Sie wollte nicht, dass das alles noch einmal seinen Lauf nahm. Sie wollte es von Anfang an verhindern. Kaede war sehr nett und sie versuchte, nicht nur an der Oberfläche zu kratzen, sondern den anderen zu verstehen. Doch es gelang ihr nicht, sie waren zu verschieden. Leyla hatte erklärt so gut es ging, sie hatte versucht, sie an ihren Gedanken teilhaben zu lassen, ihr einen Einblick in ihre Seele zu geben, aber Kaede konnte mit ihren Worten wenig anfangen, da sie immer nur neue Fragen aufwarfen, mehr und mehr, eine Lawine von Fragen. Für Kaede waren Leylas Gedanken ein Labyrinth. Und es war das Beste, Leyla ließ sie sich nicht darin verirren, sondern hielt sie von Anfang an auf, dort hineinzugehen. Zudem wusste sie gar nicht, was wäre, wenn Kaede einmal keine Fragen mehr stellen würde, was wäre, wenn sie die Antwort gefunden hätte. Womöglich wäre sie dann schwer enttäuscht von ihr, da ihr klar werden musste, dass die Sache ausweglos war.
Die graue Fähe konnte ihr keine langbeständige Hoffnung geben, denn Leyla war Pessimistin, sie würde sie bald wieder verlieren und der ganze Trott setzte sich ungehindert fort. Kaedes Worte waren verloren in Leylas Ohren, ähnlich war es wohl auch umgekehrt. Nicht, dass es Kaede nicht interessierte, das glaubte sie gewiss nicht, sondern sie wollte so vieles nicht wahrhaben, was sie sagte, dass sie die Worte verdrängte und nicht mehr gedanklich darauf zurückgriff, was ihr hätte helfen können, Leyla zu verstehen. Falls dies überhaupt möglich war. Während Kaede gar nicht wusste, was Aufgeben war, wusste Leyla nicht, was Optimismus war. Sie standen sich direkt gegenüber, aber sie waren sich innerlich zu weit entfernt, auch wenn sie versucht hatten, sich zu nähern. Leyla würde sich von ihr trennen, ihr zuliebe. Sie wusste, dass sie es später bereuen würde. Aber sie konnte Kaede nicht in ihrem Labyrinth gefangen halten, eine blinde Wölfin. Die Weiße hatte so vieles falsch gemacht, nun konnte es kaum noch schlimmer kommen. Aber sie wollte ihr Gewissen nicht weiter belasten, zu viele Vorwürfe plagten ihre labile Seele schon. Sie wollte Kaede Gutes, so wie sie ihr Gutes wollte. Sie versuchte ihr zu erklären, was sie mit ihren Augen sah, was sie mit ihrem Herzen sah, wie sie die Gegend betrachtete.

„Ich sehe kaum mehr als du, Kaede. Ich sehe nichts, alles ist..gefangen und umschlungen vom bitteren Eis, fest im Griff des Winters, kalt und erstarrt..gefesselt..vom Eis. Weißes Eis..überall.“ Sie ließ den Blick umherschweifen, aber sie hatte Recht. Ihr Blick fiel wieder auf Kaede. „Mittendrin aber..dort scheint die Sonne.“ Sie sprach gedrückt und leise. „Eine Sonne, die sich durch jede noch so dicke Wolkenschicht hindurchgräbt. Eine Sonne, die niemals aufhören zu scheinen wird, so schön, dass sie es selbst nicht weiß.“

Sie atmete tief durch. Selbst wenn sie jetzt doch einen weiteren Fehler beging mit ihren Worten, spielte es keine Rolle mehr. Denn das Ende war nahe. Sie hielt ihre Gedanken nicht mehr zurück

„Du bist diese Sonne, liebe Kaede.“

Jetzt hatte sie etwas Angst. Sie wollte die Reaktion Kaedes am liebsten gar nicht sehen. Sie hatte nicht gewollt, dass Kaede sie nun nicht gehen ließ, weil sie so etwas Gutmütiges zu ihr gesprochen hatte. Sie wollte nur, dass Kaede sich ihr Bild von Leyla vor dem inneren Auge behielt, wie auch immer das nun aussah. Es war vielleicht schöner, das käme ihrem unerbittlichen Optimismus gleich, als das wahre Bild dieser weißen Fähe. Leyla setzte den Schluss, eh Kaede gar nicht mehr von ihr losließ und Leyla einfach nicht mehr vor ihren Ängsten entfliehen konnte.

„Du findest allein zum Rudel, oder?“


Wollte sie nicht verstehen oder konnte sie nicht verstehen?

Seufzend trat Kaede einen Schritt zurück. Was war dieser Fähe nur wiederfahren. Vielleicht war sie auch einfach so, doch Kaede war sich recht sicher, dass es einen bestimmten Grund für das Verhalten der Fähe gab. Lächelnd blickte sie Leyla an, der Vergleich der Fähe freute sie, hatten sie andere doch auch schonmal so genannt, es war wundervoll es von dieser verschüchterten und sehr pessimistischen Fähe zu hören. Doch, so wie es schien wollte sie nicht länger bleiben, wollte das Rudel vielleicht ganz verlassen. Sie konnte die Fähe nicht dazu zwingen bei dem Rudel zu bleiben, vielleicht war es besser für sie, vielleicht auch nicht. Wie auch immer, sie wollte Leyla nicht bedrängen, ihr aber dennoch zeigen, dass sie es schade fand, wenn sie ging. Sie durchreiste ihren Kopf nach Worten, die Leyla verstehen würde, die sie nicht ins wanken bringen würden mit ihrer Entscheidung und die sie vielleicht trotzdem mit auf den Weg nehmen konnte.

Vorsichtig trat sie an die weiße Fähe heran, berührte sie ganz sanft mit der Schnauze in der Schultergegend und trat dann einen Schritt zurück um ihr nochmals ein wundervolles Lächeln zu schenken.

"Ja, ich finde alleine zum Rudel zurück. Ich bedauere es, dass du von mir, von uns, wenn ich es richtig verstehe, gehen willst, doch du weißt wohl am besten, was besser für dich ist. Ich will dich jetzt auch nicht beeinflussen, ich will dir nur alles gute Wünschen. Behalte ein wenig Helligkeit in dir drin, damit du nicht ganz in der Dunkelheit versinkst, ich wünsche es dir. Es tut mir Leid, dass ich nichts für dich tun konnte, ich bin wahrscheinlich einfach nicht die richtige."

Damit trat sie zwei weitere Schritte zurück, lächelte die Fähe traurig an und wartete darauf, dass sie sich umwand und ging. Sie selber wollte nicht als erste gehen, sie wollte trotzdem noch für Leyla da sein, ihr zeigen, dass sie für sie da war. Auch wenn sie nichts bewirken konnte, auch wenn sie einfach nicht die Richtige gewesen war, wollte sie dies für sie tun.
Ihre Rute pendelte sanft von rechts nach links. Unzufrieden war sie nicht, nur traurig über diesen Abschied. Traurig über eine Fähe, gefangen in Winter, Kälte und Eis, welches sie, die angebliche Sonne, nicht hatte erwärmen können.


Die Weiße musste wohl noch eine Reaktion über sich ergehen lassen. Sie beobachtete sie ganz genau und wartete, wie sich ihr Gesicht womöglich verändern würde, ob und wenn ja was sie sagen würde. Natürlich sagte sie etwas, sie redete schließlich gern. Aber allem voran lächelte sie. Leyla freute sich doch ein wenig, dass ihr ehrliches Kompliment gut aufgenommen wurde und richtig ankam, so, wie sie es auch verabschiedet hatte. Erneut überraschte sie sie, als sie Leyla an der Schulter berührte. Ihre Augen verdrehten sich zu ihrem Gesicht hin, konnten es aber schon gar nicht mehr sehen, weil es so dicht neben ihrem Gesicht war. Leyla kannte ihre Art der Sprache mittlerweile schon ein wenig und doch verblüffte es sie immer wieder, wie sie auf andere zugehen konnte. Leyla hatte sie auch ein Mal fast berührt und sogar Aliennas Pfote hatte sie damals unbedingt spüren wollen, obwohl sie wusste, dass es Alienna nicht einfach fiel. Aber Kaede war noch eine ganz andere Person, die ihre eigenen Beweggründe hatte. Nachdem sie verstanden hatte, welch liebe Geste sie ausgeführt hatte, flog ein kleines und sehr kurzlebiges Lächeln über ihre sonst so müden Lefzen. Es wärmte sie innerlich, noch einmal so freundlich behandelt zu werden, dass es ihr beinahe wieder die Tränen in die Augen trieb. Aber sie wollte Kaede nicht das Gefühl geben, es gäbe einen Grund zum Weinen. Sie würde nur das Weinen hören und konnte sich dann nicht sicher sein, weshalb sie weinte, dass eher Freude der Grund war. Es war ein schöner Moment, ein solcher, wie sie ihn seit damals nicht mehr erlebt hatte. Sie selbst war schuld, wenn sie ihn beendete. Aber eine innere Kraft drängte sie zu diesem Schritt. Sie würde zerfallen wie eine alte Burg, wenn das hier vorbei war. Aber nichts wehrte in Ewigkeit, alles hatte sein Ende. Leyla wollte versuchen, sich Kaedes Worte zu merken, so lange, wie es sie noch am Leben hielt. Aber sie wusste, das war nicht schwer, aus zweierlei Gründen. Die Worte Kaedes waren nicht wenige gewesen, aber die besonders wichtigen und wesentlichen würde sie nicht mehr vergessen. Und zum anderen würde die Flamme, die ihr Leben bedeutete, nicht lange in dieser Einöde aus Schnee und Eis mehr flackern können. Sie hätte der Grauen Fähe noch alles Gute oder viel Glück wünschen können, aber das war gar nicht notwendig. Kaede hatte etwas viel Besseres, ihren unermüdlichen Optimismus und wahrscheinlich eine Menge Wölfe, die sie besser verstanden, die sie besser verstand, Freunde, die zu ihr passten, Leyla tat es nicht. Leyla wusste, dass das Leben im Rudel, auch für Kaede, viel Gemeinsamkeit bedeutete. Aber sie konnte da nicht mithalten, sie konnte den anderen nicht helfen, sie brauchte selbst immer nur Hilfe. Doch jetzt nicht mehr, jetzt würde sie keinem weiter zur Last fallen. Sie dachte wieder an Alienna, der sie womöglich auch eine Last gewesen war. Denn bis heute fragte sie sich, was der Grund gewesen war, warum es sie von ihr weggetrieben hatte, bevor sie sich noch einmal wiedertrafen. Leyla formte noch zwei Worte, warf sie über den großen, inneren Abstand, die Kluft, die sich zwischen ihnen schon gebildet hatte und nun klaffte, sicher zur anderen Seite, wo die Sonne schien, bevor sie im ewigen Eis verschwand und vom Nebel in die Unendlichkeit getragen wurde.

„Tschüss.. Kaede.“

Sie schloss die Augen und drehte sich um. Sie hatte so nahe bei Kaede gestanden, dass ihre Rute im Umdrehen ihren Leib berührte, nicht ohne Absicht. Ein letztes Lebe-Wohl, dann gab es kein Zurück. Schritt um Schritt entfernte sie sich immer weiter von der, wie sie selbst gesagt hatte, Sonne, Sonne des Optimismus’, Sonne des Lebens, um immer kälter zu werden, der Starre entgegen. Sie drehte sich nicht noch einmal um, ging nicht die Gefahr ein, zurückzugehen und mit Kaede zu gehen. Sie durfte nicht, es würde sie noch schlechter hinstellen, als das alles eh schon der Fall war. Leyla hatte eine Entscheidung getroffen und es wäre torhaft, diese zu revidieren. Sie musste wenigstens einmal standhaft bleiben und etwas durchziehen, auch wenn es nicht einfach war. Immer wieder mahnte es sie innerlich, das nicht zu tun, umzukehren und sich einer sicheren Zukunft im Rudel zuzuwenden. Aber ihre Vernunft wusste, das war eine Illusion, es gab nichts Sicheres, das hatte sie zu oft geglaubt. Sie war erwachsen geworden, denn ihre kindliche Naivität hatte sie mit Alienna verloren, den Glauben nach ewigem Glück. Die Kälte packte sie und zog sie mit sich, ließ sie nicht mehr los. Sie war nun sicher schon viele Schritte von der Grauen entfernt. Es fiel ihr nicht leicht, eine Blinde einfach in einer Eiswüste zurückzulassen, aber sie hatte sie gefragt und Kaede hatte gemeint, sie würde zurückfinden. Und eher würde Kaede immer wieder durch eine noch so dichte Eiswüste zu ihrem Glück finden, als Leyla als Sehende. Gedanklich war sie bereits unendlich weit entfernt, Kaede war, in ihren Gedanken, jetzt dort, wo all die anderen waren, die sie verloren hatte und nicht verlieren wollte. Der Wind würde ihre Spuren verwischen und die letzte Brücke kappen. Es war zu spät zum Umkehren. Sie brauchte sich nicht länger fürchten, denn es erwartete sie etwas Neues, eine ganz neue Welt. Dort im Eis, wo scheinbar nichts mehr war, war, lokal völlig ungebunden, das Tor zur neuen Welt, die, im Gegensatz zu den anderen schönen Dingen, die sie in dieser erlebt hatte, nie wieder enden würde, die endlich ewig treu bleiben würde, die ewig bei ihr bleiben würde und ihr Heim bieten sollte. Als sie ihre physischen Kräfte verließen, begannen ihre seelischen neu aufzublühen und..so makaber es klang, sie waren stärker als jene, die ihr Kaede oder Alienna je hätten geben können. Die Kälte, die Schmerzen, die alten Wunden, als das konnte sie abstreifen und wie einen Schutz, den sie immer nur getragen hatte, endlich ablegen und beginnen, die inneren Wunden auch zu verlassen, einfach hier zurückzulassen, im ewigen Eis, wo sie nie jemand finden würde, weil keiner bereit war, ihr über diese Schwelle zu folgen. Die Kälte war vorüber, der Schmerz ging mit ihr, zuletzt waren es die Erinnerungen, die sie auf dem wärmenden, schwerelosen Weg in eine zeitlose Welt zurückließ. Sie brauchte sie jetzt nicht mehr, denn sie waren das Fundament für die alten Wunden gewesen. Sie ließ die wenigen, schönen mit zurück und nahm in Kauf, keine neuen mehr zu brauchen. Dieser Schritt war gar nicht schwer gewesen, denn das Neue, das Gute, es umklammerte sie fest und nahm sie mit in seine Arme, trug sie fort. Die dunkle Renaissance einer neuen, unverletzbaren Leyla, welche nichts mehr brauchte, was die Wölfe als gut bezeichneten. Ihre Ärme, nichts mehr zu besitzen, entwickelte sich zu einem neuen Reichtum, durch nichts mehr verletzt werden zu können, denn niemand starb einen zweiten Tod.