25.12.2009, 11:40
Nach der ereignisvollen Rast in den noch recht tief gelegenen Bergen, war die Zeit gekommen, in die Höhen aufzusteigen, in denen sie viele Monde leben müssten. Das Rudel war gut ausgeruht und der Aufstieg verlief weitgehend problemlos. Rasmús Tinuviel wurde Banshee vorgestellt und sie hieß ihn freundlich willkommen, selbstverständlich durfte er bei seiner Schwester bleiben. Nach etwa einem halben Tag hatten sie die Schneegrenze überschritten, sie hatten Herbst und in dieser Zeit im Schnee zu laufen, verwirrte einige. Nach einem weiteren halben Tag erreichten sie dann eine Höhe, in der sie bleiben konnten, jetzt galt es jedoch einen Platz zum Bleiben zu suchen. Das Rudel hatte Glück, ein eisfreier See in der Nähe eines Gletschers lud praktisch zum Bleiben ein. Etwas weiter weg fanden sie nach den ersten Erkundungstouren eine Höhle, die Schutz bei großer Kälte und Schnee bieten würde. Ein weiterer Tag war vergangen, bis sich das Rudel richtig beim See einrichtete. Hier gab es nicht viel außer Schnee, das eiskalte Wasser und Kälte. Ab und an ragte ein Stein aus dem blendenden Weiß, aber die meisten waren unter der Schneedecke begraben. Es war schon jetzt sehr kalt, keiner der Wölfe wollte sich ausmalen, wie kalt es erst werden würde, wenn es richtiger Winter wurde. Zudem zog ein Schneesturm auf, die ersten Flocken wirbelten bereits aufgescheucht durch die Luft, der Wind zerrte an dem Fell der Wölfe, noch schien er aber nicht gefährlich.
Das ganze Rudel liegt am See, sie sind nun richtig angekommen. Nyota ist ebenfalls in den Bergen angekommen, noch nicht zu wittern, aber ganz in der Nähe.
Banshee saß ruhig am Seeufer, die Augen auf ihr Spiegelbild gerichtet. Es war seltsam scharf zu erkennen, als würde die Kälte des Wassers es besser widerspiegeln als der vertraute See unten im Tal. Das hier war im Gegensatz zu ihrem Sternensee eher ein Tümpel, das gegenüberliegende Ufer war kaum zehn Wolfslängen entfernt und wäre die Sicht dank dem Schneefall nicht so schlecht, hätte sie tief in ihn hineinblicken können. Schnee … ihr war kalt, aber nicht nur deshalb fröstelte sie. Es war Herbst, im Tal schien jetzt sicher eine goldene Herbstsonne, feuerrote Blätter lagen überall und sie würde den Welpen von weißen Flocken erzählen, die irgendwann vom Himmel tanzen würden. Hier war die weiße Pracht nicht mehr schön, sie ließ einen noch mehr frieren und nahm einem die Sicht. Sie war kein Geschenk des Himmels mehr, sondern machte das Leben schwer. Dabei hatte sie sich so darauf gefreut, mit ihren Welpen im Schnee zu tollen … sie seufzte leise und wandte sich von ihrem Spiegelbild ab, blickte über das Rudel und fragte sich stumm, was aus ihnen allen werden sollte. Es waren schon wieder so viele, wo sollten sie alle hier Nahrung finden? Acollon war schon wieder irgendwo, sie hatte aufgehört, zu überwachen, wohin er ging, jedenfalls nicht an ihrer Seite. Sie brauchte Hilfe. Wehmütig glitten ihre Gedanken zu Ayala und Falk, sie waren ihre treuen Betas gewesen … ja, gewesen. Das war nun vorbei, sie hatte nicht nur eine Freundin verloren, sondern auch eine wichtige Stütze. Und so sehr es schmerzte … sie sollte versuchen, neue Hilfe zu finden. Und schon auf der Wanderung hier hoch hatte sie zwei Wölfe herausgesucht, von denen sie wusste, dass sie ihr beistehen würden. Kaede und Face. Sie Betas zu nennen, wenn sie es denn wollten, würde seltsam sein, aber irgendwann wäre es selbstverständlich, sie würde Ayala und Falk mit der Vergangenheit verbinden, so wie sie es schon bei Nyota, Chyran und Hanako geschafft hatte. Doch wenn sie jetzt an Nyota dachte, zum ersten Mal wieder nach längerer Zeit, schmerzte es doch wieder so sehr, dass ihr kurz der Atem stockte. Es würde auch bei Ayala nie besser werden. Damit würde sie leben müssen und sie wusste, irgendwie würde sie es schaffen. Mit Hilfe.
“Kaede, Face? Wollt ihr kurz zu mir kommen?“
Sie sprach sehr laut, um den Wind zu übertönen und ihre Stimme nicht vom Schnee verschlucken zu lassen, trotzdem würden es sicher nicht alle Wölfe hören. Eigentlich war diese Entscheidung nun eine Sache, die das ganze Rudel interessieren sollte, aber sie wollte nicht schon wieder alle zusammenholen. Es würde sich schon herumsprechen. Kurz schloss sie die Augen und hob die Schnauze in die Luft, ließ sich den Schnee um die Nase wehen und fragte sich, was Engaya noch alles mit ihr vorhatte, bis sie sie in ihre Pfoten holen würde … an ihre Seite.
Shani hatte sich neben Hiryoga zusammengerollt und nach der langen Wanderung hier hoch den erholsamen Schlaf der Erschöpfung genossen. Nachdem sie Tyels Bruder gefunden und schon die ersten zarten Bande der Freundschaft geknüpft hatte, hatte Banshee schon bald zum Aufbruch gerufen und eine erneute Wanderung hatte begonnen. Sie war nicht so lang und nicht so erschöpfend wie die erste gewesen, aber nun so plötzlich in Schnee zu kommen, hatte Shani verwirrt. Schnee … das kannte sie kaum, der erste Winter in ihrem Leben war so mild gewesen, dass kaum weiße Flocken vom Himmel gefallen waren … und jetzt plötzlich versank sie darin, der Wind blies ihn ihr ins Gesicht und manchmal fiel er so dicht, dass sie kaum etwas erkennen konnte. Das alles verwirrte die doch noch recht junge Fähe und verängstigte sie auch ein wenig. Sie hatte Tyel und Hiryoga und vielleicht auch Rasmús, aber die Angst konnten sie ihr alle nicht nehmen und entgegen ihrem frohen Hoffen, waren irgendwann doch wieder die schwarzen Wölfe aufgetaucht. Sie hatten hinter einer Schneewehe gelauert oder waren plötzlich auf einem aus dem Schnee ragenden Stein gestanden. Die weiße Jungwölfin hatte es besser ertragen, als früher, aber die Lebensfreude von dem ersten Tag auf dem Berg bei der Rast war so nicht mehr zurückgekehrt. Erst jetzt, wo sie erwachte und sich nicht mehr erschöpft fühlte, Hiryoga an ihrer Seite spürte und Tyel und Rasmús nicht weit entfernt sah, fühlte sie sich wieder ein wenig besser. Es schneite schon wieder und der Wind war recht stark, dennoch fror Shani nicht zu sehr und zudem war die Wanderung nun endgültig vorbei, das beruhigte sie. Banshee hatte nach Kaede und Face gerufen, aber die Weiße interessierte das nicht sonderlich. Unternehmungslust packte sie und sie setzte sich langsam auf, schüttelte dabei den Schnee aus ihrem Pelz. Aufmerksam sah sie sich um, aber es war nichts Besonderes zu erkennen. Etwas tiefer lag der kleine See, an seinem Ufer sah Banshee, aber dank dem Schneetreiben war sie eher schlecht als recht zu erkennen. Kein schwarzer Wolf weit und breit. Sie atmete fast erleichtert auf, versuchte dann sich selbst zu ermuntern und zog Hiryoga schließlich am Ohr.
“Hey, wach auf! Lass uns die Gegend ein wenig erkunden. Schließlich sollen wir in der nächsten Zeit hier leben.“
Sie war sich zwar gar nicht sicher, ob er schlief, aber sie nahm es einfach mal an. Langsam senkte sie den Kopf und pustete dann so stark sie konnte in den Schnee, der daraufhin aufgeschreckt in Hiryogas Gesicht wirbelte. Vergnügt musste sie leise lachen und tänzelte schon weg vom See und dem Rudel, auf die höheren Berge zu. Dort lag der Gletscher und die Rudelhöhle … es war eine zwar beängstigende aber auch neugierdeerweckende Gegend und Shani suchte sie sich spontan als Ziel ihrer ersten Erkundungstour aus. Ansonsten hätten sie auch nur Schneewehe nach Schneewehe aussuchen können und das klang eher langweilig.
“Nun komm schon, Hiryoga!“
Sie sah zurück zu ihrem braunen Freund und schwenkte auffordernd die Rute, sie wollte ihre gerade gefundene Fröhlichkeit nicht wieder verlieren, er sollte sich beeilen. Ihre leicht schräggestellten, mandelförmigen Augen blitzten Vergnügt und gleichzeitig lag in ihnen eine tiefe Wärme, sie freute sich darauf, mit Hiryoga an ihrer Seite ihre neue Heimat zu erkunden, so verwirrt sie auch über diese war.
Kein böser Traum hatte ihn diese Nacht ereilt, im Gegenteil, er hatte so angenehm wie selten geschlafen, selbst mit dem ganzen Schnee um sich herum, Shani in der Nähe zu wissen, endlich einen Platz gefunden zu haben, an dem sie bleiben konnte, das hatte ihn Hoffnung schöpfen lassen. Außerdem konnten sie endlich ausruhen, den Schlaf der Gerechten schlafen, keine Wanderung stand mehr bevor, zumindest in nächster Zeit nicht mehr. Im Tal war es Herbst, aber hier war Winter und genau das hatte ihn abgelenkt von seinen ständigen Gedanken, nichts konnte ihn an Zuhause erinnern, allein die bekannten Gesichter. Mehr oder weniger unsanft wurde er aus dem Schlaf gerissen, als seine übermütige Freundin ihn am Ohr zog, nachdem sie wach geworden war und dazu bewegen wollte, aufzustehen. Aber nein, das reichte Shani nicht, die ihm dann noch Schnee ins Gesicht pustete und schon ein Stück vorlief. Sie hätte wohl tun und lassen können, was sie wollte, er könnte ihr nicht böse sein, nicht hier und auch sonst nirgends auf der Welt.
Mehr gezwungen schob er den Kopf hoch, schüttelte diesen und hob sein Hinterteil schwerfällig, streckte die Hinterläufe durch, schob dabei seine Vorderläufe weit von sich weg und gähnte herzhaft, ehe er sich aufstellte und mit schief gelegten Kopf der Jungwölfin nachsah. Eher unbemerkt hatte er die Worte seiner Mutter wahrgenommen, ließ den Blick kurz zu ihr schweifen, was sie wohl von den zweien wollte? Aber es interessierte ihn nicht, Shani war bester Laune und er war kurz davor, ebenso wie seine weiße Freundin, hatte er Lust, sich hier umzusehen, sodass er mit einem großen Satz der Fähe nachjagte. Die weiße Pracht wirbelte er zu beiden Seiten hoch auf, als er ihr in einem hohen Tempo nachwetzte. Mit einem fröhlichen Lächeln betrachtete er die nieder tänzelnden Schneeflocken, schloss die Augen für einen Augenblick, ehe er an Shani vorbei zog in einem gedrosselten Tempo, einmal um sie herumlief, dabei spielerisch an ihr hochsprang und wieder ein Stück voraus lief.
“Na los! Wer als erster da ist!“
Mit einem Lachen preschte er los, spürte die Lebensfreude durch seinen Körper fließen, reckte wieder die Schnauze zum Himmel und blinzelte in die tanzende Flockenmenge hinein, die von oben auf sie herabsank und sein Fell durchnässte. Er wusste nicht einmal, wo sie genau hinwollte, konnte es sich nur denken, aber in diesem Augenblick war ihm alles egal. Der Hellbraune drosselte langsam sein Tempo, wartete bis die Weiße aufgeholt hatte und neben ihm herlief um wieder sein Tempo etwas zu drosseln, in der Hoffnung, sie würde es ihm gleich tun. Auch wenn ihn die Abenteuerlust gepackt hatte, so durchliefen sie fremdes Gebiet und wer wusste wohl schon, welche Tücken und Gefahren sich hier verbargen? So lief er Seite an Seite mit Shani, ein Stück weit, bis er sie mit einem freudigen Satz umsprang und sich, sowie sie zum Fall brachte und sanft im Schnee landete. Ein herzliches Lachen verließ seine Kehle, als er auf und neben der Weißen landete, die Rute immer noch freundlich schwingend. Jetzt war er der Jungwolf, der er eigentlich sein sollte.
“Was für ein Spaß! Jetzt weiß ich, wozu Schnee gut ist!“
Langsam setzte der große Wolf eine Pfote voran, betrachtete, wie sich ihr unendliches Schwarz von der Reinheit des weißen Schnees abhob. Noch ein Schritt. Face Taihéiyo ließ den saphirblauen Blick wandern, doch viel konnte man nicht sehen. Überall Schnee. Er war nicht verwirrt darüber, wie vielleicht so mancher, denn immerhin war es erst Herbst. Ruhig hob der Tiefschwarze den Kopf und ließ sich vom Wind durch das seidige Fell spielen. Das war schon der zweite Schnee, den er bei diesem Rudel erlebte. Schon verrückt, dass er immer noch da war. Wobei, eigentlich konnte man es ja nicht mal so nennen. Vor einem Jahr hatte er nicht gelebt, er war nichts gewesen. Eine leere Hülle, in der eine zerschundene Seele gefangen war. In gewisser Weise war das ja noch immer so, sein Innerstes war nach wie vor vernarbt und kaputt. Doch nun war das Leben zurück in seinem Körper und nahm wenigstens die Last, nur seelisch leiden zu können. Unglaublich ... Verstanden hatte er es nie, aber wahrscheinlich sollte, konnte er das auch gar nicht. Die Gedanken wurde er trotzdem nicht los. Face war gefesselt an jede noch so kleine Erinnerung, für immer. Er blinzelte leicht, die Kälte hier oben machte ihm nichts aus, er spürte sie nicht einmal richtig. Seine Pfoten hinterließen Spuren im Schnee und der Wind wischte sie wieder hinfort. Wäre er nicht so makellos Schwarz, sondern Reinweiß, könnte er glatt ein Geist sein. Apropos weiß ... Face drehte den Kopf herum und seine saphirblauen Augen suchten nach Tyraleen. Seit Acollon wieder da war, hielt er sich ein bisschen von der Familie, der stille Ozean konnte es nicht mal richtig begründen. Aber sein Patenkind hatte noch nie zuvor Schnee erlebt – wie ihm nun bewusst wurde – und er fragte sich schon, wie sie darauf reagierte. Oder eher reagiert hatte. Die Höhen hatten ihr ja schon so gefallen. Doch der Schnee ... er wusste es nicht, hatte es nicht mitbekommen. Und irgendwie tat ihm das nun Leid. Leise entglitt ein Seufzer Faces Kehle. Idiot ... Er würde es gerne sehen, ob sie sich freute, ob man sie in all dem Weiß überhaupt noch erkennen konnte, wie ihr der kalte Schnee gefiel. Aber erst jetzt zu ihr zu gehen, kam ihm auch irgendwie nicht richtig vor. Face Taihéiyo drehte leicht die Ohren hin und her, ließ den ausdruckslosen Blick wieder zu seinen Pfoten gleiten. Er war eben immer noch er. Face, der nicht lächelte und nichts von sich preis gab. Das Nichts, obwohl er wieder lebte. Keiner kannte ihn, niemand wusste wie viele tausend Meilen seine Pfoten schon gerannt waren, was für Narben sein Pelz verbarg, keiner roch mehr das Feuer und die Asche. Der Tiefschwarze biss die Zähne ein wenig fester zusammen, dann plötzlich unterbrach eine Stimme seinen typischen Gedankengang. Der große Wolf, welcher sich so deutlich aus dem Schnee hervor hob, ließ den tiefen Blick schweifen – er hatte Banshees Stimme erkannt, nun musste er sie nur noch in dem Gestöber finden. Langsam, mit leichten und lockeren Bewegungen setzte er sich durch die tanzenden Flocken in Bewegung, auf eine weiße Gestalt am See zu. Face hatte nicht die geringste Ahnung, was die Leitwölfin von ihm und der blinden Wölfin wollen könnte, aber trotzdem befolgte er ihre Bitte. Vielleicht einfach deshalb, weil er ihr doch ziemlich viel zu verdanken hatte. Ob er es nun so gewollt hatte, war eine andere Sache, aber die Tatsache, dass es so war, stand. Außerdem hatte Banshee einen Teil der Obhut über Tyraleen in seine Pfoten gelegt, auch wenn er sie wohl im Moment etwas vernachlässigt hatte. Das tat ihm Leid. Acollon war glücklicher Weise auch nirgendwo in der Nähe, also trat er gradewegs und schweigend zu der weißen Wölfin und blieb kaum ein paar Wolfslängen vor ihr stehen. Der Tiefschwarze hätte nun etwas sagen können, wie „hier bin ich.“ Oder „was gibt es?“ aber wäre das seine Art? Nein, zudem fand er solche Bemerkungen eh überflüssig. Sie sah doch, dass er da war. Die Leitwölfin würde schon sagen, was sie wollte.
Shani japste erfreut, als Hiryoga sich erhob und nach anfänglicher Trägheit mit plötzlich rasantem Tempo auf sie zu rannte. Seine Fröhlichkeit weckte ihre erst richtig auf, er hüpfte um sie herum, sprang sie an und wirkte dabei so glücklich, dass Shani vor Freude erzitterte. Selten hatte sie ihren Freund so fröhlich gesehen und etwas lag in der Luft, das sie beinahe elektrisierte. Schon war er ein Stück vorausgelaufen und entlockte ihr mit seinen Worten ein übermütiges Lachen. Sie hatten doch gar kein Ziel, aber natürlich preschte sie hinter ihm her, er ihnen als Ziel gewählt als irgendein Punkt in dieser schneeweißen Landschaft. Er wurde ein wenig langsamer und machte es ihr damit leichter, trotzdem schnappte sie, als sie ihn erreichte, nach seinem Ohr und zog sanft daran.
“Gewonnen, war zuerst da!“
Mit dem Ohr im Maul konnte sie nur Nuscheln und hinkte dabei ein wenig neben ihm her, ließ das ganze aber eher wie ein Tänzeln aussehen und freute sich dabei so sehr, die Nähe des Braunen genießend, dass sie es kaum vorher erahnen konnte, als er sie plötzlich hinterrücks attackierte und sie verblüfft im Schnee landete. Sie quietschte auf, zunächst erschrocken, aber dann vergnügt, tappte mit der Pfote nach Hiryoga, der halb auf ihr lag und lachte dann, als er auch ihr den Sinn des Schnees näher brachte. In ihrem jungen Leben war es das erste Mal, dass sie wirklich mit Schnee in Berührung kam und sie wusste schon jetzt, in jedem neuen Winter würde sie an diesen jetzigen denken und ihn als einen Wunderschönen in Erinnerung behalten. Als ob sie Hiryoga damit verscheuchen könnte, fuhr sie mit der Pfote mit einer schnellen Bewegung durch den Schnee und wirbelte ihm zum zweiten Mal heute eine Ladung des weißen Pulvers ins Gesicht.
“Um dich zu ärgern.“
Verkündete sie beschwingt und schnappte sanft nach seiner Schnauze, fuhr mit der Zunge über seine Nase und ließ dann den Kopf glücklich lächelnd zurück in die Schneeberge fallen. Ihr Blick lag warm auf Hiryoga und ihre Rute wischte ganz leicht durch den Schnee. Während sie ihren Freund betrachtete, wurde sie sich des Flatterns in ihrer Brust gewahr und plötzlich waren Gedanken da, die sie zwar schon so oft unterbewusst gedacht, aber nie wirklich in ihren Kopf gelassen hatte. Sie kannte den jungen Rüden nun schon ein Jahr, als sie sich getroffen hatten, waren sie beide fast noch Welpen gewesen, er hatte sie mit zu seiner Familie gebracht und nun waren sie schon fast Erwachsene. In all dieser Zeit war er bei ihr gewesen, hatte ihr so viel Freude gebracht und sie ab und an die schwarzen Wölfe und ihre Vergangenheit vergessen lassen. Sie hatten gemeinsam gelacht und übermütig herumgealbert, es war eine so feste Bindung entstanden, dass sie sich ohne ihn kein Leben mehr vorstellen konnte. Und immer waren dieses Flattern in ihrer Brust, dieses Kribbeln in ihrem Bauch und dieser Schauer auf ihrem Rücken gewesen, wenn sie ihm so nahe war wie jetzt. Dann hatte sie manchmal sogar schüchterne Zurückhaltung gespürt und irgendwann waren sie wieder ganz normal beim Rudel gelegen, aber jeder einzelne Moment hatte sich in ihr Gedächtnis gebrannt. Flüchtige Gedanken schwirrten durch ihren Kopf, Banshee und Acollon, Hiryogas Eltern, sie liebten sich, waren Gefährten, hatten Welpen …
Fast erschrocken vertrieb sie die Gedanken, die sie selbst kaum verstand. Mit einem sanften, aber zielstrebigen Strampeln befreite sich und war schon wieder am Rennen, bellte fröhlich, nun aber eher gezwungen, wie um sich selbst wieder zurück in die Freude zu bringen und drehte den Kopf zu dem Jungrüden.
“Los, jetzt bist du dran!“
Schon war sie losgeprescht und ließ sich von dem kalten Wind und den wirbelnden Schneeflocken die Gedanken aus dem Kopf treiben. Sie bemerkte erst, als ihre Pfoten keinen richtigen Halt mehr fanden, dass sie den Gletscher erreicht hatte, oder zumindest seine Ausläufer. Eis lag nun unter ihr und es war herrlich rutschig. Schon wurde sie wieder ausgelassener, schlitterte vorwärts und bellte entzückt, als ihr die Möglichkeiten dieses neuen Spiels bewusst wurden. Mit einem ganz leichten Stupser drehte sie sich zwei Mal um sich selbst und schlitterte dann rückwärts weiter, hielt Ausschau nach Hiryoga, er musste das sehen! Gerade wollte sie nach ihm rufen, als sie plötzlich unter ihren Hinterpfoten kein Eis mehr spürte, sondern nur noch Luft, gleich darauf schien ihr ganzer Körper zu schweben, bis sie nach unten gezogen wurde. Ein panischer Schrei verließ ihre Kehle als sie eiskaltes Eis hinunterrutschte und mit ihren Pfoten keinen Halt fand.
“Hiryooooga!“
Sie brüllte so laut sie konnte, verzweifelt ruderte sie mit den Läufen und verstummte erst, als sie hart auf den Boden prallte. Für einen kurzen Moment lang konnte sie nicht atmen und sah nur noch glitzernde Sterne tanzen, dann löste sich der Schmerz und der Schock des Aufpralls und sie keuchte panisch. Was war passiert, wo war sie? Aufgeschreckt hetzte ihr Blick über große Eisformationen und wanderte dann hinauf zu der Spalte, in die sie gefallen war. Kaum zwei Wolfslängen trennten sie nur von der Welt dort oben, obwohl ihr Fall ihr ewig vorgekommen war. Allerdings ging es knapp neben ihr noch ein wenig weiter in die Tiefe, sie lag auf einem kleinen Eisplateau. Sie war im Inneren des Gletschers. Wieder stieg Panik auf, was sollte sie nur machen, wie kam sie hier wieder raus? Ihre Läufe zitterten so stark, dass sie nicht aufstehen konnte, voller Verzweiflung und mit den ersten Tränen in den Augen starrte sie zu der Spalte über sich und flehte um ihren braunen Freund.
Endlich waren sie angekommen, hoch oben in den Bergen waren sie nun und obwohl es Herbst war hatte Kaede Recht behalten mit dem was der Wind ihr erzählt hatte. Es hatte nach Schnee gerochen und auch schon bald, nachdem sie losgezogen waren hatten sie die ersten Schneeflächen bemerkt. Auch wenn der Weg für Kaede nicht sonderlich körperlich anstrengend war, war sich doch geschafft, als Banshee das Zeichen gab, dass sie hier bleiben würden. Es gab anscheinend eine Höhle und Kaede konnte kaltes und klares Wasser vernehmen, was sicher von einem See stammte. Doch es war schwierig hier für sie zu Recht zu finden. Sie hatte die Umgebung noch nie gesehen, konnte sich schlecht orientieren und ihre Pfoten fanden nur Schwer halt in dem eisigen Schnee. Immer wieder war sie leicht weggerutscht und immer wieder hatte sie sich erschrocken. Nun war sie dankbar stehen geblieben und sog die kühle Luft ein. Ein Schneesturm nahte und Kaede merkte, wie sie kleine Flocken umwirbelte. Sie hoffte, dass es kein schlimmer Schneesturm werden würde, sodass sie alle frieren würden oder sich verirren würden, denn auch wenn sie selbst schon ein dickes Fell hatte würde es einige Zeit dauern sich auf die Temperaturen hier oben einzustellen. Sie seufzte leise, als sie Banshees Ruf hörte. Er war nicht sonderlich laut, anscheinend sollte nicht das ganze Rudel mitbekommen, dass sie und Face zu ihr gerufen wurden. Sie fragte sich, was die Weiße wohl von ihnen beiden wollen würde, aber zögerte nicht und orientierte sich nur kurz. Der Ruf war entfernt gewesen und so setzte sie langsam eine Pfote vor die andere um ja keinen unbedachten Schritt zu machen und so in irgendeine Spalte zu stürzen. Noch weiter entfernt vernahm sie Hiryogas und Shanis fröhliche Rufe. Sie freute sich für Hiryoga, dass er eine so tolle Fähe kennen gelernt hatte. Doch plötzlich nahm sie nur noch verzerrt ein angstvolles heulen wahr und hoffte, dass nichts weiter schlimmes passiert war. Auch wenn sie liebend gerne nachgeschaut hätte ging sie weiter vorwärts in Banshees Richtung. Der Kühle Schnee tat zwar ihren Pfoten gut, jedoch verwandelte das Eis den Boden in eine rutschige Fläche, bei der jeder Schritt wohlüberlegt sein musste.
In vertrauten Gebieten fiel es der Fähe mittlerweile nicht mehr schwer sich zurecht zu finden, doch hier oben fühlte sie sich so verlassen, wäre doch Tyrael noch bei ihr, seufzend wendete sie sich ein wenig in Richtung des Sees. Dort vermutete sie Banshee und auch Face schien schon da zu sein. Zaghaft schwenkte sie ihren Kopf in die verschiedenen Richtungen um deren Geruch genau einzufangen, sodass sie nicht an einem falschen Ort des Sees landete und zuckte zurück, als ihre Pfote wegrutschte.
„Verdammter Schnee. . . Banshee? Face?“
Zaghaft rief sie die beiden um sich abermals orientieren zu können, doch da stieg ihr der Duft der beiden so unverkennbar in die Nase, sodass sie sich sicher war fast da zu sein. Ein leichter Schwenker noch nach rechts und dann machte sie noch zwei drei kleine Schritte und blieb stehen. Sie spürte die Anwesenheit der anderen beiden und blickte ihnen still aber freundlich entgegen.
Mit einem brummigen Gesichtsausdruck spürte er den glitzernden Schnee in seinem Gesicht, sah die tänzelnden Flocken vor seinen Augen, als Shani ihm wieder eine Ladung Pulverschnee ins Gesicht wirbelte. Nicht lange hielt diese Miene, ehe er ihr mit einem glücklichen Lächeln entgegenstrahlte. Auf ihre Worte reagierte er nicht groß, nur ein Lachen entfloh seiner Kehle, wenn es jedes Mal so viel Spaß machte, von ihr geärgert zu werden, dann würde er sich jedes Jahr von Neuem auf den tänzelnden Schnee freuen. Sie ließ sich wieder in den Schnee fallen, nachdem sie ihm über die Nase geleckt und an seinem Ohr gezogen hatte, schon fast verlegen legte er die Ohren zurück, ein schüchternes Lächeln, wohl eher Schmunzeln legte sich auf seine dunklen Lefzen und ohne es zu merken, starrte er sie schon fast an, konnte den Blick nicht mehr von ihr lassen. Sie hatte etwas an sich, wenn sie ihn so ansah, dass es ihm warm ums Herz wurde, sein Atem gefror und das Herz gegen die Brust klopfte. Nicht immer konnte er diese Gefühle unterdrücken, die sich in ihm auftürmten, aber meist gelang es ihm, doch jetzt konnte er es nicht. Sie waren keine Welpen mehr, sondern Jungwölfe, fast erwachsene Jungwölfe. Aber was er genau mit diesen Gefühlen anfangen sollte, wusste er nicht, so kannte er sie nicht, für seine Mutter oder Kaede verspürte er nicht einmal ansatzweise etwas Ähnliches, aber bei Shani war das eine ganz andere Sache. Wenn er sie so betrachtete, ihre Nähe spürte, ihr herzliches Lachen in seinen Ohren ertönte, so konnte er sich kein größeres Glück auf Erden vorstellen. Nichts wurde ihrem Lächeln gleich, welches ihn jedes Mal aufs Neue verzauberte, es war mehr als Freundschaft, aber wenn es alles doch nur Einbildung war?
Als sie plötzlich losstürmte, konnte er ihr nur verdutzt nachblicken, die Gedanken wieder völlig vergessen, sprang er auf, wirbelte mit der Rute den pulvrigen Schnee auf, ehe er ihr nachsetzte.
"Oh, du kriegst auch noch deine verdiente Portion Schnee!"
Ein lautes Lachen ertönte, als er ihr nachsetzte mit diesen Worten, der kühle Wind durch sein Fell fuhr, die glänzenden Flocken ihm ins Gesicht schlugen. Es war zu schön hier oben, diese weiße Schneepracht hatte etwas an sich, dass es die Gemüter verzauberte und selbst ihm die Lebensfreude wieder schenkte. Für einen Augenblick schloss er die Augen, genoss diese Kälte, atmete tief die kühle Luft ein, die seinen Hals fast betäubte um mit einem Lächeln die Augen wieder zu öffnen. Doch als er die Augen öffnete, schlitterte Shani vorwärts, seine Schritte wurden immer langsamer, bis er zum stillstand kam. Was tat sie da, worauf bewegte sie sich, dass sie sich so seltsam bewegte? Fragend legte er den Kopf schief, versuchte etwas zu erkennen, doch dort hob sich nichts ab, von der weißen Masse, einzig sah er die Weiße voranschlittern. Vielleicht war es Instinkt, vielleicht auch nur die Übervorsicht, die ihm in diesen Moment packte und ihm sagte, dass da etwas nicht stimmte.
"Sei vor-..."
Gerade als er die Stimme erhob um sie zu warnen vor einer möglichen Gefahr, sah er wie die junge Fähe nach hinten fiel, ihren Schrei vernahm er nur nebenbei, stockte mitten in seinem Satz, das bloße Entsetzen hatte ihn gepackt, ein heiseres Winseln verließ seine Kehle. Wie erstarrt verharrte er, unfähig sich zu bewegen, schienen seine Läufe festgefroren, das Blut in seinen Adern gefror, sie war weg, ganz plötzlich weg!
"SHANI!!"
Ohne groß zu Überlegen setzte er sich in Bewegung, fiel fast nach vorne über, doch konnte er sich noch im letzten Moment fangen, zielgerichtet lief er auf die weiße Ebene zu, stellte die Ohren aufmerksam auf und suchte mit den Augen die Landschaft ab, nichts Ungewöhnliches. Plötzlich spürte er diese glatte Ebene unter seinen Füßen, Eis, er hatte immer noch ein hohes Tempo und schlitterte geradewegs auf die Stelle zu, wo Shani verschwunden war. Wenige Meter bevor er hinabstürzen würde, sah er erst die Spalte, drückte die Läufe mit aller Kraft gegen den Boden und bohrte die Krallen in die gefrorene Fläche. Mit mehr Glück als Verstand hatte er kurz vor der Spalte abgebremst, atmete unregelmäßig und keuchte nach Luft, ehe er den letzten Schritt auf die Spalte zutrat und hinabblickte.
"Shani?! Ist dir was passiert, hast du dich verletzt?"
Ein leises Winseln entfloh seiner Kehle, als er sie ansah, die Ohren an den Kopf gelegt, glomm kurze Freude in den smaragdfarbenen Augen auf, als er sah, dass die Fähe wohl auf war. Sein hilfloser Blick huschte über die kleine Spalte, suchte einen Ausweg sie dort rauszuholen, doch er erblickte nichts, was ihnen irgendwie hätte weiterhelfen können.
"Pass auf, ich komm zu dir runter."
Gesagt, getan. Schon sprang er vorsichtig in die Spalte hinab, schwang die Rute kurz hin und her, ehe er ihr kurz mit der Schnauze durchs Fell fuhr. Und was sollten sie nun tun? Weiter hatte er nicht gedacht, nun saßen sie beide in der Spalte.
~In all den Jahren~
hatte sie sich unterwegs immer wieder geschimpft,
~warst du nie hier oben, dumme Wölfin. Und nun weißt du nicht wie es hier aussieht!~
Der Aufstieg allein hatte Tage gebraucht, und mittlerweile stapfte sie durch brusthohe Schneeberge. Von ihrem schwarzen Fell ar wenig Schwarz übrig geblieben, da sie auch die Nächte scutzlos und allein in Schneekuhlen verbracht hatte, war ihr ganzer Pelz mittlerweile voller Schneeklumpen, die, halb efroren, halb Wasser, darin hingen, ihr Fell durchnässten und sie frieren liessen, selbst, wenn der Wind gerade einmal nicht so schneidend ging.
Überhaupt hatte sie den Wind nur allzu oft verflucht, ihn gefragt was er hier oben überhaupt zu suchen habe und ihn mit bösen Worten ins Tal hinunter gewünscht.
Doch er war geblieben, und allmählich hegte sie den Verdacht dass er das selbe Ziel hatte wie sie - Banshee.
Die Wölfe dort unten hatten ihr viel genommen. Neben einer stolzen, spektakulären Rückkehr, vorallem die Hoffnung dass es ihrer Schwester gut ging. Sie würde das Rudel dort unten nicht aus ihren Gedanken vertreiben können, ehe sie sie nicht selbst wieder verjagt hatte.
~König des Hügels~
dachte sie mit bitterem Unterton. Die Könige des Tals waren zu Königen der Berge herabgesetzt worden, und es war fraglich, wie lange sie auf den Bergen überleben konnten. Nyota zumindest hatte während ihres Aufstieges kein Tier mehr gesehen. Entsprechend leer war ihr Magen.
Doch wie sie so grummig eine Pfote vor die andere setzte, riss sie plötzlich den Kopf hoch, all ihre Muskeln spannten sich und ihre Ohren nahmen die Form von ovalen Schüsseln an. Sie hatte eine Fährte aufgespürt. Ihre Fährte! Mit ganz neuer Kraft tobte sie plötzlich los, warf die Läufe in den Wind und lies ich von ihm nicht mehr beeindrucken. Sie musste ganz in der Nähe sein, gleich hinter der Anhöhe - Wie gebannt starrte sie über die ich ihr bietende Ebene, sie konnte Banshee nicht sogleich ausmachen, doch dorthinten bewegte sich etwas im Schnee - Wölfe!
Die Schnauze in den Himmel reckend sang sie ihren Gruß nun gegen den Wind an, stemmte sich dem brausendem Gegner mit vollem Stimmaufwand entgegen, und begann auf sie zuzustürmen. Immer klarer wurden die von Schnee verwehten Konturen, immer deutlicher die Gerüche - und da hatte sie sie entdeckt, ganz dicht am See stand die Weiße, ihre Schwester! Jeder Schritt war nun ein ganzer Sprung, jeder Sprung trug sie näher zu Banshee - und nocheinmal versuchte sie sich gegen den Wind, und schrie mit sich überschlagender Stimme los.
"Banshee! Baaaaanshee!"
Sie lebte. Sie sah gut aus, gesund, - sie lebte. Alles in dem schwarzen Feuersturm begann zu singen.
Shani hörte von irgendwoher die Worte Hiryogas in ihrem Kopf nachhallen, vorher hatten sie sie noch erfreut schneller rennen lassen, er sollte es nicht schaffen, auch nur eine Schneeladung in ihr Gesicht zu schaufeln, aber jetzt war der Spaß so plötzlich vorbei, dass ihr noch junger Kopf es kaum verarbeiten konnte. Ihre rechte Seite, auf der sie noch immer lag, schmerzte furchtbar und sie merkte, dass sie nicht nur aufgrund des Schocks kaum atmen konnte. Heftig blinzelnd, als könnte sie so den Albtraum vertreiben rutschte sie ein wenig nach hinten und schaffte es so wirklich, ihren Brustkorb etwas zu entlasten und fand wieder mehr Atem. Tief keuchend wanderte ihr Blick wieder zur Spalte über ihr, das Schneetreiben schien dort oben noch heftiger geworden und obwohl es in Wirklichkeit nur wenige Sekunden waren, schien es ihr eine Ewigkeit, bis endlich Hiryogas entsetztes Gesicht erschien. Sie winselte erleichtert und fühlte sich sofort besser. Auf seine Frage fand sie zunächst keine Antwort, eigentlich war alles okay, ihre Seite tat schon viel weniger weh, aber bevor sie Worte fand, kündigte er schon an, herunter zu springen.
“Nein, Hiryo …!“
Zu spät, relativ sicher und erstaunlich präzise war er neben ihr auf dm kleinen Eisplateau gelandet und obwohl sie jetzt nicht mal Hilfe holen konnten, spürte Shani doch eine große Erleichterung, ihn neben sich zu haben. Winselnd drückte sie ihren Kopf an seinen Hals und verharrte einige Herzschläge so, dann zuckte sie vorsichtig mit den Pfoten und setzte sich auf. Ihre Läufe zitterten noch immer und sie fühlte sich ein wenig benommen, aber ihr Freund war da, jetzt war alles nicht mehr so schlimm. Etwas ängstlich flog ihr Blick über die Kante des Vorsprungs und sofort trat sie einen Schritt zurück, so weit das möglich war. Sie hatte es nicht genau gesehen, aber es ging tief genug runter. Ihr ganzer Körper schmiegte sich an den Jungrüden und erneut winselte sie, jetzt hilflos.
“Du bist da.“
redete sie sich eher selbst Mut zu, gleichzeitig sprach aus ihrer Stimme große Erleichterung und Dankbarkeit. Es waren knapp zwei Wolfslängen bis nach oben, vielleicht, wenn sie sich Mühe gab, könnte sie den Rand erreichen? Irgendwo wusste die Weiße sehr wohl, dass es unmöglich war, aber trotzdem erhob sie sich, wartete, bis ihre Läufe aufhörten, zu zittern und sprang dann mit aller Kraft ab. Sich so weit streckend wie nur irgend möglich erreichte sie mit ihrer Kralle knapp die Kante, was allerdings nicht weiterhalf. Sie landete einigermaßen sicher, rutschte jedoch leicht und spürte sofort wieder Angst aufsteigen. Schon jetzt war ein leichtes Knacken zu hören, doch sie nahm es nicht richtig wahr und sprang wieder ab, berührte jetzt mit der ganzen Pfote die Kante, rutschte aber einfach ab. Als sie nun landete, war das Knacken lauter und deutlich und erschrocken legten sich ihre Ohren zurück. Aufmerksam lauschte sie und starrte den Boden unter ihren Pfoten an. Jetzt ein Knartzen, fast quietschen, wieder erschreckend laut und mit aufsteigender Panik betrachtete die Weiße einen Riss, der sich langsam von der Eiswand über die Plattform ausbreitete.
“Hiryoga!“
Sie schrie fast, obwohl der braune Rüde es sicher selbst gesehen hatte. Das Bild von zerbröckelndem Eis und hilflos in der Luft strampelnden Wölfen stieg in ihren Kopf und ein panisches Fiepen drang aus ihrer Kehle. Was hatte sie nur gemacht? Nur wegen ihren sinnlosen Sprüngen löste sich nun gleich der Boden unter ihren Pfoten auf und sie würden in die Tiefe stürzen. Mit einem panischen Ausdruck in den Augen und eng angelegten Ohren floh sie wieder an Hiryogas Seite, drückte ihren Kopf in seinen Pelz und flüsterte mit erstickter Stimme.
“Ich will noch nicht sterben …“
Sie kniff die Augen zusammen, machte sich ganz klein, als würde sie damit sicherer sein und ihr Gewicht auf dem Eis reduzieren und lauschte mit rasender Angst in ihrem Herzen den leise absplitternden Eiskristallen, die klirrend in die gähnende Tiefe unter dem Plateau stürzten.
Banshees Ohren spielten im Wind, der ihr außer eiskalte Luft jedoch nicht viel zutrug, kein Geräusch, das auf das Näherkommen eines Wolfes schließen ließ. Allerdings würde sie ihn wohl auch besser sehen, als hören können, das Rauschen in ihren Ohren war nicht nur ziemlich laut, sondern auch ungewohnt, sie hatte schon viele Stürme erlebt, aber so wie hier auf dem Berg, hatte noch keiner ihre Sinne verschluckt. Ihre Gedanken schwammen unruhig von Ayala und Falk zu Kaede und Face, es war nicht nur eine kleine Überwindung, mit der sie ihre beiden Freunde endgültig aufgab, sondern gleichzeitig beschäftigte sie die Frage, ob die beiden dieses hohe Amt überhaupt annehmen würden. Natürlich, Betasein war eine große Ehre, aber sie wusste, dass Face darauf keinen großen Wert legen würde. Vielleicht würde er nicht mal verstehen, warum sie ihn ausgewählt hatte, schließlich waren sie im Gegensatz zu den vorherigen Betas nicht mal Freunde. Doch wenn Banshee ehrlich war, so wusste sie auch kaum etwas über die Gedanken des Schwarzen, nur vertrauen, das tat sie ihm trotzdem. Bei Kaede machte sie sich weniger Sorgen, sie war ihr eine gute Freundin geworden und hatte sie schon oft unterstützt, einzig ihr fliehendes Augenlicht würde sie vielleicht zweifeln lassen, aber Banshee war überzeugt, dass die Fähe allen anderen Wölfen gegenüber kein bisschen im Nachteil war.
Ein schwarzer Schemen, der sich auf sie zubewegte unterbrach ihre Gedanken, Face kam vor ihr zu stehen und sah sie an ohne ein Wort zu sagen, wie es seine Art war. Banshee wusste, dass sie viele überflüssige Worte sagte, überflüssig von ihrem Inhalt her, aber sehr wertvoll von ihrer Wirkung. Face dagegen sagte kein einziges überflüssiges Wort, das war manchmal von Vorteil und gab ihm den Anschein eines von Grund auf ehrlichen Wolfes, aber für viele musste er dadurch auch kalt und unnahbar wirken. Vielleicht war er das auch, aber Banshee hatte in seine Seele geblickt und seit diesem Augenblick war Face für sie ein ganz anderer geworden. Sicher wuchs auch darauf ihr Vertrauen, auch wenn sie nicht wusste, in wie weit es erwidert wurde. Abermals wurden ihre Gedankengänge unterbrochen, als Kaede nach ihnen rief. Sofort schnellte Banshees Kopf nach vorne und ihre Augen suchten das Schneetreiben nach der grauen Gestalt ab, aber die Fähe hatte sich schon selbst zu Recht gefunden und kam sicher bei ihnen an. Eine kurze Zeit lang betrachtete Banshee ihre Freundin, stumm wurde sie sich des schweren Schicksals der Fähe bewusst, hier oben war alles fremd und in einem aufkommenden Sturm musste es unglaublich schwer sein, sich zu orientieren. Es war ein deutliches Handicap, aber Banshee hatte ihren Entschluss bereits gefällt.
“Danke, dass ihr so schnell gekommen seid. Wie ihr wohl beide wisst, hat uns Ayala vor kurzem verlassen. Auch Falk ist schon lange fort und Acollon kann mir nur helfen, wenn er bei uns weilt, was besonders in letzter Zeit nicht immer der Fall war. Jedenfalls hat unser Rudel seine Betas verloren und mit mir als einzige Alpha haben wir zwar schon viel durchgestanden, dennoch stehen wir nun vor einer weit größeren Aufgabe. Hier oben wird es wenig Nahrung und viele Gefahren geben, der Winter wird hart werden, vielleicht härter als alle erlebten Winter zusammen und mir ist klar geworden, dass ich das alles nicht alleine schaffe. Man muss auf das Rudel achten, nicht nur auf die Welpen und Jungwölfe, auch Erwachsene können hier oben schnell in große Gefahr kommen und wir werden disziplinierter sein müssen um das Überleben eines jeden zu garantieren. Dabei brauche ich Hilfe. Deshalb will ich euch beide, Kaede und Face, fragen, ob ihr mir als neue Betas dieses Rudels zur Seite stehen wollt, bereit dafür, Verantwortung zu übernehmen und auch ohne mein Zutun wichtige Entscheidungen zu treffen, dem Rudel beizustehen und es über das eigene Leben zu stellen.“
Sie verstummte und lauschte fast prüfend den eigenen Worten nach. Es klang nicht sehr optimistisch, sie hatte ihnen den Betaposten nicht gerade schmackhaft gemacht, aber das war auch nie ihre Absicht gewesen. Die beiden sollten sich im Klaren darüber sein, was auf sie zukam und was Banshee von ihnen verlangen würde, sollten sie dazu nicht bereit sein, war es besser, wenn sie durch eine Absage gar nicht erst mögliche Gefahr durch nicht erfülltes Vertrauen in sie heraufbeschworen. Sie hatte alles gesagt und blickte nun gelassen und ohne jegliche Forderung zu Face und Kaede, bereit den beiden Zeit für die Entscheidung zu geben. Aber es kam ganz anders, als sie erwartete hatte. Anstatt ruhig auf eine Antwort warten und sich von dem langen Reden ausruhen zu können, stellte sich ihr Fell plötzlich wie elektrisiert auf. Zunächst waren Banshees Gedanken nicht so schnell, um der Reaktion ihres Körpers zu folgen, dann aber wurde sich auch ihr Kopf des ganz schwachen Heulens, wie aus weiter Ferne, gewahr. Sie konnte den Inhalt nicht verstehen und auch sonst verschluckte der Sturm fast jede Botschaft darin, aber doch weckte die kaum erkennbare Stimme längst vergessene Bilder. Ihren Ohren traute die Weiße trotzdem nicht. Sie fühlte sich wenige Tage zurückversetzt, als Acollons Stimme zu ihr gedrungen war, aber es war trotzdem nicht im Mindesten mit der Unmöglichkeit zu vergleichen, die sie jetzt annahm. Sie hatte immer gewusst, dass Acollon zurückkehren würde, nur nicht gedacht, dass er genau in der Stunde, in der sie ihn am dringendsten brauchte wirklich zu ihr finden würde. Aber ebenso hatte sie seit zwei Jahren gewusst, dass Nyota nicht wiederkommen würde. Ihre Schwester war damals verschwunden und von der Sekunde des Bemerkens und der tiefen Trauer an, hatte sich Banshee nie die Hoffnung auf Rückkehr erlaubt, wenn ihre Schwester sie verließ, dann für immer. Und doch hatte nun dieses Heulen durch den Sturm geklungen und ihr Fell glättete sich nicht mehr. Alle ihre Muskeln waren angespannt, sie wusste nicht, was sie glauben sollte. Diesmal erwartete sie keinen Streich ihres Bewusstseins, ihr Kopf war klar und sie fühlte sich kräftig … aber was sollte es sonst sein? Ihr Blick fixierte einen schwarzen Schemen, der so schnell wuchs wie nicht mal ihr Herz in diesem Zustand zu schlagen vermochte. Obwohl sie nichts wittern konnte und außer Schwarz sonst nichts zu erkennen war, wusste sie, dass es keine Täuschung gewesen war, dass eine Verlorene zurückkehrte und dann … wusste sie nichts mehr. Ihr Kopf war wie leergefegt und ließ nur explodierende Freude und ungläubigen Glückstaumel zurück. Sie hörte die vertraute Stimme ihren Namen gegen den Sturm brüllen und wie von selbst öffnete sich ihr Maul und schrie zurück.
“Nyotaaaaaaaaaaaaaaaaaa!“
Und schon war sie losgestürmt, ihre Schwester war nun deutlich zu erkennen, das Fell zwar voller Eis aber noch immer tief schwarz, gelb glimmende Augen und brennendes Höllenfeuer in sich … sie hatte sich nicht verändert. Wie ein übermütiger Welpe stürmte Banshee auf die Schwarze zu, heulte vor Freude in den Sturm hinein und konnte kaum vor ihr stoppen, sprang an ihr hoch, rollte über ihren Rücken, sog ihren Geruch ein, schnappte nach allem, was sie ins Maul bekam und wusste selbst kaum, was sie tat. Das alles war zu unglaublich, zu wunderschön, noch vor wenigen Stunden hätte sie geschworen, dass sie Nyota nie mehr wieder sehen würde, jetzt waren alle Worte für einen Schwur vergessen. Die Ruhe und Selbstbeherrschung, die seid Nyotas Abschied nie von Banshees Haupt gewichen war, war plötzlich dahin, als hätte sie das Auftauchen der Schwarzen vertrieben. Seit zwei Jahren hatte sich die weiße Leitwölfin nicht mehr so benommen und doch machte es ihr nichts aus, sie bekam es nicht mal mit, war wie geblendet vom Auftauchen ihrer Schwester. Wenn es Momente gab, in denen das Glück einen überrollte, alles andere rücksichtslos begrub und für immer als ein Augenblick implodierender, unendlicher Freude im Gedächtnis bleiben sollte, dann war ein solcher nun für Banshee zum ersten Mal in ihrem Leben gekommen.
Er hatte nicht darüber nachgedacht, was sein würde, wenn er sich in die Spalte zu Shani begab, was ihn dort erwarten würde, er hatte unüberlegt gehandelt und merkte nun seinen fatalen Fehler. Sie befanden sich auf einem kleinen Eisplateau, die Spalte war hier jedoch nicht zu Ende, sondern führte tief runter, groß genug um hineinzufallen, doch das hatte er nicht vor. Wäre er doch nicht sofort zu ihr geeilt, er hätte lieber Hilfe holen sollen, verdammt, immer machte er alles falsch! Missmutig legte er die Ohren an den Kopf, wie sollten sie hier nur wieder raus? Aber Shani schien beruhigt, dass er nun bei ihr war und das war zumindest etwas, jedoch war dies nicht das Wahre, denn sie würden hier nicht alleine rauskommen. Heulen würde nichts bringen, niemand würde sie hören und oben tobte der tänzelnde Schnee, der kalte Wind würde ihre Stimmen forttragen, oder ihren Ruf erst gar nicht aus der Hölle treiben. Erst als die Weiße zum Sprung ansetzte, bemerkte Hiryoga ihr Vorhaben, spitzte die großen Ohren, sie würde da nie drankommen, außerdem schien dieses Eisplateau nicht besonders beständig.
"Shani...ich weiß nicht..."
Schon verstummte Hiryoga, als das Eis zu knarren begann und sich winzige Risse durch das Eis zogen, ganz schwach, aber dennoch sichtbar, wenn man genau hinsah. Schon sprang sie das zweite Mal, mit geweiteten Augen und dem puren Entsetzen im Blick starrte er sie an, sein gesamter Körper spannte sich an, als sich ein großer Riss durch das Eis zog und sich immer weiter ausbreitete. Immer mehr Risse zogen durch den Teil des Eises, der hinter ihm lag, er senkte den Kopf und blickte unter sich durch nach hinten und sah das erste Eis schon hinabbröckeln in die Tiefe. Erschrocken fuhr er zusammen, als er Shani bei sich spürte, wie sie sich ängstlich an ihn drückte und etwas flüsterte. Als er ihre Worte vernommen und verstanden hatte, realisierte er erst, was sich hier gleich abspielen würde. Das Eis würde hinabstürzen in die Tiefe und sie in den Tod reißen. Nicht umsonst hatte Mutter Natur ihm ein helles Köpfchen geschenkt, sodass sein Blick aufmerksam über das Eis huschte und sofort erkannte, dass sie an der Wand nicht einstürzen würden.
Liebevoll fuhr er mit der Schnauze durch ihr helles Fell, ehe er sie anstupste und in Richtung des Randes beförderte. Der Hellbraune trat kurz vor den Rand, leckte ihr über die Augen, ehe er einen Schritt zurück machte.
"Bleib am Rande, wir müssen unser Gewicht gleichmäßig verteilen, dann..."
Der Rüde verstummte, legte die Ohren für einen Augenblick an, ehe er sie hoch zucken ließ, mit einem aufmunternden, jedoch etwas unsicheren Lächeln ansah.
"...dann hält das Eis, bis wir gefunden werden. Keine Angst, ich bin bei dir, ich lass nicht zu, dass dir etwas passiert."
Und während er sprach, mit ruhiger, sanfter Stimme, ging er immer weiter nach hinten, 'um das Gewicht auszugleichen'. Natürlich war das gelogen, sie würde dort vorne nicht weg brechen, sie beide würde das Eis nicht tragen können, aber Shani würde dort nicht abstürzen und bis man sie fand, würde das Eis halten, ihn jedoch nicht, genau aus diesem Grund trat er nach hinten, sie sollte leben, sie hatte ein glückliches, ein langes Leben verdient und ohne ihn war sie bestimmt besser dran. Das Einzige worauf er nun hoffen konnte war, dass sie nicht hinter seine Lüge kam und so lange dort verharrte, bis das Eis unter ihm nachgeben würde und sie zumindest überleben würde. Immer lauter wurde das Knarren unter seinen Pfoten, fast erschreckend laut dröhnte es in seinen Ohren, als er spürte, wie kurz vor seinen Pfoten ein dicker Riss entstand und er ein winziges Stück absank. Hiryoga verzog jedoch keine Miene, im Gegenteil, ein sanftes Lächeln zog sich über seine Lefzen.
"Bleib wo du bist, mir zu Liebe, bitte. Du hast nun ein Rudel, meine Familie ist deine Familie, sie werden dich lieben, so wie ich es tue..."
Mit einem furchtbaren Krachen sank er wieder ein Stück ab, machte den ihm letzten möglichen Schritt nach hinten, bevor er nach hinten fallen würde. Ein entschuldigendes Lächeln zierte seine dunklen Lefzen, die großen Ohren legten sich an den schmalen Kopf, als er zu ihr hinaufblickte.
"Ich habe keine Angst zu sterben, wenn das letzte was ich sehe, du bist. Es tut mir leid...
Shani! Lächele, so wie du es immer tust, das Lächeln, das ich liebe!"
Für einen Moment schwieg er, das war also das letzte Mal, dass er sie ansah.
"Ich liebe dich!"
Das waren seine letzten Worte, als der Riss das Eis in zwei teilte und er völlig nach unten versank, das Eis mit einem lauten Donner abbrach und ihn mitriss in die Tiefe. Mit einem Lächeln hatte er ihr die letzten drei Worte zugerufen. Und erst als er dem Tod gegenüberstand, wagte er es sich, ihr die Wahrheit über seine Gefühle zu sagen.
Voller Freude sah sie die Weiße näherstürmen, ihre Gedanken waren wie gelähmt, ihre Bewegungen dafür umso schneller, als sie sich beinahe von Banshee umwerfen lies, sich fing, die Pfoten um Banshees Hals schmiss und sogleich wieder hinter ihr war um an ihrer Rute zu ziehen. Schon im selben Augenblick war sie weitergeüpft, hatte Banshee ihr Ohr geopfert und selbst nach der Weißen geschnappt, die Pfoten trommelten einen wirbelnden Klang auf dem schneebedeckten Boden, ihre Rute flog so schnell durch die Luft dass sie damit ungeschickte Vögel hätte erschlagen können. Der Glanz der bernsteinernen Augen Banshees hatte sie beflügelt, ihr Blut floh glühend heiß vor den Adern, und über Banshee springend und unter ihr hindurchhuschend umtanzte sie ihe Schwester nun, schmiss ihr immerwieder die Pfoten entgegen und drückte sich an sie, nur um soglich wieder auf der anderen Seite zu stehen, Nyotas Zähne schnappten sanft nach ihrer Nase, und schon hielten sie wieder ihren Hinterlauf umklammert.
Zuletzt warf die Schwarze sich nocheinmal gegen Banshee, drückte sich fest an ihre Flanke und schmiegte den Kopf an ihen, so dicht als fürchte sie dass Banshee sich auflöse wenn sie den Körperkontakt verliere. Erst nach dem sie ein paar ewig währende Sekunden so verharrt war, stimmte sie ein leises Winseln an, welches sich über ein tiefer werdendes Summen zu einem endgültigen Jaulen erhob, ein Lied für den Wind allein, dass niemanden erreichen würde und doch soviel erzählte, von Liebe und Hoffnung, von Alleinsein und Trauer, von Kampf und Krieg und allem was ihr begegnet awr, bis zu diesem Augenblick - und vom Jetzt, vom reinen Glück in weißer Gestalt, das ihr in den Bergen in die Pfoten gelaufen war. Den Kopf nun dicht neben Banshees hoch erhoben sand sie den Göttern ihre Stimme und ihren Dank, für Engaya dass sie die Schwarze stets beschützt hatte, und für Fenris dass er sie stets verpasst hatte.
Es brauchte eine ganze Zeit bis sie die Stimme senkte und das Heulen in den Bergen verklang, und mit ihrer Singen endete auch die Betäubung in ihr, und mit dem Bewusstseinüberrollte sie eine weitere Flutwelle des Glücks, als sie realisierte dass das allse kein Traum war, das Banshee noch immer echt war, und das sie es bleiben würde... Mit leiser, beinahe flüsternder Stimme wand sie sich an ihre Schwester, dabei die Schnauze in deren Fell vergrabend und deshalb sehr nuschlig sprechend.
"Ich hab dich vermisst"
Es war nicht nötig das zu sagen - aber es war schön, es lies ihr nocheinmal wärmer werden, lies das Kribbeln unter ihrem Fell wieder stärker werden. Sie schloss die Augen, es gab nun nichts mehr für sie zu befürchten, alles was sie brauchte um glücklich zu sterben war nun wieder an ihrer Seite.
Erst langsam wure ihr wieder ihre Umgebung gewahr, erst langsam spürte sie wieder die dichten Schneeflocken, die nun in so sanftem Takt auf ihr Fell hernieder rieselten, und nur allmählich registrierte sie, dass da noch mehr Wölfe waren, rings um sie herum...
Im dichten Schneetreiben saß der Nachtsohn, schweigsam wie immer und abgesondert wie immer. Die mitternachtsblauen Augen beobachteten die einzelnen Schneeflocken, verfolgten ihren Weg auf dem Weg zur Erde. Er fühlte sich wie immer so leer. Der Totenwandler war dem Rudel noch weiter in die kalten Höhen gefolgt, lief meist als Schlusslicht hinter den anderen her, in seinen eigenen Gedanken versunken. Er war nicht einer der ihren, würde sich wohl auch nie als solches ansehen können. Er war ein Fremder, den niemand kannte und nur drei aus dem Rudel hatten je seiner leisen, ruhigen, leicht monotonen und doch klaren Stimme lauschen können. Während andere sofort Anschluss fanden, sich einfach dazu gesellten, blieb er immer auf Abstand. Er wollte und würde sich niemandem aufdrängen. Tief atmete er die eiskalte Luft ein, die in seinen Lungen wie Feuer brannte. Einige Monate war es nun her, das er die Eiswüste verlassen hatte und dennoch war der Schnee und die hier herrschende Kälte ihm vertraut. Der dichte Pelz schützte ihn vor den Temperaturen und seine Ohren drehten sich möglichst immer mit dem Wind, auch wenn er es nicht vermeiden konnte, das es in ihnen rauschte und toste. Das Heulen des Windes schien in seinem Kopf wiederzuhallen, in dem keine Gedanken vorherrschten. Auch keine Gefühle regten sich in ihm. Wie in tiefster Nacht hatte sich alles in ihm zur Ruhe gelegt, ließ nur eine einfache, lebende Hülle zurück, die im Schneesturm saß und in den Himmel blickte. Mehr nicht. Mehr wollte er gerade auch nicht tun. Es tat ihm gut nach all dem ungewohnten Trubel ein wenig alleine und für sich zu sein. Er musste sich schließlich noch daran gewöhnen, immerhin hatte er so lange alleine in Eis und Schnee gelebt, das er sich völlig vergessen hatte. Wie so vieles. Er hatte vergessen wer er war und mit der Zeit vergessen zu leben. Wie fühlte es sich an lebendig zu sein, zu fühlen? Freude, Glück und Hoffnung? Nur die Stille, eine ausnahmsweise wohltuende Ruhe erfüllte ihn. Er spürte das Schlagen seines Herzens in seiner Brust, wusste, das es noch immer Blut durch seinen Körper beförderte. Er wusste, das er ein lebendiges Wesen war, das allerdings nicht lebte, sondern nur existierte. Shit, Kaede, Banshee und so viele andere Wölfe hier lebten. Sie lebten ihr Leben, gingen durch Höhen und Tiefen. Er glitt hingegen in seiner Monotonie alleine dahin, drehte sich immer im Kreise, kam nicht vor und nicht zurück. Ein Wanderer, der längst tot sein müsste, allerdings weiter bei den Lebenden verweilte. Ein Totenwandler. aber dessen Weg kein Ziel kannte. Kein Ende. Nur einen Anfang und dann immer weiter. Immer weiter.
Laute Geräusche drangen leise und kaum vernehmbar an seine Ohren und waren gleich darauf auch nicht mehr zu hören, da der Wind die Richtung wechselte und die Ohren des Schwarzen der Windrichtung folgten. Es kümmerte ihn nicht, was nun wieder im Gange war. Es ging ihn nichts an. Viel eher beschäftigte ihn die Frage, wie es hatte sein können, das er sich an so deutliche Dinge hatte erinnern können. Als wäre er noch immer in dieser Illusion, konnte er wie ein Echo die Wellen rauschen hören, auch wenn es der Schneewind war, der in seinen Ohren toste und brauste. Es war ihm ein Rätseln, genauso wie der Grund, warum er dort gewesen war und wieso er durch den Wald gerannt war. Keine Jagd, keine Flucht. Aber was war es dann gewesen? Der Nachtsohn blinzelte, als sich kalte Flocken in seine Augen verirrten, öffnete sie dann aber auch nicht wieder, sondern ging auf die Suche. Nach der Suche nach etwas, was sich womöglich tief in ihm verbarg und ihm sagen konnte, wer oder was er war.
Als Nienna mitgelaufen war lief sie ziemlich weit hinten, hinter allen andren Wölfen. Die kleine ging zitternd hinterher und dachte wie sie eben an eine große Fähe gelaufen war. Es war ihr furchtbar peinlich das sie einfach läuft ohne wohin zu schauen. Sie legte sich ganz allein an das Ufer vom See und starrte ins Wasser. Nienna lag fast wie angefroren auf dem See und schaute wieder einmal wie eigentlich fast immer abwechselnd die andren Wölfe an. Sie wollte ungedingt nun die Alpha fragen ob sie dem Rudel dazu gehörte, aber Banshee schien geschäftigt zu sein. Sie schaute kurz zu Banshee und dann erblickte sie Kaede. Sie versuchte auf auf zu stehen aber rutsche immer wieder aus. Noch nicht einmal ihre schon langen Krallen konnten sie oben halten. Sie versuchte es immer und immer wieder und merkte wie eisig es war. Sie zitterte am ganzen Körper und der Wind fuhr ihr dabei noch kalt um ihr Fell. So lag sie nun völlig hilflos im Eis und Schnee und winselte nach ihrer Mutter. Sie winselte nach ihrer Mutter weil sie Angst vor dem Winter hat. Sie wusste nie das es so was furchtbares gab. Die Kälte dringte immer weiter durch ihr Fell und nun merkte sie wie kalt es eigentlich wirklich war. Die kleine Welpin, schaute sich kurz um stand auf und stapfte weiter durch den Schnee und sah wegen der Höhe des Schnee's wieder nicht wo sie hingelaufen war. Sie ging gerade Wegs im Kreis und kam wieder ans Ufer und fühlte eiskaltes Wasser an ihren Pfoten. Sie schaute in das Wasser und sah ihr trauriges Gesicht gespiegelt im Wasser. Sie dachte wieder kurz über sich nach und sah die Eiskristalle die auf ihrer Nase förmlich wuchsen. Sie schielte dann kurz auf ihre Nase und fiel wegen dem Wind nach rechts um. Die kleine bemerkte das sie gegen etwas weiches und warmes gefallen war. Nienna blieb erst einmal enen Moment lang liegen und genoss(?) die Wärme. Sie schüttelte kurz ihr Köpfchen und stand auf. SIe blickte zu der schwarzen Fähe(Katara) hoch und erkannte ihr Gesicht wieder.
"Endschuldige mich ein weiteres Mal..ich war nicht bei der Sache..bei dem..Schnee hier.."
Winselte Nienna leise und schaute die Größere mit großen und weit aufgerissenen Augen an. Die kleine legte sich sofort wieder an die große Fähe ran und wie so immer in solch einer Situation war es ihr egal was die andere wohl denkt. Sie fühlte die Wärme die von der Fähe aus ging und blieb so liegen. Sie winselte wieder leise vor sich hin und blickte auf den See und die kleinen Kiristalle.
Katara war so froh! Sie waren von diesem Rudel aufgenommen worden! Sie warf einen Blick zu Corvina hinüber. Sie konnte nichts aus ihrem Blick herauslesen, während sie so dem Rudel hinterher trabten, das vor kurzer Zeit aufgebrochen war um etwas höher zu wandern und dort einen neuen Ort zu finden, an dem es bleiben konnte. Katara mochte das Gefühl wieder zu einem Rudel zu gehören, ein Teil eines Ganzen zu sein, eines harmonischen Ganzen. Auf dem Weg gab es viele Schneestürme, die Katara und ihre Gefährtin und auch der Rest des Rudels gut überstanden. Nun waren sie an einem See angekommen. Er war Eisfrei, was Katara sehr freute. Denn sie hatte ein bisschen Durst. Sie trabte hin und trank etwas. Es war eiskalte, das Wasser, doch das machte ihr nichts aus, Hauptsache sie hatte etwas zu trinken! Ihr Maul und ihre Vorderläufe waren schon längst durch den Schneesturm vom getrockneten Blut befreit worden. Auf einmal stieß wieder etwas gegen sie. Es war wieder der kleine Welpe. Er entschuldigte sich ein zweites Mal bei ihr.
„Ach das ist doch überhaupt nicht schlimm! Aber sag, wie heißt du?“
fragte Katara während die kleine sich an sie kuschelte. Katara legt sich in den Schnee um sie so mehr wärmen zu können. Es war ein schönes Gefühl einem kleinen Welpen zu helfen, indem sie ihn wärmte und er schien ihr auch noch dankbar dafür zu sein. Sie schaute sich nach Corvina um...wo war sie nur?
Erschöpft und mitgenommen von der langen Wanderung ließ sich die kleine Wölfin in den hohen Schnee fallen, sodass die Flocken um sie herum aufstoben, und rollte sich auf den Rücken, die Pfoten von sich gestreckt, die wedelnde Rute malte eine Spur in das unberührte Weiß. Ein leises Seufzen drang über ihre dunklen Lefzen und sie blickte zum Himmel hinauf. Viele Schneeflocken rieselten auf die Kleine hinab und verfingen sich in dem silbergrauen Fell, sie schloss einen Moment die honigfarbenen Augen und eine tiefe Ruhe umgab sie. Die Stimmen der anderen klangen plötzlich wie von weiter her.
„Ich wünschte…“
Flüsterte Daylight und öffnete die Augen wieder und ihre Blicke folgten einer besonders großen Flocke die sie mit der Zunge auffing. Dann glitt ihr Blick wieder zum Himmel empor und sie sprach weiter, mit derselben von Sehnsucht erfüllten Stimme, ihr Ton war sanft und traurig.
„Ich wünschte du könntest das auch sehen, es ist so wunderschön, alles ist weiß, schneeweiß wie Mamas und Tyraleens Fell, nur noch viel, viel weißer. Es ist auch sehr kalt, aber das macht nichts, weil unser Fell uns vor der Kälte schützt. Ach Merawin, ich wünschte du wärst bei mir… im Moment fühle ich mich so schrecklich einsam ohne dich.“
Sie drehte sich auf die Seite, rollte sich ein und legte den Kopf auf die Rute, die Augen wieder geschlossen. Wie sehr wünschte sie sich das er zurückkam? Sie würde alles dafür geben, alles. Ihr warmer Atem ging und ließ den Schnee schmelzen, doch immer wieder kam neuer vom Himmel herab und begrub die kleine Wölfin unter einer Schneewehe, sodass man nur noch erahnen konnte, wo sie lag. Tiefe Traurigkeit erfüllte ihr Herz, so schmerzhaft, dass sie es nicht länger ertragen konnte. Wäre wenigstens Kisha da gewesen um sie zu trösten, doch Kisha war nirgends zu finden, überall hatte sie nach ihr gesucht doch sie war nicht da und Daylight hatte nicht nachgefragt, weil sie sich vor der Antwort fürchtete. Wie gerne würde sie einfach durch den Schnee tollen, unbesorgt und fröhlich, doch es würde nie mehr so sein, wie es einmal gewesen war. Denn Merawin würde nicht mehr zurückkommen. Nie mehr. Er war fort für immer, doch er würde warten. Ein trauriges Lächeln zierte einen Moment ihre Lefzen, die Tränen die in ihren Augen schimmerten gefroren auf ihren Gesicht zu kleinen Eistropfen.
Den wirren Freudentanz der zwei Schwestern, bekam Banshee kaum mit, noch immer taumelte ihr Kopf ganz ohne sie zwischen von implodierenden Glücks verursachter Ekstase und dem noch immer existierenden Unglaube über das nie erwartete Auftauchten Nyotas. Ihr Körper aber holte sich all das, was er zwei Jahre lang vermisst hatte, eine Vertraute, mit der er so herumtollen konnte, als wären sie noch Welpen und wie sie es in ihrer Kindheit sicher oft getan hatten. So viele Freunde sie auch gewonnen hatte und so sehr sie Acollon auch liebte, keinem von ihnen vertraute sie so sehr wie Nyota, wenn dieser ihr sagen würde, dass sie gemeinsam durch die Hölle gehen müssten, so würde ihr Banshee ohne zu zögern folgen, in dem Wissen, dass Nyota es einst gewesen war, die immer gewusst hatte, was für sie beide das Beste war. In diesen zwei Jahren hatte sich viel verändert, Banshee hatte gelernt Verantwortung zu übernehmen, nicht nur für sich selbst und ihrer Schwester sondern für ein gesamtes Rudel. Aber mit diesem Gewinn hatte sie etwas anderes verloren, die übermütige Ausgelassenheit, das brennende Feuer im Herzen, das einen alles um sich herum vergessen ließ und jeden vernünftigen Gedanken darüber, was andere von ihr denken könnten, hinter sich ließ. Aber jetzt hatte sie ihre Schwester wieder und sie hatte es auch geschafft, das Feuer wieder zu entzünden, ob es aber wieder ganz niederbrennen würde, Banshee sich wirklich vollkommen verändert hatte, das konnte noch niemand sagen. Noch war die Weiße zu trunken von dem Geruch und der Stimme Nyotas, von dem Gefühl, sie an ihrer Seite zu spüren. Nur langsam beruhigten sich die beiden und als sie schließlich eng aneinander gedrückt dastanden hob Nyota ihre Schnauze in den Wind und heulte, sang von so vielen Erlebnissen, sang zu den Göttern und sang für niemanden und doch für die ganze Welt. Fast ehrfürchtig lauschte Banshee ihrer Schwester, nicht alles verstand sie und doch genug, keine Frage über ihren Abschied und keine über ihre Wiederkehr zu stellen. Als die Schwarze schließlich verstummte, schloss Banshee die Augen und rieb ihre Schnauze an den Schulterblättern ihrer Schwester, stumm und glücklich, lächelte über die genuschelten Worte und fuhr ihr dann mit der Zunge über den Kopf, mehr musste sie nicht antworten, Nyota wusste, wie sehr sie sie liebte und wie viele tausend Male sie sie an ihre Seite gewünscht hatte. Sie schniefte leise in das Nackenfell der Schwarzen, fuhr immer wieder mit der Schnauze hindurch und bekam nicht genug davon, den ihr so ewig vertrauten Geruch einzuatmen. Irgendwann kehrten sie beide wieder ganz in ihre Wirklichkeit zurück, wurden sich des Rudels gewahr und Banshee auch der Tatsache, dass sie Kaede und Face mit ihrer Frage rücksichtslos hatte stehen lassen … stumm verharrte sie bei dem Wort rücksichtslos … seit zwei Jahren war sie es nicht mehr gewesen und auch wenn es noch so negativ klingen mochte … es war wunderschön.
“Nyota … es ist so viel passiert. Oh, ich muss dir so viel zeigen, erzählen! Und ich will alles wissen, was dir widerfahren ist, jedes kleinste Detail. Du musst so viele Wölfe kennenlernen, außer Acollon und Leé ist niemand mehr hier, den du kennst. Aber dafür so viel Neue, Welpen, Nyota, Welpen!“
Die Worte sprudelten aus ihr heraus, sie wusste gar nicht, was sie zuerst sagen sollte, Nyota wusste nicht mal um ihre Neffen und Nichten! Ja, zwei Würfe und sie kannte keinen einzigen von ihnen. Dabei war sie Tante geworden! Banshee schnappte zärtlich nach ihrer Schnauze, fuhr mit der Zunge über sie und deutete dann auf Kaede und Face, die erste Vernunft schon zurückkehrend.
“Auch Ayala und Falk haben uns verlassen, bevor du aufgetaucht bist, habe ich diese zwei Wölfe, Kaede und Face Taihéiyo, gefragt, ob sie mir als neue Betas zur Seite stehen wollen. Sie sind wundervoll, du wirst sie sicher mögen.“
Als sie von Ayala und Falk sprach, war es trotz des noch immer herrschenden, herumtaumelnden Glücks in ihrem Kopf, Trauer aus ihrer Stimme wahrzunehmen, sie konnte es nicht verhindern, wollte es aber auch nicht. Sie würde die beiden einfach zu ihnen rufen, hier würden sie dann als erste des Rudels die Ehre haben, Nyota kennezulernen, ihre Schwester und die ehemals so stolze Alpha. Und die Schwarze würde Bekanntschaft mit zwei Vertrauten Banshees machen, sie würde das Rudel neu kennlernen … und dann … dann würde sie ihre Welpen sehen! Alles in der Weißen wollte Nyota ihre Kleinen zeigen, aber zunächst musste sie ihre beiden hoffentlich gleich Betas zu ihnen holen.
“Kaede, Face! Kommt nur zu uns! Nyota, meine Schwester, ist zurückgekehrt!“
Jetzt rief sie lauter, sodass die Botschaft auch sicher zu den beiden getragen wurde und auch alle anderen von dieser frohen Nachricht hörten … Nyota war zurückgekehrt! Es sagte wohl den wenigsten etwas und das fand Banshee sehr schade, aber es würde sie ändern, oh ja, natürlich würde es sich ändern. Nyota würde dafür schon sorgen. Erneut fuhr sie ihr mit der Schnauze durchs Fell, knabberte daran und konnte nicht von ihr lassen.
Ein paar regenblaue Augen sahen sich um. Die ganze schneebedeckte Landschaft wurde in Augenschein genommen. Es war alles weiß. So wunderschön rein weiß, wie es die junge Fähe noch nie gesehen hatte. Noch nicht ein Mal das Fell ihrer Schwester oder ihrer Mutter waren so wunder schön hell. Amáya blinzelte leicht. Die ganze Umgebung schien zu strahlen, vor Kälte aber auch vor Schönheit zu leuchten. Fasziniert schob das Regenkind eine Pfote nach vorne, beobachtete, was passierte. Sie saß schon eine ganze Zeit lang auf einem Schneehaufen, beobachtete abwechselnd die tanzenden Flocken, die Umgebung und dann doch wieder die Flocken. Was war es nur, was da so kalt auf ihrer Schnauze landete? Ein Ohr schnippte, als immer wieder Flocken hinein fielen. Sachte schüttelte sie sich, erhob sich dann und tapste langsam ein paar Schritte nach vorne. Es knirschte und knackte unter ihren Pfoten und Amáya senkte den Kopf ein Stück, um trotz des brausenden Windes dem Geräusch zu lauschen. Es war alles so neu und fremdartig hier. Auch gab es hier kein Wasser, nur dieses weiße was auch immer, was vom Himmel fiel und alles bedeckte. Vorsichtig steckte die Schwarze die Schnauze in den Schnee, schnüffelte, doch nur eisige Kalte schlug ihr entgegen und ganz leicht den Hauch von Wasser. War das etwa alles Wasser, das sich tarnte oder so? Seltsam.
„Was meinst du Tyraleen. Was ist das. Dieses weiße...es...es ist wunderschön. So etwas habe ich noch nie gesehen...“
Mit leisen Worten wandte sie sich an ihre Schwester, die in ihrer Nähe war. Im stummen Übereinkommen hatten sie beide beschlossen, dem jeweils anderen eine Chance zu geben und sich zu nähern, so dass Amáya hin und wieder die Nähe der Weißen aufsuchte. Jetzt blickte sie Tyraleen an, ruhig wie es ihre Art war und doch konnte man den faszinierten Glanz in ihren Augen nicht übersehen.
Shani wimmerte zunächst verwirrt, als Hiryoga sie von sich weg schob, hin zu der kalten Eiswand, die dort oben in der Spalte mündete und ihre einzige Rettung darstellte, die jedoch unerreichbar war. Als der Braune ihr erklärte, dass sie ihr Gewicht verteilen mussten, glaubte sie ihm sofort, ihr junger Kopf und die Panik, die darin wütete, war in diesem Moment nicht dazu fähig, den Unterton herauszuhören und damit zu verstehen, was ihr Freund wirklich beabsichtigte. So drückte sie sich an die Eiswand und beobachtete dennoch erschrocken, wie Hiryoga immer näher zur Kante trat, bis sie meinte, dass er jede Sekunde in den Abgrund fallen würde. Aber er sah sie weiterhin beruhigend an und wieder glaubte sie ihm sofort, ja, sie würden gefunden werden und dann würde seine Mutter kommen und eine Lösung parat haben wie es immer war. Sie lächelte sogar leicht, ja, Hiryoga würde nicht zulassen, dass ihr etwas passierte und trotz der furchtbaren Situation flatterte ihr Herz wieder aufgeregt wie ein junger Vogel in ihrer Brust. Doch das laute Knarren und Knacken des Eises ließ es schnell verblassen und immer tiefer zogen sich die Risse durch das Eis. Dann sackte Hiryoga plötzlich ein wenig ab und mit einem Mal trat Erkenntnis und gleichzeitig neu aufwallende, grenzenlose Panik in ihren Blick. Er hatte gelogen! Dort vorne würde gleich kein Eisplateau mehr sein, wo sie stand konnte es halten, aber Hiryoga würde in die Tiefe stürzen. Sie hatte ihren Kopf vollständig ausgeschaltet, niemals würde sie zulassen, dass er sich für sie opferte, nein, ohne ihn wollte sie nicht leben. Schon setzte sie zum Sprung an, an seine Seite, wo sie hingehörte, aber er schien bemerkt zu haben, dass sie seine verzweifelte Lüge durchschaut hatte und flehte sie mit seinem Blick und seinen Worten an. Er sprach von seiner Familie und dem Rudel, aber sie schüttelte den Kopf, Tränen glitzerten auf ihrem Gesicht. Sie wollte ohne ihn nicht in diesem Rudel leben, sie wollte nirgendwo ohne ihn leben! Schon setzte sie ein Schritt nach vorne, weg von der Wand, hin zu ihm, aber er redete weiter und mit einem wehmütigen Fiepen öffnete sich ihr Maul. Seine Worte rasten durch ihren Körper wie die alles verschlingenden Fluten eines Tsunamis und in jeder anderen Situation hätte das reine Glück in ihr zu keimen begonnen, jetzt aber steigerte es die Qual in ihrem Körper ins unermessliche und ließ sie einen weiteren Schritt nach vorne tun.
“Wenn du stirbst, werde ich nie mehr lächeln können, keine Sonne wird mehr scheinen und kein Stern mehr vom Himmel leuchten. Ich …“
Sie wurde von einem fürchterlichen Laut unterbrochen, nur knapp vor ihren Pfoten brach das Plateau entzwei und die Zeit stand still. Drei Worte hallten durch das Innere des Gletschers und umhüllten sie ganz, ließen die Welt anhalten und alles Leben verstummen. Ich liebe dich! Sie hatte es doch schon immer gewusst, auch, dass sie ihn ebenso liebte, dass sie ihn so sehr liebte, dass sie sterben würde, wenn er nun sterben sollte.
“Neeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeeein!“
Und schon sprang sie ab, auf Hiryoga zu, aber der fiel schon in die Tiefe, mit ihrer Pfote streifte sie noch sein Ohr, dann war er unter ihr verschwunden und auch sie begann es in die Dunkelheit zu ziehen. Wie in Zeitlupe krochen nun die Sekunden dahin, sie fiel, aber so endlos langsam, nur eine Wolfslänge unter ihr Hiryoga in einem Gestöber von Eisbrocken, sie alle wirbelten in der Luft und rasten dem Boden immer näher. Erst der dumpfe Aufprall von einem lebenden Körper auf hartem Eis, ließ die Zeit wieder normal vergehen, Eisregen prasselte auf Hiryoga herab und knapp neben ihm schlug Shani auf. Die Welt wurde schwarz.
Wie lange die Weiße ohnmächtig im Eis gelegen hatte, konnte sie nicht sagen, als sich ihre Augen ganz langsam, fast ungläubig öffneten und in kaltes, seltsam bläuliches Eis starrten. Ihr ganzer Körper schmerzte, heißes Feuer durchzuckte sie immer und immer wieder und ließ sie weiterhin zwischen Ohnmacht und Bewusstsein hin und her taumeln. Ganz von alleine wanderte ihr Blick die Eiswand hinauf und blieb an einem halben Eisplateau hängen. Die Tatsache, dass sie lang nicht so tief gefallen waren, wie Shani angenommen hatte, ließ sie aus irgendeinem Grund wacher werden. Hier unten war es viel dunkler, aber weit weit oben war die Spalte zu erkennen und über ihr das weiterhin ununterbrochene Schneegestöber. Schmerzhaft durchzuckte sie der Gedanke an Hiryoga, es kostete viel Mühe und Schmerz als sie sich fast panisch hetzend über den Rücken rollte und so auf Hiryoga blicken konnte, der zuvor hinter ihr gewesen hatte. Leblos lag er unter einem Haufen Eisbrocken begraben da. Ein Winseln entfloh ihrer Kehle und sie robbte zu ihm, wieder brannte ihr ganzer Körper dabei, aber jetzt spürte sie es nicht mal mehr. Mit einer hilflosen Bewegung mit der Schnauze schob sie einige kleine Eisstücke von ihm, stupste ihn dann an, zog an seinem Ohr, biss in seine Schnauze, winselte und jaulte, aber es kam keine Regung. Sie wollte ihn schütteln, ihn ganz von Eis befreien, aber sie fand keine Kraft zum Aufstehen, konnte nur mit ihrer Schnauze an ihm herumziehen. Irgendwann hielt sie wimmernd inne und ließ Tränen über ihr Gesicht laufen, bis sie ihre Schnauze zu seinem Ohr schob und zu reden begann, erst stockend, aber dann immer sicherer, fast flehend, als müsse sie nur immer weiter und weiter reden, dann würde er seine Augen wieder aufschlagen.
“Hiryoga, bitte, wach auf. Wenn ich dich jetzt verliere, wird mein Herz daran zerbrechen. Ohne dich kann ich nicht leben, schon als ich dich das erste Mal sah, als wir noch so jung und sorglos waren, wusste ich das und jetzt endlich, habe ich es richtig begriffen, oh Hiryoga, lass mich jetzt nicht allein! Ich liebe dich, Hiryoga, ich habe dich die ganze lange Zeit geliebt und werde dich auch noch lieben, wenn alle Sonnen am Horizont versunken sind und kein Vogel mehr über den Himmel fliegt. Verzeih mir, oh bitte verzeih mir, dass ich es nicht verstanden habe, dass mein Kopf nicht so schnell das sagen konnte, was mein Herz mit jeder Geste und jedem Schlag verkündete. Wach auf, ich flehe dich an, bitte wach auf! Wenn du stirbst, dann will auch ich sterben, hier in dieser düsteren Welt, fernab unserer Heimat und unseren Freunden, aber gemeinsam und das reicht. Was würde ich dafür geben, wenn ich noch einmal deine Stimme hören dürfte, du mir noch einmal in die Augen siehst, tausend Tode würde ich dafür sterben! Oh bleib doch bei mir … lass mich nicht alleine … Hiryoga … bitte …“
Tonlos erstickte ihre Stimme in Tränen und ihr Kopf sank auf das harte Eis, sie schloss weinend die Augen, jeder Schmerz war vergessen und all das andere Leid, was sie jemals erlebt hatte. Jetzt zählte nur noch Hiryoga, wenn er überlebte, wäre alles andere aufgewogen, nichts würde sie mehr beklagen, aber er musste leben … für sie.
Sein Körper fiel nach hinten, Hiryoga schloss die Augen, er wollte nicht sehen, wie er sterben würde, wollte nicht die Tiefe sehen, vielleicht auch kantige Eisbrocken, an denen seine Knochen brechen würden, er wollte nicht sehen, ob das Brechen des Eisplateaus noch andere Stücke mitriss, die auf ihn fallen würden und seinen dann schon leblosen Körper vergraben würden. Aber nein, was fiel wichtiger war, das letzte was er gesehen hatte, war Shani gewesen und kein Eis der Welt sollte ihm dieses Bild nehmen, selbst wenn es der Tod war, der ihm seine letzte Erinnerung nehmen wollte, über sein Leben hatte er gesiegt, aber nicht über seine Liebe. Mit einem Lächeln auf den Lefzen würde er sterben, zum ersten Mal im Leben fand er es richtig, was er getan hatte, keine Zweifel an dieser Entscheidung überschwemmten ihn, sie würde leben, ohne ihn glücklich werden und sie würden von ihm erzählen, ihn mit einem Lächeln in Erinnerung behalten, denn das hatte er das letzte Jahr getragen, seitdem er Shani begegnet war.
Alles wäre reibungslos verlaufen, wenn die Fähe nicht ihren eigenen Kopf gehabt hätte. Ihre Worte hatte er nur nebenbei mitbekommen, hatten ihm das Lächeln genommen, doch was ihn dazu brachte die Augen aufzuschlagen und den Blick nach oben zu richten, war die Tatsache, dass sie ihm einfach nach gesprungen war. Er sah ihre weißen Pfoten, den hellen Körper, merkte wie es um ihn herum immer dunkler wurde und spürte schon den Aufprall nach dem Fall in seinen Gliedern. Was ihm jedoch wirklich jegliche Zufriedenheit nahm, war die Tatsache, dass sie nun auch sterben würde, dass er an ihrem Tod mitverschuldet war. Bevor er diese Gedanken ausweiten konnte, prallte sein Körper hart auf das gefrorene Eis auf, der Hellbraune spürte jedes einzelne Stückchen des zusammengebrochenen Eisplateaus unter sich, jede Ecke und Kante, bis Eisstücke auf seinen gesamten Körper fielen und er ohnmächtig wurde.
Es war still um ihn herum, in seinem Kopf herrschte die Schwärze, er spürte keinen Schmerz, keine Kälte, nichts. War er tot? Hiryoga war sich nicht sicher, er konnte sich nicht erheben, nicht das ihn etwas schmerzen würde, oder eine Last auf ihm liegen würde, er konnte sich einfach nicht erheben, so als ob er es nie gekonnt hätte. Und plötzlich fiel er, immer tiefer und tiefer, in ein endloses Loch, einfach schwarz, drohte es ihn zu verschlucken. Ganz leise und unterdrückt hörte er eine monotone, gedämpfte Stimme in seinem Kopf, die ihn langsamer fallen ließ. Immer deutlicher wurde sie und mit ihr, verspürte er unendliche Qualen in seinem Körper, den Druck des Eises auf ihm, die Eisstücke die sich in sein Fleisch gebohrt hatten - zumindest fühlte es sich so an. Noch dazu kam diese schreckliche Kälte, ein metallischer Geschmack breitete sich in seinem Maul aus, es schmeckte nach Blut. Sein Kopf war schwer, er konnte nicht einmal die Augen aufschlagen. So blieb er liegen, lauschte dieser Stimme, die immer mehr Form annahm und irgendwann erkannte er auch, dass es sich um Shani handelte, die da zu ihm sprach. Lebte er etwa doch noch?! Und sie musste dann auch wohl auf sein, wenn sie so redete? Sein Körper schmerzte immer noch so stark, dass er nicht einmal die Kraft hatte, die Augen zu öffnen, sodass er sich einfach darauf konzentrierte, ihrer Stimme zu lauschen. Erst jetzt, als er auf ihre Worte achtete, durchzuckte es seinen gesamten Körper, sie liebte ihn auch...sie...sie...
Auch wenn ihn das jetzt vielleicht seine letzte Kraft kosten würde, so öffnete er die smaragdfarbenen Augen und unter all dem Schmerz lag tief in ihnen vergraben Wärme. Tränen glitzerten in ihnen auf, sein gesamter Pelz sträubte sich, der Rüde fühlte ein herrliches Kribbeln in seinem Bauch. Ganz langsam versuchte er seinen Körper so weit er es konnte - und das war nur ein kleines Stück- unter dem Eishaufen hervorzuziehen, zumindest so weit, dass seine Schnauze ihre Schnauze berührte.
„…natürlich werd’ ich überleben…für dich…“
Sein Satz war soweit beendet, ehe er doch nochmals die Stimme erhob.
„...außerdem wer sagt dir denn sonst, wozu Schnee gut ist…?“
Mit einem großen Kraftaufwand presste er die Worte aus sich heraus, sein Bauch verkrampfte sich, wie sein Hals beim sprechen, Hiryoga versuchte zu Lächeln, doch es gelang ihm nicht recht, nur ein gezwungenes Lächeln konnte sich auf seine Lefzen schleichen. Sein Kopf sank schwer auf den Boden zurück, er rang nach Atem, ehe er sie wieder ansah, im Moment war die Eismasse auf ihm vergessen, sowie die zerbrochenen Stücke des Eisplateaus.
25.12.2009, 11:41
Tyraleen war sprachlos. Zunächst hatte die Wanderung nicht sehr schön begonnen. Ihr Vater war wieder verschwunden und sie hatte sich aus einem ihr unerklärbaren Grund von Face ferngehalten, ebenso wie auch er sich von ihr ferngehalten hatte. Bei dem Gedanken an die herumspringende Daylight brannte es in ihrem Herzen und sie wollte sie nicht in ihrer Nähe haben. So war irgendwie Amáya übrig geblieben und irgendwie waren sie beiden Schwestern alleine inmitten des Rudels nebeneinander hergelaufen. Aber Tyraleens Laune war schlagartig umgeschlagen, kaum hatte sie die Pfoten das erste Mal in das weiche, eiskalte Pulver gesetzt. Schnee hatten es viele Wölfe genannt und die zur Jungwölfin reifenden Fähe war begeistert darin herumgestapft, hatte es ins Maul genommen und voller Verblüffung festgestellt, dass es zu Wasser wurde! Man konnte sich darin verstecken, mit ihrem reinweißen Fell wurde sie fast unsichtbar, konnte es aufwirbeln, danach haschen und darin buddeln. Irgendwann war der Schnee auch vom Himmel gefallen und Tyraleen war verzaubert. Weißer Flockentanz, vom Himmel wirbelnd, sie umtanzend, sie auf der Nase kitzelnd und die Welt in ein Flockenmeer verwandelnd. Stumm vor Faszination und die Schnauze mit großen Augen in den Himmel gerichtet, stapfte sie durch den immer tiefer werdenden Schnee. Irgendwann hielt das Rudel an und alle ließen sich nieder, offensichtlich waren sie an ihrem Ziel angekommen. Aber Tyraleen achtete kaum darauf, noch immer mit dem Blick zum Himmel, setzte sie sich einfach hin, grub die Pfoten in den Schnee und öffnete leicht ihr Maul. Eine ganze Zeit lang saß sie nur einfach da, dann wurde sie ein wenig abgelenkt, ihre Mutter redete mal wieder mit Face, das schmerzhafte Sticheln in ihrer Brust kam zurück, und benahm sich dann äußerst seltsam mit einer fremden Fähe. Tyraleen drehte den Kopf weg und bekam so Amáya in ihr Blickfeld. Sie Schwarze schien ebenfalls fasziniert vom Schnee und wandte sich schließlich an sie. Anders als noch vor ein paar Wochen, war die Weiße jetzt bereit, sich mit ihr zu unterhalten, sie wollte ihr eine Chance geben, dabei sollte sie eigentlich auch froh sein, dass Amáya ihr eine Chance gab.
“Die Erwachsenen haben es Schnee genannt … aber es ist viel mehr, es ist ein Wunder! Schau nur, er kommt aus dem Himmel, es schneet, es schneet!“
Sie lächelte, kurz blitzte ein Funke Ausgelassenheit durch ihren Blick, verschwand aber gleich darauf wieder, doch sogar ihre Rute wischte schwach durch das weiße Pulver. So weit oben wie hier hatte der Schnee eine neue Entdeckung für die junge Fähe bereitgehalten. Mal war er weich wie Moos, ließ sich mühelos aufwirbeln und man versank darin. Dann aber konnte er auch hart wie Stein werden und kein einziger Pfotenabdruck blieb auf ihm zurück. Und wenn er richtig hart und eiskalt war, dann wurde er plötzlich glatt und man rutschte auf ihm herum. Hier war der Schnee weich, sie versank darin und ihr Fell schien mit dem Weiß zu verschmelzen. Ein leichtes Lächeln schenkte sie noch Amáya, dann wurde ihre Aufmerksamkeit von einem erneuten Ruf ihrer Mutter nach Face abgelenkt. Wieder das Sticheln, was wollte sie eigentlich immer von ihm? Er war doch ihr, Tyraleens, Pate.
Wie ein sanftes Lied klang ihr das ewige Rauschen des Windes nun, das sanft ihre Ohren betäubte, und doch Platz genug lies, um Banshee gut verstehen zu können. Welpen! Hatte sie es doch gewusst. Ihre Augen glommen begeistert auf als Banshee das Wort in die Schnauze nahm, doch dass soviele alte Freunde das Rudel verlassen hatten gefiel ihr nicht, sie verschwendete keinen Gedanken daran dass sie selbst es schliesslich vorgemacht hatte..."Acollon, wie schön, den hab ich schon lange nicht mehr in seine schwarze Rute gebissen!"
Sprach sie vergnügt, und kam mit leuchtenden Augen auf die Welpen zu sprechen.
"Deine welpen, Banshee, deine und Acollons? Ooooh ich will sie sehen!"
Ihr ruhiger Stand verwandelte sich wieder in ein welpisch-unruhiges Herumtrippeln, die Rute huschte von Link nach Rechts als bekäme sie Kilometergeld und munter hupfte sie nun mit den Vorderläufen auf und ab, die Ohren wackelten im Takt ihrer Bewegungen.
"Wieviele sind es, und wie heissen sie, wie alt sind sie und wie sehen sie aus?"
Sprudelte sie nur so, und schob Banshee grinsend ihre Nase ins Ohr. Mit zuckenden Ohren und wedelnder Rute wand sie dann den Kopf in die Richtung in die ihre Schwester nun deutete, und besah sich die Wölfe, die sich dort drüben zuschneien liessen. Ihr eigenes Fell war von ihrer Begrüßung zum großen Teil enteist worden, und nur eine dünne Schneedecke lag nun darüber und verdeckte die schwarze Färbung. Mit einem Schlenker schüttelte ie den Schnee vom Kopf, der sich zwischen ihren Ohren angesammelt hatte.
"Schade dass mir die beiden entwischt sind. Aber so kann ich mir die neuen ansehen ohne den Vergleich zu ziehen. Das mag ganz gut sein"
Erwiederte sie, anfangs traurig, doch soglich wieder grinsend, und schon flogen ihre Augen wieder neugierig durch das Schneetreiben. Das kleine Fellbündel dort hinten - oder sah es nur auf die entfernung so klein aus? - war das eines von Banshees Kindern? Sie mochte es kaum abwarten bis Banshee sie vorstellte, am liebsten wäre sie sogleich vom einem zum anderen geprescht und hätte sie alle ausgefragt ob Banshee ihre Mutter sei und wer sie waren und wie alt und... Doch es war zu schön hier neben Banshee zu verweilen, und so rührte sie sich nicht vom Fleck, nur ein freudigse Funkeln in ihren Augen mochte von ihren Gedanken erzählen...
Kurz mit den Ohren zuckend, wandte Face den Blick zur Seite, als die alte Wölfin nach ihnen rief. Aber da Kaede keine paar Sekunden später bei ihnen stand, richtete er seinen saphirblauen Blick auch schon wieder Banshee zu. Was wollte sie ausgerechnet von ihm und der blinden Wölfin? Als die Weiße dann anfing zu sprechen, lauschte er aufmerksam den vielen Worten, in denen sie von Ayala, Falk und Acollon sprach und schließlich zu einem Rang kam. Beta. Er? Seine kühle Miene zeigte keine Regung, doch innerlich suchte er kurz nach einer Begriffserklärung ... dieser Rang kam gleich nach dem Alpha, oder? Es war ein hoher Rang, der nach viel Verantwortung klang. Ja, Banshee erwähnte das auch schon, Verantwortung und Macht über ein paar Entscheidungen ... gleichzeitig fragte sie aber auch nach Hilfe. Sie wären ihr eine Hilfe. Aber warum er? Face Taihéiyo? Jeder andere Wolf hätte sich nun wahrscheinlich zutiefst geehrt gefühlt, vielleicht sogar ohne nach zu denken eingestimmt. Eine Ehre, Macht. Nichts was ihn interessierte, nichts, an das der tiefschwarze Wolf überhaupt dachte. Er fragte sich nur, wieso sie grade ihn ausgewählt hatte. Er kannte das Rudel kaum, obwohl er es schon eine so lange Zeit begleitete, konnte er da diese Bitte einfach annehmen? Es ging um das Rudel, darum, dass es alle schafften in dieser Eis- und Schneewelt zurecht zu kommen.
Unterbrochen von einem Geheul, welches sich mühsam durch das Schneegestöber kämpfte, hob Face den Kopf und drehte den Blick zurück. Einen Augenblick später, rauschte dann plötzlich Banshee, die fast immer so gefasste Leitwölfin, an ihm und Kaede vorbei, einer schwarzen Gestalt entgegen. Der Flammentänzer konnte sich einen verwirrten Blick nicht verkneifen und sehen würde ihn eh keiner. Namen wurden in den Wind geschrien, er meinte daraus "Nyota" entziffern zu können, doch anfangen konnte er damit nichts. Was war denn nun passiert? Einen Moment lang verfolgte der tiefe, aber trotzdem leere Blick seiner blauen Augen noch das seltsame Schauspiel, welches sich nun bot, dann senkte er den Kopf ein kleines Stück, lauschte nicht dem langgezogenen Jaulen, dass gleich danach ertönte. Beta ... war er für so einen Posten geschaffen? Er hatte sich nie etwas aus Rängen gemacht, eigentlich hatte er auch nie einen Gedanken daran verschwendet, was er hier war. Ein Wanderer, der ein Jahr beim Rudel mitlief? Gar nichts? Face Taihéiyo betrachtete seine großen Pfoten, die der Schnee immer wieder verschluckte, wenn er sie nicht wieder hob. Er hatte hier bei diesen Wölfen sein verhasstes Leben zurück bekommen, er war Pate von Tyraleen - er war Mitglied dieses Rudels. Der große Rüde verengte kurz die Augen und spürte, wie ein Zwiespalt in ihm ausbrach. Das hatte er nie gewollt. Was hatte er denn gewollt? Einsamkeit, den Tod. Frieden mit sich selbst? Schluss, dass alles zuende war. Das war ihm verwehrt geblieben. Der Schwarze sah die Flammen um sich herum steigen, wie es nach ihm griff und seinen Körper nach und nach in Asche verwandelt hatte. Trotzdem war er nun hier. Sein Herz pumpte das Blut durch seine Adern, von der Asche war nichts mehr zu sehen, auch wenn sein Fell noch viel dunkler war. Was hatte er nicht gewollt? Leben, die Nähe anderer, durch die man letzten Endes doch nur verletzt wurde, Schmerz. Die Gesellschaft, sie verpflichtete, man konnte sie sich nicht aussuchen. Hatte er nun nicht genau das, was er abgestoßen hatte? Warum war er noch hier? Auch wenn er vielleicht nach wie vor so unnahbar und verschlossen schien, kalt und leer, so hatte er sich verletzbar gemacht. Würde seinem Patenkind etwas geschehen, würde er sie nicht schützen können, er könnte sich das nie verzeihen. Es würde weh tun. Hatte er wieder den selben Fehler gemacht? Faces Gedanken wanderten zu Alail, zu Cloud. Für 5 lange Jahre - auch wenn sein Körper ein Jahr nicht gealtert war und somit erst 4 - waren nur wenige Wesen in sein Leben getreten, für die er etwas empfunden hatte. Sie hatten ihn alle verletzt, weil sie ihn verlassen hatten. Alles konnte wieder passieren ... aber, was sollte er machen? Face biss sich leicht auf die Lefzen, seine Gedanken waren wirr und irgendwo fand er selbst keinen Zusammenhang und auch keine Antworten. Er wusste nicht, was er wollte. Wenn er sich auf dieses bisschen Verletzbarkeit nicht einließ, wozu war er dann noch gut? Wozu war er dann überhaupt noch da? Um wieder wie ein Untoter durch die Welt zu wandern und jede Gesellschaft von sich zu weisen? Dann stand er am Ende wieder vor dem Abgrund, dem Abgrund seiner Selbst. Dann würde er schließlich wieder auf die Suche nach dem Ende gehen, nach dem Tod, der ihn nicht wollte. Er würde andere Wege in seinem Labyrinth antreten, die ihn doch nur vor eine Mauer führen würden. Bis zum Schluss, bis zu einem Schild - "Zurück zum Start"
Face kniff die Augen zusammen und schüttelte leicht den Kopf. Nein! Noch einmal würde er diese Zerstörung nicht aushalten, die man nicht beenden konnte. Außerdem ... wollte er doch hier bleiben? Er wollte doch Tyraleens Pate sein und bleiben ... warum dachte er überhaupt so nach? Banshee hatte sie bloß um etwas gebeten, um etwas, dass er ablehnen konnte, ohne dann gleich verschwinden zu müssen. Aber war es fair? Schuldete er der Mutter seiner Patin nicht etwas? Aber war das der einzige Grund, um zu zu stimmen? Ihm fiel kein anderer ein, aber auf der anderen Seite wusste er auch keinen triftigen Grund, weswegen er ablehnen könnte. Ach, er wusste gar nichts. Der Rabenschwarze atmete tief durch, betrachtete die Kälte, die in seinem Atem Form annahm und lauschte dann, wie die weiße Leitwölfin sie wieder rief. Genau, da war doch noch diese andere Fähe gewesen. Nyota, er hatte richtig gehört. Ihre Schwester? Er hatte gar nicht gewusst, dass Banshee eine Schwester hatte. Nun ja, was interessierte es ihn? Face Taihéiyo richtete sich wieder ganz auf, trat mit regungsloser, kühler Mimik auf die Schwestern zu und blieb wie eben wortlos stehen. Sein saphirblauer Blick huschte zu der Weißen, sie sah glücklich aus. Glücklicher, als er sie jemals gesehen hatte. Aber war das ein Wunder, bei dem, was in der letzten Zeit so passiert war? Aber diese Nyota, sie wirkte wie das krasse Gegenteil zu der gutmütigen Alpha. So lebendig und welpisch, dass es fast schon an Banshees Tochter Kisha erinnerte und doch wieder anders war. Face nickte der Schwarzen höflich zu, die Ohren aufmerksam aufgestellt, der Blick aber ausdruckslos kalt. Sollte er irgendwas sagen? Eben wurde noch eine Antwort von ihm erwartet, nun stand er vor einem ganz anderen Thema. Alles, was man nun von sich geben konnte, klang irgendwie dämlich. Sein Name wurde schon genannt, ein "Hallo" klang stumpf und ein "Willkommen zurück" war von ihm ja wohl nicht angebracht. Schließlich kannte er die Fähe nicht. Also beließ er es bei seinem Nicken.
Rasmús lächelte das wölfische Lächeln, sogar noch, als er sich zum Ausruhen vom Aufstieg in den Schnee gelegt hatte und umherblickte. Das Lächeln, dass seinen Charakter sonst so auszeichnete, und schmiegte seinen Kopf noch einmal kurz an seine Schwester, ehe er ein paar Schritte zurückging, um sie im Profil zu betrachten. Hübsch war sie zweifelsohne, und er war mit einem Mal stolz, eine so ruhige, aufgeschlossene und freundliche Fähe zur Schwester haben zu dürfen. Mit den Ohren spielend, wandte er sich an Shani, die jedoch mit einem Rüden verschwand. Er wollte ihr irgendwie dafür danken, was sie bereits in den ersten Minuten ihres Kennenlernens für ihn getan hatte - er hatte ihn mit seiner lang verlorenen, über alles geliebten Schwester zusammengeführt, und mit einem Mal fühlte der Graue sich furchtabr mittellos. Er konnte seinen dezeitigen Gefühlen kaum Ausdruck verleihen, sosehr expoldierten die Emotionen in seiner nun leuchtenden Seele. Ihm war gewesen, als schwinde das Licht in seinem Inneren langsam, als erlische es zunehmend, sosehr es sich auch dagegen wehrte. Und nun... nun strahlte es so hell, dass es seine Sinne blendete, er nichts empfinden konnte außer dieser unglaublichen Wärme, die ihn noch immer durchströmte. Er konnte es noch immer nicht ganz glauiben. Seine Schwester war hier, bei ihm, die Jahre der Suche waren nicht vergebens gewesen. Sie hatten ihn zu ihr geführt.
Ein fürchterlicher, gellender Schrei drang an seine Ohren. Er zuckte zusammen, der Laut fuhr ihm bis ins Mark und ließ ihn Beben, als ob er gerade knapp dem Tod entronnen war. Dann traf es ihn wie der Blitz - es war Shanis Stimme gewesen, und es war ein Todesschrei. Aus tödlicher Angst ausgestoßen.
Mit aufgerissenen Augen wirbelte Rasmús herum, und es zerriss ihm das Herz, seine Schwester wieder allein zu lassen - doch er musste Shanis Schrei folgen, sein Nackenfell hatte sich aufgestellt, Sorge zerfraß ihn bereits jetzt unerträglich. Die Angst trieb ihn voran, mit einem höllischen Tempo raste er durch die ihm unbekannte Landschaft, Schnee flog in leichten Flocken durch die Luft, als seine Pfoten harte Harken hinein schlugen. Ihm kamen es vor wie Sekunden, die er brauchte, um die beiden zu finden, rennend, hetzend, immer nur mit einem Gedanken im Kopf. Er gab alles, was er hatte, und war der Natur so unendlich dankbar dafür, dass er ein außergewöhnlich guter Läufer war. Eine aufgewühlte, deutliche Spur im weichen Schnee wies ihm den Weg.
Er erhaschte nur einen kurzen Blick auf die Wölfin, dann verschwand sie, in die Dunkelheit, die ein Abgrund in der Schneelandschaft auftat. Wie ein riesiger, gähnender Schlund tauchte er vor ihm auf, und verschluckte die Fähe mit Haut und Haar. Er konnte ihren Schrei lange nachhallen hören, Panik machte sich in ihm breit, das zerrende Gefühl, hinterher zu wollen, zu müssen.
"Shani! SHANIII!"
Verzweiflung hämmerte in seinem leeren Kopf, er konnte nicht denken, nicht fühlen. Die Stille schlug ihm aus der Tiefe entgegen wie eine Peitsche, lauter als alles andere im Moment. Er wimmerte leise, ging am Rande des Abgrunds auf und ab, machte eienn widerwilligen Bocksprung. Was sollte er jetzt tun? Er wollte - MUSSTE irgendwas tun! Er konnte nicht einfach hier warten. Rasend vor Verzweiflung warf Rasmús sich mehrmals auf der Stelle herum, heulte, bellte sogar, heulte wiederrum. Er wollte eine Antwort.
"SHANI! Antworte doch!"
Je länger die Stille anhielt, desto grausamer wurde sie, desto schwerer drückte die Gewissheit auf seinen Schultern, dass es vielleicht vorbei war. Es musste ein Laut kommen, es musste einfach. Sie durfte nicht sterben, ohne dass er ihr gesagt hatte, was er mit sich herumtrug. Er wollte sich bedanken, ihr die Freundschaft anbieten, wollte ihr sagenm dass er sie bereits mochte, wollte einfach die Gelegenheit haben, sie noch einmal anzusehen und sich auszusprechen.
"Verdammt nochmal, SHAAANIII!"
Der Schnee fegte nun schon mit etwas mehr Tempo um die Wölfe herum und Kaede konzentrierte sich ganz auf das was Banshee sprach. Sie erzählte ihnen, dass Ayala und Falk sie verlassen hatten und dass sie Kaede und Face als neue Betas ernennen wollte. Warum denn gerade sie beiden? Beta zu sein, hieß eine große Verantwortung auf sich zu nehmen und viel mitzuhelfen aber hier oben war Kaede noch weniger eine Hilfe als woanders, wo sie sich wenigstens auskannte. Sie runzelte ihre Stirn, lächelte Banshee zu doch da sprang diese schon an ihr und Face vorbei und rief freudig einen Namen. Nyota, wenn Kaede es richtig verstanden hatte. War das nicht die Schwester Banshees? Sie schien sich so zu freuen, dass Kaede es sich nicht anders vorstellen konnte. Nyota, die ehemalige Alpha Fähe dieses Rudels. Kaede war etwas verwirrt, geisterte ihr doch die Frage mit dem Beta werden durch den Kopf aber Banshee rief sie schon zu sich und ihrer Schwester und Face marschierte bereits los, so wollte sie die drei nicht zu lange warten lassen. Sie drehte sich um und tappte vorsichtig in die Richtung, aus der sie Stimmengewirr vernahm. Ein ihr unbekannter duft und eine ihr unbekannte Stimme wehten zu ihr rüber und Kaede speicherte diese sofort ab, denn es konnte nur Nyotas sein. Sie lächelte leicht, als sie sich zu den dreien stellte. Sie konnte die freudigen Schwingungen zwischen den beiden Schwestern spüren, und sie freute sich für Banshee, dass sie ihre Schwester wieder gefunden hatte und das hier oben in der kargen Schneelandschaft. Kaede nickte Nyota leicht zu und versank ein wenig in ihren Gedanken.
Sie konnte doch gar keine große Hilfe sein, sie würde immer nur mehr zu Last fallen, würde sich hier nicht zurecht finden und konnte nur hoffen, dass sie das Sternenwind Tal irgendwann einmal wieder betreten würde. Einerseits wünschte sie sich dies, doch viel eher zog sie in Betracht, dass sie hier oben ihren tot finden würde, einsam in eine Spalte stürzen würde, welche sie nicht einmal erahnen konnte. Traurig schüttelte sie den Kopf. Natürlich hatte sie die Hoffnung nicht aufgegeben, sie würde um ihr Leben kämpfen aber auch um einen Titel als Beta? Was brachte er ihr? Eigentlich doch gar nichts oder, vielleicht Ehre und Respekt aber das brauchte sie nicht unbedingt und wo sollte sie schon helfen, wenn sie doch selber nicht zurecht kam? Und was würden denn andere Rudel sagen, wenn sie diesem Rudel begegneten oder von ihm hörten. Eine Alpha Fähe welche zwar stark war, doch oft ohne ihren Gefährten das Rudel leitete und eine blinde Beta Fähe, sowie ein komischer in sich zurück gezogener Beta Rüde. Das würden sie doch von ihnen dreien denken. Verschlechterte das nicht ihren ruf? Sie kannte Face kaum, hatte nichts gegen ihn aber so würde es jeder sehen, ein in sich zurück gezogener Wolf. Und wie sollte sie eigentlich mit ihm Beta sein, wenn sie ihn doch kaum kannte. Von Selbstzweifeln geplagt zog die Graue ihren Kopf ein wenig ein und begann leise zu sprechen.
„Weißt du Banshee, es ist gewiss eine große Ehre, dass du mir den Beta Posten anbietest, aber ich bin mir nicht sicher, ob du gründlich genug darüber nachgedacht hast. Ich bin blind und hier oben kenne ich mich gar nicht aus. Wie soll ich dir da dann helfen, wenn ich doch diejenige bin, die dauernd Hilfe benötigt, damit sie überhaupt eine Chance hat zu überleben? Wie kann ich diesen Posten annehmen, wenn ich Face kaum kenne und sowieso viele aus dem Rudel nicht kenne? Wie soll ich mich um fremde Wölfe kümmern, wenn ich nicht einmal zu ihnen finde? Vor allem hier, hier ist mein Geruchssinn sehr eingeschränkt, der Schnee überdeckt so vieles, er pfeift einem in die Ohren und um die Nase, sodass man ganz wirr davon wird. Ich habe dir einmal gesagt, dass ich dir immer helfen werde und ich zweifle auch nicht an dir, ganz sicher nicht aber ich bin mir wirklich nicht sicher, ob es klug ist mich dafür auszuwählen.“
Sie verstummte und leckte sich über ihre Schnauze, wobei sie leicht ausatmete, sodass weiße Wölkchen ihres Atems in den Himmel stiegen. Der Schnee hatte ihren dicken Pelz schon sorgfältig überzogen und so schüttelte sich die Fähe, sodass man ihr Grau Weißes Fell wieder sehen konnte. Sie legte den Kopf schief, wartete auf Antworten.
Vorsichtig tappend bahnte Sheena sich einen Weg durch den hohen Schnee. Sie hatte ja schon einmal einen Winter miterlebt, aber da war nicht so früh dieses weiße Zeug vom Himmel gekommen. Sie hatte das Wort Schnee in Verbindung dazu aufgeschnappt und hoffte, dass sie es richtig zugeordnet hatte. Und wie hoch er hier bereits lag. Der Wind pfiff ihr durch das noch nicht vollständige Winterfell und fuhr ihr Kalt unter die Haut. Leicht zitternd kämpfte sich die dünne Fähe weiter vorwärts. Banshee war ihr Ziel, schließlich hatte sie selber gesagt, dass Sheena zu ihr kommen sollte, wenn sie endlich angekommen waren und das waren sie nun und nun wollte Sheena wissen was mit ihren Eltern war. Auch wenn sie eigentlich wusste, dass Banshee nicht mehr wissen konnte als sie selber. Aber vielleicht waren ihre Eltern ja zurückgekommen als sie bereits alleine durch den Wald lief. Ein Hoffnungsschimmer glomm in der Kleinen auf, obwohl sie wusste dass es Unsinn war und sie sich nur etwas einredete um sich zu beruhigen.
So stapfet sie weiter durch den Schnee, folgte Banshees Geruch, welcher sie an einen kalt wirkenden Gletschersee führte. Sie trat langsam an das Ufer und tauchte ihre Schnauze in das Wasser. Es schien, als würden sie tausend Nadeln in die empfindliche Schnauze pieksen, aber sie hatte einen solchen Durst, dass sie das eiskalte Wasser trank, welches ihr ganzes Maul zu betäuben schien. Sie schüttelte sich, als sie ihre Schnauze aus dem Wasser nahm und schleckte mit ihrer Zunge über sie, um sie ein wenig aufzuwärmen. Dann vernahm sie Banshees Stimme und eine ihr fremde Stimme. Ebenso hörte sie Kaede sprechen und bemerkte noch einen weiteren Wolf bei den dreien. Sie tapste in ihre Richtung und kam zwischen Nyota und Banshee zum Vorschein. Unsicher sah sie die vier Wölfe alle kurz an.
„Entschuldigt wenn ich euch störe. Hallo Kaede, hallo Banshee. . . Hallo ihr zwei anderen.“
Sie neigte leicht ihren Kopf in jede Richtung.
„Aber Banshee, erinnerst du dich, du hattest gesagt ich soll zu dir kommen, wenn wir angekommen sind und das sind wir. Du meintest wir könnten reden. . . Aber führe erst einmal dein Gespräch zu ende, ich werde solange hier warten, wenn das für dich okay ist!?“
Fragend klang ihre Stimme zum Ende hin. Die Stimme die, die ganze Zeit über dünn geklungen hatte. Sheena trat unruhig auf der Stelle umher und beschloss sich dann, trotz der Kälte einfach hinzusetzen. Sie ignorierte das kalte Gefühl und war froh, dass ihr Fell sie wenigstens ein bisschen schütze. Außerdem war es zwischen Banshee und der ihr fremden Fähe einigermaßen warm, zumindest wärmer als wenn man alleine stand.
Banshee beobachtete aus dem Augenwinkel die Reaktion Nyotas auf ihre Worte, die Schnauze noch immer in dem schwarzen Fell vergraben musst sie lächeln, dann begann ihre Schwester auch schon wieder herumzutänzeln und Banshee schwenkte ein wenig den Kopf, fröhlich und stolz lächelnd. Sie freute sich darauf, wenn Acollon und Nyota sich wieder gegenüberstanden, sicherlich mochte keiner der beiden den anderen sonderlich, aber irgendwie hatten sie sich immer vertragen und des Öfteren hatte Banshee über sie lachen müssen, auch wenn sie das den beiden natürlich nicht sagen konnte. Zwar war Acollon gerade irgendwo, jedenfalls nicht hier, aber da er erst vor kurzem zurückgekehrt war, würde er hoffentlich bald wieder auftauchen.
“Ja, ich bin Mutter geworden. Sogar zwei Mal. Sechs Welpen im ersten Wurf und vier im zweiten, allerdings …“ Sie stockte kurz. “… bist du für zwei von ihnen bereits zu spät gekommen. Cylin, mein kleiner Träumer, ist als Jungwolf unten im Tal von der fremden Schar getötet worden.“ Kurz schien fast so etwas wie Wut in ihren Augen aufzuflackern. “Und Merawin, er war noch ein Welpe, hat wohl die lange Wanderung nicht vertragen, er musste schon vorher krank gewesen sein, und ist an einem Herzanfall gestorben.“
Eine kurze Zeit lang ließ sie wieder in den Kopf hängen, ihre beiden Söhne durften nie ihre Tante kennenlernen, die so viel für sie getan hatte, wenn auch nur indirekt. Ohne Nyota hätte Banshee nie ein Rudel gegründet, ohne Nyota wäre sie nie auf die Idee gekommen, Leitwölfin zu werden, auch wenn sie im Prinzip dafür geeignet war und ohne Nyota wären weder Cylin noch Merawin je geboren worden. Aber die Weiße hatte sich damit abgefunden, es akzeptiert und ihre Kinder in die Pfoten Engaya entlassen, dort waren sie sicher, bis sie selbst wieder auf sie aufpassen konnte. Mit einem sanften Lächeln sah sie wieder zu ihrer Schwester und schwenkte die Rute.
“Der Rest ist aber überall hier verteilt! Parveen, Malicia, Kisha, Hiryoga und Averic, oh, du wirst ihn mögen, sind alle schon fast zwei Jahre alt. Daylight, Amáya und Tyraleen sind schon fast dem Welpenalter entwachsen. Schau, da vorne. Die schneeweiße Welpin neben der tiefschwarzen, das sind Tyraleen und Amáya. Tyraleen gleicht mir vollkommen, Amáya ihrem Vater. Und Daylight sitzt auch dort im Schnee, die kleine Graue.“
Sie deutete zunächst um sich, da sie keines ihrer älteren Kinder sehen konnte, dann aber recht präzise auf kleine Gestalten, die eindeutig ihren jüngeren Welpen zuzuordnen war und es beruhigte sie, dass sie alle in ihrer Nähe waren. Vielleicht war es nicht unbedingt ratsam, jetzt alle Welpen zu sich zu holen, aber sie wollte sie so gerne Nyota vorstellen und sie hatten es auch verdient, ihre Tante kennenzulernen … zudem war die feierliche Situation bei der Frage nach dem Betaposten sowieso schon zerstört. Und Betas im Kreis der Familie bestimmen war sowieso schöner.
“Daylight, Amáya, Tyraleen! Kommt zu mir, eure Tante ist zurückgekehrt! Averic, Parveen, Kisha, Hiryoga, Malicia, ihr auch!“
Ins Blaue hinein, ohne zu wissen, ob sich einer von ihnen in ihrer Nähe befand, hängte sie die Namen ihrer älteren Kinder noch dran, vielleicht würden ja ein paar kommen. Sie würden nicht nur ihre Tante kennenlernen, sondern auch eine veränderte Mutter, die sonst so ruhige, unerschütterliche und meist ein wenig traurige Banshee war verschwunden … zumindest vorläufig. Nyotas Worte zu dem Verschwinden all der anderen Rudelmitglieder und besonders Ayalas und Falks kommentierte sie nur mit einem Nicken, sie hatte Recht, auch wenn es ihr lieber gewesen wäre, sie noch an ihrer Seite zu haben und dafür tausend Vergleiche anzustellen. Aber sie wollte nicht nur nicht darüber nachdenken, sondern hatte dafür auch keine Zeit, Face kam zu ihnen und blieb schweigend stehen. Das war zwar im Prinzip nichts neues, aber eigentlich schuldete er ihr noch eine Antwort. Vielleicht aber schien es ihm auch jetzt unangebracht, so würde sie ihn eben dazu auffordern. Zunächst aber blieb Kaede mit gesenktem Kopf stehen und begann zu sprechen. Aufmerksam hörte ihr die Weiße zu und lächelte irgendwann leicht, auch wenn die Graue das nicht sehen konnte.
“Kaede, ich weiß, dass du nicht mehr sehen kannst, aber glaub mir, das ist kein Grund, dich nicht als eine der weisesten, vertrauenswürdigsten und kompetentesten Fähen dieses Rudels anzusehen. Du siehst zwar nicht mehr mit den Augen, aber dafür mit dem Herzen und das weit aus besser, als irgendjemand anderes hier. Im Schneesturm sind wir alle hilflos, unsere Augen nutzen uns auch nicht viel, wenn aber kein Sturm ist, so hast du andere Sinne, die die Fähigkeiten der unseren wahrscheinlich übersteigen. Glaube mir, ich habe mir lange darüber Gedanken gemacht. Wenn du es dir jedoch nicht zutraust, so verstehe ich das, du darfst selbstverständlich ablehnen.“ Ihr Blick wandte sich zu dem schwarzen Rüden. “Und du, Face Taihéiyo?“
Ihre Stimme war wieder viel ernster geworden und ihre Worte ähnelten viel eher denen, die sie sonst immer sprach. Trotzdem glomm nun ein Feuer in ihren Augen und wenn sie lächelte, blitzte doch irgendwo ein Funke Übermut auf, sie war zumindest in diesen Momenten nicht mehr die Gleiche. Sie warf ihrer Schwester einen schon eher vergnügten Blick zu, dies waren die Aufgaben einer Leitwölfin und wie die Schwarze sehen konnte, hatte sich ihre Schwester gemacht … damals, als sie das Rudel noch zusammengeführt hatten, wäre Banshee zu solchen Sätzen noch nicht fähig gewesen. Ebenso wenig zu dem Umgang mit Sheena, der kleinen verlassenen Welpin, die nun wieder auf sie zukam. Natürlich, ihr Versprechen. Sie hatte es nicht vergessen, aber die nun schon fast erwachsenen Fähe, eine erstaunliche Feststellung, kam immer in Momenten, in denen die Gedanken der Weißen um alles kreisten, nur nicht um Hanako und Hidoi. Trotzdem wollte sie Sheena nicht schon wieder wegschicken, sich mit ihr zu unterhalten ging nicht sofort, aber vielleicht schon in ein paar Momenten, wenn die anderen Welpen da waren und Kaede und Face geantwortet hatten.
“Natürlich erinnere ich mich. Ich hoffe, ich habe gleich Zeit für dich, bleib nur bei uns. Das ist meine Schwester, Nyota. Nyota, das ist Sheena, die Tochter von Hanako und Hidoi, beide hast du nicht mehr kennengelernt, aber sie waren gute Freunde und haben in dem Frühling meines ersten Wurfes ebenfalls Welpen bekommen.“
Sie wollte Sheena nicht verletzen, indem sie nun erklärte, dass alle anderen Welpen von Hanako tot oder verschwunden waren und sie selbst mit Hidoi ihre letzte Tochter zurückgelassen hatte. Es war nicht angebracht und Nyota würde sich schon denken können, dass es die kleine Graue nicht leicht hatte. Sanft berührte sie sie mit der Nase an der Stirn und schenkte ihr ein warmes Lächeln.
Shani war es, als wäre sie ewig so dagelegen. Als hätte sie bereits angefangen, sich mit ihrem Tod abzufinden, und verstanden, dass auch Hiryoga nicht mehr erwachen würde – damit abfinden konnte sie sich nicht. Obwohl sie wieder reden wollte, immer weiter und weiter, nur damit er eine Stimme hörte und sich der Welt um ihn herum bewusst wurde … er liebte sie doch … aber alle Worte waren verschwunden, kein einziges wollte geformt werden. So lag sie stumm da, wartete, ob nun mehr auf ihren Tod, oder mehr auf eine Regung Hiryogas, konnte sie später nicht mehr sagen. Aber irgendwann war ihr, als würde sich etwas bewegen. Sie schlug die Augen auf, ließ den Kopf zwar reglos liegen, aber ihr Blick wanderte fast vorsichtig über den braunen Rüden vor ihr. Und dann schlugen sich seine Augen auf und er sah zu ihr, sah sie einfach an. Dieser Moment würde für Shani als der schönste ihres Lebens immer in ihrer Erinnerung bleiben. Dies zeigte sich zwar nur durch ein Lächeln auf ihren Lefzen, aber in ihren Augen stand ein alle Welten überstrahlender Glanz und eine letzte Träne rollte haltlos über ihre Schnauze. Als sich Hiryoga unter großen Anstrengungen vorbeugte und sie ganz sanft an der Nase berührte, sah sie seine eigenen Tränen auf seinem Gesicht glitzern und leckte sie zärtlich auf. Er konnte kaum sprechen, die Worte kamen gepresst und ihr wurde klar, wie schwer das Eis auf ihm lasten musste. Aber von dem Inhalt seiner Worte musste sie wieder innehalten, lächeln.
“Dann werden wir gemeinsam füreinander überleben.“
Flüsterte sie leise und schmiegte ihren Kopf an seinen. Von seinen Worten musste sie fast wieder weinen, obwohl daran nichts Trauriges war. Aber, ja, wer sonst konnte ihr sagen, wozu Schnee gut war? Er hatte es ihr noch nicht verraten und auch wenn es jetzt tausend bessere Fragen gegeben hatte, wisperte sie leise:
“Wozu ist Schnee gut?“
Wieder schloss sie die Augen, traurig lächelnd und den bittersüßen Moment doch genießend, bis ihr klar wurde, dass Hiryoga noch immer unter all dem Schnee und Eis begraben war. Mit einem wehmütigen Laut, als müsste sie sich für immer von ihm trennen, hob sie den Kopf und versuchte sich aufzurichten. Ihre Läufe zitterten furchtbar und als sie den rechten Hinterlauf belastete, schmerzte es so schlimm, dass sie ihn automatisch anhob. Auf den anderen dreien schaffte sie es aber, stehen zu bleiben und dann auch ein paar Schritte vorzuhumpeln. Mit aller Kraft und einem fast trotzigen Knurren warf sie sich gegen den Eisberg und tatsächlich rutschten einige Stücke zu Boden. Nun lag sie zwar halb auf Hiryoga und machte dadurch die Last, die ihm den Atem nahm nicht leichter, aber sie konnte die Eisbrocken mit ihrem ganzen Körper von ihm fegen und schaffte es so, ihn fast ganz zu befreien. Sie hatten Glück, es waren keine großen Stücke erhalten geblieben, das meiste waren kleine Eisbrocken, die Shani selbst in ihrem Zustand verschieben konnte. Schnell rutschte sie von dem Braunen und lag nun neben ihm, kuschelte sich an ihn und atmete schwer. Ihr rechter Hinterlauf tat nun entsetzlich weh, sie musste auf ihn gefallen sein und auch wenn man von außen nichts sehen konnte, so war innen wohl einiges nicht in Ordnung. Wieder wäre sie ewig so dagelegen, wäre nicht plötzlich ein dumpfes Rufen durch die Spalte gehallt. Sie schlug die Augen auf und sah nach oben, aber außer einem undeutlichen Lichtspalt war nichts zu erkennen, ihre Augen hatten sich bereits zu sehr an die Dunkelheit gewöhnt. Aber dann wieder, viel deutlicher “Verdammt nochmal, SHAAANIII!" Sie hob ruckartig den Kopf, in ihren Augen glänzte Hoffnung. Das war Rasmús … wie hatte er sie gefunden?
“Raaaaaaaasmús! Hier unten!“
Sie meinte langsam eine Art Profil über ihr zwischen den beiden Spaltenrändern zu erkennen. Das könnte der Schemen von Rasmús Kopf sein! Aber erst, als sie sich ganz dessen bewusst war, dass er es wirklich war, wurde ihr auch klar, dass er nichts tun konnte. Hinunterspringen wäre nicht nur furchtbar gefährlich sondern auch unglaublich sinnlos. Und wie sollte man sie aus so einer Tiefe wieder an die Oberfläche bekommen? Nein, sie mussten sich selbst befreien … vorher hatte sie gar keinen Gedanken daran verschwendet, es hatte ihr gereicht, dass es Hiryoga und ihr gut ging, mehr hatte sie nicht gewollt. Aber das Auftauchen Tyels Bruders hatte ihr plötzlich wieder klar gemacht, dass sie hier raus mussten und zwar dringend. Es war bitter kalt und wenn sie zu lange zwischen den Eismassen blieben, könnten sie möglicherweise sogar erfrieren. Sie mussten raus … aber wie?
Die weisse Fähe war im Schnee kaum zu erkennen, dies fand sie meist recht lustig, sie liebte den Schnee, doch in dieser Höhe verging selbst Corvina der Spass am Schnee, denn es war bitterkalt und zusätzlich wehte auch noch ein kühler Wind, welcher den Wölfen den Pelz aufwühlte und die Kälte konnte eindringen.
Nach dem doch sehr langen Marsch mit dem Rudel über beschwerliches Gestein und glatte Eisflächen und zum Schluss durch tiefen Schnee war die Fähe doch etwas müde, doch war sie andererseits vollkommen wach, denn sie und Katara hatten es geschafft, hatten wieder eine Zuflucht, ja gar eine Familie gefunden bei welcher sie bleiben konnten, ausserdem schien sich Katara auch schon mit den Welpen angefreundet zu haben, denn die schwarze lag dicht zusammen gerollt um einen anderen Welpen, welcher vorhin in sie hineingestolpert war. Corvina musste leicht lächeln und ihre Züge erhellten sich wie sie es immer taten wenn die weisse Wölfin lächelte, Katara würde eine wunderbare Mutter sein, würde sie einmal Welpen haben, sie würde diese um ihre Mutter beneiden, doch an was dachte die Wölfin überhaupt.
Noch war die Zeit nicht reif um über eine Welpenreiche Zukunft nachzudenken, träumen würde es wohl schon eher treffen wenn man so wollte! Der Blick der Wölfin schien wieder klar zu werden und sie fand den Weg aus ihren Gedanken heraus, blickte sich um ganz in der Nähe glitzerte der See, welcher friedlich und ruhig dalag, unter einer Eisschicht verborgen. Die Wölfin frass etwas Schnee um den Durst zu löschen, spukte die hälfte jedoch wieder raus, da es eisig kalt war! Mit einem leisen Seufzer erhob sich die Wölfin geschmeidig, nicht unweit spielte sich anscheinend eine Begrüssung ab, sie fiel herzlich aus und schien Corvinas innerstes zu berühren, offenbar schien es ein Familienmitglied zu sein, wie würde sich die weisse Verhalten, würden eines Tages ihre Eltern vor ihr stehen? Der Blick trübte sich leicht, doch dann schüttelte sie sich energisch, als wolle sie das Trübsal von sich wegschleudern. Endlich trabte sie dann zu der schwarzen und dem Welpen hinüber und setzte sich zu den beiden in den Schnee.
„Katara, welch Freude seht dies scheint unser neues Zuhause“
meinte sie dann glücklich und deutete auf die Schneebedeckten Berggipfel wie aber auch auf die Schneeebene und den See zu ihren Pfoten, glücklich stupste sie die schwarze kurz an.
„Hallo kleiner Welpe, mich nennt man Corvina,...und wer bist du?“
fragte die weisse dann freundlich und blickte den unbekannten Welpen neugierig und interessiert an, er schien noch nicht allzu alt zu sein, weshalb war er da ohne Mutter? Ein leises Schluchzen drang an die empfindlichen Ohren der Fähe und sie blickte leicht irritiert zur Seite.
„Entschuldigt mich!“
meinte sie dann etwas kanpp an die beiden Wölfe gewandt, ehe sie sich umwandte und auf das Schluchzen zuging, es war weiter entfernt als sie gedacht hatte und schliesslich blieb sie bei einem aufgewühlten Schneehaufen stehen, anscheinend musste jemand hier vergraben liegen und weinen.
„Hallo?“
fragend und leicht unsicher klang die Stimme der weissen Wölfin durch die Landschaft und gespannt blickte sie weiterhin auf den kleinen schluchzenden Hügel.
Sheena hatte aufmerksam zugehört, wie Banshee mit der ihr fremden Wölfin gesprochen hatte und danach mit Kaede. Sie hatte sich ruhig zwischen Banshee und der anderen Wölfin verhalten um nicht weiter zu stören und es war einigermaßen geschützt vor dem starken Wind. Dann sprach Banshee endlich zu ihr. Aufmerksam spitze die Kleine die Ohren, also war sie schon wieder zu einem unpassendem Zeitpunkt gekommen. Seufzend senkte sie die Schnauze gen Boden und wartete weiterhin. Immerhin hatte Banshee gesagt, dass es nicht mehr allzulange dauern würde. Außerdem hatte sie ihr die fremde Wölfin vorgestellt. Nyota war ihr Name und dann hatte Banshee ihre Schnauze noch kurz an ihren Kopf gedrückt. Vertrauensvoll blinzelte sie zu der ehemaligen Freundin ihrer Mutter. Schon früher war Banshee wie eine Art Verwandte von ihr gewesen und die Welpen waren ihr wie Geschwister vorgekommen, auch wenn sie nicht viel mit ihnen zutun gehabt hatte, allein schon deshalb, weil sie alle zusammen waren seitdem sie denken konnten, seitdem sie das erste mal die Höhle verlassen hatten.
"Hallo Nyota, es freut mich dich kennen zu lernen"
Sheena drehte ihren Kopf in die Richtung der Fähe und nickte ihr freundlich zu. Dann wandte sie sich wieder Banshee zu.
"Es tut mir Leid, dass ich immer in so ungünstigen Momenten zu dir komme. Eile dich nicht ich habe schließlich Zeit und werde hier zwischen euch einfach warten. Außerdem ist es hier auch etwas Windgeschützer und wärmer, als wenn ich da draußen irgendwo alleine sitze"
Sie schenkte Banshee ein warmes lächeln, ehe sie einen Blick in die Runde warf und dem Gespräch folgte.
Schweigend trat der schwarze Rüde vor sie, bedachte Nyota mit einem Nicken und wirkte dabei so förmlich wie eine Eismauer. So sehr Nyota sich bemühte, vermochte sie nichts aus seinen Augen zu lesen, doch kaum war er vor ihr zum Stehen gekommen machte sie einen Satz auf ihn zu, die Ohren aufgestellt und die Augen zogen neugierige Kreise über seinem Leib. Doch immer wieder fand ihr Blick zu seinen Augen, blau und kalt wie das Wasser eines beinahe vereisten Sees.
"Guten Tag Meister Schwarzpelz"
warf sie ihm grinsend entgegen, lies nocheinmal den Blick über seinen Körper laufe und erhob schonwieder die Stimme.
"Du bist bestimmt Face Tai...äh.. egal, denn Kaede ist kein Rüdenname, oder?"
Nach wie vor hatte sich das Grinsen af ihren Leftzen gehalten, es schien beinahe als versuche sie mit den Mundwinkeln die Ohren zu erreichen. Banshee hinter ihr einen warmen Blick zuwerfend trottete sie wieder an die Seite ihrer Schwester, doch ständig flog ihr Blick nun zu dem Schwarzen herüber.
Als Kaede ankam überrannte sie diese jedoch nicht, sondern lies sie erst ausreden. Beta sollte sie werden? Da war die Schwarze ja wie immer im rechten Augenblick aufgetaucht... Als die Fähe verstummt war lies sie sich die Gelegenheit nicht entgehen.
"Hallo schneegraue Dame"
verlieh sie auch ihr gleich einen eigenen Namen.
"schön dich zu sehen. Kaede, stimmts? Ich bin Nyota"
Obgleich sie erkannt hatte dass das Augenlicht der Fähe diese verlassen haben musste, schenkte sie auch ihr ein strahlendes Lächeln. Erst als sich plötzlich eine schmale, kleine weiße Fähe zwischen sie und Banshee drängte nahm sie den Blick von Kaede. Am liebsten wäre sie gleich mit Fragen über das junge Ding hergefallen, war sie Banshees Tochter, wie alt war sie, wie hieß sie, was machte sie gerne...aber die Fähe wand sich an Banshee, und so würde sie noch einen Moment lang abwarten können. Auch der Kleinen warf sie jedoch ein Lächeln zu. Und da gab auch schon Banshee ihr Antwort, und der sowieso leuchtende Blick der Schwarzen glühte zuerst auf, um sich dann mit der Geschwindigkeit eines reissenden Flusses zu verfinstern, und einer Sonnenfinsternis gleich stand die Schwarze neben Sheena und Banshee, die Glieder zitternd vor Spannung, die Ohren angelegt, die Augen strahlten Mordlust aus, und sie hatte Mühe die Leftzen nicht hochzuziehen. Ihr Fell kräuselte sich wiederstrebend, während in ihren Gedanken zwei welpen umhertollten, von denen einer der Alpha der Talbesetzer zum Opfer fiel. Sie wollte das Blut dieser Fähe auf der Zunge spüren, ihren versiegenden Atem in der Luft beobachten, und ihren Tod nur allzu schmerzhaft gestalten...
Banshees Stimme riss sie ohne anzuklopfen aus ihren Racheplänen, und etwas perplex folgte sie Banshees Wink mit den Augen. Während ihre Schwester noch die Namen aufzählte erhellte sich ihr Blick bereits wieder, der sanfte, vertraute Klang dieser Stimme könnte sie aus dem schlimmsten Blutrausch erwecken.
Als Banshee sich an ie Kleine wandte beantwortete sie auch schon ihre erste Frage, und das Grinsen kehrte auf Nyotas Züge zurück, während sie die Kleine sanft mit der Pfote anstupste.
"Hallo kleine Sheena."
sprach sie etwas leise, senkte dann den Kopf und schnupperte kurz an der Weißen.
"Du glaubst gar nicht wie sehr es mich freut dich kennen zulernen"
fügte sie hinzu, und drückte nocheinmal vorsichtig die Pfote gegen die Kleine. Es würde schon seinen Grund haben wieso Banshee keines der Geschwister Sheenas genannt hatte...
Die ganze, weitere Wanderung über hatte sich der pechschwarze Averic eigentlich immer ziemlich in der Nähe seiner Mutter aufgehalten, zwar nicht zu deutlich, aber dennoch. Seine tiefblauen Augen hatten dabei stetig überwacht, das ihm kein anderer zu Nahe kam, vor allem Acollon nicht, aber der tat ja sowieso, was er am Besten konnte. Sich entfernen, irgendwas anderes tun, nur nicht da sein. War auch besser so.
Nun rasteten sie wieder und wahrscheinlich würde das Rudel nun auch erst einmal hier bleiben. Es scherte ihn nicht sonderlich wo sie sich aufhielten, eigentlich hatte der junge Rüde das Gefühl, es scherte ihn gar nichts mehr. Langsam stapften seine großen Pfoten durch den Schnee und während er sich so umsah, stellte er ärgerlich fest, dass es verdammt schwierig war etwas zu erkennen. Sein Blickfeld bestand aus einem einzigen Durcheinander von Grau und Weißtönen, alles wirbelte zusammenhanglos herum und erschwerte ihm jede Sicht. Tatsächlich fragte er sich, ob wohl ein Farbsehender mehr erkennen konnte, als er, aber trotzdem fand er den kalten Schnee immer noch angenehmer als die brennende Sommersonne. Sich einfach mit dieser Situation zufrieden gebend senkte Averic das kräftige Haupt und tunkte seine pechschwarze Schnauze in das eisige Weiß. Ungewünscht fingen die Gedankenfetzen in seinem Kopf wieder an umher zu schwirren und, wie so oft in den letzten Tagen, hörte er wieder Daylights Geheule in seinen Ohren. Der große Rüde konnte ein Knurren nicht unterdrücken, als er die tiefblauen Augen zusammen kniff und die Zähne entblößte. Da er seinen Fang jedoch tief in den Schnee getaucht hatte und eh niemand in der Nähe war, würde er sowieso weder gehört, noch gesehen.
Und sag auch Cylin das wir ihn vermissen, und das er warten soll, vor allem auf Averic, der an seiner Trauer zerbricht ...
Diese dumme kleine Welpin hatte seinen geliebten Bruder doch gar nicht wirklich gekannt ... Niemand kannte den Träumer so wie er, Averic. Hatte ihn gekannt ... und den Pechschwarzen, die Verdammnis kannte dieses naive Ding auch nicht. Kein Stück.
„Ich zerbreche nicht ...“
Wieder folgte ein Grollen seinen leisen Worten. Ihm widerstrebte das alles, keiner sollte so etwas von ihm denken! Und Daylight hatte es sogar ausgesprochen!
„Ich bin nicht schwach ...“
Averic schlug die Augen langsam wieder auf und starrte böse nach vorne in den Schneesturm. Noch ein Laut des Missgefallen verließ seine Kehle, dann hob der Pechschwarze den Kopf wieder, ohne den Blick vom Nichts zu lösen. Er war stark, kalt und unnahbar, nichts weiter. Das alles würde ihn nicht in die Knie zwingen, obwohl der Schlag heftig gewesen war und ihm tatsächlich mehr zugesetzt hatte, als er geglaubt hätte. Nicht zerbrechlich ... nicht schwach!
Als plötzlich lautes Jaulen und Heulen durch den Sturm drang, zuckten zuerst bloß Averics Ohren herum und anschließend folgte der Blick. Wer zum Teufel war das, wer machte da so einen verdammten Radau? Als es wieder anfing, klappten seine spitz zulaufenden Ohren ganz nach vorne und seine Augenbrauen hoben sich irritiert. Das war doch seine Mutter? Der Jungwolf lauschte angestrengt, konnte die andere Stimme aber keinem Gesicht zuordnen und sein Vater war es ganz bestimmt nicht. Angestrengt verengte der Pechschwarze die tiefblauen Augen, was ihm aber nicht sonderlich half. Grimmig zog er die Schultern hoch und da kam ihm plötzlich eine ganz andere Idee ... Er erinnerte sich noch, als er klein war, hatte sich sein Blickfeld doch hin und wieder komplett schwarz gefärbt und bloß ein paar hauchdünne, weiße Umrisse stehen gelassen. Jeder Wolf wurde durch eine Flamme ersetzt. Stumm stellte sich Averic eine Flamme vor, direkt vor sich, zum Greifen nahe. Und tatsächlich, je mehr er sich konzentrierte, desto dunkler wurde alles um ihn herum, bis es plötzlich schwarz war und Feuer vor ihm aufleuchtete. Auch wenn er dieses Phänomen schon erlebt hatte, so war der Rüde doch wieder fasziniert, vor allem weil ... sie farbig war. Dunkel, aber irgendwie auch nicht. Leuchtend und kräftig, irgendwie kalt. Es war schwierig, wenn man Namen nicht zuordnen konnte. Was war Blau, was Rot, was Grün, was Gelb? Er wusste es nicht. Und er hatte nie gefragt, wie sollte man ihm das auch erklären? Averic war sich nicht einmal sicher, ob überhaupt jemand wusste, dass er keine Farben sehen konnte. Nun ja ... Langsam konnten sich seine Augen von der eigenen Flamme lösen und huschten ganz langsam umher. Ja, jetzt konnte er die Wölfe sehen. In vielen verschiedenen Farben, überall verstreut, so wie die Schneeflocken. Aber sie interessierten ihn gar nicht, wonach er Ausschau halten musste, wusste der Schwarze schon. Automatisch setzten sich seine kräftigen Läufe in Bewegung und einen Hügel später, wusste der Sohn vom Leben und vom Tod, wo sein Ziel war. Eine Flamme, viel größer als all die anderen und so warm und hell, sofort wusste Averic, dass dort seine Mutter stehen musste. Um sie herum waren noch Vier weitere Flammen, eine davon ähnlich wie seine, nur von der Farbe noch tiefer und kräftiger. Das Feuer, welches neben seiner Mutter brannte, irritierte ihn allerdings schon wieder ein wenig. Auch jenes war groß, aber doch ganz anders. Es bewegte sich auch anders, sprühte ab und an Funken und hatte etwas von der Blutsfarbe ... So ähnlich stellte sich Averic richtiges Feuer vor, nur schien dieses noch ein wenig dunkler. Er kannte es nicht. Die Flamme seiner Mutter und die Fremde schienen einander zu umtanzen und glücklich empor zu züngeln, so ... seltsam. Und halt, gleich in seiner Nähe waren auch Zwei. Eine schon wieder ähnlich wie die seiner Mutter, nur kleiner und nicht so stark. Daneben eine noch kleinere, schwächliche ...
Averic war stehen geblieben und hatte mit einem Schließen der Augen den Zauber gebrochen. Er hörte das Rauschen des Schnees wieder deutlicher, spürte den kalten Wind mehr und gab seinen wahren Blick wieder frei. Erneut brach endloses Weiß und Grau über ihn herein, aber es störte ihn nicht. Er wandte den Kopf herum und entdeckte Tyraleen und Amáya direkt in seiner Nähe. Stumm ruhten seine tiefblauen Augen einen Moment auf den beiden, wobei, mehr auf Tyraleen, denn die Schwarze interessierte ihn nicht. Averics Ohren zuckten kurz hin und her, dann ging er an den Welpen vorbei, auf die schemenhaften Gestalten am See zu. Langsam erkannte er dort seine Mutter Banshee, Face Taihéiyo, Kaede, Sheena und ... die Fremde. Sein kalter Blick verengte sich wieder ein wenig und sein ruhiger Trott wurde ein wenig beschleunigt. Die fremde, schwarze Wölfin wirkte mit seiner Mutter sehr vertraut, dennoch kannte er sie nicht und irgendwo gefiel ihm das nicht. Die Fähe weiterhin fixierend kam Averic bei den Wölfen zum Stehen, blickte kurz seine Mutter an und dann wieder zurück.
„Wer ist das?“
Der kräftige Rüde war bald so groß wie seine Mutter, seine Stimme klang schon viel dunkler und tiefer, als es bei einem Jungwolf normal wäre. Natürlich schwang auch in ihr eine gewisse Kälte und Deutlichkeit – er war nicht schwach.
Aufmerksam blickte Amáya erst ihre helle Schwester an, denn achtete sie wieder auf die tanzenden Schneeflocken um sie herum. Ein Wunder...Ja, das war es. Etwas so wunderbares hatte sie noch nie gesehen. Ein wenig glänzten die blauen Augen der Fähe, die sonst immer so schweigsam war.
„Du hast Recht...Es ist wundervoll.“
Mit einem leicht verträumten Ausdruck blickte sie in den Himmel hinauf, wo die weiße Pracht herrührte.
„In der Tat...Es schneet...“
Leicht nickte sie noch ein Mal mit dem Kopf um die Worte noch ein Mal zu bestätigen, als könnte sie es eigentlich gar nicht glauben, was sie da zu sehen bekam. Es war so schön Alles glitzerte und schimmerte, die Schneeflocken die um sie herum wirbelten und sich drehten sahen so traumhaft aus.
„Wer solche Träume wohl träumt?“
Erschrocken über sich selber hielt das Regenkind einen Augenblick inne. Was hatte sie da gesagt? Aber es sah wirklich aus wie in einem Traum. Ganz anders als der Ort wo sie Rast gemacht hatten. Dort war alles nur grau gewesen. Aber hier war es so hell und einfach nur schön. Faszinierte beobachtete Amáya noch einige Flocken, bis sie einen Blick zu Tyraleen wagte. Was würde die Weiße jetzt von ihr halten? Sie hatte sich da einfach Mal wieder etwas zurecht gesponnen, aber möglicherweise war es wirklich wie in einem Traum. Wer weiß? Doch weiter konnte sie sich keine Gedanken darum machen, denn plötzlich hörte sie ihre Mutter rufen. Ihre Tante? Sachte runzelte sie die Stirn und warf Tyraleen einen fragenden Blick zu.
Die Welt um ihn herum hatte endlich wieder Formen angenommen, die Stimmen ertönten zwar noch etwas dumpf in seinen Ohren, aber er hatte nicht mehr das Gefühl zu fallen, seine Erinnerungen holten ihn wieder ein, sein Bewusstsein fing wieder an, alles wahrzunehmen. Sein Atmen hatte sich mittlerweile wieder beruhigt, ihre Worte hatte er nur belächeln können, zu viel Kraft würde es kosten, die Stimme zu erheben, außerdem wusste er nicht recht, was er antworten sollte. Bei seinem Sturz hatte er alles gesagt, was er sagen wollte, zu mehr konnte er Worte nicht formen, einzig in seinen Gesten und seinen Blicken konnte sie seine tiefen Gefühle für sie entziffern. Langsam kamen auch die Schmerzen, er spürte die Eislast auf sich, spürte wie sich sein gesamter Körper vor Schmerzen verkrampfte, jeder Muskeln, jeder Teil seines Körpers schien zu schmerzen. Auch in seinem Kopf entstand ein pochender Schmerz, seine Augenlieder wollten sich schließen, doch da stand Shani schon auf, ihr wehmütiger Laut ließ sein Herz wieder höher schlagen und seinen wachsamen Blick über sie gleiten. Ihr Hinterlauf schien nicht in Ordnung zu sein, doch sonst konnte er äußerlich keine Wunden erkennen. Hiryoga seufzte erleichtert, als sie begann, das Eis von ihm zu schaufeln, war es wie, als wenn man ihm die Last der gesamten Welt vom Rücken nahm, nur kurz wurde dieses Gefühl unterbrochen, als Shani auf ihm lag, ehe die Weiße wieder neben ihm war. Ein dankendes Lächeln hatte sich um seine Lefzen geschlichen, vorsichtig versuchte er tief durchzuatmen, doch ein grässlicher Schmerz zuckte durch seine Brust, sodass er es vermied, sich beim Atmen zu bewegen.
Plötzlich hallte eine dumpfe Stimme zu ihnen nach unten, der Rüde hatte sie zwar schon einmal gehört, war aber in seinem momentanen Zustand nicht in der Lage, sie zuzuordnen. Aber Shani schien es zu können, sie antwortete dem Rüden sogar, wollte er helfen? Erst jetzt bemerkte er, in welch verzwickter Lage sie sich befanden. Der Rüde konnte ihnen nicht helfen, wenn er runterspringen würde, würde er sich alle Knochen brechen, aber auch Hilfe zu holen war sinnlos. Sie mussten von hier unten einen Ausweg finden. Obwohl sich rasend schnell ein grausamer Schmerz durch seinen schwächlichen Körper zog, hob er den Kopf und begann sich umzusehen. Die smaragdfarbenen Augen hatten sich an die Dunkelheit angepasst, sodass er keine Probleme hatte, sich umzusehen. Aufmerksam ließ er den Blick umherwandern, bis auf ein kleines Loch, das vielleicht zwei Pfoten groß war, war hier nichts zu sehen. Verdammt! Sie würden hier elendig verrecken, entweder verhungern, vor Kälte erfrieren oder vor Schmerzen elendig verrecken! Hiryoga drückte die Nase gegen den harten Eisboden, sie waren in einer Gletscherspalte gefangen! Aber nein, das war gerade der Weg, der sie ins Verderben stürzen würde, nur keine Panik. Während er so den Boden betrachtete und sein Blick wieder auf das Loch in der Wand glitt, kam ihm eine Idee, verrückt, aber immerhin etwas. Mäuse verkrochen sich auch unter der Erde, hatten unterirdische Gänge gebaut, das taten viele Tiere, auch Wölfe hatten ihre Geburtshöhlen und es gab immer eine Art Notausgang. Warum auch hier nicht? Ach, das war doch zwecklos! Sie befanden sich in einem Gletscher und in keiner angelegten Höhle. Sein Kopf fiel erschöpft zu Boden, sein Blick war jedoch weiterhin auf die Wand gerichtet, wie dick wohl das Eis sein musste um das Loch herum? Vielleicht gab es ja doch einen Ausweg? Sein Körper wollte sich nicht recht bewegen, sodass er die Pfote gegen die Wand drücken wollte, zumindest um zu testen, ob sich der Aufwand lohnen würde. Sein zitternder Lauf berührte das Eis unter dem Loch, ehe er die Pfote hindurchstreckte und tatsächlich! Das war nicht sehr dick, man könnte es mit ein bisschen Kraftaufwand sicherlich durchbrechen!
Es würde dem Rüden vielleicht seine letzte Kraft rauben, aber sie mussten hier raus, sie musste hier raus, falls er es nicht überstehen würde. Unter entsetzlichen Schmerzen, versuchte er sich auf die Vorderläufe zu ziehen. Zwei Mal jedoch missglückte ihm dies, aber beim dritten Mal, da musste es klappen, nicht umsonst waren es aller guten Dinge drei. Und tatsächlich schaffte er es, sich auf die Vorderläufe zu ziehen, doch zu spät merkte er, dass dies alles andere als eine gute Idee war, denn er konnte nicht mehr atmen, seine Lunge zog sich zusammen, der Brustkorb schnürte ihm die Luft ab, sodass er sich nach vorne fallen ließ, mit dem Kopf und nur halb mit dem Körper gegen die Eiswand klatschte. Ein prasselnder Schmerz breitete sich in seinem Brustkorb aus, erst jetzt kam ihm die Luft langsam zurück, wo er den Brustkorb entspannte und er die Luft gierig jappsend einzog. Dass sich unter ihm eine Blutspur befand, wusste er nicht, er hatte nicht einmal bemerkt, dass er eine Wunde hatte. Einen Augenblick lang verharrte er, ehe er den Körper gegen die Eiswand presste, schon vorhin hatte er sie Knacken gehört und feine Risse hatten sich gebildet, aber nun brach Hiryoga mit dem Eis nach vorne durch, mit einem lauten Knall flog er jäh zu Boden, winselte kläglich auf, als ein erneuter Schmerz ihn durchzuckte.
Ruhig lag die Fähe da sie hatte anstrengende Tage hinter sich gehabt und schlief sich nun richtig aus. Sie hatte gar nicht mitbekommen wie Rasmús aufgestanden war. Sie hatte von den Spielen geträumt von Shani, Rasmus und auch Hiryoga. Als sie jedoch aufwachte konnte sie sich an nichts mehr erinnern. Es schien als währen ihre Träume mit dem Aufwachen weggewischt worden. Und doch konnte sie sich dem Gefühl nicht Endwähren das etwas nicht stimmte. Die Bernsteinfarbenen Augen flogen über die Landschaft und fanden schließlich Rasmus. Doch nur für einen kurzen Augenblick war ihr sein Anblick vergönnt. Sie hörte den Schrei wusste jedoch nicht von wem er kam doch Rasmús schien es zu wissen. Tyel richtete sich vorsichtig auf und schüttelte den Schnee aus ihrem Pelz es waren nur einige Flocken aber sie störten die Fähe. Mit jeder weiteren Sekunde wurde der Drang Rasmús nachzulaufen stärker. Hier stimmte etwas nicht. Die Nackenhaare der Fähe stellten sich auf während sie nun ihre Muskeln anspannte und Rasmús mit einem großen Satz hinterher sprang.
Der Schnee wirbelte um ihre Pfoten mit jedem Aufprall stoben kleine Staubwolken auf. Normalerweise hätte es Tyel Spaß gemacht den Wölkchen zuzusehen. Sie hätte sich über den Schnee gefreut. Über das Wetter und über ihre Bruder der nun Endlich da war. Doch heute war es anders das Gefühl von Gefahr wollte einfach nicht von ihren Schultern fallen. Sie konnte machen was sie wollte. Ihr Blick war auf die Spuren ihres Bruders gerichtet. Sie folgte diesen, trat manchmal sogar nur in seine Tapsen. Achtete darauf ja nicht den Weg zu verlieren. Sie wollte endlich wissen was los war. Sie hasste es in Ungewissheit zu bleiben.
oO Bitte, bitte lass mich nur einen schlechten Tag haben...und eine Gefühlsverwirrung. Oo
Sie wusste selber, dass ihr Gefühl sie selten täuschte. Es war eine Art sechster Sinn der Braunen. Sie wusste nicht was sie damit anfangen konnte wen sie doch nur schlimme Sachen dadurch spürte. Sie konnte sie nicht Rückgängig machen. Oder verhindern. Die Dinge passierten und Tyel musste zuschauen. Konnte nichts tun. Hilflos zusehen. Wie sie es hasste. Die Silhouette eines Wolfes tauchte plötzlich aus dem Weiß auf. Die Ohren der Braunen spitzten sich und ihre Beine wurden langsamer. Sie hatte nicht sehr lange gebraucht bis sie zu Rasmús gelang war. Doch durch die schlimmen Gedanken kamen ihr die Sekunden vor wie Stunden. Erleichtert blieb sie neben Rasmús stehen. Suchte eine Regung in seinem Gesicht. Doch konnte sie nur Angst erkennen. Genau wie in Tyels Herzen. Unendliche Angst, doch Rasmús schien zu wissen wovor.
"Was ist passiert? "
Ihre Stimme hörte sich brüchig an. Irgendwie wie der Schnee selbst. So kalt und ängstlich. Doch die Junge Fähe konnte nichts dagegen tun. Sie wollte dem Rüden Mut machen bei was auch immer. Wollte seine ängstliche Mine vertreiben. Doch wie konnte sie es schaffen wen sie nicht einmal ihre eigene Stimme unter Kontrolle hatte? Ihre Zunge fuhr über ihre eigene Nase. Nervös und aufgebracht. Versuchte sich zu beherrschen. Sie konnte nicht auf die Antwort warten ihr schlechtes Gefühl wurde stärker. Sie bildete sich jetzt sogar schon ein, eine Stimme zu hören. Shanis Stimme. Sie rief den Namen ihres Bruders. Schlagartig stellten sich die Ohren der Fähe weiter auf.
"Ist das Shani?...Was ist passiert?...Warum ist sie dort unten?...Rasmús?"
Sie war sich nicht sicher ob es Shanis Stimme gewesen war. Sie hatte sie viel zu leise gehört. Weit entfernt und unerreichbar. Sie wusste es nicht genau aber es würde alles zusammenpassen. Das schlechte Gefühl, Rasmús der am Abgrund stand und der plötzliche Schrei der sie aus ihrem Schlaf gerissen hatte.
Gefrorene Tränen funkelten im kalten Sonnenlicht. Die kleine, graue Wölfin hob den Kopf, als sie die Stimme ihrer Mutter vernahm, sie richtete die Ohren nach vorn und lauschte den vertrauten Klängen. Banshee rief sie alle zu sich, sie, Tyraleen, Amáya… und nicht Merawin, denn er war nicht mehr da. Daylight schloss die Augen und weitere Tränen quollen unter ihren Lidern hervor. Merawin. Ihr ausströmender Atem malte weiße Wölkchen in die eiskalte Luft.
„Warum, Mama?“
Ihre Stimme war kaum mehr als ein ersticktes Flüstern und mehr an sich selbst gerichtet, als an ihre Mutter. Sie öffnete leicht die Augen und ihr Blick glitt zu ihr, nicht mehr als ein weißes Schemen in der gleißenden Winterlandschaft. Sie wollte Banshee nicht wehtun, wollte nie mehr den Schmerz in ihren Augen sehen. Ein Schmerz der sie zerriss. Sie sollte den Worten ihrer Mutter folgen, Worte die so glücklich klangen, glücklich wie sie sie nie zuvor von Banshee vernommen hatte. Doch selbst ihr Vater und ihre Tante, die wohl soeben zu ihnen gestoßen war und die Daylight nur als ein schwarzes Schemen wahrnahm, keiner von ihnen konnte das zurückholen, was sie verloren hatte. Sie konnten Merawin und Cylin nicht ersetzen, auch wenn sie für ihre Mutter unersetzlich waren. Doch für Daylight waren sie nichts, sie hatte ihre Tante und ihren Vater nie gekannt. Trotzdem, weil sie Banshee nicht wehtun wollte und weil schon ein bisschen neugierig auf ihre Tante war, erhob sich die Kleine aus dem Schnee und schüttelte sich die funkelnden Eiskristalle aus dem silbernen Fell. Ihr Pfoten trugen sie wie von selbst, doch auf halber Strecke hielt sie inne und ihr Blick glitt zum Winterhimmel empor.
„Merawin…“, flüsterte die Graue in die kalte Stille. „Ich werde nun dein Leben für dich leben, ab jetzt will ich nicht länger traurig sein… und wenn die Zeit gekommen ist und sich mir der Himmelspfad offenbart, dann will ich dir von allem erzählen, doch wenn du willst schau selber zu… denn das ich mein Leben lang für dich trauere, dass hast du nicht gewollt, nicht wahr? Und ich will dich nicht traurig machen, für mich wirst du ewig leben, so wie Cylin für Averic leben wird und irgendwann, dann sehen wir uns wieder, dass verspreche ich dir, Brüderchen.“
Ein fröhliches Lächeln huschte über Daylights dunkle Lefzen, mit allen Pfoten gleichzeitig sprang sie in die Luft, genoss den Moment der Schwerelosigkeit, dann jagte sie davon mit großen, geschmeidigen Sprüngen, streckte den schlanken Körper, jener, der nicht mehr lange der einer Welpin war, sondern schon fast dem einer Jungwölfin glich. Freudig bellend erreichte sie ihre Mutter und deren Schwester und hielt vor ihnen inne. Lächelnd blickte sie in die Runde, schenkte Kaede, Face, Sheena, Banshee und auch Averic einen freudigen Blick, dieser der einem zeigte, dass man zusammengehörte, dass man eine Familie war und sich durch nichts auf der Welt mehr trennen ließ. Dann ruhte ihr Blick auf der schwarzen Fähe, die ihrer Mutter so wenig glich, auch ihr schenkte sie diesen Blick und stupste sie liebevoll mit der Schnauze an.
„Du bist also unsere Tante? Wie heißt du? Wo warst du solange? Ich freu mich, dass du zurück bist, jetzt kann Mama wieder glücklich sein und wir haben endlich unsere Tante wieder!“
Ihr Blick huschte zu Banshee, sah wie glücklich sie war und es machte sie auch glücklich, wenn ihre Mutter glücklich war. Sie berührte sie mit einer ihrer Pfoten an der Schulter und schenkte ihr das glücklichste Lächeln, was sie aufbringen konnte, weil sie ihr zeigen wollte, dass sie nicht länger traurig war, auch wenn sie Merawin und Cylin nie vergessen würde. Sie Graue ließ sich auf die Hinterläufe sinken, sah nocheinmal in die Runde und ihr Blick blieb wieder an Banshee hängen. Nachdenklich fuhr sich die kleine Wölfin mit der Zunge über die Lefzen, ihre Ohren schnackten nach vorn.
„Mama? Wo ist Papa?“
Daylight zwang sich dazu, an ihn zu denken, auch wenn sie noch immer nicht positiv über ihn dachte, sie wollte sich zumindest bei ihm entschuldigen, sie wusste, dass sie das tun musste. Banshee würde verstehen, warum sie nach ihm fragte. Daylight Blick huschte über die Schneelandschaft hinweg, dann schaute sie wieder ihre Mutter an, eine kindliche Welpenfrage konnte sie einfach nicht unterdrücken, sie umarmte Banshee mit den Pfoten und fragte leise, sodass nur sie es hören konnte.
„Mama, warum ist Schnee kalt?“
Es war die Art von Frage, die der Kleinen immer auf der Zunge lagen, wenn sie etwas neues entdeckte und auch wenn sie nun fast keine Welpin mehr wahr, wollte sie doch die Antworten auf die Fragen wissen. Ihre Schnauze war noch immer dicht an Banshees Ohr und ihre Augen begannen auf einmal zu leuchten.
„Erinnerst du dich, was du mir damals versprochen hast? Das wir vielleicht einmal auf den Berg gehen, um hinab auf das Wolkenland zu schauen, nun sind wir hier oben… ich habe dich gefragt, warum Schmetterlinge fliegen können. Ich wünschte nur Merawin könnte es auch sehen… wenn wir uns wieder sehen, dann werde ich es ihm alles erzählen.“
Ein weiteres Lächeln zierte ihre Lefzen, sie nahm die Pfoten von Banshees Schultern und ließ sich zurück in den Schnee sinken. Ihre Rute wedelte die weißen Flocken auf, sie war wieder die Alte, ihr Blick glitt zum Himmel und sie lächelte noch breiter.
Reglos hatte Kaede zugehört wie Banshee Nyota von ihren Welpen erzählt hatte. Da war für Banshee wohl ein Traum in Erfüllung gegangen. Leicht seufzte die Graue. Wie gerne hätte sie doch auch Welpen gehabt, doch diesen Traum wollte sie gar nicht weiter träumen. Erstens erschien es ihr unmöglich Welpen groß zu ziehen, zweitens hatte sie sowieso keinen Rüden mit dem sie sich dieses vorstellen konnte. Vor allem nachdem Tyrael sie wieder verlassen hatte. Auch wenn sie ihm nicht nachtrauerte, sie bedauerte es doch, dass er von ihr gegangen war. Und außerdem schon bei dem Gedanken daran, dass diesen Welpen alles Mögliche zustoßen konnte drehte sich Kaedes Magen um. Nein, lieber so leben, ein lieben Paten haben um den man sich kümmern kann und für alle Wölfe so gut es geht da sein.
Sie schenkte Nyota ein lächeln, als diese sie freundlich begrüßte.
„Hallo Nyota. Ganz richtig ich bin Kaede“
Sie merkte, wie andere Wölfe dazukamen.
„Hallo Sheena, Averic und Daylight!”
Sie lächelte ihnen alle zu, ehe sie sich Banshee zu wand. Sie hatte auch ihren Worten ganz genau gehorcht und diese schwirrten ihr nun im Kopf umher. Face hatte sich noch nicht geäußert und so beschloss Kaede eben erst wieder zu sprechen.
„Ich finde es wirklich sehr lieb von dir, dass du mir so viel anvertraust. Ja vielleicht sollte ich mich sogar geehrt fühlen. Und auch wenn ich selber noch nicht so ganz überzeugt bin, dass ich wirklich die richtige bin werde ich es doch versuchen. Ich werde versuchen ein guter Beta für das Rudel zu sein, dir mit Rat und Tat zur Seite zu stehen und dem Rudel so gut zu helfen, wie es in meiner Macht steht. Ich hoffe du wirst zufrieden sein, mit dem was ich leisten kann, was ich versuche und wenn du meinst, dass ich doch nicht dafür geschaffen bin und du jemand besseren findest, zögere nicht mir dies mitzuteilen, ich werde keinerlei Problem damit haben.“
Lächelnd endete Kaede und nickte Banshee fröhlich zu. Sie schüttelte sich kurz und blinzelte dann ein wenig. So sollte es wohl sein, dann würde sie ab jetzt wohl die Beta Fähe dieses Rudels sein, mal sehen wie sie sich so anstellen würde. Sie hoffte, dass Banshee nichts an ihr auszusetzen haben würde, doch innerlich stellte sie sich schon auf viele Zurechtweisungen ein, obwohl dies ja eigentlich gar nicht schlimm wäre, schließlich konnte sie aus ihren Fehlern nur lernen. Sie schenkte Banshee und Nyota noch ein strahlendes lächeln und stupste Banshee dabei liebevoll an.
„Es freut mich wirklich Banshee, dass kannst du mir glauben“
Sie trat wieder einen Schritt zurück. Wollte nun nicht weiter stören. Würde noch abwarten was Face antwortete und dann würde sie sich etwas zurückziehen, denn es standen schon wieder so viele Wölfe um Banshee herum, die sie ansprachen und irgendetwas von ihr wissen wollten, da wollte sie nicht dazwischen stehen, wenn sich doch all ihre Fragen schon geklärt hatten.
Der Schnee kam immer noch in Massen vom Himmel und Kaede überlegte, ob sie später wohl die Höhle finden würde. Aber sicherlich würde sie dies, sie war einmal schon in ihr gewesen und einige Wölfe würden sicher in ihr ruhen. Außerdem konnte sie sich im Notfall immer noch an irgendeinen ihr bekannten Wolf hängen, welcher sie dann mit dorthin nehmen würde.
Sheena blickte verdutzt Nyota an, welche sie fröhlich angesprochen hatte. Verwirrt blinzelte die Kleine. Wieso sollte Nyota erfreut sein sie kennen zu lernen? Dann spürte sie Pfote Nyotas an ihrem kleinen mageren Körper und hüpfte erschrocken zurück. Angstvoll verzog sie ihr Gesicht und ein flimmern zog über ihre Augen.
Murmelnd vergaß sie für ein paar Augenblicke, dass sie sich inmitten von ein paar Wölfen befand, oder besser gesagt durch ihren Rückwärtssatz eher außerhalb des Kreises der Wölfe.
„Warum sind manche Wölfe so nett zu mir? Was habe ich früher falsch gemacht? Warum haben sie mich verlassen? Warum haben sie mich verlassen ohne irgendetwas zu sagen? War ich früher so unausstehlich? Warum bin ich es dann jetzt nicht mehr? Warum kann man sich freuen mich kennen zu lernen? Warum behandeln sie mich so lieb? Lieber auf Abstand halten, lieber niemanden an dich ranlassen, dann ist es auch nicht so schwer, wenn ein Wolf das Rudel wieder verlässt, wenn man sowieso keinen Kontakt zu ihnen hatte, dann vermisst man die Wölfe sicherlich auch nicht so schnell. . . Das ist alles so verwirrend, ich verstehe das alles nicht“
Leise und schnell kamen die Worte aus dem Maul Sheenas. Durch den Schneesturm waren ihre Worte sicher schwer verständlich gewesen, doch hatte Nyota sie neben sich sicher vernehmen können. Plötzlich zuckte die Kleine wieder zusammen, ihre glasigen Augen nahmen wieder einen lebhaften Ausdruck an und plötzlich die Kälte spürend trat die Kleine wieder zwischen die Körper Banshees und Nyotas. Sie blickte Nyota an.
„Warum nicht?“
Wieder war es nicht mehr als ein murmeln. Ein strahlendes lächeln legte sich auf Sheenas Lefzen. Sie stupste die Fähe freundschaftlich an die Brust und rückte ein bisschen näher zu ihr, nicht nur um ihr zu zeigen, dass sie sie nett fand, sondern auch um etwas der Wärme aufzufangen, welche die große Fähe verstrahlte. Vertrauensvoll blickte Sheena wieder zu Nyota.
„Du bist also Banshees Schwester? Und du hast Hidoi und Hanako nie kennen gelernt? Das ist schade, du hättest dich sicher prächtig mit ihnen verstanden, aber so haben sie dich wenigstens nicht traurig gemacht.“
Sie verstummte und richtete ihren Blick unbestimmt zwischen den Wölfen hindurch, durch das Schneetreiben in die Ferne. Ihre Rute hatte sie eng um sich geschlungen, als sie so dasaß, an Nyota gedrängt um nicht zu frieren, in der Hoffnung ihr würde dies nichts ausmachen.
Face Taihéiyo zuckte unweigerlich mit dem Kopf zurück, als die schwarze Wölfin einfach so einen Satz vor ihn machte. Meister Schwarzpelz? Irritiert drehte sich eines seiner abgerundeten Ohren zur Seite, Banshees Schwester war wirklich erstaunlich anders. Sonst blieb seine Mimik jedoch regungslos und er richtete seine Lauscher wieder nach vorne. Nyotas Grinsen sah aus, als wolle sie damit einen Preis gewinnen.
„Ja, Face Taihéiyo.“
Der Tiefschwarze senkte sein Haupt wieder ein wenig, als Kaede zu der Gruppe trat und noch mal auf das Beta-Thema zusprechen kam. Er hörte nicht genau hin, die vielen Worte interessierten ihn nicht, sie zogen nur so an ihm vorbei, doch als die Weiße schließlich seinen Namen erwähnte, wandten sich seine saphirblauen Augen wieder der Leitwölfin zu. Ja ... was war mit ihm ... Er wusste es nicht. Aber das konnte er nicht sagen. Nur, jetzt wieder in jene Gedanken zurück zu verfallen, die er eben schon hatte, würde ihm auch nichts nützen. Es war ja eh schon alles zu spät, die Gesellschaft war da, der stille Ozean schwappte stumm um sie herum, jeder konnte Steine in das Wasser werfen. Nur keiner würde das richtige Ziel treffen. Denn der Grund lag in endloser Tiefe und auf der Oberfläche tanzten kalte Flammen, die alles noch weit genug von sich weg hielten. Face ließ Kaede noch einmal zuende sprechen, dann erhob er leise, aber klar das Wort.
„Ich weiß nicht, ob ich für diese Aufgabe geeignet bin, aber ich würde es gerne versuchen ...“
Es hatte wohl niemand erwartet, dass er mehr sprechen würde, als nötig war, oder gar so etwas von sich gab wie; „Ich fühle mich geehrt.“ Oder so ... das war nicht er, so war vielleicht die blinde, aber nicht er. Der Tiefschwarze sagte damit zu und für ihn reichte das. Kurz driftete sein saphirblauer Blick noch einmal über die anderen – der Kreis wurde immer größer, was ihm nicht sonderlich gefiel – und suchte dann eine Sekunde nach Tyraleen. Immerhin hatte Banshee sein Patenkind auch her gerufen. Aber dann richtete er seine Aufmerksamkeit erst einmal wieder der Weißen zu.
Abseits saß der Wächter und betrachtete still und ruhig die Anwesenden. Er hatte die Alpha und die um sie herum stehenden gut im Blick, bemühte sich jedoch, nicht zu lauschen. Er konzentrierte sich auf die anderen Geräusche um ihn herum, er versuchte nach Vögeln zu lauschen, doch nichts. Das einzige einprägsame Geräusch an diesem Ort war wohl der eisige Wind, der über den blendenden Schnee schabte. Für Siléo war der Aufstieg in die frostigen Höhen nicht so beschwerlich wie für viele andere gewesen. Zum ersten kannte er lange und beschwerliche Wanderungen und zum zweiten lastete auf ihm nicht die Trennung von einem geliebten Revier. Noch immer wusste er nicht genau, was passier war, warum die Sternenwinde hier oben verweilten und scheinbar Schutz suchten.
Sein Blick schwank ein wenig umher, ehe er wieder zu Banshee zuckte, die immer noch beschäftigt war, wie zu seiner Ankunft. Es bedrückte ihn schon ein wenig, sodass er nun endlich aufstand und sich ein wenig schüttelte. Kalter Wind zog ihm durch das Fell, Eiskristalle schwebten durch die eiskalte Luft. Der graue Rüde wandte sich nun gen See und blickte über die sich kräuselnde Oberfläche. Er hatte sich seit seiner Ankunft sehr bedeckt gehalten, begünstigt wurde das Ganze durch die Tatsache, dass sich niemand mit ihm beschäftigte. Jeder war mit sich selbst oder seinen engsten Vertrauten beschäftigt, sodass sie allesamt den Fremden Einzelgänger in Ruhe ließen. Er hatte wohl seit dem letzten Gruß an die Toten kein Wort mehr gesprochen, nicht auf der Wanderung, nicht hier. Er schien sich schon der Umgebung angepasst zu haben: still, kalt. Langsam wandte er seinen Blick zurück zur Alpha, ehe er seine Pfoten erwachen lies und langsam voran trat, den Blick aus den blauen Augen, die dem Gletscherwasser so ähnelten, auf den weißen Schnee gerichtet, der unter seinen Pfoten zusammengedrückt wurde und leise knirschte.
Er fragte sich, wie man hier Nahrung finden könnte und marschierte weiter, immer weiter am Rande des Sees entlang, wie ein einsamer Wanderer, der in einem Revier nicht bemerkt worden war. Vielleicht war dies doch der perfekte Ort zum Leben. Für ihn vielleicht. Vielleicht passte er hier genau hin?! Stille, stille die er doch so lang gesucht hatte. Futter brauchte er nie viel, er war ein durchschnittlicher Rüde mit unterdurchschnittlicher Kraft und verbrauchte daher recht wenig Energie. Und an die Kälte, an die könnte man sich sicher gewöhnen.
25.12.2009, 11:45
Banshee betrachtete liebevoll, vielleicht ein wenig zu liebevoll, die weiße Jungfähe vor ihr und versuchte sich klar zu machen, dass Shenna schon längst dem Welpenalter entwachsen war, auch wenn sie von ihrem kindlichen Gemüt geleitet noch so oft an die kleine Welpin erinnerte, die sie gewesen war, bevor ihre Eltern sie zurückgelassen hatten. Viel zu früh hatte sie so ihre Kindheit aufgeben müssen und erneut spürte die weiße Leitwölfin die brodelnde Schuld, sich nicht genügend um die Fähe gekümmert zu haben. Bald war Sheena erwachsen und doch sah sie sie manchmal noch immer als Welpen an, es lief etwas falsch. Vielleicht sollte sie gerade deshalb mit ihr über ihre Eltern reden und ihr alle Fragen beantworten, die sich in der Weißen angestaut haben mussten … vielleicht war dann der Weg frei für eine neue Richtung und ohne stets bei dem Anblick der Jungfähe an Hanako und Hidoi denken zu müssen. Wie sie da so saß und freundlich und aufmerksam versuchte, sich irgendwie zu beteiligen, Nyota zurückhaltend aber ebenso freundlich begrüßte und so vernünftige Worte an sie richtete, empfand Banshee das tiefe Bedürfnis, ihr zu helfen.
“Oh, es ist nicht deine Schuld. In letzter Zeit schien jeder Moment ein ungünstiger gewesen zu sein, es ist sehr viel passiert. Möchtest du alleine mit mir reden oder ginge das auch hier?“
Es wäre sicher praktischer, wenn sie sich nicht erst vom Rudel entfernen müssten und sie könnte ein wenig den Überblick behalten, aber sie wollte Sheena keines Falls ein vertrautes Gespräch verweigern, sie selbst hätte auch nicht gerne in mitten einer Wolfsmenge über ihre Eltern geredet. So lächelte sie der Fähe auch freundlich zu und forderte sie mit den Augen auf, ehrlich zu antworten. Aber wie immer wurde sie zunächst abgelenkt, diesmal von ihrer Schwester die wie immer begann, gute Lauen zu verbreiten. Banshee bemerkte Nyotas Blicke zu Face durchaus und schmunzelte in sich hinein, trotz der zwei Jahre, die sie sich nicht gesehen hatten, war ihre Schwester noch immer die Gleiche. Mit einem fast verschmitzten Lächeln erwiderte sie den warmen Blick und verfolgte die ebenso freudige Begrüßung Kaedes. Nyota war ein Segen, so anders als sie und doch genau deshalb so wertvoll … besonders für sie. Die Reaktion ihrer Schwester auf die traurige Botschaft zweier toter Neffen nahm sie hin ohne es zu kommentieren. Nun wollten schon zwei Wölfe Rache, das konnte sie in der ganzen Körpersprache Nyotas lesen. Acollon und Nyota … Banshee würde, wenn der Zeitpunkt gekommen war, keinen von beiden daran hindern, dem fremden Rudel den Schmerz zuzufügen, den sie ihnen zugefügt hatten … aber sie würde sie auch nicht unterstützen. Ihr Part war die Vergebung und die Hingabe in ihr Schicksal und das ihrer Umwelt, kein anderer hätte zu ihr gepasst und kein unpassender Gedanke regte sich dagegen, trotzdem wollte sich die Wut über diesen unfairen Angriff auf einen hilflosen Jungwolf, fast noch Welpe, nicht legen. Sie war fast froh, als die schneidende Stimme Averics ihre Gedanken unterbrach und sie seinen nicht wirklich freundlichen Blick auf Nyota sah. Trotz dieser eigentlich eher abschreckenden Gesten, spürte sie warme Zuneigung aufquellen, wie für einen kleinen trotzigen Welpen, der Averic schon lange nicht mehr war. Liebevoll fuhr sie ihm mit der Zunge über das Ohr und wurde sich bewusst, dass sie sich schon bald nach seiner Stirn würde recken müssen, er wuchs und wuchs und schien sie schon bald überholt zu haben.
“Das ist deine Tante, mein Sohn, Nyota. Schwesterherz, das ist mein ältester Sohn Averic.“
Sie war sich sicher, dass Nyota hinter der kalten Fassade des Schwarzen den Jungwolf und Sohn sah, den Banshee liebte und der den Stolz, der in ihrer Stimme mitschwang erklärte. Es war eine Bindung zwischen ihrem Sohn und ihr entstanden, die weder bei einem ihrer anderen Kinder noch zu den Welpen dieses Jahres zu spüren war. Die Welpen waren dafür noch zu jung, im Moment waren sie ihre kleinen Schützlinge, die Liebe und Aufmerksamkeit brauchten, die aber noch zu jung für eine erwachsene Bindung auf gegenseitigem Vertrauen waren. Und ihre anderen Kinder, die schon fast erwachsen waren, zeigten sich immer seltener. Hiryoga war lange fort gewesen und ein klärendes Gespräch hatten sie bis heute nicht geführt, die anderen drei sah sie immer seltener. Und so war da ihr Averic, von den meisten nicht verstanden, rebellisch und scheinbar so kaltherzig und dabei seinem Vater, den er zu hassen meinte, so ähnlich. Aber auch in diesem Gedankengang wurde sie unterbrochen, Daylight kam wie immer wie ein Bündel purer Freude angesprungen und begrüßte Nyota übermütig. Ein Lächeln schlich sich auf Banshees Lefzen, nun würde Nyota also ihre ganze Familie kennenlernen. Die Pfoten ihrer Tochter an ihrer Schulter und das Lächeln, für das sie so glücklich zu strahlen versuchte wie sie konnte, ließen einen warmen Schauer der Geborgenheit über ihren Rücken laufen und erneut empfand sie Stolz für diese wunderbare Familie. Auch wenn sie die Frage nach Acollon nur abwehren konnte. Niemand hatte etwas von einer perfekten Familie gesagt.
“Ich weiß es nicht, Daylight, mein Schatz. Er kommt sicher bald wieder.“
Das Sicher war genauso sicher wie unsicher und ihre Tochter damit enttäuschen zu müssen, dämpfte ihre Freude ein wenig. Aber Daylight schien sich nicht so leicht von der Frage umstimmen lassen, schon wollte sie die Kälte des Schnees ergründen und erinnerte sie fast im gleichen Atemzug an ihr Versprechen, das sie nun tatsächlich eingelöst hatte. Auch wenn in dem Schneetreiben keine Wolke im Tal zu erkennen war … aber auf dem Rückweg, dann vielleicht … wenn es einen Rückweg gab.
“Er ist kalt, damit er nicht zu Wasser wird. Denn wenn er die Wärme deiner Zunge spürt, schmilzt er und wird zu Wasser.“ Sie lächelte leicht, bevor sie etwas leiser fortfuhr. “Und natürlich habe ich es nicht vergessen. Die Wolken werden wir an einem anderen Tag gemeinsam betrachten. Aber in den Bergen sind wir schon, auch wenn ich wünschte, ich hätte sie dir unter schöneren Umständen zeigen können.“ Sie fuhr ihrer Tochter mit der Zungesanft über sie Stirn. “Merawin schaut oben aus dem Himmelsland auf uns herab und steht uns allen und dir bei.“
Erneut stupste sie sie sanft an, dann richtete sie sich wieder auf und sah ruhiger aber mit einem ebenso fröhlichen Lächeln zu Kaede. Ihre Worte berührten sie und bestärkten sie noch mehr in dem Wissen, eine gute Wahl getroffen zu haben. Die Graue nahm ihre Aufgabe ernst und das beidseitige Vertrauen war so deutlich spürbar, dass die Weiße es fast sehen konnte. Glücklich berührte sie die Graue an der Stirn und strich mit ihrer Schnauze durch das weiche Nackenfell.
“Ich danke dir, Kaede.“
Viel mehr musste sie nicht sagen, sie hatte eine neue Beta und war nicht nur sehr erleichtert, sondern auch ebenso froh darüber, dass es Kaede war. Dass die Graue sich schon wieder aus dem Geschehen entfernen wollte, verstand die Leitwölfin, es herrschte viel Trubel und auch sie wäre nun nachdenklich und müsste sich über die neue Aufgabe Gedanken machen. Erwartungsvoll sah sie schließlich zu Face und hatte seine Worte schon bevor er sie ausgesprochen hatte erahnt. Sie verstand seine Gedanken und wusste, dass sie bei den anderen Rudelmitgliedern wohl noch mehr vorhanden waren, trotzdem nickte sie sachte und lächelte.
“Ich danke auch dir, Face. Ich habe lange darüber nachgedacht und trotz deiner Zweifel glaube ich noch immer, dass es wenige gibt, die geeigneter wären. Also darf ich euch beide ab heute meine treuen Betas nennen?“
Die Frage richtete sich wieder an Kaede und Face, in ihr schwang erneut etwas Stolz mit, wie es aussah, waren beide, zwar etwas zweifelhaft aber das zeigte noch mehr ihr Verantwortungsbewusstsein, die beste Wahl gewesen, die sie hatte treffen können.
Es vermochte Nyota kaum zu enttäuschen wie ruhig der Schwarze ihre Begrüßung hinnahm, zwar warf sie ihm noch einen schelmisch-fragenden Blick zu, doch erhoffte sie sicvh keine Antwort - eine Art knisternde Stille rankte sich um die dunkle Gestalt des Rüden, die alles Feuer zu verschlingen schien bevor es ihn erreichen konnte. Die Schneegraue schien da ein wenig offener, benatwortete ihr Lächeln, richtete freundliche Worte an sie und wand sich dann, wie auch der Schwarze, an Banshee. Das passte ihr ganz gut, denn die junge Fähe neben ihr war soeben zurück gesprungen.
Mit einem vorsichtig-fragendem Blick sah sie die Kleine an, hörte die Worte die nur dafür gedacht schienen vom Wind hinfortgerissen zu werden, und senkte den Kopf ein Stück, dabei auch einen Schritt vortretend.
Sie sprach nicht lauter als Sheena es getan hatte, doch streckte sie die Schnauze dich zu ihrem Ohr, sodass es ihr keine Mühe machen würde es zu verstehen.
"Manchmal lässt einem das Schicksal keine Wahl, manchmal ist der Weg bereits geebnet der vor einem liegt - ich bin mir sicher dass du stets so ein hübsches Wölfchen warst wie du es jetzt ist. Niemand könnte es über sein Herz bringen dich zu verlassen nur um dir wehzutun"
Sprach sie leise. Sie konnte sich die Geschichte der Kleinen nur aus den ihr gegebenen Bruchstücken zusammenreimen, und sie konnte nur hoffen dass ihre Worte die gewünschte Wirkung erzielten, aber sie musste es wohl darauf ankommen lassen.
Als die Weiße wieder näher trat legte sie sanft ihre Pfote um sie, lauschte ihren Worten und bewunderte diese schlagartige Stimmungsänderung. Doch so war es gar nicht verkehrt, und sie konnte sich sehr am Lächeln der Fähe freuen.
"Es ist niemals zu spät. Wer weiß ob ich sie nicht doch eines Tages kennenlerne. Aber, ja, ich bin Banshees Schwester. Wir haben zusammen dies Rudel gegründet."
Sie drückte nocheinmal sanft die Schnauze in Sheenas Fell, als auch schon die nächste ankam - Daylight kam herangetobt und überschüttete sie auch sogleich mit Fragen. Grinsend wand sie ich an die Braune und sah lächelnd zu ihr herunter.
"Mal langsam mit den jungen Pferden. Jaah, ich bin wohl deine Tante"
meinte sie freudig, nahm die Pfote hoch die sie um Sheena gelegt hatte und stupste Daylight vorsichtig damit gegen die Nase. Als sie die Tatze von Sheena löste schenkte sie der Weißen noch ein Zwinkern.
"Ich heiße Nyota. Und wie heißt du?"
meinte sie, und dachte einen Moment lang sich selbst in dem ungestümen Wesen der Braunen wiederzuerkennen.
"Ich war überall. Ich war auf dem höchsten Gipfel und im tiefsten Tal, im finstersten Wald und im sumpfigsten Moor. Meine Pfoten sind durch Matsch und Lehm, über Baumstämme und Moos, über harten Fels und über weichstes Gras gegangen. Und nun bin ich wieder hier, nachdem ich die Welt kenne und weiß, wo mein Herz begaben liegt"
schloss sie ihren kleinen Vortarg lächelnd, bei den letzten Worten huschte ihr Blick kurz zu Banshee und sogleich wieder zu Daylight zurück, die sich auch an Banshee gewand hatte. Ja, wo war er eigentlich, ihr dunkler Gegenspieler? Sie hatte ihn noch nicht zu Gesicht bekommen...
Doch kaum hatte sie den Gedanken gefasst wurde sie auch schonwieder unterbrchen, und einen Moment lang glaubte sie ihre Frage auch schon beantwortet - doch es war nicht Acollon der da auf sie zutrat.
Mit dunkler Stimme wand der Rüde sich an Banshee, und sogleich erinnerte er sie wieder an Acollon, ein frischer Schauer zog über ihen Rücken, und ihr Fell stellte sich zur Bürste und glättete sich sogleich wieder. Acollon hatte sie damals ganz ähnlich begrüßt, und es war daraus eine heftige Rivalität entstanden. Dennoch legte sich nun ein Schmunzeln auf ihre Leftzen, den Banshee kam ihr schon zuvor.
"Hallo Averic"
Sprach sie, wieder das schelmisch-vergnügte Lächeln auf den Leftzen, und nickte ihm zu. Welch seltsame Fügung dass er sogar das Auftreten seines Vaters so gekonnt beherrschte - es war sicher noch nicht einmal Absicht.
"Schön dich kennenzulernen"
fügte sie grinsend hinzu, und schob sich sanft gegen Sheena, während sie den Rüden musterte.
Banshee hatte schon wieder so viele Fragen gestellt bekommen, dabei schien es Sheena, als ob nicht sonderlich viel Zeit vergangen war. Doch sie geduldete sich, Nyota neben ihr schien sehr freundlich zu sein und Sheena fühlte sich hier zwischen den anderen Wölfen allmählich wohl. Als Banshee ihr erklärte, dass es nicht ihre Schuld war, dass sie immer so unpassend kommen würde lächelte die weiße leicht. Das war ja immerhin etwas. Schließlich stimmte es, sie konnte ja nicht ahnen, dass Banshee so belagert wurde. Also Sie dann gefragt wurde ob sie dies auch hier klären konnten wurde ihr etwas mulmig. Im großen und ganzen hatte sie kein Problem damit, auf der anderen Seite musste ja auch nicht jeder hier wissen was passiert war oder? Oder wussten sie es einfach alle schon? Sheenas Blick glitt irritiert über die anwesenden Wölfe. Dann blickte sie Banshee wieder an, ihre Augen verstrahlten eine Wärme, welche schon lange nicht mehr in ihnen zu sehen gewesen war. Sie nickte leicht.
„Ja Banshee, es ist in Ordnung, wenn wir es hier besprechen. Hier ist es wärmer als wenn wir alleine rum stehen und es erspart und jede Menge Zeit. Ich sehe ja, dass du nicht so viel Zeit hast. Und es macht mir auch nichts aus, wir müssen es ja nicht gerade in die Runde brüllen und darauf achten, dass es auch ja jeder mitbekommt!“
Ein leichtes grinsen legte sich auf Sheenas Lefzen. Ja, es war die richtige Entscheidung gewesen, dass wusste sie bereits jetzt. Doch was genau wollte sie eigentlich fragen? Innerlich türmten sich die Fragen in ihr, aber wusste sie nicht genau wie sie alles formulieren und ausdrücken sollte.
Nyotas Worte drangen zu ihr durch und auch, dass sie die Pfote um Sheena legte und ihre Schnauze sanft an sie drückte. Sie hatte also kein Problem damit, dass Sheena sich an sie kuschelte, nein im Gegenteil sie schob sich selber sanft gegen sie. Sheena lächelte Nyota wieder zu.
„Dankeschön. Es wäre sehr schön, wenn du sie kennen lernen würdest, auch wenn ich nicht wirklich daran glaube. Aber es ist schön den Gedanken zu haben, dass sie wieder kommen. Und dass sie mich nicht verlassen haben weil ich ein so komischer Wolf bin!“
Damit wand sie sich Banshee zu. Durch Nyotas Worte war ihr eine Frage eingefallen, die sie mühelos formulieren konnte. Es war Banshee schließlich recht ihr hier die Fragen zu beantworten so konnte sie auch jetzt damit anfangen. Einmal noch schob sie ihre Schnauze in Nyotas Fell und dann kuschelte sie sich nur noch leicht an sie, den Blick aber zu Banshee gewandt. Sie legte ihre Stirn in Falten, behielt aber trotzdem ein kleines Lächeln auf den Lefzen.
„Weißt du warum sie das Rudel so fluchtartig verlassen haben? Weißt du warum sie mich zurück gelassen haben? Ich habe so viele Fragen, weißt du, aber es ist so schwer die richtigen Worte zu finden, ich hoffe du verstehst das. Doch dies sind glaube ich meine wichtigsten Fragen. Und ob ich ein so schrecklicher Welpe war wie ich es denke? Haben sie uns verlassen, weil ich so komisch war? Weil ich so hilflos und hilfebedürftig war? War es deshalb? Haben sie es nicht ausgehalten einen Sohn verloren zu haben und eine Tochter zu haben die nicht ganz richtig im Kopf ist!? War ich schon immer so? Oder kam das erst nach der . . . Jagd? Und weißt du ob sie noch leben?“
Stockend und gleichzeitig sprudelnd kamen die Worte aus ihr, jetzt hatte sie doch mehr gefragt als sie vorher im Kopf gehabt hatte, aber so war es oft, fing man erst einmal an zu sprechen, ergeben sich die anderen Fragen meist. Dann kommen sie leichter aus der Schnauze heraus. Nun war Sheenas lächeln jedoch erloschen. Ängstlich und gespannt auf die Antwort wartend hatte sie sich eng an Nyota gedrückt. Ihre Augen huschten hektisch zu den anderen. Was würden sie von ihr denken? Hatten sie überhaupt zugehört? Ein monotones Zittern stellte sich bei der weißen Fähe ein, welches ihren ganzen Körper schüttelte, was sie jedoch krampfhaft versuchte zu unterdrücken. Ihre Ohren hatten sich schüchtern an den Kopf gelegt und wie früher war die Panik in ihren Augen aufgeflackert. Der Körper hatte die Altbekannte Fluchtstellung eingenommen, bereit jeden Moment davon zupreschen und nie mehr zurück zu kommen.
Leicht nickend lächelte Kaede Banshee zu. Nun war sie also Beta. Und Face hatte mit wenigen Worten wie immer ebenfalls seinem Amt zugestimmt. Also waren sie beide nun Beta. Kaede lächelte leicht. Eine schöne Aufgabe, wenn auch sicher nicht einfach und es lastete viel Verantwortung auf ihr, das alles machte ihr jedoch nicht so viel aus. Sie lauschte noch eher unbeteiligt den anderen Wölfen, ehe sie in Sheenas Richtung blickte, welche sich leise mit Banshee unterhielt. Dann lies sie ihren Blick weiter gleiten zu Nyota, die direkt neben Sheena stehen musste. Sie lächelte ihr freundlich zu. Nyota schien eine aufgeweckte und fröhliche Fähe zu sein. Das Lächeln verwandelte sich kaum merklich in ein freudiges Strahlen. Sie wusste selber nicht genau weshalb. Sie hatte sich über die freundliche Begrüßung der Fähe sehr gefreut. Nur fand sie es so jammerschade, dass sie von all den Wölfen die neu gekommen waren und auch neu kommen würden immer nur ein vages Bild vor Augen haben würde. Selbst wenn ihr jemand einen Wolf beschrieb, konnte es in ihrem Kopf immer noch ein komplett anderes Bild sein, als wie der Wolf war. Sie seufzte leise und drehte sich dann langsam und ruhig um. Sie wollte nicht hier irgendwie rum stehen und stören. Banshee hatte viel zu tun und die anderen Wölfe unterhielten sich auch teilweise oder verfolgten vielleicht die Gespräche der anderen. Sie witterte kurz. Versuchte sich zu orientieren. Wittern war zwar schwer, doch wenn sie sich genug anstrengte konnte sie schwach Midnights Geruch erkennen. Sie tappte etwas unsicher langsam auf ihren dicken Pfoten voran, sein Geruch wurde stärker und sie heulte in den Wind.
„Midnight?“
Sie blieb stehen und als sie ihre Schnauze nach vorne schob stieß sie gegen einen eiskalten und mit Schnee bedeckten Felsen. Was für ein glück sie doch gehabt hatte, dass sie genau jetzt stehen geblieben war. Oder war da etwa einer ihrer Sinne im Spiel gewesen, der sie instinktiv gewarnt hatte? Darüber zerbrach Kaede sich den Kopf, als sie vorsichtig einen Schritt zur Seite machte. Langsam umrundete sie den Felsen, welcher den Weg versperrte. Sie merkte, dass sie sich von dem See entfernte, denn der Geruch des Wassers wurde immer schwächer. Vorsichtig ging sie also weiter, darauf bedacht nicht in irgendein Loch zu treten. Sie vertraute ihren Sinnen nicht wirklich, hatte das Gefühl sie könnte jeden Moment irgendwo hineinstürzen oder irgendwo gegen laufen. So kam sie nur sehr langsam voran, aber vielleicht würde Midnight ihr ja auch antworten und ihr so ihre Suche erleichtern. Sie wusste, dass sie wenigstens schon mal in die richtige Richtung unterwegs war. Sie lächelte immer noch leicht, wenn auch ein wenig verbissen. Sie würde das hier schaffen. Sich selber Mut zusprechend ging sie etwas schneller vorwärts. Midnight war doch weiter weg, als sie gedacht hatte. Der Schnee knirschte leise unter ihren Pfoten und der Wind fuhr ihr durch das dichte graue Fell. Sie hob ihre Schnauze in Windrichtung und flüsterte einige Worte.
„Hallo. Ich muss dir für so vieles Danken! Noch nie bin ich wirklich auf die Idee gekommen, dir meinen Dank auszusprechen. Ich vermute du wirst mich nicht verstehen, aber vielleicht meine Geste. Ich danke dir dafür, dass du mir so viel erzählst, so viel über die weite Welt. Stets warst du mein treuer Begleiter und hast mich unterhalten in den einsamen Stunden. Du hast mir den Weg gewiesen und wirst ihn mir hoffentlich auch immer weiter weisen. Durch dich kann ich einigen Hindernissen rechtzeitig ausweichen, welche vielleicht mein Leben beendet hätten. Vielleicht bedeute ich dir nicht viel, aber du bist mir sehr wichtig! Dankeschön“
Kaede glaubte ganz fest daran, dass der Wind aus irgendetwas Lebendem bestand. Schließlich redete er mit ihr. Vielleicht waren es viele Geister, welche wild umhertobten. Das war Kaedes liebste Vorstellung. Viele verschiedene Geister, welche entweder ruhig zusammen ruhten oder ausgelassene Feste feierten. Doch stets waren sie für Kaede und gewiss auch andere Wölfe da. Stets geleiteten sie sie und so hatte Kaede das Gefühl würde sie nie alleine sein. Die Geister, die sie niemals gesehen hatte, hatten trotzdem einen hohen Platz bei ihr. Vielleicht würden einige Wölfe sie für verrückt erklären, aber das störte sie nicht. Sie hatte ihre eigene Vorstellung von der Erde auf der sie lebte. In allem war Leben. Warum also nicht auch im Wind? Sie lächelte leicht und senkte ihre Schnauze wieder. Sie lauschte kurz und es war ihr, als ob sie eine Antwort erhielt.
~Wir danken dir liebe Kaede. Wir werden für dich da sein, immer wenn du uns brauchst!~
Der Wind wisperte und flüsterte um sie herum und nun lächelte Kaede wieder fröhlicher. Ihre Zweifel waren verschwunden, es konnte ja sein, dass sie sich dies nur einbildete, aber es war ja keine schlechte Einbildung, welche sie in die Irre leitete, von daher war es Kaede egal ob es real oder nicht war. Sie ging nun zügig weiter in die Richtung von Midnight. Froh ihn kennen gelernt zu haben.
Eiskalt war alles um sie herum, eiskalt und weiss, weiss wie ihr Fell, welches sie unsichtbar werden liess in dieser Schneewüste. Sie war schon geraume Zeit etwas abseits vom Rudel und hatte sich in Gedanken fallen lassen, Gedanken, welche sie sich geschworen hatte niemals wieder zu denken, doch es liess sich nicht vermeiden, es war genau wie damals, Flucht,...Schnee,...Kälte und dann leere, eine innerliche Leere, doch das schlimmste war die Einsamkeit gewesen, welche sie gepeinigt hatte, welche sie niemals mehr hatte loslassen können!
Und nun, sie wusste, sie gehörte einem Rudel an und doch jetzt wo alles wieder hochkam, fühlte sie sich einsam und verlassen, alleine mit sich und den peinigenden Gedanken, doch sie wollte nicht weiter alleine sein, wollte kein einsamer Wolf mehr sein an jenen man sich nach dessen Tod nicht einmal mehr erinnerte! Vielleicht bewegten diese Gedanken Corvina dazu, sich endlich zu erheben und sich zu bewegen, am See konnte sie die schwarze Gestalt Kataras ausmachen, sollte sie zu ihr gehen?
Mittlerweile wusste Corvina ja, wie die schwarze zu ihr stand und mit Gewissheit konnte man sagen, dass die beiden Wölfinnen Freundinnen geworden waren auf ihrer Reise über die Felsen und über die unbeugsame Bergwelt, bis sie schliesslich das Rudel miteinander erreicht hatten, doch irgendwie wollte Corvina auch nicht dauernd an ihr kleben, auch wenn sie, sie mochte keine Zweifel daran, doch sie musste auch einmal was alleine unternehmen! Grazil erhob sich die schlanke Wölfin und schüttelte sich den Schnee aus dem Fell, ihre Blicke schweiften weiter, über die weite Fläche des Sees, weiter bis zum Himmel, welcher bedeckt war und überzogen mit von Schnee geschwängerten Wolken, sicherlich würde es bald wieder schneien. Der Atem der Wölfin schwebte in weissen kleinen Wölkchen dem Himmel entgegen und endlich bewegten sich die Pfoten der Wölfin fort von diesem einsamen Ort abseits des Rudels. Geradewegs zum See trugen die schlanken Läufe sie und am Ufer angekommen neigte sie den Kopf leicht zu dessen ruhiger Fläche, am Ufer schien das Eis recht dünn zu sein und so konnte sie doch etwas Flüssigkeit zu sich nehmen, ehe sie weiter dem Ufer entlang spazierte, geradewegs auf einen unbekannten Wolf zu, welcher sich vom restlichen Teil des Rudels entfernt hatte, sie kannte ihn nicht und hatte ihn auch noch nie gesehen. Etwas entfernt von ihm blieb sie stehen und machte sich durch ein leises Geräusch bemerkbar, schliesslich wollte sie nicht unhöflich sein und sich zu ihm gesellen, wenn er doch lieber seine Ruhe hätte!
Zwei Tage war es nun her. Zwei verfluchte Tage, dass sie den Rüden getroffen hatte. Seither hatte sie kein Lebewesen mehr getroffen, noch nicht einmal die Raben hatten sie begleitet, wie es die schwarzen Vögel öfters tun. Lyantes zuckte bei einem Knirschen im Schnee zusammen. Knurrend, mit entblößtem Fang, wandte sie sich herum. Sie war mies geworden, ihre Laune war dementsprechend weit unten. Dann aber erhaschen die blauen Augen das jenes Geschöpf, welches sie angegrollt hatte, ein Kaninchen war. Die Ohren gespitzt setzte sie sofort vom Boden ab. Die Pfoten wirbelten über den Boden und hinterließen glitzernde Schneefontänen hinter ihr. Er lag höher als vor zwei Tagen. Das machte jeden Schritt anstrengender als sonst. Doch sie holte auf, hielt im Zickzack des Nagers mit. Jeder kraftvolle Sprung brachte sie ein Stückchen näher. Dann machte sie einen Sprung, der sie einen Sekundenbruchteil fliegen lies – dann landete sie auf dem Hasen, ergriff noch im seitlichen Flug das Genick und landete mit diesem im Schnee. Die großen Läufe trafen ihr Gesicht, aber sie lies nicht los. Ihr Kiefer drückte sich mörderisch zusammen.
Irgendwann verebbte das zappeln und Lyantes lies den Nager zu Boden sinken. Gott, wie lange war es her gewesen das die Silberne etwas zwischen die Zähne bekommen hatte! Ohne zu zögern öffnete sie sich einen Weg zu dem frischen Fleisch, welches sie letztendlich verschlang. Doch die Aufmerksamkeit war noch vorhanden. Sie vernahm deutlich das Krähen einiger ferner Raben, die sich wohl einen Teil des Fleisches erhofften. Aber mit einem kurzen Grollen machte sie jenen, die heran flogen klar – dies ist meine Beute. Die schwarzen Gefährten verstanden sogar und machten kehrt. Eine Seltenheit, besonders in diesen Tagen. Die Fähe lies sich langsam auf die Hinterläufe sinken während der Schnee auf sie herab fiel. Seit 2 Tagen schneite es nun schon leicht. Und dort hatte sie auch das fremde Rudel getroffen das sie wie alle anderen zuvor verscheucht hatte.
~ Möge Engaya mir beistehen ~
Die Silberne seufzte, lies die Beute jedoch zurück nachdem sie sie vollkommen aufgebraucht hatte und nur unbrauchbares zurückblieb. Ihre Schritte führten sie einen Bergkamm herauf. Es war schwierig auf dem glitschigen Gestein vorwärts zu kommen, aber mit geschickten und eleganten Bewegungen schaffte die sonst scheue Fähe es langsam die Erhöhungen zu erreichen. Dann kam der Wind auf, und ihr wurde ein Fremder Duft in die Nase geweht. Ein Rudel. Sofort sträubte sich ihr Nackenfell und die junge Wölfin blieb in der eisigen Brise stehen. Wenn es das von letztens war würde es nicht gut ausgehen ... Ein Heulen des Windes umspielte ihre Ohren. Ein Zeichen? Lyantes glaubte feste an die Macht Engayas und war Anhänger des Lebens – vielleicht sollte sie sich dem fremden Rudel näher? Die Ohren angelegt kämpfte sie sich weiter vorwärts ... vermutlich konnte es nicht mehr weit sein.
Sehr weit stand Thylia von dem Rest des Rudels entfernt. Sie hatte etwas verträumt in die verschneite Welt geschaut, ehe ihr ein Geruch in die Nase stieg. Sie hob witternd den Kopf und da ganz vage konnte sie etwas ausmachen. Es schien, als würde ein Wolf, eine Fähe den Berg hinaufkommen. Sie stellte die Ohren auf. Das restliche Rudel hatte sich mittlerweile, so wie sie es mitbekommen hatte über die Schneefläche verteilt. Sie selbst hatte gedacht, dass sie sich über einiges Gedanken machen musste und so war sie eben abseits stehen geblieben. Nun war sie froh darüber. Schließlich konnte es sein, dass es ein Wolf aus dem Rudel war, welches sie vertrieben hatte. Sie wollte jedoch nicht zu voreilig erscheinen und so erschien es ihr wichtiger, freundlich rüber zu kommen. Sollte es sich herausstellen, dass es doch ein feindlicher Wolf war konnte sie ihn immer noch angreifen. So ging Thylia auf die Fähe zu. Noch konnte sie diese nicht erblicken und so hob sie ihre Schnauze, damit die Fähe sich nicht erschrecken würde. Auch wenn sie selber nicht viel mit Banshee zu tun hatte, mochte sie das Rudel sehr und fühlte sich sicher am Rande, denn sie wusste sie konnte sich selber jederzeit verwandeln. Allerdings war ihr aufgefallen, dass sie nach dem Anstieg in die Berge und der Flucht ganz schön geschafft war. Dabei war sie doch sonst immer so stark. Aber wahrscheinlich lag es auch daran, dass sie sich ganz schön zusammen reißen musste um nicht umzukehren und die fremden Wölfe zu zerfleischen. Es hatte sie viel Kraft gekostet in Wolfsgestalt zu bleiben und weiter zu laufen, immer weiter den Berg hinauf, nicht umzudrehen, sich nicht ihrem Blutdurst hinzugeben und umzudrehen. Den Berg hinunter zu jagen. Bei dem Gedanken wurde Thylia innerlich ganz war, doch sie schüttelte sich stark um diese Gedanken zu vertreiben.
oO{Nein, nein hart bleiben Thylia du bist ein Wolf und willst es auch bleiben, vor allem als Mensch hättest du hier oben keinerlei Chancen!}Oo
Sie öffnete ihre Schnauze und heulte eine kurze Begrüßung hinaus.
„Hallo fremde Fähe. Ich war hier in der Nähe und habe dich gewittert. Ich denke und hoffe, dass du in Frieden zu diesem Rudel stoßen willst und kann dich gerne zu unserer Alpha Fähe bringen wenn du dies möchtest!“
Freundlich hatten ihre Worte geklungen, wenn auch etwas gepresst. Der Gedanke an das fremde Rudel hatte ihr die Laune deutlich vermiest und die gemeine Blutlust war wieder in ihr aufgestiegen, wobei sie die doch so lange gut unterdrückt hatte. Ärgerlich schüttelte sie ihren Kopf und wartete auf die Fähe. Tausend Gedanken schossen durch ihren Kopf.
oO{Sollte es eine von diesen Bastarden sein, ich schwöre es ich lege sie um. Und wenn es keine ist, eine andere die friedlich gekommen ist bringe ich sie zu Banshee. Ich wünschte ich könnte umkehren um wenigstens ein paar Wölfen da unten den Tod bringen. Sie zerfleischen, sie in Stücke zerreißen, einfach alle . . . Stop! Stop. Stop!! Hör auch damit Thylia du machst es alles nur noch schlimmer.
Warum kann nicht endlich die Fähe kommen? Ich kann mich ablenken, wenn ich sie zu Banshee bringe! Ich weiß, dass ich es schaffen kann, ich darf mich nicht so gehen lassen! Aber das Blut. Hier oben alles so rein und weich, ich brauch etwas das es anders macht. Ich kann nicht unser schönes Tal verschmutzen, ich könnte mich nie wieder bei dem Rudel blicken lassen. Aber müsste ich das denn? Die Wölfe würden Angst vor mir haben, ich könnte sie einfach beherrschen, ich dürfte nur nicht alle umbringen, nur diejenigen, die sich mir stellen und ein zwei um ihnen zu zeigen das ich der Boss bin. . . Nein Thylia, es reicht . . . Schluss damit, was hast du denn bitte für Gedanken wie soll das denn mit dir weitergehen?}Oo
Ein leichtes Zucken durchlief ihren Körper. Ihre Krallen gruben sich tief in den Schnee und ihre Rute zuckte ebenfalls nervös von rechts nach links.
oO{ So ein verdammter Mist noch mal, ich darf mich nicht immer meinen Gedanken so hingeben! Das schadet mir! Ich darf nicht daran denken, es darf nicht so kommen, wie es sonst kommt ich muss mich ablenken! Du verdammte Fähe, kreuz endlich hier auf, sodass ich dich zu Banshee bringen kann. Dann muss ich dir auch nichts tun!}Oo
Thylia wusste, dass sie unfair gegenüber der neuen Fähe war, die konnte schließlich auch nichts dafür und Thylia hatte auf gar keinen Fall vor der Fähe etwas zu tun, solange sie friedlich gesinnt war, sie war nur so erschöpft. Es war so anstrengend sich gegen diesen Blutdurst zu wehren. Sie würde die Fähe zu Banshee bringen und dann weiter laufen, weiter weg sich zusammen reißen, Kraft schöpfen. JA genau das würde sie tun, welch ein grandioser Plan. Kurz beruhigte sie sich wieder und wartete gespannt auf eine Antwort oder die Ankunft der Fähe.
Ihr honigfarbener Blick lag auf der schwarzen Fähe, die sich als Nyota vorstellte. Sie schenkte ihr ein weiteres Lächeln und sagte lachend:
„Ich heiße Daylight… du scheinst von weit her zu kommen, Nyota.“
Einen Moment schaute sie ihre Tante noch mit großen, neugierigen Augen an, dann umspielte ein weiteres glückliches Lächeln die Lefzen der kleinen Grauen, ihr Blick schweifte kurz zu Banshee und blieb dann an den funkelnden Schneekristallen hängen. Skeptisch senkte sie den Kopf und betrachtete den Schnee eindringlich. Das sollte Wasser sein? Dieses kalte weiße Zeug war gefrorenes Wasser? Ihr Blick huschte noch einmal zu ihrer Mutter hinüber und sie betrachtete die Weiße ebenso skeptisch wie zuvor den Schnee. Wasser? Ihr Blick glitt nun zum Himmel empor und folgte einer besonders großen Schneeflocke, mit der Schnauze schnappte sie danach und erwischte noch eine weitere, erstaunt blickte sie wieder ihr Mutter an, als sie Wasser auf der Zunge schmeckte. Banshee hatte tatsächlich recht gehabt… es war bloß Wasser! Eiskaltes Wasser!
“Tatsächlich.“ , sagte sie leise, mit erstaunter Stimme. „Es ist wirklich Wasser!“
Ihr Blick schweifte wieder über die Wölfe und blieb an ihrem schwarzen Bruder hängen. Averic. Er war der einzige ihrer Geschwister, der außer ihr auf Banshees Ausruf gekommen war. Eine Weile lag ihr honigfarbener Blick in seinen tiefblauen Augen. Doch sie schaute ihn nicht so an, wie er sie angeschaut hätte, wenn er sie nur beachtet hätte. Daylight erhob sich langsam, jedoch ohne den Blick von dem Schwarzen zu nehmen, schaute ihn unverwandt an. So wie sie ihn einschätzte würde er sie gleich zornig anfahren, oder er würde ihr einfach die Kehle durchbeißen. Doch aus irgendeinem unerfindlichen Grund kümmerte das die Kleine nicht. Sie ging ein paar Schritte und blieb neben ihrem Bruder stehen, sodass ihre Schnauze nah an seiner Schulter war. Ihr kam wieder ihr Abschiedslied in den Sinn, ein Lied für Merawin… und für Cylin. Averic hatte Recht, sie hatte ihn gar nicht gekannt, es gab wohl niemanden der den Träumer so gut gekannt hatte wie er. Doch hatte sie nicht trotzdem das Recht ihn zu verabschieden? Um ihn zu trauern? Viele Fragen huschten durch ihren Geist, doch sie stellte nicht eine davon. Ihr Bruder würde sie gleich packen und davon schleudern. Doch würde er es wagen es vor Banshees Augen? Sie schaute ihn von der Seite her an und sagte leise:
“Es tut mir Leid.“
Sie hielt inne, nur einen Moment, dann fügte sie genauso leise hinzu, sodass nur Averic es hören konnte:
“Das mit Cylin… es tut mir Leid.“
Höchstwahrscheinlich würde er sie gleich zerfleischen, doch sie hatte keine Angst vor ihm. Eine idiotische, welpenhafte Naivität, sagte ihr, dass er sie nicht töten würde. Doch woher wollte sie das eigentlich wissen? Sie schwenkte leicht die buschige Rute.
„Lass uns Freunde sein, bitte.“
Mit diesen Worten ging sie an ihm vorbei, hoffte fast, dass er ihr folgen würde. Eine idiotische Hoffnung ließ sie in dem glauben, dass sie sich aneinander gewöhnen konnten, irgendwann. Schließlich war er ihr Bruder. Langsam schritt sie davon, leicht mit der Rute wedelnd und ohne sich nach ihrem großen Bruder umzuschauen. Was bewog sie eigentlich darin so etwas zu sagen? Hatte sie ihn nicht schon genug gereizt mit ihrem Lied? Wollte sie ihn unbedingt auf die Probe stellen? Die meiste Zeit war sie ihm aus dem Weg gegangen und er hatte sie nicht beachtet, nie mit ihr gesprochen. Wieso sollte er sich auch um seine kleine Schwester kümmern? Doch sie hatte den Hass in seinen Augen gesehen, Hass auf sie alle, Hass auf die ganze Welt. Sie seufzte leise und blieb stehen.
Sie hatte das Ufer eines Sees erreicht, doch merkwürdiger Weise befand sich kein Wasser darin nur etwas kalt Glitzerndes, so wie der Schnee. Sie betrachtete es eine Weile, die Ohren nach hinten gerichtet immer noch in der Hoffnung, dass Averic ihr folgen würde, wenn auch nur um sie zu anschreien, sie zu verletzen oder gar zu töten.
Eindringlich musterte Averic die fremde, schwarze Fähe, wandte sich dann aber seiner Mutter zu, die ihm erst mit der Zunge über das Ohr fuhr – er ließ es widerstandslos geschehen – und nun erklärte, dass die vermeintlich Unbekannte ihre Schwester war. Schwester!? Irritiert drehte der Pechschwarze ein Ohr zur Seite und ließ den tiefblauen Blick wieder zu dieser Nyota gleiten, die ihn grade mit einem Lächeln begrüßte, bei dem er sich glatt veräppelt vorkommen konnte. Die da war die Schwester seiner Mutter?
Er versuchte sich zu erinnern, aber ihm fiel keine Situation ein, in der er diese Wölfin schon einmal gesehen hatte. Um genau zu sein hatte er nicht mal von ihrer Existenz gewusst. Aber sie musste da gewesen sein. Vor seiner Geburt und die lag nun schon fast 2 Jahre zurück. Averic verengte die Augen.
„Noch jemand, der dann und wann verschwindet und dann irgendwann meint, einfach mal wieder kommen zu können?“
Die Abneigung gegenüber dem war klar und schneidend aus seiner dunklen Stimme heraus zu hören. Banshee hatte echt Pech. Nicht nur Acollon ließ sie im Stich, wenn er grade Lust dazu hatte, nun war da auch noch eine Schwester, die Ewigkeiten fort gewesen war. Und irgendwo hatte Averic das Gefühl, dass auch diese Nyota ihr Verschwinden nicht angekündigt hatte. Ein abfälliges Schnauben verließ seine Kehle und im Stillen beschloss er, rebellisch gegenüber dem Rest seiner Familie, seine Mutter nie allein zu lassen, so, wie die anderen. Der Schwarze sah seine Mutter kurz an, wurde dann aber von etwas abgelenkt, dass plötzlich neben ihm stand. Ein drohendes Knurren verließ leise seine Schnauze, während er Daylight scharf fixierte. Hatte dieser dumme Welpe immer noch nicht genug? Musste er etwa erst handgreiflich werden, um sich diese nervige Pelzkugel vom Leibe zu halten? Verächtlich sah der Pechschwarze auf sie herab, ohne den stolz erhobenen Kopf auch nur einen Millimeter zu senken. Für ihn war dieses Vieh bloß irgend ein Welpe, ebenso wie Amáya, Merawin. Sie stammte nicht aus seinem Wurf und war somit keine richtige Schwester für ihn. Nur irgendwer.
Als Daylight dann aber anfing irgendwas von „Tut mir Leid“ vor sich hin zu nuscheln, es gar wagte Cylin zu erwähnen, sträubte sich sein Fell und ein leises, zurechtweisendes Grollen ertönte. Sie hatte doch keine Ahnung! Von nichts! Nicht von Cylin und schon gar nicht von ihm! Diese Närrin konnte sich nicht im Geringsten vorstellen, was mit ihm war!
„Sei still und verzieh’ dich!“,
zischte er unfreundlich und beobachtete dann etwas erstaunt, dass die Graue wirklich von ihm abließ. Aber die Worte, die vorher noch an ihn gerichtet wurden, machten ihn irgendwie richtig wütend. Wollte sie ihn verarschen!?
„Bist du noch zu retten?!“
Averic fand, dass dies als Antwort aussagekräftig genug gewesen war. Nein. Auf eine Freundschaft mit diesem Welpen konnte er bestens verzichten. Glücklicher Weise ließ Daylight ihn nun aber wirklich in Ruhe und sein kalter Blick wandte sich automatisch starr grade aus. Der Pechschwarze stand noch immer direkt neben seiner Mutter und sein Verhalten war – wie so oft – nicht vom Allerfeinsten. Er wollte sie nicht ansehen und Tadel oder gar Enttäuschung erkennen. Es reichte ihm, wenn er es hören würde.
Bedächtig verlangsamte der Wächter nun seinen Gang und sah sich weiter um. Schließlich blieb er stehen, füllte seine Lungen tief mit der kalten Luft. Eis. Im Herbst. Verdammt, hier kann ein Rudel nicht überleben. Erst recht nicht mit Welpen! Langsam schüttelte der Graue seinen hübschen Kopf und senkte die Lider, während er sich zum See wandte und auf die glatte Oberfläche hinab sah. Er scheute sich aus irgendeinem Grund davor, seinen Kopf hinab zu senken und einen Schluck zu nehmen, aus Furcht, dass er von innen erfrieren würde. Ein paar Momente stand er reglos und sinnend da, dann bemerkte er aus den Augenwinkeln heraus eine junge, weiße Fähe, die in anschaute. Er wandte seinen Kopf zu ihr, musterte sie mit den kristallblauen Augen und sah sie schließlich mild an, mit einem leichten Anflug eines Lächelns. Sie stand noch einige Wolfslängen von ihm entfernt und wirkte ein wenig verloren – vielleicht wie er selbst.
„Ich grüße Dich, junge Fähe.“
Seine Stimme lag warm und wohlig in der Luft und er sprach nur so laut, dass sie ihn hören konnte. Mit einer fließenden Bewegung wandte Siléo sich ihr zu, trat sogar zwei Schritte vor.
„Keine Angst, du störst mich nicht. Komm ruhig näher, falls du dich ein wenig unterhalten möchtest. Ich habe lange geschwiegen und möchte meine Stimme nicht an diese Kälte verschenken.“
Er blickte aufmunternd zu ihr hinüber, die Haltung entspannt und locker, als würde ihm die Kälte absolut nichts ausmachen.
Sachte glitten die schwarzen Pfoten vorwärts, beförderten den Körper des Rüden durch einen Raum in dem absolut nichts war. Er sah nur hin und wieder Scherben aufblitzen, Fetzten mit Bildern, Brauchstücke seines Seins vorbeihuschen, alles in einem Licht, welches unwirklich und doch so echt war. Lange lief der Schwarze, immer weiter, blickte in jede Richtung, doch es war alles das gleiche. Alles das Gleiche. Und nichts was ihm weiterhalf seine Fragen zu klären.
Warum lebte er? Wieso hatte man ihn am Ende nicht sterben lassen? Wieso hatte man ihn mit Dornen aufgefangen und gerade noch so am Leben gelassen? Wozu hielt man ihn noch hier? Es gab nichts, was er noch tun wollte, es war ja noch nicht Mal so, dass er sich ans Leben klammerte. Eher andersrum war es der Fall. Des Leben hatte sich an ihn geklammert und ihn im entscheidenden Moment nicht los gelassen. Er hatte sich doch freiwillig mit nehmen lassen, wäre von sich aus mit dem Tod gegangen. Aber alles was beide – Tod und Leben – zu tun hatten war, einen einfachen Wolf, wo es egal war ob er lebte oder starb, in seiner einsamen Monotonie zurück zu lassen.
Es schneite noch immer, die Flocken wurden vor seinen Augen aufgewirbelt und nun nahm das Rauschen des Windes auch wieder Gestalt an. Als hätte man den Ton der Wirklichkeit ausgestellt, sie für einen Augenblick völlig ausgeblendet, kam alles ein wenig heftig wieder zurück. Ein Rufen erklang. Man rief nach ihm. Zuerst dachte Midnight, er hätte sich verhört, aber in dem Ruf war eindeutig sein Name gewesen. Die mitternachtsblauen Augen blinzelten noch ein Mal, endlich kehrte das Gefühl für seinen Körper wieder zurück. Langsam erhob er sich, Rücken und Hinterkopf waren mit einigen Schneeflocken bedeckt. Wie lange mochte er dort gesessen haben? Wie oft würde er in sein Innerstes gehen, weiter suchen und doch nichts finden? Würde er jemals etwas finden, abgesehen von den Bruchstücken?
Mit einem Rucken des Kopfes, als wolle er den Gedanken los werden, beförderte er den Schnee von seinem Kopf, trat dann ein paar Schritte nach vorne. Die blinde Fähe Kaede war es, die sich durch den Schnee zu ihm durchgekämpft hatte. Ein paar Schritte trat er näher.
„Ja.“
Trotz des Schneesturmes erklang seine ruhige Stimme deutlich und laut genug, um von der Grauen gehört zu werden. Ob sie etwas von ihm wollte? Seltsam. Wieder drehten sich die Ohren mit dem Wind, wichen so dem Schneetreiben aus, während die blauen Augen Midnights Kaede musterten, die nun bei ihm angelangt war.
Die weiße Wölfin hatte sich immer noch in einiger Entfernung zu dem ihr unbekannten Rüden aufgestellt, hatte diesen mit stummen aber interessierten Blicken betrachtet, das Fell wies viele Farben auf, von weiß zu schwarz, doch das eindruckvollsten an dem Rüden waren wohl die blauen Augen, jene in seinem hübschen Kopf platziert waren, sie wirkten nicht abweisend, sondern eher milde gestimmt, die Fähe legte ihren markanten hübschen Kopf leicht schräg, als seine Stimme durch die kalte Luft zu ihr hinüberschallte, die Stimme wirkte beinahe wie ein ruhender aber warmer Pol in der Luft, dies und auch seine einladend wirkenden Worte veranlassten die Läufe der Fähe dazu sich auf den fremden zu zubewegen, leicht bedächtig, jedoch nun sicher, dass sie Willkommen war und nicht in eine Ruhe hineinplatze, welche er vielleicht hatte haben wollen!
Sie lächelte leicht, als sie seine nächsten Worte vernahm, also schien auch er wohl noch nicht allzu lange in dieser Gegend und in diesem Rudel zu verweilen! Schließlich, nach einigen Schritten durch den tiefen Schnee, hatte sie den fremden erreicht, sie neigte leicht den Kopf und blickte ihn dann mit ihren bernsteinfarbenen Augen an.
„Auch ich grüsse Sie, unbekannter!“
meinte sie dann, ihre Stimme wie beinahe immer hell und doch leise aber hörbar, ein leichtes Lächeln schien ihre Züge zu erhellen und sie blickte kurz zu Boden, sie hatte lange nicht mehr, ausgenommen von Katara, fremde Wölfe getroffen und war nun eben dementsprechend noch etwas unsicher, doch sie wollte sich ja schließlich bessern, dies hatte sie sich auf jeden Fall vorgenommen!
„Nun, wenn ich nicht störe, liegt dies natürlich in meinem Erfreuen, denn auch ich habe nun gar lange geschwiegen und es tut gut, wieder einmal zu sprechen, sonst muss man am Ende gar Angst haben, dass einem die Stimme versagt!“
meinte sie grinsend in die Stille hinein, um diese Ruhe etwas zu durchbrechen.
„Ach ja, nennt mich Corvina, ich nehme nicht an, dass Ihr mich schon kennt, ich bin noch nicht lange hier...“
plapperte die Weiße in ihrer leichten Aufregung in jene sie leicht verfiel, los, ehe sie leicht zerknirscht innehielt und den Rüden, welcher etwas größer war, als sie selbst von unten herauf anblickte.
Face Taihéiyo hatte die Ohren weiterhin aufmerksam aufgerichtet und warf der schwarzen Schwester Banshees nur einen kurzen Seitenblick, auf ihr erneutes Grinsen hin, zu. Er konnte nichts mit solchen „Herausforderungen“, oder was auch immer sie darstellen sollten, nichts anfangen und außerdem sollte seine Aufmerksamkeit nun lieber der Leitwölfin gelten. Für ihn war es zwar immer noch ein wenig unverständlich, wie grade er nun zu diesem Amt kam, aber er ließ es nun einfach zu. Banshees Antwort war irgendwie ... nun, einfach klar gewesen. Allerdings fiel Face wirklich kein anderer, zurechnungsfähiger Rüde in diesem Rudel ein – was nun nicht heißen sollte, dass er es unbedingt war. Er kannte sie alle auch gar nicht, die Meisten waren noch jung und die anderen neu, oder mit dem Rudel unvertraut. Wobei, war er das nicht auch?
„Danke. Ich werde mich bemühen.“
Seine dunkle, klare Stimme klang weiterhin mehr ausdruckslos, als das man glauben könnte, dass er seine Worte ernst meinte. Aber, das war nun einmal er, der stille Ozean und die Weiße war der Überzeugung, dass er geeignet für diesen Rang war. Sie wusste es besser. Er nickte der Fähe zu und wandte dann kurz den saphirblauen Blick zur Seite, als sich Kaede von der Gruppe entfernte. Sollte er das nicht besser auch tun? Um ihn herum waren so viele Wölfe, zu viele, für seinen Geschmack. Allerdings, sollte er wohl besser damit anfangen, sich daran zu gewöhnen ... dennoch widerstrebte es ihm sehr. Ruhig und wie immer nichts nach außen dringen lassend, ließ sich der endlos schwarze Wolf auf die Hinterläufe sinken, sah in die Runde und hob den tiefen Blick schließlich in den Himmel.
Für einen Moment tat die Graue, als hätte sie die Worte Averics nicht gehört. Sie senkte den Kopf und betrachtete einen Moment ihr Spiegelbild, Schneeflocken umtanzten sie wie heruntergefallene Sterne. Vorsichtig berührte sie mit der Nase das kristallklare Wasser und machte erschrocken einige Schritte zurück. Es war eiskalt! Dann jedoch näherte sich Daylight erneut dem Seeufer und trank ein paar Schlucke. Eiskalt rann das Bergwasser ihr die Kehle hinab, als hätte sie erneut von dem Schnee gekostet. Doch das Wasser war nicht einmal annähernd so kalt wie Averics Worte. Die Kleine drehte sich zu ihm um und näherte sich ihm wieder bis auf ein paar Pfotenlängen. Warum hasste er sie so?
„Averic?“
Ihre Worte waren kaum mehr als ein Flüstern und trotzdem würde der Schwarze sie verstehen können, wenn er sie hören wollte. Aber wahrscheinlich hörte er ihr gar nicht richtig zu… dann würde sie es ihm eben durch sture Unnachgiebigkeit beweisen. Sie wollte ihm doch nur so nahe kommen, wie sie Kisha und Parveen sein konnte. Sie wollte doch nur endlich seine kleine Schwester sein können.
„Warum können wir keine Freunde sein?“
Naiv wie sie war streckte sie vorsichtig die Pfote nach ihm aus, ließ sie jedoch dann wieder sinken. Er war so unendlich fern, das eine Berührung ihn nicht zurückholen könnte. Sie legte leicht den Kopf schief und betrachtete ihn für einen Moment, ehe sie hinzusetzte:
„Warum hasst du mich?“
Ihre honiggoldenen Augen funkelten leicht. Sie schaute ihn immer noch an, ohne zu blinzeln. Trotzdem wusste sie, dass er sie gleich wieder fortjagen würde, wenn nötig auch mit Gewalt.
Bei Midnight angekommen schüttelte sich die Fähe erst einmal. Durch seine Hilfe hatte sie ihn auch schnell erreicht nachdem sie nach ihm gerufen hatte. Sie lächelte ihn sanft an. Sowieso schien ihr ganzes Wesen zu lächeln und froh zu sein. Nachdem sie ihr Gespräch mit den Geistern hatte, fühlte sie sich als ob sie voll von neuer und ungekannter Energie war. Sie hatte das verlangen einfach herumzutoben, so wie es Welpen tun würden. Doch selbst dafür war es hier oben viel zu gefährlich.
Kleine Rauchwölkchen verließen ihr Maul, als sie dieses öffnete um auszuatmen. Sie schaute ihnen verzaubert nach. Da waren sie wieder die Geister des Windes. Die Wölkchen wurden auseinander gerissen und verteilten sich in der Luft. So als ob jeder ein wenig davon haben wollte. Kaedes lächeln wurde größer. Sie schaute in Midnights Richtung.
„Hallo. Ich hoffe ich störe dich nicht!? Ich habe dich hier abseits wahrgenommen und dachte, dass ich doch mal vorbei schauen könnte. . . Ich bin froh, dass wir hier oben angekommen sind, auch wenn es hier recht gefährlich ist. Man muss eben aufpassen wo man hingeht. Tust du mir einen Gefallen? Beschreibst du dich einmal, damit ich mir ein ungefähres Bild von dir machen kann? Ich weiß, dass es selbst dann noch verfälscht wird aber es ist besser, als immer ein ungewisses und total verschwommenes Bild vor Augen zu haben. Es wäre wirklich lieb von dir!“
Nun lachte Kaede melodisch auf und spitzte ihre kleinen Ohren.
„Hast du sie gehört? Die Geister des Windes?“
Sie blickte hoch in den Himmel, atmete abermals kleine Wölkchen aus und senkte dann ihre Schnauze wieder in Midnights Höhe. Oder die wo sie ihn vermutete. Mal sehen, ob er ihr überhaupt antworten würde, denn er war zwar wortkarg aber gewiss nicht unhöflich. Und so würde er sich nach ihrer Ansicht Beschreiben und das ging nicht mit 2 Worten. Theoretisch gesehen. Aber auch wenn er nur mit wenigen Antworten würde, Kaede freute sich auf die Antwort seinerseits, denn sie wollte diesen Wolf kennen lernen. Und sie hoffte, dass er wenigstens nicht abgeneigt war sie zu sehen.
Banshee beobachtete, nicht mehr ganz so im Getümmel, lächelnd wie Nyota mit Sheena umging. Sie verstand nicht, was die beiden sagten aber an ihren Gesichtsausdrücken konnte man erkennen, dass es um Sheenas Vergangenheit gehen musste. Ihre Schwester schien fast liebevoll, eine Eigenschaft, die Banshee nur sehr selten an ihr beobachtet hatte. Vielleicht steckte in ihr doch noch mehr von ihrer Schwester und umgekehrt. Genauso zufrieden betrachtete die Weiße das Lächeln auf Daylights ungestüme Begrüßung, die freundlichen Worte und dann das kleine Epos über Nyotas wundervolle Reise in das Zauberland der Natur. Und den Abschluss, der sie hoffen ließ, Nyota nicht noch einmal zu verlieren, auch der kurze Blick ihrer Schwester ließ diese Hoffnung wachsen … so wild und unbändig die Schwarze auch war, ihr Herz würde wohl immer an diesem Tal und diesem Rudel hängen und damit hatten die beiden Schwestern etwas gemeinsam, was sie noch untrennbarer verband als das Blut, das durch ihren Körper floss. Ihr Blick wurde erst von Daylights erstaunter Stimme von Nyota auf ihre Tochter gelenkt, die Graue hatte nach Schnee geschnappt und gerade eines der Wunder dieser herrlichen Natur ergründet. Das Erstaunen und die Freude in ihrer Stimme und ihrem Blick, ließ Banshee das Herz aufgehen, das waren diese Momente, die sie jeder Mutter wünschte. Wenn ihre Welpen begannen, zu lernen und zu entdecken, ihre Welt und sich selbst begreifen und damit die ersten Schritte zum Erwachsenwerden taten. Sie stupste ihre Tochter sanft in die Seite und lächelte ihr mit einem Zwinkern zu, musste sich dann aber wieder Nyota zuwenden, die Averic bemerkt hatte und ihn mit einem Schmunzeln begrüßte. Banshee ahnte, was in ihren Kopf vorging, es war praktisch in ihren Augen abzulesen. Das, was Banshee genauso dachte, aber nur Averic nicht wissen wollte … Acollon. Und ebenso wie vor fast drei Jahren, als Acollon in ihr Tal gekommen war und die Feindschaft, oder vielleicht doch Freundschaft, zwischen Nyota und ihm begonnen hatte, begrüßte Averic seine Tante nun so unhöflich und abschätzig wie es ihm nur möglich war. Banshee ließ sich davon nicht irritieren, sie hatte auch nicht vor, Nyota zu verteidigen, das konnte sie zudem selbst gut genug. Sie kannte Averic, sie wusste, warum er das sagte und war ihm nicht böse. Wäre ein Welpe oder vielleicht auch ein anderer Jungwolf mit solchen Worten gekommen, hätte Banshee sich wohl dazu gezwungen gefühlt, ihn zurechtzuweisen, nicht aber Averic, auch wenn das weder gerecht noch sonderlich taktisch von Vorteil war.
“Ich liebe sie, Averic, sie ist meine Schwester und deine Tante. Und sie ist ein freier Wolf, so wie du und ich.“
Sie sprach leise, hatte einen liebevollen Ton und sah ihren Sohn mit einem warmen Blick an. Dass sie nicht wirklich frei war, war ihr klar, aber sie wollte auch keine Freiheit, nicht in dem Sinne, in dem sie es noch nicht war, aber Nyota war anders als sie und Freiheit musste ihr viel bedeuten. Etwas unverhofft mischte sich Daylight ein, redete von etwas, das für Banshee nicht ganz in den Zusammenhang passte und erstmal etwas Zeit forderte, bis Banshee Daylights Gedankengang ergründet hatte. Da war die kleine Graue schon mit einer Bitte um Freundschaft zum See getappt und mit plötzlicher Sorge sah die Weiße zuerst ihrer Tochter nach und dann zu Averic. Seine Reaktion war so vorhersehbar wie das Schmelzen des Schnees auf der Zunge und als sie dann auch dementsprechend kam, zuckten ihre Ohren nur kurz. Auf diese Art und Weise kam man nicht an Averic heran, es war fragwürdig, ob man überhaupt an ihn herankam. Sie würde mit ihrer Tochter reden müssen … ihren Sohn zu tadeln schien ihr erneut überflüssig. An seinem Blick und seinem Gesichtsausdruck konnte sie ablesen, dass er sowieso um ihre Gedanken zu seinem Verhalten wusste. So seufzte sie nur leise, sah eine kurze Zeit lang ausdruckslos zu Nyota und wandte ihren Blick erst bei Faces Worten von ihr ab. Sie lächelte ihm zu, berührte ihn an der Stirn und beließ es dann dabei, er schien auch schon fast wieder abwesend, so ließ sie ihn lieber und gab ihm die Chance, sich wie Kaede zurückzuziehen. Zudem war auch Daylight wieder aufgetaucht und Banshee hatte das Gefühl, lieber einzugreifen. Sanft schob sie ihre Tochter ein Stück weg von dem Schwarzen und sah ihr in die großen Augen.
“Daylight, dein Bruder hasst dich nicht. Aber er ist anders, als deine anderen Geschwister oder die Wölfe, die du bereits kennengelernt hast. Du musst dich damit abfinden, wenn er zunächst noch nicht mit dir reden will, ihr kennt euch noch kaum, aber Zeit verändert viel. Lass ihm und dir Zeit, vielleicht findet ihr einen Weg zueinander.“
Sie wollte nicht über Averics Kopf hinweg etwas sagen oder über ihn urteilen, aber seine Reaktion würde kaum so ausfallen, dass sie Daylights Gemütszustand verbessern würde. Und Banshee wollte nicht, dass ihre Tochter traurig oder verletzt war, auch Averic waren Grenzen gesetzt und eine von ihnen machte sie gerade deutlich. Mit einem sanften Stupser verdeutlichte sie noch einmal ihre Worte zu der Grauen und richtete sich dann auf. Sie löste sich von Averics Seite, warf ihm aber noch einen Blick zu und kam dann näher zu Sheena, die schon wieder so viel geredet hatte, von dem Banshee vieles nicht beantworten konnte. Es war noch immer keine gute Situation, aber einige Wölfe hatten sich wieder entfernt und vielleicht würde Nyota sich ein wenig um Averic und Daylight kümmern, dann hätten Sheena und sie die Chance zu reden. Langsam senkte sie den Kopf wieder und brachte ihn so mit Sheenas auf eine Höhe, eigentlich war es kaum Unterschied, nur kam es Banshee so vor.
“Sheena, viele deiner Fragen kann ich nicht beantworten, ich hatte damals nicht die Chance, lange mit deinen Eltern über ihren Abschied zu reden. Wie du vielleicht noch weißt, ist ihr Sohn, Katsu Kyoto an einer Wurzel erstickt und die schreckliche Jagd, die viele Tote und noch viel mehr Verletzte eingefordert hatte, hatte sie in ihrem Beschluss bestätigt. Unser Tal hat schon viele Katastrophen erlebt und unter anderem liegt das wohl auch an Acollon und mir, mehr als nur Wölfe, die wir zu sein scheinen, geschehen hier Dinge, die nicht in die Realität gehören. Es war kein Tal für sie beide und auch keines, in dem sie ihre Welpen großziehen wollten. Mich hat eine enge Freundschaft mit deiner Mutter verbunden, aber ihre Sicherheit, die ihres Gefährten und die ihrer Welpen war wertvoller und wichtiger und das habe ich ihr auch oft gesagt. So hatten sie sich nach der Jagd endgültig dazu entschlossen, fortzuziehen und für ihre zwei noch verbliebenen Welpen ein sichereres Zuhause zu finden. Auch dich wollten sie mitnehmen. Aber …“ Zum ersten Mal zögerte Banshee. “ … Ayala und ich hielten sie davon ab. Sheena, du bist etwas Besonderes, du bist mehr als nur die Tochter zweier einfacher Wölfe. Sowohl Ayala als auch ich waren der Meinung, dass du zu einem jener Wölfe werden sollst, die unmittelbar Engaya dienen. Vielleicht eine Priesterin, vielleicht eine Wächterin, vielleicht eine Botin. Du wurdest in diesem Tal geboren, es ist Engayas Tal und wir waren uns sicher, dass das nicht ohne Bedeutung war. Wenn deine Eltern dich mitgenommen hätten, wäre das alles vielleicht verloren gegangen, sie wussten zu wenig von den Göttern. Ich konnte und wollte es nicht zulassen. Damit habe ich mir eine Aufgabe aufgebürdet, die ich nicht genug erfüllt habe. Ich hätte mich mehr um dich kümmern sollen, hätte dir das alles schon früher sagen sollen, aber ich wollte warten, bis zu erwachsen bist. Doch deinen Fragen und deiner Enttäuschung will ich jetzt nicht mehr standhalten, ich denke, für dieses Wissen müsstest du bereit sein. Jetzt weißt du es, Ayala ist fort und kann mir nicht mehr mit ihrer Meinung zur Seite stehen, aber auch ich alleine bin mir sicher, dass du zu mehr bestimmt bist. Ich hoffe nur, du kannst mir verzeihen, dass ich deine Kindheit dafür opferte. Und ich hoffe, dass du verstehst.“
Sie hatte die ganze Zeit so leise gesprochen, dass es nur Sheena hatte hören können. Einmal angefangen wollte sie sich nicht unterbrechen, wollte der Weißen alles erzählen und ihr endlich die Wahrheit verraten. Es waren nicht ihre Eltern, die sie zurückgelassen hatten, es war Banshee, die sie aufgehalten hatte, sie mitzunehmen. Mit traurigen Augen sah die Leitwölfin zu der weißen Jungwölfin, war bereit, die Reaktion aufzunehmen und hoffte, dass Sheena verstehen würde. Banshee hatte viele Fehler begangen, gerade im Leben der jungen Weißen.
Tyraleen betrachtete Amáya eine kurze Zeit lang, sie sah irgendwie anders als sonst aus, auch wenn die Weiße sich vorher kaum mit ihrer Schwester beschäftigt hatte. Aber dieses Glänzen in ihren Augen hatte sie dennoch vorher nie gesehen und freute sich aus irgendeinem Grund darüber, dass die Schwarze offensichtlich genauso glücklich war wie sie selbst. Auch der Schnee schien sie ebenso gefangen zu nehmen und ihr Blick war so fasziniert wie Tyraleen sich fühlte. Mit einem leichten Lächeln tappte die Weiße nach den Flocken und wäre am liebsten aufgesprungen um ihnen nachzujagen, doch die Trauer über irgendetwas hielt sie davon ab. Das Irgendetwas war natürlich mit Face verknüpft, aber darüber wollte sie jetzt nicht nachdenken, schließlich hatte sie doch vor, sich mit Amáya zu verstehen. Die Frage der Schwarzen ließ sie zuerst stutzen, dann lächelte sie auf eine seltsame Art und meinte leise:
“Engaya …“
Sie hatte dabei wie ihre Mutter geklungen, natürlich unabsichtlich und auch ihr Blick sah genau so aus wie bei Banshee, wenn sie über die Göttin sprach. Das alles bekam die Kleine nicht mit und wenn jemand sie darauf aufmerksam gemacht hätte, wäre sie wohl böse geworden, so aber schien sie fast verträumt. Niemand anders als die Göttin konnte so etwas Wunderschönes vollbringen. Mit einem erneuten Rutenwippen sah sie zu Amáya und wünschte sich, dass auf dem Gesicht ihrer Schwester so etwas wie Freude über diese Antwort erschien. Sie wollte, dass Amáya auch an Engaya glaubte. Das Warten wurde von Schritten unterbrochen, ihr Blick huschte über die Schneelandschaft und blieb an ihrem schwarzen Bruder hängen, der sie kurz ansah und dann neben ihre Mutter trat. Sie wurde sich des Rufes der Leitwölfin bewusst und betrachtete mit zunehmendem Interesse den schwarzen Schemen, der vorhin aufgetaucht war und um den sich nun alle scharten.
“Amáya, schau mal … vielleicht sollten wir auch einmal dort hin gehen?“
Es war eher eine Aufforderung als eine Frage, sie warf der Schwarzen einen kurzen Blick zu und begann dann loszulaufen. Der Weg durch den recht hohen Schnee war gar nicht so einfach, Tyraleen stellte sich auch ziemlich ungeschickt an und blieb auch kurz bevor sie die Gruppe erreicht hatte, zögernd stehen. Face saß da, die Schnauze zum Himmel gereckt und … verunsicherte sie. Daneben standen Averic und Daylight, Tyraleen drehte den Kopf weg und dann ihre Mutter, die graue Sheena und … die fremde Schwarze. Das war die Interessante. Weiterhin zögernd und ein wenig misstrauisch tappte die Weiße auf die fremde Fähe zu und blieb drei Schritte entfernt von der Schwarzen stehen.
“Hallo.“
Kam es ziemlich zurückhaltend von ihr und sie wusste nicht, wie sie sich verhalten sollte. Ihre Mutter behandelte die Fremde ganz so, als würden sie sich schon ewig kennen, alle anderen schienen eher ein wenig zurückhaltend, außer vielleicht Sheena, die ganz eng bei der Schwarzen saß. Tyraleens Ohren klappten zurück und ihr Blick blieb fest auf der Fremden, sie wollte weder zu ihrer Mutter, noch zu Daylight, noch zu Face schauen.
Mit stummer Zufriedenheit nahm die Schwarze Sheenas Reaktion hin, und lies noch einige Momente die Leftzen zu einem sanften Lächeln geformt. Auch Daylight wand sie sich noch mit diesem Blick wieder zu, doch die Kleine schien sogleich schonwieder beste Beschäftigung im Ergründen von Schnee gefunden zu haben. Der orangeleuchtende Blick fand zu Averic zurück, doch sie wartete in Ruhe Banshhes Worte ab, die nun auch die kleine Daylight von Averic wegschob.
~Acollon, durch und durch~
Schoss es ihr durch den Kopf, und als Banshee sich wieder an Sheena wand, sah sie die Zeit gekommen den beiden eine Ahnung von Privatsphäre einzuräumen und gleichermaßen Averic zu antworten. Den Kopf hebend und mit durchweg stolzer Haltung trat sie ein paar Schritte auf ihn zu, besah ihn sich mit dem zurückkehrend-schelmischen Grinsen und begann ein leises, spielerisches Knurren, während sie in kleiner Distanz einige Schritte zu seiner Seite machte, dabei doch den Blick nicht von seinen Augen lassend.
"Falsch!"
durchschnitt ihre überraschend scharf klingende Stimme das Tosen des Windes, und sie kam etwas näher, den Kopf nicht senkend und den ganzen Stolz seiner Haltung perfekt in der eigenen wiederspiegelnd.
"Jemand der auf eine Reise geht, und als Pfand sein Herz zurücklässt. Und jemand der zurückkehrt, um der Freiheit der Wanderin abzuschwören und seinen Platz und seine Verantwortung wieder einzunehmen"
Die letzten Worte waren ein unbedeutendes bisschen leiser geworden, doch allesamt waren sie ernst genug gesprochen um kaum Missverständnisse zu zulassen. Ihr Blick hatte sich, kaum dass sie zu sprechen begann, dem seinenen etwas angeglichen, hatte sich mit Stolz und Ernst und Kampfeslust gefüllt.
Sie selbst hatte einen Stich verspürt bei ihren Worten. Die Freiheit, die sie repräsentierte, würde ihre Pfoten stets wieder verlocken, doch in dieser Gegend, in diesem Zustand, in dieser Zeit, würde sie das Rudel nicht mehr verlassen - würde sie Banshee nicht verlassen. Wohl war es ein hohes Ziel, was sie da gesteckt hatte, von Hundert auf Null war einfach, doch von Null auf Hundert sollte ihr auch keine Mühe machen. Und welchen, als diesen, den ihren, Rang könnte sie in einem Rudel annehmen, das sie selbst einst gründete?
Ihr Blick huschte zurück zu Banshee und Sheena, und sie hoffte dass ihre Schwester der Kleinen mehr an Zuversicht verleihen konnte, als sie selbst es vermocht hatte. Aber - natürlich konnte sie das. Immerhin war es Banshee, die Engaya in sich trug, und nicht sie, Nyota, die nur die Zerstörung und den Neubeginn vertrat, und die Freiheit.
Gerade hatte sie sich in diesem Gedanken verlieren wollen, als eine leise Stimme sie an die reale Welt aus Schnee und Kälte band, und sie an die restlichen Eisklumpen in ihem dunklen Fell erinnerte.
Ihr Blick traf die weiße Welpin vor ihr, und das Lächeln kehrte auf ihre Leftzen zurück.
"Hallo Schneefell"
begrüßte sie das zurückhaltende Wesen grinsend, und trat einen Schritt auf sie zu, dabei den Kopf senkend und ihr mit aufgestellten Ohren entgegenstreckend.
"Ich bin Nyota, und wer bist du?"
Averic wandte den tiefblauen Blick vorsichtig zur Seite, als Banshee ihr Wort an ihn richtete. Etwas zögerlich richtete er seinen Blick in ihre Augen und auch wenn er dort grade nur ihre Wärme erkennen konnte, suchte er fast schon nach Enttäuschung oder Tadel. Er war doch gewohnt, wie man mit seiner Bissigkeit umging. Allerdings war von seiner Mutter wohl kaum zu erwarten, dass sie wie Acollon reagierte. Grade erinnerte er sich lebhaft daran, wie sein Vater ihn plötzlich attackiert hatte, als er als Welpe mal nach Kisha geschnappt hatte. Irgendwie klang es nun in seinen Ohren ziemlich lächerlich. Aber hatte er es nicht auch schon damals ziemlich lächerlich gefunden?
Auf die Worte seiner Mutter hin, entglitt ihm ein kaum hörbares, trockenes Lachen, und er drehte den Kopf zur Seite. Banshee ... sie liebte doch jeden. Und frei war sie auch nicht. Sie war dem Rudel und Acollon verschrieben, wobei er Letzteres nicht nachvollziehen konnte, wo sein Vater sie alle doch so mies behandelte. Allein dadurch, dass er immerzu fort war. Was war mit ihm, Averic? War er frei? Nun sicher, er konnte gehen, wohin er wollte. Jetzt ohne Cylin besaß er kaum noch etwas, dass ihn halten würde. Aber machte ihn das frei? Freiheit, wie wollte man das definieren ... Die Freiheit, alles zu tun? Wann war man frei? Dann, wenn alle Ketten von einem abgesprengt waren? Aber, fühlte man sich dann auch frei? Fühlte man sich dann nicht eher so, wie er? Allein und zurückgelassen, selbstverschuldet? Nein, er fühlte sich nicht frei. Als plötzlich Daylight wieder hergelaufen kam, riss ihn das abrupt aus seinen tiefen Gedanken und ganz automatisch kräuselte er den Schnauzenrücken. Konnte dieses dumme Vieh ihn nicht einfach in Ruhe lassen!? Der Pechschwarze wollte ihr irgendwas entgegenschleudern, einen guten Grund, warum er sie nicht ausstehen konnte, doch so schnell, wie seine Mutter die Graue wegzog, fiel ihm gar nichts ein. Wahrscheinlich wäre ihm aber auch bei längerem Nachdenken nur spärlich etwas eingefallen. Averic trat ein paar Schritte zurück, weg von seiner Mutter und Daylight, sodass er fast vor ihnen stand. Mit gehobenem Kopf starrte er stumm und kalt auf die Welpin hinab, lauschte dabei den Worten seiner Mutter. Und das Ganze kam ihm vor wie irgend eine dumme Ausrede, damit er die Fellkugel nicht verbal verletzen konnte. Selbst Banshee hatte doch keine Ahnung, ob er sie nun hasste, oder nicht! Er war anders ... ja, sie sagte es selbst. Er war irgendwas anderes. Vielleicht war er ja gar kein Wolf, irgendwas anderes. Nein, seine Wege würden ihn nie zu irgendwem hinführen. Als Banshee sich abwandte, erwiderte der Jungwolf ihren Blick nicht, seiner blieb noch zwei Sekunden auf Daylight kleben, dann drehte er sich um.
„Jetzt scheint es wohl schon nötig zu sein, dass man dich vor mir beschützt. Also halt dich fern von mir.“
Warf er ihr noch in einem abfälligen Tonfall zu, der, bei genauerem Hinhören auch irgendwie ... verbittert klang. Mit ihm konnte wohl niemand so richtig klar kommen, nur sein Träumer und der war tot.
Plötzlich aber drang laut und schneidend eine Stimme an sein Ohr, die Averic dazu zwang, herum zu wirbeln. Nyota trat auf ihn zu, ja, sie knurrte ihn sogar an. Zuerst zog der Pechschwarze eine Augenbraue hoch, dann legte er die Ohren einen Moment scharf an und stellte sein Nackenfell auf. Wollte diese tolle Wiederkehrerin ihn etwa zurechtweisen? Das konnte sie knicken. Ebenso wie die schwarze Fähe, hob Averic sein Haupt stolz an und schenkte Nyota einen herablassenden Blick auf ihre Worte hin. Heute schien es wirklich jeder darauf anlegen zu wollen, ihn zu reizen. Er ging die selben Schritte, wie die Schwarze, als würde er sie genau so umkreisen wollen, und blieb wieder stehen.
„Wenn du doch dein Herz zurückgelassen hast, wie kannst du dann allen Ernstes behaupten frei gewesen zu sein? Lächerlich.“,
knurrte der Jungwolf, den Kopf kein Stück senkend und die Kampfeslust in den Augen seiner Tante fixierend. Wollte sie ihn etwa herausfordern? Aber nein, man hatte sich bereits wieder von ihm abgewandt und so, ließ er seine erhobene Rute und das Nackenfell wieder sinken. Sein kalter Blick striff Nyota zwar noch hinterher, aber es interessierte ihn herzlich wenig, was sich diese nun mit Tyraleen zu erzählen hatte. Tz ... er war anders.
Tyraleen war fast ein wenig erleichtert, als die Schwarze sich fast sofort zu ihr wandte und sie mit einem Lächeln begrüßte. Schneefell. Die Ohren der Weißen zuckten nach vorne und schon hatte es Nyota geschafft, ein Lächeln auf ihre Lefzen zu zaubern. Schneefell war ein schöner Name. Ja, ein sehr schöner, so wollte sie heißen, Tyraleen, das Schneefell. Die Schwarze trat einen Schritt auf sie zu und streckte ihr die schlanke Schnauze entgegen, eben gerade noch wäre Tyraleen zurückgewichen, jetzt aber reckte sie vertrauensvoll ihre Nase vor und berührte die der Schwarzen. Ihr Fell war nicht ganz so rein schwarz wie das von Face und ihre Augen strahlten gelblich anstatt blau, trotzdem war sie ihr von Anfang an so sympathisch wie es auch Face gewesen war. Ihr Name klang auf eine seltsame Art und Weise vertraut, obwohl sich die Weiße sicher war, ihn noch nie gehört zu haben.
“Tyraleen, ich heiße Tyraleen. Die Patenwelpin von Face.“
Bei ihrem zweiten Satz biss sie sich auf die Lefzen. Eigentlich war sie doch noch immer irgendwie … sauer auf ihren Paten, aber sie wollte sich gerne so vorstellen. Darauf war sie stolz, das machte sie in ihren Augen zu etwas Besonderem, obwohl Nyota das wohl nicht verstehen würde, sie kannte Face ja gar nicht. Sie warf einen verschüchterten Blick über ihre Schulter, sah Face nicht sofort und hatte den Kopf schon wieder nach vorne gedreht. Wieder ein wenig zurückhaltender blinzelte sie zu Nyota und überlegte sich, ob sie fragen sollte, ob die Schwarze etwas Besonderes war, weil ihre Mutter so einen Aufstand um sie gemacht hatte. Aber Averic kam ich zuvor. Sie stand noch unbeholfen und mit zurückgeklappten Ohren da, als ihr schwarzer Bruder seine Aufmerksamkeit Nyota widmete, sie aggressiv ansah und dann etwas sagte, was Tyraleen nicht verstand, freundlich gemeint war es aber nicht. Er schien sich sogar über sie lustig zu machen, jedenfalls verstand die Weiße das Wort lächerlich so. Mit großen Augen sah sie Averic an, er war ihr fremd und unbegreiflich, früher hatte sie sogar Angst vor ihm gehabt, jetzt verwirrte er sie nur. Es schien um die Freiheit zu gehen … das war so ein Wort oder ein Wert für Erwachsene. Tyraleen verstand eigentlich nicht mal, was Freiheit genau war, aber jeder schien sich immer danach zu sehnen, frei sein war wohl gleichbedeutend mit glücklich sein. Aber auch dabei war sie sich nicht sicher, eigentlich hatte sie noch nie genau darüber nachgedacht, sie verstand davon ja auch nichts.
“Bist du denn frei, Averic?“
Sie sah ihn unsicher an, ihre Stimme war recht leise gewesen, vielleicht wollte er nicht, dass man ihn so etwas fragte. Zudem mischte sie sich ja in ein wichtiges Gespräch ein, oder zumindest erschien es wichtig. Und wer nun diese Nyota war, wusste sie immer noch nicht …
25.12.2009, 11:46
Einen Moment lang lagen ihre warmen goldbraunen Augen auf Banshee. Woher wusste ihre Mutter, dass Averic sie nicht hasste? Kannte sie ihren Sohn so gut? Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht und sie erwiderte Banshees Stupser liebevoll und rieb kurz den kleinen, schmalen Kopf an dem schneeweißen Fell ihrer Mutter. Dann wandte sie sich wieder Averics kalten tiefblauen Augen zu, wie um ihn zu beweisen, dass sie keine Angst vor ihm hatte. Ein breites, freundliches Lächeln zierte ihre schwarzen Lefzen und ihre Augen funkelten dem Schwarzen glücklich zu. Spielerisch verbeugte sie sich vor ihm, ihre buschige Rute wedelte rasch hin und her. Sie vergrub die Nase in den kalten Schnee und schaute dann wieder ihren Bruder an, immer noch glücklich Lächelnd.
„Wir werden schon noch Freunde sein! Das verspreche ich dir, Brüderchen!“
Mit diesen Worten richtete sie sich wieder auf, wandte sich von ihm ab und stob durch den Schnee davon, umtanzte mit zwei Runden die kleine Gruppe der Wölfe und jagte dann durch den hohen Schnee davon, bis sie lautlos mit dem Wirbel aus Schneeflocken verschmolz. Nach einer Weile ziellosen Herumwanderns hielt sie inne. Ihr heller Blick glitt zum Himmel empor und betrachtete die schneeweißen Flocken, wie sie sanft hinabschwebten und sich in ihrem silbergrauen Fell verfingen. Sie würden Freunde werden! Ganz bestimmt! Da war Daylight sich sicher und sie glaubte daran. Ein warmes Lächeln zierte ihren Lefzen als ihre goldgelben Augen den Schneeflocken folgten. Nachdenklich legte sie den Kopf schief. Wem sollte sie wohl als Nächste Gesellschaft leisten? Sie drehte den Kopf und ihr Blick glitt durch den Schnee über die körperlosen Silhouetten von Wölfen, musterte sie jede einen Moment lang. Es waren viele neue Wölfe zu ihnen gestoßen und ihr Gefühl sagte ihr, das es wohl in nächster Zeit noch mehr werden würden. Doch je mehr sie waren, desto lustiger wurde es. Lachend glitten ihre grauen Pfoten wieder durch den Schnee, folgten keiner bestimmten Richtung und erreichten bald wieder den See mit dem kristallklaren Wasser. Mit schräggelegtem Kopf betrachtete die kleine Wölfin ihr Spiegelbild. Wie sehr hatte sie sich in diesem einen Jahr verändert! Als sie das letzte Mal in den Seespiegel geschaut hatte, war es unten im Tal gewesen, ihr Fell war damals wollig gewesen, wie das eines Welpen. Jetzt war es fein und dicht und umfloss ihren schlanken Körper in sanften grauen und weißen Wellen. Würde ihr Fell einmal so weiß sein wie das ihrer Mutter oder ihrer Schwester? Im Frühling waren ihre Augen fast noch braun gewesen, doch jetzt waren sie heller, fast gelb mit einem leichten goldenen Schimmer, wenn die Sonnenstrahlen hineinfielen. Ihr Blick glitt wieder über ihr helles silbergraues Fell, das im kalten Sonnenlicht matt schimmerte… sie war älter geworden, doch an ihrem Wesen hatte sich nichts geändert, noch immer war sie verspielt, wild und naiv, wie zuvor. Hell wie das Sonnenlicht… doch dort war auch etwas anderes, etwas dunkles, das ihren Geist verzerrte, doch diese Dunkelheit war grau geworden und die Zeit würde sie heilen, wie den Schmerz über den Verlust ihrer beiden Brüder. In Gedanken an Merawin und Cylin huschte ihr Blick wieder zum Himmel empor, noch immer fiel dichter Schnee. Ob sie jetzt zu ihnen hinabblickten, wie Mama es gesagt hatte? Ein freundliches Wuffen kam aus ihrer Kehle, spielerisch drehte sie sich im Kreis und versuchte ihre eigene buschige Rute zu erhaschen. Ein leises, glockenhelles Lachen erfüllte die kalte Winterluft. Daylight hüpfte ins Wasser hinein, das kalt ihr Fell umspielte, jedoch fast liebevoll, so wie es Banshees Zunge tat. Die Schneeflocken hinterließen kleine Wellen auf der glatten Oberfläche, genau wie Days Pfoten. Sie stand nun bis zum Bauch im Wasser und lief noch immer am Ufer entlang, jedoch schienen ihre Bewegungen langsamer, durch das eiskalte Gletscherwasser, wie in Zeitlupe. Bald erreichte sie wieder die anderen, immer noch reichte ihr das Wasser bis zum Bauch. Sie steckte den Kopf hinein, als wolle sie nach ein paar Fischen Ausschauhalten, wie es sie untern im Tal gab. Immer weiter glitt die kleine Wölfin ins eiskalte Wasser hinein, bis sie allmählich zu schwimmen begann. Ihr Blick glitt zum Ufer zurück, das ihr plötzlich wie in weiter Ferne erschien, doch sie wuffte immer noch fröhlich, ihre Stimme hallte über die Schneeebene, als sie nach den anderen rief.
“Hey ihr! Ihr seid ja wie die wasserscheuen Leisetreter! Will nicht jemand mit mir nach Schuppenwesen suchen gehen?“
Wieder steckte sie den Kopf in das eiskalte Wasser, konnte jedoch wieder keine silberschuppigen Wesen entdecken. Kaltes Wasser drang ihr in Schnauze und Nase und sie hob prustend den Kopf aus dem Wasser. Schnaufend spuckte sie es aus, ihre Pfoten holten immer noch kraftvoll aus und sie entfernte sich noch ein wenig vom Ufer. Ihre Rute, als Steuer benutzend. Wartend schwamm sie ein Stückchen auf der Stelle. Zu mehreren würde es sicher noch viel mehr Spaß machen, auch wenn das kalte Wasser eisig unter ihr dichtes Fell fuhr und sie erschaudern ließ. Ein freudiges Jaulen drang aus ihrer Schnauze und sie schwamm ein Stück ans Ufer, konnte den Grund jedoch noch immer nicht unter den Pfoten spüren. Unwissend in welcher Gefahr sich die kleine Wölfin befand drehte sie wieder ab, nun atemholend Keuchen, sie wusste weder, das man in Wasser ertrinken konnte und noch kannte sie ihre Grenzen.
Banshee hatte sich nicht sofort nach Sheenas Wortschwall ihr zugewandt, sondern erst noch ein paar Dinge geklärt mit zwei ihrer Welpen. Sheena hatte dies nichts ausgemacht, sie war froh, diese Fragen losgeworden zu sein und da sie sowieso so lange auf ihre Antworten warten musste, taten diese paar Minuten nun auch nichts mehr zur Sache. Sie lächelte Banshee an, als diese ihren Kopf ein wenig senkte um mit ihr auf einer Höhe zu sein. Sheena hatte sich vorgenommen sich nicht weiter Gedanken zu machen was Banshee antworten würde und dies war ihr auch gut gelungen. Nun glaubte sie gefasst zu sein und schon fing Banshee an zu sprechen. Sie erinnerte die Jungfähe an den Tod ihres einen Bruders und erklärte ihr, dass sie Hanako immer gesagt hatte, dass sie gehen müsse wenn sie meinte, dass zu große Gefahr drohte. Zu Große Gefahr für die Restfamilie die sie nach dem ersten Tod geworden waren. Ein leiser Seufzer entfloh Sheenas Kehle. Der Tod ihres Bruders hatte sie damals berührt, es war hart gewesen zu hören, dass er einfach so im jungen Alter von ihr gegangen war, und doch war sie noch eine so kleine Fähe gewesen, dass sie es gar nicht richtig begriffen hatte. Erst jetzt wo Banshee davon sprach wurde ihr wirklich bewusst, was damals passiert war.
Sheena schluckte schwer. Ehe sie begriff wurde Banshees Stimme zögerlich. Was hatte sie zuletzt gesagt? Ihre Gedanken waren abgeschweift, dabei wollte und musste sie doch alles mitbekommen. Sheena strengte sich an und dann fiel ihr ein was Banshee gesagt hatte. Ihre Eltern wollten sie mitnehmen . . . Und warum hatten sie es nicht getan? Sheena wollte Banshee gerade drängen weiter zu reden, als diese von selber wieder anfing. Ein Gedanke schoss durch ihren Kopf als sie Banshees Worte vernahm. Sie und Ayala hatten gesagt, dass Hanako und Hidoi sie hier lassen sollten. Die beiden waren Schuld, dass Sheena allein gelassen worden war? Erstaunt zogen sich ihre Lefzen nach oben. Entsetzen breitete sich in Sheenas Gesicht aus. Ihre Augen spiegelten Verzweiflung und Nichtverstehen wieder. Sie war verwirrt. Warum hatten die beiden ihr das angetan? Weil sie meinten sie wäre etwas Besonderes? Weil sie in Engayas Tal geboren war? Es wurden doch noch so viele andere Wölfe in dem Tal geboren unter anderem Banshees Welpen, warum sollte dann ausgerechnet sie die, ihrer Ansicht nach, Irre Fähe etwas besonderes sein? Ein dunkles Knurren entglitt ihrer Kehle und erschrocken lauschte sie diesem nach. Sie hörte wie Banshee sagte, dass diese „Gabe“ verloren gegangen wäre, hätten sie sie gehen lassen. Weil Banshee also der Ansicht war, dass ihre Eltern nicht viel von den Göttern gewusst haben. Sie warf ihren Vater sogar vor, dass er nicht an die Götter glaubte! Sheena war empört, Banshee warf hier irgendetwas in den Raum, ob es stimmen sollte oder nicht, sie war diejenige gewesen, welche sie von ihren Eltern getrennt hatte! Und dann sagte sie auch noch, dass sie sich besser um Sheena hätte kümmern müssen? Keine Pfote hatte Banshee gerührt, sie war, so klein sie gewesen war, alleine durch das Tal gezogen, zurückgezogen und versteckt vor den anderen. War innerlich vor Schmerzen fast kaputt gegangen und konnte sich gerade noch zusammen reißen. Und das alles hatte sie alleine geschafft auch hier oben war sie überhaupt angekommen weil sie sich zusammengenommen hatte, weil sie gesagt hatte sie würde bei dem Rudel bleiben, sie hatte ja nicht ahnen können, dass dieses Rudel eigentlich . . . nicht gut für sie war.
Sheena war wütend. Wütend auf Banshee und Ayala die nur zu Nutzen des Rudels gehandelt hatten und wütend auf ihre Eltern die auf ihre Tochter verzichtet haben, sie nicht einmal eingeweiht hatte. Was redete Banshee eigentlich noch auf sie ein? Von wegen ihr verzeihen, dass Sheena ihre Kindheit geopfert hat. Ganz gewiss das hatte sie aber die Zeit war nun vorbei! Ihre Kindheit war vorbei und voller Enttäuschungen. Und nun stand diese Fähe vor ihr. Die Fähe, die ihr alles genommen hatte, weil sie der Meinung war sie wäre zu mehr bestimmt. Wie lächerlich dieser Gedanke Sheena erschien. Sheena blickte wütend in Banshees Augen. In Augen, welche unendlich traurig schienen. War dies nun ehrliche Trauer oder nur gespielte? Wollte Banshee sie nun beruhigen? Banshee erwartete sicher von ihr, dass sie sich bedanken würde, dass sie unterwürfig sein würde und alles verstehe würde, doch Sheena wollte nicht verstehen. Sheena wollte gar kein weiteres Wort mehr hören. Ph, sie und vernünftig, anscheinend hatte Banshee sie falsch eingeschätzt!
Sheena fletschte ihre Zähne. Wütend blickte sie Banshee an. Ihre Krallen gruben sich in den kalten Schnee und das Eis darunter. Sie blickte Banshee hart an. Kein bisschen Verständnis lag in ihrem Blick. Und doch ran ein unendlicher Strom von Tränen aus den Augen der weißen Fähe. Und sie wollte und konnte nicht verstehen, sie konnte nichts besonderes sein, sie wollte nichts besonderes sein! Sie wollte ihre Kindheit zurück haben.
Ein nun lauteres Knurren verließ die Kehle der Jungwölfin. Speichel tropfte auf den Boden und aus dem Knurren wurde ein lautes Brüllen. Sheena brüllte ihre Alphafähe voller Wut, Trauer und Zorn an. Brüllte alles aus sich heraus. Brüllte die Person an, der sie vor ein paar Minuten noch so dankbar gewesen war. Brüllte diejenige an, vor der sie eigentlich unterwürfig hätte sein müssen. Doch Sheena konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen.
„Du meinst meine Eltern hätten mich nicht richtig aufziehen können? Du bist also der Meinung sie sind und waren schlechte Eltern? Du willst mir was von guten Eltern erzählen wo du das Leben, die Kindheit eines Welpen selber zerstört hast. Und das egoistischer Weise. Weil du dir einbildest, dass ich etwas besonderes sei? Was soll denn dieser Quatsch? Du wirfst meinem Vater vor nicht an die Götter zu glauben? Und was wenn es so ist? Als ob es nicht noch genügend von deinen Welpen gäbe, welche von mir aus etwas besonderes sein können aber nicht ich! Wenn meine Eltern doch nicht an die Götter geglaubt haben, kann ich nämlich gar nichts besonderes haben. Dann hat Engaya nur Wut auf meine Familie! Dann hat sie mutwillig meinen Bruder umgebracht. Sie hatte alles geplant. Sie wollte, dass ich so aufwachse, sie wollte meine Kindheit zerstören, denn schließlich bist du doch ein Kind Engayas! Du handelst doch nach ihrem Willen habe ich recht? Und da du mich zurück gehalten hast hat sie mich quasi zurück gehalten, hat mir alles genommen was ich noch hatte?!! Ich hasse sie, Banshee hörst du ich hasse sie!“
Nun zitterte Sheena an ihrem ganzen Körper. Sie, der magere Jungwolf stand vor ihrer Alphafähe und hatte sie angeschrieen. Hatte ihr gegen den Kopf geworfen, dass sie Engaya hasste. Nun wurde sich Sheena bewusst was sie gesagt hatte. Nur noch einmal entwich ihrer Kehle ein bösartiges Grollen. Dieser Auftritt hatte sie an Hidoi erinnert. Ihren geliebten Vater. Ihr Vater, der zu ihr lieb gewesen war, obwohl er ein kaltes inneres hatte. Und plötzlich fühlte sie sich ihm ganz nah. Sie hatte das Gefühl, als hätte sie nur die Augen zu und müsste sie nur aufschlagen um ihn zu sehen. Ihr geliebter Vater. Sheena schloss ihr Maul, blickte Banshee nun wütend und auch verwirrt an. Kein wenig Demut glitzerte in ihren Augen, nur die Tränen tropften noch immer unaufhörlich weiter zu Boden.
Banshee hatte stumm gewartet, aber schon während ihrer langen Rede hatte sie die verschiedensten Emotionen auf Sheenas Gesicht wahrgenommen und gedeutet. Es war Wut, erzeugt von Verzweiflung, Unverständnis und Trauer. Sogar ein verschüchtertes Knurren war erklungen, aber sie hatte unbeirrt weitergeredet. Nun hatte sie alles gesagt, nahm am Rande wahr, wie Tyraleen Nyota begrüßte und Daylight davonrannte, aber das alles spielte sich nicht in ihrem Bewusstseinsradius ab, der war nun um Sheena und sie gezogen. Die weiße Jungfähe reagierte, allerdings ein wenig anders, als Banshee erwartete hatte, wie sie sich eingestehen musste. Sheena schien das Temperament ihres Vaters geerbt zu haben, sich von ihrem Aussehen täuschen zu lassen und in ihr eine zweite Hanako zu sehen, erwies sich als Fehler. Die Weiße weinte, dabei knurrte sie wie wild und starrte Banshee in die Augen, dabei ein Gefühlschaos, das alles erklärte, in den Augen. Und dann begann sie zu schreien, schleuderte ihr die Worte ins Gesicht und schien dabei allen Schmerz aus ihrem Körper brüllen zu wollen. Vieles davon erzeugte einfach die Wut, sei verdrehte ihre Worte, nicht aus Böswilligkeit sondern aus Verzweiflung und Schmerz. Banshee ertrug es ohne sich zu regen, ihr Blick blieb sanft, ihre Miene freundlich aber ernst, nur eine schwere Trauer hatte sich über ihr Gesicht gelegt. Erst als die Jungfähe anfing über Engaya zu reden, ihr Taten zuschob, die sie so nicht begangen hatte und am Ende in die Welt hinausschrie, dass sie die Göttin hasse, hoben sich Banshees Lefzen und beinahe hätte sich ihr Gesicht zu einem Knurren verzogen, ebenso schnell aber ließ sie sie wieder sinken und sie hatte sich wieder unter Kontrolle. Die Fähe leiteten ganz andere Motive, als jemanden, den sie nun zurechtweisen sollte. Soeben hatte ihr ihre Leitwölfin eröffnet, ihr praktisch die Eltern und die Kindheit genommen zu haben, dass sie nun den Schmerz nicht in sich hineinfraß, sondern ihr ins Gesicht brüllte, war fast gut. Die Stille wirkte unnatürlich, irgendwo unterhielten sich immer noch Wölfe und auch der Schneesturm brauste nach wie vor um ihre Ohren, nur hören konnte es Banshee nicht mehr … es war alles ganz still. Erstmals blinzelte sie, ein wehmütiges Lächeln, von tiefer Traurigkeit gezeichnet, erschien auf ihren Lefzen, dann schüttelte sie leicht den Kopf.
“Niemals würde ich Hidoi und Hanako als schlechte Eltern bezeichnen, nur sind sie weder Priester noch Gesandte. Deine Gabe wäre verschwendet worden, deine Ehre verlorengegangen. Vielleicht war es doch zu früh, dir das alles zu sagen, aber nun weißt du es und ich kann nur hoffen, dass du es irgendwann verstehen wirst. Es ist vollkommen gleich, wer die Eltern sind und ob sie an die Götter glauben, Engayas Zeichen können auf jeden Wolf dieser Welt fallen. Dass es ein Geschenk ist, verstehst du noch nicht, aber vielleicht wird auch das kommen. Und vielleicht wirst du auch irgendwann verstehen, dass ich nicht so handelte, um mir oder dem Rudel zu helfen, sondern um der Wölfe Willen, der ganzen Art, der auch du angehörst. Hätte ich dafür mein Leben opfern müssen, ich hätte es getan, und glaube mir, nichts tut mir mehr leid, dass es gerade deine Kindheit hat seien müssen.“
Sie verstummte und schluckte dann, es war vielleicht schon zu viel, die Fähe war verwirrt, wütend und traurig, es war nicht der Augenblick für weitschweifende Erklärungen, aber sie konnte diesen Ausruf des Hasses nicht unkommentiert lassen, sie konnte es einfach nicht.
“Wir sind nicht unmündige Gefangene Engayas, wir sind ihre Kinder, wir alle, und nicht alles, was wir tun, ist von ihr gewollt. So wie eine Mutter es zulässt, dass ein kleiner Welpe sein Fell am Feuer ansengt, damit er daraus lernt, wie gefährlich es ist, lässt die Göttin uns leben und daraus sollen wir lernen. Dass dein Bruder dabei einen Schritt zu weit ging, dass ich einen großen Fehler machte und dass du die Einsamkeit kennengelernt hast, war nicht ihr Wille, sie hat es nur zugelassen, damit wir alle nun so sind, wie unsere Vergangenheit uns geprägt hat. Ich hoffe, auch das verstehst du irgendwann.“
Ihre Augen waren ins Nichts gewandert und glitten erst jetzt zurück auf die weiße Fähe. Sie hätte viel darum gegeben, Sheena trösten zu können, aber die Jungfähe hätte jetzt keinen Trost von ihr angenommen, zuerst musste sie verstehen, möglicherweise etwas, das sie noch nicht verstehen konnte. So würden sie warten müssen … Banshee hob leicht den Kopf, ihr Gesicht spiegelte jetzt nur noch Trauer wider und ihr Blick ging in die Ferne.
“Es tut mir leid, Sheena, oh könnte ich dir nur begreiflich machen, wie leid es mir tut.“
Sie flüsterte nur, es war nicht mal klar, ob die Worte direkt an die Weiße gerichtet waren. Einige Augenblicke blieb die Leitwölfin stumm so stehen, dann drehte sie den Kopf zu Face, rief ihn mit den Augen zu sich und gab Tyraleen und Averic einen Wink, vielleicht auch eher Face, dass er die beiden mitbrachte.
“Ich bitte dich, nein, ich flehe dich an, denk über das alles nach, Sheena, bevor du dein Urteil fällst.“
Damit drehte sie sich mit einer wehmütigen Geste in Richtung Sheenas Stirn um und trat ein paar Schritte in die Schneelandschaft hinein, wartete, bis Face mit Tyraleen und Averic bei ihr war und verschwand dann mit ihnen inmitten des Schneetreibens.
Banshee, Face, Averic und Tyraleen begeben sich auf Jagd.
Es war ein unglaubliches Gefühl, als er Shanis Stimme vernahm - leise, ob der großen Entfernung, und doch da - und die Gewissheit ihn packte und aus seiner angsterfüllten Trance wachrüttelte: sie war noch am Leben. Er hatte keine Ahnung, dass ihr verletzter Gefährte bei ihr war, und vielleicht war das besser so - denn auch, wenn er ihn nicht kannte, er hätte sich wohl vor Sorge um den geschwächten Rüden das große Herz zermartert. Plötzlich in blinde Aufregung ausbrechend, wanderte Rasmús wieder wie von Peitschen getrieben hin und her, wusste nicht wohin mit seiner Erleichterung und seinem Drang, etwas zu tun.
"Shani! Bist du verletzt?! Du musst da raus, such nach dem Ende der Spalte!"
Seinen eigenen Befehl befolgend, preschte der Graue, nachdem er die Antwort abgewartet hatte, sofort los, Schnee wirbelte durch die Luft, er hetzte, bis er nicht mehr schneller konnte. Wenn er sich für die falsche Richtung entschieden hatte, musste er schnellstens umdrehen und in die andere Richtung laufen. Und je eher er das herausfand, desto schneller konnte er handeln. Die Spalte wurde nicht schmaler, sooft er auch einen Blick zur Seite war, nur, um verbittert den Kopf zu schütteln und noch einmal das Letzte aus sich herauszuholen. Bald schon merkte er, dass der Sprint auf solch eine Dauer selbst für ihn, einen sehr ausdauernden Läufer, nicht zu halten war. Widerwillig verlor er an Geschwindigkeit und verfiel schließlich in einen ausgelaugten Trott. Er hasste sich selbst für seine fleischliche Bemessenheit, und nicht über die Grenzen seines Körpers hinausgehen zu können. Hätte er doch nur noch ein wenig Kraft...
Völlig unerwartet fand er sich vor einer Kühle im Schnee wieder. Es sah aus wie eine Art Fuchsbauch, flach und breit, jedoch groß genug für einen Wolf. Rasmús schnupperte; dort wohnte kein Fuchs mehr. Keine Fährte, nicht mal ein Hauch einer Hinterbliebenschaft eines Fuchses. Für einen Moment nur dachte er darüber nach, in den Bau zu klettern und nachzusehen, ob er vielleicht in die Schlucht führte. Doch er verwarf den albernen Gedanken und lief, so schnell es noch ging, weiter. Bald musste er feststellen, dss die Spalte an dieser Seite vor einer glatten Eiswand endete. Zornig über sich warf er sich herum und trat nun wieder sprintend vor Wut, den Rückweg an. Als der Fuchsbauch erneut auftauchte, schüttelte er nur den Kopf und zwängte sich hinein. Er konnte nicht mehr tun als es versuchen, und an der Oberfläche umherzulaufen machte die Situation nicht besser. Er durfte nur die Orientierung nicht verlieren.
Die Gänge führten stetig abwärts und wanden sich in engen Kurven und Spiralen nach unten. An manchen Stellen war die Erde so vereist dass Rasmús mehrere Minuten brauchte, um den Gang für sich passierbar zu machen. Es wurde kälter um ihn herum, und bald taten ihm die Glieder weh. Er fing an, nach Shani zu rufen. Vielleicht gab es in der Schlucht eine Höhle, vielleicht hatten diese beiden sogar eine Verbindung. Und vielleicht hatte Shani die Höhle gefunden. Lächerliche Gedanken machten sich in dem Grauen breit, und doch gaben sie ihm etwas Hoffnung.
Noch eine ganze Weile hing der verträumte und leicht nachdenkliche Blick der Schwarzen auf den Schneeflocken, die vom Himmel fielen. Tyraleens Antwort hatte sie wohl gehört, diese allerdings nur eher nebenbei bewusst registriert. ES war so schön, so unglaublich. Der Schnee glitzerte bezaubernd… Die regenblauen Augen konnten sich an diesem Anblick gar nicht satt sehen und die Schwarze blickte erst auf, als Tyraleens Aufforderung in ihr Bewusstsein drang. Stumm nickte sie. Zu viel Gesellschaft war ihr ein wenig unangenehm und die schemenhafte Gestalt war ihr sehr suspekt, aber da sich ihre Mutter und ihre Schwester dort befanden. Viel konnte ihr da also nicht passieren, auch wenn es keine Furcht war, die sie größere Gruppen meiden ließ. Versonnen blickte sie den Eiskristallen nach, die um ihre Schnauze herum tanzten, dann erhob sie sich und lief ihrer weißen Schwester hinterher, hielt sich im Hintergrund. Einen Augenblick ruhten die blauen Augen auf ihrem großen Bruder Averic und Daylight, dann schwenkte ihr Blick ein Mal kurz über die Runde, blieb dann bei der Schwarzen hängen. Toll und was jetzt? Sie biss sich auf die Lefzen. Was hatte sie sich eigentlich dabei gedacht? Gar nichts, hatte einfach nur so gehandelt. Amáya schnippte mit den Ohren, um dem Schnee auszuweichen und tat es dann Tyraleen nach.
„Hallo. Ehm…“
Sofort brach sie wieder ab, als Tyraleen wieder zu sprechen anfing. Sie wollte niemandem ins Wort fallen und vielleicht war es einfach besser, wenn sie schwieg.
Schweigend betrachtete Midnight Kaede, die sich erst Mal schüttelte und ihn dann sanft an lächelte. Das Lächeln erwiderte er nicht, er konnte nicht. Sine Mimik war wie immer – ruhig und stumm. Seine ganze Art sagte so gut wie nichts über ihn aus. Wer aus diesem Rudel wusste schon etwas von ihm? Niemand. Viele kannten noch nicht Mal seinen Namen. Jeder bildete sich über einen jeden eine Meinung. Oftmals zu Unrecht. Nur er nicht. Midnight ließ sich weder die Meinung anderer aufdrängen, noch bildete er seine Meinung sehr schnell. Oberflächlichkeit trübt das Auge. Daher war er wegen Kaedes Bitte ein wenig erstaunt, auch wenn er es nicht zeigte.
„Nur mit dem Herzen sieht man gut, nicht wahr? “
Ruhig sprach der Totenwandler, sah die Graue leicht von der Seit an.
„Wie sieht dein Herz mich, Kaede, denn deine Augen – würden sie sehen – würden sie die gleiche Oberfläche, dieselbe Hülle erkennen, wie jeder andere. Nachtschwarzes Fell, dunkler als die Nacht in der man sich verirrt und Augen so blau wie der Nachthimmel, in dem kein Stern, kein Lichtstrahl für ein wenig Hoffnung sorgt. “
Tonlos seufzte er, blinzelte und sah zur Seite. Eine treffende Beschreibung. War er auf Kaedes Antwort gespannt? Eher weniger, es hielt sich in Grenzen. Was man über ihn dachte, war ihm gleich. Langsam schob er eine Pfote nach vorne, hielt dann wieder inne. Viele Worte hatte er gesprochen, so viele wie schon lange nicht mehr. Es würde wohl zu irgendeinem Bild reichen.
Auch wenn sie nicht im selben Moment auf Averics Worte eingegangen war, so wand sie sich ihm nun doch nocheinmal zu, den Kopf sogleich wieder hoch erhoben, die Rute jedoch nicht weiter bemühend, als sei eine weitere Demonstration erhabener Gesten nicht mehr nötig.
"Nein"
begann sie wieder, ein wenig schneidend, und lies den Blick funkelnd auf seine blauen Augen treffen.
"Du verstehst nicht, Bruder Schwarzfell. Nicht trotzdem ich mein Herz hier lies, sondern deshalb."
Schloss sie die knapp ausfallende Erklärung, und warf ihm noch einen auffordernden Blick zu, und lies dann den Blick zurück zu Tyraleen finden.
"Tyraleen, wie schön..."
gab sie ihr zur Antwort. Es war ein Unterschied wie Himmel und Hölle, wie sie mit Averic gesprochen hatte und wie sie nun mit Tyraleen sprach. Man hätte den Vergleich auch zu ihrem Umgang mit Acollon und Banshee ziehen können. Als sie Banshees Ruf hörte stupste sie Tyraleen an, um sie zu ermutigen ihm zu folgen. Die Frage der Weißen an Averic hatte ihr ein Schmunzeln auf die Leftzen gelegt, wenngleich sie sich auch keine Antwort erhoffte.
Schon wollte sie sich an Sheena wenden, voller Zuversicht das ihre Schwester die junge Fähe sicher mit den richtigen Antworten hatte versorgen können, als sie ein leiser Gruß davon abhielt.
Ein weiteres Lächeln schob sich auf ihre dunklen Leftzen, und mit einem Blinzeln reckte sie auch der Schwarzen Fähe die Nase entgegen.
"Hallo. Wer bist du denn? Ich bin Nyota."
begann sie grinsend, warf jedoch einen kurzen Blick über die Schulter, um nach Sheena zu sehen. Doch auf Anhieb erkannte sie die Weiße im Schneetreiben nicht, und sah wieder zu Amáya herunter. War sie auch ein Kind Acollons und Banshees? Viele Welpen trieben hier ihr Unwesen, und Nyota war gespannt wen sie noch alles ihr Fleisch und Blut nennen durfte.
Immer noch lächelnd trat Kaede einen Schritt zur Seite, dann wurde ihr Blick eher nachdenklicher und ihre Ohren klappten sich ein wenig nach hinten und zur Seite. Midnights Stimme erklang ein wenig erstaunt, als er sie etwas fragte. Kaede grinste kurz. Natürlich sah man mit dem Herzen besser, doch wollte sie gerne ein Bild vor Augen haben, es war wichtig für sie, Bilder, Erinnerungen waren wichtig für sie, so hatte sie wenigstens manchmal das Gefühl noch etwas sehen zu können.
„Ich habe nicht gesagt, dass es wichtig ist zu wissen wie du aussiehst, nicht wichtig um dich kennen zu lernen, aber doch wichtig für mich. Ich habe wenigstens ein ungefähres Bild vor Augen. So wie ich viele andere Bilder in mir haben, ich kann sie mir anschauen und manchmal habe ich das Gefühl ich kann sehen. In bekannter Umgebung die ich schon einmal gesehen habe ist es leicht. Dann ist es gar nicht so schlimm nichts zu sehen, nicht so schlimm wie hier oben! Aber natürlich du hast Recht mit dem Herzen sieht man besser, keine Frage.“
Schwarz war er also, na das hätte sie sich ja denken können. Nur die blauen Augen überraschten sie, jedoch nicht, dass man in ihnen nichts sehen konnte. Sie grinste wieder leicht und trat einen Schritt näher zu Midnight.
„Es gibt viele Wölfe, die einen anschauen und dann urteilen. Vor allem wenn man anders ist muss man damit Bekanntschaft machen. Da ist es egal ob du nur blind bist oder ob du drei Beine hast! Aber die Wölfe, die wirklich mit ihrem Herzen sehen nehmen den Rest gar nicht wahr. Sie schauen direkt in einen Wolf hinein und von innen sind wir alle gleich, da ist es egal wie man aussieht! Ich gebe zu, ich bin sicherlich nicht sonderlich gut darin, aber ich denke ich darf schon stolz behaupten dass ich es besser kann als so manch anderer Wolf. Ich denke . . . Deine Fellfarbe passt schon ganz gut zu dir würde ich meinen. Du bist ein zurückgezogener Wolf. Nicht kontaktfreudig. Vielleicht ist irgendwann einmal etwas passiert, das kann ich nicht wissen, etwas was dich zu dem gemacht hast was du bist. Auf jeden Fall bist du anders als viele normale Wölfe. In dir ist etwas . . .Ich kann es nicht benennen, ich denke auch nicht das dies meine Aufgabe ist. Ich habe dich als einen dunklen Schatten gesehen, als einen Schatten aus dem man nichts erkennen kann. Keine Regung kann man bei dir ablesen, man muss dich nicht gut beobachten um zu erkennen, dass du zurück halten und kaum gesprächig bist, das ist schließlich offensichtlich. Aber das etwas in dir drin ist. Etwas . . . anderes, das denke ich erkennt man nicht zu leicht aber vielleicht irre ich mich auch, ich bin schließlich keine weise Wölfin.“
Mit schräg gelegtem Kopf schaute Kaede nun an Midnight vorbei, ihre Augen ließen nichts erkennen und auch sonst war es schwer zu erkennen ob Kaede Gedanken nachhing oder ob einfach nur ihre blinden Augen zu schauen schienen.
Weiterhin hatte Sheena zornig vor Banshee gestanden. Langsam hörten die Tränen auf über ihr Gesicht zu rollen und zu Boden zu Tropfen und Sheena spürte wie die nassen Wege erst eiskalt wurden und sich dann festigten, sodass ihr Fell wie zu einer Maske erstarrte, an den Stellen wo die Tränen hingelangt waren. Doch dies nahm Sheena kaum wahr, Banshee hatte sie genau beobachtet und Sheena konnte eine gewisse Trauer in ihrem Gesicht lesen. Trauer über die Worte, welche Sheena von sich gegeben hatte. Doch noch war sie nicht bereit zu bereuen oder Banshee um Verzeihung zu bitten. Sekundenschnell glitt ein Ausdruck von Wut über Banshees Gesicht und Sheenas Blick wurde etwas schadenfroh. Also hatten ihre Worte Banshee wenigstens erreicht. Doch ehe sie in Gedanken versinken konnte begann Banshee wieder zu sprechen. Und Sheena war gewillt ihr zu zuhören. Sie hörte, wie Banshee davon sprach, dass sie selbst ihr eigenes Leben geopfert hätte, dass ihr alles Leid tat und das sie ihre Eltern nicht als schlecht bezeichnet hatte. Sheena sammelte all ihre Worte in ihrem Kopf, sie würde später in Ruhe darüber nachdenken, jetzt war ihr Kopf zu voll. Und doch ging es ihr gegen den Strich, dass Banshee meinte sie würde noch nichts von all dem verstehen. Es erzürnte sie, dass Banshee sagte es sei doch zu früh gewesen. Sheena wollte nicht wahr haben, dass sie genau falsch gehandelt hatte. Hätte sie besonnener gehandelt hätte sie sich jetzt nicht anhören brauchen, dass sie noch zu jung ist um alles verstehen zu können. Doch trotzdem war Sheena noch nicht bereit besonnen zu handeln. Trotzig hob sie ihren Kopf und blickte Banshee nach, welche zu umdrehte und bereit war zu gehen, besser gesagt schon davon ging.
„Ich bin nicht zu jung um das alles zu verstehen Banshee!!!“
Wütend kam dieser Schrei aus Sheenas Kehle, wieder rannen Tränen über ihr nun vereistes Fell. Trotzig schüttelte sie ihren Kopf, sie würde später nachdenken ja, aber nicht um Banshee einen Gefallen zu tun, ganz gewiss nicht ihr. Oder vielleicht nur ein klitzekleines bisschen wegen ihr. Auf jeden Fall nicht viel. . .
Nun war sie also wieder alleine, nur undeutlich nahm sie die anderen Wölfe in dem Schneetreiben wahr. Und sie wollte auch nicht zu ihnen gehen. Dafür schämte sie sich zu sehr, war sie doch gerade sehr laut geworden. Hatten das die anderen wohl gehört? Und wenn schon, sie war eben etwas aus ihrer Haut gefahren, das konnte doch jedem Mal passieren. Schließlich war sie eine Tochter Hidois. Sie schmunzelte ein wenig. Es war schön gewesen, das Gefühl zu haben, dass ihr Vater bei ihr war. Es war ihr vorher noch nie aufgefallen, allerdings war sie vorher ja auch nie wirklich ausgerastet, sondern hatte sich in ihrer Trauer verkrochen. Und würde sie es wohl schaffen auch ihrer Mutter nahe zu kommen? Sie zu spüren? Doch Sheena glaubte, dass sie dafür erst älter werden müsste. Älter und hoffentlich auch weiser. Dies alles Stärkte sie und sie hob ihren Kopf. Vielleicht hatte Nyota ja Zeit ihre in wenig zuzuhören? Und wenn nicht vielleicht würde Nyota wenigstens mit den anderen Wölfen zu ihr kommen, oder sie würde zu ihnen gehen.
„Nyota? Bist du hier in der Nähe? Es wäre sehr schön, wenn du vielleicht einen moment Zeit für mich hättest“
Ein wenig zitternd kam Sheenas Stimme, doch war sie so laut und auch einigermaßen kräftig, dass der Wind sie nicht mit sich riss, sondern man sie gut hören konnte. Sie traute sich nicht einfach zu ihnen zu gehen. Erstens war ihr, ihr Verhalten peinlich und zweitens wusste sie, dass sie immer noch durch den Wind war, wegen ihrem Ausbruch und dem ganzen Gespräch mit Banshee. Außerdem kratze ihr Hals furchtbar, da sie so lange geschrieen hatte. Nun fing sie es langsam an zu bereuen. Sobald Banshee von der Jagd wiederkommen würde, würde sie zu ihr gehen und sich entschuldigen, denn schon jetzt begannen sich die Worte in ihrem Kopf zu ordnen und sie begann zu verstehen, was Banshee ihr hatte sagen wollen. Sie verstand, dass es richtig gewesen war und dass sie ihr eigentlich dankbar sein müsste. Und dass sie sie um Hilfe bitten sollte, damit sie sich weiterbilden konnte. Ob Banshee das nun noch für sie machen würde? Bestimmt, denn sie war eine liebe Fähe und es tat ihr ja selber Leid, dass Sheena so eine Kindheit hatte und sie war ihr ja auch eben nicht böse gewesen.
Nienna war inzwischen wieder aufgestanden weil sie das Gefühl hatte wie als ob sie gleich auf dem Schnee unter ihr erfrieren würde. Sie stemmte die Beine stark gegen den Boden, wedelte etwas mit ihrer Rute und ihr Fell wirkte schon etwas dicker und flaumiger wie vorher. Die kleine Fähe drehte ihre Ohren leicht im Wind und lauschte den Geräuschen der Natur. Sie setze leichte Schritte vorwärts in die Richtung von einem kleinem Bach. Bei jedem Schritt hörte sie das kleine Knacken der einzelnen Eiskristalle unter ihren weichen Pfoten bis sie an dem kleinem Bach stand. Nienna senkte den Kopf herunter und schnupperte vorsichtig an dem Eis. Sie Sah das ihr eine kleine Nebelwolke entgegen kam, so warm musste ihr Atem im Moment sein. Die Graue stand da schüttelte kurz den Kopf und ihre Lechzen zogen sich leicht nach oben. Nienna fühlte sich zwar etwas einsam aber es war ihr total egal. Sie schaute ihr Spiegelbild auf dem Eis an und sprang ein kleines Stückchen nach hinten. Nienna merkte das sie sich ein kleines Stückchen verändert hatte. Auch wenn es kein anderer Wolf sah, sah es Green. Die Kleine schaute über ihr Gesicht und bemerkte ihre funkelnden Augen. Erneut sprang sie zurück und merkte in dem Moment endlich wieso sie vielleicht von ihrem Geburtsrudel gehasst und verachtet wurde. Ihre Augen sahen ja schon fast dämonisch aus. Nienna schüttelte stark den Kopf und legte sich erst mal an den Bach. Sie saß da und dachte über sich nach.
oO...Wieso wurde ich verstoßen und wer wird mich hier im Rudel wahrnehmen..vor allem....wer Freund und wer Feind? Oo
Dachte Nienna und sie versank in ihrer Welt der Gedanken. Immer wenn sie in ihrer Gedanken Welt war kam sie da, kaum wieder heraus, außer irgendein anderer Wolf würde sie anstubsen oder ansprechen. Nienna legte die Pfoten übereinander und den Kopf wiederum auf die Pfoten drauf so wie sie es üblich tat wenn sie sich hinlegte.
Die fremde Fähe hatte Thylia nicht geantwortet, sie hatte sich jedoch auch nicht genähert und so hatte sie keine Lust mehr noch länger auf die Unbekannte zu warten. Sie tänzelte ein paar Schritte nach rechts, damit ihre Muskeln wieder warm werden würden. Das Gefühl, schwach zu sein, was sie eben schon gespürt hatte verstärkte sich und Thylia blickte überrascht an sich herunter. Was war denn nur los mit ihr? Plötzlich fühlte sie sich wütend, ohne scheinbaren Grund. Ihr Zorn ließ sie erbeben und ihr ganzer Körper fing an stark zu zittern. Kopfschüttelnd und ihre Rute wild peitschend fing sie an zu laufen. Sie hatte keine Ahnung wohin sie sich wenden konnte, doch sie wollte nur weg von den anderen Wölfen um keinem von ihnen etwas zu tun oder sie zu erschrecken. Der Schnee stob um ihren Körper herum, welcher inzwischen sehr heißt geworden war. Ängstlich jaulte Thylia einmal auf, ehe ein gleißender Blitz in ihren Körper fuhr und kurz sogar das Schneegestöber unterbrach. Sie konnte in der Ferne einen kleinen Bach erkennen, schon waren die Schneeflocken wieder so dick und undurchsichtig, dass sie kaum einen Meter weit sehen konnte. Doch dafür war sie nun viel größer.
oO{Oh nein, ich muss aus diesem Körper raus}Oo
In Sekundenschnelle schoss ihr dieser Gedanke durch den Kopf, warum hatte sie sich denn jetzt in einen Werwolf verwandeln müssen? Mit großen Sätzen rannte sie nun auf zwei Beinen weiter, unbeholfen versuchte sie sich zu konzentrieren und unbewusst verließ ein wütendes Brüllen ihre Kehle. Speichel flog durch die Gegend. Der Boden knartschte lautstark unter ihren Tatzen, so als ob er sich beschweren wolle, dass dort oben jemand so schwer war und auf ihn drückte. Thylia schaute sich gehetzt um. Sie wollte nicht in diesem Körper feststecken, doch die einzige Möglichkeit die ihr blieb war, sich in einen Menschen zu verwandeln. Doch als Mensch würde sie hier oben kaum eine Chance haben zu überleben. Außer die Wölfe würden sich ihrer annehmen und sie mitwärmen und auch ernähren. Und sie musste schnell Kräfte sammeln, damit sie sich zurück verwandeln könnte. Aber war es nicht immer noch besser jämmerlich als Mensch hier oben zu sterben, anstatt als Bestie zu überleben und vielleicht jemanden zu verletzen oder gar zu töten? Dieser Gedanke erschreckte Thylia so stark, dass sie fast sofort handelte. Sie konzentrierte sich und murmelte leise und undeutlich einen Satz und schon durchbrach ein Grollen den Sturm und sie fiel als kleines Mädchen auf den eiskalten Boden. Benommen und erschrocken richtete sie sich auf. Das alles war in Sekundenschnelle passiert. Sie sah an sich herunter, immerhin steckten ihre sonst bloßen Füße in dicken Fellen, womit auch der Rest ihres Körpers eingehüllt war. So würde sie wenigstens nicht am Boden festfrieren können und sie könnte wenn sie den Mut hatte es zu den Wölfen schaffen. Aber war nicht dort unmittelbar vor ihr an dem Bach ein kleiner Wolf. Fast schon dem Welpenalter entwachsen? Neugierig und mutig kämpfte Thylia sich durch den Schnee. Sie hoffte der Wolf würde sich nicht vor ihr erschrecken, aber da es einer der jungen war konnte es gut sein, dass er eher neugierig sein würde anstatt verschreckt. Thylia näherte sich also vorsichtig der Fähe und als sie direkt neben ihr stand rührte diese sich immer noch nicht. Anscheinend war sie in Gedanken versunken. Einen Schritt trat Thylia nun wieder zurück um etwas Abstand zwischen sich und den Wolf zu bekommen, sodass er nicht gleich total erschrocken wäre, wenn sie ihn ansprechen würde.
„Entschuldigt mich?“
Diese zwei Worte mussten reichen um die Fähe aus ihren Gedanken zu reißen. Hoffentlich war sie ihr gut gesinnt. Zweifelnd konzentrierte Thylia sich auf den mittelgroßen Wolf. Ihr langes, offenes Haar wurde vom Wind stark verzaust, doch es störte sie nicht, da es an manchen stellen sowieso schon verfilzt war. Die Felle schützten sie jedoch nur wenig vor dem starken, schneidendem Wind und so bibberte sie ein wenig vor sich hin, ihre Zähne schlugen leicht aufeinander. Alles in allem musste sie ein komisches Bild abgeben, ein in Felle gehülltes Wesen, das bleiche, runde Gesicht von wehenden Haaren umgeben. Auf zwei Beinen stehend und mit, für die Wölfe zwei weiteren Beinen an der Seite ausgestattet, welche den kleinen Körper in diesem Fall fest umschlungen. Aber immerhin konnte Thylia trotzdem noch die Sprache der Wölfe, auch wenn es sich ein wenig anders anhörte als normal. Es war verständlich und dafür musste sie dankbar sein.
Schweigend verfolgte Amáya die Szene, allerdings hatte sie keine Ahnung, worum es ging, also schwieg sie lieber. Sie sah Tyraleen und Banshee hinterher, als die zusammen mit Averic und Face zum Jagen aufbrachen. Warum man sie nicht mit nahm, wusste sie nicht, darüber nachdenken blieb ihr keine Zeit, denn gerade wandte sich die andere Schwarze an sie. Sofort wandte sie sich um und blickte die Fähe an, die sich Nyota nannte.
„Mein Name ist Amáya.“
Die kleine Schwarze wurde sofort ein wenig sicherer, als sie das freundliche Grinsen bemerkte, auch wenn ihre Selbstzweifel blieben. Sacht schleckte sie sich über die Schnauze, dann folgten ihre Augen wieder den Schneeflocken.
„Es schneet so schön…schon eine ganze Weile.“
Ihr Blick nahm wieder etwas Verträumtes an und die Rute der Welpin pendelte sachte hin und her. Es sah alles so wunder schön aus.
„Magst du Schnee auch, genau wie meine Schwester und ich?“
Ihre klaren, regenblauen Augen sahen wieder zu Nyota auf, den Kopf licht schief gelegt. Eine weitere Stimme die durch den Schnee erklang ließ die Schwarze verstummen und die Stirn leicht runzeln.
Stumm betrachtete Midnight Kaedes Lächeln. Gab es auch Momente, in denen ihr Lächeln versiegte? Oder war sie wie Shit, der einfach immer lächelte. Wo steckte der Kleine eigentlich? Er hatte ihn schon eine ganze Zeit lang nicht mehr gesehen. Die Ruhe war ihm einfach so in Fleisch und Blut übergegangen, als das ihm erst jetzt das Fehlen jenes gesprächigen Rüden auffiel. Aber in dem dichten Schneefall war es sinnlos nach ihm Ausschau zu halten, er würde ihn weder sehen noch wittern können. Der Grund, warum er selber nun hier war und nicht in irgendeiner Schlucht auf dem Boden lag, möglicherweise von Schneebedeckt und fest gefroren, mit Augen aus denen die Melancholie gewichen war und nur noch das blanke Gesicht des Todes ruhte. Den Gedanken verdrängend lauscht er halbwegs aufmerksam den Worten der Grauen. Eine so ausführliche Antwort hatte er eigentlich gar nicht gewollt, er hatte genauer genommen gar keine Antwort erwartet, obwohl er gefragt hatte. Die ersten Worte nahm er schweigend hin, er hatte dem nichts mehr hinzu zu fügen. Erstrecht nicht in die Empfindungen der Blinden. So lauschte er den folgenden Worten und runzelte leicht die Stirn.
„Von Innen sind wir nicht gleich, das ist unmöglich.“
In so manch einer Stimme wäre wohl härte durchgedrungen oder andere Gefühlsregungen, nur bei ihm nicht. Ruhig und klar, wie immer erklang seine Stimme, auch wenn es keinen Zweifel daran gab, dass er es wirklich so meinte wie er es sagte. Nein, innerlich waren alle Lebewesen anders. Von verschiedenen Beweggründen oder Instinkten geleitet, mit unterschiedlichen Erfahrungen und anderen Erlebnissen in der Vergangenheit. Niemand glich einem anderen, vielleicht in absoluten Grundsätzen, aber nicht in seinem Wesen und auch nicht in der Art. Frei heraus sah Midnight Kaede in die blinden Augen, nicht wissend, ob sie seinen Blick spürte oder anders mit bekam.
„Sieh weder mit meinen Augen, noch mit meinem Herzen Kaede…“
Ruhig hatte Kaede Midnight sprechen lassen. Anscheinend hatte sie sich falsch oder undeutlich ausgesprochen. Natürlich waren sie nicht alle von innen gleich, nicht von Regungen her. Sie hatte eher an den Aufbau gedacht, von innen waren sie alle ein Wolf. Mehr war mit ihrem Satz nicht gemeint gewesen. Sie seufzte leicht. Es tat ihr Leid, das Midnight sie falsch verstanden hatte.
„So war es nicht gemeint Midnight. Von Innen sind sie alle Wolf, nicht mehr und nicht weniger, ich bin nicht auf verschiedene Neigungen und Regungen eingegangen!“
Kaede blickte in nun direkt an, sie hatte seinen Blick auf ihrem gespürt. Er sagte noch etwas, doch darüber wollte sie sich gerade nicht den Kopf zerbrechen. Sie legte ihre Stirn in Falten und wenn Midnight ihre Augen genau beobachten würde, würde er nun in ihnen die alte Farbe erkennen können. Die Farbe, die Kaede so geliebt hatte und doch war in diesen Augen keinerlei Regung zu sehen. Nie war in diesen Augen Regung zu sehen gewesen. Die Fähe hatte sich sehr geändert, selbst jetzt in ihren mit Schleier überzogenen Augen konnte man mehr erfahren und mitbekommen als in ihren damaligen Augen. Kopfschüttelnd wendete Kaede ihren Kopf ab. Nachdenklich schweiften ihre Gedanken wieder an früher ab. Früher, was für ein komisches Wort in dem Zusammenhang von dem alten Jahr. Doch wieder seufzte Kaede und unterbrach ihre Gedanken so. Sie schenkte Midnight ein halbes lächeln.
„Ich muss dich nicht ergründen. Ich bin nicht gewollt in irgendeinen Wolf einzudringen“
Nienna war noch für eine Weile in ihrer Gedankenwelt gefangen bis eine eher schlimme Erinnerung in ihr aufkam und sie den Kopf plötzlich heben musste als sie eine ziemlich Fremde Stimme hörte. Diese Stimme klang für Nienna auf irgendeine Weise ziemlich lustig aber sie stellte erst einmal ihre Ohren auf und stemmte sich hoch. Unter ihren noch grauen Pfoten hörte sie das Eis knarren das sich förmlich beschwerte. Die kleine Fähe schaute kurz auf ihre Füße musste dann aber den Kopf heben weil ihre Neugier mal wieder größer war als ihre Vernunft. Sie blickte hoch und starrte erst einmal Minuten lang auf das Menschenkind und beobachtete die blonden Haare die im Wind flatterten, ihr Gesicht welches bleich war wie ein Stein und überhaupt das sie auf 2 Beinen stand. Nienna wiederhohlte die Worte die der Mensch los gelassen hatte einmal zweimal ja sogar dreimal im Kopf und es klang für sie immer wieder komisch und sie musste sich etwas wundern woher die Fremde überhaupt die Sprache der Wölfe kann. Nienna leckte sich einmal kurz über ihre kalten Pfoten und musterte erneut die Fremde. Sie dachte nach ob sie etwas sagen sollte oder lieber schweigen sollte, ob sie dem Menschenkind vertrauen soll oder lieber Alarm schlagen soll, ob sie ganz einfach Vertrauen haben sollte.
"..Kann ich ihnen irgendwie behilflich sein..ich weis ich sollte Menschen eigentlich nicht vertrauen aber sie scheinen mir..etwas anders zu sein..."
Niennas Neugier war wieder einmal schneller wie ihre Vernunft und schon hatte sie diese paar aber wirkungsvolle Worte abgelassen. Doch dann musterte sie die Felle und plötzlich zogen sich Niennas Lefzen aggressiv nach oben und ihr Fell im Nacken stellte sich auf. Nienna wurde leicht aggressiv weil sie dachte die Felle seien von Wölfen aber dann zogen sich ihre Lefzen wieder normal und ihr Fell legte sich auch ab.
oO ...Ich komme zu sehr nach meinem Vater,....er wurde auch sofort aggressiv wenn es um das töten ging.. Oo
Sie musste schon allein mit dem Gedanken an ihren Vater den Kopf schütteln und erneut musterte sie die Fremde. Die Kleine ging einen kleinen Schritt nach vorne auf sie zu und dann noch einen und noch einen bis sie direkt an ihren Beinen stand. Nienna merkte den Herzschlag von der Fremden der anscheinend immer schneller wurde und Nienna merkte das das Menschenkind zitterte. Nienna wusste genau wie sich die Kälte anfühlte, es kann sich entweder so anfühlen wie als ob du von tausenden von Fischen von allen Seiten angeknabbert wirst oder wie als ob du in eine tiefe Schlucht fällst und fällst un es dir in deinem Inneren alles zerreist. Nienna kuschelte sich wie eine Katze an das Bein des Menschenkindes und so wie üblich war alles kleiner wie ihre Neugier.
Frierend hatte Thylia auf die Reaktion der Fähe gewartet. Sie schien unsicher, aber nicht abgeneigt von ihr zu sein. Eher so, als ob sie zwar wüsste, dass Menschen an sich oftmals eine Gefahr darstellen, aber als ob sie diese Warnung in den Wind schlagen wollte, vielleicht aus Neugier oder irgendwie so etwas in der Art. Die Jungwölfin begann nun zu sprechen und Thylia strengte sich an, um alle Worte durch den Wind hindurch zu verstehen. Dabei war sie nicht weit weg von dem Wolf, aber das Menschengehör war eben doch ungewohnt und gewöhnungsbedürftig und selbst dann konnte man einfach nicht Klasse damit hören. Gerade wollte sie antworten, da begann die Fähe ihre Lefzen zu verziehen und ihr Blick wurde plötzlich böse, ebenso hatte sich das Fell aufgestellt. Vorsichtshalber trat sie selber einen Schritt zurück, doch da beruhigte sich die Fähe anscheinend schon wieder. Mit etwas verdutzter Miene machte Thylia nun wieder einen Schritt nach vorne, sie wusste nicht woher der Sinnes Wandel ihrer kleinen Gesprächspartnerin kam, doch konnte sie sich denken, dass dies an den Fellen lag, welche sie umgaben. Doch da konnte sie nur schmunzeln. Vorsichtshalber beobachtete sie den Wolf, welcher nun immer näher trat und beruhigt stellte sie fest, dass die Fähe sich nur an ihre Beine kuschelte um ihr ein wenig Wärme zu schenken. Vorsichtig bewegte Thylia ihre Hand in das Fell der Fähe und begann diese leicht zu kraueln. Dann erhob sie ihre Stimme und schämte sich für ihre etwas komische Aussprache, doch als Mensch mit der Sprache der Wölfe zu sprechen war einfach etwas schwieriger.
„Hey, mein Name ist Thylia. Ich hätte eine Bitte, ja. Kannst du mich wohl zu irgendeinem Unterschlupf begleiten? Ich muss nur ein paar Tage warten, dann bin ich wieder stark genug um mich in einen Wolf zu verwandeln. Es klingt vielleicht komisch aber es ist eine sehr lange Geschichte.“
Das sie anders war, hatte sie damit ja schon beantwortet. Es war also nicht nötig dies zu bestätigen. Langsam fuhr sie weiter durch das Fell der Wölfin und kraulte sie.
„Aber merke dir, normalerweise ist es besser sich von Menschen fern zu halten. Ich denke hier oben war es jetzt ja wirklich nicht schlimm, weil ich glaube nicht, dass Menschen hier oben hinkommen, was sollen sie jetzt auch hier es ist viel zu gefährlich, aber trotzdem denke daran und mach nicht nur immer alles weil du neugierig bist! Ach und was die Felle angeht, da brauchst du dir keine Sorgen machen, das sind quasi meine eigenen, mitgenommen zu einem anderen Körper. Der einzige Unterschied ist eben, dass sie nicht mehr fest sind, sondern ich sie ablegen kann.“
Sie grinste nun ein wenig, die Wölfin musste auch denken, dass sie, Thylia ein bisschen durch den Wind war.
Lächelnd hatte sie die Ohren gespitzt als die kleine Schwarze ihr ihren Namen nannte. Ein hübscher Klang begleitete die Buchstaben welche den Namen formten, und ein Schmunzeln zog über ihre Leftzen wie eine Wolke vor dem Mond entlangzieht. Wer als ihre Schwester könnte solche Namen vergeben? Sie fing eine Schneeflocke mit der Zunge, bevor sie Amáya antwortete.
"Aber es heißt doch schneit und nicht schneet."
Lächelnd erwartete sie die Reaktion der Kleinen. Vermutlich hatte sie selbst sich einfallen lassen, dass es schneet heißen musste.
"Ob ich Schnee mag ist eine schwierige Frage. Wenn er sich sanft auf mein Fell legt, um meinen Kopf tanzt und die Welt in glänzendes Weiß taucht, ja, dann mag ich ihn. Wenn er jedoch in meinem Fell verklumpt und gefriert, mich frieren lässt und alles ringsum unter seinem Gewicht ersticken lässt - dann mag ich ihn nicht."
Das Lächeln ihrer Leftzen hatte sich durch den Ernst in ihren Augen ein wenig verfärbt...es wirkte melancholisch.
Sheenas Stimme drang an ihre schwarzen Ohren, und Amáya zunickend wand sie sich halb um. Was würde die kleine Große ihr zu erzählen haben, von dem was Banshee ihr berichtet hat?
"Komm, Amáya, wir gehen zu Sheena"
meinte sie mit aufforderndem Lächeln, und tat einen Schritt in Richtung der Weißen.
Nach einigen Stunden, in denen das Rudel Nyota besser kennenlernte und der Schneesturm zunahm, hatte die Jagd von Banshee, Face, Averic und Tyraleen Erfolg. Face Taihéiyo kam zum Rudel und forderte sie alle dazu auf, ihm zu folgen. Weit weg vom Gletschersee, am Rande des Gletschers hatten die vier ein verletztes altes Bergschaf geschlagen. Endlich konnte sich das Rudel sattfressen und somit die ersten Polster für den kommenden Winter anlegen.