31.03.2010, 23:30
Des Schwärzlings Pfoten trugen ihn im lockeren Trab durch den Wald. Tänzelnd, wie immer. Das weiche Gras federte sanft unter seinen Schritten, und trockenes Laub knisterte ab und an. In ihrem ganz eigenen Takt pendelte seine Rute hin und her, und strich an Büschen, Farnen und jungen Bäumen entlang. Laub raschelte, und Malakím grinste vor sich hin.
Ein Baumstamm lag quer über den unsichtbaren Pfad, den der Schwärzling sich als seinen Weg ausgewählt hatte. Es wäre kein Problem gewesen, einfach darüber zu steigen, dafür hätte er selbst die Läufe kaum weiter zu heben brauchen als bei einem ganz normalen Schritt. Ha, aber wo wäre da der Spaß geblieben? Wo der Funke aus Enthusiasmus, um diesen unbedeuteten Augenblick in einen besonderen Moment zu verwandeln, und sei es nur für die Dauer des Moments selbst? Malakím sprang, gleich einem Fuchs bei der Mäusejagd. Direkt vor dem Baumstamm stieß er sich fast senkrecht in die Luft, krümmte sich, um gleich darauf direkt hinter dem Stamm wieder aufzukommen. Vergnügt mit den Ohren schnippend lief er weiter und genoß sein für sich sein. In Kürze schon würde es ihn wieder in den Trubel des Rudels zurückziehen, aber noch genehmigte er sich eine Pause von seinen Artgenossen. Ab und an brauchte das jeder mal, oder etwa nicht?
Aus den Augenwinkeln bemerkte er etwas Helles, und neugierig sah er sich um. Das Grinsen auf seinem Gesicht wuchs, während er sich in die neue Richtung wandte. Der Baumstamm, über den er eben noch gesprungen war, kreuzte erneut seinen Weg und lief nun zufälligerweise in die Richtung, in die der Schwärzling nun wollte. Mit einem Hüpfer sprang Malakím auf den Stamm und balancierte darauf entlang, auf Tyraleen zu.
"Sieh an, welchen Engel mir die Göttin da wieder vor die Pfoten gesandt hat",
grüßte er die Weiße.
"Was hat dich so allein hierher verschlagen?"
02.04.2010, 12:08
• Mama, Papa, ich komme euch besuchen. Ich gehe gerne diesen Weg, er ist ganz still und doch voller Leben. Jeder Baum scheint unzählbar viele Geschichten zu kennen, aus Zeiten, in denen hier noch ganz andere Wölfe gelebt haben. Ich würde ihnen gerne lauschen, aber sie sind für mich so stumm wie ihr es geworden seid. Ich würde so gerne mit euch reden, aber manchmal sind mir eure Antworten wie der Gesang eines Vogels oder das Rascheln eines Blätterdachs zu leer. Zu wenig können sie sagen, ob ihr glücklich seid, dort oben und ob es Nyota auch gut geht. Trotzdem komme ich euch so gerne besuchen. Ich fühle mich hier, als könnte ich schweben, als gäbe es keine Grenzen mehr, als würden Himmel und Erde verschmelzen. Sorgen und Nöte kann ich vergessen, sie finden keinen Eingang zu eurem kleinen Hain aus Trauerweiden, der für immer euer wunderschönes Grab sein wird. Ich freue mich so auf euch, Mama, Papa. •
Tyraleens Schritte waren langsamer geworden. Sie hatte den Hain erreicht, setzte ihre Pfoten in das Gras, das dem auf der weiten Wiese zwischen dem Wald und dem Gebirge glich, obwohl es doch inmitten von Bäumen wuchs. Die tief hängenden Äste streiften ab und an ihren Rücken, strichen an ihrem Fell entlang und sagten Hallo. Hallo, Tyaleen, deine Eltern warten schon auf dich. Sie freuen sich so, dich wieder zu sehen.Kurz schloss sie die Augen und genoss den Moment, als einer der schmaleren Äste ihre Schnauze entlangglitt. • Hallo, ich freue mich auch, euch zu sehen. Ihr passt gut auf sie auf, kein Leid kann ihnen zwischen euren Stämmen geschehen. • Die Weiße fragte sich keine Sekunde, ob sie verrückt war, weil sie mit Bäumen sprach. Diese Bäume waren etwas ganz besonderes, sie konnten sprechen, da war sie sich ganz sicher. Nur weil sie einander nicht verstehen konnten, gab es keinen Grund, sich nicht dennoch etwas zu erzählen.
Tyraleen zuckte heftig zusammen, als plötzlich eine Stimme an ihr Ohr drang, die sie verstehen konnte und die ganz eindeutig von keiner Trauerweide kam. Um genau zu sein gehörte sie Malakím, der auf einem Baumstamm balancierend am Rande des Hains auf sie zukam. Die Weiße wandte sich ihm zu, fühlte sich noch ein wenig schwankend, als wäre sie grade aus einem tiefen Schlaf erweckt worden.
“Es war wohl eher Banshee, die mich hier her gelockt hat, aber das ist von nun an wohl das Gleiche.“
Jetzt lächelte sie leicht, jedoch noch immer nicht ganz anwesend. Ihre seltsame Stimmung aus Melancholie und leiser Freude blieb an ihr haften und sie wollte sie auch nicht verlieren. Viel zu gerne fühlte sie sich so, wenn sie bei ihren Eltern stand.
“Ich möchte zu meinen Eltern. Ich besuche sie sehr gerne.“
13.04.2010, 19:17
Tyraleen zuckte zusammen, als sie seiner gewahr wurde, dabei hatte er sich nun wirklich alles anderes als angeschlichen. Malakím zog eine Entschuldigung heischende Miene und lächelte noch breiter, als die Göttertochter ihm ihrerseits entgegen lächelte. In ihren wunderschönen goldenen Augen lag etwas Träumerisches. Glücklich und traurig zugleich. Eigentlich mochte der Schwärzling es generell lieber, wenn die Wölfe um ihn herum fröhlich lachten, besonders die, die er sehr mochte. Aber selbst er musste zugeben, dass die Weiße jetzt noch viel umwerfender aussah. Nie zuvor war ihr ihre Abstammung deutlicher anzusehen gewesen als jetzt.
Einem Teil von ihm widerstrebte es, ihre Traurigkeit als Teil dieses himmlischen Bildes anzuerkennen. Malakím mochte keine Traurigkeit und keine anderen negativen Gefühle, und er gestattete sie sich selbst nie. Das hatte er seinen Geschwistern verprochen, und er lebte gut damit, sehr gut sogar. Und so war es ihm von jeher ein tief sitzendes Bedürfnis gewesen, seine Mitwölfe aufzumuntern, wenn negative Gefühle sie plagten. Es gelang nicht immer, das hatte er einsehen müssen, aber auch damit konnte er gut leben. Nun aber sah er sich zum allerersten Mal mit der Situation konfrontiert, eine traurige Fähe nicht aufmuntern zu wollen. Zjm einen plagte sie sich nicht, zum anderen war sie viel schöner so, wie sie jetzt war, als dass er ihre momentane Gemütslage hätte zerstören wollen. Neuland für den Schwärzling, und seine Unsicherheit war ihm für einen Moment anzusehen. So also wandte er sich dem zu, womit er umgehen konnte: ihrem Gespräch. Und stellte fest, da er ihren Worten lauschte, dass auch das zum Neuland gehört, sprach sie doch an, was der Grund für ihre Traurigkeit sein musste.
Sein Blick glitt zu dem Weidenhain, der sich zu seiner rechten und vor Tyraleen öffnete und den Blick auf eine kleine Lichtung preis gab. Der Schwärzling war zum ersten Mal hier, wusste aber, dass es hier eine Art Grabstätte für die beiden ersten Götterkinder gab. Ob es an der Bedeutung dieses Ortes lag oder an Tyraleens melancholischer Stimmung, wusste er nicht zu sagen, aber er glaubte eine gewisse feierliche Würde zu spüren, wie der Hauch einer Brise.
Sein Blick glitt zurück zu Tyraleen. Seine Mimik war mit einem Mal nicht mehr so strahlend und welpenhaft wie zuvor, dafür aber irgendwie weicher. Er trat vom Ende des Stammes herunter und auf die Weiße zu.
"Ich würde dich gerne begleiten, wenn du erlaubst",
sagte er, ein wenig leiser nun. Er wirkte viel erwachsener als jemals zuvor.
Manchmal musste man Opfer bringen, ob etwas Schönes zu bewahren und Anteil daran nehmen zu dürfen. Malakím hatte diese Lektion vor einem Augenblick erst gelernt. Er wollte nicht erwachsen sein. Aber er konnte es sein, wenn er musste, und er hatte das Gefühl, dass das der Preis dafür war, wenn er Tyraleens Schönheit noch ein wenig länger genießen wollte, so wie sie jetzt war.