24.12.2009, 19:58
Es war Sommer geworden im Tal der Sternenwinde. Im Gegensatz zum letzten Jahr, fiel er dieses Jahr aber sehr mild aus, die Sonne versteckte sich oft hinter leichten Wolken, immer wieder fiel sanfter Regen, nicht wie üblich im Sommer kurze Gewitter mit Regengüssen, sondern ganz leichte Tropfen, die die Temperatur auf einem angenehmen Stand hielten. Durch diese milden Temperaturen und den Regen blühte das Tal auf, fruchtbarere denn je lockte es allerlei Getier an, was auch den Wölfen zu gute kommt. Derweil lebt das Rudel in einer lockeren Gemeinschaft deren Mittelpunkt natürlich noch immer die Welpen sind. Tyel Tinuviel, Nightwish, Thila und Shani waren ins Rudel aufgenommen worden und hatten dank vorher geknüpfter Bekanntschaften schnell Anschluss gefunden. Eigentlich hätte sich das Rudel pudelwohl fühlen können, reichlich Beute, angenehmes Klima und friedliche Tage, allerdings liegt etwas in der Luft. Nach Art der Wölfe spüren auch sie weit bevor sie es riechen, hören oder sehen können, dass Gefahr lauert. Es ist ein unbestimmtes Gefühl und undeutbar, dennoch beunruhigt es zumindest die erfahreneren Wölfe. Das Rudel hält sich wie immer am Rudelplatz auf, es scheint zwar die Sonne, dennoch sehr schwach, durch Wolkenschleier hindurch.
Banshees Blick war unbestimmt nach Westen gerichtet, irgendwo in den Wald, über die sanft dahinrollenden Hügel und weiter, irgendetwas Unbekanntem entgegen. Sie wirkte entspannt und strahlte mit ihrer lockeren Körperhaltung Ruhe aus, wer in ihre Augen sah, konnte jedoch die Sorge erkennen. Dort draußen, außerhalb ihres Reviers, dämmerte eine Gefahr herauf und sie kam mit jedem Tag näher. Die Angst fraß sich in Banshees sonst so reines Herz und ließ sie gereizter werden. Schon seit Tagen, nein, Wochen, ging das so und nun, das spürte sie, würde es bald soweit sein. Einerseits wäre das ewige Warten endlich vorbei, aber was auf sie lauerte war ihr so unklar, dass sie nur die Hilfe der Götter herbeiflehen konnte. Und die Hilfe ihrer treuesten Wölfe und genau das würde sie jetzt wieder einmal machen. Hier sitzen und in die Ferne starren, stumm Angst haben und sie tief in ihrem Inneren verbergen … das war keine Leitwölfin. Sich gegen eine unbekannte Gefahr zu rüsten war nicht einfach, aber sie konnte es zumindest versuchen. Endlich riss sie ihren Blick von dem Nichts dort draußen los und ließ ihn über das Rudel gleiten. Weder Acollon noch Falk weilten unter ihnen, es schmerzte, aber sie hatte angefangen, sich damit abzufinden. Die neuen Welpen kannten ihren Vater nicht, wo er war, wusste sie nicht … es schmerzte so sehr, doch auch diesen Schmerz verbannte sie kalt in tiefere Schichten ihres Inneren, die nicht nach draußen dringen können. Sie hatte ihr Schicksal vor langer Zeit gewählt und diesen Weg würde sie gehen, bis sie in die ewigen Hallen eintreten durfte. Wenn Engaya ihr Acollon nahm und ihn auf anderen Wegen führte, dann hatte das ihren Sinn und niemals hätte Banshee ihn angezweifelt. Sie war nur ein Baustein im Plan des Lebens, als Tochter desselben ein großer, aber doch in der Hand ihrer Mutter.
Die weiße Fähe schlug kurz die Augen nieder, soviel Glück ihr Rudel und besonders ihre Welpen ihr auch schenkten, manchmal hatte sie das Gefühl, zu zerbrechen, ihre zarten Läufe unter sich einknicken zu fühlen und zu Boden zu stürzen. Aber sie stand noch immer, das weiße Fell im Sonnenlicht schimmernd und die bersteinfarbenen Augen traurig glitzernd. Sie schluckte, atmete die lauwarme Luft ein und hob zum wiederholten Mal den Blick auf ihr Rudel. Zeit sich dem Spiel des Lebens hinzugeben und ihre Gedanken zu vergessen. Sie erhob sich lautlos, trat in die Mitte des Rudelplatzes und sah sich erneut um, jedem Wolf wurde ein aufmerksamer Blick geschenkt, jeder wurde angesprochen.
“Etwas liegt in der Luft, ich weiß nicht, was, aber etwas wird geschehen. Ich würde gerne einen Rat einberufen. Unsere beiden stärksten Rüden weilen nicht unter uns, sowohl Acollon als auch Falk sind nicht hier, dennoch bitte ich alle, die ein wenig Erfahrung haben zu mir. Alle Paten bitte ich, sich um ihre Patenwelpen zu kümmern. Ayala, Kaede, ich hätte euch gerne an meiner Seite.“
Sie setze sich wieder, ihre Augen waren freundlich und wirkten weder besorgt noch unruhig. Im Gegensatz zu ihren vorherigen Gedanken war sie nun die Leitwölfin, die alles im Griff hat, kein Rudelmitglied musste sich Sorgen machen. Was sie nun aber machen würden, wusste die Weiße nicht, sie wollte mit den anderen reden, gleichzeitig das Rudel beruhigt lassen. Ihr Blick wanderte noch einmal über die Wölfe und blieb dann an Face hängen. Er war einer der wenigen starken und erfahrenen Rüden ... eigentlich ... der einzige. Gerade ihn brauchte sie. Sie legte in ihren Blick eine unmissverstädnliche Aufforderung, gemischt mit etwas Flehendem ... sie brauchte ihn, da war sie sich sicher. Was auch immer auf sie wartete, vollkommen überraschend und ohne irgendeine unmittelbare Vorwarnung, konnte es nicht kommen.
Ein wenig plump drehte sich der kleine Schwarze auf die andere Seite, die Augen noch fest geschlossen. Er schmatzte im Schlaf, die kleine Zunge hing ihm aus dem Maul. Er lag im Schatten eines Baumes… die kleine Schnauze kräuselte sich ein wenig. Die schwarze Vorderpfote zuckte, im nächsten Moment riss der Kleine die dunkelblauen Augen auf… und starrte auf den Rudelplatz. Mühsam und verschlafen richtete er sich langsam auf… erschöpft.
Talvi schlief seit seiner Ankunft unruhig. Es waren keine Alpträume, die ihn plagten. Es war viel mehr die Sehnsucht nach Liebe und Zugehörigkeit, die ihn stets aus dem Schlaf riss. Der Schlafmangel nagte an der kleinen Seele und ebenso am kleinen Körper. Er fühlte sich kraft- und willenlos, wie die anderen Welpen umher zu tollen, zu spielen. Nicht einmal hatte er von seiner Familie geträumt. Und wenn, dann konnte er sich wohl nicht mehr daran erinnern.
Unsicher schien er dort zu sitzen, schwankte ein wenig, und beschloss, sich lieber wieder hinzulegen. Sein Blick schweifte zu Banshee, die sich ein wenig abseits befand. Sein Engel. Seine Retterin. Doch nicht seine Mutter. Erneuert kräuselte sich die kleine Schnauze, Traurigkeit und Einsamkeit legte sich in seinen Blick, er schaute zu den anderen Wölfen, dann in den Himmel. Stumm beobachtete er die Wolken, schnaubte leis und bettete den Kopf auf die viel zu großen Vorderpfoten. Gleichgültig betrachtete er nun den Boden vor sich, im Kopf nichts als Leere, nur ab und an ein paar Gedankenfetzen, die für ihn keinen Sinn ergaben.
Erst als Banshee aufstand und sich zum Rudel wandte, sah er wieder auf. Die winzigen Ohren wandten sich nach vorn, er lauschte den Worten, die die Alphafähe nun sprach. Und er verstand nur wenig. Paten? Patenwelpen? Nein, davon hatte er noch nichts gehört. Doch als das Rudel in Bewegung kam, wurde er nervös, richtete sich hektisch auf und lies ein leises Fiepen verlauten. Würde man ihn hier allein lassen? Wo sollte er hin?
Ayala hatte die letzte Zeit erstaunlich ausgelassen und mit fröhlichem, kaum getrübtem Gemüt erlebt. Sie hatte sich in ihre eigene Welpenzeit zurück versetzt gefühlt, wenn sie ihre kleinen Lieblinge herumtollen sah. Zwar hatte sie keine eigenen zur Welt gebracht, dennoch war sie ihrer Schwester im Geiste so nah, dass sie die Welpen beinahe so sehr liebte, als wäre sie selbst die Mutter. Vor allem Merawin, dessen glückliche Patin sie war, und Thyraleen, die kleine Erwachsene, die ihrer Mutter immer ähnlicher wurde, hatte sie ins Herz geschlossen. Die Fähe hatte die Unbeschwertheit, die von den anderen Welpen ausging, in sich aufgenommen, so gut sie es vermochte. Natürlich gab es Momente, in denen sie sich wünschte bei ihrem Gefährten zu sein, seine Nähe zu spüren und seinen Worten zu lauschen, deren besonderer Auswahl nur er selbst fähig war. Sie malte sich aus, glücklich mit ihm im Tal der Sternenwinde zu leben und nachts am See zu verweilen wie einst. Wie mochte Falk von Scharfenberg wohl als Vater sein? Beim Gedanken an den Hünen, der mehrere kleine Wölfe zu seinen Pfoten hatte, musste Ayala lächeln. Er wäre sicherlich wunderbar … so, wie er in allem wunderbar war – abgesehen von der Tatsache, dass er schon viel zu lange nicht mehr zurückgekehrt war. Die Weiße hatte zwar Angst um ihn, schob diese Gefühle aber beiseite: Falk war einer der stärksten Rüden, die sie je gesehen hatte, ihm würde nicht so schnell etwas passieren. Außerdem hätte sie tief in ihrem Herzen etwas gespürt, wenn ihm etwas passiert wäre. Doch noch immer waren sie wie durch ein unsichtbares Band miteinander verbunden. Nach wie vor schickte sie ihm jeden Abend, wenn sie die Einsamkeit und den sommerlichen Sternenhimmel genoss, Gedanken und Worte, die einzig und allein für ihn bestimmt waren – und sie war sich sicher, er würde sie erhalten.
Doch seit Kurzem spürte Ayala etwas, das sie nervös machte. Es war etwas, das einer inneren Unruhe glich. Das Verzehrende daran war allerdings, dass sie es nicht zuordnen konnte. Es konnte alles und zugleich nichts bedeuten. Es konnte eine bevorstehende Gefahr aus der Natur, wie der Einsturz der Höhle vor langer Zeit, oder eine bloße Vorahnung dafür sein, dass etwas Schlimmes – wie der Tod eines geliebten Wolfes – passieren würde. Sie verdrängte dies, so gut es ging und dennoch sprach sie jeden Abend erneut zu Engaya, sie mochte ihren Liebsten beschützen. Sie hoffte jeden Morgen von Neuem, dass er neben ihr stand und sie mit einer sanften Geste aufgeweckt hatte. Doch nichts dergleichen passierte. Stattdessen wuchs die Angst mehr und mehr – Ayala traute sich jedoch nicht, darüber zu sprechen. Zu oft schon hatte sie das ganze Rudel durch ihre Trauer oder ihre Phasen der Resignation in Unruhe versetzt, sie wollte lieber keine voreiligen Schlüsse ziehen. Auch wenn das Gefühl, dass die Zeit drängte, mehr und mehr wuchs.
Das ganze Rudel hatte sich nun auf Banshees Wunsch hin versammelt. Ayala war sich unsicher darüber, welchem Zweck dies diente. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, wie wenig sie ihre Alpha – mal abgesehen vom Welpenhüten – unterstützt hatte. Jene stand in ihrer vollen Schönheit wieder vorne und sprach wohl gewählte Worte – Ayala war jedes Mal stolz auf ihre Alpha und zugleich unersetzbare Freundin. Als der Fähe jedoch der Inhalt von Banshees Rede klar wurde, spürte sie für einen kurzen Moment eine Welle der Erleichterung. Es hatte nichts mit Falk zu tun! Da Banshee ebenfalls dieses ungute Gefühl hatte, musste es sich aufs Rudel beziehen, dessen war sich Ayala jetzt sicher. Natürlich war dies mindestens genauso beunruhigend, schließlich drohte wirklich eine Gefahr, wenn mehrere Wölfe – und vor allem Alpha und Beta – etwas Unnatürliches spürten.
Als Banshee geendet hatte, zögerte Ayala nicht. Sie erhob sich und ging geradewegs auf ihre Alpha zu. Der Öffentlichkeit wegen nickte sie, so, als ob sie das Amt, um das sie gebeten worden war, annahm. Ihrer Schwester im Geiste schickte sie jedoch den wohl bekannten Blick, der Treue und Gemeinsamkeit verhieß. Sie spürte dasselbe – und sie würde voll hinter ihrem Rudel stehen – komme, was wolle.
Der Sommer war endlich gekommen und auch wenn Kaede immer noch von den innerlichen und äußerlichen Schmerzen der Vergangenheit geplagt wurde, hatte sie das schöne Wetter genossen. Durch diesen sanften Sommer hatte sich das Tal wahrlich gemacht, sie konnte es spüren, es hatte einen angenehmen Klang, das rascheln der Bäume, die weiche Luft und ebenso der Duft. Doch seit einiger Zeit war all dies anders geworden. Bedrohlicher. Kaede wusste es nicht in Worte zu fassen, doch ihre Sinne verrieten ihr, dass irgendetwas schreckliches geschehen würde. Reichte es nicht, dass die Jagd so grausam verlaufen war? Musste noch mehr auf sie zukommen? Vor allem jetzt, wo das ganze Rudel sich einigermaßen von der Jagd erholt hatte. Nachdem die neuen Wölfe aufgenommen wurden? Stirnrunzelnd grübelte sie über mögliche Gefahren nach. Dadurch, dass ihr das Augenlicht genommen worden war, hatten sich ihre anderen Empfindungen verschärft. Und doch konnte sie nur Überlegungen anstellen. Ihre Ohren schnippten nach vorne, als sie Banshees Stimme vernahm. Also spürte auch Banshee die Anspannung in der Ferne. Das Näherkommen von etwas ungewissem, etwas bösem und schädlichem. Und sie Kaede wurde zusammen mit Ayala zu Banshee gebeten. Erfreut rappelte sich die Fähe auf ihre Läufe und tappte vorsichtig in Banshees Richtung. Sie neigte ihren Kopf freundlich zu ihr und verharrte dann vor Banshee um zu erfahren, was Banshee von ihr wollte. Ein Ohr nach hinten geklappt konzentrierte sie sich auf das Unwohlsein, was ihr Nackenfell dazu veranlasste sich zu sträuben.
"Ich spüre es ebenfalls Banshee. Diese Anspannung die in der Luft liegt, getragen von den Winden, erzählt von den Bäumen und dem Regen. Etwas wird geschehen und ich vermute, es wird etwas schreckliches sein."
Die graue fähe verstummte, legte abermals den Kopf schief und schien zu lauschen.
"Und es wird nicht mehr lange dauern. Doch sag mir, was hast du vor?"
Fragend stand sie nun vor der Alphafähe. Die beiden stärksten Rüden des Rudels nicht anwesend. . . Hatte dies eine Verbindung? Sollte Banshee, sollten sie alle irgendwem, irgendetwas beweisen? Kaede machte es nervös, dass sie keine Antworten wusste, jetzt noch nicht, denn sie war sich sicher, dass sie diese bald bekommen würde. Allerdings unvorbereitet und mehr als unerfreulich. Suchend schnupperte sie nach Hiryoga, welchen sie am Rande des Rudelplatzes ausmachte. Froh darüber, alle ihr bekannten Wölfe hier auf dem Platz zu wissen senkte sie die Nase wieder. Es war selten, dass das ganze Rudel versammelt war, doch jetzt war sie froh darüber, denn so wusste sie alle in "Sicherheit". Zumindest beeinander.
Sheena hatte am Rande des Platzes bei Neyla und Zack vor sich hingedöst. Langsam hatte sie die beiden als ungefährlich eingestuft und sie in ihr kleines Herz geschlossen. Immer noch war sie mager, dürr doch ihr Fell hatte schon mehr Glanz bekommen, als damals, als sie auf Zack und Neyla gestoßen war. Bei Banshees Worten sprang sie auf die Beine, die viel zu lang erschienen. Etwas lag in der Luft!? Aufgeregt versuchte Sheena zu verstehen, was damit gemeint war. Doch auch sie spürte eine Veränderung, es war Sommer, ein friedlicher bisher, aber sie konnte nicht sagen, was anders war. Doch Banshee hörte sich besorgt an. Kam das mit der Zeit, dass man irgendwann wusste ob es gefährlich ist oder nicht? Doch laut Banshee hörte es sich bedrohlich an. Als auch noch Kaede ihre Meinung äußerte wurde die weiße unruhig. Sie blickte zu Neyla und Zack und trat dann dich zu Neyla und schmiegte sich an sie.
"Neyla, was meinst du dazu? wir haben doch nichts zu befürchten oder?"
Seitdem ihre Eltern fortgezogen waren, war sie lange alleine gewesen und hatte sich nun in Neyla und Zack neue "Eltern" gesucht. Sie wusste nicht, ob dies für die beiden okay war, doch sie war bis jetzt noch nicht abgewiesen worden und so nahm sie an, dass sie die beiden nicht störte oder gar belästigte.
Nun hatte die Fähe die Rute dicht angezogen und duckte sich ein wenig. Angst machte sich in ihr breit und ließen gleich ihre Beine Zittern, sodass sie sich hinsetzen musste um dies zu verbergen. Hektisch wanderte ihr blick von Banshee zu Kaede und dann wieder zu Neyla und Zack. Ayala hatte sich bis jetzt noch nicht geäußert, aber bestimmt wusste auch sie etwas zu sagen.
Tyraleen hatte ruhig in der Nähe von ihrem Paten gelegen, zu schüchtern, um zwischen seinen Pfoten oder sogar in sein Fell gekuschelt zu schlafen. So hatte sie es sich bei einer Wurzel bequem gemacht, sie war nicht sehr liebevoll und Aufmerksamkeit schien sie ihr auch nicht zu schenken, aber immerhin war sie stumm und ging nicht weg. Ja, es klingt so wie es wirklich war, Tyraleen war einsam. Sie hatte keine Freunde, die einzigen, die dafür in Frage kamen, waren ihre Geschwister und sie waren alle so anders als sie selbst. Face Taihéiyo, ihr Pate, vielleicht könnte er ein Freund werden, wenn man das als Pate sein konnte, aber die Weiße war schüchtern und der Schwarze zurückgezogen. Also lag Tyraleen nun in der Gesellschaft jener stummen Wurzel und sah zu ihrer Mutter, mit den gleichen gemischten Gefühlen wie immer. Dass sie beunruhigt war, erkannt die Weiße jedoch sofort, anders als das Rudel. Sie war wohl noch immer ihre Tochter und vielleicht ein wenig mehr. Mit fast traurigen Augen verfolgte die Welpin die Bewegungen ihrer Mutter und lauschte ihren Worten. Etwas wird geschehen … etwas Schlimmes? Tyraleens kleine Ohren richteten sich auf, aber sie konnte keine Gefahr wahrnehmen. Automatisch glitt ihr Blick zu Face. Die Paten sollten sich um ihre Patenwelpen sorgen. Aber die stärksten und erfahrensten Wölfe sollten zu Banshee. Face Taihéiyo war stark … und er war sicher auch erfahren. Wenn er nun aber zu ihr kam und nicht zu Banshee, dann war das doch dumm. Sie konnte auf sich selbst aufpassen. Auf kurzen Läufen, die nun nicht mehr ganz so wackelig wie vor drei Monaten waren, ging sie ein paar Schritte näher zu Face, damit er sie auch sah, schüttelte dann den Kopf und drehte sich wieder um. Es musste seltsam aussehen und ein wenig übereifrig, aber Tyraleen wollte doch das Beste für sie alle. Sie tappte wieder auf ihre Wurzel zu und wollte sich hinsetzen, nachdenken, als sie ein Fiepen hörte. Ein paar Bäume weiter saß der kleine schwarze Welpe, den ihre Mutter vor einiger Zeit mitgebracht hatte. Ihr fiel auf, dass sie nicht mal seinen Namen kannte. Er sah traurig aus, hatte er denn überhaupt einen Paten? Tyraleens Pfoten bewegten sich ganz automatisch auf ihn zu, sie lächelte, versuchte nett zu sein.
“Hey … ich bin Tyraleen. Ich weiß nicht, was da los ist, aber ich glaube nicht, dass wir Angst haben müssen, meine Mutter ist groß und stark. Wie heißt du denn?“
Sie legte ihren kleinen Kopf leicht schräg und lächelte den Welpen, der etwa in ihrem Alter war, freundlich an. Er sah wirklich traurig und auch irgendwie einsam aus. Bei seinem Anblick wurde Tyraleen klar, dass sie es eigentlich so gut hatte, sie hatte eine Mutter und irgendwo da draußen auch einen Vater, der sicher bald zurückkam. Und sie hatte viele Geschwister, nicht nur Wurfgeschwister, sondern auch ältere, Parveen zum Beispiel und dann hatte sie auch noch Face Taihéiyo. Er … er hatte niemanden. Sie war ein dummer Welpe, ihr ging es doch so gut.
Ein wenig Abseits von den anderen Wölfen lag er, wie immer. Die Gesellschaft war nicht sein Ding, man könnte fast schon sagen, dass er sie fürchtete. In gewisser Hinsicht war das sogar richtig, falsch allerdings die Annahme, dass er sie deswegen nicht brauchen würde. Er zeigte nur nicht. Nie. Seit seine Zeit wieder lief, war sie nur noch dazu bestimmt eine Pflicht zu erfüllen, ein unausgesprochenes Versprechen einzuhalten.
Face Taihéiyos saphirblauer Blick lag ruhig auf der kleinen, weißen Welpin, die es sich mehr oder weniger, zwischen einer Wurzel bequem gemacht hatte. Tyraleen war sein Patenkind und er würde gut auf sie Acht geben. Zu mehr war er nicht mehr zu gebrauchen, zu mehr fehlte ihm der Wille und der Grund. Aber sie tat ihm gut. So aufdringlich, wild und verspielt, wie ihre andere Welpen in ihrem Alter, war sie nicht, eher überhaupt nicht. Bisher traute sie sich kaum ihn zu berühren, was dem Tiefschwarzen aber auch ganz recht war. Er war halt an gar nichts gesellschaftliches gewöhnt, alles war fremd und bei einem Welpen, der nur auf ihm rumsprang, an seiner Rute rumzog oder Sonstiges veranstaltete, würde er sicherlich nur wieder den Wunsch entwickeln zu verschwinden.
Der Flammentänzer weilte seit keiner ganzen Jahreszeit wieder unter den Lebenden und dennoch schien etwas tot zu sein. Er war hier, bei dem Rudel und die magnetische Anziehungskraft, die ‚sein Platz’ früher immer auf ihn ausgeübt hatte, war nicht wieder aufgetaucht. Das hieß wohl, dass jener Ort auch immer noch ein Platz aus Tod und Asche war. Schwarze Asche, aus der er wie ein Phönix wieder auferstanden war. Nur nicht ganz so elegant, weil es eher widerwillig geschehen war.
Ein stummer Seufzer verließ Faces Kehle, als er den Blick von der Kleinen wandte, eine andere Stimme wollte seine Aufmerksamkeit. Banshee sprach von irgend etwas, dass in der Luft zu liegen schien und es klang so, als wäre dieses Lüftchen lebendig, bestände aus Fleisch und Blut, da sie um erfahrene und kräftige Wölfe bot. Der tiefschwarze Wolf besaß keinen Gemeinschaftssinn, deswegen war ihm einiges nicht aufgefallen, oder eher hatte er es ignoriert und sich nicht daran interessiert. Nun wurde er aber dazu aufgefordert. Ohne die ausdruckslose Mimik zu verändern, sah er sich wieder nach seinem Patenwelpen um. Tyraleen war ein wenig näher zu ihm hingetreten, schüttelte nun aber den Kopf und wandte sich ab. Ein wenig irritiert drehte Face Taihéiyo ein Ohr zur Seite und ließ den stillen Blick erneut zu Banshee gleiten. Nun war sie es, die ihn direkt ansah und in ihrem Blick lag die unmissverständliche Aufforderung, dass er auch zu ihnen treten sollte. Aber auch ein Flehen. Die Schnauze des tiefschwarzen Wolfes zuckte kurz, dann wandte er sich vom Geschehen ab und einen Moment lang schien es so, als würde ihn das Ganze nicht mehr interessieren. Welche Erfahrung hatte sie überhaupt gemeint? Vor diesem Satz hatte sie von den kräftigsten Rüden gesprochen, meinte sie also die Kampferfahrung? Woher wollte sie wissen, dass er solche besaß? Er hasste jede Art des Kampfes, jede von ihnen war sinnloser als die Andere. Okay, einen Sinn gab es. Nein zwei. Leid und Tod. Und gerade das Leben wollte das heraufbeschwören?
Seine Krallen rammten sich ein wenig fester in das Erdreich. Er musste mit diesen Gedanken aufhören, mit diesen voreiligen Schlüssen. Er war es schließlich, der keine Ahnung hatte und dem Leben nur negatives zusprach. Ein Ruck ging durch seinen Körper und Face stand wieder auf allen Vieren. Ohne ein Wort schritt er langsam auf die drei Wölfinnen zu und blieb stehen, den kühlen Blick emotionslos auf die Leitwölfin gerichtet. Was immer sie verlangte – er war nur noch hier um irgendwelche Taten sprechen zu lassen. Sein Leben war nur solange etwas wert, wie er der Pate ihrer Tochter war. Und sie war das Leben. Was auch immer geschehen würde, es war alles egal. Also konnte er genau so gut handeln.
Es zog ihn doch immer wieder in die Einsamkeit zurück. Ihn, Shit, den das Schicksal und das Leben so liebte. Eigentlich war es eher anders herum, aber irgendwo beruhte es doch auch Gegenseitigkeit. Wieder war so schrecklich viel Zeit vergangen, in der er nur zu Midnight Kontakt gehabt hatte. Seinen Freund führte er nun zum Rudelplatz, an welchem sich meistens viele der Rudelmitglieder versammelten. Sie waren immer noch bekannte Fremde. Er kannte sie vom sehen, kannte ihre Namen, manchmal aber nur ihren Geruch oder ihre Stimme. In allem, was er sich vornahm, scheiterte er, aber er wäre nicht er selbst, wenn ihm dies nun sonderlich zu schaffen gemacht hätte. Banshee war am Rudelplatz, seine liebste Banshee, von der er schwärmen konnte, den ganzen Tag. Midnight, den er zu seinem Freund ernannt hatte, musste er ihr noch vorstellen. Zu lange wandelten sie beide zwischen Revier und der Welt außerhalb umher.
Shit trat also auf den Rudelplatz hinaus und lief auf die Leitwölfin zu. Die Schritte wie immer lebensfroh, ein Tanz voll Freude. Sie richtete ein paar Worte an das gesamte Rudel und seine Ohren stellten sich auf. Es ging um Stärke, bedeutete dies, dass sie Kämpfer suchte, oder war Erfahrung gefragt? Ein wacher Geist?
„Banshee, Leitwölfin, Shit möchte dir einen Freund vorstellen: Midnight.“
Mehr sagte er nicht, Midnight konnte schon für sich selbst reden, aber zumindest war er so kein unberechenbarer Eindringling, sondern eben etwas, was Shit angeschleppt hatte. Er sah die weiße Wölfin vor sich an und betrachtete sie, als suche er nach Informationen über ihr befinden. Nicht in der Maske, die sie zeigte, sondern allem, was dahinter lag. Keiner gab ihm die Gewissheit, dass er dort etwas finden konnte und Antworten bekam er auch nicht geschenkt. Für Grübeleien blieb aber keine Zeit, hatte er ihr doch noch etwas mitzuteilen.
„Shit hat Erfahrung. Er ist Überlebenskünstler und seiner Leitwölfin treu ergeben.“
Alles würde er für sie tun. Durch Feuer schreiten, in den Wassern versinken, den Wind herausfordern und den Tod in Kauf nehmen. Am liebsten hätte er sie natürlich mit seinem groben Unfug erheitert, aber die Stimmung war seltsam, nicht zu greifen. Hinter der Ruhe lag Chaos und der Frieden war wohl irgendwie trügerisch.
„Shit ist ein guter Beschützer, vor allem von Banshee, da ist seine Motivation so groß! Nie könnte er zulassen dass seiner Leitwölfin etwas zustößt.“
Auf seinem Gesicht lag ein strahlendes, herzensgutes Lächeln. Treue, Mut, Zielstrebigkeit. Wenn Shit wollte, konnte er diese Eigenschaften an den Tag legen und ihnen genauso viel Aufmerksamkeit schenken, wie der ewigen Fröhlichkeit und der Lust, irgendwelchen Blödsinn anzustellen.
Schon wieder eine neue Zeit, ein neuer Lebensabschnitt. Es mußte etwas Neues geben, etwas, da sie noch erfahren mußte, daß sie noch lernen mußte. Und nach und nach erkannte auch sie, daß es ihre Aufgabe war. Ihre Aufgabe, mit diesem Leben und mit diesem Ich zurechtzukommen, den Problemen, die sich Sonne für Sonne ankündigten und neu hinzukamen, mächtig zu werden. Trotz, daß so viel Zeit vergangen war, seit damals, seit dem „wir“, war kaum etwas Neues geschehen. Weder Positives, noch Negatives. Es war nicht mehr das Selbe, noch nicht ein Mal das Gleiche. Sie war sich einfach nicht sicher, welchen Platz sie in dieser Welt einnehmen sollte. Doch ohne Zweifel hatte sie in dieser Zeit einen Standpunkt erreicht, den sie nicht als schlecht bezeichnen durfte. Sie hatte Glück, jemanden gefunden zu haben, bei dem sie sein durfte, und das, so wie sie war. Und sie war sich bewußt, sie war nicht einfach. Das Leben hatte sie zu etwas Schwierigem gemacht- weil das Leben schwierig war. Es war ein langer, steiniger Weg, den es zu überwinden galt, ohne zu wissen, was das Ziel war. War der Tod das Ziel? Es schien auf keinen Fall so, als würde sie ein Ziel in nächster Zeit erreichen. Weder ein grausames, wie vielleicht den Tod, noch ein schönes, herrliches, von den Farben der Freude getränkt.
Leyla verfolgte sehr zurückhaltend, was sich ihr darbot. Die Worte der Rudelführerin, die Kommentare der Besorgten. Ihre Worte beunruhigten sie nur wenig. Sie hatte es schon oft kennen gelernt, das Grauen. Gut mußte es dem Rudel ergangen sein, wenn sie dies nicht gewohnt waren. Doch von Neid, keine Spur. Es war schön, daß es nicht allen so ergangen war, auch wenn sie sich das für sich nicht vorstellen konnte. Ein kaum getrauter Blick fand letztlich doch seine Bahn über die Gesichter der in ihrer Nähe stehenden und sitzenden Wölfe. Dort waren Welpen, die anscheinend unbekümmert waren von dem, was erzählt wurde. Oder sah es nur so aus für eine, die sowieso sehr weit außen stand und kaum etwas beurteilen konnte, noch nicht ein Mal, was Grauen war und was vielleicht nur grauenhaft schien?
Außerdem lag dort ein schwarzer Wolf, etwas abgelegen, der leicht anteilnahmslos wirkte, aber wohl auch nur für sie, die Unverständliche. Noch nicht ein Mal im Geiste ging ihr ein Beitrag zu dem angesprochenen Problem verloren. Ihre Gefühle über eine eventuell nahende Bedrohung hielten sich bedeckt, hinter Gedankenlosigkeit verborgen. So besorgt wegen der Vergangenheit, fast unbekümmert, was die Zukunft brachte. Komme was wolle, es würde doch eh geschehen..
Spielerisch zuckten die schwarzen Ohren im Licht der Sonne, während der Blick der braunen Augen erneut auf einem Schmetterling haftete. Das Lieblings Aufmerksamkeits Ziel Kisha’s schwirrte mal wieder um ihren Kopf, jeder Flügelschlag des bunten Wesens faszinierte die junge Fähe immer wieder. Ohne das sie den Kopf bewegte beobachtete sie das flatternde Etwas. Hätte man nicht in ihre Augen gesehen, hätte man denken können, die wollte eine Statu darstellen. Der Stock in ihrem Maul sah leicht mitgenommen aus, erweckte noch mehr das Bild einer Statue, die sich möglichst nicht bewegen wollte. Als der Schmetterling sich auf der Nase Kisha’s niederließ, blinzelte sie diesem entgegen. Auch der Kopf der Schwarzen neigte sich leicht zur Seite. Mit dem plötzlichen Ertönen der Stimme ihrer Mutter flatterte er jedoch wieder weg, was ein Geräusch ertönen ließ, was sich nach einem mürrischen Grummeln anhörte.
“Jetzt hast du ihn verjagt!“
Mit gespielt bösem Blick schaute sie zu ihrer Mutter, man konnte den Eindruck haben, sie hätte die Worte der Weißen nicht gehört, jedoch täuschte man sich da gewaltig. In ihrem Kopf ging sie jedes einzelne der Wörter noch ein Mal durch. Kurz zusammen gefasst hieß es, das Gefahr lauerte. Bei dem Wort „Paten“ zuckten ihre Ohren leicht zurück. Sanft stubste sie Daylight, die sich neben ihr befand, mit der Pfote an, senkte den Kopf zu ihr und schaute ihr in die Augen.
“Hast du gehört? Also schön brav sein!“
Langsam hob sie den Kopf wieder, schüttelte kurz das schwarze Fell, ehe sie den Blick wieder ihrer Mutter zuwandte.
“Was ist den da? Ich rieche nichts. Du bildest dir das wahrscheinlich nur ein, Mama.“
Und wieder kam ihre naive Ader durch, die sie wohl auch nie in ihrem Leben verlieren würde. Erneut zuckten die Ohren Kishas, als ein neuer Schmetterling vor ihren Augen her flatterte.
Banshee saß ruhig in der Mitte des Rudelplatzes und wartete wie ein einsamer Fels in der Brandung auf Reaktionen auf ihre Worte. Sie wusste, dass viele nicht verstehen würden, schon allein ihre Welpen aus dem Vorjahr, gerade ein einhalb Jahre alt konnten sie Gefahren noch nicht spüren und unterschätzten das Gespür. Sie hoffte nur, dass sie trotzdem versuchten zu verstehen und nicht durch Verhalten typischer Jungwölfe glänzen würden. Als erstes erhob sich Ayala, wie immer schweigsam aber mit einem Blick, der ihr Kraft schenkte und der sie wissen ließ, dass sie auf ihre Schwester im Geiste zählen konnte. Leider ohne eine Idee, aber die hatte sie ja selbst auch nicht. Sie war Leitwölfin, aber in so einer Situation ebenso hilflos wie ihre Beta oder ihre Welpen. Nur durfte sie das nicht zeigen und immerhin dies hatte sie in der langen Zeit des Führens gelernt. Sie schenkte Ayala einen freundlichen Blick, der ihr jedoch gleichzeitig für Sekunden die Machtlosigkeit offenbarte, bevor diese wieder in de Tiefen ihres Herzens verschwand. Dann folgte auch Kaede ihrer Aufforderung. Sie war froh, dass die blinde Wölfen, der sie trotz dieser Behinderung bedingungslos vertraute, ebenfalls diese Unruhe verspürte. Aber auch sie war ohne Rat. Das waren sie wohl alle. Face kam langsam zu ihnen, auch darüber war Banshee froh. Er war ein zurückgezogener und stiller Rüde, bei dem sie nicht immer wusste, ob er zu dem Rudel stehen würde, käme es zum Ernstfall, aber jetzt kam er und zeigte ihr damit zumindest ein Stück weit, dass er sie nicht im Stich lassen würde. Sie berührte ihn leicht an der Schnauze, ein Zeichen des Danks und wandte sich dann an Kaede.
“Ja, Kaede, meine Freundin. Etwas kommt auf uns zu, aber es ist zu verschwommen, als dass wir es erkennen könnten. Und darin liegt meine Not. Ich muss euch gestehen, ich weiß nicht, was ich tun soll. Deshalb habe ich auf euch gehofft, die ihr ebenso wie ich schon erfahren seid. Im Leben und im Überleben.“
Sie hatte leiser gesprochen, nur Ayala, Kaede, Face und Shit mit einem Fremden, die soeben neben Ayala aufgetaucht waren, hatten es hören können. Banshees Blick wurde fast müde, als sie den schwarzen Fremdling musterte. Warum kam nun wieder ein Wolf daher, in dieser Not, in der jeder Fremde nichts Gutes bringen konnte. Aber Shit kannte ihn und auch wenn Shit naiv und gutgläubig war, wenn er ein Freund von ihm war, würde er hoffentlich friedlich sein. Und er war stark und alt genug, um schon viel erlebt zu haben. Sie brachte ein freundliches Lächeln hervor und legte den Kopf leicht schräg.
“Jìjaye, Midnight. Ich begrüße dich im Tal der Sternenwinde. Wie du vielleicht merkst, sind wir in großer Sorge, weshalb ich mich wenig mit dir beschäftigen kann. Willst du länger bei uns verweilen?“
Sie sah Shit wieder an, er schien so fröhlich und unbeschwert wie immer, er war ein Segen, wenn auch ein anstrengender. Seine Worte rührten sie schon fast, auch wenn sie wusste, dass er in diesem Fall wenig helfen konnte. Dennoch beugte sie sich zu ihm, berührte ihn an der Stirn und rieb kurz ihre Schnauze an seinem Hals.
“Dank, Shit, du bist ein vorbildliches Rudelmitglied und mir ein guter Freund. Was jedoch auf uns zukommt ist ungewiss, keine Beschützer brauchen wir, sondern Ideen.“
Als sie wieder in ihre Ausgangsposition zurückfiel und ihren Blick über die Gesichter ihres kleinen Rates wandern lassen wollte, fiel dieser auf Leyla, die weiter weg saß und ängstlich oder zumindest verschüchtert wirkte. Banshee wusste nicht, was sie tun sollte, gerne wäre sie zu ihr gegangen, doch jetzt war es ihr natürlich nicht möglich. Sollte sich die Bedrohung als unmittelbare Gefahr für das Leben des Rudels darstellen musste Banshee nach der Weißen sehen. Sie schluckte, dann wurde ihre Aufmerksamkeit von ihrer Tochter gefordert. Kisha saß mit einem Stock im Maul und einem Schmetterling um sich herum schwirrend da und sah aus, als wäre heute ein wunderschöner Tag. Ein Jungwolf eben und zudem Kisha … die Leitwölfin war ihr trotz ihrer Anspannung für ihre Worte nicht böse, lächelte nur leicht darüber.
“Manchmal gibt es mehr zu erfahren, als unsere fünf Sinne uns zutragen können, meine Tochter. Wenn du älter wirst, wirst du irgendwann verstehen.“
Mit einer sanften Schnauzenbewegung machte sie ihrer Tochter klar, dass jetzt keine Zeit für Scherze war und sie sich um Daylight kümmern sollte, dann wandte sie sich wieder ihrem Rat zu. Es war Zeit etwas zu unternehmen. Nur was?
Die Augen geschlossen, den Kopf zwischen den Pfoten gebettet, lag der junge Rüde da, man konnte denken, er würde schlafen, dabei war er hellwach, in seinem Kopf türmten sich die Gedanken hoch auf, seit einiger Zeit war er in großer Anspannung und Unruhe. Und die Worte seiner Mutter, die er vernahm, bestätigten seine Befürchtung auf etwas Schreckliches. Dies hatte ihm Mutter Natur nun einmal geschenkt, kaum körperliche Kraft, dafür ein zu gutes Gespür. Aber nicht nur sein Instinkt verriet ihm, das etwas geschehen würde, es waren auch seine Träume, die ihn ständig der Nächte beraubten, ihn am Tage mit Gedanken quälten und ihn ständig nachdenklich stimmten. Seine Mutter schien nicht die einzige zu sein, die eine schlechte Vorahnung hatte, Kaede spürte dasselbe und Ayala wirkte auch nicht sonderlich überrascht. Das seine Schwester nichts merkte und alles mit ihrer naiv dümmlichen Art sah, war ihm klar, er würde wohl genauso denken, wenn er ein normaler Jungwolf wäre, aber das war er nun mal nicht. Dies war Kisha’s Art, aber wahrscheinlich liebte er seine Schwester dafür, dass sie nun einmal so war wie sie war und manchmal beneidete er sie darum. Sie konnte ein unbeschwertes Leben führen, sorgte sich nicht um viel, so wie er. Der Hellbraune würde sich mit seinen Gedanken und Sorgen noch in den Tod treiben, wenn ihn niemand daran hindern würde, doch so war das Leben.
Ständig träumte er davon, von dieser schlechten Vorahnung, in seinem Traum jagte ihn etwas, ein dunkler Schatten, eigentlich einer seiner üblichen Träume, doch es war sonderbarer als sonst, denn nicht nur er war in Aufruhr, sondern das gesamte Rudel. Und dann gab es wieder Träume, in denen nur er sich vor den Schatten versteckte, so wie immer. Aber nicht nur seine Träume verwirrten und verschreckten ihn, auch sie war nicht aufgetaucht, schon lange nicht, seine treue Freundin, ob ihr etwas geschehen war? Jedoch schloss er dies aus, er hätte es gespürt, da war er sich sicher. Was ihn nur störte war, dass wenn er in den Wald verschwand und sie suchte, er nicht einmal ihre Spur fand, es war so, als ob es sie nie gegeben hätte, aber er hatte sie sich nicht eingebildet, es gab sie.
Ein leiser Seufzer entfuhr seiner Kehle, vorsichtig öffnete er die smaragdfarbenen Augen und suchte Shani, die wie meist in seiner Nähe lag. Was würde sie nun denken? Würde sie dasselbe spüren, wie er und einige der älteren Tiere? Sie könnte dafür ein Gespür haben, aber ob sie es zugeben würde, war eine andere Frage, sie würde ihn nicht beunruhigen wollen, oder sich selbst auch nicht, aber so egoistisch und selbstsüchtig war sie nicht, eher das komplette Gegenteil. Hiryoga hob den Kopf und ließ den Blick herumwandern, zuerst betrachtete er Kisha und ihren Patenwelpen und in gewisser Weise spürte er Neid, auch wenn er seine jüngeren Geschwister nicht wirklich mochte, vielleicht konnten sie ihm etwas geben, vielleicht konnten sie ihn verändern, oder irgendein anderer Welpe? Sein Blick glitt weiter zu Tyraleen und Talvi. So viele Welpen hatten sie nun im Rudel und langsam hatte er sich an seine jüngeren Geschwister gewöhnt, auch wenn er hin und wieder noch Konkurrenzdenken empfand. Als er jedoch den Blick zu seiner Mutter wandte und seine Patin neben ihr sah, legten sich seine Ohren zurück, einen Moment wirkte er etwas eingeschüchtert, bevor er die Schnauze abwandte. Viel hatte er nicht mit Kaede zu tun gehabt, in letzter Zeit, aber es lag wohl mehr daran, dass er sich nicht zu ihr traute, jedoch musste es von ihm kommen, dass wusste er, nur er wusste nicht wie, irgendwann würde es sich schon wieder einrichten, hoffentlich...
Daylight tollte ein wenig im Gras herum, tappte mit einer ihrer viel zu groß wirkenden Pfote nach einem sich bewegenden Halm, kugelte sich auf der Erde herum und schnappte spielerisch nah allem was sich bewegte. Als sie dann Bannshees Stimme erkannte, sprang die juneg Wölfin blitzschnell auf, setzte sich artig neben ihrer Patin ins Gras und lauschte mit gespitzten, nach vorne gestellten Ohren den Worten ihrer Mutter. Banshee sagte, es liege etwas in der Luft, mit gerunzelter Stirn schnupperte sie mal in diese Mal in jene Richtung und musterte dann mit neugierigen Honigaugen den Sommerhimmel, Wolkenschleier verdeckten, das vorher noch so makellose blau. Aufmerksam beobachtete sie den Himmel, folgte mit wachsamen Augen den in sich verschlungen weißgrauen Schliere und brummelte leicht verärgert, als ein Schmetterling direkt an ihrer Nase vorbeiflatterte. Als sie dann endlich zu den Schluss gekommen war, das sie nichts fand, das in der Luft lag und das sie es auch nicht riechen konnte, wandte sich die kleine Welpin ihrer Patin und zugleich großen Schwester zu.
"Duuu? Kisha? Mama sagt es liegt etwas in der Luft, aber ich kann gar nichts sehen, riechen und hören kann ich es auch nicht. Nur die Schmetterdinger laufen dort herum, sonst nichts, nur Wolken. Ist das, was dort in der Luft liegt etwa unsichtbar, Kisha? Und wieso ist Mama so besorgt? Graift das unsichbare, in der Luft liegende Ding uns etwa an, hmmm? Ist es gefährlich Kisha? Kommt jetzt etwa ein großes Abenteuer? Werden wir dann alle Helden sein, wie in den Geschichten?"
Daylight beendete ihren Redeschwall und schaute ihre Schwester mit fragenden Blick an, sie konnte immer sehr genau heraushören, ob der, der sprach etwa besorgt, glücklich oder traurig war, auch wenn sie den Sinn seiner Worte nicht verstand, verstand sie doch ungefähr ihre Bedeutung. Mit gerunzelter Stirn und wissbegierig leuchtenden Augen musterte sie ihre große Schwester, Kisha schien nicht besorgt, also was sollte es geben, um das man sich sorgen konnte?
Gelassen kratzte sich die Welpin mit ihrem Hinterlauf hinter dem linken Ohr. Mit den Gedanken schon bei dem erhofften Abenteuer.
Die Wolkenschleier verdeckten einen womöglich strahlend blauen Himmel. Wer konnte schon sagen, dass er tatsächlich da war, vielleicht verschwand das Blau auch ganz woanders hin, wenn die Wolken es ablösten. Heute wirkte der Himmel wirklich, als hätte er seine Farben verloren, die Sonne schien blass hindurch, wie durch die Schoten vergangener Silberblätter. Dabei gab es heute doch Anlass zu feiern. Sein Rudel würde eine neue Heimat gewinnen, ein Tal von träumerischem Wert. Aber das war alles ganz falsch, es war ab sofort nicht mehr sein Rudel, zumindest offiziell nicht, das Denken musste er gleich ablegen und er würde auch an der Feier am Ende dieses ruhmreichen Tages nicht teilnehmen, denn er musste zu dem Rudel, dass aus dem traumhaften Tal vertrieben worden sein würde und in ihre Trauerfeiern eintauchen. Man hoffte ja immer vom Feind nie mehr sehen zu müssen, als ihr Abdanken, aber Azag Moraé hatte die Aufgabe, sie besser kennenzulernen, als manche, die ihnen gut gesinnt waren. Und es war ein weit weniger dankbar vergebener Job, als man dachte, obwohl andere vielleicht eher für den Mut und die Geduld angesehen wurden, als er, Azag musste zugeben, dass er das Gefühl hatte, er war am leichtesten zu entbehren gewesen und ihm war deshalb die Aufgabe übertragen worden. Er war schon in Herrgottsfrühe losgeschickt worden, mit der Anweisung den eigenen Rudelgeruch, die eigene identität in Schlamm und Wasser abzustreifen, zu ertränken und fort zu bleiben, damit man ihn mit dem hinterhältigen Rudel nicht in Verbindung bringen konnte. Er sollte weit wandern, im Bogen um das Tal, bis er sich in der zum geplanten Angriff entgegengesetzten Richtung befand und dort verharren, bis das Sternenwindrudel floh und er sich ihm anschließen konnte. Der Rüde mit den müden Augen hatte nun vielleicht die Hälfte des Weges hinter sich gebracht und die Sonne leuchtete schwach, aber hoch über ihm. Der Übergriff würde ausgeführt werden, noch ehe die Dunkelheit hereinbrach und bis dahin hatte Azag noch einige Zeit übrig, er konnte sich einen schlendernden Gang erlauben, doch er war eher der Typ, der sicherging und er hatte auch keine Lust den Sternenwindlern die ganze Nacht über nachzuhecheln. Er würde gemütlich, nichtsahnend und ganz zufällig zu ihnen stoßen. Azag stand der ganzen Sache wenig emotional gegenüber, bis auf Beklemmung, bei der Aussicht auf ein mögliches Aufdecken seiner Identität. Wenn er Pech hatte und er sowohl enttarnt wurde, als dabei auch in die Mitte eines Rudels geraten war, das bei Wölfen mit schlechten Absichten nicht zögerlich reagierte, könnte das in einem ziemlich herzlosen Tod enden. Azag fühlte in sich hinein, aber Angst bekam er nicht zu greifen, es wunderte ihn, aber da war keine. An seinen eigenen Tod dachte er mit nüchterner Bitterkeit, einzig, weil es bei ihm im Rudel keinen scheren würde. Wäre die auch nicht da, dann ... wäre da eigentlich nichts ... Azag schüttelte es heftig, ein kühler Wind war ihm durchs buschige Fell gestrichen und hatte einen Schauer über seinen Rücken kriechen lassen. Er nutzte der Ausriss aus der monotonen Gangart, streckte sich und fuhr dann mit etwas federnderen Schritten fort. Damit kam er sich dann aber zu blöd vor und legte die Veränderung gleich wieder ab. Er schloss die Augen und sog die kalte Luft ein. Er musste zugeben, dass ihm der Abstand zum Rudel ganz gut tat, aber das Gefühl verlor den Reiz, da er im Hinterkopf hatte, heute Abend wieder in den Überdruss der Gemeinschaft eintauchen zu müssen. Er legte einen Schritt zu, die Monotonie der aufgetragenen Wanderschaft trieb seine Gedanken in ungewollte Bahnen, an seinem Ziel angekommen, würde er sich hinlegen, am Besten neben den Fluss, der sich hier quer durch den Wald schlängelte und da seinen Kopf einfach mit dem Rauschen ausfüllen lassen.
Midnight betrachtete schweigend die anderen Wölfe. Eine ganze Weile hatte er mit Shit verbracht. So lange, wie noch nie mit jemandem zuvor. Zumindest glaubte er das, denn erinnern konnte er sich nicht. Der Sommer war ins Land gezogen und mit ihm auch der Nachtsohn. Er hatte sich dazu entschlossen, dem jüngeren Rüden zu vertrauen, irgendwie. Vertrauen. Was war das schon? Ein Wort, eine Geste. Nichts, worauf man bauen konnte, woran man glauben konnte. Blinzelnd hob er den Kopf, betrachtete für einen Augenblick die hohen Baumkronen, ehe er wieder zu Shit sah, der vor ihm her tänzelte. Sachte schüttelte er den Kopf. So war der Rüde eben. Aufgedreht und so lebensfroh. Ihn schien nichts aus der Bahn werfen zu können. Eine bewundernswerte Art, das musste der Schwarze ihm schon anrechnen. Schneller als es ihm lieb war, befanden sie sich auf dem Rudelplatz. So viele Artgenossen und er mitten unter ihnen. Hier kam er sich gleich noch mehr wie ein Fremder in der Fremde vor, wie jemand, der nicht hierhin gehörte. Aber wohin gehörte er dann? Unsicherheit nagte an ihm, ließ sich aber nichts anmerken. Neutral betrachtete er die Wölfe des Rudels, die hier versammelt waren. Erwachsene, Jungwölfe und Welpen. Dem Rudel schien es hier sehr gut zu gehen. Nur ihm bereitete es einiges an Unbehagen, zwischen ihnen hindurch zu gehen, nicht wissend, wo Shit ihn hin bringen würde, nicht wissend, was kommen würde. Da sie sich schon in Hörweite befanden, konnte er die paar Worte vernehmen, die and das Rudel gerichtete waren. Der Schein trog also, mal wieder. Der Alpha war nicht wohl zumute und es musste wirklich ernst sein, sonst hätte sie nicht solche Worte gewählt. Eigentlich fand er diesen Zeitpunkt mehr als unpassend um sich vor zu stellen, aber diese Entscheidung nahm sein Begleiter ihm eher ab, als er etwas tun konnte. Wie erstarrt blieb er stehen, blickte von Shit zu der Alpha und zurück. Schließlich zog er langsam seine linke Vorderpfote nach, so das er locker, in neutraler Haltung vor der Alpha stand. Den müden Ausdruck hatte er wahr genommen, doch ging er nicht weiter darauf ein, sie hatte Sorgen genug und es war wirklich ein ungünstiger Zeitpunkt.
"Man sieht die Sorge Eurem Gesicht an, Banshee. Wie lange ich hier verweile, wird sich wohl mit der Zeit zeigen. Das Vertrauen ist nicht auf meiner Seite, daher wäre ich nicht verwundert, wenn Ihr mich bitten würdet zu gehen."
Ohne Umschweife sah Midnight Banshee in die Augen, die sich wieder an die anderen Mitglieder wandte. So verfiel der Nachtsohn wieder in Schweigen. Er war nicht der vielen Worte mächtig und seiner Meinung nach war alles gesagt. Das er für immer hier bleiben würde, wusste er noch nicht, ob er hier bleiben durfte, wusste er trotz der freundlichen Worte auch nichts und was werden würde ebenso nicht. Es würde sich nichts ändern und er würde wie immer nichts wissen.
Langsam schritt Thylia auf die Gruppe zu, welche sich um Banshee gestellt hatte. Also machte die Alpha Fähe sich Sorgen das etwas auf sie zu kam. Thylia hatte es ebenfalls wahrgenommen. Witternd hob sie ihre Schnauze.
"Banshee, ich weiß ja nicht, ob mein Wort hier was zu sagen hat, aber es könnten einige Wölfe sein, wenn ich mich nicht irre."
Fragend sah Thylia nun Banshee an. Sie wusste nicht genau, wie diese ihre Worte aufnehmen würde. War sich auch nicht sicher, ob es wirklich stimmte. Es war nur eine vage Vermutung gewesen, welche sie aus den Gerüchen entnommen hatte. Natürlich konnte es auch sein, dass diese Gruppe von wölfen gar nicht auf diesen Tal zusteuerten, sondern das sie einfach vorbei zogen. Doch sie konnte sich auch nicht vorstellen, was die wölfe mit dem unbehaglichem Gefühl zu tun haben sollten. Natürlich wusste sie, dass es Wölfe gab, welche neue Rudel suchten oder ähnliches und ihre Art wurde sowieso gehasst, doch dies war ein normales rudel und sie hoffte einfach, dass nichts schlimmes passieren würde. Und sollte etwas passieren, würde sie mit aufpassen.
"Banshee, was auch immer passieren wird, ich werde euch beistehen und mein bestes geben und ich werde mich auch beherschen können keine Sorge!"
Sie lächelte leicht, denn wenn sie wütend wurde konnte es leicht passieren, dass sie sich verewandelte, doch mittlerweile hatte sie sich ja gut unter kontrolle. Hoffte und glaubte sie zumindest.
Locker biß Kisha die Fänge aufeinander, ein leises Knacken des Astes war für einen Moment zu vernehmen. Die braunen Augen ruhten auf ihrer Mutter, auch wenn ihre Aufmerksamkeit dem flatternden etwas vor sich und ihrer Patin vor ihr gebührten. Gelegentlich zuckten die Ohren zurück, wenn ein warmer Windhauch an ihr vorbei huschte. Blinzelnd lauschte sie den Worten ihrer Mutter. Irgendwie war das rätselhaft. Nachdenklich neigte Kisha den Kopf zur Seite, man sah ihr deutlich an, das sie über die Worte Banshee’s nachdachte. Nun gut, so hatte sie etwas, worüber sie sich den Kopf zerbrechen konnte. Auf die Geste ihrer Mutter hin biß sie die Fänge noch ein bisschen kräftiger aufeinander, woraufhin der eh schon morsche Ast in zwei Teile geteilt wurde. Schmunzelnd richtete die Schwarze den Kopf zu Boden, musterte kurz den kaputten Ast vor ihren Pfoten. Ihre Aufmerksamkeit wurde jedoch schnell wieder auf etwas anderes gelenkt, diesmal war es ihre kleine Patin, die die Stimme erhob. Mit aufmerksamem Blick und gelegentlich zuckenden Ohren lauschte sie den Worten der kleinen braunen Fähe. Grinsend hob sie dann den Kopf zum Himmel, beobachtete einige Wolken die vorbei zogen.
“Natürlich werden wir alle Helden sein! Und was da soo schlimmes sein soll, weiß ich auch nicht. Vielleicht bildet sie sich das ja auch ein? Ich weiß es nicht, Daylight. Wir werden es bestimmt bald sehen, und dann werde ich dich beschützen. Also brauchst du dir keine Sorgen zu machen!“
Mit einer plötzlichen Bewegung stubste sie die Welpin an, lächelte ihr zwinkernd entgegen. In ihrer Stimme lag nicht mal ein Funken Unsicherheit, keine Angst und keines dieser aus ihrer Sicht negativen Gefühle. Noch immer den Kopf zu Daylight gebeugt saß die Schwarze da, die braunen Augen genau in die ihrer kleinen Schwester gerichtet.
Aufmerksam lauschte sie der Antwort ihrer großen Schwester, ihre Ohren zuckten lustig hin und her, ihre Rute wedelte vergnügt auf und ab.
"Oh Kisha! Das wird toll!", ihre Augen glitzerten voller Vorfreude. "Wenn wir dann erst einmal alle Helden sind."
Ihr Blick huschte von einem zum anderen, da waren ihre Mutter, Face, Kaede, Ayala, Shit und Midnight, der erst seit kurzen bei ihnen war. Dann waren dort ihre Schwester Tyraleen, mit dem fremden Welpen, der ebenfalls erst im Frühjahr zu ihnen gestoßen war. Und sie alle bedachte sie mit einem fröhlichen, liebevollen Lächeln, sie waren ihre Freunde, ihre Familie, was wäre das Sternenwindtal ohne sie? Nicht halb so schön, sie grinste über das ganze Gesicht, was gab es schon zu befürchten, wenn Kisha sagte es sei alles in Ordnung? Freudig blieb ihr Blick wieder an ihrer großen Schwester haften, sie wuffte ihr fröhlich zu und blickte in deren sanfte braunen Augen. Dann drehte sie sich flink um, mit tapsigen Sprüngen umkreiste sie Kisha, dann jagte sie fröhlich Bellend davon.
"Wir werden alle Helden sein, Helden sein."
Sang ihre glockenhelle Welpenstimme und ihr Blick flog gerade zu über die ihr so wohlbekannten Gesichter. Immer noch so schnell laufend, das Grashalme, Erdklumpen und Blüten um sie herum aufstoben jagte sie weiter davon, auf Tyraleen und Talvi zuhaltend. Erst einen knappen Meter vor ihnen stemmte sie die Hinterläufe in den Boden und schlitterte an ihnen vorbei, wobei einige Erdklumpen und eine riesige Staubwolke um sie herum aufwirbelten und sich auf das Fell ihrer Schwaster und dem von Talvi legte.
Schelmisch grinste drehte die Welpin sich zu den beiden um, ihre Augen funkelten glücklich.
"Ich finde es toll so viele Geschwister zu haben, dann ist man nie allein, denn allein sein ist nicht schön."
Sie schleckte Tyraleen und Talvi frech über die Schnauze, hatte ihn bereits als Bruder akzeptiert, obwohl sie natürlich wusste, das er nicht ihr leiblicher Bruder war, aber war das nicht völlig egal? Sie alle hier waren ihre Familie und sie liebte sie als Familienmitglieder. Weiterhin grinsend schaute sie die Beiden anderen Welpen an, ein Blick auf ihre große Schwester zurückwerfend, die sie hinter sich zurück gelassen hatte. Jetzt hockte sie sich hin, die Vorderpfoten zwischen den langen Hinterläufen, die Ohren aufmerksam nach vorn gestellt.
"Wollen wir nicht etwas zusammen spielen?"
Fragend glitt ihr Blick von Talvi zu Tyraleen und wieder zurück, es würden noch turbulente Sommertage werden, Tage voller Spiel und Spaß, bis der Abend hereinbrach, voller Entdeckungen, zumindest, wenn es nach Daylight ging.
So viele Wölfe, so viele Stimmungen, so viele Gedanken, so viele Stimmen. Einfach von allem etwas und vor allem, von allem viel zu viel. Jedenfalls für jetzt und gerade für Leyla. Sie bekam von den Geschehnissen gar nichts mehr mit. Halb in der Vergangenheit schwebend mit den Gedanken und gleichzeitig versuchend, mitzubekommen, was hier passierte, war einfach zu viel. Letztendlich bekam sie also gar nichts mit und sie konnte versuchen zuzuhören, wie sie wollte, sie verstand es doch nicht oder verstand es falsch. Dort erklärte die Alphawölfin des Rudels den Ernst der Lage aber bei ihr kam es an wie ein Scherbenhaufen, nur daß diese Scherben die Worte waren. Für Leylas Ohren wild durcheinander, ungeordnet und doch so hell glitzernd, schimmernd. Träumerisch hakte ihr Blick fest an den Baumwipfeln und den Blättern, starr vor Nachdenklichkeit und Gefühlsstarre, völlig verloren im großen Raum der Freiheit.
Nur Freiheit war relativ, wie frei war sie schon? Vor allem, wenn sie hier nicht mehr sicher sein sollten? Es war, als wäre Leyla nur noch körperlich anwesend, ihr Geist hingegen glitt über andere Sphären hinweg, kurz, es war wie tot sein. Aber es gab auch nichts mehr, was sie noch daran halten konnte, am Leben zu bleiben, wenn der Tod das war. Ja das, das, was sie jetzt schon zu sein schien. Leyla erachte aus ihrer Verträumtheit, als ihr die Erinnerung an die Situation am See hochkam. Sie hatte mitbekommen, das unweit vom Rudelplatz der Sternensee war. Leyla wusste nicht, ob sie nun einfach aufstehen sollte und einmal zu ihm gehen sollte, schließlich war es ein Ort der Erinnerungen. Doch sicher würde man sie hier nicht so bald vermissen. So stand sie auf und verließ das Zentrum des Rudelplatzes um ein kleines Stück weiter weg, zum Sternensee zu gehen. Langsam, fast schleichend, bewegte sie sich auf ihren weißen Pfoten durch das Gras, hin zu dem schimmernden Wasser, das dort stand. Als sie es erreicht hatte, sie wagte nicht, sich umzudrehen und eventuelle, fragende Blicke zu sehen, haftete ihr Blick wieder fest und sie begann zu träumen. Diesmal starrte sie in das Wasser, in einem Winkel, in dem sie ihr Spiegelbild nicht sah und dachte nach. Dachte an die vergangene Zeit, an die Geschehnisse und Ereignisse und an die Begegnung mit den beiden ranghöchstem Wölfen des Rudels, das sie kennen gelernt hatte.
Green saß an dem Sternenwindsee und ihr Schweif wehte auf in dem starkem Wind. Sie überlegte wie sie sich dem großem Sternenwindrudel anschliesen könnte und ihr alte sehr schwere Vergangenheit hinter sich lassen könnte ohne in sehr kritische Erinnerungen zu verfallen.So saß sie am see und überlegte stumm.Sie blickte abwechselnd in den Mond und auf den Sternenwindplatz auf dem alle andren Wölfe waren und zusammen spielten.Sie war in diesem Moment sehr traurig als sie alle Wölfe gemeinsam spielen sah.Wie ein Blitz durch zuckte ihren Körper etwas was sie nicht kannte...sie war eindeutig Eifersüchtig auf die Wölfe die eine Famlie hatten und sich gegenseitig versogen konnten.Sie schaute mit einem sehr lehrem Blick über den See ob sie nicht doch i-jemand andres finden könnte der sie zum Rudel Führen kann.
Leyla dachte so viel nach doch irgendwie bekam sie dabei keine neuen Erkenntnisse. Sie verbarrikadierte sich und ihre Seele hinter einer Fassade, verborgen in einem Wald aus Erinnerungen. Die Wahrnehmung wurde durch die Illusion abgelöst, sie begann, sich Dinge einzubilden. Sie verbrachte immer noch eine Menge Zeit damit, in der Vergangenheit zu leben, alles noch ein Mal abspielen zu lassen und Revue passieren zu lassen, zu überlegen, was richtig und was falsch war, von den Dingen, die sie getan hatte und die sie sagte. Und zunehmend machte sie sich Vorwürfe, Vorwürfe, daß sie alles falsch gemacht hatte, was man nur falsch machen konnte. Sie hatte falsch begonnen und so wie so völlig falsch aufgehört. Wollte sie denn überhaupt schon aufhören? Es war noch nicht ganz vorbei, nicht, so lange sie lebte. Und so lange sie die Vergangenheit nicht ausschloß. Vielleicht sollte sie sich mehr anvertrauen, immer hin hatte sie ein neues Zuhause gefunden und vielleicht bestand die Chance, neue Verrauenspartner zu finden, mit denen sie über diese schwierige, vergangene Zeit sprechen konnte. Doch zu verschlossen noch war ihr Inneres und ihre Gedanken wollten nicht mehr heraus. Es war fast, als wäre sie die ganze Zeit über..zum Narren gehalten worden. Sie hatte schon so viel erzählt und preisgegeben, doch dann stellte sich alles als Passé heraus.
Leyla witterte etwas. Sie bekam einen ihr noch fremden Geruch in die Nase. Zunächst nahm sie ihn gar nicht so recht wahr. Zum Einen, weil sie mit den Gedanken völlig abwesend war und zum anderen, weil viele Gerüchte hier noch sehr fremd waren. Doch als der Geruch stärker wurde, blickte sie ein Mal auf. Sie konnte eine junge, weiße Wölfin erkennen. Sie erschrak ein wenig. Sie hatte sie hier noch nie gesehen. Gehörte sie mit zu dem Rudel? Leyla war verunsichert, ging doch dann aber eher davon aus, daß sie das nicht tat. Ihre Neugier war es, die sie dazu bewegte, in ihre Richtung zu gehen. Wie verzaubert setzte sie ihre Läufe in ihre Richtung vor, ein Schritt nach dem anderen. Fragend und etwas neugierig ihr Blick, wer sie nur sein möge, welche Geschichte sich hinter dieser Wölfin verbarg. War es die Hoffnung, die sie trieb? Auf jeden Fall war ein Stück Leyas junger Neugier zurückgekehrt und jenes, obwohl sie so oft enttäuscht worden war. Ganz unbeachtet, daß sie sich weiter vom Rudel entfernte, ging sie nähr an sie heran. Etwa fünf bis sechs Wolfslängen von ihr entfernt, kam sie zum Stehen. Ein fragender Blick drückte ihre Unwissenheit aus, ihre Unklarheit sich selbst gegenüber, wer sie war und wie sie hier hergefunden hatte.
„W-wer bist du?“
Ragte Leyla still und vorsichtig, zurückhaltend, beinahe scheu, trotz des nahegelegenen Rudels, daß sicher kein Eindringen Boswilliggesinnter im Revier zulassen würde. Mit diesem guten Gewissen in Gedanken hatte sie en Mut, sie dies zu fragen und sich nach ihrer Person zu erkunden. Wartend auf eine Antwort, musterte sie ihre Gestalt.
Sie zögerte etwas mit der Antwort als dann noch etwas aus hie heraus brach.
"Ich bin Green..und wer bist du?! Sagte sie neugirig..schon etwas klein laut weil sie hier sonst noch nie jemand zuvor beachtet hatte. Sie mussterte die Fremde Wölfin sehr genau wobei sie es sich überdachte ob man sowas acuh wirklich darf.. Sie war sich sehr unsciher in ihrer Lage un fühlte sich sehr unwohl.Sie zog den Schweif sogar ein was sie normaler weise nie tat.
"Woher kommst du.."
Fragte sie sehr leise.Sie legte sich hin und dachte weiter ob sie ein Rudelmitglied war oder ob sie jemand fremdes war die green vieleicht sogar töten möchte.
Sicher, es falsch begonnen zu haben..wie immer..begann sie einen neuen Versuch. Es war keinesfalls ihre Absicht, als jemand aufzutreten, der ihr Respekt lehren sollte. Sie wußte, daß, egal wie sie es auch anstellte, sie es immer falsch machte, darüber ärgerte sie sich. Aber sie hatte noch nicht aufgegeben und setzte daher von neuem an.
„Leyla..heiße ich.“
Sie wollte noch etwas sagen, hatte es jedoch im Eifer des Gefechts vergessen. Eine Nervosität ohne Gleichen machte es ihr unmöglich, so aufzutreten, wie sie war. Sie hatte immer das Gefühl, sie müsste ihr wirkliches Ich verschleiern und als jemand auftreten, den sie nur vorgeben konnte, vorgeben, etwas zu sein, daß sie nicht wahr und auch nicht sein konnte. Nur war sie sich nicht sicher, ob sie so wirken sollte, wie sie wirklich war. Denn dann hätte sie noch kein Wort mit ihr reden können. Also lag doch etwas in ihren Worten, daß nicht sie war, daß jedoch ein Teil ihrer besseren Seite war, ihrer geübteren Seite. Sie musste sich für einen kurzen Moment selbst vergessen, um so wirken zu können und ihr Gegenüber nicht mit ihren verrückten Gefühlen zusätzlich zu verwirren. Sie gab sich alle Mühe, das Beste aus der Situation zu machen und lief daher nicht wütend und traurig über sich selbst zurück, in der Hoffnung, diesen Moment hätte es nie gegeben. Sie wollte nicht aufgeben, es war eine ungewohnte Hartnäckigkeit. Sie hatte es damals schon geschafft, wenn sie auch recht sehr enttäuscht worden war. Doch das war ein anderer Zeitabschnitt, den sie hier nun nicht mit hineinfließen lassen konnte, zumindest nicht die Schattenseiten der Ereignisse von damals, nur das, was sie daraus gelernt hatte. Gelernt hatte sie so in etwa, noch nicht zu viel zu erzählen, sondern erst ein Mal den anderen sprechen zu lassen um sich dann ein Bild machen zu können und entscheiden zu können, wie sie argumentieren konnte oder ob sie es überhaupt sollte und wenn ja, wie sie es überhaupt konnte, von ihrer Person heraus. Leyla versuchte also ein zaghaftes Gespräch entstehen zu lassen, bereute aber jede Antwort fast wieder etwas, kurz, nachdem sie sie ausgesprochen hatte.
Woher kam sie schon? Sie hatte verschiedene Vergangenheiten, wenn man so wollte. Was sollte sie antworten? Sie versuchte die Welt so heil wie möglich wirken zu lassen und gab das Rudel an, das sie aufgenommen hatte.
„Ich lebe hier, im Sternenwindtal.“
Ihr Blick senkte sich ab. Sie suchte nach Worten. Kurz später fand sie welche, die sie sich jedoch kaum auszusprechen traute. Sie mußte beinahe die Augen schließen, um es so ausdrücken zu können, vermeidete jedoch auch dies, um nicht seltsamer zu wirken, als sie es wohl unvermeidlicherweise eh schon tat.
„Also..ich..aus..aus einem Rudel, geführt von einer Rudelführerin namens Banshee..ja..“
Fügte sie noch rasch hinzu, um die Rolle rasch einem anderen zu übertragen und weitere Fragen über das Rudel zu vermeiden. Sie wußte nicht so recht weiteres anzufangen mit der Situation. So hing ihr Blick auch schon wieder trüb und inhaltslos am Boden zwischen stumpfen Farbtönen dunkler Erde.
Sie horchte sehr aufmerksam zu und wollte ein sehr nettes Gespräche führen ohne nervend oder hasstig oder gar beleidigend zu wirken. Ihre Gedanken spielten in diesem Moment alles ab auser das was wirklich in der Realität stattfand. Ihr Kopf war wie eine Sperre in dem Moment als die Fremde ihr eine Antwort gab.Aber Green würde am liebsten sehr stürmisch und hastig drauf los fragen,was sie aber sehr ins Denken versetzte.
"Ich heise Green."
Antortete sie schnell ohne zu zögern und ohne Hemmung.Sie schnupperte den völlig Fremden Geruch deutlich durch.
"Ich bin sehr neu hier..und kenne mich nicht aus..könntest du mir vielleicht helfen?!"
Fügte sie rasch hin zu und wartete auf eine Antwort.Wärend dem Warten Schnupperte sie weiter und musterte das schön weiß glänzende Fell von dem Fremden Wolf .
Eine gewisse Anspannung lag über den beiden, das merkte sogar Leyla. Jedoch verstand sie nicht, warum die junge Wölfin einen so festen Grund zum Angespannt-sein hatte. Zwar war es ihr nicht viel anders gegangen, als sie zum ersten Mal auf die Leitwölfin des Rudels und somit das Rudel der Sternenwinde traf, doch da sie selbst eine rechte Unsicherheit und Vorsicht ausstrahlte und zu erkennen gab, war keine Sorge notwendig.
Gern hätte sie ihr das klar gemacht, sie wußte selbst, wie es war, wenn man im Unwissen darüber war, wie einem sein gegenüber gesinnt war, doch hier war es einfach unangebracht und nicht nötig. Was konnte sie schon für die Wölfin tun, die so unsicher war? Eigentlich nicht viel. Sie versuchte eine logische Schlußfolgerung zu finden, etwas, das jeder andere aus dem Rudel vielleicht auch hätte, wenn er auch nicht so unsicher und übervorsichtig gewesen wäre.
„Klar. Komm..komm einfach mit.“
Sagte sie noch unsicherer als die anderen Worte zuvor, die sie mit ihr gewechselt hatte, auch wenn es nicht sehr viele waren. Leyla empfand es einfach als das Beste und Sinnvollste, sie zum Rudel zu bringen, in der Hoffnung, damit keinen Fehler zu begehen. Einen Fehler vielleicht, weil sie jemanden Neuen mitbrachte, wobei sich das Rudel doch gerade sorgte um die Gefahren, die fremde Wölfe bereit hielten. Nur sah die junge Fähe wirklich nicht so aus, als würde sie für das Rudel eine Gefahr bedeuten. Und so naiv war Leyla auch nicht, daß sie in jedem nur Gutes sah. Es hätte sich wohl widersprochen, wäre Green nicht erwünscht, hatten sie Leyla doch ebenso gut aufgenommen, ohne zu wissen, wer sie war und woher sie kam. So würde es mit dieser Wölfin wohl nicht anders sein. Mit Besorgnis, die sich einfach nicht abschütteln ließ, wandte sie sich ab und lief langsam los. Sie steuerte verunsichert den Rudelplatz an, an dem noch nach wie vor beraten wurde, an dem sich die Wölfe des Rudels um ihre Zukunft sorgten. Leyla wollte sie zur Leitwölfin bringen, mehr konnte sie nicht für sie tun, doch jenes gewiß, hoffentlich ohne Ärger. Sie kannte es so, daß es Ärger gab, handelte sie so, wie es nicht im Sinne des Leitwolfs war. Doch sie hatte einen besseren Eindruck von Banshee als Leitwölfin des Rudels, als wie sie es von ihrem Vater kannte, der gewiß kein guter Alpha gewesen war und- erst recht kein guter Vater.
Greeen tapse Leyla mit hängendem Kopf hinterher,sie wusste immernoch nicht Wer sie da erwartet.Ihre Gedanken wurden zu einem großem Haufen.So versuchte sie die negativen Gedanken einfach zu ignorieren was gar nicht einfach war,weil ihr einfach zu viel durch den Kopf ging.
"...Ist das Rudel groß?!"
Fragte sie verschüchtert mit einem kleinen blick zu ihr.
Sie hoffte sehr das sie ihre alte Vergangenheit in diesem Rudel ablegen könnte und ganz neue und andre Freunde findet und sie sehr viel Spaß haben wird.So tapste sie den Weg zum Rudelplatz hinter Leyla.
oO werde ich hier mich hier wohl fühlen?! Oo
dachte sie als sie gegen ein Baum lief.
"Autsch..."
Schrie sie kleinlaut und ging weiter mit hängendem Kopf.
Sie traute sich kaum, noch ein Mal umzudrehen und nach ihr zu sehen, da sie das Gefühl hatte, daß sie ihr nicht gerade ein Vertrauensgefühl vermittelte, vielleicht eher im Gegenteil, man wußte nicht, daß dies ihr, leider, ganz übliches Verhalten war, die Zurückhaltung, die Unsicherheit und die Unzufriedenheit mit sich selbst. Wenn man Leyla noch nicht kannte, und hier gab es sowieso noch niemanden der sie so richtig kennen gelernt hatte und von ihrer Geschichte wußte, wußte man auch mit ihr nichts anzufangen und konnte sich nur fragen, warum sie so war, wie sie war. Ein informatives Gespräch mit Aufklärung über die Sachverhältnisse und Umstände, die Leyla so geprägt hatten, waren nicht von eben auf jetzt zu führen möglich. Es brauchte seine Zeit, bis Leyla wieder vertrauen konnte, bis sie sich öffnen konnte und erklären konnte, wie und warum. Die Zeit brachte es, was aus dem miteinander wurde, wie das Verständnis klarer wurde und wie Leylas Gefühle agierten. Sie hatte gerade gemeint, etwas gefunden zu haben, an dem sie sich festhalten konnte, da war es auch schon wieder fort. Fort eine Zeit, an die sie sich hätte gewöhnen können. Doch so war es oft. Die schönen Träume sanken herab und zerplatzten dann auf den Spitzen der Wirklichkeit. Es waren die Spitzen, die Leyla jedes Mal neue Wunden zufügten und ihr wieder zeigten, daß das Leben etwas anderes verlangte, eine andere Leyla vielleicht. Doch sie wußte nicht, ob sie sich verändern konnte. Den Willen dazu hatte sie, doch allein würde sie das nicht schaffen, nie.
Auf Greens Frage hin, ob das Rudel groß sei, kam von Leyla nur ein trübes
„Hm.“
Ein nichts-aussagender Laut für jeden, der mehr erwartete. Es war ein Laut, der eigentlich nur zu verstehen geben konnte, daß sie grade nicht anwesend war mit dem Geiste und in einer anderen Welt war, in der Welt der Vergangenheit. Wider ein Mal. Auch Leyla hätte es passieren können, daß sie gegen etwas lief, was ihre eh schon so erniedrigte Würde nur von neuem verletzt hätte. Doch ihr passierte dies nicht, denn sie waren schon fast beim Rudelplatz angelangt. Als sie die Stimmen der besorgten Wölfe hörte, blieb sie stehen, bekam wieder einen Blick für die Wirklichkeit und wartete darauf, daß Green näher zu ihr gekommen war, bis sie zu ihr sprach.
„Dort, die weiße Fähe, siehst du sie? Das ist..Banshee.“
Was konnte sie noch über sie sagen. Jemanden, den über den sie selbst noch nicht viel erfahren hatte, wobei sie jedoch sicher mehr über sie wußte, als umgekehrt, denn sie hatte sich ihr von Beginn an ehrliche vorgestellt und von sich erzählt, wer sie war, woher sie kam und Interesse an ihrem Befinden geäußert und das, trotz, daß sie mit ähnlichen Antworten wie der ebigen zu tun hatte.
„Bitte um ihr Einverständnis..wegen deines Aufenthaltes hier..du…weißt schon..“
Murmelte sie beinahe unverständlich. Ja, so war es doch mit den Rudeln. Leyla hatte das Rudelleben ihre ganze Jungwolfzeit über erlebt und wußte darüber einigermaßen bescheid, doch hatte sie trotzdem kein gutes Bild von der strengen Herrschaft ihres Vaters als den Alpha im Rudel. Doch so war es hier nicht und das würde auch Green sicher bald merken.
Green´s Gedanken lockerten sich etwas auf weil sie Vertrauen aufbauen konnte. Dachte sie zuminsdest.Also sie hatte das Gefühl bei Lyla gut aufgehoben zu sein.Sie dachte einfach gar nicht mehr nach in diesem Moment.
"Alles klar...ich werde dann mal..."
Sagte sie leise zögernd und schon fast gemurmelt. So machte sie sich auf den Weg zu Banshee der weißen Fähe.Sie zog den Schweif ein weil sie Angst vor einer ALpha hatte.
Die junge Fähre saß ruhig an ihrem Platz, sie hörte die Worte der Leitwölfin, doch sie wusste nicht was sie bedeuteten. Vielleicht wollte sie es auch nicht verstehen, jetzt wo sie gerade einen sicheren Platz für sich gefunden hatte. Tyel schloss kurz die Augen und ließ sich dann vorsichtig fallen. Noch immer schmerzte die Pfote der Fähe, doch es wurde langsam besser. Ihr Blick wanderte über die versammelten Wölfe des Rudels, die älteren schienen beunruhigt und die jüngeren schienen ihr leben zu genießen und nichts zu ahnen. Die Wölfin lächelte kurz, sie selbst wusste nichts...gar nichts und doch maßte sie sich an über die anderen nachzudenken. Vielleicht waren die Welpen sogar erfahrener als sie selber...nur auf eine andere Weise. Sicher wussten die Welpen schon viel über das zusammenleben im Rudel und vor allem ihren Platz im Rudel. Tyels Erfahrungen waren in diesen Sachen sehr lückenhaft, wen nicht zu sagen gar nicht vorhanden. Von ihrem Platz etwas abseits von den anderen Wölfen konnte sie nicht alle der vorgetretenen Wölfe sehen, sie sah die Leitwölfin Banshee und den schwarzen ruhigen Wolf an, dessen Namen sie sich gerade nicht erinnern konnte. Sie seufzte leise zu gerne würde sie wissen was dort vorn nun vor sich ging, was sie beredeten, doch egal wie neugierig sie war, sie wusste genau, dass man mit ihr sowieso nicht reden würde sie war zwar im Rudel, doch sie war noch immer eine Fremde. Die Fähe seufzte leise und legte den Kopf dann vorsichtig auf ihre Vorderläufe. Noch einmal ließ sie dem Blick über das Rudel und dessen Alfa schweifen, dann schloss sie die Augen. Die weichen Ohren spielten noch eine Weile mit dem Wind dann entspannten auch diese sich und achteten nur noch auf grobe Geräusche.
oO "Warum bin ich eigentlich noch hier wenn es doch sowieso Probleme gibt?...warum laufe ich nicht wieder weg wie ich es sonst immer mache?...wo ich doch jetzt so gut Laufen kann..."Oo
Sie schnupperte vorsichtig ohne die Augen aufzumachen. Der Geruch des Rudels und des Waldbodens drangen in die feine Nase, auch den Geruch vom Wasser nahm sie war. Sie wusste, dass es von dem nicht allzu weit entfernten See kam. Als sie aus ihrer Bewusstlosigkeit vollständig erwacht war hatte sie ihn zuerst gesehen. Die anderen Wölfe nannten ihn den Sternensee wenn sie sich recht erinnerte. Es war ein passender Name für den See. Nicht nur der See sondern das gesamte Tal, die Fähe wollte dieses mal nicht davonlaufen, dieses eine Mal musste sie sich zusammenreißen. Tyel atmete ein paar Mal tief durch bevor sie die Augen wieder öffnete.
oO" Diesmal gebe ich nicht auf..."Oo
Die Ohren der Fähe stellten sich wieder Aufmerksam auf und ihr Blick glitt zu Banshee und deren kleinen Versammlung. Nun konnte sie nur noch warten.
24.12.2009, 19:58
Shani hatte ruhig geschlafen, auf der Seite liegend, die schwächlichen Läufe angewinkelt, und den Kopf vertrauensvoll zu Hiryoga gereckt. Keine schlimmen Träume hatten sie geplagt, keine Unruhe sie immer wieder aufschrecken lassen. Erst als Bewegung in das Rudel gekommen war, hatte sie langsam die Augen aufgeschlagen, kurz darauf aber wieder geschlossen, scheinbar dösend, auch wenn sie mittlerweile hellwach war. Banshee hatte gesprochen, Gefahr angekündigt, andere zu sich gerufen, ihr Angst gemacht. Ja, da war sie wieder, die Unruhe, die schmerzhaften Stiche, die sie schon länger gespürt hatte, irgendwo tief in ihr drin. Sie hatte es auf sich selbst geschoben, sie war paranoid, einmal hatte sie wieder die schwarzen Wölfe gesehen, sogar hier, in Sicherheit. Es wäre eigentlich erleichternd zu wissen, dass es andere auch spürten, dass sie nicht verrückt wurde, oder war sie es nicht trotzdem?, aber das war es nicht. Wenn etwas Schreckliches auf sie zu kam … sollte sich alles wiederholen? Das gleiche Grauen wie vor fast einem Jahr? Kalte Angst packte die weiße Jungwölfin und nahm ihr für kurze Zeit den Atem. So ruhig wie sie noch immer da lag, ihr Inneres krampfte sich zusammen und hätte sie nicht gelegen, wären ihre schwachen Läufe wohl eingeknickt. Sie wollte die Augen öffnen und zu Hiryoga schauen, mit ihm reden, den anderen nicht zuhören, aber sie hatte Angst, was sie sehen könnte. Sie konnte die Anwesenheit der schwarzen Wölfe fast spüren. Was irrsinnig war, weil sie ja gar nicht da waren … aber doch waren sie da. Beinahe hätte sie gewinselt, mit noch immer geschlossenen Augen drehte sie sich leicht, sodass sie nun aufrecht lag, den Kopf auf die Pfoten gebettet. Vorsichtig hoben sich ihre Lider, sie sah zu Hiryoga, aber hinter ihm, im Dickicht meinte sie schon die Schemen auszumachen, die sie erwartete hatte. Sie schluckte, sah zu Boden und überlegte sich dann, was sie tun sollte. Wenn sie hier weiter lag, würde sie nur noch mehr Angst bekommen und was sie zu Hiryoga sagen sollte, wusste sie auch nicht. Langsam hob sie den Blick und betrachtete die anderen Wölfe, die noch hier saßen. Fast alle waren beschäftigt, auch Kaede saß bei Banshee. Sie erhaschte einen kurzen Blick auf eine Fähe, die neu sein musste, jedenfalls saß sie alleine und etwas abseits (Tyel Tinuviel) . Shani schluckte erneut, zuckte dann leicht mit der Rute, stupste Hiryoga sachte in die Seite und versuchte ein Lächeln auf ihre Lefzen zu zaubern.
“Hiryoga, lassen wir uns keine Angst von den Erwachsenen machen. Schau mal, die Fähe dort sieht auch so aus, als wüsste sie nicht, was sie tun soll. Lass uns zu ihr gehen, sie kennt kaum einen aus dem Rudel, sicher wird sie sich freuen.“
Sie klang überzeugend und von ihren eigenen Worten wurde sie sogar selbst etwas ruhiger. Ihre Rute begann auffordernd zu wedeln und sich erhebend zog sie Hiryoga sanft am Ohr. Ihrem freundlichen und offenen Wesen entsprechend sprang sie auf die braun-weiße Fähe zu und blieb mit leicht gespreizten Vorderläufen und fröhlich glitzernden Augen vor ihr stehen. Kein Blick verirrte sich mehr in den Wald, zu den schwarzen Wölfen.
“Hallo, ich bin Shani und das ist Hiryoga. Er ist der Sohn von Banshee, aber ich kenne auch fast niemanden aus diesem Rudel. Wie heißt du denn?“
Der Blich aus ihren mandelförmigen, leicht schräg gestellten Augen huschte einmal zu Hiryoga und warf ihm damit ein aufforderndes Lächeln zu, dann blieb er wieder auf der Fähe liegen und blieb weiterhin so freundlich und aufmerksam.
Wie immer angenervt von allem, saß Averic abseits der Meute und hoffte, dass nicht wieder diese bescheuerte, kleine Welpin auftauchte um ihm noch mehr die Laune zu vermiesen. Wenn sie nicht so ungenießbar aussehen würde, hätte er sie am Liebsten schon aufgefressen. Und das er dann ärger mit seiner Mutter bekommen würde, stand ja auch im Raum. Die schien übrigens wegen irgendwas schwer besorgt. Sein ach so toller Vater hatte sich auch schon seit Monaten mal wieder nicht blicken lassen. Inzwischen war es ihm eh egal, er hatte keinen Bock auf diesen blöden Wolf mit seinen komischen Erziehungsmethoden. Aber somit fehlte trotzdem ein recht starkes Rudelmitglied, na, eigentlich sogar der Leitwolf. Egal. Ungerührt ließ er den Blick schweifen. Unter ihnen weilten fast nur Idioten, der Einzige, den man wohl gebrauchten könnte war dieser Face. Traurig, traurig. Und sein kleiner Cylin war natürlich auch kein Idiot, aber auch kein Kämpfer. Er war halt Träumer, auf den man immer aufpassen musste. Zumindest früher. Heute war sein geliebter Bruder auch so oft weg, irgendwo im Wald verschwunden und nicht bei ihm ... aber er ließ ihn, schließlich hatte Cylin einen eigenen Willen und durfte machen was er wollte. Ja, ja. Um sich mal von all den nervigen Dingen abzulenken, würde er auch zu Banshee gehen. Sie hatte zwar nach starken und erfahrenen Rüden verlangt, aber pff ... er war auch stark! Sogar ziemlich stark, dafür, dass er erst ein Jahr alt war. Ein irres Grinsen wollte sich auf seine Lefzen schleichen, Averic konnte es aber grade noch unterdrücken und so zog er bloß eine seltsame Grimasse. Er war halt der Sohn Acollons ... auch wenn er ihn irgendwie hasste, eiferte er ihm zugleich auch nach, war besessen vom Tod und die Aussicht auf ein wenig finstere Aktion machte ihn gierig.
Mit gesenktem Kopf, aber aufgerichteten Ohren und einem leichten flackern in den Augen, trabte er auf die Ansammlung, um seine Mutter herum, zu. Kurz einen undefinierbaren Blick zu dem Tiefschwarzen werfend, blieb Averic dann vor seiner Mutter stehen und hob den Kopf wieder. Sie war halt ein anders und außerdem seine Mutter. Zu ihr war er nicht so böse und das sogar fast freiwillig. Gleichzeitig zwang ihn in seinem Inneren auch noch etwas dazu.
„Was befürchtest du denn, Mutter? Oder eher, vor was fürchtest du dich denn?“
Das war gar nicht mal unfreundlich gemeint, er hatte es ganz normal ausgesprochen, die Weiße aufmerksam anblickend. Es war schon seltsam, dass sie da von irgendwas sprach, dass angeblich auf sie zukam, aber wissen was es war, tat sie auch nicht. Verwirrend. Sogar dieser Satz war wirr. Auf jeden Fall schien seine Mutter die Einzige zu sein, die sich richtig große Sorgen machte. Und wenn sein bescheuerter Vater schon nicht da war um ihr zu helfen, würde er das halt übernehmen.
Aufmerksam betrachteten die smaragdfarbenen Augen des jungen Rüden, die weiße Fähe, die da bei ihm lag, Shani, er hatte sie kennen und lieben gelernt, er hatte gelernt ihr zu vertrauen, egal worum es sich handelte, ob er nun Angst hatte oder nicht, ihre liebevolle Art zog ihn jedes Mal in ihren Bann und jedes Mal von neuem gab er sich ihren Entscheidungen hin und bis jetzt hatte er es nicht bereut. Es schien, egal was sie anpackte, ging gut. Leise seufzte er, beobachtete, wie sie sich aufrecht hinlegte, langsam die Augen öffnete und den Blick wieder abwandte. Was sie wohl nun dachte? Hiryoga legte den Kopf leicht schräg, die großen Ohren zuckten hin und her, sie musste es doch spüren, genauso wie er, wie die Erwachsenen, es würde etwas kommen, sonst hatte sie doch auch so ein großartiges Gespür wie er. Als sie sich erhob, ihn auffordernd am Ohr zog und zu einer fremden Fähe ging, legte er die Ohren leicht zurück, sollte er nun wirklich folgen? In den letzten Wochen hatte er die Anwesenheit von anderen gemieden, er wollte nur Shanis Nähe spüren, für die anderen interessierte er sich nicht, doch ihre Art, ihr Lächeln und - halt. War da nicht eben etwas, etwas Unsicherheit, vielleicht Angst? Leicht verengte er die Augen, folgte mit dem Blick der Weißen, wie sie der fremden Fähe freundlich gegenübertrat, was spielte sie nun? Überspielte sie etwas? Der Hellbraune schüttelte den Kopf, er war von Natur aus schon paranoid und schien immer Dinge zu sehen, die es nicht gab, aber dieses Mal ging er einen Schritt zu weit. Was sollte sie schon überspielen, vielleicht Angst vor der Gefahr, vielleicht hatte es auch etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun? In diesem Augenblick hätte er sich wohl am liebsten verzogen, er wusste nichts über sie, über ihre Vergangenheit und ihr nun so etwas zu unterstellen, nein, er musste aufhören damit, das Rudel stand vor einer Krise und er war wieder egoistisch.
Sein Körper erhob sich nur schwermütig, er hatte nicht Recht Lust sich zu erheben, neue Kontakte zu knüpfen, doch wenn sie ihn schon so ansah, er konnte ihr einfach nicht nein sagen. Kurz streckte er seinen Körper, drückte den Rücken durch, bis sein Bauch den Boden berührte und streckte die Vorderläufe von sich. Leicht pendelte seine Rute hin und her, seine Gesichtszüge erhellten sich etwas, als er zu Shani trat und das neue Rudelmitglied betrachtete.
"Es...es freut mich dich kennen zu lernen. Ich hoffe doch...es gefällt dir hier bei uns..."
Seine Stimme war zwar leise wie immer, etwas unsicher, doch sprach er sehr freundlich, sogar ein kaum merkbares Lächeln zog sich um seine Lefzen. Er ließ sich auf die Hinterläufe sinken und legte den Kopf leicht schief, sein Blick huschte kurz zu Shani, er wusste nicht wirklich, was er tun oder sagen sollte, so hoffte er doch, dass sie sich nun etwas überlegt hatte, immerhin war sie diejenige gewesen, die anscheinend neue Bekanntschaften suchte. Er seufzte leise, es war kein böses Seufzen, wäre er wohl an ihrer Stelle, würde er wohl auch gerne jemanden kennen lernen und jemand, der neu war, mit dem konnte man sich meist besser anfreunden, als mit jemandem, der schon lange im Rudel war und vielleicht auch eine hohe Position hatte. So richtete er seinen Blick wieder auf die Fähe und schlang die Rute um den Körper.
Die Läufe weit von sich gestreckt lag Tyel auf dem weichen Waldboden. Sie hatte bemerkt das die höher gestellten Wölfe nun unter sich selbst sein wollten, um dort oben ihre Probleme erst untereinander zu klären, bevor sie dem gesamten Rudel sagten was sie bedrückte. Ein kurzes Lächeln huschte über ihr Gesicht bevor sie die Augen wieder schloss. Vielleicht war es erst einmal besser hier zu bleiben und zu warten. Gehen konnte sie sowieso nicht solange die Versammlung noch bestand. Plötzlich richteten die weichen Ohren der Wölfin sich ruckartig auf und lauschten. Hatte sie sich das gerade nur eingebildet oder war da wirklich ein Geräusch gewesen? Die gelben Augen schlossen sich bis das Geräusch wieder da war. Nun war sie sich sicher das sich etwas bewegt hatte nun musste sie nur noch wissen wer oder was es war. Schnell öffneten sich die Augen wieder und suchten die Umgebung ab. Zuerst bemerkte sie nur den schwarzen Rüden der auf die Versammlung der obersten Wölfe zuging. Doch dieser war viel zu weit von ihr entfernt um die Geräusche zu verursachen die sie gehört hatte. Die Muskeln der Fähe spannten sich an und schon lag sie wieder, den Kopf auf den Vorderläufen abstürzend da und beobachtete ihre Umgebung. Nun endlich sah sie auch die weiße Fähe, die sich erhoben hatte. Tyel seufzte erleichtert und musterte die Weiße dann. Tyel fand sie hübsch, sie wusste selbst nicht warum genau das ihr erster Gedanke war, da sie Wölfe doch sowieso noch nicht wirklich einschätzen konnte. Sie schätzte die Weiße kleiner als sie, wohl kein wunder sie würde noch wachsen. Jungwölfe wuchsen für gewöhnlich noch...weiter kam Tyel nicht mit dem einschätzen, die Wölfin schien gern zu Lächeln doch das konnte sie nicht mit Gewissheit sagen. Auf jeden fall zog sie einen eher nicht so begeistert aussehenden Rüden hinter sich her. Tyel musste kurz lächeln als sie die beiden so sah. Nun musterte sie den Rüden, auch er war ein Jungwolf, er schien zwar etwas schmächtig für einen Rüden, aber Tyel war sich sicher das sich dies wohl in der nächsten zeit noch ändern würde. Nun erst viel der jungen Fähe auf das sie die beiden Jungwölfe die ganze zeit lang anstarrte während sie zu ihr herüberkamen und so schüttelte sie nun kurz den Kopf und wartete einen Augenblick bis die beiden bei ihr ankamen.
"Mein Name ist Tyel...freut mich"
Tyels Stimme war etwas rau als sie sprach, doch das kam eher daher das sie diese zu lange nicht mehr benutzt hatte es würde sich wieder legen. Die Fähe machte sich gar nicht erst die Mühe aufzustehen, nur ein kurzes Lächeln deutete an, dass sie die Gesellschaft der beiden Wölfe nicht unangenehm fand. Sie überlegte kurz ob sie noch etwas sagen sollte, als ihr der Rüde...wie war sein Name? ...Hiryoga schon zuvorkam. Also legte sie den Kopf leicht schief und überlegte bevor sie jedoch antwortete verging eine ganze Weile, fast schien es schon so als würde sie nicht mehr antworten. Doch dann spannte sie kurz die Muskeln ließ die Rute an ihre Seite gleiten und antwortete.
"Nunja bis jetzt kenne ich nicht viele der Rudelmitglieder...aber ich finde die Umgebung hier ganz schön..."
Die Weiße blickte teilnahmslos zu dem Neuen, den Shit mitgebracht hatte. Ein leichtes Nicken war alles, was sie ihm entgegen brachte, so sehr waren ihre Gedanken von anderen Dingen eingenommen. Die innere Unruhe wuchs schnell, denn sie war sich jetzt sicher, dass sie sich selbst nichts eingebildet hatte. Einerseits spürte sie ein gewisses Maß an Stolz, eine verantwortliche Rolle neben Banshee einnehmen zu dürfen, andererseits fühlte sie sich nur teilweise dem gewachsen, was ihr wahrscheinlich abverlangt werden würde. Sicherer würde sie sich fühlen, wäre Falk da … innerhalb der letzten Minuten war ihre Sehnsucht nach ihm noch um einiges größer geworden, obwohl sie geglaubt hatte, dass dieses innere Gefühl, zerrissen zu werden, nicht mehr steigerungsfähig war. Sie sehnte sich so nach einer Schulter zum Anlehnen, nach der Nähe eines Vertrauten und stattdessen galt es jetzt, selbst Stärke zu zeigen und dein Vorbild für andere zu sein – und die Stütze ihrer Alpha.
Gedankenverloren blickte Ayala jeden einzelnen an, der sich in ihrer Nähe befand. Mochte es sein, dass sie durch alle hindurch sah, sie fühlte sich mit einem Mal so müde … es war ihr für einen geringen Moment egal. Schnell fing sich die Weiße wieder, sie zuckte kurz zusammen und setzte ein etwas selbstsichereres Lächeln auf – sofern dies ihrem Wesen möglich war. Ihr war danach, alleine zu sein, Kraft in der Einsamkeit zu schöpfen, die genauso gut ihr ärgster Feind war. Jetzt war es jedoch an der Zeit, wieder Freundschaft zu schließen. Ayala nickte Banshee kurz zu, wahrscheinlich war jene zu beschäftigt, um dies wahrzunehmen, doch es war nicht wichtig, Ayala würde ohnehin bald zurückkommen. Sie wandte sich etwas zur Seite, als ihr Blick unmittelbar auf einen Rüden traf. Er war schon ziemlich lange in diesem Rudel, und doch hatte Ayala noch kein erwähnenswertes Wort mit ihm gewechselt – sie respektierten sich, doch sie wussten nichts voneinander – oder? Dies war ungewohnt bei einem Rudelmitglied, das eine so wichtige Position besaß, immerhin war Face Taihéiyo Tyraleens Pate. Sie stellte sich diesmal keine langen Fragen, sie ging einfach auf jenen zu, der im Geiste ebenfalls ziemlich entfernt von diesem Ort zu sein schien, und setzte sich nieder. Sie ließ gebührenden Abstand und dennoch waren sie sich so nah, dass er einfach würde aufsehen müssen.
„Sei gegrüßt, Face Taihéiyo. Du scheinst sehr nachdenklich …“
Im selben Moment wurde Ayala bewusst, dass sie es eventuell, oder sogar höchstwahrscheinlich mit einem Gegenüber zu tun hatte, welches nicht gleich aufgeschlossen auf diese indirekte Aufforderung, etwas von sich zu erzählen, einging. Im Gegenteil, irgendwie hatte die Weiße es soeben bestimmt geschafft, statt erstem Vertrauen eine distanzierte Geste zu erhalten. Sie dachte an Leyla, auch ihr gegenüber hatte sie zu schnell eine Stufe erreicht, die unangenehm gewesen war. Es war einfach zu früh gewesen. Erst jetzt merkte Ayala, dass es mit Sicherheit an ihr lag. Sie wollte um jeden Preis andere zu ihrem Glück zwingen, sie wollte ihre eigene Neugier stillen und sie war zu einfühlsam für Charaktere, die Verschlossenheit zu ihrem Gebot gemacht hatten. Wer weiß, vielleicht hätte sie sich selbst auch abgewiesen. Noch hatte Face allerdings nicht reagiert; sie hoffte, er sähe die Unsicherheit und die Bitte um Verzeihung in ihrem Blick.
Banshees Blick lag ruhig auf Midnight, der Schwarze hatte ihr schon zuvor einen Blick geschenkt, der Tiefe erahnen ließ. Er hatte gelassen gesprochen und trotz seiner Ausstrahlung, jede Entscheidung von ihr stumm hinzunehmen, hatte sie den Eindruck, als würde es ihm hier besser gehen als anders wo, sicherlich beeinflusst von Shit, einem Freund und wie wertvoll Freunde waren, hatte auch die weiße Leitwölfin erfahren können. Ob es weiser wäre, Midnight wegzuschicken, wusste sie nicht, aber dass von ihm keine Gefahr ausging, hatten seine Worte nur noch bestätigt. Zudem schien er erfahren, auch im Kampf und für das Rudel war er vielleicht sogar eine Bereicherung. Dennoch waren diese Gedanken nicht der Grund für Banshees Worte, viel mehr das Verlangen danach, zwei Freunde nicht auseinander zu reißen und einem Wolf, der schon viel Schrecken erlebt haben musste, einen Rastplatz zu schenken.
“Midnight, trotz der Aufruhe werde ich dich nicht wegschicken, wenn du möchtest, kannst du gerne bei uns bleiben. Noch mehr, du könntest uns sogar helfen. Du hast unsere Worte gehört, unsere Hilflosigkeit, vielleicht kennst du ja einen Ausweg.“
Sie schenkte ihm noch ein Lächeln und ihr aufmerksamer Blick blieb kurz an seinen Augen hängen, sie war sich darüber bewusst, dass sie hier einen außergewöhnlichen Wolf vor sich hatte. Dann wurde ihre Aufmerksamkeit von Thylia in Anspruch genommen. Die Werwölfin hatte sich zu ihrer kleinen Gruppe gesellt und sprach nun von Wölfen. Doch es lag kein fremder Geruch in der Luft, was sogar ungewöhnlich war, normalerweise trieben sich immer wieder Fremde im Tal herum, heute aber war nur das Rudel zu wittern. Dennoch war die Möglichkeit nicht auszuschließen, es war immerhin eine Idee. Eine beunruhigende. Sie sah die versammelten Wölfe nach einander an, jeder sollte sich über diese Möglichkeit Gedanken machen und beugte sich dann zu Thylia.
“Ich danke dir, Thylia. Es ist schön zu hören, dass jemand hinter mir steht. Aber du brauchst keine Angst haben, solltest du es nicht schaffen, werden wir hinter dir stehen.“
Auch die weiße Fähe wurde leicht an der Stirn berührt. Sie hatte es schwieriger und ihre andere Gestalt war schwach, dennoch gehörte sie zum Rudel und würde wie jedes Rudelmitglied behandelt und beschützt werden. Ebenso auch ihr Sohn, Averic, der sich nun ebenfalls zu ihnen gesellte. Er war es, der ihr ebenfalls Sorge bereitete. Er ähnelte Acollon auf so furchtbare Art und Weise, aber war gleichzeitig Jungwolf. Eine Mischung, die ihm nicht gut tat. Banshee wusste nicht, was in ihm vorging, aber er hatte keine Freunde, redete mit kaum jemandem aus dem Rudel. Sie verstand nicht, warum er so geworden war, gleichzeitig wusste sie tief in ihrem Inneren sehr genau, was mit ihm los war. Aber das machte ihr Angst und ließ sie immer wieder daran zweifeln, ob es jemals eine gute Entscheidung gewesen war, Welpen zu zeugen. Dennoch, nun gab es wichtigere Dinge und genau die sprach auch Averic an.
“Ich weiß nicht, was ich befürchten soll, ich weiß nur, dass ich etwas befürchten muss. Versuche deiner inneren Stimme zu lauschen, mein Sohn, dann wirst du vielleicht verstehen.“
Sie wäre gerne zu ihm gegangen, hätte sich unmittelbar neben ihn gesetzt und ihm Wärme gespendet, von der er so wenig hatte. Aber er war kein Welpe mehr und sie war Leitwölfin mit einem Rudel, das möglicherweise in großer Gefahr schwebte. Kurz dachte sie an Engaya und die Aufgabe, die sie noch immer als ihre Tochter in sich trug, den Gedanken jedoch schnell verscheuchend sah sie nur wieder aufmerksam hin und her. Produktive Ideen waren noch nicht gekommen und Ayala wandte sich nun an Face. Vielleicht hatten sie ja zusammen eine Idee, zumindest zu hoffen wäre es ja.
Der schwarze Rüde hatte sich erst Mal wieder zurück gehalten und nur stumm die anderen beobachtet. Er war das komplette und krasse Gegenteil von Shit, den er noch immer an seiner Seite hatte. In der zeit in der die beiden alleine unterwegs gewesen waren, hatte der Nachtsohn den Rüden an seiner Seite zu schätzen gelernt. So konnte der Grau-braune ihm noch einiges vermitteln, was ihm fremd war, was er vergessen oder abgelegt hatte. Auch war Shit die Verbindung zwischen seinem alten, einsamen Wandererleben und einem etwas leichterem Leben hier bei einem Rudel. Doch noch immer waren sie ihm so fremd und er ihnen. Unsicherheit und Misstrauen auf beiden Seiten, das wohl nur schwer abzubauen war. Der Nachtsohn würde wohl für immer eine rastlose Seele bleiben, die überall ein Fremdkörper war. Aber vielleicht konnte er hier bei dem Rudel leben, es begeleiten und sofern es gewünscht war unterstützen, auch wenn es fraglich war, wie er das denn tun sollte. Als hätte die Weißen seine Gedanken erraten, sprach sie ihn darauf an. Er konnte dem Rudel helfen? Wie sollte er das anstellen? Midnight wusste mittlerweile, das etwas in der Luft lag, eine gewissen Anspannung zwischen den Mitgliedern konnte sogar er spüren, wenn auch nicht deuten. Hilflosigkeit. Ohnmacht. Das Gefühl nichts tun zu können. Wie gut kannte er dieses Gefühl. Es war so lange Zeit ein täglicher Begleiter gewesen, das es schon zu einem Teil von ihm wurde. Nachdem Banshee gesprochen und ihm noch Mal zugelächelt hatte, wandte sie sich wieder den anderen hier Anwesenden zu. Ob er eine Möglichkeit wusste? Schwer zu sagen. Er hatte die letzte Zeit an die er sich klar erinnern konnte in einem Tal aus Schnee und Eis verbracht. Völlig abgeschieden, von jeglichem Leben getrennt, ein Exil in einer Eiswüste, der Todeszone. Um zu jagen hatte er erst einige Kilometer durch den hohen Schnee laufen müssen, um in die Tundra zu gelangen. Und auch dort war das Nahrungsangebot nicht so reich wie womöglich hier gewesen. Als er noch mit Shit in den Bergen war, hatte er gleich die Fruchtbarkeit erkannt, die in diesem Tal steckte. Da verwunderte es ihn nicht, das dieses Rudel so groß war. Aber scheinbar eher von weiblicher Natur dominiert, sonst hätte man zum einen nicht einen Fremden gebeten zu helfen, sondern möglicherweise schon gehandelt. Allerdings konnte er dies nicht mit Bestimmtheit sagen, dazu fehlten ihm die Erfahrungen in einem Rudel. Von der Seite sah er noch das Zunicken einer weiteren hellen Fähe, der er einen tiefen Blick zu warf, ehe er sich an Banshee wenden wollte. Die hatte sich allerdings gerade einem Jüngling zugewandt, der hinzu gekommen war. Es handelte sich wohl um ihren Sohn, doch wirkte er gänzlich anders als seine Mutter. Trotzdem betrachtete Midnight auch diesen Wolf mit unvoreingenommenem Blick, ehe er die Stimme erhob. Nicht gerade laut, doch wer zuhören wollte, konnte ihn verstehen.
"Möglicherweise sind es Neider, die dieses Tal begieren. Allerdings ist dies nur eine reine Mutmaßung."
Wieder ein Mal wartend und sich fragend, was in der nächsten Zeit wohl geschehen würde, saß sie nun wieder da und sah auf den Rudelplatz. Sah zu den besorgten Wölfen oder auch denen, die eher anderweitig beschäftigt waren und sich scheinbar nicht so um das kümmerten, was ihre Alpha sprach. Welches war der richtige Weg? Nicht in Sorge verfallen und ruhig bleiben, mit der Gefahr, falsch zu handeln und zu lange abzuwarten, so ähnlich wie Leyla es tat, wenn auch aus anderen Gründen oder grübeln für eine Möglichkeit, die sie doch noch retten konnte? Nicht alle sahen so aus, als würden sie vor Angst Reißaus nehmen. Oder es war einfach nur Leylas oberflächlicher Blick, der die Besorgnis nicht recht erfassen konnte, so daß es zu Fehlinterpretation kam. Aber ganz gleich wie es war, sie war unbeteiligt. Unbeteiligt an der Sorge und an Kummer im Rudel und unbeteiligt am Überlegen und Beratschlagen für eine Lösung des Problems. Leyla paddelte nicht mehr im Wasser des Baches, der sie mit sich riß, sie wehrte sich nicht mehr ihrem Schicksal gegenüber. Das hieß nicht, daß sie die Schmerzen nicht mehr spürte doch sie hatte nicht das Gefühl, daß Widerstand zu einem besseren Leben führte. Bis jetzt hatte es nie wirklich eine positive Wirkung gegeben, wenn sie versucht hatte, das grausame Schicksal abzuwenden. Vielleicht aber ach bemitleidete sie sich selbst zu sehr und sie sollte die Augen für jene öffnen, denen es ähnlich oder noch schlimmer ging. Die junge Wölfin, di sie getroffen hatte, schien ebenfalls sehr unsicher und ängstlich. Aber wie sollte sie Kraft aus Seelen schöpfen, denen es genauso ergangen war und sie dieselben Symptome der Ängstlichkeit und Zurückhaltung zeigten, Zurückhaltung in den Taten, die das Leben ausmachten, also in allem. Unsicher, welchen Weg sie gehen sollte, saß sie dort und ließ die Gegenwart Vergangenheit werden. Sollte sie es noch ein weiteres Mal versuchen, mit der Gefahr, wieder enttäuscht zu werden oder sollte sie gleich aufgeben und warten, daß der Zufall sie übernahm? Doch das hing ganz vom Rudel ab. So wie sie sich entscheiden würden, würde es auch auf Leyla zutreffen, wenn sie hier bleiben wollte. Es gab weder einen Grund, hier zu bleiben, noch einen, zu gehen. Also trug sie doch der Zufall mit? Selbst das konnte noch positive Auswirkungen haben aber auch nur eine kurze Zeit lang, dann würde es sie wegreißen, wenn sie den reißenden Fluss des Lebens nicht irgendwann ein Mal verließ um sich an etwas festzuklammern, an einen Sinn, an ein Etwas. Sonst würde der Wasserfall sie unrückholbar mit in die Tiefe reißen.
Unsicher blickte Kaede sich um. Warum sollten andere Wölfe hierher kommen? Einzelne Wölfe kamen natürlich immer mal vorbei, zogen durch dieses Revier, aber eine Gruppe von Wölfen? Die auch noch ihr Tal begehrten? Natürlich, dieses Tal war wunderbar und vor allem jetzt gab es alles in Fülle, doch sie konnte sich nicht vorstellen, was die wölfe dann hier wollten, sollten es mehrere sein. Oder eher, sie wollte es sich nicht vorstellen, denn sollte es so sein, wie Midnight vermutete würden sie bestimmt nicht freundlich auftauchen. Nervös wand sie sich an Banshee.
"Was sollen wir denn tun, wenn Midnight Recht hat und sie unser Tal begehren. Insofern es ein Rudel Wölfe sein sollte. Natürlich kann dies nur eine Behauptung sein, ich wittere nichts, doch das schlechte Gefühl haben wir alle und ich glaube auch, dass Thylia vielleicht sogar etwas mehr als wir mitbekommt, dadurch das sie nicht nur ein normaler Wolf ist. Womit ich nicht sagen will, dass wir nichts sind. . ."
Kaede verhaspelte sich. So lange hatte sie schon lange nicht mehr vor mehreren Wölfen gesprochen.
"Also gehe ich jetzt einfach davon aus, dass es ein Rudel sein könnte, was sollen wir dann tun, wenn sie dieses Revier hier... beherrschen wollen? Dann werden sie uns gewiss nicht friedlich gesonnen sein.
Sorgenvoll krauste Kaede ihre Nase. Was sollte werden, wenn ihre überlegungen richtig waren? Doch das waren sie bestimmt nicht.
Ich glaube ich mache mir nur unnötig Sorgen. Das wird bestimmt nicht eintreffen, vielleicht ist es auch nur . . . eine schlecht Wetter front . . ."
Leider wusste Kaede nur allzugenau, dass es sicher nicht nur das Wetter war und das wussten hier wohl auch alle anderen. Verschüchtert trat sie einen Schritt zurück und ließ den Kopf sinken. Sie machte sich gewiss nur zu viele Sorgen. Malte sich Horrorgeschichten aus.
"Ich will euch nicht verrückt machen. Ich habe einfach nur ein so schlechtes Gefühl und zu viel Angst, dass es etwas wirklich schlimmes wird, denn dann bin ich wie bei der Jagd"
Ein zusammen Zucken konnte Kaede nicht vermeiden. Lange hatte niemand mehr die Jagd erwähnt und die Schmerzen spürte sie heute noch.
"Denn dann bin ich wie bei der Jagd nur ein unnötiger Ballast, der nichts alleine machen kann"
Seufzend hob sie wieder ihren Kopf. Traurig ließ sie ihre Lefzen nach unten sinken. Schwer war es gewesen sich so auszudrücken, doch so war es. So war das Leben, der Kreislauf, normalerweise konnten Alte und Schwache, Benachteiligte im Notfall nur zurück gelassen werden.
Zügig waren die Schritte des Beigefarbenen, die Läufe des großen Rüden flogen förmlich über den Grund. Seine Großen Pfoten rasteten nicht lange auf dem Boden, hoben und senkten sich wieder zu schnellen Schritten. Mórion Manve witterte Wölfe, und obwohl er nicht einmal wirklich wusste warum, wollte er sie erreichen. So lange war er allein unterwegs gewesen, ein einsamer Wanderer. Obwohl er nicht besonders gesellig war, war er dennoch ein wenig erleichtert, andere Wölfe zu wittern. Es war bunt gemischt, Fähen sowie Rüden. Und alle schienen an einer Stelle versammelt zu sein. Vermutlich ein Rudel... so dachte der Rüde. Fast schon hastig war sein Gang, wie ein hungriger Wolf auf Jagd zieht. Noch ein paar Schritte, er trat hinter einem Baum hervor und da konnte er die fremden Wölfe auch schon sehen. Schlagartig blieb der Beigefarbene stehen. Dass es so viele waren, hatte er nicht erwartet. Hatte ihn seine Nase ein wenig hinter's Licht geführt. Nun wurden die Schritte des Rüden langsam und bedächtig, wollte er doch nicht einfach auf die fremden Seelen losstürmen. Zudem war er zu alt und zu erfahren für solche Aktionen. Ruhig waren die Ohren des kräftigen Rüden gespitzt, sein Nackenfell sträubte sich leicht, doch gab er keine weitere Drohgebärde von sich. Es wäre leichtsinnig gewesen, so viele Wölfe, die scheinbar ein zusammen gehöriges Rudel bildeten, zu bedrohen. Zudem befanden sich relativ viele Rüden hier und mit so vielen seiner Art wollte sich Mórion nun doch nicht anlegen. In dem Getummel erkannte er recht spät eine weiße Fähe, die den Anschein machte, als sei sie die Alphawölfin. Mórion wollte zu ihr und mit ihr ein paar Worte wechseln. Doch musste er erst einmal an den anderen Wölfen vorbeikommen. Das Ganze war ihm nun doch etwas unangenehm, fühlte er sich wie auf einem Präsentierteller. Die ganzen Fremden konnten ihn anstarren und genau dies hasste der Rüde. Konnten es nicht ein bisschen weniger Wölfe sein ?
Oder gar die Alphawölfin allein ? Er wollte um die Gunst der Weißen fragen, sich für eine Zeit in dem Rudel aufzuhalten. Er hatte nicht wirklich vor zu bleiben, war er eine Wandersseele und es hielt ihn nie lange an einem Ort oder einem Land. Doch konnte er sich in einem Rudel stärken und es wäre eine willkommene Abwechslung, nicht immer allein zu sein. Dennoch fühlte er sich ein wenig unwohl in Gegenwart so vieler Artgenossen. Langsam näherte sich Mórion immer mehr an, langsam und vorsichtig. Sein gesträubtes Nackenfell zeugte nicht von Boshaftigkeit, eher von Aufregung, was dennoch missverstanden werden konnte. Der Rüde duckte sich leicht, als er sich unter die anderen Wölfe mischte. Er blickte jeden der Fremden mit seinen silberweißen Augen an. Mussten sie ihn doch alle längst bemerkt haben. Er hatte das Gefühl ihm würde die Kehle zugeschnürt, fühlte er sich so eingeengt unter so vielen Tieren. Seine buschige Rute schwang mit seinen ruhigen, langsamen Schritten mit und zielstrebig, dennoch so vorsichtig wie möglich näherte sich der Rüde immer mehr der Alphawölfin an. Ob sie ihn freundlich willkommen hieß ? Scheinbar platzte er gerade in eine Art Rudelversammlung herein. Es war nicht gewöhnlich, dass sich die Wölfe einfach so versammelten.
Mórion schluckte und noch ein paar wenige Schritte, dann würde er die Alphawölfin erreicht haben. Seine Läufe zitterten ein wenig vor Aufregung. Würde er wieder weg geschickt werden ? Es wäre nicht das erste Mal, dass er nicht akzeptiert wurde. In seiner Vergangenheit war er nie sonderlich beliebt gewesen, und außer seinem Geburtsrudel war er noch nie in ein weiteres Rudel eingetreten. Seine Familie war zerstreut, seine Mutter schon lange verstorben, was mit seinem Vater war wusste er nicht. Vermutlich war er noch immer der grimmige Alphawolf des Rudels. Mórion's Schwester war verschollen und er suchte nach ihr. Doch das Ganze hatte mit der Situation nichts zu tun, in der er sich in eben diesem Moment befand.
„Ich ersuche das Wort der Alphawölfin. Ich bitte um eine Bleibe, vermutlich nicht für lange Zeit. Ich bedau're, wenn ich Euch irgendwie störe, doch es ist dringend. Meine Läufe sind geschwächt und ich bin schon lange auf der Suche nach anderen Wölfen. Bitte, hört mich an und gebt mir Antwort auf meine Frage. Darf ich für eine Zeit in diesem Rudel weilen ?“
Die Worte Mórion's waren gut gewählt und er senkte seinen Kopf ein wenig, mit einem kurzen Blick zu Banshee, die er als die Alphawölfin vermutete. Langsam ließ sich der Beigefarbene auf die Hinterläufe sinken und warf einen unsicheren Blick in die Runde. So viele Wölfe auf einem Haufen, das gab es nicht alle Tage. Stumm blickte er in jedes Gesicht der Fremden, zuckte mit seinen beigefarbenen Ohren und senkte seinen Blick etwas, als er ihn wieder zu der weißen Fähe richtete. Er hoffte auf eine zufriedenstellende Antwort. War es ihm doch alles irgendwie unangenehm... seine Miene schwieg, gab kein Lächeln oder sonstigen Ausdruck preis. So wie man ihn nun mal kannte. Niemand wusste, was er dachte oder fühlte. Oder was er als nächstes vor hate. Jedenfalls hoffte er hier eine Bleibe gefunden zu haben. Für wie lange, das konnte er nicht wissen. Doch war er auf der Suche nach seiner Schwester. Vermutlich würde er nicht aufhören zu wandern ehe er sie gefunden hatte. War sie ihm doch so wichtig... seelenverbunden. Ein leises Seufzen verließ die raue Kehle Mórion's, still blickte er zu Banshee und wartete auf eine Antwort.
Schweigend stand der rabenschwarze Wolf noch immer in einem kleinen Abstand vor der Leitwölfin, hörte zu was Banshee und die Wölfe um sie herum zu sagen hatten, Face Taihéiyo selbst jedoch sprach kein Wort. Wozu auch? Wie ihm schien hatte hier ja keiner eine Ahnung von dem, wovor sie sich fürchteten. Vielleicht sah er es als unlogisch an, weil ihm ziemlich egal war was geschehen würde? Er interessierte sich nicht für die seltsamen Neulinge, die begrüßt wurden und das Rudelleben war immer noch in seinem natürlichen Lauf. Irgendwo waren die Welpen und spielten mit ihren Paten oder so, abgesehen von ein paar Ausnahmen spürte wohl niemand irgend eine Gefahr. Hatte er seine ausgeprägten Sinne verloren? Seinen guten Spürsinn? Face runzelte leicht die Stirn und trat einen Schritt zur Seite, als ein Sohn Banshees an ihm vorbei ging. Dieser Averic ... er war ein wenig seltsam. Aber irgendwie waren das hier alle, sogar er. Und die anderen Wölfe sahen ihn bestimmt als ziemlich seltsam an. Jeder hatte eine andere Definition, andere Kriterien für dieses Wort.
Alles ging nun irgendwie seinen geregelten Lauf weiter. Irgend so ein schwarzer Wolf wurde in das Rudel aufgenommen und gleichzeitig sprach man noch weiter über dieses bedrohliche Gefühl. Irgendwas lief hier durcheinander. Face schüttelte kaum merklich den Kopf und wandte den Kopf ab, in dem Moment kam die Beta des Rudels genau auf ihn zu und setzte sich vor ihn. Sein saphirblauer Blick blieb ein wenig verwundert an ihr hängen, wie hieß die Weiße überhaupt noch mal? Sie war Ayala, oder? Die rechte Hand der Leitwölfin und schon länger bei den Sternenwinden als er, was schon etwas hieß bei den vielen Wölfen, die stets kamen und irgendwann wieder gingen. War nicht auch er schon ein Jahr in diesem Tal, obwohl er nie so lange hatte bleiben wollen? In seinem Dasein als Untoter war dem Tiefschwarzen das Zeitgefühl abhanden gekommen, aber er wusste, dass es schon recht lange sein musste, denn ihr erster Wurf war damals noch klein gewesen. So klein und jung, wie Tyraleen Heute. Aber stopp – er driftete schon wieder ab, obwohl Ayala ihn bereits angesprochen hatte. Nur was sollte er nun bitte darauf antworten? Er sah nachdenklich aus ... das tat er doch sowieso immer, bei den vielen Sachen, die immer durch seinen Kopf spukten. Aber das ging sowieso niemanden etwas an. Niemanden. Wie also antworten? Er konnte nicht sagen, dass er scharf darüber nachdachte, welche Gefahr wohl auf sie zukommen mochte, denn das wäre gelogen und Face hatte niemals in seinem Leben gelogen.
„Es gehen einem eben immer ziemlich viele Dinge durch den Kopf ...“,
antwortete der große Wolf schließlich knapp und leise. Dennoch war seine tiefe Stimme klar und verständlich. Sein Blick wandte sich kurz ab, noch immer galt seine Aufmerksamkeit auch der angespannten Situation, schließlich saß er hier um zu helfen. Der Fremde stellte in den Raum, es könnten Neider sein, die in dieses Tal eindringen wollten. Aber konnte das wirklich sein? So eine Theorie musste genau überdacht werden, immerhin lagen, bis auf die der Neuen, keine fremden Gerüche in der Luft. Oder doch? Seine Ohren zuckten leicht, war da was? Jetzt spekulierte die alte Wölfin Kaede weiter über dieses Thema und lenkte seine Konzentration so noch einmal ab. Unfreundlich gesonnene Wölfe ... es war eine Möglichkeit. Nun tauchte allerdings schon wieder ein Fremder auf und unterbrach das Thema. Somit wandte Face den Kopf wieder Ayala zu. Erstens wollte er nicht unhöflich sein und Zweitens war das nicht seine Angelegenheit. Fremde ... dennoch sollte man vielleicht misstrauisch sein, bei jedem Wolf der Heute zum Rudel stieß. Sein ausdrucksloser Blick harrte auf der Weißen. Es war Angebracht ein anderes Thema einzuschlagen, wenn er nicht wollte das sie wegen seiner Nachdenklichkeit nachhakte.
„... Was meinst du dazu?“
Sie hatte ja wohl gesehen, dass er der Diskussion gelauscht hatte, sein Blick war schließlich eben auch auf sie gerichtet gewesen. Face musste also nicht mehr sagen, sie würde schon wissen, was er meinte. Hoffentlich war die Weiße nun auch bereit dazu, darauf einzugehen und seine Frage nicht absichtlich auf die erste Antwort zu beziehen.
Banshees Blick schnellte zu Midnight, als er die Idee Thylias aufnahm und neu formulierte. Neider … ja, die weiße Leitwölfin wusste durchaus, in welch reichem Gebiet sie lebten. Einen See im Revier zu haben, war ein enormer Vorteil, er lockte jede Art von Lebewesen an, reiche Beute und war zudem sehr übersichtlich. Obwohl er riesig war, konnte man eine Bewegung am anderen Ende des Ufers ausmachen und durch seine Weitläufigkeit hatte man einen freien Blick auf das Gebirge. Auch die Wälder waren fruchtbar, die unzähligen kleinen Bäche, die ebenfalls vom See ausgingen, brachten auch in die dunkelsten Zonen Leben und gerade im nördlichen Wald lebte eine Vielzahl von Hornträgern. Banshee legte gedankenverloren den Kopf schräg, Midnight hatte Recht, eine Menge Wölfe könnten dieses Tal begehren. Ihr Blick huschte über das Rudel, ein Haufen Jungwölfe, einige Welpen und viele Fähen … die Bilanz war fast erschreckend, dennoch veränderte sich ihr Gesichtsausdruck nicht, ihr Blick huschte nur wieder zu Midnight.
“Eine durchaus realistische Mutmaßung. Es ist jedoch nicht zu hoffen.“
Sie sah ihn noch kurz an, auch wenn sie sich gerade eben erst kennen gelernt hatten, war sie sich des Vorteils, den er darstellte, durchaus bewusst. Er schien nicht nur intelligent, sondern aus irgendeinem Grund auch vertrauenswürdig, trotz seines eher kalten Aussehens. Es war einer der großen Schwächen Banshees, der sie sich durchaus bewusst war, dass sie zu schnell vertraute. Sie hatte zwar einen guten Instinkt, was diese Dinge betraf, dennoch handelte sie öfters nach dem puren Eindruck, den sie gewann. Auch jetzt merkte sie es schon, unterdrückte es aber, noch nicht. Glücklicherweise äußerte sich dann Kaede, die Fähe schein aufgebracht von den Gedanken, die der Schwarze geäußert hatte. Und damit sprach sie Banshee eigentlich aus der Seele, denn wirklich, sie würden ein großes Problem haben, sollte die Mutmaßung wahr sein. Kaede redete schnell, schien sehr nervös, unterbrach sich und machte dann ebenso unsicher weiter.
“Kaede, leider hast du Recht. Sollte die Vermutung stimmen, weiß ich nicht, wie wir handeln sollen. Der Kreislauf der Natur, der Stärkere vertreibt oder tötet den Schwächeren, wir alle sind ihm unterworfen. Und wenn man der Schwächere ist, so muss man sein Heil in der Flucht suchen.“
Sie hatte die Worte ruhig und besonnen ausgesprochen, als wäre sie sich der Tatsache nicht bewusst, die sie damit indirekt vermittelt hatte. Sollten es wirklich andere Wölfe sein und sollten sie stärker als sie sein, dann würden sie aus ihrem Tal fliehen müssen. Mit einem Mal schmeckte sie einen bitteren Geschmack auf der Zunge, ihr Blick glitt zu den Welpen. Wie sollten sie das schaffen? Es war ihr Tal, seit mehr als zwei Jahren lebten sie nun wieder hier und vor mehr als fünf Jahren war sie hier geboren worden. Sie hatte hier zwei Würfe geboren, hatte Acollon gefunden und nun wieder verloren, hatte hier warten wollen, bis er zurückkam und das würde er, da war sie sich sicher. Sie wollte nicht fort von hier … leiser begann die Verzweiflung in ihr Herz zu kriechen und ihren Körper erschauen ließ, dennoch war sie nach Außen weiterhin ganz ruhig. Das hatte sie oft genug üben können, um es nun zu beherrschen. Sie drückte ihren Kopf sanft an den Kaedes, sie wusste um die Verzweiflung die ihrerseits ihre Freundin in sich trug und kurz meinte sie sie teilen zu können, dann löste sie sich wieder von ihr und lächelte traurig.
“Auch wenn dein Augenlicht erloschen ist, deine Erfahrung und deine Vertrauenswürdigkeit machen dich für mich zu einem wichtigen Rudelmitglied und einer guten Freundin.“
Sie schluckte einmal, hätte gerne kurz Zeit gehabt, sich wieder zu fangen. Die fremden Wölfe blieben eine Vermutung, es gab keinen Grund, vom Schlimmsten auszugehen. Aber sie bekam keinen Augenblick, um sich damit auseinanderzusetzen. Mit einem Mal war da ein fremder Geruch, so nahe, dass er nur wenige Wolfslängen entfernt sein konnte. Sie war fast erschrocken darüber, ihn erst jetzt wahrzunehmen. Und auch schon wenige Sekunden danach tauchte plötzlich ein beigefarbener Rüde auf, der sich mit unsicheren Bewegungen und sich sichtlich unwohl fühlend auf sie zu bewegte. Die weiße Leitwölfin atmete einmal tief ein, als er vor ihr stehen blieb und mit recht leiser Stimme sein Anliegen vortrug. Nichts Böses, kein aggressiver Fremder, dennoch erschreckend unerwartete aufgetaucht. Er schien wirklich friedlich und soeben hatte sie Midnight gestattet zu bleiben. Durch die Freundschaft mit Shit war das zwar etwas anderes, aber diesen Rüden nun wegzuschicken wäre nicht richtig. Schließlich war er nun mal ebenfalls ein Rüde und auch etwas älter, erfahren.
“Jìjaye. Ich begrüße dich im Tal der Sternenwinde, Fremder. Ich bin Banshee, die Leitwölfin, wie ist dein Name? Wie du vielleicht merkst, sind wir in großer Sorge, dennoch will ich dich nicht vertreiben. Es sei dir gewährt, bei uns zu bleiben, auch wenn es möglicherweise kein sicherer Ort mehr ist.“
Sie sah dem Fremden direkt in die Augen, nicht drohend, sondern um ihre Worte zu unterstreichen und seine Reaktion zu sehen. Ob von ihm Rat und Unterstützung zu erwarten war, würde man später sehen, er hatte nicht mal seinen Namen genannt.
Mórion Manve senkte für einen kurzen Augenblick sein Haupt, einer Verbeugung gleich. Wachsam lauschte er den Worten der Leitwölfin, sein Blick strahlte große Ruhe und doch tiefen Ernst aus. Ein wenig erleichtert atmete der Beigefarbene auf, als es ihm gestattet wurde, zu bleiben. Etwas entschuldigend wurde sein Blick, wahrlich, er hatte sich gar nicht vorgestellt. Nun denn, das wollte er nun nachholen. Doch bevor er das Wort wieder an sich nahm, wagte er einen weiteren musternden Blick in die Runde. Es war ihm wirklich unangenehm, sich plötzlich unter so vielen Wölfen wieder zu finden. War er doch so lange allein unterwegs gewesen.
"Entschuldigt... mein Name ist Mórion Manve. Ich komme vom fernen Land Ardamíre und bin auf einer Art... Mission unterwegs. Aber ich bin hoch erfreut, in Eurem Rudel vorerst eine Bleibe gefunden zu haben. Ihr werdet es nicht bereuen... ich werde ein loyales Rudelmitglied sein, stets mit meinem Rat zur Seite, wenn Ihr diesen benötigen solltet."
Wieder waren seine Worte gut gewählt. Das durfte für den Anfang wohl reichen. Er wollte dennoch stehen bleiben, um eine weitere Antwort abzuwarten und sich dann vielleicht zurück ziehen, um sich das Rudel ein wenig genauer und in Ruhe anschauen zu können. Anscheinend waren die Wölfe friedlich gesinnt, kein finsterer Blick hing dem Beigefarbenen im Nacken. Jedenfalls war dies ein gutes Zeichen. Auch das Nackenfell des hochgewachsenen Rüden legte sich langsam wieder. Ja, er würde sich alle Mühe geben, ein guter Zeitgenosse zu sein. War er als Alphasohn immer etwas Besonderes in seinem Heimatrudel gewesen, würde er nun ein einfaches Rudelmitglied sein. Dennoch war es ihm eine Ehre, unter solch stolzen Artgenossen weilen zu dürfen. Der Blick des Beigefarbenen wurde ein wenig betrübt, als er nochmals über die Worte der Alphawölfin nachdachte. Sorge ? Was für eine Sorge ? Zwar hatte er mitbekommen, wie sie zu den anderen Wölfen in seiner unmittelbaren Nähe gesprochen hatte, doch hatte er keinen blassen Schimmer, worum es sich gehandelt hatte. Er bezweifelte, dass dieses Tal kein sicherer Ort war, doch er wollte nicht an den Worten der Leitwölfin zweifeln. Etwas in Gedanken versunken blickte der Rüde zu Banshee, legte seine Ohren kurz an und hob seinen Kopf wieder ein wenig an. Er wollte sich gleich ein wenig zurück ziehen, um zumindest für ein paar Minuten seine müden Läufe auszuruhen. Doch vorerst wollte er auf die Antwort der Weißen warten. Vermutlich hatte sie ihm nicht mehr viel zu sagen, dennoch waren ihm ihre Worte wichtig.
Shanis fröhliches Lächeln wurde noch ein wenig breiter, als sie merkte, dass die Fähe sich darüber freute, dass sie sie ansprachen. Unangenehm war es ihr in keinem Fall und die Weiße konnte sich vorstellen, dass es schön sein musste, wenn man in einem noch so fremden Rudel jemand kennenlernte. Es machte ihr schon Freude, dass sie der Braunen damit Freude bereitete, es war so schön, ein ehrliches Lächeln zu sehen. Dafür, dass sie noch so jung war und so wenig Erfahrung hatte im Umgang mit anderen Wölfen, wusste sie schon sehr genau, dass es nichts schöneres auf der Welt gab, als andere Lebewesen glücklich zu machen. Und wenn es nach ihr ging, würde sie am liebsten jeden Tag immer wieder Wölfe zum lächeln bringen. Die eigene Freude daran ließ sie schnell ihre Angst, ihren Selbstzweifel und den paranoiden Verfolgungswahn vergessen. Ebenso auch, wenn Hiryoga bei ihr war und glücklich war … im Moment wirkte er zwar nicht ganz so, aber immerhin lächelte er schon leicht. Sie würde ihn schon fröhlich bekommen, es war doch ein schöner Tag!
“Oh, ja, das stimmt, der See ist wunderschön. Aber auch das Rudel ist sehr nett, sie nehmen einen freundlich auf.“
Shani strahlte der Fähe zu. Tyel war ein schöner Name und er war ebenso kurz wie ihr eigener. Manchmal fragte sie sich, ob das wirklich alles war, wo doch so viele längere Namen hatten oder eben zwei. Aber darüber sollte sie sich nun eigentlich keine Gedanken machen, das war wieder irgendwie trist, zumindest stimmte es sie ein wenig seltsam, was sie sich selbst nicht erklären konnte. Sanft zog sie erneut an dem rechten Ohr Hiryogas und pustete ihm dann dagegen. Sie mochte es, wenn er verschüchtert war, gleichzeitig freute sie sich jedes Mal, wenn er etwas offener wurde.
“Tyel, hast du vor, länger hier zu bleiben? Besonders scheint hier ja gerade irgendetwas Bedrohliches vorzugehen …?“
Jetzt war sie ja doch wieder auf dieses Thema gekommen, aber das war wohl zu erwarten gewesen. In ihrem Inneren rumorte es noch immer und nur weil sie ihre freundliche Wärme darüber gelegt hatte, war es nicht verschwunden. Dennoch lächelte sie noch immer fröhlich und sah Hiryoga dann schräg von der Seite an.
“Wir bleiben doch, oder? Egal was passiert …?“
Sie war sich nicht sicher, wie sehr der Braune an seiner Familie hing. Er schien die Bindung zu seiner Mutter verloren zu haben, zu seinen Geschwistern schien er noch nie eine gehabt zu haben, sein Vater war fort und seine Beziehung zu Kaede verstand sie nicht. Shani kam es fast so vor, als würde sie lieber in diesem Rudel bleiben, als ihr Freund, dabei war es doch eigentlich seins. Kurz klappten ihre Ohren nach hinten, dann schnippte sie jedoch einmal damit und tappte einen weiteren Schritt auf Tyel zu, schnupperte, um ihren Geruch aufzunehmen.
Mit einem leichten Lächeln betrachtete er Shanis Mimik, wie sie sich schon wieder selbst von einer sehr seltsam-traurigen Stimmung, in gute Laune versetzte, er verstand nicht, wie sie das konnte, so ganz alleine. Zu gerne würde er das auch können, aber jeder besaß nun einmal sein eigenes Talent, wurde durch etwas anderes ausgezeichnet und zu einem Individuum gemacht, Shanis Talent war es, andere glücklich zu machen und damit sich selbst, sie konnte jedem wohl ein Lächeln auf die Lefzen zaubern. Welche besondere Eigenschaft er jedoch besaß, wusste er nicht und er fragte sich, ob er so etwas überhaupt in sich hatte, tief verborgen, würde er sie jemals finden? Was unterschied ihn eigentlich von all den anderen braunen Wölfen, die es überall gab? Viele Wölfe sahen sich ähnlich, manche konnte man kaum voneinander unterscheiden, und diese Tatsache bestätige ihm doch nur, dass er ungewöhnlich war, vollkommen normal, kein Individuum. Erst als die Weiße ihm am Ohr zog, erwachte er aus seinen Gedanken, mit einem leicht bedepperten Gesichtsausdruck betrachtete er Shani einen Augenblick, ließ den Blick zu Tyel wandern, und schämte sich direkt für sein abwesendes Verhalten. Die Ohren klappte er an den Kopf und ein entschuldigendes Lächeln zog sich um seine Lefzen.
"Ah...entschuldigt...ich hab geträumt..."
Sein Lächeln konnte er sich nicht verkneifen, die Ohren schnippten wieder hoch, der Hellbraune reckte die Schnauze zu der Fähe an seiner Seite, fuhr ihr kurz durch das Fell, atmete in dieser Bewegung ihren Geruch ein, den er so liebte, fühlte sich wie immer etwas sicherer, bevor er sich auf die Läufe erhob und den Blick wieder auf Tyel richtete. Sie schien freundlich zu sein dafür, dass sie die ganze Zeit hier noch alleine war, aber anscheinend hatte sich das nun geändert.
Erst als Shani weiter sprach und wieder mit dem Thema anfing, über welches die Erwachsenen redeten, verschwand die gute Laune; etwas Bedrohliches? Hiryoga kräuselte die Nase, er hatte gespürt, dass sich Gefahr näherte, das etwas sich verändern würde, aber nur was? Aus den Augenwinkeln heraus betrachtete er die Weiße, sein Lächeln war zwar verschwunden, doch sein Gesichtsausdruck wirkte freundlich, unbekümmert, soweit es unbekümmert aussehen konnte, er wollte den Neuling nicht direkt in Panik mitversetzen. Auf ihre nächste Frage, konnte der Braune sie nur mit geweiteten Augen ansehen. Einige Augenblicke vergingen und er konnte nicht antworten, er hatte noch gar nicht darüber nachgedacht, wie es nun weiterging. Für ihn war klar, im Moment waren sie hier und würden wohl auch nicht so schnell gehen, aber sobald es wieder schlimmer werden würde, würde er flüchten wollen. Aber was ihm zu bedenken gab, war Shanis Art und Weise, wie sie ihn ansah und dabei diese Worte aussprach. Sie schien hier bleiben zu wollen, was hatte er also für eine Wahl? Außerdem musste der Rüde noch die Beziehung zu seiner Patin, sowie zu seiner Mutter wieder herstellen bzw. endlich wieder mit ihnen reden und sich entschuldigen, das hatte er immer noch nicht getan.
"Wenn du das möchtest...ich bin davon ausgegangen, dass wir bleiben..."
Leicht legte er den Kopf schieb und blickte zu ihr, seine Stimme war ausgesprochen freundlich und sicher, hatte nicht den sonst so gequälten Unterton. Wenn es sie glücklich machte, würden sie bleiben und insgeheim, würde er auch lieber bleiben.
Erleichtert darüber, dass Face Taihéiyo ihr zumindest geantwortet und sie nicht mit einem missbilligenden Blick oder sonstiges dergleichen abgewiesen hatte, dachte Ayala nun über dessen Antwort nach. Nicht, dass es auf den ersten Blick viel zu verstehen gegeben hätte – im Gegenteil; seine Reaktion war klar und unmissverständlich. Trotzdem hatte er inhaltlich von sich abgelenkt, hatte seine Aussage einfach verallgemeinert und somit absolut nichts von sich preis gegeben.
Doch Ayala würde vorerst nicht weiterbohren, sie wollte nicht riskieren für eine zu neugierige Betafähe gehalten zu werden. Sie speicherte nur die Information, dass Face Taihéiyo so wirkte, als hätte er etwas zu verbergen, und schob sie fürs Erste von sich. Im selben Moment folgte auch schon eine Gegenfrage. Die Weiße starrte zuerst verlegen in die Runde, in der inzwischen schon wieder ein Neuling aufgetaucht war, daraufhin zurück zu Face. Erst jetzt bemerkte sie von welch ungewöhnlichem Blau seine Augen waren. Es war ihr, als erzählten sie ihr etwas, so unruhig wütete darin ein Farbenspiel. Für einen Moment verharrte sie völlig gebannt von den Augen ihres Gegenübers, dann drehte sie verlegen ihr linkes Ohr zur Seite und setzte ihre Pfotenballen wiederholt auf dem gedämpften Waldboden auf. Natürlich hatte sie den anderen nebenbei zugehört, sie hatte Kaedes Vermutung gelauscht und der Begrüßung des Neuen gelauscht – dennoch war sie nicht konzentriert bei der Sache gewesen.
„Nunja …“
Ayala senkte ihre Stimme, sodass sie sicher gehen konnte, dass sie kein anderer außer Face Taihéiyo verstehen konnte. Sie überlegte kurz, wie sie ihre Vermutung am besten äußerte und begann erneut.
„Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich von dem Ganzen halten soll. Ich bin Beta und völlig ratlos stehe ich da. Ich will meiner Verantwortung gerecht werden, doch zugleich weiß ich einfach noch nicht, was zu tun ist. Kaedes Vermutung ist natürlich nicht falsch, im Gegenteil, dennoch will ich mich mit einem Gedanken in dieser Richtung noch nicht abfinden. Ich bin der Meinung, wir sollten warten, bis es soweit ist und wir uns sicher sind, welche Art von Gefahr wir spüren. Du weißt doch, was ich meine, oder? Du fühlst es doch auch, dieses … Ungute?“
Sie blinzelte ihn an und hoffte ihn nicht mit persönlicher Information zu voll geladen zu haben – vielleicht hatte er ja nur aus Höflichkeit gefragt.
Still stand der Schwarze mitten unter Artgenossen, lauschte ihren Worten und konnte es innerlich noch immer nicht glauben, was hier gerade passierte. Ob Shit wohl so etwas wie Wunder vollbringen konnte? Nun in einem gewissen Sinne vielleicht. Zumindest konnte es einem als Wunder erscheinen, wenn man ihn ansatzweise kannte und ihn jetzt hier zwischen den anderen sah. Zum einen. Zum anderen...Er hätte längst tot sein müssen. In einer Schlucht liegend, mit einem gebrochenen Genick, leicht geöffneter, erschlaffter Schnauze, aus der ein Rinnsal Blut lief. Aber wie es das Leben, das sich noch an seine Läufe klammerte, ihn hier fest hielt, ihn nicht gehen lassen wollte, so wollte, hatte er den Sturz überlebt. Wunder oder Fluch? Schwer zu sagen, doch ungewöhnlich, in der Tat. So, als könne er nicht sterben. Wie oft hatte man ihn verschont? Er hatte keine Ahnung, war doch gefangen in dem Nebel, der ihn umgab, in dem er umher irrte. Verrückt. Da hatte er versucht, allem zu entkommen, hatte überlebt und doch alles verloren. Wie ein Toter wandelte er nun auf dieser Welt, ein Totenwandler. Welch eine treffende Bezeichnung für den Nachtsohn. Ein Toter gehörte unter die Erde und nicht in den Kreis von Lebenden. Welch Ironie, das man ihn selber auch am Leben gelassen hatte. Stumm war er in seinen Gedanken versunken, beobachtete jedoch nun, welch heftige Reaktion seine geäußerte Mutmaßung bei einer älteren Fähe auslöste. Von der Art her wie sie sich verhielt – und ihre Worte bestätigten ihn- konnte er schließen, das sie wohl erblindet sein musste. Nicht nur Augen konnten erblinden, auch Herzen konnten dies, das wusste er aus eigener Erfahrung. Aus dem Augenwinkel sah er zu seinem Begleiter hinüber, suchte etwas in dessen Blick, etwas dessen Bedeutung er längst vergessen hatte. Fast schon bereute er, wenn er sich die folgenden Worte so anhörte, jemals seinen Fang geöffnet zu haben. Er hätte seine Vermutung auch still für sich behalten können. Aber wäre es nicht falsch gewesen, diesen Wölfen etwas vor zu halten? Unsicher nun richtig oder falsch gehandelt zu haben, lauschte er vorerst den anderen Versammelten. Der Blick seiner blauen Augen wanderte zu einer Weißen, die er eingehend betrachtete. Nachdenklich runzelte er seine Stirn, sagte aber noch immer nichts. Erst als die Leitwölfin fast schon herum wirbelte, reagierte er mit einer sachten Bewegung seiner Ohren.
"Ich wollte keine Panik machen."
Seine Stimme war noch etwas leiser geworden, als beabsichtigt. Er kam sich vor wie ein gemeiner Halunke, der Welpen Schauergeschichten erzählte, um sich an deren Angst zu ergötzen. Dies war nie seine Absicht und auch nie in seinem Sinn gewesen. Immer machte er alles falsch, es war doch immer das Gleiche. Warum hatte das Leben ihn nicht in die Arme des Todes entlassen? Sein Blick wanderte für einen Augenblick auf einen Fremden, einen Neuankömmling, der sich mit Banshee unterhielt, gezielt eine Bleibe suchte und erklärte auf einer Art Mission zu sein. Jedem das Seine, seine Gedanken glitten jedenfalls wieder zu seiner Frage zurück.
Banshees aufmerksamen Blick entging weder der Blick des Fremden, den er unsicher in die Runde warf, noch die Erleichterung, dass es ihm gewährt wurde, zu bleiben. Sie nahm an, dass er wohl schon länger auf der Suche nach einem Rudel, oder zumindest lange Zeit alleine gewesen war und konnte es gut verstehen, dass man sich irgendwann nach einer Gemeinschaft zu sehen begann. Sie selbst würde es nur wenige Tage ganz alleine aushalten, ohne jemanden, mit dem man sich beschäftigen konnte, musste man sich mit sich selbst beschäftigen und das führte oft zu traurigen Ergebnissen. Aber wie dem auch sei, hier würde der Sandfarbene eine Gemeinschaft finden, auch wenn diese gerade in Aufruhe war. Nun gab der Fremde auch seinen Namen preis, zu dem Banshee leicht nickte, als er von einer Mission sprach, legte sich ihr Kopf leicht schräg und sie blinzelte einmal.
“Eine Mission? Willst du mir davon erzählen?“
Ein Funke Hoffnung war aufgekommen, möglicherweise hatte das etwa mit ihnen zu tun. Gut, die Wahrscheinlichkeit war nicht sehr hoch, aber es wäre möglich … Und selbst wenn nicht, eine Mission klang nach etwas Wichtigem und sollte Mórion länger bleiben, wollte sie darüber bescheid wissen. Ihr fiel auf, dass die Wölfe, die unmittelbar um sie herum standen keine Anstalten machten, sich vorzustellen. Es war zwar gerade keine Zeit für ausführliche Höflichkeiten und großen Willkommensreden, dennoch wäre zumindest diese kleine Geste angebracht. Mit einem innerlichen Aufseufzen deutete sie kurz mit der Schnauze in die Runde und stellte kurz jeden einzelnen vor.
“Die weiße Fähe an meiner Seite ist Ayala, bei ihr der schwarze Rüde hört auf den Namen Face Taihéiyo, daneben ist der braune Wolf namens Shit und ein Freund von ihm, ebenfalls neu, mit schwarzem Fell, Midnight. An seiner Seite, ebenfalls ganz schwarz, mein ältester Sohn, Averic und die weiße Fähe Thylia. Schließlich zu meiner Rechten, Kaede.“
Die Namen hatte er sich wohl nicht alle merken können, aber vielleicht ein paar und so bekam er ein wenig Bezug. Ihr Blick lag wieder freundlich, aber noch immer getränkt von Sorge auf Mórion, als Midnight wieder seine leise aber sehr angenehme Stimme erhob. Sie drehte den Kopf zu dem Schwarzen, schnippte dann mit dem rechten Ohr und schüttelte sachte den Kopf.
“Keine Angst, ich hoffe, es ist noch keine Panik. Aber es war gut, dass du den Gedanke ausgesprochen hast. Je mehr wir uns jetzt vorbereiten, desto weniger schlimm wird es später sein.“
Sie schluckte erneut, so ruhig und gefasst über etwas sprechen, dass einen innerlich schier zerriss war eine harte Aufgabe. Jedoch gehörte sie zum Leitwolfsein, jeder hier durfte in Panik verfallen, nur sie nicht. Das war der Pfad, den sie gewählt hatte und für den sie geboren schien, wie allem, das ihr passierte, akzeptierte sie die auferlegten Bürden ohne einen Gedanke der Klage. Was jetzt auch geschehen mochte, es lag in Engayas Pfoten und sollte sie auch für sie alle den Tod gewählt haben, dann war das richtig und gut.
Die Antwort seiner Mutter hatte dem pechschwarzen Jüngling nicht viel weiter geholfen. Zuerst hatte sie ihn sogar fast angenervt. „Versuche deiner inneren Stimme zu lauschen, mein Sohn, dann wirst du vielleicht verstehen.“
Pff! Wie das schon klang! Was sollte er denn bitte verstehen? Das seine Mutter keinen Plan hatte, wovor sie sich eigentlich fürchtete? Ha, das wusste er doch schon! Nein, nein, das war Unsinn. Missgelaunt drehte Averic die Ohren nach hinten und starrte die weiße Fähe an. Er sagte nichts, sondern ließ die anderen Dummköpfe sprechen. Jetzt hatten sie immerhin ein Thema eingeschlagen, dass einem eventuell wirklich Grund zur Angst gab. Aber nicht ihm. Der Pechschwarze kannte keine Angst. Ein feindlich gesinntes Rudel, Neider. Könnte immerhin möglich sein. Jetzt platzte aber erst mal wieder irgend so ein fremder Depp in die Runde und unterbrach das Gespräch. Mit einem genervten Grummeln wandte Averic den Kopf ab und suchte mit den tiefblauen Augen über den Platz. Was meinte seine Mutter denn nun mit dieser idiotischen, inneren Stimme? Halt ... da gab es eine. Aber grade ihr lauschen? Der Jungwolf erinnerte sich noch gut an die ältesten Worte dieser Stimme, er hatte sie gehört, als er noch ganz klein war. Und sie war böse.
.oO°( Averic … du bist besessen! )
Seine Augenbrauen schoben sich noch ein wenig enger zusammen. Nein, diese kalte Stimme meinte Banshee ganz sicher nicht. Ein Kribbeln lief durch seinen Körper, als sein Gedächtnis diesen Klang wieder in seinen Kopf rief. Er erinnerte ihn an den Tod. Das Wesen, welches er auch schon gesehen hatte. Normal war das nicht, aber was war schon normal? Seine Mundwinkel zuckten leicht und ein kurzes Glimmen stob durch seine Augen. Dennoch konzentrierte Averic sich jetzt nicht weiter auf diese von den vielen Stimmen, sondern suchte viel eher eine andere und den dazugehörigen Wolf. Cylin. Aber er fand ihn wieder nicht. Ein innerliches Seufzen erfüllte den Brustkorb des jungen Rüdens und er drehte langsam ein Ohr wieder nach vorne, während er das zweite seitlich stehen ließ. Sein kleiner Träumer war nun so oft weg ... Welcher Stimme folgte er wohl? Welche gemeine Stimme lockte ihn weg von seinem Bruder Averic, der den Kleinen doch so liebte? Cylin ließ den Jungwolf in seiner schwarzweißen Welt allein zurück.
Manchmal waren seine Gedanken eben noch die, eines normalen Jungwolfes, doch im Hinterkopf wollte etwas anderes wachsen und machte sich bereits daran Wurzeln zu schlagen.
Der Pechschwarze brach die Gedanken um jene knifflige Aussage seiner Mutter ab und wandte sich wieder dem Geschehen zu. Dieser Neuling war aufgenommen und Banshee stellte grade alle vor. Er selbst musste wohl grade ziemlich abwesend gewesen sein, denn er hatte den Namen des Rüden gar nicht mitbekommen. Naja auch egal, musste er sowieso nicht wissen. Averic schüttelte kaum merklich und für sich selbst den Kopf, spitzte sein Gehör und richtete den tiefblauen Blick wieder auf seine Mutter. Die Theorie lautete nun also – fremdes Rudel.
„Falls wirklich ein feindliches Rudel auftauchen sollte ... werden wir dann kämpfen oder den Schwanz einziehen?“
Diese gezielte Frage ließ eigentlich nur eine Antwort zu, wenn man nicht als Feigling dastehen wollte. Und er hatte garantiert keine Lust dieses Tal zu räumen, nur weil irgendwelche Volldeppen, die wohl meinten dass ihnen die Welt gehörte, ankamen und dieses Revier für sich beanspruchen wollten.
Shit beobachtet das Treiben mit hochgezogenen Augenbrauen. Die Unruhe war inzwischen greifbar und er konnte nur mit dem Blick den Worten folgen, die sich die anwesenden Wölfe zuwarfen. Er legte den Kopf schief und betrachtete seine Leitwölfin.
„Shit für seinen Teil wird dem Rudel zur Seite stehen, mit allem was nötig sein wird. Ob im Kampf, oder um sonstige Aufgaben zu erfüllen. Shit sieht aber seine Hauptaufgabe darin, die Leitwölfin zu beschützen, du bist immerhin sehr wichtig, Banshee.“
Er lächelte ihr zu und sah sie dennoch aufrichtig und ernst an. Natürlich meinte er ernst, was er sagte, denn er würde sie mit seinem Leben verteidigen, wenn es sein müsste. Die Aufmerksamkeit wurde auf Averic gelenkt und er wandte sich an den Jüngeren.
"In vielen Situationen ist es viel sinnvoller, den Schwanz ein zuziehen. Das Leben ist ein zu kostbares Gut, als dass man es für ein bisschen Ehre und Stolz leichtfertig aufs Spiel setzen sollte.“
Im Anschluss nickte er nur kurz und wandte dann den Blick ab, nachdenklich. Seine Augen streiften über all die Wölfe, die das Rudel zählte und es waren bei Weitem nicht alle, die er in seinem Blickfeld erfassen konnte. Die beiden Gesichter, die ihm am bekanntesten waren, waren jenes von Banshee und das seines Freundes Midnight.
„Shit sieht nur wenig Sinn darin, jetzt schon der Angst vor etwas Fernem zu verfallen. Wir sind gewarnt, wir wissen um die mögliche, nahende Gefahr und jeder wird seinen Teil dazu beitragen, indem er seine Augen aufhält. Es sollte doch nicht vergessen werden das die Stärke eines jeden Rudels die Gemeinschaft ist, in der sich Stärken und Schwächen aller ergänzen.“
Sein Blick richtet sich auf Kaede.
„Halte dich nicht für einen Ballast, dein feines Gehör und deine gute Nase können uns zugute kommen, wie die Augen der restlichen Wölfe.“
Des weiteren hüllt er sich in Schweigen.
Trotz seiner Worte, schien sich die Situation für einen Augenblick zumindest wieder zu entspannen. Die Besorgnis blieb, natürlich, aber die Alpha war geschickt im Umgang mit ihren Worten, um keine Massenpanik auszulösen, was für sein dafürhalten unnötig als noch viel zu früh war. Sollte wirklich etwas in der Luft liegen, dann war dies nicht zu verkennen, erstrecht nicht, wenn die Weiße Recht mit ihrem unguten Gefühl hatte. Sollte er sich wirklich so sehr darum kümmern, sich damit belasten? Eigentlich ging es ihn gar nicht so viel an, oder? Er war gerade erst zu der Leitwölfin getreten, hatte ein paar Worte mit ihr gewechselt. Was war das schon? Wann hatte er das letzte Mal in einem Rudel gelebt? Noch nie? Womöglich, aber wie der Rest seiner Erinnerungen war auch dies hinter einem Schleier verborgen, an dem er noch so viel ziehen und zerren konnte, es kam doch nichts zum Vorschein. Der Totenwandler blickte den Jüngling in seiner Nähe an, versuchte ihn stil für sich einzuschätzen, auch dessen Worte wurden vernommen und lagen noch ein paar Herzschläge im Kopf des Schwarzen. Als sein Begleiter zu seiner anderen Seite Mal wieder die Stimme erhob, wandte er seine Aufmerksamkeit jenem zu. Der Jüngere würde auch kämpfen, was Midnight ihm auch voll zutraute. Oh ja, Shit war in seinen Augen eine Kämpfernatur, der sich von nichts und niemanden unterkriegen ließ. Dieser Rüde würde kämpfen, ganz sicher, so wie er um das Leben eines einzelnen Rüden, einen eigentlich sinnlosen Kampf gekämpft hatte. Aber dies würde er Shit niemals sagen. Für den Nachtsohn war er unvergänglich, einmalig und unantastbar. Es war dem Rüden wohl egal, was passierte und wenn es noch so schlimm war, er würde immer weiter lächeln, seine Freundlichkeit behalten und mit seinem Lächeln auch weiter leben. Sachte nickte Midnight Banshee zu, als Zeichen das er verstanden hatte, dann ließ er sich zumindest auf seine Hinterläufe sinken, legte die lange Rute um seine Hinterläufe und wartete. Worauf wartete er? Das man zu einem Entschluss kam? Was sollte man in so einer Situation schon beschließen? Falls es wirklich Grund zur Sorge gab oder wie auch immer, dann konnten sie noch immer handeln, gewarnt waren sie alle Male. Auch was möglicherweise auf das Rudel zukommen konnte, aber noch lange nicht musste, stand im Raum. Für den Totenwandler gab es nun nichts mehr, was er tun konnte. Sinnlose Worte in die Runde werfen wollte er auch nicht, seine letzten hatten wohl ausgereicht, um beinahe eine Panikwelle auszulösen, die recht schnell weiter getragen werden konnte und dies war nun wirklich mit das Letzte, was diese Wölfe nun gebrauchen konnten. Also konnte er nichts anderes tun, außer abzuwarten.
"Sollte es etwas geben, was ich tun kann, dann scheut nicht davor mich anzusprechen, Banshee."
Noch ein Mal blickte er die Fähe an, die diese Gruppe hier dem Neuankömmling der Reihe nach vorgestellt hatte und der von dem Nachtsohn ein kurzes Nicken bekam. Dann verschwand der Nachtsohn wieder in seiner eigenen Welt, die ihn beinahe verschlungen hätte.
Kaede lauschte den Wölfen mit schräg gelegtem Kopf. Einige neue Wölfe waren hinzugestoßen und noch ehe sie die Gelegenheit ergreifen konnte hatte Banshee sie schon vorgestellt. Kaede nickte erleichtert. Shit und Banshee sprachen ihr freundlich zu, sodass sie sich nicht mehr so nutzlos vorkam.
"Danke. Ich werde mein bestes geben um euch zu helfen."
So richtig hinterher kam Kaede nicht mehr bei den vielen Gesprächen die um sie herum surrten. Immer öfter schweifeten ihre Gedanken ab, und plötzlich wurde ihr erst bewusst was Averic, Banshees Sohn, eben gesagt hatte. Ob sie kämpfen oder den Schwanz einziehen würden. Dann erinnerte sich sich auch auf Shits Antwort darauf und hoffte, dass Banshee sich bald dazu äußern würde. Wie lange standen sie hier eigentlich schon rum? Das restliche Rudel war ebenfalls hier auf dem Platz verteilt, war jedoch wohl eher fauler, denn es waren kaum weitere Stimmen zu hören oder Bewegungen zu vernehmen, außer die der Wölfe, welche hier bei ihr standen. Kaede setzte sich vorsichtig. Ihre Gedanken schweiften ab. Kühle Sommertage im Schatten des Waldes auf dem Weg zum Meer. Verträumt ließ sie ihre Ohren seitlich abklappen und verdsank in ihren alten Erinnerungen.
Mórion Manve zuckte mit seinen Ohren und lauschte aufmerksam den Worten der Leitwölfin. Als sie die Wölfe, die sich um sie herum versammelt hatten, vorstellte, versuchte er sich jeden der Namen zu merken. Er nickte seinen Artgenossen freundlich zu und auch ein kurzes Lächeln umspielte seine sanften Gesichtszüge, das kurz darauf jedoch wieder verschwand und dem normalen Ernst in Mórion's Miene wich. Er legte einen Augenblick seine Ohren an, als Banshee sich nach seiner "Mission" informieren wollte. Nun ja, bisher hatte er noch nie einem anderen erzählt, wonach er auf der Suche war. Vielleicht aber konnten die ihm bisher noch fremden Wölfe helfen, seine Schwester zu finden. Was er aber weniger glaubte. Der Kopf des kräftigen Rüden senkte sich leicht und sein Blick wurde mit einem Mal ein wenig trüb. Ja, schon so lange suchte er nach ihr. Nach der anderen Hälfte seiner Seele. Es war seine Zwillingsschwester und bekanntlich waren Zwillinge stärker mit einander verbunden als gewöhnliche Geschwister. Und so fühlte sich der Beigefarbene auch, als würde ihm etwas in dem Herzen, das in seiner Brust schlug, fehlen. Er fühlte sich irgendwie leer, unvollendet. Ein tiefes Seufzen drang aus der rauen Kehle des Rüden, als er seinen silberweißen Blick wieder ein wenig hob und seine neue Leitwölfin ansah.
"Ich bin auf der Suche nach meiner Zwillingsschwester. Ihr Name ist Meterríve Manve, ich wurde im frühen Welpenalter von ihr getrennt und bin nun auf der Suche nach ihr. Sie gleicht im Aussehen ganz mir, wir sehen uns zum Verwechseln ähnlich. Sagt, habt Ihr eine Wölfin gesehen, die mir gleicht ? Es wäre mir eine große Hilfe. Jedenfalls möchte ich eine Zeit lang in Eurem Rudel verweilen und dann die Suche weiter aufnehmen. Es sei denn es besteht keine Hoffnung mehr."
Sein Blick wurde ein wenig klarer. Irgendwie tat es doch gut über diese ganze Angelegenheit zu sprechen. Dennoch wollte Mórion sich so schnell wie möglich zurück ziehen, denn anscheinend hatten die Wölfe etwas Wichtiges zu besprechen, wo er nicht stören wollte. Schließlich konnte er gar nicht mitreden, war er doch erst vor wenigen Minuten dazu gestoßen und er hatte keinen blassen Schimmer, worüber die Wölfe sprachen. Anscheinend aber war es etwas Wichtiges, was vielleicht auch noch Einfluss auf ihn haben könnte. Dennoch fühlte er sich ein wenig fehl am Platz und um seinen Rückzug ein wenig klar zu machen, wich der Beigefarbene einige Schritte zurück, richtete seinen Blick aber weiterhin auf Banshee um eine mögliche Antwort abzuwarten. Er lächelte noch einen kurzen Augenblick blass, ehe er wieder ernst wurde und mit klarem Blick zu der Alphawölfin sah.
Vielleicht konnte ihm das Rudel bei der Suche nach seiner zweiten Hälfte helfen. Doch vermutete er, dass erst noch Dringenderes geklärt werden musste. Die Hoffnung stirbt zuletzt und genau nach diesem Motto lebte der Beigefarbene. Er würde nicht aufgeben, ehe er einen Hinweis hatte, dass es keinen Sinn mehr machen würde, nach Meterríve zu suchen. Irgendwo da draußen musste sie sein und er musste sie finden. Es war ihm wichtiger als alles andere. Still sah der Rüde einen Moment in die Runde, sah dann wieder zu Banshee und schnippte leicht mit den Ohren. Ja, das Rudel hier war eine gute Bleibe, obwohl er sich nicht ganz wohl in seiner Haut fühlte, anscheinend waren die Wölfe hier gar nicht übel. Zwar hatten sie ihn nicht sonderlich herzlich begrüßt - mit Ausnahme der Alphawölfin - dennoch wusste der Rüde, dass es das Richtige war, sich diesem Rudel anzuschließen.
24.12.2009, 19:59
Banshees Gedanken durften nichtlange bei ihrer Mutter und ihre ewigen Ergebenheit in ihr Schicksal weilen, was aber auch nur gut war, sie hatte nicht nur schon unzählige Male darüber nachgedacht, sondern wurde dabei oft traurig und das Rudel konnte nun alles gebrauchen aber ganz bestimmt keine depressive Leitwölfin. Aber wie gesagt, dazu hatte sie sowieso keine Zeit. Averic, er sah noch verbissener und missmutiger aus, brummte wieder irgendetwas. Ihr Sohn brauchte seinen Bruder … aber wo Cylin war, wusste allein Engaya. Er war ein Jungwolf, sie wachte nicht mehr mit Argusaugen über ihn, wahrscheinlich streunte er im Wald herum … er war schon immer ein zurückgezogener Rüde gewesen und dabei doch der einzige, der Averic wirklich etwas zu bedeuten schien. Aber vielleicht war es ja ein grausames Erbe ihrer Familie, dass einem immer das verwehrt blieb, was man sich am sehnlichsten wünscht … Sie blinzelte leicht und schüttelte langsam den Kopf, obwohl die Frage ihres Sohnes kein Ja oder Nein verlangte. Shit, der zuvor stumm das Treiben beobachtete hatte, mischte sich wieder in das Gespräch ein und schaffte es, Banshee erneut ein leises Lächeln auf die Lefzen zu zaubern. Auch an Averic wandte er sich und was er sagte, erfüllte die Weiße nun fast mit Stolz. So oft hatte sie über das Leben geredet und manchmal war es ihr vorgekommen, als würde niemand verstehen … aber Shit, ihr Shit, der doch manchmal so einfältig schien, er hatte verstanden. Eine Welle tiefer Zärtlichkeit überkam sie und sie fuhr dem Braunen liebevoll über die Schnauze, das Lächeln fast dankbar.
“Shit spricht die Wahrheit, Averic. Sollten wir stark sein, stärker als die anderen Wölfe, so werden wir bleiben. Doch sollten wir erkennen, dass es keinen Sinn macht, zu kämpfen, so werden wir fliehen. Es sind die uralten Gesetze Engayas, die wir damit befolgen, sonst würden sich alle Wölfe gegenseitig totbeißen, bis es kein Leben mehr gibt. Zudem … bedenke, wir haben Welpen, Averic, deine kleinen Geschwister. Sie zu schützen ist unsere größte und wichtigste Aufgabe.“
Wider huschte ihr Blick kurz zu ihren Jüngsten, sie schienen so sorglos und glücklich. Sie zu verlieren, würde schlimmer sein, als das Tal, ihr Leben oder sogar ein anderes Rudelmitglied zu verlieren. Welpen waren Zukunft, ohne Welpen, kein Leben … sie wandte ihre Aufmerksamkeit wieder Shit zu und schnippte mit dem rechten Ohr, wäre die Situation nicht so ernst, vielleicht sogar amüsiert.
“Ich danke dir, Shit. Auch wenn ich keinen Schutz brauche … schütze lieber die Welpen, sie sind es, die dich wirklich brauchen, wie sie jeden hier brauchen. Aber du hast Recht, Angst sollten wir keine haben. Uns aber auch nicht überraschen lassen.“
Sie lauschte noch den Worten von dem Braunen zu Kaede und wunderte sich erneut, wie viel hinter der einfältigen und sorglosen Fassade des Rüden steckte. Er war ein Geschenk Engayas, wie so viele von ihr unscheinbar, erst wenn man es kannte, wurde einem der Segen ganz bewusst. Zu Midnights Worten nickte sie nur und lächelte ihm dankbar zu, sie wusste, dass er die Worte nicht einfach nur dahinsagte … auch hier hatte Shit das richtige Gefühl bewiesen. Auch Kaede schenkte sie noch ein Lächeln, bis sie sich wieder dem Neuen zuwandte und lauschte aufmerksam seiner Erzählung. Obwohl sie in einer schwierigen Situation waren, versuchte sich die Weiße zu erinnern, ob sie eine im Aussehen Mórion gleichende Fähe gesehen hatte, aber sie konnte sich an nichts in der Art erinnern. Dennoch ließ sie sich noch ein wenig Zeit zum Nachdenken, betrachtete den Neuen auch noch einmal aufmerksam, aber auch dabei kam sie zu keiner neuen Erkenntnis. Mit ehrlichem Bedauern schüttelte sie den Kopf und berührte den Rüden mitfühlend an der Schnauze.
“Es tut mir leid, aber deine Schwester war nie bei uns. Dennoch werden wir ab jetzt aufmerksam sein und versuchen, dir zu helfen.“
Sie bemerkte, wie sich der Rüde etwas zurückzog und nickte leicht, sie wollte ihn nicht davon abhalten.
Die fremde Schar hatte das Revier an der Westgrenze betreten und näherte sich mit großer Geschwindigkeit dem Rudelplatz. Der sehr schwache, zu dem aus der falschen Richtung wehende Wind, verbarg sie zunächst noch, mit zunehmend kleinerem Abstand drang jedoch langsam ein fremder Geruch von vielen, starken Wölfen zum Rudel.
Banshee, eben noch zumindest teilweise entspannt, obwohl die Versammlung nicht wirklich Ideen gebracht hatte und zudem noch eine Möglichkeit aufgeworfen hatte, die mehr als besorgniserregend war, hatte das Rudel ihr etwas Sicherheit gegeben, schreckte auf. Ein Geruch waberte aus Westen auf sie zu und ließ jeden ihrer Muskeln sich verkrampfen. Unwillkürlich stellte sich ihr Nackenhaar auf, ein leises Grollen drang aus ihrer Kehle. In ihren Augen spiegelte sich noch keine Angst, aber das plötzliche Wissen, vom Kommenden.
Shits Worte hatten Averic ziemlich verärgert und dennoch konnte er nichts erwidern, nur die Lefzen verziehen. Sie waren doch keine Jammerlappen ... und wozu war er überhaupt noch da, wenn sein Cylin nicht bei ihm war? Irgendwo tief drinnen spürte der Pechschwarze, dass sein Bruder ihn für immer verlassen hatte. Es machte ihn rasend und traurig zugleich, dennoch wurde das alles von einem wahnsinnigen Schmerz in seinem Bauch übertüncht. Warum tat es so weh? Sein flackernder Blick huschte zu Banshee herüber, die Shit zwar Recht gab, aber wenigstens davon sprach, dass sie bleiben würden, wenn sie stärker waren. Sowas konnte man nur herausfinden, wenn man kämpfte. Ein leises Zischen verließ seine Kehle nach ihrem letzten Satz. Diese scheiß Welpen waren ihm doch sowas von egal ... Vor allem dieses nervige, schwarze Fellknäuel, das immer am Wasser rumstand. Leider hatte sie es noch immer nicht geschafft sich zu ertränken. Er, Averic – Sohn Acollons, brauchte niemanden. Nicht einen Einzigen. Cylin hatte ihn im Stich gelassen und nun war alles andere unwichtig. Verbittert wandte sich der tiefblaue Blick des Rüden gen Wald und er drehte die Ohren zurück. Doch plötzlich schlug ihm ein Geruch entgegen und sein Kopf schoss wieder hoch. Selbst seine Mutter ließ ein Grollen erklingen. Averic drehte sich wieder um und zog die Lefzen zurück. Was für respektlose Bastarde waren denn das!? Kamen einfach in ihr Revier ohne einen Mucks! Ein böses, tiefes Knurren klang seinen Rachen hinauf und sein Fell sträubte sich. Die Wut in seinem Bauch schien sich auszudehnen und wollte explodieren und irgendwie dürstete es ihn nach Blut! Seine Krallen drückten sich fester in den Boden und schrabbten das Erdreich ein wenig auf. Was würde seine Mutter nun tun, wegrennen? Averic trat ein paar Schritte nach vorne, direkt neben seine Mutter und grenzenloser Hass benebelte seinen Kopf, während er Richtung Wald starrte. Wofür lohnte es sich noch zu kämpfen? Im Moment war es bloß die einzige Möglichkeit sich abzureagieren, aber war es das wert? Er konnte selbst dabei draufgehen und das ganze Rudel in Gefahr bringen – war ihm das nicht egal? Nein, sein Vater hatte das Rudel beschützt, oder naja, am Meisten seine Mutter. Dennoch, er stand schon in seinen Pfotenabdrücken, die Proportionen passten nur noch nicht ganz. Er würde sie schützen, egal wie viel sinnvoller es auch war, den Schwanz ein zu ziehen. Der Pechschwarze kannte keine Angst und sein Bruder hatte ihn verlassen.
Shits Ohren zuckten ein bisschen, als Banshee seine Schnauze berührte. Er sah sie ruhig an, mit dem gewissen Glänzen in den Augen, das nur sichtbar wurde, wenn man sich über etwas freute. Ein fast unsichtbares Strahlen, das er keineswegs zu verbergen versuchte. Ihm wurde warm ums Herz und einmal mehr fühlte er sich Zuhause. Ob dieses Revier, oder ein Anderes spielte keine Rolle. Heimat war keine Frage der Landschaft, sondern der Gemeinschaft. Deshalb hatte er auch noch nie ein Zuhause gehabt. Dass seine neue Familie bedroht wurde, missfiel ihm sehr. Er lauschte den Worten, die die Leitwölfin an ihren Sohn richtete. Die Welpen, genau. Shit kannte sie noch gar nicht, keinen von ihnen. Als Midnight wieder das Wort erhob, wandte er den Blick zu ihm. Die Augen ruhten eine ganze Weile auf dem schwarzen Rüden, ehe er zu Kaede sah und auch diese einige Augenblicke musterte. Im Anschluss wanderte sein Blick abwechselnd zwischen beiden hin und her und schließlich kam er zu der Erkenntnis, dass sie beide mit ihren Gedanken irgendwo anders waren. Er wusste nun mehr über etwas, was ihm nichts nützte. Seltsame Welt. Eher amüsiert richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf Banshee, deren Worte er eher mit Entrüstung aufnahm. Sie war die wichtigste Wölfin des Rudels, natürlich benötigte sie Schutz! Er wollte schon zum Widerspruch ansetzen, als er sich eines Besseren besann. Ihm wurde die Bedeutung ihrer weiteren Worte klar. Er sollte die Welpen beschützen, nicht deren Mutter. Für Shit war Banshee wichtiger als alles Andere, aber die Rudelführerin sorgte sich um ihren Nachwuchs, an welchem ihr Herz hing. Unvorstellbar für ihn, wie sehr eine Mutter ihre Welpen lieben musste, die so viele Wochen lang in ihrem Körper herangewachsen waren. Nur sie hatte dieses kleine Wunder möglich machen können und wollte es natürlich auch beschützen. So stur er auch war, hier musste er einsehen, dass die Welpen, die zudem wehrlos waren, mehr Schutz benötigten, als Banshee. Vielleicht ließ sich sein Wachschutz aber auch einfach auf die ganze Familie und den Rest des Rudels gleichzeitig anwenden. So musste er auf die Gesellschaft von niemandem verzichten, wenn die Auseinandersetzung mit den Fremdlingen ausgestanden war.
Als seine Augen zu Averic wanderten, legte er den Kopf ein wenig schief. Diesem hatte wohl nicht so ganz in den Kram gepasst, was er gesagt hatte? Es war ihm jedenfalls, als würde ihm der Jüngling doch einiges an Unmut entgegen bringen. Viel Zeit hatte er nicht, über diese Reaktion nachzudenken, denn der Wind erzählte von den Wölfen, die die Reviergrenze passiert hatten. Shit zog seine Nase kraus, in der nächsten Sekunde erklang Banshees Grollen und seine Lefzen hoben sich leicht.
„Es macht Shit wütend, dass sich eine freundliche Wölfin wie Banshee so viele Gedanken um die Verteidigung und Sicherung ihrer Lieben machen muss, nur weil ein paar Dummköpfe zu bequem sind, sich ihre eigene Heimat zu suchen. Es sollte doch so viel Vernunft auf dieser Welt geben, dass man davon ausgehen könnte, man müsse nun ein ernsthaftes Gespräch führen. Stattdessen muss man um Leib und Leben fürchten.“
Murmelt er murrend vor sich hin, den Blick in jene Richtung gewandt, aus welcher der Wind die Gerüche heranträgt.
Neyla saß dicht bei Zack am Rande des Rudelplatzes und betrachtete ihre Alphawölfin eingehend. Hin und wieder wanderte ihr Blick in den Himmel hinauf, dann wieder entfernt zu Bergen, zum Wald oder wieder zu Banshee. Es war wichtig, egal, was nun folgen würde, es würde für sie alle wichtig sein und Neyla blieb aufmerksam. Die Zeit mit Zack hatte in ihr Wunden geheilt. Sie hatte die Liebe zurück gewonnen, die sie so lange vermisst hatte, aber dennoch gab es die ein oder anderen Dinge im Leben, die sich niemals verändern werden würde. Neyla seufzte leise, als Banshee begann zu sprechen, sagte sie allerdings keinen Ton. Jedes Wort, das die Alphafähe sprach, nahm die Grauweiße war und sie dachte nach. Unrecht hatte die Alphafähe sicherlich nicht. Es war zu ruhig in diesem Revier, so ruhig, dass man die Gefahr fast riechen konnte. Der Wind brachte eine Bedrohung mit sich, die ihr so fremd aber zugleich auch bekannt erschien. Würde also wirklich etwas passieren? Ihr Gefühl hatte sie also nicht getäuscht, denn Banshee empfand dies genauso. Das war wirklich nicht gut. Neyla blickte zu Sheena hinab, die sich an sie kuschelte. Die Kleine war ein einziger Schatz, den Neyla sehr lieb gewonnen hatte. Sie hatte nie genau mit Zack darüber geredet, aber er mochte die Kleine sicherlich auch. Sie brauchte eben Zuneigung und Neyla war bereit bzw. sie versuchte es, Sheena diese Zuneigung zu geben.
„Ich möchte dich nur ungern verunsichern, Sheena, aber ich glaube, wir sollten dieses Mal der Ruhe nicht trauen. Es ist wie die Ruhe vor dem Sturm.“
Neyla betrachtete Sheena eine Weile, erkannte dann die Angst der Kleinen und stupste sie an. Dann blickte sie zu ihrem Gefährten und rieb ihren Kopf sanft an seinem Hals entlang. Sie glaubte an seine und nun auch an ihre eigene Stärke. Aber was sollten sie jetzt tun?
„Zack…wenn wir unsere Hilfe anbieten können, würde ich dies gerne tun. Ich möchte nicht, dass irgendwem hier etwas geschieht, denn endlich fühle ich mich irgendwo…zu Hause…“
Neyla lächelte sanft zu ihrem Gefährten, dann erhob sie sich und vertrat sich etwas nervös die Pfoten. Man musste etwas tun können. Ganz bestimmt. Sie blickte wieder zu Zack und Sheena und spürte diese vertraute Wärme in sich. Es würde schon alles gut gehen. Sie würde niemanden mehr verlieren. Das hoffte sie zumindest. Dann blickte sie nachdenklich in den Himmel und Neyla spürte, dass sie niemals alleine sein würde. Egal, was geschehen würde, dort oben war immer jemand bei ihnen. Auch bei dieser Gefahr.
„Die Ruhe vor dem Sturm…“
Sie seufzte leise. Wahrscheinlich würde es wirklich so kommen.
Face Taihéiyo ließ den Blick weiterhin auf Ayala hängen, die jedoch vorerst noch nichts gesagt hatte. Eines seiner Ohren drehte sich ein wenig unsicher zur Seite, als er den intensiven Blick in seine Augen bemerkte, es behagte ihm nicht so angestarrt zu werden. Glücklicher Weise entschied sich die Weiße danach doch noch zu antworten und langsam drehten sich die Ohren des Tiefschwarzen wieder nach vorne. Eine so ausführliche Aussage hatte er gar nicht erwartet und ehrlich gesagt wusste der stille Ozean auch nicht so recht, was er nun dazu sagen konnte. Jetzt wusste er immerhin, dass Ayala genau so wenig wusste, was zutun war, wie alle anderen. Hm. Er hob den Blick noch einmal und wandte ihn den anderen zu. Banshee stellte sie grade dem fremden Wolf vor, was sonst wohl keiner getan hätte. Face zuckte nur kurz mit dem Ohr und wandte sich wieder der weißen Beta zu. Die Diskussionsrunde ging weiter, nichts, wo er sich hätte einmischen wollen. Plötzlich jedoch schlug ihm eine schwache Witterung entgegen, schwach aber doch eindeutig. Es waren wirklich Fremde ins Revier eingedrungen. Stumm hob Face Taihéiyo den Kopf ein wenig höher und verengte die Augen.
„Ja ... da kommt etwas auf uns zu und bald ist es da.“,
antwortete der Tiefschwarze schließlich noch und rammte seine Krallen ein wenig fester ins Erdreich. Starke, fremde Wölfe ... die konnten wohl kaum etwas Gutes im Sinn haben, wenn sie sich nicht einmal ankündigten, sondern auch noch versteckten wie räudige Köter. Rasch suchten die saphirblauen Augen des großen Rüden nach seinem Patenkind. Tyraleen war immer noch bei dem schwarzen Welpen und obwohl es hier eigentlich genug wachsame Augen gab, wäre ihm lieber, sie wäre noch ein wenig näher bei ihm. Schließlich war es seine Aufgabe sie zu beschützen.
Parveen hatte ihrer Mutter gelauscht, sich aber zurück gehalten. Diese Situation machte sie wirklich nachdenklich, allerdings wusste sie nichts dazu beizutragen. Es war neu für sie und sie fühlte sich unwohl, alles war fremd auf einmal und Parveen blickte sich nachdenklich um. Dann schüttelte sie ihr schwarzes Haupt und blickte zu ihrer Schwester Kisha. Sie schenkte ihr einen liebevollen Blick und blickte sich weiter nach ihrer Familie um. Wo war eigentlich ihre kleine Schwester? Die kleine Schwarze, die ihr äußerlich so sehr ähnelte, aber innerlich das komplette Gegenteil war - Amáya. Sie war nicht hier auf dem Platz und das machte Parveen Sorgen. Sie blickte sich hektisch um, entdeckte dann das schwarze Bündel einsam am See und Parveen senkte den Blick.
oO(Was macht dich nur so traurig?)Oo
Parveen sah noch einmal die anderenn Wölfe an, ging dann langsam und vorsichtig auf den See zu und blickte ihre Schwester erst eine Weile von hinten an. Manchmal war sie sich nicht sicher, ob die Kleine jemanden bei sich haben wollte, aber Parveen wollte ihr helfen. Immerhin waren sie Schwestern.
„Amáya.“
Parveen lächelte leicht, blickte sich dann aber wieder um, alle waren so ernst. Sie seufzte leise, senkte ihr Haupt und blickte Amáya nachdenklich an.
„Was ist hier nur los? Alle sind so…ernst und ruhig…“
So ganz gefiel Parveen das eigentlich nicht, sie liebte die Freude am Leben, aber diese Ernsthaftigkeit war wirklich gefährlich. Irgendetwas schien auf sie zu zukommen und das machte die Wölfe hier alle unsicher. Parveen behielt ihre Mutter im Auge, die angespannt wirkte und ein Grollen von sich ließ. Gefahr drohte. Und Parveen fürchtete sich. Sie blickte Amáya wieder an, legte sich zu ihrer Schwester und schloss für einige Sekunden die Augen. Das war doch ein seltsames Gefühl.
„Lass uns zusammen bleiben, egal was passiert, ja?“
Parveen lächelte leicht und blickte ihre Schwester einfühlend und liebevoll an. Sie wusste, dass die Kleine diese Zuneigung brauchte und sie würde die ganze Zeit, die sie hatte, opfern, um wenigstens Amáya wieder ein Lacheln auf die Leftzen zu zaubern. Wenn das möglich war.
„Wenn dich etwas bedrückt, dann sag es mir ruhig. Ich werde dir helfen.“
Parveen sah ihre Schwester aufrichtig an und legte ihre Schnauze sanft an die kleinen Pfoten der Welpin.
Tyel konnte nicht sagen ob es ihr unangenehm war das die beiden anderen Wölfe bei ihr standen. Es machte sich zwar immer mehr eine Unruhe in ihrem Körper breit die sie nicht erklären konnte aber irgendwie freute sie sich auch darüber mit jemandem zu reden. Sie musterte die Fähe vor ihr nochmals und nickte dann. Ja, sie hatte einen fröhlichen Charakter Tyel konnte es nun an der ganzen Ausstrahlung erkennen. Nicht nur das damit ein Teil von ihrer sonst immer anwesenden Angst verschwand, nein sie hatte auch das Gefühl nun auch Lächeln zu müssen. Doch stattdessen änderte sie ihre Liegeposition ein wenig und streckte die beiden Hinterläufe weit von sich während sie sich noch immer auf die Vorderläufe stützte. Sie konnte es nicht wirklich begreifen warum sie plötzlich das Bedürfnis hatte zu Lächeln, wo sie das doch sonst so selten tat. Ihr Blick glitt kurz hinüber zu dem Braunen der bis jetzt noch nicht so viel gesagt hatte er schien ähnlich wie sie gerade tief in seinen eigenen Gedanken versunken zu sein obwohl er dabei die weiße Fähe seltsam musterte. Tyel schloss kurz die Augen und drehte den Kopf dann wieder in Shanis Richtung, und öffnete die Augen.
"Mag sein, aber eigentlich hat noch keiner außer euch wirklich mit mir geredet"
Die junge Fähe seufzte kurz und beobachtete die beiden Wölfe sie scheinen sehr vertraut. Wieder einmal flog ihr Blick hinüber zu Banshee, irgendwie wirkte diese Wölfin viel stärker als die anderen, aber vielleicht bildete Tyel sich das auch nur ein, immerhin war es die erste Leitwölfin die sie je sah und das hinterließ wohl Spuren. Auf ihrer Reise waren ihr immer nur verwahrloste Wölfe über den Weg gelaufen denen man nicht trauen durfte. Wobei schon gar nicht darüber nachzudenken war mit ihnen zu reisen. Sie schüttelte schnell den Kopf um sich von den Gedanken loszureißen. Doch klappe diese Methode mal wieder nicht und sie dachte weiter über die Wölfe nach die sie getroffen hatte. Ihre Ohren richteten sich ein wenig nach vorne als Shani von der Bedrohung sprach. Die Fähe fuhr sich langsam mit der Zunge über die Nase und überlegte sich während der Zeit eine Antwort.
"Nun ich habe auch schon bemerkt, dass hier irgendetwas vorgeht, aber ich habe mir diesmal vorgenommen nicht wegzulaufen. Also werdet ihr mich noch eine Weile sehen"
Ihre Stimme war nicht ganz so überzeugend wie sie es am liebsten gehabt hätte doch sie konnte sich noch damit abfinden. Normalerweise hätte sie den Satz mit festerer Stimme wiederholt doch sah sie nun ein, dass es sowieso nicht viel gebracht hätte. Sie seufzte lautlos und ließ ihren Blick dann wieder zu Banshee gleiten sie bewunderte die Fähe das war keine Frage und doch hatte sie in den Letzten Augenblicken etwas geändert. Selbst von der Entfernung die zwischen den beiden Fähe war konnte die jüngere sehen, dass die Muskeln der älteren angespannt waren. Es war wohl ihre Erfahrung die da aus ihr sprach. Nun schaute sich Tyel auch weiter um und nicht nur Banshee war es die sich verändert hatte die meisten der Wölfe stellten ihre Ohren auf und hielten die Nase schnuppernd in den Wind.
"Die Bedrohung scheint einen Geruch zu bekommen"
Eigentlich sagte sie es zu sich selbst. Sie hatte einfach nur laut gedacht und trotzdem war es auch an die anderen beiden Wölfe gerichtet. Die junge Fähe stellte nun auch die Ohren wieder richtig auf und hielt die Nase prüfend in den Wind. Es war schwierig etwas zu riechen da der Wind aus einer anderen Richtung kam und doch war da ein anderer Geruch...der Geruch anderer Wölfe.
Als wäre er in dem Glauben, er habe nun genug gesagt, hüllte sich Midnight in Schweigen und wie es ihm schien, tat er auch sehr gut daran. Ruhig ließ er den Dingen ihren freien Lauf, ändern konnte er alleine ja doch nichts. Ein einzelner Rüde alleine vermochte das Schicksal eines ganzen Rudels nicht zu ändern, erstrecht nicht er, wo er sich ja noch nicht ein mal selbst zu helfen wusste. Banshees Nicken registrierte er, nahm es kommentarlos hin, genau wie die weiteren Worte, die in den Raum gestellt wurden. Den Nachtsohn beschäftigten nun aber wieder andere Dinge, der Strom seiner Gedanken nahm ihn mit, lange konnte er sich diesen ja doch nicht verwehren. Er hob erst den Kopf ein Stück, klärte seinen Blick, wurde wachsamer, als der wind einen leisen Hauch einer fremden Witterung mit brachte. Nichts ungewöhnliches, zumindest dachte er für den ersten Augenblick so, denn in einem so großen Revier tauchten bestimmt immer Mal wieder fremde Fährten auf und verschwanden genauso schnell wieder, wie sie gekommen waren. Doch hier schien es sich um ein anderes Rudel zu halten, stärkere Wölfe, kräftige Rüden waren unter ihnen. Das roch eindeutig nach Ärger. Seine Gedanken wurde doch ein Grollen der Alpha bestätigt. Als der Tiefschwarze unter ihnen, Face Taihéiyo war sein Name, die Stimme erhob, konnte Midnight diesem nur zustimmen.
"...und es scheint nicht wohl gesonnen zu sein."
Leise war seine Stimme, aber klar vernehmlich und besorgniserregend seine Ergänzung. Er war wohl wirklich ein Unglücksbote, denn kaum war er hier, brach ein Unglück über das Rudel herein. Er hatte es Mal wieder geschafft. Angespannt biss sich der Nachtsohn auf die Lefzen. Das hatte er unter keinen Umständen gewollt. Das alles wäre nicht passiert, wenn sich das Leben nicht an ihn geklammert hätte und ihm diesen verdammten Dornenbusch nicht beschert hätte. Dann wäre er nicht hier, wäre längst verrottet und nicht bei diesen unschuldigen Wölfen, die bloß in Frieden Leben wollten. Den Blick abwendend starrte der Rüde einfach in eine andere Richtung.
Die blauen Augen hatten sich geschlossen, ein leiser Seufzer war ihrer kleinen Kehle entflohen. Würde man sie jemals akzeptieren? Sie war doch nur so, wie sie war. Was konnte sie denn dafür, wenn sie anders war, wenn sie unvollständig war? Sie hatte es sich nicht ausgesucht, ohne ihre Schwester leben zu müssen. Nein, so hatte sie das nicht gewollt. Als ihr Name erklang, sah die Kleine auf. Ihre ältere Schwester Parveen hatte sich zu dem Regenkind gesellt. Was wollte sie von ihr? Zuneigung heucheln? Sie für gänzlich dumm und naiv verkaufen? In ihrer kleinen Wunde herum stochern? Averic hatte doch recht, sie war nur ein Häuflein Dreck und mehr nicht. Die Ohren legten sich an den Hinterkopf an, musterten argwöhnisch die große Schwarze. War es nicht schon verdammt traurig, dass sie ein solch erhebliches Misstrauen gegenüber ihrer Familie hegte? Wie mochte es ihren älteren Geschwistern ergangen sein? Diese hatten es bestimmt auch nicht sonderlich einfach gehabt.
"Parveen."
Mehr sagte sie vorerst nicht, was wohl absolut nicht zu einer Unterhaltung führen konnte, aber mehr fiel ihr gerade auch nicht ein. Als ihre große Schwester sie anlächelte, stellte sich ansatzweise ihr rechtes Ohr nach vorne. Wollte sich die Ältere über sie lustig machen? Ihre Frage widersprach wohl ihrer Vermutung, aber wusste schon...
"Keine Ahnung."
Die zarte Stimme des Regenkindes erklang nur leise, während sie die Rute um die Hinterläufe legte. Toll und was jetzt? Gerade wollte sie Parveen fragen, was sie von ihr wollte, als diese sich zu ihr auf den Boden legte. Verwirrt hob Amáya eine Augenbraue, verstand nun erstrecht nichts mehr.
"Eh...ehm...ja..."
,stammelte sie auf die Frage, ob sie zusammen bleiben würden, doch am liebsten hätte sie das Gegenteil gesagt, so wie sie es auch dachte. Sie würden bestimmt nicht für immer zusammen bleiben, mit dieser wohl vorgeheuchelten Liebe und all den Lügen. Die Worte ihres Bruder waren hart aber wenigstens ehrlich gewesen. Die Ohren wieder platt an den Hinterkopf gedrück, blickte sie wieder auf den See hinaus.
"Was soll das Parveen?"
Amáya machte bisher noch nicht den Eindruck, als wenn sie gerne die Gesellschaft ihrer Schwester hatte, aber Parveen wollte nicht aufgeben. Amáya schien ein vollkommen falsches Bild von ihren Geschwistern und Eltern zu haben und das machte die Schwarze traurig. Sie mochte die Kleine und wollte ihr gerade deswegen Unterstützung geben, weil sie selbst wusste, wie es war, niemanden zu haben und zu fliehen. Damals war Parveen fast daran zerbrochen und war weggelaufen, aber als sie zurückkam, hatte ihre Mutter sie trotzdem herzlich empfangen und seitdem hatte Parveen eine sehr enge Bindung zu Kisha aufgebaut. Parveen richtete den Blick auf den See hinaus und atmete tief durch. Erst, als Amáya diese seltsame Frage stellte, blickte die große Schwester verwirrt auf, blinzelte und sah die kleine Schwarze an.
„Wovon redest du? Was soll was?“
Parveen legte den Kopf schief, sie verstand absolut nicht, was Amáya meinte, immerhin hatte sie doch gar nichts getan. Sie wollte ihrer Schwester nur Gesellschaft bieten, ihr Zuneigung schenken und ihr klar machen, dass sie das Falsche tat.
„Amáya…als ich noch klein war, ging es mir ähnlich wie dir. Ich fühlte mich unwohl, ich habe gedacht, dass mich niemand aus der Familie mag und oft haben sie mir das bestätigt, weil mich niemand beachtet hat. Nach und nach habe ich mir Dinge eingeredet und es letztlich so weit getrieben, dass ich bei dieser großen Jagd damals einfach abgehauen bin. Ich bin verschwunden, wollte nie wieder zurück und habe mich schrecklich gefühlt. Ich habe oft geweint, aber ich habe verstanden, dass es falsch war. Unsere Familie liebt uns und damals kam das nur schwer bei mir an. Aber Mutter war mir nie böse gewesen. Sie hat mich aufgenommen, als wenn ich nur kurz verschwunden war um mich zu verstecken, dabei war der Zeitraum weitaus größer gewesen. Mama hat mich aufgemuntert und mir etwas geschenkt, was ich später nutzen konnte, um zurück zu meiner Familie zu kommen. Liebe und Zuneigung. Und vor allem Verständnis. Und Amáya. Auch du brauchst Liebe und Zuneigung und ich will sie dir geben. Ich lüge dich nicht an und ich weiß, dass du das denkst. Du denkst, dass man dir das nur erzählt, aber ich will es auch tun. Genauso wie Mutter es tun würde. Ich will dir helfen, dass du zurück zu uns kommst, denn du zerstörst dich nur selbst. Egal, was deine Geschwister gesagt haben, lass dich davon nicht runterziehen. Versuch ihnen das Gegenteil zu beweisen. Mach dich doch selbst auch glücklich und nicht Andere.“
Parveen seufzte, atmete tief durch und blickte wieder auf den See hinaus.
„Denn du bist ein wichtiges Glied in der großen Kette der Wolfheit.“
Ihr Blick ging zum Himmel hinauf und sie schwieg.
Schweigend lauschte die Dunkle den Worten, eher schon dem Vortrag, ihrer älteren Schwester. Ach, was sie nicht sagte. Und was würde sie ihr als nächstes verkaufen? Stumm schluckte die Kleine, wie gerne würde sie ihr glauben. Wie gerne würde sie sich einfach fallen lassen. Aber sie war in dem Wissen, das man sie nicht auffangen würde. Niemand würde dies tun. Sie war Abschaum, nichts als Abschaum, Dreck und nichts wert. Man würde sie nur zu gerne töten, das hatte sie in den Augen gesehen. Was es wohl war, das ihn davon abhielt sie zu töten? Es stand ihm doch nichts im Wege und sie war zu klein und zu schwach, um sich zu wehren. Sie würde nichts tun können, hatte keine Chance gegen ihn. Die blauen Augen schlossen sich. Wenn es doch bloß Wirklichkeit war, was Parveen ihr da erzählte. Es mochte ja stimmen, das sie sich möglicherweise auch so gefühlt hatte, änderte aber nichts an der Tatsache, das sie nicht wie die Welpin war, die nun langsam die Ohren wieder aufrichtete. Wem oder was sollte sie glauben schenken? Was würde ihre Mutter ihr raten? Vielleicht würde sie ihr einen weisen Spruch auf den Weg geben, über den sie nachdachte. Ob sie in sich hinein horchen sollte, auf das vertrauen sollte, was ihr Herz ihr sagte? Und was war, wenn ihr Herz nur von Kummer und Einsamkeit, von Vermissen sprach? Wer konnte das denn schon verstehen? Sie kam mit all den Gefühlen ja noch nicht ein Mal selber klar. Und wenn sie sich nun doch einfach fallen ließ? Vorsichtig wandte sie den Blick zu ihrer älteren Schwester, betrachtete ihr Gesicht aus dem Augenwinkel, ehe sie sich wieder dem See zuwandte. Was würde ihr Zwilling nun an ihrer Stelle machen?
.oO(Wo bist du nur?)Oo.
Langsam schlossen sich die blauen Augen und der zierliche Körper kippte langsam nach hinten, bis sie weiches Fell an ihrem Rücken spürte, das nicht das ihre war. Noch war Parveen da, aber wer wusste schon, wie lange noch.
.oO(Sie geht bestimmt gleich wieder weg und lässt mich alleine. Ganz bestimmt. Dann lacht sie über mich und meine Dummheit. Wie naiv ich doch bin!)Oo.
Parveen atmete durch und betrachtete Amáya nun eine Weile. Ob sie wohl endlich über die Worte nachdenken würde? Ob sie verstehen würde, dass es Wölfe gab, die sich um sie sorgten, sie liebten und schon länger vermissten? Parveen hoffte es, aber irgendwie glaubte sie daran auch nicht. Seufzend blickte sie wieder den See an, von ihrer kleinen Schwester kam zwar keine Reaktion, aber vielleicht war es auch gut so. Vielleicht half es, wenn sie nicht über Parveens Worte diskutierten, sondern wenn Amáya diese einfach annahm, sie durch ihren Kopf gehen ließ und glaubte, dass wenigstens ihre große Schwester hier an ihrer Seite die Worte ernst meinte.
oO(Woran sie wohl denkt?)Oo
Parveen beobachtete. Stumm und mit einem leichten Lächeln blickte sie einfach nur auf den See hinaus und dachte hier und da über Kleinigkeiten nach. Was sollte sie Amáya noch alles sagen, damit die Kleine mitkommen würde? Sollte sie die Gefahr noch einmal betonen, die zu wittern war? Die Gefahr, die niemand einschätzen konnte und von der niemand wusste, wie man sie behandeln musste? Nein, das wäre keine gute Idee. Es würde Amáya nur auf falsche Gedanken bringen. Sie seufzte leise. Als Amáya sich nach hinten fallen ließ, blickte Parveen aufmerksam auf und betrachtete ihre kleine Schwester. Parveen lächelte sanft und fuhr mit ihrer Schnauze durch das Fell von Amáya. Sie plusterte das Fell zwar etwas auf, aber das machte ja nichts. Vielleicht konnte sie Amáya mit etwas spielerischem überzeugen? Parveen lächelte, blickte wieder auf und schenkte diesen klaren blauen Augen einen liebevollen Blick. Sie stupste mit ihrer Schnauze sanft die von Amáya an. Ganz vorsichtig, um die Kleine nicht zu erschrecken und ihr auch keine Angst zu machen. Das war nicht nötig, Parveen wollte ihr nichts tun, sondern einfach bei ihr sein und ihr Nähe schenken.
Und aufgeben würde sie sicherlich nicht.
In Banshees Kopf rasten tausend Gedanken hin und her, überschlugen sich, wurden verdrängt und drückten sich wieder vor andere, jagten einander, wollten alle durch noch mehr Schrecken sich gegenseitig übertrumpfen und gingen doch aneinander zu Grunde. Das Szenario, das der kleine Rat soeben noch gemeinsam gesponnen hatte, wurde mit solch plötzlicher Grausamkeit in die Realität geschubst, dass die Leitwölfin für wenige Herzschläge lang ihrer Nase misstrauen wollte, obwohl sie im Herzen um die Wahrheit wusste. Eine Schar von mindestens zwanzig Wölfen, wahrscheinlich mehr, viele Rüden, alle ausgewachsen und ihr Geruch ließ auf Selbstbewusstsein und damit Stärke schließen. Auch ihre Absicht schien fast greifbar in der Luft zu liegen … sie mussten gar nicht erst kommen und sie vertreiben, es war schon so alles geklärt. Banshees Ohren klappten zurück, das Fell noch immer aufgestellt sah sie nun seltsam aus, die Haltung doch noch immer bemüht selbstbewusst. Averic stand plötzlich neben ihr, er sah aggressiv aus, zügellos, ein Jungwolf, der nichts zu verlieren hatte oder das zumindest meinte. Schlagartig wurde ihr klar, welche Gefahr Averic darstellte. Für sich selbst, er könnte in seinen Tod rennen, und für das Rudel, denn er könnte damit die anderen in Gefahr bringen. Zu viele Gedanken, viel zu viele Gedanken. Sie musste nun schnell handeln, das Rudel, keiner durfte in Gefahr kommen, die Welpen! Und Averic, neben ihr … Shit regte sich wieder, er sprach leiser, schien seine Worte nicht mal direkt an sie zu richten, aber sie musste trotzdem leicht den Kopf schütteln.
“Shit, es sind die Gesetzte des Lebens und sie sind gut. Aber jetzt ist keine Zeit zum nachdenken, wir haben keine Zeit mehr, ich habe Angst, oh, ich habe so Angst um sie. Shit, mein lieber, herzensguter Shit, achte auf Averic. Mein Sohn, hilf mir, bitte, werde nicht töricht, ich fürchte, es ist sinnlos.“
Ihre sonst so gewählten Worte gingen ebenso wie ihre Gedanken in Richtung Chaos. Sie konnte nicht auf Averic achten, sie musste nach allen sehen, so hoffte sie auf Shit, dass er den Jungwolf irgendwie kontrollieren konnte. Vielleicht war es nicht die beste Aufgabe für ihn, aber er kannte den Schwarzen immerhin ein wenig. Sie warf einen fast schon gehetzten Blick in ihre Runde, trat dann zwei Schritte zurück und versuchte das Rudel ins Auge zu fassen. Fast alle waren in der Nähe, Daylight, Tyraleen und Talvi waren jedoch alleine etwas abseits, nicht gut. Mit lauter, erstaunlich klarer und auch für weiter entfernt stehende Wölfe hörbarer Stimme rief sie:
“Alle Paten zu ihren Patenwelpen! Bitte kommt alle zu mir … es ist so weit.“
Der Geruch hing nun deutlich und drückend in der Luft, sie waren so gut wie da, nun also würde alles enden. Banshee versuchte weiterhin die Kontrolle über sich zu behalten, in ihr wütete mittlerweile der Sturm der Verzweiflung, so stark, dass man es ihr nun sogar ansehen konnte. Das war ihr Tal, in dem sie geboren war, selbst Welpen geboren hatte, so viel erlebt und durchlitten … warum, oh, warum nur?
Die ersten Geräusche von eilig näher kommenden Pfoten waren zu hören, Warngeschrei von aufmerksamen Vögeln, das Keckern eines aufgeschreckten Eichhörnchens. Die Luft war schwer von Aggressivität und dem Geruch vieler Wölfe, drückend lastete sie auf den Schultern des Rudels. Schließlich brach der erste Wolf aus dem Gebüsch, dicht gefolgt von zwei weiteren, dahinter immer mehr Pfoten und Läufe … vierundzwanzig knurrende und eindeutig besitzergreifende Wölfe tauchten langsam aus dem Schatten des Waldes auf, jeder recht groß und kräftig.
Shanis Blick tanzte fröhlich zu Hiryoga, als der aus seiner Träumerei erwachte und ihr ein entschuldigendes Lächeln schenkte. Sie lachte ihm mit den Augen zu und pustete jetzt gegen seine Nase, alles liebevolle Gesten, ihrer spielerischen Natur entsprechend. Dass sie nun aber wieder jene Gefahr angesprochen hatte, missfiel ihm offensichtlich, ebenso, wie es ihr doch eigentlich selbst missfiel. Aber es geisterte in ihrem Kopf herum, machte ihr Angst und vielleicht war es ja besser, wenn man darüber redete. Der braune Rüde war sich da wohl nicht so sicher, aber seine Antwort machte sie glücklich, besonders, wie er es sagte. Sonst war er immer so unsicher, jedes Wort schien nur langsam und quälend geformt zu werden … jetzt war es so anders. Sie war sich nicht sicher, ob er es sagte, um sie glücklich zu machen, oder ob er es wirklich wollte, aber so oder so war es schön. Mit einem strahlenden Lächeln zeigte sie ihm ihre Freude darüber, drehte den Kopf aber dann zu Tyel, die von etwas weniger Schönem sprach. Es war schade, dass so wenige Wölfe in einem Rudel offen für andere waren, oder zumindest nicht einfach mal Neue ansprachen. Dabei wünschte sich doch jeder in einer Gemeinschaft zu sein. Noch dazu, wenn Tyel selbst bei einer Gefahr nicht weglaufen wollte, also zu dem Rudel halten wollte … dann sollte sie doch noch eher bei anderen sein, zusammen war man doch stark. Für Shani war das alles eben so neu, aber diese Gedanken hegte sie schon so lange, seit sie alleine gewesen war und sich so sehr eine Familie gewünscht hatte. Nun war sie auf dem Weg dahin und jeder sollte das auch können, niemand verdiente ein Leben wie sie es hatte führen müssen.
“Oh, das ist schade. Aber du bist stark, wenn du trotzdem bleiben willst und vielleicht fördert eine Herausforderung auch den Zusammenhalt. Gemeinsam ist man stark, oder?“
Ihr Lächeln wurde ein wenig melancholisch, gleichzeitig zuckte ihre Rute leicht nach rechts und links, Optimismus glitzerte in ihren Augen. Viele größere Gedanken über Gemeinschaft, Zusammenhalt und Vertrauen wirbelten in ihrem Kopf herum, all das, was sie erleben wollte. Und sie wünschte sich nichts mehr, als dass Hiryoga und auch Tyel es ebenfalls erleben durften, es musste so wunderschön sein. Aber bevor sie sich in jenen Träumereien verlor, sprach Tyel nun wieder und schaffte es damit, das Lächeln von Shanis Gesicht zu wischen. Ein Geruch … auch zu der weißen Jungwölfin war er geweht worden und mit ihm kam nun die Angst zurück, viel stärker und größer als zuvor. Da war es nur Sorge mit dem leisen Anklang von Angst gewesen … nun, da so plötzlich alles eine Gestalt angenommen hatte, wurde sie zu Panik. Wölfe, viele Wölfe, ein aggressiver Geruch, schreckliche Erinnerungen. Wie damals, als sie kamen, die schwarzen Wölfe und ihr ihre Familie genommen hatten. Nicht noch einmal, bitte nicht! Ein schmerzhaftes Winseln entwich ihrer Kehle, das Lächeln, das Glitzern in den Augen, die fröhliche Haltung … mit einem Mal schien alles wie von ihr abgefallen, sie drückte sich platt an den Boden, die Ohren eng angelegt, das Gesicht vor Angst verzogen. Wieder winselte sie. Aber es sollte noch nicht genug sein. Die fremde Schar näherte sich erstaunlich schnell, schon konnte man sie hören und kurz wurde alles schwarz vor ihren Augen. Und dann war es so weit. Wölfe kamen aus dem Wald, viele tausende, nicht nur auf dem Rudelplatz standen sie, überall aus den Bäumen glitzerten gelbe Augen hervor, schwarze Schatten huschten dort, es war kein böser Traum, es war keine Einbildung … diesmal war es die Realität … oder auch schon wieder. Ein schmerzhafter aber doch leiser Schrei, dann kniff sie die Augen zu, sich noch immer ins Gras pressend.
Unruhe verbreitete sich im Wald, wie unsichtbares Gift. Azag hatte den Blick in den grauen Himmel gerichtet, er und alles um ihn herum war weit entfernt von jenem Ort, aber sie alle spürten, dass dort etwas angefangen hatte, seinen Lauf zu nehmen. Er verharrte mit dem Kopf im Nacken, bis eine Schar Vögel dicht über den Baumkronen vorbeirauschte und Schreie ausstieß, auf die rundum geantwortet wurde. Es hat angefangen , dachte der Graue und nun schlug sein Herz doch ein wenig schneller. Alle Tiere des Waldes hatten ihre Rolle zu spielen, meist waren sie unbeteiligte Zuschauer, Statisten und dann waren da die Guten, wenn sie nicht töricht waren, die Fliehenden und die Bösen, die ohne Zweifel Sieger sein würden. Und er? Er war nichts von alledem, außer vielleicht böse. Ganz ehrlich, würde jemand dieser Geschichte lauschen, dann wären wir die Bösen, die Angreifer, die, die Heimat stehlen und Glück zerstören und ich ... ich bin der Mistkerl, der den Guten nicht einmal nach ihrer Niederlage ihre mehr als verdiente Ruhe lässt. Ruckartig setzte er sich in Bewegung und ging neben dem Bach ziellos umher, wirbelte den trockenen Erdstaub hinter sich auf. Oh, was machte ihn das so kindisch? Er konnte nicht einmal mehr diese unangebrachte Aufregung loswerden, er war ja angekommen, wo er sein sollte. Kurz gefiel ihm der Gedanke, einfach ein paar mal über den Bachlauf zu springen, aber er untersagte sich den Nonsens dann doch.
Eben war der Stein ins Rollen gekommen, aber wie lange dauerte es, bis der bei Azag ankam? Würden sie kämpfen, waren töricht oder mutig genug dazu, oder würden sie gleich fliehen? Er hatte ja keine Ahnung. Der Wind hatte zwar günstig für den Angriff gestanden, aber für ihn nicht. Und überhaupt, sie kannten sich doch viel besser in diesem Gebiet aus, als er, sie hätten vielleicht schnell einen Plan, wohin sie fliehen konnten ... aach, Azag beschloss zu bleiben, wo er war. Es war wohl so oder so wenig klug sich ihnen auf der Flucht anzuschließen. Ai, was seht ihr denn so gehetzt aus, ich darf bestimmt mal stören, woh, nicht so schnell, ich will in euer Rudel! Azag runzelte die Stirn über das Theater, welches sich in seinem Kopf abspielte.
Die Pfoten bewegten sich sanft über den Boden, es war kaum ein Geräusch zu hören. Die weiße Fähe, die man in einer Winternacht kaum gesehen hätte, bewegte sich graziöse fort, immer wieder einen Blick zurück werfend, ob ihre Schwester bei ihr war. Das Rudel stürmte, Roxana hatte nur in halber Erzählung mitbekommen, was der Plan war. Was das Ziel und die Eroberung eigentlich bedeutete. Aber sie lief mit. Sie lief mit, um sich und ihrer Schwester den nötigen Schutz zu bieten. Und das war vielleicht in gewissen Situationen mehr als nur nötig. Aber Roxana ließ sich ihren freien Willen nicht nehmen. Irgendwie fühlte sich die Schneeweiße wie eine Mitläuferin in diesem Rudel hier, in dem sie kaum einen Wolf wirklich kannte und sich auch dementsprechend unwohl fühlte. Die Weiße wusste, wie es in Hazúki vorgehen würde, aber irgendwie konnte sie sich nicht vorstellen, dass ihre ruhige Schwester es jemals zugeben würde, dass sie sich hier in dieser Gemeinschaft unwohl fühlte. Sie suchte die Gesellschaft anderer Wölfe, hingegen war Roxana sich sicher, dass Hazúki das alles gar nicht wollte. Ein Blick in die blauvioletten Augen ihrer Schwester reichte, um zu sagen, was sie fühlte und wie sie weitermachen wollte. Was wäre nur, wenn sie sich nicht so verstehen würde? Dann wäre allein schon in der Vergangenheit mehr als nur ein Teil des Lebens der grauweißen Fähe hinter ihr schief gelaufen. Warum ließ sie sich so schnell runterziehen? Roxana verzweifelte in gewissen Fällen an dieser Fähe, wollte ihr aber dennoch zur Seite stehen, ihr Unterstützung schenken und ihr den richtigen Weg zeigen. Die Schneeweiße blieb stehen, wartete, dass ihre Schwester neben ihr zum Stehen kam und sah sie mit einem sanften Lächeln auf ihren lieblichen Zügen an.
„Fürchte dich nicht.“
Sie fuhr mit ihrer dünnen Schnauze durch das Nackenfell ihrer kleinen Schwester und lächelte sie liebevoll an. Allein ein Gefühl reichte, um Hazúki klar zu machen, in welcher Situation sie steckten. Roxana hob den Kopf mit sanften Bewegungen an und blickte hinauf in den Himmel. Ein Bild bot sich ihr, welches sie irgendwie nicht verstehen konnte. Der Himmel drückte genau die Stimmung aus, die das Rudel hier mit sich brachte. Warum wollte sie das andere Rudel angreifen? Welchen Sinn würde ihnen das geben? Und wieder fragte Roxana sich, warum sie dieses Rudel eigentlich unterstützten. Nein. Sie unterstützten es nicht, zumindest würden sie dies nicht tun. Roxana wog einfach nur mit im Schutz des Rudels hier und wollte bald fliehen. Weg von hier, für immer. Und vielleicht würden sie wo anders ihren Anfang finden, bevor das Ende kam. Ja. Das hoffte sie.
oO(Fort…fort mit euch…uns sei die Freiheit geschenkt…)Oo
Roxana senkte das Haupt wieder und blickte Hazúki eingehend an. Dann seufzte sie leise, stupste ihre Schwester sanft an der Schnauze an und rieb ihren Kopf am Hals der Kleinen wieder. Dann setzte sie ihre Läufe wieder schnell vorwärts. In ihrem Ohr ertönte immer wieder das Poltern der vielen Pfoten, die den Boden in den Sekunden tausendmal berührten. Ein lautes Poltern, unter dem die Erde erzitterte und sich der Boden ängstlich erhob. Roxana fühlte sich hier in dieser Situation nicht richtig aufgehoben, aber würden sie nicht mitgehen, so hatte die Schneeweiße wirklich Angst um das Leben von Hazúki und ihr.
Seine Gesichtszüge waren entspannt, ein sanftes Lächeln lag auf seinen Lefzen, selbst wenn etwas Bedrohliches da war, es störte ihn im Augenblick nicht. Er genoss es, wie sie ihn anpustete, spielte mit den Ohren und zwinkerte mit den Augen, bis sie aufhörte, ihn anzupusten. War das Leben nicht seltsam? Eben noch, hätte er über die Gefahr, über sein Leben und alles Mögliche geklagt, nun reichte ihre Anwesenheit, ihre Fröhlichkeit, um ihn in einen Zustand der völligen Unbekümmertheit fallen zu lassen, in einen wahren Rausch der Lebensfreude. Auch Tyels Anmerkungen ließen ihn nicht nachdenklich werden, im Gegenteil, er konnte doch nichts daran ändern, was kommen sollte, würde kommen. In diesem Augenblick war er sich sicher, dass sie es alle überstehen würden, besser gesagt sie mussten, aber es würde schon gut gehen. Hiryoga durfte nun keine Angst mehr haben, er durfte sie nicht zeigen, für Shani würde er stark und mutig sein, etwas, was er bisher noch nie in seinem Leben gewesen war. Ob er es schaffen würde, würde er erst dann sehen, was er nicht wusste, dass es schneller kommen würde, als erwartet. Die smaragdfarbenen Augen des Braunen wanderten zu seiner Mutter, er betrachtete sie einen Augenblick, ehe er seinen Blick weiter zu Kaede wandern ließ. Jetzt war er sogar bereit, mit ihnen beiden zu reden, einzeln natürlich, sich zu entschuldigen, alles zu erklären, vielleicht würde er schon zu ihnen gehen nach dieser Besprechung. Doch daraus wurde nichts.
Der Geruch von vielen fremden Wölfen lag in der Luft, Pfoten setzten sich schnell auf, es handelte sich um viele Wölfe und ihr Geruch verriet, dass sie stark waren. Hiryoga hatte keinen Augenblick Zeit, dies zu realisieren, denn Shani reagierte plötzlich, sie stieß ein klägliches Winseln aus und drückte sich zu Boden. Da stand er nun, was sollte er tun? Sein Körper wollte sich nicht bewegen, die Rute hatte er zwischen die Hinterläufe eingezogen, seine Ohren klappten sich an seinen Kopf und er wollte anfangen zu Winseln und Fiepen, wie ein kleiner Welpe, wollte er um Hilfe betteln, er hatte Angst und wollte beschützt werden. Während er die Weiße so zusammengekauert auf dem Boden sah, tauschte sich der Wolf aus, und er sah sich dort liegen, was würde sie nun tun? Er schüttelte den Kopf, warum tat er denn nichts, warum?! Der Rüde zwang seinen Körper dazu, sich zu bewegen, mit noch recht steifen Bewegungen trat er um die Fähe herum, überlegte, wie er nun handeln sollte. Wieso reagierte sie so extrem darauf? Hatte das etwas mit ihrer Vergangenheit zu tun? Es musste etwas damit zu tun haben. Die fremden Wölfe waren doch noch nicht hier, zumindest standen sie ihnen noch nicht gegenüber und waren ihnen noch nicht willenlos ausgeliefert. Unsicher, wie er nun handeln sollte, blieb er vor ihr stehen und schob seine Schnauze unter ihre und stupste sie sanft hoch, ein leises Winseln verließ seine Kehle, bittend, voller Sorge. Und nun? Das funktionierte so nicht! Kurz huschte sein Blick zu Tyel, hatte sie einen Rat, was würde sie nun zu dieser Stimmungswandlung sagen? Es war keine Zeit für solche Überlegungen, mittlerweile waren seine Ohren wieder halb aufgestellt, die Rute hing zwischen seinen Hinterläufen, die Angst vor den Fremden war aus seinem Gesicht gewichen. Dann musste er eben etwas anderes versuchen. Hiryoga trat an ihre Seite, legte seine Pfote auf ihren Rücken und ließ sich zu Boden sinken, sein Körper lag quer über ihr, mit der Schnauze fuhr er liebevoll durch ihr Rückenfell, ehe er sanft an ihrem Ohr zog. Weiter schob er seine Schnauze zu ihrer und leckte ihr über diese.
"Shani...fürchte dich nicht, ich bin doch da..."
Seine Stimme ertönte so leise, dass wohl nur die Weiße es gehört hatte und wenn Tyel es mitbekommen hätte, so war es ihm egal. Doch immer noch blieb die Unsicherheit aus seiner Stimme, sie war nicht einmal zittrig gewesen, sondern ruhig, schon fast Mut zusprechend. Aber...seine Worte waren nicht wirklich hilfreich, was brachte es ihr schon, wenn er da war? Er konnte nicht einmal sich selbst beruhigen, gar verteidigen.
"Wir alle sind doch da…komm...lass uns zu Banshee gehen, sie weiß was zu tun ist..."
Wieder drückte er seine Schnauze unter die ihre, leckte ihr durch das Fell und hob den Blick zu Tyel, dieses Mal hatte er etwas lauter gesprochen, auch sie war damit angesprochen, sie sollte mitkommen. Würde Shani sich nun erheben wollen, so würde er sofort von ihr gehen, bei dem geringsten Druck seinen Körper heben.
Wovor sie sich so fürchtete wollte er nicht fragen, nicht jetzt, später vielleicht, wenn sie sich etwas beruhigt hatte, vielleicht würde sie auch von alleine reden, was er zwar nicht glaubte, aber wer wusste es schon…
Je stärker der Geruch des feindlichen Rudels wurde, desto größer wurde die Anspannung im Geiste des tiefschwarzen Rüden. Seine Ohren hatte Face fest nach vorne gerichtet um jeden Laut aufzufangen. Sein Blick wanderte zwischen Tyraleen und dem Wald hin und her, zu dem anderen Welpen (Talvi) und schließlich hörte er sie. Noch bevor Banshee zuende gesprochen hatte, erhob sich der große Wolf und trat zügig zu den Kleinen hinüber. Jetzt war keine Zeit um irgendwas zu reden oder zu erklären, vorsichtig und fast schon einen Moment zögerlich packte er Tyraleen im Nacken und haschte den kleinen Schwarzen gleich mit dazu. Grade von ihm hätte das wohl keiner erwartet, doch die Situation zwang ihn dazu schnell zu handeln. Er wusste schließlich so überdeutlich, wie sehr jede Sekunde zählen konnte. Als er diese Erfahrung gemacht hatte, war er zu spät gekommen und das durfte ihm nie wieder passieren. Es war seine Aufgabe die Weiße zu beschützen und auch den anderen Welpen konnte er ja nicht einfach sitzen lassen. Geschöpfe, die sich noch nicht selbst beschützen konnten, wehrlos waren. Oh er kannte es doch so gut, wusste doch genau wie das war. Nur auf eine noch schlimmere Weise und ihm hatte niemals jemand geholfen, außer seiner Großmutter ... ab und an. Faces Ohren drehten sich leicht zurück, während kurz vor seinen Augen dieses Bild aufflackerte, Cloud, wie er zu Boden ging ... er hatte ihn nicht beschützen können. Zwei mal hatte der Tiefschwarze ihn nicht vor seinem Tod bewahren können, zwei mal war er gestorben. Und es waren sogar seine toten Fänge gewesen, die seine tote Kehle das zweite Mal durchbohrt hatten. Aber war er nicht auch zwei mal gestorben? Warum ... warum war er dann eigentlich immer noch da? Ah, Schluss mit diesen Gedanken, dafür war nun wirklich nicht die Zeit! Rasch glitt sein saphirblauer Blick zu einer weiteren Welpin herum, die sich in der Nähe befand. Tyraleens Schwester. Für sie reichte nur ein unmissverständlicher Blick, dass sie jetzt sofort zu den Anderen verschwinden sollte. Glücklicher Weise tat Daylight das auch sofort
Dann hörte Face Taihéiyo die Gefahr auch schon fast hinter sich. Schnell drehte er sich wieder um, dem Feind durfte man nicht den Rücken zukehren. Der größte Fehler. Die letzten paar Schritte, brachte er rückwärts hinter sich, dann stand er wieder bei Ayala, Banshee und den anderen. Ganz plötzlich waren so viele Wölfe aufgetaucht, wie respektlos konnte man eigentlich sein? Er wusste gar nicht wohin mit seinem Blick, es waren so viele. Verdammt! Es war sinnlos darüber nachzudenken, ob man einen Kampf riskieren sollte oder nicht, sie würden kläglich verlieren, unnötige, unschuldige Opfer bringen. Langsam ließ er den Kopf sinken und setzte Tyraleen und den Schwarzen zwischen seinen Pfoten ab. Ein leises, aber deutliches Grollen verließ seine Kehle, als er den Kopf wieder hob. Sogar die Lefzen zog er kurz zurück. Es war das erste Mal hier, dass Face seine Zähne in diesem Sinne entblößte. Ein kurzer Einblick darauf, dass er keineswegs einverstanden mit dem Vorhaben dieser respektlosen Geschöpfe war und sich deutlich wehren konnte und würde, wenn sie ihnen zu nahe kamen. Aber wie gesagt, nur kurz. Der Tiefschwarze verabscheute das Kämpfen ... nichts hasste er mehr, was allerdings nicht hieß, dass er es nicht konnte. Was würde nun passieren? Hörte das denn niemals auf? Wieso musste immer irgendwer kommen, Leid und Schmerz verstreuen, quälend wie ein schleichendes, unsichtbares Gift? Verdammte Welt ...
Hazúki lief hinter ihrer weißen Schwester her, sie war etwas langsamer mit ihren kurzen Läufen und fühlte sich zu müde, als das sie jetzt loslaufen wollte. Sie hatte nie erfahren, warum sie hier mitliefen, aber dieses Rudel hier schien nichts Gutes im Schilde zu führen. Es waren kräftige Wölfe die einem wütenden Eindruck machten und Hazúki bekam immer wieder Angst, wenn sie in die kalten Augen dieser Wölfe sehen musste. Wenn Roxana nicht mehr bei ihr gewesen wäre, wäre sie schon weit weg geflohen. Wahrscheinlich auch für immer. Aber das konnte jetzt nicht das Thema sein, denn Hazúki verstand das Vorhaben hier nicht. Sie liefen in einem Rudel mit, in welchem sie sich nicht zu Hause fühlten und Hazúki war sich sicher, dass es ihrer Schwester genauso ging wie ihr. Roxana ließ es allerdings nicht raus, sie verdrängte den Gedanken und wahrscheinlich versuchte sie wieder alles Positiv zu sehen. Wie auch immer. Die grauweiße Fähe schüttelte sanft ihr Haupt und hielt es gesenkt, sie wollte sich nicht zeigen. Plötzlich blieb ihre Schwester stehen und Hazúki wäre fast in sie hinein gelaufen. Was war los? Hatten sie ihr Ziel erreicht? Fast, aber das interessierte Roxana und Hazúki sicherlich nicht, ihre schneeweiße Schwester strahlte wieder diese Liebe und Ruhe aus. Eine Wärme, die sie niemals mehr missen wollte, von der sie allerdings auch nur in gewissen Situationen träumen konnte. Mit einem schweren Seufzen und unregelmäßigen Atem blickte Hazúki jetzt erst in die seltsam gefärbten Augen ihrer Schwester und suchte dieses Verständnis und die Antworten auf die vielen Fragen in ihrem Kopf. Ihr fielen wirklich keine Worte ein, um ihre Gefühle jetzt auszudrücken. Roxanas Worte kamen nur langsam bei Hazúki an, erreichten ihren Geist und für wenige Sekunden auch ihr Herz, dann blickte die Grauweiße wieder in Richtung des Rudels, welches auf ein fremdes und wahrscheinlich sogar friedliches Rudel zustürmte. Warum? Wenn sie das nur wüssten. Sie hatten sich angeschlossen, hatten Mitläufer gespielt, aber mehr nicht. Sie wussten die Vorhaben dieses Rudels nicht, aber es war aggressiv, es waren alles starke und große Wölfe, denen man Hass ansehen konnte und einen Willen, den niemand mehr bändigen konnte. Ob das wirklich gut war? Wohl kaum. Hazúki nickte zu ihrer Schwester und schenkte ihr einen liebevollen Blick. Die sanften Berührungen der Weißen ließen Hazúkis Puls wieder ruhig schlagen. Die kleine Fähe fuhr mit ihrem Kopf an Roxanas Hals entlang, bedankte sich damit bei ihr und wollte ihr zeigen, dass sie dieses Band niemals zerstören würde.
oO(Lass ich deine Nähe niemals missen…)Oo
Hazúki blickte auf, als Roxana wieder so entschlossen wirkte und sofort lief die Schneeweiße wieder fort. In Richtung des Rudels, welches ihnen zwei armen Wölfen Schutz bot. Aber mehr nicht. Hier gab es keine wirkliche Gemeinschaft, hier gab es keine Freundschaften oder friedliche Familien. Hier herrschte Dominanz, Aggressivität und eine gewisse Stimmung, die die zwei Schwestern noch nicht kannten. Hazúki seufzte leise und lief Roxana hinterher. Sie hatten sowieso keine andere Wahl und das Rudel näherte sich mit jeder Sekunden dem Anderen. Man hörte das Grollen, die lauten Pfotenschritte und hier und da konnte die Grauweiße Abdrücke im Boden sehen. Mit solcher Aggressivität rasten sie auf das fremde Rudel zu? Welcher Hass bewegte sie?
„Angst…“
Hazúki flüsterte dieses Wort nur für sich und sah wieder den Boden an. Sie beobachtete einige Zeit ihre Pfoten, wie sie langsamer als alle anderen Wölfe sich bewegten und den Körper der kleinen Fee vorwärts trieben. Hazúki fand dies wirklich sehr interessant und versuchte sich an diesem Anblick zu ergötzen. Dann beobachtete sie den wunderschönen Körper ihrer Schwester Roxana, der beim Laufen wirklich elegant aussah. Ihre Schwester hatte so ein Glück gehabt. Sie war wunderschön. Und Hazúki? Sie fühlte sich wie das hässliche Entlein in der Familie vieler Wölfe, die alle einen wundervollen Segen bekommen hatten.
„Diese Wut…“
Hazúki spürte diese Wut der Wölfe genau und ihr Herz schien daran kläglich kleiner zu werden und letztlich zu zerbrechen. Sie wollte nicht mehr hier bleiben. Sie wollte endlich fort von diesen Wölfen. Fliehen…
Shit spitzte die Ohren, mit unschuldigem Welpenblick sah er Banshee an, dann zu Averic. Ein Nicken bestätigte, dass er verstanden hatte und der Bitte der Alphawölfin nachkommen würde. Nicht einfach, so gut es ging, sondern nichts anderes tolerierend, als die erfolgreiche Ausführung dieses Auftrags. Shit duckte sich in einer seltsamen, fließenden Bewegung, als würde er in eine andere Welt, oder in seinem Fall, in einen anderen Körper eintauchen. Die jugendlichen Augen wurden hart und kalt, wissend und bereit. Die Haltung straffte sich, wurde die eines Rudelmitglieds, das er war. Die volle Größe des Rüden kam zur Geltung und dadurch, dass er jenen welpischen Teil, der ihm sonst anhaftete, ablegte, wirkte er nun mehr wie der erwachsene, reife Wolf, der er eigentlich hätte sein sollen. Allerdings nie sein wollte.
.oO(…Versammelt das Rudel, bildet eine Einheit und dann kämpft um euer Leben, denn dieses ist nicht von Wert, wenn ihr verliert…)
Die Stimme seines Vaters hallte durch seinen Kopf und unterbrach für ein paar Sekunden jeden Gedanken. Er schluckte, richtete sich noch mehr auf. Stolz und Edel, die Haltung eines Wolfes, der zum Prinzen geboren war und als Bettler endete. Viel lässt sich bestimmen und so mancher Charakter mochte von Anderen geformt werden. Er nicht. Shit blieb Shit. Nur in dieser Sekunde hatte der herzliche, verspielte und lebensfrohe Teil von ihm keinen Platz mehr. Denn dies konnte den Beginn einer Schlacht bedeuten und damit die Gefährdung dessen, was er liebte. Mit eleganten, geschmeidigen Bewegungen schritt er ein wenig nach vorne, schob sich zwischen Averic und die Fremden. Er warf dem Jungspund einen eindrücklichen Blick zu, dass er Gewalt anwenden würde, sollte er auf dumme Gedanken kommen.
In dieser Sekunde war der Welpe zu jenem Krieger geworden, zu dem er ausgebildet worden war. Er war wieder das, wovor er davon gelaufen war. Die Vergangenheit hatte ihn verfolgt und schließlich, als sie ihn eingeholt hatte, unerbittlich an die Tür geklopft, bis ihr aufgetan wurde. Er war bereit, für seine Leitwölfin zu leben und zu sterben, auch für den Auftrag, der ihm erteilt worden war. In der Hektik und herannahenden Angst hatte er ihn angenommen und als solchen anerkannt. Dass Wirrwarr aus Gedanken in seinem Kopf ordnete sich automatisch, als die ersten Gestalten aus den Büschen traten. Sein Nackenfell hatte sich aufgestellt, die Ohren waren nach vorne gerichtet und die Lefzen zurückgezogen. Ein tiefes Grollen drang aus seiner Kehle, während sich Nase kräuselte.
Tyraleen hatte geduldig warten wollen, bis der schwarze Welpe ihr eine Antwort geben würde, er schien auch sehr nachdenklich, sie wollte ihm Zeit geben, die brauchte sie ja auch für alles Mögliche. Als dann jedoch der fremde Geruch zu ihr herüber wehte und die Versammlung um ihre Mutter herum zunehmend lauter wurde, bekam sie doch ein wenig Angst. Leise fiepend drückte sie sich in das Gras und wollte eigentlich zu Erwachsenen laufen, aber sie konnte doch nicht einfach den Schwarzen hier stehen lassen. Unsicher drehte sie den Kopf zu ihrem Paten, Face Taihéiyo stand bei einer weißen Fähe, mit der sie sich schon mal unterhalten hatte … aber der Name wollte ihr jetzt nicht einfallen. Sie hätte lieber gehabt, dass er jetzt bei ihr gewesen wäre, aber er musste natürlich bei den Großen bleiben und sich beraten. Ängstlich drehte sie ihren Kopf wieder zu dem anderen Welpen, als sich hinter ihm im Wald plötzlich etwas regte. Verschreckt drückte sie sich noch tiefer ins Gras und sah dann viele Wölfe aus den Schatten treten und so unfreundlich knurrend auf den Rudelplatz kommen. Tyraleen fiepte entsetzt auf und wollte nach ihrem Paten rufen, aber vor Angst bekam sie kein Wort heraus. Würde sie jetzt sterben? Sie wollte doch noch nicht sterben … sie wollte doch noch Face Taihéiyo sagen, dass sie ihn sehr gerne hatte und sie wollte ihrer Mutter doch sagen, dass sie sie trotzdem liebte und … und sie wollte ihren Vater kennenlernen, sie wollte groß werden, oh, sie wollte so viel! Hilflos versuchte sie sich hinter den Grashalmen zu verstecken, aber sie war doch so leuchtend Weiß, sich würde man sie sehen. Mit ihrer hellen Welpenstimme jaulte sie einmal leise auf, bis endlich Schritte auf sie zu kamen und sie plötzlich hochgenommen wurde. Sie erkannte ihren Paten am Geruch, sehen konnte sie nur vier lange Läufe und tiefschwarzes Fell. Obwohl es ein wenig wehtat so in der Luft zu baumeln, war sie unglaublich erleichtert, dass er gekommen war. Und schon kurz darauf setzte er sie wieder ab, viel weiter weg von den fruchtbaren fremden Wölfen und in Sicherheit bei ihrer Mutter und dem Rudel. Tyraleen, die sich vorher noch scheu nicht getraut hatte, bei ihrem Paten zu liegen, floh jetzt voller Angst zwischen seine Vorderläufe und drückte sich winselnd an das schwarze Fell. Jetzt war sie zwar nicht mehr alleine dort vorne, aber was, wenn sie angegriffen werden würden? Würden sie dann nicht alle gemeinsam sterben?
“Face? Ich … ich will nicht sterben.“
Sie wollte sich ganz klein machen, sich verstecken, aber außer Faces Läufen und dem Gras gab es nichts und die verbargen sie so schlecht. Gerne hätte sie sich in das Fell eines Erwachsenen gekuschelt, aber sie alle standen aufrecht und bedrohlich da. Winselnd drückte sie sich wieder platt ins Gras, eng an die Pfote ihres Paten gedrückt. Aber dann fiel ihr ein, dass sie ihm noch sagen musste, wie gern sie ihn hatte. Vorher durfte sie nicht sterben.
“Face? Du … du musst wissen, dass ich dich mag. Sehr sogar.“
Sie nickte eifrig, obwohl ihr schon Thränen in den kleinen Augen standen und er es sowieso nicht sehen konnte. Sie würden gemeinsam sterben. Das klang so heldenhaft, aber sie war doch eigentlich so feige. Viel lieber wollte sie, dass sie beide gemeinsam leben würden. Warum ließ Engaya das zu, hatte ihre Mutter nicht immer von der Götten als gütig und das Leben beschützend gesprochen? Das war nicht fair … einen kleine Thräne kullerte ihr über das Gesicht und tränkte dann die Erde.
Thila bebte. Nicht nur innerlich, wie sonst, sondern auch äußerlich. Ein Zittern ging von ihren schlanken Beinen aus und breitete sich über den ganzen Körper aus. Es musste ja so kommen. Kein Ort dieser Welt war perfekt, jeder hatte seine Schattenseiten, oder fiel irgendwann doch in ein tiefes schwarzes Loch. Sie hatte sich nur etwas vorgemacht. Warum hätte es hier anders sein sollen? Warum hatte sie geglaubt hier ewigen Frieden, innere Ruhe und das Ende ihrer langen Flucht zu finden? Sie war dumm gewesen, so unendlich dumm. Blitzartig flogen ihr Bilder aus den letzten Tagen und Wochen durch den Kopf, Bilder die sie hatten glauben lassen endlich vergessen zu können. Alles eine Lüge die sie selbst entworfen hatte. Nun stand sie hier, zitternd und ängstlich. Warum, warum hatte sie daran geglaubt das es von nun an anders kommen würde? War sie nicht gezeichnet von ihrer schlechten Vergangenheit, war sie nicht schon immer vom Pech, von Angst und Hass verfolgt worden.
oO(Wahrscheinlich ist es nur wegen mir so gekommen. Wenn ich nicht hier aufgetaucht wäre dann würde hier noch alles so friedlich sein. Ich habe das Pech und die Dunkelheit hier eingeschleppt.)Oo
Thila spürte wie ihr Körper zusammensacken wollte. Sie spürte wie ihre Beine nachgaben und sie sich kaum noch halten konnte.
OO(Nur wegen mir!)Oo
Sie sah wie einige andere Wölfe aus dem Rudel bedrohlich tiefes Knurren aus ihren Kehlen dringen ließen, aber trotzdem sah sie die Angst, die auch in jenen, in jedem von ihnen emporstieg, sie sah es in ihren Augen. Thila stand in unmittelbarer Nähe von Banshee, was auf sie irgendwie tröstlich wirkte. Ein neuerliches Bild drang in ihre Gedanken, der Moment in dem sie vor die weiße Fähe trat, der Moment vor dem sie sich so sehr gefürchtet hatte, als sie mit Kaede und Nightwish auf dem Weg zum Rudelplatz war, wo sie am liebsten umgekehrt wäre, der Moment in dem sie Banshee gegenüberstand, aber doch keine Angst verspürte, ihre Aufnahme in das Rudel. Thila blinzelte und kehrte in die Gegenwart zurück und sofort war wieder das vertraute Gefühl da, mit dem sie lebte, dem Gefühl der Angst. Sie wagte es nicht sich zu rühren, die wusste selbst nicht einmal, ob sie das überhaupt noch konnte, doch ihre graublauen Augen fuhren unaufhörlich herum. Es war wohl eine Art Reflex sofort nach einem Ausgang zu suchen, nach der Tür, die sie aus der Gefahr brachte. Aber nun erschien ihr alles so sinnlos, so unendlich sinnlos, der lange Kampf, die Zeit hier im Tal der Sternenwinde. Mühsam hielt sich sich auf den Beinen, sie durfte nicht fallen, fallen in das tiefe schwarze Loch.
Face Taihéiyo spürte, wie die Anspannung immer größer wurde und er fürchtete fast schon, dass gleich alles aufeinander losstürzen würde und alles endete dann in einem blutigen Massaker. Nein, dass durfte nicht passieren. Zu viel Unschuld befand sich auf diesem Platz, Unschuld, die er verteidigen würde. Die kleinen Welpen. Als sich schließlich etwas an seine Läufe drückte, zuckte der Tiefschwarze kurz und senkte den Blick hinab. Da saß Tyraleen, noch verängstigter als sonst und suchte Schutz bei ihm. Einen Moment vergaß er sogar diese verdammten, knurrenden Wölfe und drückte seine Ohren leicht an den Hinterkopf. Irgendwie ... erinnerte ihn dieses Bild so furchtbar an einen kleinen, pechschwarzen Rüden, der nichts als einen dorren Strauch fand um sich zu verstecken, der so große Angst hatte, den aber trotzdem keiner beschützen wollte. Und es tat so weh im Herzen. Die Worte der Kleinen ... war es nicht grausam, wenn ein kleiner Welpe sie aussprach, der sein ganzes Leben noch vor sich hatte? Dennoch, es gab etwas, was sie deutlich unterschied. Tyraleen hatte einen Paten, der sie beschützen wollte und dieser Pate war er selbst. Es war seine Pflicht für ihr Wohl zu sorgen und das nicht nur, weil er es ihrer Mutter versprochen hatte. Langsam neigte Face den Kopf herab, hielt aber noch auf halber Höhe inne. Sie hatte ihn gerne? Oh, diese fatalen Worte, wann hatte sie jemals jemand an ihn gerichtet? Höchstens zwei und er erinnerte sich nicht einmal mehr ganz, in jedem Fall waren es zwei dahingeschiedene Kreaturen gewesen. Jene, die ihn kurz kannten und früh verließen. So, wie es doch immer war. Aber noch nie hatte bei diesen Worten jemand geweint. Das war es doch, was sich dort ihre Wange hinab perlte, oder? Eine Träne. Tief innen drin total berührt fuhr der ach so abweisende, stille Flammentänzer der kleinen Welpin mit der Schnauze ganz vorsichtig über den Kopf und hielt sie dann weiterhin gesenkt, dicht bei ihr.
„Ich verspreche dir, dass du nicht sterben wirst, weil ich dich mit meinem Leben beschützen werde.“,
flüsterte Face Taihéiyo so leise, dass es nur sie hören konnte. Auf ihren zweiten Satz konnte er dennoch nicht antworten, wenn man ihn kannte, so würde man verstehen, dass seine Geste, sein Versprechen die Antwort war. Denn normalerweise machte er keine Versprechen, wenn er nicht genau wusste, dass er sie einhalten konnte. Und auch sonst kam er niemandem freiwillig so nah. Das er sie mit seinem Leben beschützen wollte, ein ganz besonderes Versprechen. Denn was war es schon wert, in seinen Augen? Wann ließ er sich schon auf etwas ein? Eigentlich ... nie. Doch dieses Mal, war es anders. Den Kopf immer noch gesenkt, hob der Rabenschwarze den Blick wieder zu den feindlichen Wölfen. Sollten sie nur kommen ...
Banshees Blick raste über den Rudelplatz, wie ein gehetztes Tier sprang er von einer Gruppe von Wölfen zur nächsten. Face holte die drei Welpen, wofür sie ihm unendlich dankbar war und auch die anderen Paten kümmerten sich um ihre Schützlinge. Hiryoga, seine weiße Freundin Shani und die noch so neue Tyel standen abseits, es schien ein Problem zu geben, aber die Leitwölfin konnte sich darum jetzt nicht kümmern. Fast direkt neben ihr schwankte Thila. Die graue Fähe war noch sehr neu und gerade so alt wie ihr erster Wurf. Was passierte, schien ihr zu viel zu sein, es sah aus, als würden ihre Läufe jede Sekunde einknicken. Mit zwei schnellen Schritten zur Seite war Banshee neben ihr, versuchte sie mit ihrer Schulter zu stützen und mit ihrer Anwesenheit Kraft zu schenken. Die Graue durfte nun nicht fallen, sie wäre verloren. Worte fand sie keine, viel zu gehetzt und atemlos waren ihre Gedanken und ihre Seele. Nur eine sanfte Berührung mit der Schnauze an der Stirn der Jungwölfin, bis ihr Blick wieder zu der fremden Schar glitt. Sie kam wieder in Bewegung, zwei Wölfe, allen Anscheins nach die Leitwölfe, traten ein wenig nach vorne, ihr Gebaren war eindeutig besitzergreifend, sie knurrten und gingen langsam in Angriffsposition. Nun also war der Zeitpunkt gekommen … vielleicht der der Entscheidung, aber eigentlich gab es nichts zu entscheiden, die Natur wies ihr den Weg und der war die Flucht. Jetzt war es so weit, vertrieben aus ihrem Tal … hätte sie Zeit gehabt, so hätte sie die Schnauze zum Himmel gehoben und hätte geheult, hätte sie Zeit gehabt, so wäre sie zu jedem Platz gegangen, der ihr etwas bedeutete, der Felsen am See, die verschüttete Rudelhöhle, die kleine Lichtung im Wald, der Weidenhain am Berg … aber sie hatte keine Zeit, nicht mal um zu trauern.
“Flieht! Paten zu ihren Welpen, alle anderen, rennt!“
Sie konnte Thila nur in die Seite stupsen, sie die ganze Zeit stützen, war unmöglich, sie wären viel zu langsam. Sie hofft, dass die Fähe schnell genug laufen konnte, vielleicht würde es ihr helfen, direkt neben ihr zu rennen, aber mehr konnte sie nicht mehr tun. Ihr Blick fiel auf Talvi, der einzige Welpe ohne Pate, mit einer hastigen Bewegung schnappte sie ihn im Nackenfell und rannte los, nach Norden. Sie konnte nicht warten und schauen, ob alle brav losliefen, sie musste sie führen und konnte nur hoffen, dass keiner so dumm war und zurückblieb. Shit würde hoffentlich nach Averic schauen, aber vielleicht war ihr Sohn auch schon alt genug, um in diesem Fall willenlos ihrer Anweisung zu folgen. Andernfalls würde er sterben.
Mit einem siegesgewissen Heulen stürzte die fremde Schar los, machte deutlich, dass jeder sterben würde, der seiner Leitwölfin nicht augenblicklich folgte. Cylin war ihnen bereits zum Opfer gefallen, verblutend lag er im Wald, hatte sie nicht bemerkt und war aus dem Hinterhalt überfallen worden. Vielleicht würde einem der Wölfe der Sternenwinde später klar werden, dass der metallische Geruch seines Blutes in den Schreckensekunden der Übernahme in der Luft gehangen hatte, vielleicht würde er aber auch auf ewig verschollen bleiben, ohne dass er jemals gefunden werden konnte.
24.12.2009, 20:00
Die Blicke der jungen Fähe huschten ruhelos über den Rudelplatz sie spürte die Bedrohung nun immer deutlicher. Sie kam näher und keiner der Wölfe konnte etwas dagegen unternehmen. Ein leises Wimmern entstand in der Kehle der Wölfin. Es war nicht einmal Angst die diesen Laut entstehen ließ eher eine Mischung aus Wut und Entsetzen. War es denn wirklich ihr Schicksal immer bedroht zu werden? Ein Blick auf Shani und Hiryoga zeigte ihr dass nicht nur sie so dachte. Die beiden hatten wohl dieselben Gefühle. Zwar gaben Shanis Worte ein wenig Mut doch eigentlich glaubte Tyel nicht wirklich daran das sie mutig war. War es denn wirklich so mutig immer davonzulaufen wenn etwas passierte? Es war die Frage die ihr bei jeder neuen Gefahr durch den Kopf ging und die sie noch nie hatte beantworten können. Zwar hätte sie jedem anderen gesagt, dass es mutig war auch mal wegzulaufen. Doch tief im Herzen hatte sie sich selber noch nicht davon überzeugt. Sie hütete sich eine Antwort auf die Worte Shanis zu geben. Die Fähe sah gerade so glücklich aus, Tyel wollte einfach nicht das sie sie mit ihren Worten wieder traurig machte. Doch auch wenn sie etwas hätte sagen wollen währe sie sowieso nicht zu einer Antwort gekommen, den schon im nächsten Augenblick traten die fremden Wölfe auf den Rudelplatz. Tyels Gedanken überschlugen sich in diesem kurzen Moment. Es konnte doch einfach nicht sein das ihre ganze Welt nun schon wieder zerstört wurde. Ihr Blick huschte hinüber zu Shani die sich nun flach auf den Boden presste. Irgendwie schien die Zeit für Tyel stehen geblieben zu sein sie sah all diese Wölfe die jetzt zu ihrer Familie gehörten. Sie sah sie und die Angst, die Verwirrung in ihren Blicken. Der Augenblick war nicht besonders lang und doch schien er für Tyel nicht vergehen zu wollen. Noch einige Sekunden konnte Tyel nichts unternehmen erst dann schüttelte sie das Bild mit einer energischen Bewegung ab und bemerkte, dass die Zeit weder stehen geblieben war noch langsamer geworden war sie lief einfach weiter mit jedem Atemzug.
Ihr Blick huschte kurz über die Ebene. Hiryoga lag nun über Shani und versuchte sie zu beruhigen während alle anderen Wölfe die Welpen zusammentrieben und versuchten Ruhe zu bewahren. Vorsichtig erhob sich die Fähe und belastete somit ihren Hinterlauf. Fast schlagartig wurde sie dafür bestraft. Die Wunde war noch immer nicht ganz verheilt und schmerzte bei jeder Belastung. Tyel schloss die Augen und atmete ein paar Mal tief durch womit sie versuchte den Schmerz in den hintersten Winkel zu verbannen und am Besten gleich zu vergessen. Es funktionierte zwar nicht ganz den Schmerz zu vergessen doch er verblasste ein wenig. Die Rute hing etwas verzweifelt aber ruhig zwischen den Hinterläufen der Fähe während sie auf Shani und Hiryoga zuschritt. Sie wusste nicht was sie tun sollte sie kannte weder Shanis Geschichte oder Vergangenheit noch Hiryogas und noch weniger wusste sie wie sie mit der Situation umzugehen hatte.
oO Bin ich wirklich nur Schüchtern? Oo
Es waren wahrscheinlich die falschen Gedanken und doch halfen sie ihr ein wenig. Sie erinnerte sich an eine Geste die Shani so oft benutzt hatte. Ein kurzes aufmunterndes Lächeln huschte über ihr Gesicht und auch ihre Rute richtete sich für einen kurzen Moment auf. Eigentlich war es nicht ihre stärke jemanden aufzumuntern doch sie gab ihr bestes, mit einem lächeln beugte sie sich herunter zu Shani und zog sanft an ihrem Ohr.
Komm, gemeinsam sind wir stark...lass und gehen…
Sie wusste nicht ob sie etwas Falsches gesagt hatte doch sie wusste ganz genau, dass sie nicht ohne die beiden gehen würde und dass sie jetzt so schnell wie möglich fliehen mussten. Sie waren sowieso am weitesten von den anderen entfernt das hieß sie müssten sich besonders beeilen um sie nicht zu verlieren.
Thila sah vor sich das fremde Rudel immer näher kommen. Es war alles genau wie damals. Genauso war es gewesen, als die Fremden über ihr Rudel herfielen. Thila sah sich selbst vor ihrem geistigen Auge, wie die weise alte Fähe sie am Nackenfell packte und versuchte zu beschützen ... und doch alles umsonst war und sie tot zu Boden fiel. Thila schwankte, unfähig sich auf den Beinen zu halten. Sie schloss die schmalen Augen und wartete darauf, dass der kühle Erdboden sie empfing. Das wäre ihr Ende, sie musste durchhalten, aber ihre Kraft schwand von Sekunde zu Sekunde. Die Angst fraß gierig ihre Energie. Aber war es nicht egal ob sie starb? Würde sie dadurch nicht endlich aus diesem Alptraum aufwachen. Thila fühlte einen Schmerz, wie ein Schlag direkt gegen ihre Läufe und sie sank leicht in die Knie. Das war das Ende, ihr Ende. Doch plötzlich war ein stützender Körper neben ihr, Thila öffnete die Augen wieder und sah Banshee neben sich.
oO(Jeder ist wichtig – auch du!)Oo
flüsterte eine Stimme in ihrem Kopf. Sie fühlte, wie Banshee sich neben ihr anspannte und sie anstubste, ein Zeichen ohne Worte, aber Thila wusste ganz genau, dass die Zeit zur Flucht gekommen war. Ohne auf ihren Körper zu achten, der laut zu schreien schien, rannte sie los. Auch wenn es im Moment schlecht aussah, das Rudel war immer noch ihre Chance zu vergessen, vorausgesetzt sie überlebte. Und auch wenn sie sich noch vor einigen Augenblicken den Tod gewünscht hatte, so wuchs in ihr auf einmal der Drang zu leben. Woran das lag wusste sie selbst nicht. Vielleicht weil sie wusste, dass zumindest ein Wolf wollte, dass sie es schaffte. Ihre Augen glitten kurz zu Banshee hinüber, die dicht neben ihr blieb und den kleinen Talvi trug. Ihr schien jedes Lebewesen wichtig zu sein, sie war das Leben, so flüsterten sich einige Wölfe es aus dem Rudel zu. Thila wagte es nicht auch nur einen Blick zurückzuwerfen. Nur ein siegessicheres Heulen erklang von den Fremden, aber ob sie nun mutig waren oder nicht, es ging um das Leben aller und da durfte kein Risiko eingegangen werden.
Averic zog leicht eine Augenbraue hoch, als sich plötzlich der graue Shit vor ihn stellte. Was sollte denn der Scheiß, bitte? Wollte dieses kleine Kind etwa ihn beschützen? IHN?! Was dachte dieser Vollidiot eigentlich, wer er war? Der Pechschwarze war kein Welpe mehr, den man vor irgendwas in Schutz nehmen musste, er konnte alleine auf sich aufpassen!
„Verpiss dich, ich brauche deine Hilfe nicht!“,
zischte Averic mit einem bösen Aufblitzen in seinen tiefblauen Augen. Wenn diese verdammten Bastarde dahinten losstürzten, würde er sich allein verteidigen, er brauchte niemanden! Natürlich war es völliger Unsinn, niemand hier hatte eine Chance gegen diese 24 blutrünstigen Wölfe. Eine Chance vielleicht schon, aber bei so vielen würde sie nicht lange währen. Ein fauchartiges Grollen drang aus der Kehle des Pechschwarzen, als die Feinde sich in Bewegung setzten, genau auf sie zu. Dann hörte er plötzlich die Stimme seiner Mutter, Flucht. Averics Kopf wirbelte herum und suchte nach Banshee, die nun nicht mehr neben ihm stand. Ach scheiße! Hinter ihm wurde es laut und ganz automatisch fing der Jungwolf an zu rennen, seiner Mutter hinterher. Oh es war eine Schande, so erniedrigend, so verachtungsvoll! Jetzt mussten sie um ihr Leben rennen, aus dem eigenen Revier von einer Schar Arschlöcher vertrieben! Und in ihm tobte es vor Wut! Aber dann, mit der selben, rasenden Geschwindigkeit, wie seine Läufe trat ein Gedanke in seinen Kopf. Cylin! Verdammt wo war Cylin! Ja, er wusste, er war weg, aber vielleicht trotzdem noch irgendwo hier, irgendwo und hatte nichts mitbekommen! Er war in Gefahr! Hektisch ließ Averic den Blick herumwirbeln, suchte nach irgendwas und wusste gleichzeitig, dass er doch nichts finden würde. Nur dort, plötzlich zwischen den Bäumen, konnte er eine riesige Gestalt ausmachen. Eine Rabenschwarze Kreatur, mit glühend roten Augen, die zu ihm hinüber grinsten. Ihm blieb fast das Herz stehen, er kannte diese Bestie. Blut ... Nein!
„NEIN! Ihr widerlichen Schweine! Ihr verdammten BASTARDE! Ihr, ihr!“
Mit einem Ruck war Averic stehen geblieben und hatte sich umgedreht. Schrie der Meute seine ganze Wut und Raserei entgegen. Sie hatten ihn umgebracht, sie hatten ihn umgebracht! Der Pechschwarze hatte die Zähne so fest zusammen gebissen, dass es weh tat, alles tat weh, vor allem in seiner Kehle spürte er einen grässlich stechenden Schmerz. Sie hatten seinen geliebten, kleinen Träumer ermordet ... Noch einen undefinierbaren Laut zwischen den Zähnen hervorpressend, drehte sich Averic wieder um, die Wölfe waren ihm schon gefährlich nah auf die Pelle gerückt. So schnell wie der Jungwolf nur konnte, preschte er los, nichts mehr sehend, außer den verschwommenen Fellen seines Rudels. Wozu rannte er überhaupt noch weiter? Wozu das Ganze? Diese Bastarde hatten den einzigen Wolf, den er wirklich geliebt hatte auf dem Gewissen, warum?! Averic kniff die Augen zusammen, rannte so schnell, dass er bald wieder seine Mutter erkennen konnte. Bis ganz zu ihr nach vorne wollte er jedoch nicht, niemand sollte sehen, dass er sich inzwischen damit abmühte, die Tränen hinunter zu schlucken. Es würde ihn eh keiner verstehen. Also lief der Pechschwarze einfach weiter, scheiß egal, was passieren würde.
Shani hatte die Augen fest geschlossen, wollte nicht zu dem fremden Rudel sehen, wollte nicht in die Augen der Mörder ihrer Familie schauen. Eigentlich war es klar, dass es nicht die gleichen Wölfe sein konnten, aber Shani dachte in diesen Sekunden über nichts nach, spürte nur tausend Wellen von Panik durch ihren Körper gehen und tief verborgenen Schmerz heiß ihr Herz überfluten. Sie spürte Hiryoga, dessen Schnauze ihre sanft hochdrückte, aber sie kniff die Lider nur noch fester zusammen, winselte wieder, seines kaum wahrnehmend. Dann spürte sie ihn auf sich, ganz sanft, kaum drückend, es war, als wäre er ein Schutzschild gegen die Fremden. Ihre verkrampften Muskeln lockerten sich, seine Liebkosungen gaben ihr etwas Kraft aber dann hörte sie seine leise gewisperten Worte.
.oO(„Shani, hab keine Angst, ich bin doch da …“)
Vor einem Jahr, ebenso leise geflüstert, ebenso sanft berührt … und dann nie mehr. Sie hob den Kopf, öffnete die Augen und sah mit tränenverschleiertem Blick zu Hiryoga.
“Das hat Papa auch gesagt … und dann …“
Sie drehte den Kopf wieder weg, wollte nicht, dass er sah, dass sie weinte, zitterte dabei vor Angst. Sie blinzelte mehrmals, schluckte, versuchte das Zittern unter Kontrolle zu bekommen. Er hatte Recht, sie mussten doch hier weg, sie konnte doch nicht liegen bleiben. Dann wäre sie Schuld, beim ersten Mal noch unschuldig entkommen, beim zweiten Mal schuldig gestorben. Sie schüttelte den Kopf, sie war doch dumm. Tyel kam zu ihr, zog sie sachte am Ohr, so wie sie das immer machte und die Weiße musste sogar kurz lächeln. Sie hatten beide Recht, diesmal würde sie nicht hilflos zusehen müssen. Und dann schrie Banshee, laut und deutlich …fliehen. Shani rappelte sich mühsam auf, Hiryoga sacht hochdrückend, auf zitternden Läufen und mit glitzernden Augen, diesmal von den Tränen, sah sie die beiden Wölfe an.
“H-Hiryoga … T-Tyel … kommt.“
Gemeinsam waren sie stark … gemeinsam würden sie fliehen können, mussten sie. Diesmal würde sie nicht alleine davon rennen, diesmal würden sie beide an ihrer Seite sein. Es war kein zweites Mal, es war anders. Trotzdem hatte ihre Stimme furchtbar gezittert und sie war sich nicht sicher, ob ihre Läufe sie so schnell tragen würden …aber sie würde es versuchen.
Unruhig wanderte sein Blick über den Rudelplatz, die Fremden waren eingetroffen und Shani verfiel ihrer Angst, die sich Hiryoga nicht erklären konnte, woher kam die Panik? Als sie ihren Blick hob und ihn ansah, wurde ihm fast schwarz vor Augen, noch nie hatte er sie so gesehen, er hätte sich niemals vorstellen können, dass sie, die sonst so fröhliche Fähe, die solch eine Lebensfreude versprühte, ihn eines Tages so anblicken würde. Erst ihre Worte konnten ihm eine vermeintliche Erklärung liefern, war ihr Rudel überfallen worden, genauso wie sie nun? Hatte sie so ihre Familie verloren, war sie deswegen so lange alleine gewesen? Ein heiseres Fiepen verließ seine Kehle, nochmals fuhr er mit der Schnauze durch ihr Fell, als Tyel herantrat. Ihr sanftes Lächeln und ihre Geste beruhigten ihn etwas, vielleicht würde Shani nun merken, dass sie es ernst meinten? Sie würden sie nicht verlassen, sie würden bei ihr bleiben und sie beschützen, selbst wenn er nicht wusste, wie. Als er einen leichten Druck unter sich spürte, hob er seinen Körper sofort und stand neben der Weißen, richtete den Blick auf sie und betrachtete ihre Gesichtszüge. Ihre Worte ließen ihn zusammenzucken, so gebrechlich hörte sich ihre Stimme an, dass es ihn schmerzte, sie so zu sehen. Erst jetzt realisierte er die Worte seiner Mutter, er hatte Recht gehabt, es würde etwas Schreckliches geschehen, diese Wölfe wollten nicht nur ihr Revier, sie wollten nicht nur sein Zuhause, den Ort wo er geboren worden war, wo er seine ersten Schritte gemacht hatte, seine Patin bekommen hatte, sie wollten auch noch jeden töten, der ihnen in die Quere kam. Wäre es seine Art gewesen, hätte er nun ein wütendes Knurren erklingen lassen, doch er verabscheute Gewalt und es brachte nichts, sich gegen die Fremden zu stellen, sie würden ihn in Stücke reißen, er war doch kein Gegner für sie. Mittlerweile waren Banshee und die anderen Wölfe schon losgelaufen, alles verfiel in Panik und sie waren einige der Nachzügler, sein Blick huschte unruhig über den Rudelplatz, die Fremden kamen immer näher und sie standen hier immer noch rum!
"Schnell, wir dürfen den Anschluss nicht verlieren...!"
Seine Stimme hatte keinen befehlerischen Ausdruck, sondern waren seine Worte einfach nur laut ausgesprochen, ein fester Ton eben, er konnte sich nicht mehr zurückhalten, jetzt übermannte ihn die Angst nun auch, die Angst vor dem Tod, vor den Fremden, sie mussten sich endlich bewegen. Seine smaragdfarbenen Augen blickten kurz zu Tyel, er nickt ihr zu, ehe er Shani nochmals ansah, sie anstupste und dann mit einem großen Satz in die Richtung voran lief, wo seine Mutter hingelaufen war. Wenn sie nicht sterben wollten, sollten sie sich nun bewegen. Der Hellbraune spürte Tränen in seinen Augen, versuchte sie zu unterdrücken, doch schaffte er es nicht, mit einem verschleierten Blick betrachtete er sein Tal noch ein letztes Mal, sein Zuhause. Erst jetzt fiel ihm seine alte Freundin ein, und erstaunlicher Weise, über ihnen, hoch in der Luft zog sie ihre Kreise, die immer größer wurden und nun zog sie voran, dorthin, wo sie hinliefen. Auch wenn es nicht zu dieser Situation passte, so zog sich ein leichtes Lächeln um seine Lefzen, sie war wieder da, es würde alles gut werden, da war er sich sicher. Leicht klappten seine Ohren an den Kopf, aus den Augenwinkeln heraus blickte er nach hinten, folgten die zwei ihm? Sie würden folgen, da war er sicher, wenn er nun umdrehen würde, so würde er alle nur aufhalten, er musste laufen, so lange, bis die Gefahr vorbei war, selbst wenn er bis an seine Grenzen gehen musste.
Tyraleen hob ihren kleinen Kopf leicht an, als Face Taihéiyos Schnauze in ihrem Blickfeld auftauchte. Sie blinzelte heftig, sie wollte doch nicht vor ihm weinen. Sie war doch nicht so dumm und klein wie ihre Geschwister, sie heulte nicht wegen allem. Trotzdem wollten sich die Thränen nicht so ganz verscheuchen lassen, Thränen sprachen von Trauer und sie war unglaublich traurig. Aber dann fuhr ihr ihr Pate sanft über den Kopf, es war das erste Mal, dass er sie von sich aus berührte. Und diese Geste war so voller Wärme, dass Tyraleen nicht mehr weinen konnte. Vorsichtig reckte sie ihre kleine Schnauze zu der so viel größeren von Face und schmiegte sie an sie. Als er dann leide flüsterte und sie ihre Ohren aufmerksam spitzen musste, um alles zu verstehen, musste sie lächeln, auch wenn es ein trauriges Lächeln war. Er würde sie beschützen … er war ihr Pate und er würde ihr Leben für sie geben. Und er konnte versprechen, dass sie nicht sterben würde! Face Taihéiyo war stark, keiner dieser fremden Wölfe, konnte es mit ihm aufnehmen. Sollten sie doch kommen. Oh, wie war sie ihrer Mutter dankbar, dass sie Face Taihéiyo zu ihrem Paten gemacht hatte. Er war der tollste Wolf, den sie kannte. Aber diese welpische Euphorie ging schnell wieder zu Ende, als die fremde Schar näher kam und knurrte. Die anderen Wölfe aus dem Rudel schienen Angst zu haben, ihre Mutter stand jetzt neben einer Jungwölfin, der es nicht gut zu gehen schien. Und dann ging alles plötzlich ganz schnell. Ihre Mutter schrie, sie sollten fliehen, rannte selbst los, die Jungwölfin hinterher, auch ihr Bruder …alle! Und die fremden Wölfe kamen, stürzten auf sie zu. Tyraleen fiepte auf und rannte los, nicht, weil sie nicht bei ihm Paten bleiben wollte, aber sie hatte Angst, dass er losstürzen würde und sie würde ihm nicht folgen können. Aber natürlich schaffte sie es nicht weit, stolperte schon nach ein paar Schritten und stürzte.
“Faaaaaaaaaaaaaaaaace!“
Sie schrie so laut sie nur konnte, aber ihre helle Stimme drang scheinbar kaum einen Meter weit. Schmerzhaft fiel sie auf ihre Schnauze, überschlug sich und ruderte hilflos mit ihren kurzen Läufen in der Luft. Mühsam wollte sie wieder aufstehen, doch ihre Pfoten rutschten unter ihrem Körper weg, sie hatte Angst, so panische Angst. Würde sie Face auch jetzt retten, da sie so dumm gewesen war?
Die Anweisungen waren klar gegeben und Neylas Kopf schaltete innerhalb weniger Sekunden um. Der stechende Geruch der Gefahr lag in der Luft und die Weiße hatte ängstlich ihren Kopf gehoben. Erinnerungen polterten in ihrem Kopf und letztlich musste sie zugeben, dass ihr klar geworden war, welches Risiko hier nun bestand. Sie blickte ihren geliebten Gefährten Zack an, suchte in seinen Augen einen Weg aus dieser Misere wieder heraus zu kommen, aber das war nicht möglich. Nachdenklich blickte Neyla zu Sheena hinunter und dachte nach. In dieser Notsituation war es wichtig, dass die Jungwölfin bei ihnen war, gleichzeitig musste Neyla sich aber auch um Amáya kümmern, ihre Patenwelpin. Was sollte sie tun? Neyla dachte nach, in ihrem Kopf liefen die Drähte heiß und sie versuchte einen einzigen klaren Gedanken zu fassen, aber es war unmöglich. Und dann raste die Stimme von Banshee durch ihren Kopf und es war endgültig vorbei. Die Flucht stand bevor, das Rudel hatte sie erreicht und die weiße Fähe wandte den Kopf um, um wenige Sekunden in den Hass dieser fremden Wölfe sehen zu können. Sie mussten weg.
„Zack! Renn! Renn los, ich komme mit Sheena nach!“
Ihr Rüde sollte sich bloß keine Gedanken um sie machen, sie würde nachkommen, ganz sicher. Sofort packte Neyla Sheena am Nackenfell und rannte in Richtung des Sees, an dem Amáya wie so oft saß und noch nichts von der Gefahr ahnte. Parveen, die Fähe aus dem ersten Wurf Banshees, saß bei ihr und kümmerte sich um sie.
„Parveen! Renn mit Sheena weiter, ich hole Amáya!“
Die Jungwölfin würde wissen, was ihnen bevor stand und Neyla war dankbar, dass Parveen zu Sheena eilte und mit ihr los rannte in Richtung Banshee und das Rudel. Natürlich war es Neylas Aufgabe, aber zusätzlich war dort noch Amáya und die Kleine konnte sie genauso wenig alleine lassen. Jeder hier brauchte wen und Neyla war für die geheime Unterstützung dankbar, denn jeder musste nun alles geben. Sofort nahm sie Amáya in ihre Fänge, vorsichtig und so zart wie sie die kleine Welpin schon immer behandelt hatte, wandte sie sich um und rannte der Schar um Banshee hinterher, immer darauf bedacht, den Anschluss nicht zu verlieren und vor allem ihren Geliebten nicht aus den Augen zu verlieren. Sie hatte Amáya sicher zwischen den Fängen und würde die Kleine nicht so schnell los lassen. Die Welpin war sicher bei ihr und würde alleine gar nicht vorwärts kommen. Dafür war alles viel zu hektisch. Zu schnell. Sie war doch noch klein.
Roxana war gespannt, was nun geschehen würde und blieb vollkommen ruhig und entspannt in ihrem Erscheinen. Sie hörte sicherlich, dass Hazúki wieder eine Phase hatte, in der sie Worte aufgriff und ihnen eine tiefe Bedeutung gab. Aber sie hatten nun sicherlich keine Zeit und Roxana wollte ihr nicht noch mehr Verzweiflung und Hass schenken. Mit einem müden Seufzen senkte sie den Kopf und blickte sich um. Die Wölfe vor ihnen wurden langsamer, sie hatten ihr Ziel erreicht. Aber was war das Ziel? Roxana zog die Augen zusammen, wurde misstrauisch und blieb stehen. Sie drehte sich zu ihrer Schwester um und blickte ihr tief in die Augen.
„Hör mir zu, Hazúki. Der Weg zu diesem Rudel hier endet für uns. Der Hass, den sie verbreiten liegt nicht in meiner Natur und ihre Vorhaben sind nicht mein Anliegen. Wir werden mit dem Rudel, welches sie vertreiben wollen, fliehen. Wir hängen uns einfach an. Alles Weitere können wir noch klären.“
Roxana wandte den Blick ab und achtete darauf, dass niemand dieser hasserfüllten Wölfe zugehört hatte. Dann hob sie stolz den Kopf und lächelte ihre Schwester überzeugt an.
„Das schaffen wir schon. Folge mir, Kleines.“
Roxana schlich mit ihrer Schwester dicht an ihrer Seite hinter dem Rudel her, da die meisten Wölfe den Kopf angriffslustig gesenkt hatten, konnte Roxana einige Blicke auf das verängstigte Rudel erhaschen. Alles wunderschöne Wölfe und viele wunderschöne Welpen und Jungwölfe. Wie brutal, dieses Rudel zu zerreißen. Mit einem Kopfschütteln näherten sie sich dem Ende des Rudels, keiner der Wölfe schenkte ihnen beiden einige wirkliche Beachtung und Roxana lächelte. Perfekte Gelegenheit. Als das Rudel los rannte und die Alphawölfin ihre Worte verkündet hatte zur Flucht, hob Roxana ruckartig den Kopf, achtete darauf, in welche Richtung die Wölfe losliefen und sah Hazúki an.
„Jetzt!“
Sie stupste Hazúki liebevoll und etwas aufmunternd an, lief dann los und hing sich hinter die Wölfe. Sie hoffte einfach, dass niemand ihnen den Weg nehmen würde und sie verstoßen würde. Sie wollte einfach nur weg von diesen Wölfen. Der Hass war zuviel und das spürte nicht nur Roxana, ihre Schwester litt tatsächlich darunter.
Leicht zuckten die Ohren des Tiefschwarzen, als Tyraleen sich an seine Schnauze schmiegte. Wie eh und je waren Berührungen solcher Art fremd für ihn und es viel ihm doch ein wenig schwer sie einfach zuzulassen. Nicht, weil er es nicht gewollt hätte, einfach, weil er Berührungen noch immer mit etwas Schmerzhaftem verband. Aber die Weiße war eine Welpin, klein und hilflos, er war da um sie zu beschützen. Das hatte er ihr eben grade versprochen. Je eindringlicher Face Taihéiyo die räudige Meute fixierte, desto weiter stellte sich sein Nackenfell auf. Gleich würde es losgehen, das Ganze stand quasi vor einer Explosion. Die Krallen des stillen Ozeans rammten sich tiefer ins Erdreich seine Läufe spannten sich leicht an. Er wäre zu allem bereit. Und dann war es tatsächlich so weit. Banshee schrie, dass sie fliehen sollten und in der nächsten Sekunde stürzte auch schon alles los. Alle. Auch der Feind. Hektisch zog Face eine Pfote hoch, konnte grade noch sehen, wie das weiße Fellbündel unter ihm verschwand und hinter den anderen herrannte. Die Zähne fest zusammen beißend, wirbelte auch Face schnell herum. Tyraleen musste so panische Angst haben. Kaum hatten seine saphirblauen Augen die Kleine auch schon wieder erspäht, wurde ihm klar, dass es jetzt um Sekunden ging. Ruckartig stieß er sich vom Boden ab und preschte los. Sie war gestürzt und wenn er sie nicht erwischte, wäre es vorbei. Als sie nach ihm rief, legten sich seine Ohren eng an seinen Kopf, kurz wurde ihm sogar schwarz vor Augen und ihre Stimme vermischte sich mit einer anderen und einem anderen Namen. „Paapaaa!!“ Ein Hilfeschrei, Todesangst. Keiner da, nur Flucht. Face kniff die Augen zusammen und im selben Moment senkte er den Kopf, schlug die Seelentore sofort wieder auf und schon hatte der Tiefschwarze die Welpin wieder im Maul. Er konzentrierte sich auf nichts Weiteres mehr, Hauptsache er hatte sie, Hauptsache, er würde sein Versprechen halten können. Seine kräftigen Läufe trugen ihn mit rasender Geschwindigkeit voran, oh ja, war er doch noch geübt im Flüchten. Es blieb keine Zeit sich nach irgendwelchen anderen umzuschauen, es zählte bloß das pure Überleben. IHR überleben. Er würde sie nicht loslassen, hatte sie fest im Nacken und hoffte ihr nicht weh zu tun. Das Knurren, schreien und Rufen der anderen vermischte sich zu einem ohrenbetäubendem, Laut, der sich in seinem Kopf in ein unerträgliches Rauschen entwickelte und kurz darauf in einem langen Piepton endete. Nur nicht langsamer werden, alles andere ignorieren, hinter Banshee her. br>
Shit verengte die Augen wenige Sekunden, in denen sein Blick auf Averic lag. Im Anschluss betrachtete er wieder das fremde Rudel. Er durfte nicht wegsehen. Niemals durfte er seinen Feind aus den Augen lassen.
“Was du brauchst und nicht brauchst, spielt im Moment keine Rolle. Deine Mutter will nicht, dass dir etwas passiert, also sorge ich dafür, dass sich ihr Wunsch erfüllt.“
Kalt und ruhig klang seine Stimme. Ein nahender Kampf. Tausend mal gesehen, tausend Mal erlebt. Keine Furcht, keine Unsicherheit, nichts von seiner eigenen Person war übrig. Vielleicht wusste er nicht einmal so genau, wer er genau war, denn sein wahres Ich verleugnete er. Es war bei Seite geschoben worden, vor langer Zeit schon. Banshee rief zur Flucht auf und Shit richtete sich lediglich noch ein wenig mehr auf, um zu Averic zu sehen. Der Jungwolf rannte. Gut so. Einmal schweifte sein Blick über das flüchtende Rudel, dann setzte auch er sich in Bewegung. Immer hinterher, immer nahe Averic. Er spielte den Schatten eines Schatten, um seiner Aufgabe nachzukommen. Keine sonstigen Gefühle lenkten ihn. Midnight musste allein klar kommen, jeder andere Wolf musste selbst laufen, flüchten, laufen, flüchten. Die Paten hatten sich der Welpen anzunehmen und er sorgte dafür, dass Averic seiner Mutter nicht abhanden kam. Der Rest war für sich selbst verantwortlich. Kein Grund stehen zu bleiben, kein Grund sich umzudrehen. Nicht, wenn Tod und Teufel hinter ihnen her waren.
Irgendwann blieb der schwarze Jungwolf stehen, Shit tat es ihm gleich. Die Lefzen nach hinten gezogen, murrend. Stechend lagen seine Augen auf Averic, abwartend, bereit, alles zu tun, was nötig war. Wulf sei Dank rannte der Jüngling nach ausgeteilten Beleidigungen weiter und Shit ihm nach. Er verlor ihn hin und wieder aus den Augen und versuchte den Lauf mit dem Wind für sich zu entscheiden, doch der Jüngere war schneller, getrieben von Gefühlen, von denen Shit nichts wusste. Immerhin war es die richtige Richtung. Ein Glück, dass er ein schneller Läufer war, so konnte er einigermaßen mithalten und holte, zu was es nicht gereicht hatte auf, als Averic sich dem Tempo der Gruppe wieder anpasste. Fest in der Rolle des Aufpassers, lief er wieder hinter dem Schwarzen.
Ob es auffallen würde, würde Leyla nicht mitkommen? Vielleicht wollte sie ja hierbleiben und abwarten, was geschehen würde. Schlimmer als all das, was sie in ihrer Vergangenheit erlebt hatte, konnte es vielleicht nicht sein. Dachte sie sich das aber vielleicht auch nur, weil es noch nicht so weit war? Konnte es noch eine Steigerung des Schmerzes geben, den sie in der Vergangenheit spüren musste? Sie war unsicher geworden, alles, was sie zu wissen glaubte, stellte sich höchstens als ein wages Vermuten heraus. Wie unerfahren sie doch noch war..
Wenn man glaubte, etwas fest zu haben und sich daran erfreute, war es einem auch schon wieder entglitten und man trauerte ihm länger nach, als man es überhaupt genießen konnte. Es gab so viele Dinge, die man festhalten wollte aber man hatte gar nicht genügend Möglichkeiten, um all das bei sich zu halten und dann verlor man mitunter gerade etwas, das man, so dachte man vielleicht im Nachhinein, hätte besonders schützen sollen. Vielleicht hätte sie keine Nacht mehr schlafen sollen, aus Angst, dieses Glück wieder zu verlieren, immer wachen, immerzu. Unsinniges Zeug redete sie sich ein aus ihrer Verzweiflung heraus, trieb von der Realität ab wie ein Laubblatt auf dem Wasser vom einstigen, dem Wasserfall entgegen?
Wenn Leyla sich nicht bald für einen Weg entschied, den der Flucht oder den des, es komme was wolle, würde es zu spät sein und sie würde wieder etwas verlieren, weil sie es nicht rechtzeitig festgehalten hatte, vielleicht..ihr Leben? Dann müsste sie zumindest einmal nicht trauern, etwas verloren zu haben, denn was kam schon nach dem Leben? Nichts! Keine Gewissensbisse, keine Depressionen und keine neuen Erfahrungen, weder Schöne noch unschöne. Sie dachte an die Worte, die sie seit der schrecklichen Zeit damals gehört hatte, die wichtigen, die ihr in Erinnerung geblieben waren. Mit vielen hatte sie nicht zu tun. Aber sie hatten immer hin mit ihr geredet, sich die Mühe gemacht und ihr Aufmerksamkeit geschenkt. Ein Grund, es nicht einfach wegzuwerfen? Die Gruppe zog los und sie wusste nicht so recht, warum sie mit ihnen gehen sollte. Vielleicht konnten sie sie etwas ablenken, von der Vergangenheit, von dem Schmerz. Mit einem tiefen Seufzen zog es sie nun doch langsam los. Sie wandte sich ab, ab von dem Ort der hier lag, von der Vergangenheit, von ihrem..alten Ich? Sie wandte sich ab von dem Ort, den sie innerlich einmal so stolz aus sich heraus als „unseren Ort“ gesehen hatte. Doch für wen stand „unser“? Sie vergaß es langsam, ihre kaum zu sehenden Pfotenspuren, sanft und so leicht zu zerstören, wurden auch schon wieder vom Winde verweht, kaum nachdem sie nicht mehr auf ihnen stand, Stück für Stück, jeder einzelne und nur bei ihr selbst gab es sie noch, neue, die nie genauso aussahen, wie die alten, die es ja nun nicht mehr gab. Aber die Pfoten waren noch da, Leyla war noch da, ihr Leben war noch da und so lange dieses da war, solange sie da war, konnte sie..neue Stapfen setzen, wieder neue und wieder neue, so lange sie lebte. Wer wusste schon, wo überall sie sie noch setzen würde?
Welcher Boden würde ihre Pfoten spüren? Welchen Boden würden ihre Pfoten spüren? Welche Gegenden ihre Augen sehen und welche Stimmen noch ihre Ohren hören? Langsam verklang all das, was sie einst gehört hatten, verblich der Blick aus ihren grünen Augen und verschwand das, was ihr sagen konnte, wer mit „unser“ gemeint war, denn dazu gehörten immer Zwei, doch nur Einer war ihr noch bekannt, weil nur noch einer da war..sie selbst. Den Zweiten, der dazu gehört haben musste..der Gedanke an denjenigen verwehte wie Leylas Spuren im Sande. Und sie? Sie selbst entfernte sich weiter von ihnen, den nicht mehr existierenden Spuren, wie ein Komet, der einen Himmelskörper verließ, der durch eine unbeeinflussbare Wucht einst zerschlagen wurde. Nun trieben beide Hälften gleichermaßen durchs All, entfernten sich mit jedem Augenblick weiter voneinander und waren bald nicht mehr zu sehen. Die Tatsache, dass sie mal Eins waren, bald nicht mehr unterscheidbar von Phantasie, von Illusion, vielleicht gar nie gewesen. Die Hälfte ist keine Hälfte, sie war immer Eins. Was sollte es schon anderes gegeben haben? Und doch erschien die Hälfte relativ klein..zu klein fast. Aber etwas anderes gab es nie. Den Schatten der Erinnerung nahm sie wahr als die grundlegende Farbe des Bodens, aufblicken konnte sie nicht mehr, denn dort war nichts. Ohne Licht war alles Schatten, oder war Schatten ohne Licht kein Schatten?
Also konnte die Erinnerung ohne die Tatsache, die einmal war, keine Erinnerung mehr sein. Somit musste sie sie für ein Gedankenspiel erklären, nicht mehr und nicht weniger, das sie ein Mal hatte.