Madoc
02.01.2012, 14:12

Leicht in Gedanken versunken lief der silberweiße Hüne am Rande des Rudelplatzes entlang, sinnierte derweil über jenes Gespräch mit Atalya nach, welches er kürzlich geführt hatte. Und obgleich man es ihm nicht ansah, es schmerzte ihn doch, sie so gebrochen zu sehen und er wünschte sich, ihre Lasten zu nehmen. Tief im Inneren wusste er jedoch, dass nur sie selber sich helfen konnte, ähnlich wie er zu jener Zeit, da er seinen Bruder verlor und nur mit äußerster Fassung diese Trauer überwandt. Forsch hatte dieses Ereignis seinen Charakter geprägt, aus dem so vorlauten, lebensfrohen Welpen gar einen reservierten, kühlen Jüngling gemacht. Doch Zeiten änderten sich und bei dem Gedanken an die Welpenzeremonie, die vor nicht allzu langer Zeit von statten gegangen war, erhellte sich die Miene Madocs ein wenig und seine blutroten Seelentore suchten automatisch nach dem Jungtier, das ihm vertrauensvoll zugesprochen wurde. Nach kurzer Zeit bereits erblickte er Malik und steuerte ohne lange Überlegung mit erhabenen Schritten auf ihn zu, zeigte gar den leisen Anflug eines Lächelns, als er sich dem kleinen Paten näherte.

"Guten Morgen, Malik"

Grüßte er mit einem zufriedenen Blick in die Morgensonne und senkte anschließend das Haupt zu dem Welpen hinab, damit sie annähernd auf Augenhöhe waren. Seine Stimme erklang wie immer in gefasstem Tenor und seine Haltung zeugte ebenfalls von der Ruhe, die sein Wesen gänzlich umgab. In einer spielerischen Geste jedoch stieß er den Rüden an und ihm wurde abermals bewusst, wie sehr er den Umgang mit den Jungtieren genoss. Und obwohl man nicht behaupten konnte, dass sie bereits nähere Bekanntschaft gemacht hatten, so fühlte sich der Hüne in gewisser Weise frei in dieser Patenbeziehung, wissend, dass sie noch viele genießbare Stunden verleben würden. Seine rubinroten Augen glänzten unergründlich, als er Malik betrachtete und erfreute sich dieses Tages, der eine willkommene Abwechslung zu der düsteren Stimmung darstellte, die in den letzten Tagen so häufig seine Gedanken verhangen hatten.

"Was treibst du denn hier so allein, bei diesem schönen Wetter?"

Fragte er mit amüsiertem Unterton und war sich sicher, dass der Welpe bereits viel zu erzählen hatte. Die neuen Eindrücke und Erfahrungen, die er in der spannenden Außenwelt gemacht hatte, sie hatten ihn bestimmt überwältigt und doch gab es noch viele Dinge, die es zu erkunden galt. Vielleicht, so dachte der Hüne, würden sie sich einen schönen Morgen machen, so stand ihm nun auch eine Chance offen, den kleinen Paten etwas näher zu kommen.

Malik Hikaji
02.01.2012, 17:56


Er war schnell, schneller als alle anderen. Sogar schneller als sein lahmer Papa und als Isaí ja sowieso. Taleesha machte es ihm nicht leicht, aber auch sie überholte er bald. Seine sonst so ungelenken Läufe flogen über den sandigen Boden, er verspürte auch nach vielen Kilometern keine Erschöpfung oder gar Müdigkeit und der Wettlauf schien niemals enden zu wollen. Es ging immer auf die Sonne zu, die gerade aus ihrem Nest herauskam und sicherlich noch viel müder war als Malik. Das war seine Gelegenheit, sie einzufangen und vom Himmel zu holen, zumal sie noch so weit unten war. Er lief, lief noch schneller als ohnehin schon und lauerte darauf, dass er sich dem orange-roten Ball endlich näherte. Und tatsächlich: als sie direkt vor ihm am Himmel hing, sprang Malik ab und flog auf sie zu wie es sonst nur die Vögel machten. Er hatte sie fast, sie war nur noch eine Schnauzenlänge von ihm entfernt … in dem Moment schlug der Welpe die Augen auf und schnappte nach Luft. Wieder war sie ihm entwischt, verdammt nochmal! Verwirrt sah er sich um, bis ihm dämmerte, dass er geträumt hatte und auf dem Rudelplatz lag. Kein Wettrennen, keine Sonne … wobei, doch! Aber sie war weit weg und warf ihr orangefarbenes Licht auf seinen weißen Pelz.

Seufzend stand Malik auf und schüttelte sich den Sand aus dem Fell. Um ihn herum schlief noch alles, nur weiter hinten sah er ein paar Wölfe, die bereits oder auch noch wach waren und sich unterhielten. Die wollte er jetzt lieber nicht stören. Stattdessen ließ er den Blick über seine Geschwister schweifen, die noch tief schlummerten. Ob Tinca wohl schreiend weglaufen würde, wenn er sie weckte? Dann hätte er erreicht, was er wollte, konnte aber Isaí und Taleesha nicht mehr erschrecken. Nein, das war nicht gut, seine Schwester musste er anders loswerden. Er grübelte gerade, ob er sich zuerst auf seinen Bruder oder seine Hängeohrschwester stürzen sollte, als eine ihm bekannte Stimme ihn begrüßte. Überrascht fuhr er herum und erkannte seinen Paten sogleich.

„Oh, guten Morgen Onkel Madoc. Deine Augen sehen ja aus wie die Sonne gerade.“

Erstaunt blickte er an dem großen Rüden vorbei und blinzelte geblendet. Er fand es schade, dass er die Sonne nicht die ganze Zeit angucken konnte, sie war doch so hübsch. Aber wenn er es versuchte, sah er überall blaue Punkte und hielt es doch nicht lange aus. Aber jetzt am Morgen und abends war sie ohnehin am schönsten.
Als sein Pate ihn plötzlich anstupste, sprang er zurück und fiepte auffordernd, dann leckte er ihm schnell über die Lefzen und schmiegte sich an sein Gesicht. Madoc war nicht wie ein Vater, nicht wie eine Mutter und nicht wie seine Geschwister, aber auch nicht so wie die anderen Wölfe. Er war schließlich sein eigener Wolf, er gehörte ihm ganz allein. Auch wenn Atalya ihn manchmal für sich beanspruchte, was Malik gar nicht toll fand. Aber er wollte ja nicht, dass Madoc sich langweilte, wenn er sich zum Beispiel mit seiner Mama unterhielt oder mit seiner Oma spielte. Dann durfte Madoc auch mit Atalya spielen gehen. Dass die kein guter Umgang für ihn war, würde er ihm irgendwann schonend beibringen müssen, immerhin war die Graue eine Gehilfin von Fenris und auch sonst ziemlich böse. Da musste er Madoc warnen.

„Ich hab die Sonne gefangen. Aber ich hab sie nicht ganz erwischt.“, gestand er etwas niedergeschlagen. Dann schlug er wieder fröhlicher vor: „Wollen wir wohin gehen? Hier schlafen ja alle.“

Madoc
05.01.2012, 22:09

Ein amüsierter Ausdruck legte sich auf die Züge des Hünen, als er die Worte des kleinen Rüden vernahm und gleichsam schaute er zur strahlenden Sonne auf, beinahe so, als wolle er bestätigen, dass er mit seiner Aussage tatsächlich richtig lag. Dass er seinen eigenen Seelentore gar nicht imstande war zu betrachten ließ er außer Acht, beäugte den Himmelskörper mit kritisch zusammengekniffenem Blick und wandte sie schließlich wieder an Malik. Die Bezeichnung "Onkel" mochte ihm nicht recht gefallen und doch machte er keine Anstalten, diesen Makel anzumerken, war er doch nicht der kleinliche Typ, wenn es um solche unwichtigen Dinge ging.

"Wie die Sonne sagst du?", sprach Madoc mit ruhiger Tenorstimme und deutete ein Nicken an. "Das fasse ich dann wohl als Lob auf."

Fügte er hinzu und erhörte mit leichtem Erstaunen das helle Fiepen, als er den Jüngling mit der Schnauze anstieß. Kurz darauf jedoch spürte er bereits die Welpenzunge auf seinem feinen Antlitz und als sich der kleine Leib gegen ihn drückte, konnte er ein Lächeln nicht unterdrücken. Egal wie kühl sein Herz zu sein vermochte, der Lieblichkeit und Reinheit eines solch jungen Geschöpfes war es wohl doch nicht in der Lage zu widerstehen und auch der Wunsch dazu schien nicht zu bestehen. Es blieb lediglich zu hoffen, dass der Lebenspfad dieses kleinen Rüden ein vorzüglicher sein würde, denn gerade von dieser Jugendphase hing es ab, welch einen Entwicklungslauf sein Charakter nehmen würde. Bei Malik jedoch hegte der Sternentänzer keine Zweifel, war er doch von solch lebensfroher Natur und von solch unbeschwertem Umgang, dass es wohl keinen großen Schwierigkeiten machen würde, ihn zu leiten. Und wieder erfreute er sich seines Glückes, dass ihm ein solch wertvolles junges Leben anvertraut wurde, dass er dazu befugt war, den stolzen Eltern in seiner Erziehung beizustehen.
Ein gutmütiges Grummeln stieg in Madocs Kehle empor und er schleckte ihm nun ebenfalls über das winzige Haupt. Seine Aussage ließ ihn leicht stutzen, wusste er doch nicht, wie der Jüngling sein beschriebenes Vorhaben bewerkstelligt haben sollte, doch fragte der sonst so schweigsame Geselle auch nicht weiter nach, nickte lediglich etwas betrübt, als er erkannte, dass der Kleine nicht sonderlich beglückt über seinen Misserfolg war. Seiner folgenden Bitte kam er jedoch zu gerne nach, war ein wenig Abwechslung und Zeitvertreib doch auch ihm willkommen. Mit einem Nicken signalisierte der Albino dem Jungtier, dass er seiner Aufforderung befolgen würde, ahnte wohl schon dergleichen, dass er bereits einen Plan im Sinne hatte, woraufhin er eine leicht fordernde, wenn auch amüsierte Frage stellte.

"Wohin denn des Weges? Gibt es denn einen Ort, den du so dringlich aufsuchen möchtest?", erklang die ruhige Frage aus dem silbernen Fang und ein wissendes Lächeln säumte die Lefzen. "Ich werde dir wohl folgen, wohin auch immer du gehen möchtest."

Bot er indes an und hob schließlich das mächtige Haupt, wartend darauf, dass der Welpe ihm den Weg weisen würde. Welch ruhiger morgen und doch war der Kleine schon so voller Tatendrang. Mit einer gewissen Gleichgültigkeit entsann sich Madoc seiner eigenen Kindheit, empfand jedoch, dass die Jungtiere des Sternenwindtals sich glücklich schätzen sollten, für das friedvolle Welpenleben, das ihnen mit solcher Selbstverständlichkeit geboten wurde. In ähnlichem Alter hatte er bereits ums nackte Überleben gekämpft und wäre er auf seiner qualvollen Reise nicht einem gutmütigen Wanderer begegnet, so wäre er lange zu Grunde gegangen. Ein leises Seufzen entfuhr dem Hünen, als er Malik beäugte und doch erhellte wieder ein Lächeln das kühle Antlitz, denn letztendlich sollte ein jeder Wolf eine solch behütete Jünglingszeit verleben.

"Weiß du was?", lockte er den Paten schließlich, "Sobald du mir sagst, wohin wir gehen, machen wir ein Wettrennen. Mal sehen, ob du mich schlagen kannst!"

Malik Hikaji
08.01.2012, 21:46


Gespannt beobachtete Malik, wie Madoc sich der Sonne zuwandte, so als wollte er prüfen, ob der Welpe Recht hatte. Hoffentlich fand er diesen Vergleich nicht unpassend oder anmaßend, denn die Sonne war für Malik eines der schönsten Dinge, die die Natur um ihn herum zu bieten hatte. Und Madocs rote Augen, die manchmal ebenso zu glühen schienen wie der Himmelskörper am Abend, waren so faszinierend für den Kleinen, dass er es einfach erwähnen musste. Doch zum Glück nahm er ihm sogleich seine Bedenken und bestätigte, was Malik gehofft hatte. Erleichtert lächelte er und schmiegte sich mit geschlossenen Augen noch enger an den Lauf des großen Rüden, dann war der übermäßig harmonische Moment vorbei. Mit nunmehr strahlendem Blick sah er zu ihm auf, während seine kleine Rute aufgeregt wedelte.

„Sind meine Augen auch rot wie deine?“

Er konnte sie ja nicht angucken, was er ziemlich schade fand. Aber nun hoffte er einfach darauf, dass er hübsche Augen hatte, so wie sein Madoc. Er wunderte sich nicht über das Rot seiner Augen, weil er ihn vom Tag der Patenzeremonie an kannte und nicht unterscheiden konnte zwischen natürlichen Farben und unnatürlichen. Außerdem war die Sonne wohl eins der natürlichsten Dinge, die es hier gab, also war ihre Farbe eine, die auch in Augen auftauchen konnte. Aber Madoc war trotzdem der einzige Wolf des Rudels, der so aussah. Das war gut, so konnte er ihn schon von weitem nur durchs Sehen erkennen. Natürlich hatte auch jeder Wolf einen anderen Geruch, wie Malik bald festgestellt hatte, aber es war schon toll, dass er seinen Paten auch von weiter weg erkennen konnte, selbst wenn der Wind ungünstig stand.

Madocs Frage nach seinem Ziel war berechtigt, ließ den Welpen aber innehalten. Ja, wohin wollte er eigentlich? Er hatte gar nicht darüber nachgedacht und gehofft, dass der Weiße ihm etwas vorschlagen würde. Nun lag die Wahl bei ihm, was ihn im ersten Moment ein bisschen überforderte. Hilfesuchend blickte er zu seinem Paten auf und legte die Ohren ein wenig an aufgrund seiner Unsicherheit. Was würde Madoc denn gefallen? Er wusste nicht, was er ihm vorschlagen konnte, ohne dass es den großen Rüden langweilte, auch wenn der ihm versprach, überall hin mitzukommen. Erstmal schüttelte der Kleine den Kopf, weil er kein bestimmtes Ziel hatte, das man unbedingt aufsuchen musste. Dann jedoch kam ihm eine Idee.

„Ja also, ich hätte da etwas. Aber der Ort hat gar keinen Namen. Also er heißt nicht Rudelplatz oder Muschelbaum oder so. Das ist einfach nur … ein Geheimnis, genau.“, erklärte er wage und lächelte unsicher.

Würde Madoc ihn auslachen, wenn er ihm seinen kleinen Freund zeigte? Und was würde er sagen, wenn sich in seinem Patengeschenk ein Wolf versteckte? Vielleicht würde er ihn dann verscheuchen, weil die Muschel ja eigentlich nur Malik gehörte und kein Zuhause für einen anderen Welpen sein sollte. Und eigentlich fände Malik das auch gar nicht so schlimm – wenn er den kleinen Wolf nicht so gern gehabt hätte, da er doch scheinbar nicht aus der Muschel herauskommen konnte. Er musste Madoc vorher unbedingt erklären, dass er da drin gefangen war und gar nichts dafür konnte, dass er die Muschel besetzte. Noch bevor der große Rüde ihm Angst machte, genau. Er schnaufte, um sich selbst Mut zu machen. Madoc würde ihn bestimmt nicht vertreiben, wenn er das wusste. Madoc war sein Wolf und sein Wolf war nett zu seinen Freunden. Und sein Wolf hatte außerdem tolle Ideen. Das unsichere Lächeln auf seinen Lefzen wurde zum Strahlen, als er den Vorschlag des Rüden vernahm. Dann jedoch schlich sich ein etwas selbstüberzeugter Ausdruck hinzu und Malik reckte sich etwas.

„Wenn ich dir den Weg nicht sagen kann, kannst du gar nicht gewinnen.“, stellte er überlegen lächelnd fest.

Dann wandte er sich dem Waldrand zu und machte einen als Startschuss getarnten Hopser nach vorn. Schnell schaute er, ob Madoc ihm auch wirklich folgte, dann schoss er einfach los und jagte quer über den Rudelplatz. Bis zu seinem Baum, der so gesehen ja auch ein Muschelbaum war, war es gar nicht so weit, aber immer noch ausreichend genug, dass nicht jeder gleich daran vorbeikam. Aber so lange Madoc nicht ahnte, wohin es ging, konnte er ihn nicht überholen, weil er sonst ja falsch laufen könnte.

Madoc
03.03.2012, 22:38

Man mochte noch so kühl und verschlossen sein, sobald man einem solch unschuldigen und unwissenden Geschöpf wie einem Welpen gegenüber stand, ließ sich jedes noch so stählerne Herz erweichen. Ein flüchtiges, kaum sichtbares Lächeln streifte für einen kurzen Augenblick seine Lefzen, als der Jüngling sich noch enger an seinen Lauf schmiegte, und doch reichte diese kleine Geste des Hünen um zu zeigen, welche Zufriedenheit er verspürte im Umgang mit dem kleinen Malik. Die Sorglosigkeit in seinen Worten, die Lebensfreude in seinen Augen und die Neugier in seinen Taten, all dies erinnerte ihn stark an Atalya, als sie noch ein Welpe gewesen war. Ein Schmunzeln legte sich auf die Züge des Albinos, welch ein Segen, dass er an dem Leben des kleinen Rüden so lebhaft teilnehmen durfte. Ein leises, amüsiertes Glucksen entfloh der Kehle Madocs, als er die folgende Frage des Welpen vernahm und seine Stimme klang so erwartungsvoll, dass er ihm beinahe nicht die Wahrheit sagen wollte.

"Was meinst du denn? Würdest du schätzen sie sehen aus wie meine, oder anders?"

Fragte der silberweiße Hüne mit ruhiger Tenorstimme und versuchte innerlich bereits zu erraten, wie Malik wohl antworten würde.
Als er ihn aufforderte, einen Ort vorzuschlagen, erkannte Madoc augenblicklich, dass der Kleine etwas überfordert schien und war beinahe im Begriff, eigenständig einen Ort vorzuschlagen, als er schließlich doch einen Einfall hatte. Ein Hauch von Neugierde schlug sich in seinem blutroten Blick nieder, etwas, was bei ihm nur selten zum Ausdruck kam. Generell war er ein Geselle, der nicht viel davon hielt, seine Emotionen preiszugeben, denn er glaubte, er mache sich dadurch berechenbar. Doch einem vertrauten Jungtier wie Malik gegenüber war es wohl eine etwas andere Angelegenheit.

"Ein Geheimnis also? Na, da bin ich aber gespannt.", sagte er gespielt verschmitzt, "Bin ich denn der Erste, der dieses Geheimnis erfährt?"

Hakte der Hüne weiter nach und ließ ein freches Grinsen auf den Lefzen erscheinen. Natürlich bestand er nicht darauf, der erste zu sein, der es erfuhr, doch es bereitete ihm doch ein gewisses Vergnügen, mit dem Gewissen des Welpen zu spielen. So reine, unschuldige Gedanken, wie nur solch junge Geschöpfe sie haben konnten, es war ein Amüsement diese Welten zu erkunden, von denen er sich bereits so weit entfernt hatte. Ja, wahrlich erinnerte er sich kaum noch daran, jemals ein solch sorgloser junger Wolf gewesen zu sein. Seine folgenden Worte erfreuten den Sternentänzer umso mehr, wieder einmal war er begeistert von der gehörigen Portion Intelligenz, die sich doch in dem kleinen Welpengeist befand. Beinahe hatte er eine solche Antwort schon befürchtet und tatsächlich kam er klug und schamlos auf den Gedanken, ein cleverer Feldzug! Sollte er seinen Paten gewinnen lassen? Natürlich gönnte er ihm den Sieg, seine Kombinationsfähigkeit sollte schließlich anständig belohnt werden.

"Glaubst du wirklich?", fragte Madoc dennoch mit fordernder Stimme, um den Reiz des Wettlaufes nicht zu nehmen. "Nun gut, wenn du gewinnst bring ich dich zu einem Ort, an dem du deine Augen betrachten kannst, dann kannst du selber sehen, welche Farbe sie haben."

Bot er ihm an und seine Tenorstimme klang ruhig wie eh und je. Sogleich setzte auch der hünenhafte Rüde sich in Bewegung und holte schnell zu dem kleinen Rüden auf, achtete jedoch darauf, dass er, falls er ihn überholte, auch sogleich wieder um mindestens eine Pfotenlänge zurückfiel. Dies würde sicherlich ein abwechslungsreicher Tag werden.

Malik Hikaji
05.05.2012, 15:26


Normalerweise fand Malik Rätsel richtig fies. Aber wenn sie von seinem Paten kamen und so ernst ausgesprochen wurden, als wüsste er selbst die Antwort nicht, war das etwas anderes. Malik grummelte unwillig und ein kräuselte spielerisch den Nasenrücken, was schließlich in einem Lächeln endete. Dann versuchte er, mit Schielen zu einer Antwort zu kommen, in der Hoffnung er könnte seine eigenen Augen sehen. Aber alles was passierte war, dass ihm die Augen schmerzten und er wunderbar seine Nasenspitze betrachten konnte, sonst aber nicht weiter kam. Schließlich gab er es mit einem unzufriedenen Seufzen und einem anschließenden Kopfschütteln auf und sah flehend zu seinem Paten auf.

„Ich weiß es nicht, Onkel Madoc. Kannst du es mir nicht verraten?“

Trotz dieser kleinen Schwierigkeit, die ihm schon ganz schön zusetzte, spazierte er weiter und hielt an seinem Plan fest. Sein Pate würde den kleinen Muschelwolf bestimmt nicht vertreiben. Malik wusste genau, wie dieser aussah und mochte auch seine Augen sehr gern. Sie waren so schwarz wie das Fell seines Vaters, ganz anders als sein eigenes, blütenweißes. Einen Wolf mit solchen Augen gab es im Rudel gar nicht, deshalb hatte es ihn zuerst verwirrt. Doch da alle Farben möglich zu sein schienen, hatte Malik das als normal hingenommen, genau so wie die roten Augen seines Paten.
Beim Laufen drehte er den Kopf zu Madoc und strahlte ihn an, einfach so und ohne ersichtlichen Grund. Hoffentlich würde ihm das Geheimnis gefallen. Bei seiner Frage nickte der kleine Weiße, so dass er fats aus dem Takt kam und gestolpert wäre, wenn er nicht fix wieder nach vorn geschaut hätte. Laufen, nicken, denken und sprechen gleichzeitig war gar nicht so leicht.

„Ja, du bist der ganz allererste. Und der Einzige auch!“, verkündete er voller Stolz und schaute nochmal schnell zu Madoc.

Was dieser schließlich vorschlug, war ein ziemlich guter Preis für ein gewonnenes Wettrennen. Malik musste nicht lange nachdenken und nickte schnell begeistert. Es war doch noch immer etwas anderes, selbst etwas sehen und glauben zu können, als es nur gesagt zu bekommen, also konnte er sich auf das Ziel nur freuen, dass Madoc haben würde. Aber dafür musste er ihn erstmal schlagen. Doch der kleine Weiße verzagte nicht, auch wenn Madoc deutlich längere und stärkere Beine hatte und sein Vorsprung ihm dabei nicht helfen würde. Er rannte wie der Wind (und glich dabei doch einem sprintenden Dackel), gab sich größte Mühe, seine vier Beine nicht zu verheddern und fragte sich zugleich ab welcher Stelle im Wald er gewonnen hatte. Wahrscheinlich, wenn sie an dem Baum ankamen, an dem er die Muschel versteckt hatte. Er lief so konzentriert, dass er nicht einmal bemerkte, wie nahe Madoc die ganze Zeit war. Er registrierte nur, dass er sich tapfer hielt und sein Verfolger ihn noch nicht überholt hatte, dann kamen die Bäume in Sicht und er war kurzerhand von Gestrüpp und Wurzeln umgeben. Nun wurde es schwierig für die kurzen Welpenläufe, aber Malik wusste genau, wohin er musste.
Sein Vorteil war nun, dass er jede Unebenheit kannte und er seinen Weg immer so gewählt hatte, dass man ihm vom Rudelplatz aus nicht sah. Er duckte sich unter Ranken hindurch, über die sein Pate vermutlich würde springen müssen, wenn er sie nicht umging, kletterte über einen Stein und huschte unter einem umgestürzen Baum hindurch. Dann folgte eine winzige Lichtung, auf der er zum letzten Sprint ansetzte, dann hatte er es geschafft.

„Gewonnen! Ich hab gewo – gewohonnen!, keuchte er begeistert und drehte sich schnell um, damit er sehen konnte, wie weit sein Pate noch entfernt war.

Madoc
08.05.2012, 14:42

Ein leises Lachen ging von Madoc aus, als er die vergeblichen Versuche des Kleinen sah, wie er sich darum bemühte, seine Augen zu sehen. Dass dies niemals möglich sein würde, das hatte er wohl an diesem Tage gelernt, und dass es auf anderer Weise dennoch machbar war, das würde er auch bald erfahren. Eine Art von Genugtuung, oder vielleicht war es eher Zufriedenheit, überkam den Silberweißen indes, als Malik ihm versicherte, dass er in der Tat der erste und Einzige war, der von diesem Geheimnis erfuhr. Schon lange, so glaubte er, hatte man ihm nicht mehr solch reines, unschuldiges Vertrauen entgegengebracht, seit dem Tod seines Bruders. Atalya war vielleicht ähnlich gewesen, doch auch sie war nun erwachsen und der Streit kurz zuvor hatte seine Stimmung getrübt. Ein kurzes Lächeln legte sich auf die helen Lefzen des Sternentänzers.

"Ich werde das Geheimnis bis zu meinem Tode hüten."

Versprach er mit ernster Stimme, um dem Welpen das Gefühl zu geben, dass er ernst genommen wurde und dass er sein Vertrauen würdigte. Wenige Augenblicke danach, erschien abermals ein freundliches Schimmern in den rubinroten Augen und er widmete sich der bevorstehenden Herausforderung für den Kleinen. Ihm jetzt einfach zu verraten, welche Augenfarbe er tatsächlich hatte, erschien ihm als zu einfach, denn er war der Meinung, dass man schon von Kindesbeinen an lernen musste, dass man nur für das belohnt wird, was man sich verdiente, auch wenn es in diesem Alter auf spielerische Art erfolgte. Ein Wettrennen erschien ihm daher wie eine gute Alternative, umso froher wurde der Ausdruck in den blutroten Seelentoren des Hünen, als Malik die Idee mit Begeisterung aufzunehmen schien. Siegessicher schien ihr zu sein und obgleich Madoc ihn so oder so würde gewinnen lassen, so setzte er noch alles daran, um ihm das Gefühl einer wahren Herausforderung zu geben.
Und direkt darauf stob der kleine Rüde bereits davon, der Sternentänzer war beinahe etwas überrascht über seine Eile, folgte ihm jedoch augenblicklich, stets darauf bedacht, dass er hinter ihm verblieb. Manchmal erlaubte er sich, den Abstand zwischen ihnen verschwindend gering werden zu lassen, ließ sich jedoch immer wieder zurückfallen, um Malik seinen Triumph zu gönnen. Erstaunt war er jedoch, wie wendig das junge Wesen war und wie lebhaft und ehrgeizig es durch den Wald preschte, nur um seine Belohnung zu erhalten, welche lediglich in einem Besuch zu einem Gewässer bestand, in dem er seine Augen betrachten konnte. Als Malik plötzlich stehen blieb und sich als Gewinner krönte, musste Madoc lachen und senkte schließlich das Haupt um ihn sachte in die Seite zu stoßen. Er sah, wie schnell sein Atem ging und fand es äußerst rührend, welche Mühe er sich für das Rennen gegeben hatte. Und obgleich sein Puls sich durch die Laufstrecke nur leicht erhöht hatte, täuschte er nun Erschöpfung vor, um dem Welpen das Gefühl zu geben, dass auch er so schnell gerannt war, wie nur möglich.

"Ja, du hast gewonnen.", sprach er unter gespieltem Keuchen (was halbwegs authentisch klang) und lächelte ihm anerkennend zu. "Ich würde sagen, dass du mir erst dein Geheimnis verrätst und wir anschließend zu jenem Ort gehen, an dem du deine Augen betrachten kannst."

Schlug Madoc mit seiner ruhigen Tenorstimme vor und nickte dem kleinen Rüden kurz zu. Nun war er tatsächlich gespannt auf das, was er ihm zeigen wollte, was mochte dem jungen Welpengeist in den Sinn gekommen sein, was die anderen nicht erfahren sollten? Madoc schmunzelte.

Malik Hikaji
14.05.2012, 21:54



Mit Madocs Versprechen konnte Malik noch nicht so viel anfangen, doch es klang so wichtig, dass er es auch gar nicht hinterfragte. Madoc würde auf sein Geheimnis aufpassen, da war sich Malik absolut sicher. Er warf dem Rüden einen glücklichen Blick und hätte sich am liebsten wieder an ihn geschmiegt, einfach nur froh über das Wissen, dass Madoc ganz allein ihm gehörte. So viel Glück hatte nur er, das dämpfte all die Eifersucht auf seine Geschwister. Den großen weißen Rüden mit den sonnenroten Augen kannten sie vielleicht vom Sehen, aber mit ihm gesprochen hatten sie bestimmt noch nicht. Und wenn sie es tun würde, wäre Malik zur Stelle, um Madoc zu verteidigen. Dass Freundschaft nicht gleich Besitz bedeutete, musste der junge Wolf erst noch lernen.

Alle eifersüchtigen Gedanken waren ohnehin mit dem Wettlauf vergessen. Malik war schneller gelaufen als jemals zu vor und war nun ordentlich stolz auf sein Tempo. Dass Madoc auch außer Atem zu sein schien, bestärkte ihn noch darin. Doch zum ersten Mal beherrschte ihn nicht nur Begeisterung. Er versuchte sich vorzustellen, wie er sich an Madocs Stelle fühlen würde und sah nun fast besorgt zu dem so viel größeren Rüden auf.

„Bist du traurig, dass du nicht gewonnen hast?“

Das wollte er ja schließlich auf keinen Fall! Es gab wohl kaum einen Wolf, dem Malik seinen kleinen Sieg geschenkt hätte, doch Madoc zählte auf jeden Fall dazu. Als dieser den Kopf senkte, hob Malik seinen in die Höhe und berührte die Lefzen seines Paten mit der Nase. Zum Glück wirkte er nicht so wirklich traurig, dann konnte es nicht so schlimm sein, dass er schneller gewesen war. Beim nächsten Mal konnte er ja eine Strecke nehmen, auf der Madoc auch schnell war. Vielleicht zu der Stelle, wo er seine Augen sehen konnte … da wusste nämlich nur Madoc den Weg und konnte sicherlich gewinnen. Dann wäre alles ganz gerecht verteilt. Malik seufzte erleichtert über diese Erkenntnis und konnte sich nun auch wieder auf das Wesentliche konzentrieren. Und dafür musste er nun seine Muschel holen, die er wohlweislich versteckt hatte. Er nickte aufmerksam und wandte sich dem Baum zu, vor dem er als Ziel gestoppt hatte. Mit der Nase fuhr er unter eine besonders große Wurzel, unter der sich ein Hohlraum im Erdboden verbarg. Ehe er die Muschel zu fassen bekam, musste er mit einigen Schnaufern Laub davonpusten, das nun immer öfter von den Bäumen fiel und das Loch verdeckte. Dann griffen seine Zähne ganz zaghaft nach dem Geschenk seines Paten, der hoffentlich nicht böse war, dass es hier im Dreck versteckt lag und er es nicht an einem schöneren Ort aufbewahrte. Deshalb sah Malik auch ein wenig schuldbewusst drein, als er mit der Muschel im Fang wieder auftauchte und sie schließlich ebenso vorsichtig vor sich ablegte.

„In deinem Geschenk, da … da ist ein kleiner Wolf eingesperrt. Siehst du ihn?“

Schüchtern schaute er zu Madoc auf, dann trat er ein Stück vor und sah nach, ob sein Muschelwolf noch da war. Aus der Tiefe des glänzenden Perlmutt sah er ihn mit ängstlichem Gesichtsausdruck an, während neben ihm … ein zweiter Wolf auftauchte! Maliks Augen wurden größer, als er Madoc in der Muschel erkannte und er japste erschrocken auf.

„Da ist ja ein Wolf, der aussieht wie du! Mein Muschelwolf hat auch einen Madoc!“, freute sich der Welpe und drehte sich begeistert zu ihm um, um endlich zu sehen, wie er darüber dachte, dass in seinem Geschenk Wölfe wohnten.
„Wusstest du das?“, fragte er mit strahlenden Augen. Ja, vielleicht hatte sein pate das gewusst und sie ihm deshalb geschenkt. Als Malik zurück in die Muschel schaute, sah der kleine Wolf überglücklich aus.