15.07.2011, 12:14
Für alle Welpen, die Lust haben =) Einfach dazukommen.
Shani kennt ihr bereits aus Lichterwelpen.
Shani lag dösend vor der Rudelhöhle, allerdings mit zwei hellwachen Ohren, die jeden Laut der noch schlafenden Welpen auffangen würden. Sheena und Jakash hatten ihr die Aufsicht über ihre Kleinen überlassen – gemeinsam mit einigen anderen Wölfen, die sich ebenfalls in der Nähe aufhielten – und Shani war mit Begeisterung und Freude an diese Aufgabe gegangen. Momentan schlummerten die vier Welpen noch friedlich, aber das konnte nicht mehr lange anhalten. Dann würde die Oma da sein und ihre vier kleinen Enkel bespaßen. Oh, wie sie sich freute. Es war ein ganz anderes Gefühl, als Mutter zu sein und doch fast ebenso schön. Sie war zwar noch sehr jung für eine Großmutter – sie selbst hatte bereits mit zwei Jahren ihre Welpen bekommen und Jakash hatte es ihr nun mit zweieinhalb nachgetan – aber dennoch fand sie sich schon weise genug, um den Welpen allerlei Geschichten erzählen zu können, so wie Großmütter das eben taten. Von Bergen und dem Nichts, von Vargen, Göttern und anderen, fremden Tälern, die sie durchwandert und in einem von ihnen geboren worden war. Einzig die Tatsache, dass Hiryoga all dies nicht mit ihr gemeinsam erleben durfte, schmerzte die Weiße. Ihr verstorbener Gefährte hätte sich sicher ganz hervorragend als Großvater gemacht. So hatten auch diese Welpen keinen Opa – wie schon ihre eigenen – aber wie man an Jakash und ihren anderen Kleinen sah, konnten sie trotzdem zu wunderbaren Wölfen heranwachsen. Hoffentlich würde sie, Shani, ihren eigenen Enkeln eine ebenso tolle Großmutter sein können, wie Banshee es bei Shanis Welpen gewesen war.
Ein erster Laut aus der Höhle schreckte Shani auf, lenkte sie von ihren Gedanken ab und ließ sie den Kopf heben.
15.07.2011, 13:42
Schon kurz nachdem Shani den Kopf gehoben und in den Höhleneingang geschaut hatte, kam ein kleiner weißer Fellball hervor, blinzelte und entdeckte sie dann. Kaum hatte Malik laut „Oma“ gerufen und war auf sie zugestürmt, fluteten Wellen des Glücks das Herz der Weißen und ihre Rute wackelte glücklich. Mit einem breiten Strahlen begrüßte sie ihren Enkel, ließ sich von ihm anspringen und fuhr ihm dann mit der Zunge über den kleinen Körper. Sanft zupfte sie ihn am Ohr und zog ihn dann mit der Pfote zwischen ihre Vorderläufe. Am liebsten hätte Shani vor Freude gequietscht, als Malik sie zum Leisesein aufforderte, damit er sie für sich alleine haben konnte. Vermutlich hätte sich der Kleine sehr darüber gewundert und sie selbst würde sich damit nicht gerade wie eine Oma verhalten – aber es war so schön, wieder von Welpenherzen geliebt zu werden und das auf diese und so viele andere Arten gesagt zu bekommen. Für nichts lebte Shani lieber. Doch allzu deutlich sollte sie das nicht zeigen, das hatte sie bereits bei ihren eigenen Welpen gelernt, so wurde ihr Lächeln nur noch ein wenig breiter und sie ließ sich auf den verschwörerisch leisen Ton ein. So glücklich und stolz Malik war, so glücklich und stolz war auch Shani. Sie beide konnten nicht aufhören, sich über so einen wunderbaren Gesprächspartner zu freuen und offensichtlich war auch ihnen beiden klar, wie man den anderen noch glücklicher machen konnte. Seelig lächelnd betrachtete die Weiße ihren Enkel, wie er strahlte und sich an sie kuschelte und alles ganz genau so war, wie sie es sich immer vorgestellt hatte. Dass es Fähen gab, die unglücklich darüber waren, Oma geworden zu sein, konnte sie nicht verstehen. Natürlich hieß das, dass man älter wurde – aber gleichzeitig machte einen all die Liebe und die Energie und die vielen Fragen der Kleinen um so viel jünger. Shani war von Maliks plötzlich ängstlichem Blick und seiner drängelenden Stimme zunächst ein wenig irritiert. Offensichtlich schien er von ihrem Vorschlag nicht so begeistert, wie sie eigentlich angenommen hatte. Dann wurde ihr klar, dass der Kleine sie nicht teilen wollte, zumindest nicht beim Geschichtenerzählen, obwohl gerade dabei eigentlich kein Welpe ihm etwas wegnehmen konnte. Ihr rechtes Ohr schnippte, dann pustete sie ihrem Enkel erneut gegen seines und schüttelte leicht den Kopf. Shani genoss das Erzählen und Maliks Reaktionen darauf. Welpen waren so ungemein aufmerksame Zuhörer -sofern die Geschichte spannend genug war – und sie zeigten Emotionen, die Erwachsene sorgfältig unterdrückten. Das offenstehende Mäulchen ihres Enkels wirkte vielleicht ein wenig dümmlich, aber Shani sah nur, wie gefesselt er war und dass sein kleiner Kopf eifrig arbeitete. Sie konnte nicht einschätzen, wie viel er wirklich verstanden hatte, aber offensichtlich genug, um sie nicht mit Fragen zu löchern. Viel lieber wollte er fliehen. Shani lachte, wurde dann aber schnell wieder ernst und schüttelte den Kopf. Shani betrachtete ihren Enkel aufmerksam während der über ihre Worte nachdachte. Offensichtlich schien ihm auch diese Erklärung einleuchtend und er hoppelte und strahlte vor sich hin. Einmal mehr fiel der Weißen auf, dass sie selbst diesen ungelenken Gang von Welpen liebte und ihnen ewig beim Laufen zusehen könnte. Bevor sie jedoch wieder einmal darüber nachdenken konnte, wie es wäre, selbst noch einmal Welpen zu bekommen, begann Malik ihr von seinem Fliehen zu erzählen. Und tatsächlich – er hatte es ganz und gar verstanden. Stolz nickte Shani und stupste den Kleinen ganz sanft an. Eigentlich war Shani mit ihrer Geschichte sehr zufrieden gewesen. Sie hatte die Sache mit der Trächtigkeit ganz gut erklärt, hatte Malik den Geburtsort seines Vaters beschrieben und die Spannung dennoch aufrecht erhalten, da noch immer nicht klar war, was mit den Welpen dort oben geschehen würde. Immerhin waren sie so groß wie Malik, der ja im Schnee tief versinken würde. Aber ihr aufmerksamer Zuhörer schien irgendwie anderer Meinung zu sein oder irgendetwas jagte ihm so Angst ein, dass er alles andere gar nicht mehr hörte. Schon zuvor war ihm sein kleines Mäulchen hinunter geklappt, aber das hatte die Weiße noch als gutes Zeichen gesehen. Offensichtlich konnte er kaum glauben, was er da hörte. Doch dann hatte er die Augen weit aufgerissen – was ein wenig gruselig ausgesehen hatte, denn Welpenaugen an sich waren ja schon groß – und hatte sie angestarrt, als hätte sie so eben verkündet, ihn jetzt auffressen zu wollen. Einen kurzen Moment lang war Shani höchst verunsichert und fragte sich, was sie falsch gemacht hatte, als Malik endlich mit der Sprache herausrückte. Er fürchtete, dass sie trächtig war, weil er sie gerne hatte! Jetzt konnte Shani nicht mehr an sich halten und musste losprusten. So missverstehen konnte auch nur ein Welpe ihre Worte. Aber sie riss sich bald zusammen, denn Malik schien ernsthaft verstört, vergrub nun sogar die Schnauze unter den Pfoten und fiepte. Er fürchtete sich davor, dass auch in ihrem Welpen wachsen könnten und hatte wohl große Angst. Das Lachen verging der Weißen, immerhin schien Malik all das wirklich ernst zu meinen und forderte gar, dass sie aufhörte, ihn zu lieben. Beruhig begann sie, ihm mit der Zunge über den Kopf und den Rücken zu fahren und schüttelte dabei den Kopf, auch wenn der Kleine das erst sehen würde, wenn er die Augen wieder geöffnet hatte. Shani war heilfroh, als Maliks Augen sich langsam wieder öffneten und er ein wenig verschüchtert, aber nicht mehr ängstlich zu ihr hochsah. Offensichtlich hatte sie es geschafft, ihn zu beruhigen und ihm die Angst zu nehmen, dass er gleich eine Menge Welpen bekommen würde. Diese Vorstellung war zwar nach wie vor ziemlich lustig, aber angesichts Maliks Entsetzen, verkniff sich Shani jedes weitere Lachen oder auch nur Schmunzeln. Außerdem sah der Kleine schon wieder ziemlich verwundert aus, was wohl zwangsläufig einige Fragen zur Folge haben würde und das war nun wirklich ganz und gar nicht zum Lachen. Warum hatte sie das Pech und musste dem Welpen die Sache mit der Fortpflanzung beibringen? Dafür waren doch eigentlich Väter und Mütter da und nun bekam sie diese undankbare Rolle auch noch als Oma zugeschoben. Wäre Shani nicht so vernarrt in ihre Enkel und sowieso so überaus glücklich, Welpen bei sich zu haben, hätte sie sich möglicherweise ernsthaft geärgert. So aber waren ihre Gedanken nur ein bisschen theatralisch, denn eigentlich freute sie sich über jedes Wort, dass sie mit Malik wechseln konnte. Der forderte sie zwar ganz schön, wollte er doch jetzt mit Taleesha Welpen bekommen und verkündete nebenbei noch, Tinca sowieso nicht zu mögen, aber auch der Aufklärung dieser Umstände widmete sich Shani mit Hingabe. Mit sanftem Lächeln schüttelte sie den Kopf und krauste ganz leicht die Nase.
So leise wie er konnte, erhob sich der Welpe auf die großen Pfoten, stieg über Tinca hinweg und hoppelte dann aufs Licht zu. Draußen musste er kurz verharren, damit sich seine Augen an die Helligkeit gewöhnen konnten. Blinzelnd erkannte er schließlich seine Oma vor der Höhle und mit einem überglücklichen Quietschen vergaß er alle Pläne vom leise sein und davonschleichen.
„Omaaaaa!“, rief er begeistert und stürmte auf die Weiße los.
Voller Begeisterung sprang er sie fast an, drückte sich an ihren Vorderlauf und reckte sich, um ihr gegen die Lefzen zu stupsen. Er hatte noch nicht so ganz begriffen, was eine Oma war, aber sie war lieb und nett und toll und kannte ganz spannende Geschichten. Irgendjemand hatte ihm mal erklärt, dass Oma Shani die Mama von seinem Papa war, aber das konnte er sich gar nicht vorstellen. Sie hatte nämlich ein ganz malikfarbenes Fell, während Maliks Papa eben … papafellfarben war.
Als er sich ein bisschen beruhigt hatte, strahlte er sie an, seine schwarzen Augen glänzten voller Freude.
„Oma, er zählst du mir was? Was ganz spannendes? Wieso bist du meine Oma? Wird das spannend, wenn du es mir erklärst?“
Er setzte sich auf sein Hinterteil und wischte mit der weiß-grauen Flauschrute über den Boden. Das weiße zeug, das alle Schnee nannten war eigentlich kaum noch da, nur an wenigen Stellen. Maliks Pelz hatte sich seit dem verlassen der Höhle verdichtet und so war er noch stolzer auf sein weißes Fell. Es war so hübsch, wie das seiner Oma. Versonnen musterte er sie und überlegte, ob er sein Fell vielleicht gar nicht von seiner Mama, sondern von seiner Oma „geklaut“ hatte. Obwohl Chanuka ihn diesbezüglich ja aufgeklärt hatte, glaubte er insgeheim immer noch, dass man sich so ein bisschen vom Pelz klaute. Auch wenn seine Oma nicht nackt war.
17.07.2011, 16:05
“Na, Malik, bist du etwa schon wach und deine Geschwister schlafen noch?“
Sie pustete ihm gegen das Ohr, das vorher nicht gezupft worden war und wog dann gespielt nachdenklich den Kopf hin und her.
“Was ist denn etwas Spannendes? Vielleicht etwas über die Berge? Oder über das Nichts? Oder über die Götter? Ich weiß aber nicht, ob das nicht zu spannend für dich ist …“
Jetzt grinste sie fast und nickte dann eilig, um das Spannende an der Erklärung, was eine Oma war zu bestätigen.
“Natürlich ist das spannend, denn da geht es ja um dich und mich. Ich bin deine Oma, weil dein Papa Jakash mein Sohn ist. Das erkennt man vielleicht nicht sofort, aber dafür kann man sehr gut sehen, dass du mein Enkel bist. So heißt das nämlich: Ich bin deine Oma und du bist mein Enkel. Du hast nämlich genau das gleiche Fell wie ich.“
Ob das Fell nicht vielleicht auch von Sheena stammen könnte, schien jetzt nicht weiter wichtig, es steckte mit Sicherheit von jedem ein bisschen in Malik und seinen Geschwistern. Irgendwann würden sie auch erfahren, dass sie Nachkommen von Banshee und Acollon waren. Darauf war Shani doch ein wenig stolz, so wie bei ihren eigenen Welpen auch.
21.07.2011, 11:37
„Ja, aber pssssht! Sonst kommt Isaí und nimmt mir den Platz weg und ich … ich will dich doch für mich haben, damit du mir eine Geschichte erzählst.“
Mit bettelnden Augen sah er sie an und versuchte gleich darauf nochmals ihre Lefzen zu lecken, ehe er sich wieder hinsetzte und sich an sie schmiegte. Das Pusten gegen sein Ohr quittierte er mit einem erneuten, leiseren Quietschen. Jetzt hatte seine Oma es tatsächlich zum Kitzeln gebracht. Blinzelnd wischte er sich mit der Pfote über das Ohr und schüttelte daraufhin nochmal ausgiebig den Kopf. Seine Oma machte schon seltsame Sachen. Als sie aufzählte, wovon sie ihm erzählen konnte, wurden seine schwarzen Augen bei jedem Begriff größer und sein Mäulchen klappte leicht auf vor Erstaunen. Am liebsten hätte er sofort alle Geschichten gehört. Das klang alles so spannend, besonders wenn man nicht einmal wusste, was überhaupt hinter diesen tollen Wörtern steckte.
„Erzählst du mir dann danach alles über die Berge, über das Nichts und über die … eh, Götter? Das klingt nämlich alles ganz spannend!“
Er war stolz auf sich, dass er die drei Wörter wieder genau so hatte nennen können, wie auch seine Oma sie aufgesagt hatte. Bei keinem wusste er, welche Geschichte sich dahinter verbarg, nur den Begriff „Götter“ hatte er irgendwie schon mal gehört. Sicherlich hatte das etwas mit Fenricollon zutun, der kam ja beinahe in jeder Geschichte vor. Doch ehe er darüber weiter nachdenken konnte, wurde seine volle Aufmerksamkeit gefordert, damit er das Thema 'Oma' verstehen konnte. Gedanklich wiederholte er alle Erkenntnisse, die jetzt so schnell dahergesagt wurden. Sein Papa war der Sohn seiner Oma, darum war sie seine Oma. Und deswegen war er selbst, Malik, wiederum der Enkel seiner Oma. Als es plötzlich um das Fell ging, funkelten Maliks Augen interessiert auf. Das war etwas, wo er sich schon ein bisschen auskannte.
„Chanuka hat gesagt, dass ich das Fell von meiner Mama habe. Aber ich habe es nicht gestohlen, auch wenn das so klingt! Wirklich, ganz echt! Hat meine Mama vielleicht ihr Fell von dir?“
Fragend blinzelte er sie an. Er hatte nun gänzlich außer Acht gelassen, dass Sheena eigentlich gar nichts mit Shani zutun hatte. Aber wenn die Namen schon so ähnlich klangen, dann hatte seine Oma vielleicht ihr Fell an seine Mama weitergegeben?
25.07.2011, 15:57
“Dann erzähle ich dir jetzt ganz leise eine Geschichte, die nur du kennst. Weil du mein wunderhübscher Malik bist.“
Das Quietschen und Schütteln und Wuseln des Kleinen wurde von den tannengrünen Augen Shanis liebevoll betrachtet, hörte aber ziemlich schnell auf, als die Weiße aufzählte, was sie alles erzählen konnte. Offensichtlich klang das in Maliks Ohren nach einer ganzen Menge, so erstaunt sah er aus. Lächelnd, aber kopfschüttelnd schob sie ihre Nase zu dem Weißen und fuhr ihm damit durch das wollige Fell.
“Ich kann dir doch nicht von allem auf einmal erzählen. Aber ich glaube ich weiß, was für dich am spannendsten ist. Weißt du, was die Berge sind?“
Die Berge hatten schon viele Welpen begeistert. Auch Tyraleens Nachwuchs hatte voller Neugierde den Geschichten von diesen unsagbar fernen Gipfeln gelauscht. Manchmal schien sie selbst Shani unwirklich und fremd, als wäre sie nicht selbst dort oben gewesen, wäre eine Gletscherspalte hinabgestürzt und hätte Welpen bekommen. Doch nur, weil all das geschehen war, konnte sie nun hier liegen und mit ihrem kleinen Malik reden. Manchmal konnte sie ihr Glück kaum fassen.
“Hm, wahrscheinlich hat Chanuka auch Recht. Du hast ein bisschen Fell von deiner Mama und ein bisschen Fell von mir. Aber deine Mama hat ihr Fell vermutlich von ihrer Mama oder ihrem Papa, nicht von mir. Und ich weiß doch, dass du es nicht gestohlen hast, sonst hätte ich ja meines nicht mehr, oder?“
Sie zwinkerte dem Kleinen zu und fragte sich dann, wie wohl Sheenas Eltern ausgesehen hatten. Sie wusste, dass beide einst im Tal gelebt und einen Wurf Welpen zur gleichen Zeit wie Banshee bekommen hatten. Hiryoga war sozusagen ein Wurfbruder Sheenas gewesen. Doch was aus den Eltern und den anderen Geschwistern der Weißen geworden war, wusste Shani nicht und Sheena sprach auch nicht sehr gerne darüber. Doch wenn die Weiße ehrlich war, freute es sie, dass es keine zweite Oma gab, die auch etwas von den Welpen abhaben wollen könnte.
01.08.2011, 14:35
„Aber du könntest alles nacheinander erzählen!“, schlug er schnell vor und seine Augen leuchteten. „Nein nein, aber ich will sie kennen. Erzählst du mir von Bergen? Sind sie hübsch?“
Aufgeregt blinzelte er und versuchte sich zugleich, etwas unter dem Begriff 'Berge' vorzustellen. Was das wohl sein mochte? Ganz bestimmt waren sie hübsch, wenn seine Oma sie zuerst erwähnte. Noch dazu war allein das Wort schon sehr hübsch und klang nach Spannung und Abenteuer.
Zu der Sache mit seiner Mama und dem Fell konnte Malik nur tapfer nicken. Wieso waren denn nicht alle gleichaussehend? Nur weil sie unterschiedliche Mamas hatten? Und wenn er das richtig verstanden hatte, dann war seine Oma gar nicht die Mama seiner Mama. Irritiert leckte er sich über die schwarze Nase und tapste mit der Pfote nach der seiner Oma.
„Aber Oma? Ist meine Mama gar nicht dein Sohn? Bist du dann nur meine halbe Oma?“, fragte er und Bestürzung spiegelte sich in seinen nachtschwarzen Augen.
Trotzdem kontrollierte er fix mit einem Blick, ob seiner Oma irgendwo ein wenig Fell fehlte. Er war ja kleiner als sie und brauchte deshalb nicht so viel. Deshalb hatte er die nackte Stelle vielleicht einfach noch nicht gesehen. Aber nein, da war nichts, nur das hübsche Fell. Sein malikfarbenes Omafell. Und auch wenn sie nur seine halbe Oma war, hatte er ja ihr Fell und er hatte sie lieb und sie ihn und letztlich war das doch die Hauptsache. Fast schon tröstend leckte er ihr über das Brustfell und schmiegte sich dann erneut an sie.
01.08.2011, 16:54
“Mal sehen, ob wir dafür genug Zeit haben. Aber da ich immer hier sein werde, kann ich dir auch morgen oder übermorgen oder überübermorgen oder irgendwann anders ganz viel erzählen. Wir werden genug Zeit für alle Geschichten der Welt haben.“
Hoffentlich hatte sie da mal nicht zu viel versprochen. Sooo viele Geschichten kannte sie noch gar nicht. Sie würde mit den anderen älteren Wölfen des Rudels reden müssen, sicher kannten die auch noch einige Erzählungen. Zunächst aber ging es um die Berge und da kannte sich Shani aus.
“Sie sind sehr hübsch, aber auch sehr gefährlich. Wenn du nach rechts, nach Osten, schaust – über den See und den Wald hinweg, siehst du das Große dahinter. Ganz viel Stein und Schnee und so hoch, dass die Wolken zwischen ihnen stecken bleiben. Das sind die Berge. Dort oben waren das Rudel, deine Eltern und auch ich.“
Das würde Malik sicher erstmal beschäftigen, denn von hier unten sahen die Berge schrecklich weit fort und furchtbar hoch und unglaublich fremd aus. Ganz und gar nicht so, als könnte man dort oben leben. Tatsächlich war es auch nicht leicht gewesen und wenn sie sich richtig erinnerte, hatten sie immer wieder Opfer beklagen müssen. Doch dank ihrer Welpen konnte Shani viel mehr Positives an dem Leben in den Bergen sehen, obwohl sie selbst zunächst mehr als verzweifelt gewesen war. Maliks Frage ließ ihren Blick wieder zurück zu ihm wandern und erstmals krauste sich ihre Stirn irritiert. Hatte Malik gedacht, sie wäre die Mutter von Sheena? Sheena wäre ihr Sohn? Jetzt musste sie grinsen und schüttelte den Kopf.
“Nein, natürlich nicht. Dein Papa Jakash ist doch mein Sohn. Deine Oma ist immer nur die Mutter von einem Teil deiner Eltern. Ich bin also schon deine ganze Oma, aber du könntest auch zwei Omas haben. Wäre die Mutter von Sheena noch hier. Aber sie war schon fort, bevor ich überhaupt hierher kam. Lange bevor dein Papa überhaupt geboren wurde.“
Hoffentlich würde Malik nicht enttäuscht darüber sein, nur eine Oma zu haben. Immerhin hatte er überhaupt eine – Shani hatte nie eine Oma oder einen Opa gehabt. Und auch Hiryoga nicht.
02.08.2011, 11:17
Nein, Malik wollte nicht warten. Für ihn dauerte ein Tag unendlich lange und war doch so schnell vorbei, dass er es kaum bemerkte. Trotzdem war seit dem Verlassen ihrer Höhle eines gleich: Jeder Tag war so voller neuer Erfahrungen und Erkenntnisse, dass Malik am nächsten Tag noch mehr erwartete. Nun hatte er Angst, dass Isaí ihm die Zeit mit seiner Oma stehlen würde, wenn sie ihm die Geschichten nicht alle direkt nacheinander erzählte. Denn wann hatte er schon mal das Glück, so wie heute heimlich aus der Höhle zu entwischen? Viel zu selten. Und mit Isaí teilen wollte er diese Momente unter keinen Umständen. Geschichten waren etwas anderes als Spiel. Mit Isaí zu spielen machte mehr Spaß, als mit Tinca zu spielen. Aber Geschichten hören wollte er nur ganz allein.
„Aber aber … aber dann habe ich dich vielleicht nicht für mich allein, weil Isaí oder Tinca oder Taleesha auch Geschichten hören wollen. Du musst dich ganz doll beeilen mit Erzählen!“
Ängstlich schaute er zur Höhle zurück, nachdem er seine Worte geflüstert hatte. Hoffentlich hatte Isaí noch immer nicht bemerkt, dass seinem Bruder eine Geschichte erzählt wurde. Als Shani endlich begann, beruhigte sich Malik ein klein wenig und schaute erst sie groß an, dann in die angezeigte Richtung. 'Das Große' beschrieb die Schemen die in den Himmel reichten tatsächlich am besten. So groß, dass sogar die Wolken darin hängen blieben. Ungläubig schaute er zurück zu seiner Oma und dann wieder prüfend auf die Berge. Dort oben sollte sie schon gewesen sein? Ein bisschen sahen sie ja aus wie riesige Welpenhöhlen und vielleicht konnte man ja auch in die Berge hineingehen. Auf ihre Welpenhöhle zu klettern, war Malik noch nie in den Sinn gekommen. Staunend und ungläubig schaute er seine Oma wieder an.
„Oh. Wieso waren denn alle da? Nur weil sie so hübsch waren? Wolltet ihr die Wolken fangen?“
Er konnte sich keinen anderen Grund dafür vorstellen, freiwillig auf den Bergen bis in den Himmel zu klettern. Von hier sahen sie aus wie graue Wände mit stacheligen Spitzen. Als er blinzelte, sah er eine hängengebliebene Wolke zwischen den Spitzen. Bestimmt tat es ihr weh, so allein da oben zu hängen. Nun kam es ihm gemein vor, dass das Rudel vielleicht versucht hatte, hilflose Wolken einzufangen.
Wieder wurden seine Gedanken weggelenkt vom Mitleid mit den Wolken, als Shani ihm die Sache mit der Oma nochmals geduldig erklärte. Aufmerksam lauschte er und versuchte dieses Mal, auch mitzukommen und wirklich alles zu verstehen. Sofort seufzte er erleichtert, als sie ihm versicherte, sie wäre schon seine ganze Oma. Dann war alles gut. Seine Mama hatte also auch eine Mama gehabt, die nicht Shani war und die überhaupt nicht beim Rudel gewesen war.
„Achso. Aber weißt du Oma … du bist meine Lieblingsoma und ich will gar keine zweite Oma, weil sonst müsste ich eine ja mehr lieb haben als die andere.“
Mit einem glücklichen Seufzen kuschelte er sich wieder an sie. Jetzt war alles gut und er konnte weiter alles über die Berge erfahren.
04.08.2011, 19:03
“Wir werden auch noch ganz viel Zeit alleine haben. Bald werden deine Geschwister und du nicht mehr in die Welpenhöhle gehen und ihr könnt so viel alleine unternehmen wie ihr wollt. Und Geschichten ohne Geschwister anhören. Außerdem sollte man sich nicht beeilen beim Geschichten erzählen, denn dann sind sie nicht mehr schön.“
Shani hoffte mit diesen Worten das Thema nun abgeschlossen zu haben, sodass sie sich ganz auf die Geschichte konzentrieren konnten. Malik stellte da auch schon die richtigen Fragen, auch wenn die Schönheit der Berge sie ganz sicher nicht dort hoch hinaus gelockt hatte und dass man Wolken nicht fangen konnte, hatte Shani auch erst so gelernt.
“Nein, leider sind wir nicht freiwillig dort hinauf gewandert. Wir wurden gezwungen.“ Sie machte eine dramatische Pause und fuhr dann mit etwas bedrohlich klingender Stimme fort. “An einem wunderschönen Sommertag, als deine Tante Tyraleen noch ein Welpe und dein Vater nicht einmal geboren war, kamen fremde Wölfe in das Tal. Es waren sehr viele und sehr starke Wölfe und sie wollten in unserem Tal leben. Doch für zwei so große Rudel hat es hier keinen Platz, deshalb mussten entweder wir oder sie gehen. Damals war deine Uroma Banshee die Leitwölfin und sie entschloss sich, es nicht auf einen Kampf ankommen zu lassen. Sie wollte nicht, dass Wölfe verletzt wurden oder sogar sterben mussten, denn sie erkannte, dass die fremden Wölfe uns überlegen waren. So mussten wir fliehen. Aber das war nicht so einfach. Wir hatten Welpen: Deine Tanten Tyraleen, Daylight und Amáya und wir waren ein sehr großes Rudel. Wir hätten nicht einfach das Tal verlassen und uns anderen Rudeln anschließen können. Und da unser Tal in einem Gebiet liegt, in dem viele Wölfe leben wollen, konnten wir uns auch kein anderes, freies Tal suchen. So beschloss Banshee mit uns in die Berge zu fliehen. Dort oben sollten wir darauf warten, dass unsere Welpen ausgewachsen und unsere Rüden stärker werden, sodass wir die fremden Wölfe aus unserem Tal vertreiben können.“
Shani fuhr sich mit der Zunge über die Lefzen und war zufrieden mit dem ersten Teil der Geschichte. Damals war sie noch zu jung um die Entscheidung Banshees zu hinterfragen, aber heute dachte sie doch ab und an darüber nach, ob eine Flucht aus dem Tal und die Suche nach einer neuen Heimat nicht doch die bessere Alternative gewesen wäre. Wie viele wären bei einer solchen Wanderung umgekommen? Hätten die Welpen überlebt? Und hatte Banshee diese Entscheidung auch deshalb gefällt, weil sie das Tal der Sternenwinde nicht hatte aufgeben wollen? Aber all diese Fragen waren nicht mehr zu beantworten und Shani war glücklich über ihre Vergangenheit. Genauso wie mit der Gegenwart und dass es Malik genauso ging, machte sie nur umso glücklicher. Liebevoll fuhr ihre Zunge über den Kopf des Kleinen und war froh, einen so lieben kleinen Schatz als ihren Enkel bezeichnen zu dürfen.
29.08.2011, 20:30
Als Shani den ersten Satz begann, machte Malik bereits große Augen. Er war sich nicht ganz sicher, was 'gezwungen' bedeutete, aber es klang nicht nett, so wie seine Oma es betonte. Die Pause ließ ihn sich angespannt etwas größer aufrichten, so dass er der Weißen aufgeregt am Brustfell zupfen konnte. Das ließ er allerdings mit jedem weiteren gesprochenen Wort eher bleiben und konzentrierte sich auf das Gesagte. Schon der erste Satz überforderte den kleinen Welpenkopf. War Tyraleen nicht eine Alphamama und … wieso war sie plötzlich seine Tante? Sie sich als Welpen vorzustellen, gelang Malik da erst Recht nicht, viel mehr war er mit der misteriösen Bezeichnung „deine Tante“ beschäftigt. Dann war sein Papa nicht einmal geboren … Malik verstand so wenig vom Anfang der Geschichte, dass er ziemlich schnell aufgab, die Bedeutung jedes Wortes zu hinterfragen. Damit wurde es besser. Die anderen, starken Wölfe konnte er sich lebhaft vorstellen. Vor Spannung klappte sein Mäulchen ein Stückchen auf, während er weiter lauschte.
Dann fiel der Name Banshee. Was das 'Ur' vor dem begriff Oma plötzlich machte, wusste Malik nicht. Doch er befürchtete, dass diese Banshee, die er aus Geschichten seiner Mama schon kannte, vielleicht die verloren gegangene zweite Oma war. Wieso sonst sollte seine Mama so viel von ihr erzählen? Gewiss war es ihre Mama, die sie gern hatte und von der sich Geschichten erzählte. Und seine Oma hatte sie sicherlich auch gemocht, so wie sie von ihr berichtete. Diese urige Oma hatte sie also in die Berge geführt, weil sonst etwas mit den Wölfen passiert wäre, was die Oma nicht gut fand. Sterben und verletzen – keine Begriffe, mit denen Malik etwas anfangen konnte, aber sie klangen nicht schön und hörten sich nach etwas Negativem an. Gleich einem kleinen Karteikartensystem sortierte der Welpe die Begriffe in seinem Kopf beiseite und stürzte dann auf ein neues. Fliehen …
Als Shani verstummt war, schwieg auch Malik einen Moment und streckte sich glücklich über die Zuneigung seiner Oma. Dann erst drehte er sich vollends zu ihr herum, stupste seine Nase in ihr Brustfell und ruderte begeistert mit dem viel zu langen Schwänzchen.
„Oh, das klingt gaaaanz spannend! Wollen wir auch fliehen? Ich … wir könnten doch zur Höhle fliehen oder zu den Bäumen und dann kannst du mir erzählen von … dem anderen … Dings!“
12.09.2011, 10:58
“Man flieht nicht einfach so. Man flieht immer vor irgendetwas. Meist vor einer Gefahr. Wenn nun zum Beispiel plötzlich ein Bär auftauchen würde, dann müssten wir vor ihm fliehen. Fliehen ist also nie schön, weil man weggehen muss, obwohl man das gar nicht möchte. Aber wir können trotzdem zu den Bäumen gehen, wenn du willst.“
Damit erhob sie sich und fuhr ihrem Enkel noch einmal mit der Schnauze durch den wolligen Welpenpelz.
“Und da erzähle ich dir dann auch die Geschichte weiter, sie ist nämlich noch lange nicht zu Ende!“
Shani ging davon aus, dass Malik das mit der präzisen Umschreibung „Dings“ gemeint hatte. Langsam Pfote vor Pfote setzend, damit der Kleine auch mit ihr mithalten konnte, tappte die Weiße auf den Waldrand zu. Währenddessen prüfte sie aufmerksam die Luft, damit ihr auch keine Gefahr entging und war froh, dass die Höhle nahe des Waldes lag. So konnte sie sofort zurück sein, wenn ein weiterer Welpe erwachte. Mit einem Lächeln ließ sie sich neben dem ersten Stamm eines kahlen Laubbaums nieder und zuckte einladend mit der Rute.
“Gleich die Geschichte oder erst noch ein wenig Bäumebestaunen?“
Shani konnte sich nicht mehr erinnern, ob sie damals von Bäumen beeindruckt gewesen war. Sie hatte sie grün und voller Leben kennengelernt, da hatten sie freundlicher und einladender gewirkt. Vermutlich hätte sie vor diesen kahlen Gerippen eher Angst gehabt.
25.10.2011, 11:56
„Ich bin auch schonmal geflieht, Oma. Atalya hat nämlich gesagt, dass sie Isaí und mich an Fenris verfüttert. Und obwohl ich eigentlich bei Atalya bleiben wollte, weil sie mir vielleicht ein so hübsches Ohr machen wollte wie Turién ihr gemacht hat, mussten wir weggehen. Dann sind wir zur Höhle geflieht.“
Er war stolz darauf, dass er so gleich ein Beispiel für dieses mysteriöse Fliehen gefunden hatte und zudem gleich mit einer eigenen Geschichte hatte kommen können. Am tollsten war es doch ohnehin, wenn er und seine Oma sich abwechselnd Geschichten erzählen konnten. Er dachte an seine geheimste Geschichte, von der er nicht einmal Madoc erzählt hatte. Auch nicht seiner Mama, seinem Papa oder gar Isaí, niemand wusste davon. Dass in seinem Patengeschenk, seiner wunderhübschen Muschel ein kleiner weißer Wolf wohnte, der nicht sprechen konnte. Und der nur dann auftauchte, wenn Malik die Muschel anschaute. Zumindest ging er davon aus, denn wenn er weglief und zu ihr zurückblickte, wurde auch der kleine Wolf immer winziger und war irgendwann nicht mehr zu sehen. Vielleicht musste er ja auch vor etwas fliehen. Aber er kam auf jeden Fall immer wieder zurück wenn Malik kam. Der Welpe lächelte versonnen und wurde sich erst dann bewusst, dass seine Oma ihn etwas gefragt hatte. Bevor er antwortete, kuschelte er sich wieder an den warmen Körper Shanis und sah äußerst zufrieden zu ihr auf.
„Geschichte!“, bestimmte er strahlend.
Er würde seine Geschichte noch ein bisschen für sich behalten, beschloss er. Vielleicht wenn die Geschichte seiner Oma zu Ende war, dann konnte er vorsichtig erklären, dass in seiner Muschel ein kleiner Wolf saß. Er wollte nicht, dass ihn jemand verscheuchte, ja vielleicht sogar verfliehte oder wie auch immer man das dann bezeichnen konnte. Das war allein sein Wolf, sein Freund, mit dem niemand sonst sprechen durfte, weil er nämlich in seiner Muschel wohnte.
13.11.2011, 11:04
“Stimmt genau, da musstest du fliehen. Allerdings war das nicht sehr nett von Atalya. Und du solltest dir lieber nicht so ein Ohr wünschen, das tut nämlich sehr weh, wenn Atalya das macht.“ Ob das nun überzeugend genug gewesen war? “Übrigens heißt es „geflohen“. Du bist schon einmal geflohen.“
Shani hatte die Sache mit Atalyas Ohr, das von Turién eingerissen worden war, nur am Rande mitbekommen und wusste deshalb auch nicht, wie es dazu gekommen war. Trotzdem würde sie nun sehr genau darauf achten, wer sich ihren Enkeln näherte und wenn jemand ihnen das Ohr verbeißen wollte, dann würde sie demjenigen aber was erzählen. Vorerst gab es allerdings keinerlei Bedrohung für Maliks Ohr und so konnte sie sich ganz darauf konzentrieren, die Geschichte von der Geburt seines Vaters weiterzuerzählen. Angekuschelt an seine Oma würde ihm sowieso niemals etwas passieren.
“Nun waren wir also in den Bergen – dein Opa Hiryoga, ich und das ganze Rudel. Dort oben war es bitterkalt und es lag so hoher Schnee, dass du darin versunken wärest. Der ganze Malik wäre dahinein gefallen und einfach weg. Wir konnten nur schwer laufen und kaum jagen. Deshalb hatten wir oft Hunger und vor allem auch Heimweh. Heimweh bekommt man, wenn man aus seiner Heimat fliehen musste und dorthin zurückmöchte. Aber wir konnten ja nicht zurück und so blieben wir oben in den Bergen. Aber zum Glück wurde es irgendwann schöner. Denn dein Opa Hiryoga und ich mochten uns sehr gerne und deshalb wurde ich irgendwann trächtig. Das bedeutet, dass Welpen in mir wuchsen, die ich auch irgendwann in einer Höhle ganz weit oben zur Welt gebracht habe, so wie deine Mutter dich und deine Geschwister geboren hat. So kam dein Papa Jakash zur Welt und deine Tanten Rakshee, Kursaí, Sharíku und Ahkuna. Sie wurden also nicht so wie du hier im Tal geboren, sondern in einer unbekannten, feindlichen Welt, in der es uns nicht gut ging. Trotzdem hatte ich sie natürlich sehr lieb. Das Problem war allerdings, dass das Rudel nichts von ihnen wusste, denn Banshee hatte uns damals gesagt, dass wir in den Bergen keine Welpen bekommen sollten. Da ich mich somit ihren Worten widersetzt hatte, hatte ich große Angst davor, dass sie böse sein würde. Deshalb kannte dein Vater sehr lange keine anderen Wölfe, als seine Eltern und seine Geschwister.“
Shani hielt inne um Malik nicht zu überfordern. Das waren sicher wieder eine ganze Menge Informationen und neuer Wörter, die er verstehen musste und vielleicht wollte er auch bei etwas nachfragen.
25.11.2011, 22:34
Nickend zeigte er, dass er die Wortkorrektur verstanden und verinnerlicht hatte und wollte gerade mit seiner Bitte herausrücken, als er durch die Fortsetzung der Geschichte gezwungen wurde, sich wieder ganz auf Shani zu konzentrieren. Schon der Anfang – und die Überlegung, dass Schnee ihn verschlingen könnte – sorgte dafür, dass dem kleinen Weißen das Mäulchen vor Staunen aufklappte. Er hätte das gern gesehen, aber zugleich war er auch mehr als froh, dass der Schnee hier noch sehr klein gewesen war, als er sich aus der Höhle getraut war. Oh ja, als er gekommen war, war der Schnee verschwunden, während es da oben in den Bergen andersrum zu sein schien. Durch seine Gedanken verpasste er einen kleinen Teil der Worte, die seine Oma erzählte und hörte erst wieder vollständig zu, als sie meinte, dass es schöner wurde.
Was nun folgte, war für Malik ein ziemlich großer Schock. Allein mit dem Begriff „trächtig“ konnte er nichts anfangen, er klang nicht besonders nett. Aber wenn er doch im Zusammenhang mit „schön“ stand … dann riss der Kleine die Augen so weit auf, wie es möglich zu sein schien. In seiner Oma waren Welpen gewachsen, weil sie … weswegen noch gleich? Nicht, dass es erschreckend genug war, dass Welpen wie er einfach in seiner Oma wuchsen … IN seiner Oma! Nein, die machten das auch noch einfach so, weil sein Opa und seine Oma sich gern gehabt hatten! Entgeistert starrte Malik die Weiße an und vergaß dabei völlig, dem Rest ihrer Erzählung zu lauschen. Voller Angst erwartete er, dass jeden Moment ein Welpe aus ihrem Maul kommen könnte, schließlich hatte er – Malik – seine Oma ja auch gern. Und wenn dann jedes Mal Welpen in ihr wuchsen, wenn sie gern gehabt wurde, passierte doch bestimmt gleich so etwas.
„Wachsen jetzt auch Welpen in dir, weil ich dich gern hab?“, fragte er bestürzt.
Dann fiel ihm etwas noch viel schrecklicheres ein: Was, wenn jetzt auch in ihm Welpen wachsen wollten, weil ihn seine Oma gern hatte? Oder überhaupt, alle Wölfe hatten ihn doch gern! In ihm würden so viele Welpen wachsen, dass er ganz dick, unförmig und nicht mehr hübsch aussehen würde und wahrscheinlich würde er irgendwann platzen. Panisch winselte er und vergrub die Schnauze unter seinen Vorderpfoten, kniff die Augen zu und fiepte. Er wollte nicht, dass irgendwelche Welpen in ihm wuchsen! Dann sollte ihn besser niemand mehr gern haben; ja, dieses Opfer war er bereit zu bringen.
„Omaaa, du darfst mich nicht liebhaben! Ich will doch nicht, dass in mir ganz viele Welpen wachsen weil … ich hab doch gar nicht so viel Platz!“, versuchte er wimmernd klarzumachen, was gerade sein schwerwiegendes Problem war.
08.06.2012, 14:14
“Aber nein, Malik, keine Angst. So einfach geht das nicht. Man muss natürlich schon lieb gehabt werden um Welpen zu bekommen, aber das alleine reicht nicht aus. Zum einen muss man eine Fähe und ein Rüde sein, denn nur durch zwei unterschiedliche Geschlechter können Welpen entstehen. Außerdem wachsen nur im Bauch einer Fähe Welpen, Rüden so wie du können gar keine Welpen bekommen. Und zum anderen reicht nur das Liebhaben eben nicht aus. “ Ohje, jetzt würde es richtig schwierig werden, aber da musste sie wohl oder übel durch. “Man muss sich auch auf eine ganz besondere Art und Weise nahekommen, so wie sich nur zwei in etwa gleichaltrige Wölfe nahekommen. Wir beide könnten das gar nicht. Und die Fähe muss bereit dazu sein, also wirklich Welpen bekommen wollen. Einfach so können keine Welpen wachsen.“
Etwas unglücklich hielt Shani inne, keine weiteren Worte für dieses ganze komplizierte Thema findend, obwohl es selbst in ihren Ohren nicht komplett nachvollziehbar klang. Aber mehr konnte sie nicht erklären und vielleicht hatte sie ja Glück und Malik würde sich damit zufrieden geben. Aufmunternd stupste sie ihn an.
“Also brauchst du wirklich keine Angst zu haben. Du wirst niemals Welpen in deinem Bauch haben.“
In Shanis Ohren klang das zwar eher traurig, zumindest, wenn so etwas jemand zu ihr sagen würde. Immerhin war Welpenbekommen das Schönste, was einer Fähe passieren konnte, aber für Malik war das schon richtig so.
13.06.2012, 22:35
Aber nun wurde es spannend. Er bemerkte, wie seine Oma ins Stocken geriet und nach den richtigen Formulierungen suchte und witterte eine erneute, spannende Geschichte hinter ihren Erklärungsversuchen. Die Angst war schon fast wieder vergessen, was folgte war riesengroße Neugier. Nur etwa gleichaltrige Wölfe … na da hatte er ja nicht so viel Auswahl. Oder seine Schwestern hatten nicht so viel Auswahl.
„Dann kann aber nur Taleesha Welpen von mir bekommen, weil ich Tinca nicht lieb habe.“, erklärte er frei heraus und lächelte.
Das war ihm ganz recht so. Wie das alles funktionierte, konnte er sich nicht vorstellen, aber in seiner Vorstellung würde er das schon irgendwie erfahren, wenn seine Schwester auch „bereit“ war, Welpen zu bekommen, so wie seine Oma das erklärt hatte. Und ihm war klar, dass sie das nicht so toll finden würde, dass er Tinca nicht lieb hatte. Aber so war es nun einmal und deshalb würde es nicht funktionieren, wenn er mit ihr zusammen Welpen haben wollte. Wieso brauchte man nun eigentlich einen Rüden dafür? Er legte den Kopf schief, kam aber nicht zu seiner Frage – zum Glück für Shani – weil sie ihn anstupste und nochmals beruhigend versicherte, dass er nicht platzen würde. Er lächelte ihr zu und erwiderte ihre Aufmerksamkeit mit einem Stupser gegen ihre Lefzen, so unbeschwert wie ganz zu Anfang.
„Das ist eine komische Sache. Entscheiden Mama und Papa denn, ob wir Rüden oder Fähen werden?“, sprach er eine Frage aus, die ihm soeben durch den Kopf geschossen war.
Es gab so unendlich viel, was er seine Oma fragen konnte, dass er befürchtete, sich gar nicht alles merken zu können. Am liebsten hätte er alles sofort ausgesprochen, sobald sich die Worte in seinem Kopf zu einer Frage formten, doch dann hätte er Shani am laufenden Band unterbrochen. Er war so unendlich froh, dass sie sich die zeit nahm und ihm alles in Ruhe erklärte, ohne dass dabei seine Geschwister auftauchten und die wertvolle Zeit mit ihr störten. Deshalb übte sich der Welpe auch weiter in Geduld und wartete brav auf die Antworten, die sicherlich kommen würden, ehe er weiterdachte.
06.09.2012, 11:14
“Oh nein, weder Taleesha noch Tinca können Welpen von dir bekommen, weil sie ja deine Geschwister sind. Geschwister, genauso wie Eltern oder Großeltern oder andere Familienmitglieder liebt man auf eine andere Art und Weise, als nichtverwandte Wölfe. Du kennst momentan nur die eine Art von Lieben, aber wenn du älter wirst, liebst du sicher irgendwann auch noch auf die andere Art und dann verstehst du auch den Unterschied. Nennen wir sie Familienliebe und Freundeliebe. Familienliebe hast du schon ganz viel und du wirst auch familiengeliebt. Aber Freundeliebe wirst du erst noch kennenlernen und noch hat dich niemand freundelieb.“
Diesmal befand Shani, dass sie ihre Sache sehr gut gemacht hatte, diese Erklärung klang für sie absolut einleuchtend. Aber Malik würde bestimmt einen Haken entdecken, er hatte einen viel zu flinken Verstand, um nicht immer neue Fragen zu finden. Außerdem wären da noch Averic und Tyraleen, die die ganze Erklärung Shanis zunichtemachen könnten … ohje, warum war die wirkliche Welt nur so furchtbar kompliziert und die ganzen logischen Erklärungen, die man als Welpe erzählt bekam, zwar durchaus richtig, aber eben doch nie wirklich eintretend? Sie konnte nur hoffen, dass Malik noch nichts davon mitbekommen hatte, dass Averic und Tyraleen Geschwister waren. Apropos Geschwister … da war ja noch die Sache mit Tinca.
“Es ist aber sehr schade, dass du Tinca nicht lieb hast. Warum hast du sie denn nicht lieb?“
Zu Shanis Glück schienen sie sich jetzt endgültig von dem wirklich schwierigen Part des Themas entfernt zu haben und auch Malik war wieder unbeschwert und fröhlich, weder ängstlich noch all zu verwirrt. Bei seinem Lefzenstupser haschte sie sanft nach ihm und freute sich dann über seine nächste, endlich leicht zu beantwortende Frage.
“Nein, Eltern können nicht entscheiden, ob ihre Welpen Rüden oder Fähen werden. Das entscheiden die Götter und sie machen jeden Wolf zu dem, was er gerne wäre. Mich hat Engaya zu einer Fähe gemacht, weil ich Welpen so gerne habe und unbedingt welche bekommen wollte. Bist du auch zufrieden mit Engayas Entscheidung, dich zu einem Rüden zu machen?“
Die Weiße hoffte schwer darauf, dass Malik diese Frage bejahen würde, denn andernfalls wüsste sie nicht so richtig, was sie sagen sollte. Götter fällten keine falschen Entscheidungen.