Jumaana
04.03.2011, 06:42

Die Blicke der Weißen schweiften ziellos umher, ihr Kopf war wie leergefegt. Mit zaghaften Schritten bahnte sie sich einen Weg zwischen den dicht aneinandergereihten Baumstämmen, ohne wirklich darauf zu achten, wo sie hinlief. Sie hatte kein Ziel, es gab nichts zu erledigen. Sie war nicht glücklich, aber sie trauerte auch nicht. Der Wind fuhr ihr flüsternd durchs Fell und begrüßte sie wieder und wieder wie einen alten Freund, den er lange Zeit nicht gesehen hatte. Es war kurios, dass der Wind so interessante und wunderschöne Geschichten zu erzählen vermochte, während Jumaana es nicht einmal schaffte, ihren Patensohn mit ihren Erzählungen auch nur annähernd zufrieden zu stellen. Sie hatte das Gefühl, ihn zu belügen, jedes Mal, wenn sie ihm etwas erklärte. Als wäre sie eine Heuchlerin, die versuchte, ihm das Leben möglichst schmackhaft zu machen. Aber die Wölfin wusste, dass dies ein Fehler war. Das Leben war nicht einfach, das Leben war nicht schön. Und eigentlich war sich Cirádan dem durchaus bewusst, doch er bemerkte es einfach nicht. Er war einfach noch zu jung, um das alles zu begreifen. Die Magie, den Glauben, die Hoffnung. Nicht einmal Jumaana begriff es.

In der Ferne leuchtete das Antlitz ihrer Schwester auf. Endlich. Eine Stimme, zart wie der Flügelschlag eines Schmetterlings, flatterte durch ihre Gedanken und echote in ihrem Kopf – immer und immer wieder. Es war ein schwacher Ersatz für das, was einst war, aber in jedem Falle besser als nichts. Mit einem leisen Seufzen bewegte sich die Grünäugige auf die Wölfin neben einem hohen Felsen zu, wagte es, ihr ein kleines Lächeln zuzuwerfen. Einige Meter vor ihrer Schwester bremste sie abrupt und starrte die andere wie eine Fremde an. Ein Lächeln flog über ihr Gesicht, verblasste ebenso schnell, wie es aufgetaucht war. Ich liebe dich, Majibáh, ich liebe dich. Die Stimme flatterte weiter durch ihren Kopf, hell und klar wie ein leises Glöckchen.

Majibáh
29.03.2011, 16:02

Majibáh lag auf der Seite, ihr Körper hatte sich zu einem Kreis zusammengelegt und ihr Kopf ruhte auf ihren dicht befellten Pfoten. Ihre Augen waren geschlossen, hinterließen sie in ihrer Gedankenlosigkeit. Aber obwohl sie sich endlich seit Langem wieder richtig wohl fühlte, vermisste sie die Gesellschaft von anderen Wölfen. Gespräche, auch wenn sie noch so belanglos sein mochten. Eine merkwürdige Tatsache, wo sie doch die Unterhaltungen vorzog, in denen es ein tiefes Thema gab, über das man ewig und darüber hinaus diskutieren konnte. Wahrscheinlich lag es einfach daran, dass man es ihr nicht erlauben sollte viel Zeit zum Nachdenken zu haben, oder daran, dass sie immer wieder Bestätigung brauchte.
Zu Beginn war es nur ein Hauch von Wut auf sich selbst, der in ihr aufkeimte, doch er war wie ein Funke, der sich entfachte, er breitete sich in ihrem ganzen Körper aus. Sie musste einfach lernen, auch selbst auf andere zuzugehen, weil sie es nicht immer erwarten konnte, dass andere es für sie erledigten. Als ob sie das einzige Tier hier wäre, dass ein bisschen unter seiner Schüchternheit litt. Augenblicklich stemmte sie sich in die Höhe, stand fest auf ihren Beinen, immerhin konnte sie sich nicht über ihre Gesundheit beklagen, genauso wenig wie über ihren seelischen Zustand. Langsam schoben sich ihre Lider nach oben, gaben die Sicht frei auf - Jumaana. Nur wenige Meter von ihr entfernt. Es schien so, als hätte sie die Weiße gerade eben selbst aufsuchen wollen. Natürlich erleichterte ihr das alles, aber sie nahm sich vor, sobald es ging wieder an ihrer Offenheit zu trainieren. Daran, dass sie überhaupt eine entwickelte.
Sofort riss sie sich wieder aus ihren Gedanken, trat ein bisschen auf ihre Schwester zu. Dann stockte sie, nur wenige Bruchteile von Sekunden, ehe sie sich wieder in Bewegung setzte. Näher und näher, bis sie dicht bei der Fähe stand und ihren Geruch wieder in sich aufnehmen konnte. Es war nicht nötig irgendetwas zu sagen. Das war es nie gewesen. Trotzdem, eine Frage brannte auf ihrer Seele, sie musste sie einfach aussprechen, weil die Antwort ihr so wahnsinnig wichtig war und sie in jeden nur erdenklichen Gefühlszustand versetzen konnte. Ihre Stimme klang sanft an und so endete sie auch. Zärtlich und liebevoll, etwas anderes wollte sie gar nicht vermitteln. Nicht jetzt.

„Wie geht es dir?“