Atalya
02.01.2010, 13:58

Es war einige Zeit vergangen, der Sommer im Tal, heiß, trocken und sonnig noch in vollen Zügen genossen, so wie es in den Bergen nicht möglich gewesen war. Das ganze Rudel hatte sich gemeinsam aufgemacht und hatte das Revier markiert, lange Tage der Wanderung, die jedoch weder von Eile noch von dem Gedanken auf ein böses Ende geprägt wurde. Damit unterschied sie sich ganz und gar von der, die sie in ihr Tal hinabgeführt hatte und war ausgelassen und fröhlich. Die Wölfe lernten das Tal kennen, alte Wege wurden wieder vertraut und bald konnten jene Mitglieder, die bereits vor dem Jahr in den Bergen bei ihnen gewesen waren, jeden Baum und jeden Stein wieder in und auswendig so wie jeder Wolf sein Revier kannte. Das Tal war wieder verwebt mit ihren Gerüchen, die des alten Rudels ausgemerzt mit einer fröhlichen Verbissenheit. Die Verletzungen waren geheilt, bei manchen waren Narben geblieben aber das war schließlich das Einzige, was von dem Kampf übriggeblieben war.
Es war Herbst geworden, die ersten Blätter färbten sich feuerrot und leuchteten grell zwischen dem noch immer grünen Gras und ihren noch nicht verfärbten Brüdern hervor. Es war ein milder Herbst, kein kalter Wind fegte durch das Tal und die Sonne lachte vom Himmel, verdrängte jede Wolke, die Regen oder Sturm bringen könnte. Den Wölfen ging es gut, viel Beute ließ sich finden und endlich wurde auch das schwächste Mitglied wieder kräftiger. Nach Art der Wölfe traten die schlimmen Erinnerungen an die Zeit in den Bergen in den Hintergrund, jetzt, da sie es wieder gut hatten.
Ein schöner Herbstmittag, die Sonne schien warm und nicht zu heiß, allerlei Gefiederte tummelten sich auf dem Sternensee, noch nicht willig zu ihrer langen Wanderung in den Süden aufzubrechen und der Wald lag ruhig und nur ab und an im Wind eine Krone schwingend da. Nyota und Banshee hatten beschlossen, endlich mit der Einweisung der Welpen zu beginnen, sie sollten die Welt kennenlernen und ebenso von ihren Göttern erfahren. Zu diesem Zweck hatten sie Gruppen gebildet, die sich nun herumtreiben durften, wo immer sie wollten.

Gruppe 1: Rakshee, Banshee, Sheena, Tyraleen, Midnight, Aszrem, Averic, Akru
Gruppe 2: Jakash Caiyé, Nyota, Zack, Amáya, Face Taihéiyo, Ninniach Favéll
Gruppe 3: Kursaí Akihiko, Takashi, Jumaana, Amiyo. Isis, Linné, Cumará Tumaan, Kensharion
Gruppe 4: Ahkuna Caiyé, Tyel Tinuviel, Kaede, Urion, Kandschur Yiga, Ilias, Nienna Singollo, Sania
Gruppe 5: Sharìku, Lunar, Hiryoga, Shani Caiyé, Liam, Aradis, Kisha, Daylight


Die tiefen blauen Augen öffneten sich. Sie sahen die Welt so eindeutig und bunt, dass es fast erschreckend war.

Die kleine Welpin zitterte am ganzen Leib. Der Kampf war vorüber, und dennoch wollten die Bilder in ihrem Kopf einfach nicht verschwinden. Das Erlebte war intensiv, wenn auch sie nicht direkt dabei gewesen war. Sie hatte es gesehen, gesehen mit ihrem intensiven Blick. Sie hatte es auch gerochen, vernommen, dass es sich um Blut handeln muss. Sie hatte es gehört und vernommen.

Der dunkelgraue Körper wollte einfach nicht still halten. Er sprach die Worte aus, die niemals aus ihrer Schnauze hervorkommen würden. Von einer argen Angst gepackt sprang sie auf und sah sofort zu ihrem Vater hoch. Ihre Augen zeigten deutlich, dass ihre Angst überhand nahm und die Panik größer wurde.

.oO(Papa, sie kommen doch nicht wieder, oder? Mama, sag doch, es passiert nicht wieder.)

Hören konnte sie keiner. Verstummt waren ihre verzweifelten Worte. Sharíku bewegte sich auf ihre Mutter zu, und bevor sie sich zu ihr hinlegte, starrte sie sie an. Konnte sie erkennen? Verstand sie, was ihr Kind dachte? Sie drückte sich an die Vorderläufe ihrer Mutter.


Shani Caiyé saß zwischen den anderen Mitgliedern ihrer Gruppe und fühlte sich ein wenig unsicher. Sie waren so eingeteilt worden, sicher eine ganz tolle Idee, aber was sie nun genau tun sollten, wusste sie nicht. Niemand in ihrer Gruppe war ein Wolf, der gerne mal die Führung übernahm und einfach irgendeine Idee aus dem Ärmel zauberte. Hiryoga war an ihrer Seite und auch Lunar sollte hier irgendwo sein, ansonsten war ihr nur noch ein Welpe geblieben. Sie war froh, dass Sharíku ihr gelassen wurde, die Kleine war so ängstlich und zurückgezogen, alleine bei ihrem Paten wäre sie sicher unglücklich gewesen. Andererseits hatte nie viel Wissbegieren aus ihrem Blick gesprochen und auch war sie nie die Tochter gewesen, die die Welt erkunden wollte. Shani fühlte sich ein wenig fehl am Platze. Ihre Tochter zwischen ihren Vorderläufen zitterte und schien noch immer ängstlich, doch die Weiße wusste selbst nicht so genau, was sie tun sollte. Immer wieder fuhr sie ihr mit der Zunge über die Stirn und den wolligen Rücken, barg sie zwischen ihren Pfoten aber wusste sonst nicht viel zu tun. Andererseits erinnerte sie sich an ihre Frohnatur, die sie immer gewesen war und die ihr erst in der Zeit in den Bergen langsam abhanden gekommen war. Wenn niemand etwas sagte, würde sie das eben machen. Aradis war bei ihnen, die kannte sie schon, auch wenn eher aus schlechter Erinnerung. Dazu zwei von Hiryogas Geschwistern und ein ganz Neuer, Liam hieß er. Er schien ganz nett, wenn auch ruhig.
Shani gab sich einen Ruck und strahlte in die Runde, stupste ihre Tochter auffordernd an und funkelte jeden aus freundlichen, leicht schräg stehenden Mandelaugen an.

“Es ist ein so schöner Herbsttag und wir sind gemeinsam im Frieden im Tal. Sollten wir da nicht etwas anderes tun, als stumm herumzusitzen? Kisha, Daylight, ihr seid doch sonst so fröhlich und wirbelt immer herum! Ihr könntet meiner kleinen Tochter sicher sehr viel zeigen. Oder Liam, bist du nicht schon weit gereist? Erzähl doch etwas, ich weiß erst so wenig über dich.“

Ihre Rute schwang fröhlich hin und her und forderte jeden dazu auf, mit ihr fröhlich zu sein. Das war ja sonst nicht auszuhalten. Außerdem wollte sie, dass Sharíku von ihrer Angst abgelenkt wurde, das ganze sollte schließlich ein lehrreicher Tag für sie werden. Und Shani wollte, dass ihre Welpen die Welt sahen und verstanden um all das wett zu machen, was sie oben in den Bergen verpasst hatten.


Die Dunkelgraue sah zu ihrer Mutter hinauf. Ihre beruhigenden Gaben halfen ihr ein Stückweit aus der Erinnerung. Doch die Welpin spürte, dass ihre Mutter nicht völlig frei von Sorgen und Unglück war. Was belastete sie? Sahríku verstand es nicht, obwohl sie es hätte doch gerne begreifen wollen. Die Erkenntnis, dass sie einfach noch zu jung für das Begreifen von Dingen war, machte sie traurig.
Und immer noch wollte das Zittern nicht weichen. Eine tiefe Angst hatte sie gepackt und mit sich genommen, die Angst zu verlieren, so wusste sie.
Die Lehre war geglückt, aber war sie so hilfreich? Das verlieren tat weh und die Angst darum umso mehr.

Die tanzenden Blätter spielten mit dem Wind. Die junge Fähe ließ sich etwas ablenken. Das Spektakel beobachtend glitt sie etwas aus ihrer Starre. Die Welpenneugier war größer und das schöne Bild verschaffte etwas Heimisches. Das Tal war prächtig. Herrlich lag der See in der Mitte und trug einige fliegende Wesen auf sich. Vögel. Still war das Wasser und so glanzvoll spiegelnd. Sharíku lächelte leicht. Ein seltsames Lächeln, geprägt von Angst und doch lag etwas Strahlendes darin. Hoffnung mochte man es nennen, Zuversicht. Etwas, was die Welpin dazu verleitete auf zu springen.

Sie legte den Kopf schief. Überlegte, ob sie den Blättern folgen sollte, die auf den See zu tanzten. Entschlossen kuschelte sie sich kurz an ihre Mutter, genoss das Gefühl, bei ihr zu sein. Sah zu ihrem Vater hoch. Schließlich noch zu ihrem Paten, Lunar. Versuchte deutlich zu machen, dass sie den Blättern folgen wollte.

.oO(Mama, sieh mal: die Blätter tanzen. Sie sind so schön und so bunt. Ich möchte mit ihnen tanzen. Tanzen mit dem Wind. Mama, Papa, darf ich?)

Die Worte ihrer Mutter erreichten sie, bevor sie los jagen konnte. Lächelnd drehte sie sich zu der kleinen Gruppe um und hob eine kleine Pfote, deutete auf die tanzenden Blätter.

.oO(Lasst uns den Blättern folgen. Sie tanzen doch so herrlich.)

Die junge Fähe wusste genau, dass ihre Gedanken nie einen anderen Wolf erreichen würden. Stumm dem hingegeben lauschte sie. Die blauen Augen versuchten ihre Mutter aufzumuntern, zeigten, dass Sharíku gerne jagen würde.

.oO(Es kann mich keiner hören. Sie hören mich nicht. Ich würde doch so gerne Mama sagen, dass ich sie liebe und sie wieder ehrlich lächeln soll. Und Lunar soll mit mir jagen. Den tanzenden Blättern hinterher. Guckt sie euch doch an, ist es denn nicht schön?)


Aradis hatte schon eine ganze Weile lang dagelegen. Den Kopf auf ihren Pfoten gebettet lag sie da und beobachtete das Spiel des Windes mit den bunten Blättern. Was war denn hier für eine Stimmung? Auf Shanis Aufforderung lächelte sie sie an. Viel war seit ihrem letzten Treffen passiert. So viel... auch die Welpen hatten sich verändert. Sie waren größer und stärker geworden. Alles hier war schön. Sie träumte vor sich hin, schloss manchmal die Augen und summte leise. Sie liebte die Anwesenheit der Wölfe. Niemad verlor ein Wort. Diese Stille wäre für manche Wölfe vielleicht drückend gewesen, Aradis genoss sie einfach. Sie schlug ihre smaragdgrünen Augen auf und sah sich nocheinmal um. Da saß sie. Sharíku. Oh, sie liebte einfach Welpen. Sharíkus Augen sprachen Bände. Sie folgten den Blättern, die sich im Wind drehten fasziniert, und Aradis dachte an ihre Welpenzeit zurück. Hatte sie den Blättern nicht genauso nachgestarrt? Es war schon eine tolle Sache, den bunten Blättern zuzuschauen, wie sie den Weg von den Bäumen runter auf den Boden meisterten. Sie fielen nicht einfach runter, wie ein Apfel. Sie flogen elegant, getragen vom Wind auf die Erde und ließen sich schon fast majestätisch nieder. Sie lächelte. Sharíku. Ein schöner Name. Niemand spielte mit der kleinen Fähe. Was zum Teufel war hier igentlich los? Wollten sie der Kleinen nicht etwas erzählen? Sie seufzte leise. Sie wusste nicht, was sie machen sollte.

.oO(Bei Engaya, stell dich doch nicht so an, Aradis! Es ist doch ganz einfach! Spiel mit ihr, das lieben Welpen, und es ist egal, ob sie stumm sind oder lachen können!)

sagte eine innere Stimme. Aradis musste lächeln. Natürlich. Sie stand vorsichtig auf und ging ein paar Schritte auf Shani und ihren Welpen zu. Sie bliebt unsicher stehen, doch dann ging sie weiter.

"Möchtest du die Blätter zum Tanzen bringen? Oder sie jagen? Komm, wir spielen ein bisschen, wenn du willst!"

sagte sie freundlich und blickte auf die kleine dunkelgraue Fähe hinab. Ein Blatt flog auf ihre Nase zu, sie schnappte danach und lachte. Mochten Welpen nicht immer spielen? Sie hatte als Welpe immer gespielt. Sie sah Sharíku mit ihren grünen Augen aufmunternd an.


Die schöne weiße Wölfin Aradis nährte sich der kleinen Fähe. Die Dunkelgraue bemerkte, dass auch sie die Blätter aufmerksam beobachtet hatte. Leicht legte Sharíku den Kopf schief und strahlte. Die großen blauen Augen verrieten den ganzen Spaß, der in dieser Sache steckte. Die Blätter zum Tanzen bringen. Mit ihnen tanzen und sie jagen. Einfach den Wind im flauschigen Fell spüren und hören, wie es raschelte. Ja, das würde ein Spaß werden. Die kleine Rute begann sich rhythmisch zu bewegen. Wobei der kleine Körper mehr wackelte, als er eigentlich sollte. Ein letzter erforschender Blick, um festzustellen, dass ihre Mutter damit einverstanden war, dann preschte die kleine Welpin los. Vielleicht ein seltsamer Anblick, wie Sharíku, dessen Fell noch so wollig und fein war, damit doch so unbeholfen wirkte, so unbeschwert den bunten Blättern nachjagte.

Die kleine Graue wollte sich zu Aradis umdrehen, und plumpste prompt kopfüber auf den Boden. Benommen rappelte sie sich auf und schüttelte sich den Dreck aus dem Fell. Trotzdem lag ein leises Lächeln auf ihren Lefzen. Ein Lächeln, das vergessen wollte, welch Bilder ihr im Hinterkopf herumschwirrten.

.oO(Komm´ spiel mit mir! Jage mit mir die Blätter, Aradis. Komm´!)

Ausgelassen tobte die Welpin auf den See zu.


Aradis lächelte. Es war einbesonderes Lächeln. Es kam aus ihrem Herzen und stahl sich auf ihre geschwungenen Lefzen. Sie lächelte mit funkelnden Augen die kleine Fähe an, dann trabte sie ihr hinterher und wirbelte die Blätter auf. Als die Dunkelgraue sich zu ihr umgedreht hatte, oder vielmehr: es versucht hatte, war sie prompt hingeplumst. Aradis Schützerinstinkt war geweckt worden. Wie lange hatte sie nicht mehr richtig getobt? Jetzt bemerkte sie überrascht, dass es ihr Spaß machte.

"Sharíku! Puste mal in die Blätter hinein, dann lernen sie das Fliegen!"

lachte Aradis die Kleine an. Sie selber machte es vor, sie pustete ordentlich in einen kleinen Haufen, der am Rande des Waldes lag und die Blätter stoben auf. Vom Wind getragen flogen sie weiter, sie schwebten und wurden immer noch getragen, die warme leichte Brise durchfuhr das schöne wieße Fell der jungen Fähe und auch das der kleineren Fähe. Sie sah einfach zum Knuddeln aus. Sie sah noch sehr jung aus, eigentlich wie ein Wollknäuel. Sie hatte die kleine dunkelgraue Sharíku in ihr Herz geschlossen, als sie das Funkeln in ihren Augen gesehen hatte. Sie hatte sie schon davor als überaus toll empfunden, doch dieses Funkel hatte es einfach... in ihr verinnerlicht. Sie lachte die kleine Fähe an. Sie wandte ihren Kopf zum See und dann wieder zurück, um der Kleinen zu zeigen, dass sie zum See wollte. Nocheinmal schaute sie über die Schulter zum Rest der kleinen Gruppe zurück. Niemand kam mit ihnen. Sie lächelte erneut. Wenn sie nicht wollten... sie trabte langsam auf das Wasser zu. Selbst am Ufer, oder sehr nahe am Ufer, lagen noch verinzelt Blätter. Gelbe, orangegesprenkelte, rotgetupfte...

"Sehen sie nicht toll aus, Sharíku? Lassen wir sie ein anderes Element erkunden. Die Luft kennen sie schon, nun lernen sie das Wasser kennen. Siehst du dich? Hier, das ist wie ein Spiegel! Du siehst dich selber drinnen...!"

Aradis sah ihr weißes Fell und ihre grünen Augen etwas verschwommen, und dennoch ziemlich klar im See. Sie tupfte ihre Pfote in das nicht sehr kühle Nass und wandte sich, immer noch lächelnd der kleinen Welpin zu, und sah wieder auf den Kreis, der sich um ihre Pfote zog. Wasser war ein so schönes Element. Sie liebte es einfach. Sie nahm ein Blatt zwischen ihre Zähne und legte es auf die glatte Oberfläche.

"Versuch es auch einmal!"

ermunterte die Weiße die kleine Sharíku. Sie sah das Fellknäuel liebevoll an. Sie war eine tolle Fähe. Sie musste nicht sprechen. Man musste einfach aufmerksam sein und ihr tief in die Augen blicken, dann sah man, was sie sich wünschte. Aber ihre Augen schienen so viel älter als ihr Alter. Nein, jetzt nicht. Jetzt sah sie sie Freude in ihren Augen. Wenn jemandem so etwas aus den Augen strahlte- wie konnte man dann wiederstehen? Sie lachte die Fähe an, ihre Augen lachten mit.


Aradis tobte mit. Hatte genau so viel Spaß wie die Dunkelgraue. Das Herz machte einen Hüpfer und ließ die kleine Fähe noch ausgelassener springen und um die Blätter herumtollen. Und als sie sah, dass die große Weiße die Blätter zum fliegen brachte, versuchte sie es auch. Nur ihr Gelingen war nicht vom großen Erfolg gekrönt. Egal. Sie sprang einfach in den Haufen und wirbelte damit vereinzelt Blätter auf. Die prachtvollen Farben wurden zu einem Spiel. Sie tanzten um Aradis und Sharíku herum. Ausgelassen jagte sie zum See hin. Das Wasser war so klar und weit. Voller Erstaunen blickte die kleine Fähe auf den See hinaus. Die Natur, der Wald, der See, Engaya brachte so viele schöne Dinge hervor.

.oO(Spiegelbild?)

Das graue Gesicht mit den tiefen Augen sah auf Sharíku zurück. Stumm, so wie sie es doch selbst war. Die kreisartigen Bewegungen des Wassers, ausgelöst von Aradis, verschwammen ihr Bild. So verzerrt hatte sie die Welt noch nie gesehen und wunderte sich darüber. Eine verzerrte Welt, wie die des Kampfes. Eine weile starrte sie darauf. Versank ein wenig in Gedanken, erst als die schöne Weiße ein Blatt auf das nasse Element legte, suchte Sharíku den Weg in die Realität zurück.

.oO(Es treibt darauf. Wie schön. Es kann schwimmen!)

Schnell drehte sie sich um und suchte nach einem geeigneten Blatt. Es war noch zur Hälfte grün, aber an der rechten Seite konnte man schon eine gelbliche Färbung erkennen. Glücklich schnappte sie nach dem Blatt und trug es zum Uferrand. Wie auch schon Aradis, legte sie es auf die stille Oberfläche und ließ es treiben. Ab und an stieß es auf jenes, das die Weiße in auf das Spiegelbild gelegt hatte.

.oO(Es ist schön, Aradis.)

Ihre funkelnden Augen erkannten das Lächeln auf ihren Lefzen. Ein so schönes Lächeln. Den Kopf etwas schief gelegt stupste sie die Weiße an. Lächelte ebenfalls, nur mit ihren Augen. Eine seltsame Begegnung zweier Wölfe fand den Weg in eine Freundschaft. Unverstanden und trotzdem in festen Zügen. Die stumme Welpin hatte es nicht immer leicht, aber sie brauchte keine Worte, um ihre Welt zu erklären. Aradis hatte sie ein stückweit verstanden und das erfreute sie.

.oO(Wollen wir Freunde sein?)

Lange beobachtete Sharíku das Treiben der kleinen Segelschiffe, bevor sie der Ergeiz packte und sie selbst so treiben wollte. Mit einem kleinen Ruck prang sie in das kühle Nass. Ihr dünnes Fell legte sich flach an ihren schmalen Körper. Das Erscheinungsbild der kleinen Fähe war nun etwas traurig, aber ihre blauen Augen sprachen eine andere Sprache. Den beiden verfärbten Blättern hinterher tollend, kam sie immer weiter ins Wasser. Der Boden unter ihren kleinen Pfoten verlor sich. Etwas jappsend und Wasser schluckend versuchte sich die Dunkelgraue zu retten. Paddelartigen Bewegungen versuchten sie aus der brenzligen Lange zu befreien.

.oO(Der Boden ist weg, Aradis. Ich treibe nicht so, wie die Segelbote.)


Aradis sah der kleinen Fähe lächelnd zu. Wie sie ihr Spiegelbild angeschaut hatte... sie mochte dieses Wölfchen wirklich gerne. Sie sah Sharíku zu, wie sie sich selbst ein Blatt holte und es auf die Oberfläche legte. Auch dieses Blatt schwamm. Sie sah ihm lächelnd nach, wie es davon schwomm. Dann machte es plötzlich einen Platscher. Erschrocken schaute Aradis wieder zur kleinen Fähe. Ihre Augen waren groß geworden, als sie sah, was die Kleine da machte. Doch sie wollte keine Panik machen und außerdem Sharíku zeigen, wie man richtig schwamm. Sie tat zwar schon die richtigen Bewegungen, aber ihr fehlte einfach die Übung. Aradis hüpfte ebenfalls ins Wasser und paddelte auf die dunkelgraue Wölfin zu. Gleichmäßig ging ihr Atem, und ebenso gleichmäßig und scheinbar im Takt, paddelten ihre Pfoten durch das Seewasser. Geschmeidig glitt sie durch das Wasser. Es war so schön... Sharíku sollte es lieben lernen. Wasser war nicht nur schön, man brauchte es, um zu leben. Dank Engaya gab es hier sehr viel Wasser. Doch hatte Isis, die Fähe, die von sehr sehr weit her kam nicht erzählt, dass es nur wenig davon gab, dort, wo sie einst gelebt hatte? Ihre smaragdgrünen Augen lächelten in die wunderschönen Augen der kleinen vor ihr hilflos umherpaddelten Fähe.

"Sharíku! Halt dich fest! Du kannst nicht schwimmen, wie die Blätter... aber du wirst es bald können. Ich werde es dir beibringen! Aber jetzt halte dich einfach fest, dann schwimmen wir gemeinsam! Halt dich an meinem Nackenfell fest!"

sagte sie zur Fähe und drehte sich im Wasser so, dass die kleine Welpin sich festhalten konnte. Sie sah nicht ein, warum sie die Kleine schimpfen sollte. Welpen experimentierten gerne, das war etwas ganz natürliches in ihrem Alter. Lächelnd drehte die Weiße Fähe sich zu der Dunkelgrauen um.

"Ist es nicht einfach wunderbar?"

fragte sie, sehr leise. Sie liebte das Wasser. Dieses war auch nicht zu kalt, und es war angenehmr, im kühlen Nass umherzuschwimmen. Sie genoss jede Stunde, jede Minute und jede Sekunde hier im Tal in vollen Zügen.

"Na, sollen wir die anderen holen, damit sie mit uns spielen? Sonst haben die doch gar nichts zu tun. Wie langweilig... meinst du nicht auch?" , meinte sie lachend, dann fuhr sie mit lauterer Stimme an die anderen Wölfe fort "Shani, Hiryoga, Lunar, Liam, Daylight, Kisha! Was macht ihr denn noch da draußen? Kommt, und schwimmt mit uns!"

rief sie mit ihrer klaren Stimme. Ihre Stimme war so klar, wie die des Wassers um sie herum. Hoffentlich würden die jetzt auch kommen. Aber so einem Spaß konnte doch niemand wiederstehen...!


Die hektischen Bewegungen wurden schwächer. Ausdauer und Kondition hatte die junge Fähe noch nicht. Dafür aber eine gesunde Portion an Übermut. Das war nun echt nicht die beste Mischung, um sich in das Leben zu stürzen. Dennoch, es galt als ihr persönlicher Weg den sie beschreiten musste.

So damit beschäftigt nicht unterzugehen hatte Sharíku nicht bemerkt, wie auch Aradis in das Wasser sprang und mit einer gewissen Leichtigkeit zu ihr schwamm. Dankbar rettete sie sich auf den Rücken der großen Weißen, biss sich etwas hartnäckiger als gewollt in ihr Nackenfell. Nicht wissen, dass ihre Zähne nicht mehr so harmlos waren, wie sie es kannte. Langsam aber sicher war auch die Zeit für Sharíku als Welpe vorbei. Sie wurde älter, und ohne, dass sie hatte sich schon im Leben viel beweisen müssen. Weniger, als es ihre Geschwister taten. In erster Linie war es der Rücksicht ihrer Stummheit wegen.

Es war die Freude von Aradis, die die Welpin wieder aufmerksam werden ließ. Den Rhythmus der Schwimmbewegungen spürend, versuchte die kleine Fähe diese Bewegungen nach zu ahmen, im gleichen Takt. Die Worte der schönen Weißen bestätigte sie nur mit einem zaghaften Nicken. Es waren ihre Augen, die ihr deutlich erklärten, dass sie froh war, dass Aradis bei ihr weilte.

.oO(Mama, Papa, Lunar. Seht her, ich kann schwimmen. Aradis hat mir gezeigt wie es geht und nun kann ich es. Seht doch her. Seid ihr nun stolz auf mich? Ich habe endlich etwas Nützliches gelernt. Es wird sich beweisen, ich verspreche es. Mama, Papa.)

Stumm fanden ihre Gedanken den Weg ins Nichts. Es blieben Gedanken. Der kleine Fang ließ das weiße Nackenfell los. Noch unbeholfen, doch mit viel Zuversicht paddelte die junge Wölfin neben Aradis her.

.oO(Wenn ich meiner Freude doch nur mehr Ausdruck verleihen könnte.)


Sharíku hing an ihrem Nackenfell. Zum Glück hatte sie wirklich nur das Nackenfell, aber auch wenn sie etwas Haut erwischt hätte- es hätte der Schneeweißen nichts ausgemacht. Doch wo blieben die anderen? Dann merkte sie, wie sich die Dunkelgraue von ihr löste. Aufmerksam erforschte Aradis das Gesicht der kleinen Fähe neben ihr. Sie wollte etwas mitteilen. Doch was war es? Diesmal war es nicht ganz so leicht, es aus ihren Augen zu lesen, doch als sie dem Blick der Kleinen folgte, sah sie, dass diese zu ihren Eltern und den anderen sah. Aradis verstand nun. Und dann sah sie schließlich auch den Stolz in den Augen Sharíkus. Sie lächelte. Diese Wölfin hatte etwas besonderes. Wer das wohl schon bemerkt hatte?

"Sharíku, du bist es schon jetzt ein wenig und du wirst es, wenn du älter wirst, immer mehr werden: du bist besonders. Vergiss das nie. Und ich werde dir helfen. Immer. Wenn du Hilfe brauchst, dann komme ich. Deine Stummheit schränkt dich nicht ein, sie macht dir das Leben nur komplizierter, aber du wirst es schaffen. Ich weiß es."

sagte sie mit Bestimmtheit in der Stimme und ihre grünen Augen schauten in die blauen. Sie mochte die kleine Fähe wirklich gern. Und jeder, der ihr das Leben schwer machen würde, würde ihre Wut zu spüren bekommen. Sie musste lachen. Wie schnell Sharíku lernte! Sie ahmte ihre Bewegungen nach, und sie machte ihre Sache gut. Aradis lobte ihren ... ja, was war Sharíku? In der Zeit, die sie mit der Dunkelgrauen verbracht hatte, hatte sie einen Beschützerinstinkt entwickelt. Und auch für einen Welpen war dieser ungewöhnlich groß bei der Weißen. Sharíku war ihr Schützling geworden.

"Du machst es wirklich gut, Sharíku! Und mach immer wieder Pausen und halt dich an mir fest, du darfst es am Anfang nicht übertreiben. Sonst kannst du bald nicht mehr. Außerdem versuche, ruhig zu atmen. Es ist am Anfang schwer, aber du wirst es lernen. Du kannst es ja jetzt schon fast so gut wie ich! Paddeln- atmen- paddeln- atmen!"

meinte sie lachend und strahlte die kleine Fähe an.


Putzmunter wie immer hopste die Schwarze um die kleine Gruppe herum, den Kopf hoch erhoben und die Rute wild durch die Luft peitschend. Es war toll! Sie waren zurück in ihrem Tal, hier war es toll! Viel toller als oben in den Bergen, wo die ganze Zeit Schnee lag. Mit einer ruckartigen Bewegung änderte sie die Richtung, trabte nun mit fast springenden Sätzen um die Gruppe herum. Kisha hatte einfach gute Laune. Wie immer, eigentlich. Gelegentlich entfernte sich die Schwarze von dem kleinen Haufen, eilte jedoch immer wieder schnell zu ihnen. Als Shani etwas sagte, hielt die Fähe ganz plötzlich inne, blieb stehen und schaute die weiße Fähe an. Leise wuffend machte Kisha einen weiteren Satz zur Seite, belegte mit dieser Geste nur die Worte der Weißen.

“Na klar können wir das!“

Leider war sie nur etwas zu spät. Gerade wollte sie sich der kleinen Fähe zuwenden, als Aradis dies erledigte. Schade drum. Kishas Kopf neigte sich ziemlich weit zur Seite, während sie verwirrt in die Runde blickte. Jetzt hatten sie ja gar nichts mehr zu tun. Schmunzelnd sah sie zu Shani und dann zu den anderen. Ihr Blick blieb an Daylight hängen. Blinzelnd wandte sie schließlich den Kopf wieder ab, die weiße Fähe und die Welpen waren inzwischen beim See. Als Aradis sie alle dann schließlich rief, drückte sich Kisha auf den Boden. Wunderbar! Im Wasser spielen! Auffordernd wuffte sie den anderen zu, die bei ihr waren.

“Na los ihr Faulen! Bewegt euch! Bewegung tut gut!“

Mit einem kurzen Seitenblick zu Daylight drehte sie sich um und preschte auf den See zu. Nach einigen Sprüngen spürte sie schon das kühle Nass an den Läufen, ließ sich daraufhin prompt fallen. Kurz war ihr Kopf unter Wasser, ehe sie wieder auftauchte. Paddelnd hielt sich die Schwarze über Wasser. Hach, war das herrlich! Den Kopf hoch über das Wasser streckend wuffte sie noch ein Mal den anderen zu.


Das Spiel des Windes im Herbstlaub. Das sanfte fast vertraute Flüstern. Eine Erinnerung, wie aus einem halbvergessenen Traum.
Sie ließ ihre Seele mit einem Lufthauch verschmelzen, ließ sich davon tragen, hinauf ins endlose Blau des Himmels – dann zurück. Hinab. Im Sturzflug. Sie ließ das Laub im Kreise tanzen. Rundherum. Rundherum. Rot. Orange. Gelb. Die Farben verschmolzen miteinander, teilten sich erneut. Die Grashalme schienen sich vor ihr zu verbeugen. Ein einzelnes Blatt, dunkelrot, löste sich aus dem Strom, wurde von einem sanften Luftstrom erfasst und davon getragen. Weit fort. Es taumelte durch die Luft, wie ein Betrunkener. Betrunken von der Herrlichkeit, der Schönheit des wieder gewonnen Tals. Schließlich ließ der Wind von ihm ab. Es schwebte sanft, in leichten wellenförmigen Bewegungen hinab und landete, beinahe leichtfüßig auf der spiegelglatten Oberfläche des Sees. Daylight öffnete die honigbraunen Augen, ihr Blick folgte dem Blatt, das sanfte Kreise über die kristallene Fläche zog – wie ein Tanz schien es der jungen Wölfin. Ein Tanz im Einklang mit der Natur. Das Glied einer Kette. Der Teil eines viel größeren Ganzen.
Es war schön wieder hier zu sein. Schön und richtig. Blätter, Gräser, Bäume und Sträucher. Blumen, die ihre Blüten der Herbstsonne entgegenstreckten. Es waren nur leere Begriffe gewesen. Doch nun nahmen alle diese Worte plötzlich wieder Gestalt an. So als wusste sie plötzlich wieder, was sie bedeuteten.
Und doch – trotz all der Schönheit. Trotz der Zufriedenheit, die sie erfüllte, seit sie das Tal betreten hatte - war doch tief in ihrem Herzen eine schmerzliche Sehnsucht. Ein einsamer Wunsch, der wie ein Samen tief in ihr selbst zu keimen begann und irgendwann, wenn der Keim zu einer großen, prachtvollen Blume herangewachsen war, dann wusste sie, dann konnte sie ihrer Sehnsucht nicht länger standhalten. Sie würde zurückkehren. Würde ihren Frieden zwischen den grauen Felsen, den schroffen Hängen und der kargen Pflanzenwelt der Berge wiederfinden. Die Berge mit ihrer eigenen Schönheit – eine Schönheit, die nur sie und ihre Schwestern zusehen vermochten. Während ihres ersten Lebensjahres hatte Daylight die farblose Bergwelt kennen und lieben gelernt. Dort oben war sie dem Tod begegnet, sie hatte die Kälte gespürt, die Angst, die Einsamkeit, sie hatte gelernt zu kämpfen und sie hatte die Liebe zu ihrer Schwester gefunden. In dieser Zeit war das Regenkind wie ein anderer Teil von ihr selbst geworden – unersetzlich.
Die Berge waren ihr Zuhause – und sie würden es immer sein, egal, wie lange sie von einander getrennt sein würden. Auch sie waren ein Teil ihres Herzens. Sie würde sie nicht vergessen, auch wenn sie sie eine lange Zeit lang nur aus der Ferne würde betrachten können. Nirgendwo sonst konnte sie dem Himmel näher sein.

Daylight blinzelte und löste den Blick von der spiegelnden Wasseroberfläche in einiger Entfernung. Ihre Ohren spielten und ein strahlendes Lächeln erhellte ihre Züge. Kisha! Mit einem Satz war die kleine Wölfin auf den Pfoten, die trübseligen Gedanken fortgeblasen, als hätte der Wind sie mit sich genommen, wie das einzelne Laubblatt.
Sie spürte wie sich ihre Läufe wie von selbst in Bewegung setzten. Bald schon flog sie nur so über die federnden Grashalme hinweg. Es war so einfach. So schön nicht an morgen denken zu müssen - einfach nur glücklich zu sein.

„Kisha!“

Eine Wasserfontäne reflektierte das Sonnenlicht und malte für einige Herzschläge einen Regenbogen in die Luft, als die Kleinere ihrer großen Schwester in den See folgte. Das Leben war ein Spiel und Daylight würde dafür sorgen, dass sie es auch spielten.

„Fang mich, wenn du kannst!“

Ein glockenhelles Lachen erklang. Mit übermütigen Sprüngen, die ihr einen Moment das Gefühl der Schwerelosigkeit verliehen, umtanzte sie ihre Schwester, patschte mit der rechten Pfote durchs Wasser, nur um erneut einen Regenbogen in die Luft zu zaubern, der sogleich von einem Windhauch davongetragen wurde. Die leichten Wellen schlugen ihr gegen die Brust, als sie tiefer in den See hineinwatete. Das kühle Nass liebkoste ihren Pelz, der nun vollständig weiß war. Es gab nur Kisha und sie. Und ihr Spiel.
Alles war gut.


Wie ein junger Hund planschte Kisha im Wasser herum, bemühte sich, nicht unter zu gehen, wenn sie ein Mal vergass, zu paddelnd. Das war alles so perfekt! Sie konnten sich austoben, mussten nicht aufpassen, dass sie irgendwo herunter fielen oder sonst etwas. Aber eine Frage brannte in ihrem Kopf. Wie ging es wohl dem Krabbelkäfer? Lebte der wohl noch? Das war wirklich eine sehr interessante Frage. Wäre sie nicht durch die anderen abgelenkt gewesen, hätte sie nun darüber nachgedacht. Aber unter diesen Umständen.. immerhin musste sie die anderen dazu animieren, mit herum zu planschen. Ein freudiges Jaulen von sich gebend machte die Schwarze ein paar Runden, blieb jedoch fast an der selben Stelle wie zuvor. Selbst wenn ihr kalt geworden wäre, hätte man sie wahrscheinlich nicht aus dem Wasser heraus bekommen. Dafür machte dieses ganze herum geplansche einfach viel zu viel Spaß. Als jemand ihren Namen rief, drehte sich die Fähe verwirrt um sich selbst, paddelte immer weiter wild mit den Läufen durch das Wasser.

"Ja? Was is'?"

Die braunen Augen der dunklen Fähe erblickten ihre Schwester, die am Wasser stand und mit eben diesem spielte. Na also! Endlich bewegte sich jemand zu ihr. Und das dies Daylight war, breitete ein Grinsen auf ihren Lefzen aus. Herrlich, wunderbar! Perfekt! Als ihre Schwester sich ins Wasser wagte, und sie selbst aufforderte, sie zu fangen, ließ Kisha sich dies natürlich nicht zwei Mal sagen. Wie gestochen schwamm sie auf die Braune zu, kämpfte gegen das Untergehen an.

"Ich krieg dich! Ich krieg dich!"

Trotz dessen, das sie nicht schnell vorran kam, war sie sich dessen ziemlich sicher. Sie verfolgte Daylight, und so leicht würde sie Fähe sie nicht mehr loswerden. Aber das wollte bestimmt nicht Mal.


Und plötzlich kam Leben! Shani Caiyé beobachtete fasziniert, wie sich Aradis plötzlich aufraffte und mit ihrer Tochter zu spielen begann. Als die beide zum See kamen, wollte die Weiße ihnen folgen, hatte sie doch kurzzeitig Angst um Sharíku, dann aber nahm Aradis die Kleine auf den Rücken und machte den Eindruck, gut auf sie aufzupassen. Die junge Mutter entschloss sich, Aradis zu vertrauen, sie würde sicher gut auf ihre Tochter aufpassen. Ihr würde nichts geschehen und Sharíku tat es sicher gut, endlich mal von ihrer Mutter wegzukommen und mit anderen Rudelmitgliedern in Kontakt zu kommen. Auch Kisha wurde munterer, tanzte um sie herum und Daylight am See rief ihnen etwas zu. Die Schwarze ließ sich nicht zweimal bitten und schon waren auch Daylight und sie im Wasser, jagten sich hinterher. Shani lächelte, fühlte sich aber doch ein wenig ausgeschlossen. Weder Hiryoga noch Lunar ließen sich blicken und sich einfach in ein Spiel einzumischen, kam ihr seltsam vor. Schließlich gab sie sich aber einen Ruck und tappte näher an den See. Sie würde zu Sharíku und Aradis schwimmen, auch wenn sie noch nie eine gute Schwimmerin gewesen war. Wirklich beigebracht hatte ihr das niemand, nur der natürliche Instinkt hatte sie einfach wild paddeln lassen. Sie kniff die Augen zu und sprang einfach vom Ufer ab, das Wasser war ziemlich kalt, sie gewöhnte sich jedoch relativ schnell daran. Langsam paddelte sie auf Sharíku und Aradis zu und erreichte die beiden, als sich ihre Tochter gerade löste und wieder selber zu schwimmen begann. Shani strahlte die beiden an und berührte Sharíku sanft an der Nase.

“Das machst du schon wunderbar, meine Kleine. Du kannst ja schon besser schwimmen, als ich!“

Sie lachte und strengte sich dabei an, nicht abzusacken. Auch wenn ihre Tochter sicher weniger Kondition hatte und ihre kleinen Läufe noch schwächer waren, schien sie sich besser über der Wasseroberfläche halten zu können, als sie selber. Sie war einfach kein Wasserwolf. Ihr Blick glitt zu Aradis und ein Funkeln erschien in ihren mandelförmigen Augen.

“Danke, Aradis.“

Sie war die erste, die sich wirklich mit ihrer stummen Tochter beschäftigte, war es doch vorher relativ schwierig gewesen, mit Sharíku umzugehen. Die Kleine war nicht mehr so schüchtern wie zuvor und vielleicht war es auch der Wechsel ins Tal, das die Graue mutiger werden ließ. Shani war einfach froh darüber.


Lange hatte der schwarze Jungrüde in diesem herrlichen Land geweilt. Hatte gesehen, wie ein großer Kampf um das Revier entfacht wurde. Er sah zu und ließ es geschehen. Der Hintergrund, die Schatten waren sein Zuhause. Ein Ort, an dem er jeglichen Schwierigkeiten aus dem Weg gehen konnte. Er hatte beobachtet wie es ausging, das Blut gerochen und war wieder verschwunden. Nur eine Frage hielt ihn hier und er glaubte fest, eine Antwort zu finden. Aryan wollte es glauben.

Doch bevor er einen Entschluss fassen konnte, sich vielleicht den Alphawölfen vorzustellen oder seine Begierde zu äußern, hatte sich das Rudel aufgeteilt.
Der Schwarze war sich nicht sicher, welcher Gruppe er sich nun nähren sollte, marschierte unruhig am Seeufer entlang.

Ein Lachen drang an seine Ohren. Aufhorchend richtete er sich auf. Sein Blick wurde starr. Seine Aufmerksamkeit erspähte eine weitere Gruppe. Seltsamerweise schwammen einige im Wasser. Interessiert beobachtete er das Geschehen.

Was fasziniert Dich so, Bruderherz? Was bleibst Du hier stehen, glaubst Du die Antwort gerade bei diesen Wölfen zu finden?

Die Stimme seines Bruders Cyriell klang in seinen Ohren. Und obwohl er hätte im gleichen Alter sein müssen wie der Schwarze, war seine Stimme die eines Welpen. Sanft und dennoch irgendwie listig. Einige Schuldgefühle keimten auf, wurden aber sofort wieder erstickt. Es war nicht der passende Augenblick dafür.

“Ich weiß es nicht, kleiner Bruder. Aber sie lachen.“,

wisperte der Schwarze. Und obwohl er seine Reue verstecken wollte, konnte man deutlich ein Zittern in seiner Stimme hören.

Aryan, Du weißt warum wir hier sind. Für Umwege haben wir keine Zeit.,

nun klang er hart und unerbittlich.

“Ich kenne das primäre Ziel. Aber eine Wanderung ohne Ende findet auch keine Antwort. Ich liebe Dich sehr, Cyriell. Diesmal ist trotz aller Einsicht mein Weg gewählt.“,

murmelte Aryan. Und als er nichts mehr von seinem Bruder hörte fuchste er sich langsam an die kleine Gruppe heran. Erst so, dass man ihn weder wittern noch erspähen konnte, schließlich etwas schneller und letzten Endes für jeden sichtbar.
Mit einem erstaunlich dunklen und lauten Heulen machte der Jungrüde auf sich aufmerksam.
Die blauen Augen starr und etwas verengt blieb er stehen und wartete.


Erste Begegnungen sind etwas ganz Besonderes. So war es auch mit ihm.

Daylight tauchte unter, in eine wunderbare blaue Welt in der ihr Atem sich in zauberhafte silberne Blasen verwandelte, die langsam empor schwebten und durch die Wasseroberfläche brachen, wo sie sich schließlich in Luft auflösten. Eine Wolke winziger, silberner Fische flitzte vor ihren Augen vorbei und dunkelgrüne Schlingpflanzen tanzten zwischen den Strömungen. Dumpf, wie durch einen Schleier, drang der Ruf eines fremden Wolfes an ihre Ohren. Sie stieß sich mit den Pfoten vom Boden ab, neugierig, wer der Fremde sein konnte. Der schmale Kopf durchbrach die Wasseroberfläche. Eine Grenze zwischen zwei Welten, die verschiedener nicht sein konnten. Sie blinzelte sich das Wasser aus den Augen und wandte den Kopf nach Kisha um. Ihre große Schwester hatte sie schon bald zu ihr aufgeholt. Blitzschnell schlug die Kleinere einen Haken, um den Fängen der Schwarzen zu entgehen, und watete zum Ufer hinüber. Dorthin, wo sie den Ruf des Fremden vernommen hatte. Doch das dichte Ufergras nahm ihr jegliche Sicht auf den fremden Rüden. Ein Rüde war es – das zumindest sagten ihr Nase und Ohren.
Pitschnass aber mit einem strahlenden Lächeln auf den Lefzen erreichte die kleine Wölfin die Uferböschung. Sie warf Kisha einen vielsagenden Blick über die Schulter zu und verschwand zwischen den hohen Gräsern, die ihren schlanken Körper schon bald vollständig verbargen. Geschickt schlängelte sich die Weise zwischen den Halmen hindurch und erreichte schon bald den Platz an dem der Fremde wartete. Vorsichtig steckte sie Schnauze und schließlich den Kopf zwischen den Gräsern hervor, die goldbraunen Augen funkelten neugierig. Der fremde Rüde hatte ungefähr ihr Alter, dunkles, nachtschwarzes Fell und graublaue Augen. Von der Statur sehr schmal gebaut, überragte sie jedoch um mehrere Pfotenlängen. Ob er wohl auch gern im Wasser fangen spielte? Daylight legte den Kopf schief. Myriaden einzelne Wassertropfen tropften von ihren Haarspitzen und funkelten im rotgoldenen Licht der Herbstsonne, wie Diamanten. Der Schwarze schien ihr recht grimmig und verschlossen und als sie versuchte seine Gefühle zu erfassen gelang es ihr nicht. Komisch. Hm. Nachdenklich schwenkte sie die Rute und verursachte somit ein leises Rascheln, das ihn auf sie aufmerksam machen würde. Sie lächelte wieder und ihre Augen strahlten einen unumstrittenen Frohsinn aus, warm wie die Sonnenstrahlen, unbezwingbar wie der Wind – so, wie auch sie selbst war. So wie auch ihre Seele war.


Stjarnij lief mit federnden Schritten durch den Wald. Sie war schon so lange auf der Suche gewesen. Doch letzte Nacht hatte sie sich zusammengerissen, und sich gesagt, dass sie jetzt nicht mehr länger durch die gegend laufen würde. Irgendwo mussten sie doch seien? Sie streckte ihre Schnauze in die luft und versuchte eine fährte zu finden. Keine Spur, garnichts. Sie beschleunigte ihre Schritte. Manchmal sah sie einen Hasen, der schnell über den Weg sprang. Sie blickte auf viele bunte Blätter, sie raschelten unter ihren Füßen, und manchmal fielen einige auf sie herab. Zwischendurch schnupperte sie an Pilzen und an kleinen Löchern in der Erde. Stjarnij hob erneut ihre Schnauze. Sie stand am ende des Waldes. Da! Sie hatte etwas gewittert! Es waren mit sicherheit die Wölfe! Sie sprintete auf den See zu, wurde langsamer und hielt an. Aber was würde sie erwarten? Würden sie Wölfe sie angreifen? Oder würde sich einer zu ihr begeben und sie ansprechen? Dort hinten sah sie zwei Wölfe, die am Wasser standen. Ihre Augen weiteten sich vor freude und sie schüttelte ihren Kopf. Endlich, endlich hatte sie die Wölfe gefunden! Trotzdem sah es komisch aus, es waren nicht so viele Wölfe wie sie es sich vorgestellt hatte, es waren schon ein paar, aber nur so wenige? Jetzt sollte sie soch mal etwas unternehmen... Sie sollte die Leitwölfin suchen, um sie zu begrüßen oder mit ihr einfach zu reden. Aber zuerst wollte sie ein Schläfchen halten, um sich etwas auszuruhen. Als sie aufwachte richtete sie sich auf und tauchte ihre Schnauze in das kühle Wasser. Es war so schön angenehm. Erneut richtete sie sich auf und blickte umher.

oO( Was soll ich tun? Ich kenne die Gegend nicht, und ich weiß nicht wie man sich hier begrüßt...)


Ein süßer Duft. Und er wusste nicht, woher er kam.

Ein leises Rascheln holte den Schwarzen aus seiner abwartenden Position. Die Ohren zuckten kurz und er drehte sich in die Richtung aus der das Geräusch gekommen war. Ein hübscher weißer Kopf lugte aus den hohen Ufergräsern hervor. Neugierige goldbraune Augen sahen ihn an. Ein freundliches Gesicht und mit einer solchen Ausdruckskraft, wie es der Jungwolf noch nicht gesehen hatte. Druck, Reue, Schuld und Hass rückten in den Hintergrund und stattdessen keimte ein schönes Gefühl in ihm auf. Er kannte es nicht – doch es war gut. Auch seine Rute begann kurz hin und her zu zuckten. Ein Ausdruck, den er sich von der weißen Fähe abgeguckt hatte. Es schien Fröhlichkeit zu bedeuten, denn ein zierliches Lächeln hatte sich auf ihren Lefzen ausgebreitet.

Aryan tappte auf die weiße Wölfin zu. Nicht ganz sicher wie er sich verhalten sollte oder gar was er zu sagen vermochte. Ein leises, flüchtiges Lächeln huschte über sein Gesicht. Die Augen geradewegs auf sein Gegenüber gerichtet, und dennoch nicht auf Augenhöhe. Bis er die Fähe erreicht hatte, schienen Stunden vergangen zu sein. Stunden, in denen er passende Worte hätte finden können. Doch als die weiße Fähe erreicht war, blieb er vorerst stumm. Langsam betrachtete der Schwarze sie, konnte jeden Wassertropfen erkennen, die alle in der warmen Sonne glitzerten. Ihre Statur war schlank und sie war etwas kleiner als er.

“Aryan“,

wisperte er schließlich.

“Mein Name ist Aryan.“

Seine Augen trübten sich wieder, als er seinen eigenen Namen aussprach. Dieser Name holte ihn wieder in die Verdammnis zurück. Es war geradeso, als könnte er den jungen Schwarzen einfach wieder in Ketten schließen. Von Außen konnte man es kaum erkennen, aber innerlich kämpfte der Rüde gegen sein Gefängnis.


Daylight spielte mit den Ohren, während sie der Stimme des Fremden lauschte. Seine Stimme war dunkel, wie die Nacht und schön, melodisch, wie das Singen des Windes oder die Melodie des Regens – und leider verstummte sie viel zu schnell wieder. Aryan, so hieß er also. Der Name klang wie ein kleines Lied in ihren Ohren. So… vollkommen. Nun war es wohl an ihr etwas zu sagen und obgleich sie sonst so aufgeschlossen und selbstsicher war, fiel es ihr dieses Mal viel schwerer ein paar Worte über die Lefzen zu bekommen. Denn woher sollte sie schon wissen, welche die richtigen waren? Sie blinzelte dem Schwarzen freundlich zu und entschied sich für die einfachste Möglichkeit. Wie oft hatte sie ihre Mutter dabei beobachtete, wie sie einen Fremden begrüßte, es war so einfach und so einfach würde sie es nun auch machen – und trotzdem schien es plötzlich viel schwerer, jetzt, wo sie es selbst tun sollte.

„Hallo Aryan. Willkommen im Tal der Sternenwinde.“ , verkündete die kleine Wölfin stolz.

Ihre Augen erstrahlten in vollem Glanz, als ihr Blick zum Himmel empor huschte. Kurz, nur einen Herzschlag lang, doch schien dieser Augenblick die ganze Unendlichkeit des Himmels erfassen zu können. Einfach so.

„Ich heiße Daylight.“, sie ließ ihren Namen wie ein kleines Lied klingen: „Daylight, wie die Sonne.
Ich bin die Tochter von Banshee, der Alphawölfin. Wenn du magst stelle ich sie dir später vor. Sie hat so schrecklich viel zu tun, seit wir wieder im Tal sind, weißt du?“


Daylight hielt kurz inne um wieder zu Atem zu kommen, ehe sie erklärend hinzufügte.

„Weil… man hat uns fortgejagt. Ich weiß es nicht mehr genau, es ist schon so lange her… Aber jetzt sind wir ja wieder hier.“

Sie verstummte und wiegte leicht den Kopf, wie im Takt eines stummen Liedes, während sie neugierig den Blick aus Aryans Regenaugen erwiderte.
Er gefiel ihr. Irgendwas an ihm löste in ihr ein Gefühl aus, dass ihr noch völlig fremd war. Eine tiefe Wärme in ihrem Herzen, die ihre Seele in Feuer tauchte. Ein schönes, angenehmes, kitzelndes Feuer. Sie mochte ihn – auf den ersten Blick. Sie mochte ihn wirklich.

„Spielst du auch gern im Wasser fangen?“

Fragte die Kleine plötzlich unvermittelt und trat zwischen dem Ufergras hervor. Die Sonne spielte mit den Spitzen ihres reinweißen Fells, warf warme Schatten und tauchte die kleine Wölfin in goldrotes Feuer. Auch ihr Herz schien in ein Sonnenmeer getaucht, so warm brannte es in ihrer Brust. So schön warm, wie die ersten Sonnestrahlen, die sie morgens manchmal an der Nase kitzelten. Daylight mochte die ersten Sonnestrahlen.


Als sie anfing zu sprechen, lauschte der Rüde andächtig. Er wusste zwar, wer die Alphawölfin war und er reimte sich auch zusammen, dass sie aus den Bergen kamen. Er hatte ja schon eine Weile hier verbracht. Und dennoch, er wollte sie nicht unterbrechen und hätte sie minutenlang das Gleiche erzählt, es wäre immer mit viel Bedeutung und Klang. Ihre Stimme war warm und genauso herzlich wie es schon ihr Auftreten war. Daylight, das war ihr Name. Ein passender Name. Zusehens entspannte er und ließ sich auf die vollkommene Gegenwart der Weißen ein. Er fühlte sich nicht von Daylight bedroht oder unangenehm bedrängt, im Gegenteil, er genoss es sogar ein wenig. Ohne schlechte Gedanken und vor allem ohne den Wunsch wieder in die Schatten des Waldes verschwinden zu wollen. Eine seltsame Erfahrung, die der schwarze Jungrüde da gerade machte. Eine wertvolle Begegnung.

Bruder, Du vergisst, warum wir hier sind. Reiße Dich von dieser Wölfin los!

Die Stimme seines Bruders klang hell und aufgebracht. Mit seiner Erscheinung spürte er wieder die Reue, die schwer auf seinem Herzen lastete. Und sonst wäre er auch dieser Eingebung gefolgt, aber er wollte diesen Moment nicht zerstören.

“Spielen?“,

fragte er so prompt, dass er fast selbst darüber lachen musste. Aryan wollte Cyriell nicht antworten, wollte sein schlechtes Gewissen nicht vordergründig stehen sehen. Es war wohl die erste Abkapslung, die der Schwarze von seiner Schuld tat und sich auf das richtige Leben einließ.

Die weiße Daylight trat nun ganz hervor. Ein schönes Geschöpf, dachte sich der Schwarze. Ihre ganze Anwesendheit bestand aus Wärme, Feuer und Sonne. Er dagegen stellte einen harten Kontrast. War kalt und dunkel. Davon ließ sich die aufgeweckte Fähe aber nicht abschrecken und er selbst gewann daraus Vertrauen.


So war die Welt für Kisha in Ordnung. So war alles bunt und fröhlich. Während sie noch immer durch das Wasser planschte, um ihre kleine Schwester abzuhängen, gab sie sich völlig der Freude hin, die ihr durch den Körper floss. Wie herrlich es doch war! Diese Wärme und das Nass, das ihren Körper umgab. Die Schwarze konnte sich ein freudiges jaulen nicht verkneifen und planschte darauf hin nochmunterer mit den Läufen durchs Wasser. Und dann.. ganz plötzlich war Daylight weg. Im ersten Moment schoß ein schock durch den Körper der Fähe, deren Fang nu offen stand und in den Wasser hinein lief. War sie.. ertrunken?! Oh verdammt! Hatte sie ihre eigene Schwester ertrinken lassen? Kisha drehte den Kopf etwas, sodass sie unter sich ins Wasser blicken konnte. War sie vielleicht direkt unter ihr?

“Schwesterchen?“

Sie flüsterte der Wasseroberfläche entgegen. Vielleicht brachte das ja etwas? Und dann.. roch sie den Geruch ihrer Schwester. Hah! Sie war doch nicht ertrunken, perfekt! Aber sie war verschwunden und suchte sich wohl jemand anderes zum spielen. Die Lefzen verziehend setzte sich die Schwarze wieder in Bewegung, folgte Daylight unauffällig. Ganz langsam trat sie aus dem Wasser, dachte jedoch nicht daran den nassen Pelz zu schütteln.
Sie schlich sich von hinten an Daylight heran, versuchte sich vor dem Schwarzen zu verstecken. Hah! So konnte sie sich doch perfekt anschleichen, das er sie nicht sah.. Kichernd sprang die Fähe dann mit einem Satz hinter ihrer Schwester hervor und blieb direkt vor dem fremden Rüden stehen.

“BUH!“

Breit grinsend sah sie zwischen den Beiden hin und her, stolz auf ihren kleinen Überfall.

“Na, wer bist du den?“

Kisha sah in jedem einen neuen Freund, so auch in dem fremden Schwarzen.


Aradis sah, wie sich nun auch andere Wölfe endlich aufschwangen. Ihr junges Herz machte einen erfreuten Hüpfer, als Daylight und Kisha ins Wasser sprangen. Endlich. Aradis seufzte glücklich- und erleichtert. Sie schwamm ein wenig im Kreis herum und sah sich die beiden anderen Wölfinnen an. Sie waren Schwestern. Aber sehr ähnlich sahen sie sich nicht, eigentlich. Die eine war hell, dsa war Daylight, aber Kisha? Kisha war schwarz. Aber beide waren hübsch. Und sie konnten gut schwimmen. Die Weiße drehte sich zu Sharíku um, und sah zu, wie diese umherpaddelte. Sie machte ihre Sache wirklich gut. Sie sah noch einmal zum Ufer hinüber- Shani! Shani Caiyé kam auch! Sha`s Mutter. Aradis sah einen anderen Wolf vor sich. Shani sah so anders aus, als damals... aber war es so lange her? Aradis versicherte sich, dass Sharíku noch nicht erschöpft war, dann schloss sie die Augen und ließ sich ein wenig vom Wasser tragen, ihre Paddelbewegungen waren langsam, aber sie hielten den Körper der jungen Fähe über Wasser. Aradis ließ alles auf sich einwirken, die leichte warme Brise, die ihre Nase kitzelte, das angenehme Nass um sich herum, die Geräusche der spielenden Fähen, das leise Plätschern, das Sharíku verursachte... diese Wahrnehmung war so angenehm... Aradis schaltete ab. Entspannt schwebte sie, so könnte man meinen, im Wasser, das weiße Fell unter dem Wasser waberte um sie herum. Sie hörte einen erneuten Plätscher. Die Weiße öffnete die Augen. Ihr fiel auf, dass sie sich keinesfalls aus einem Traum herausgerissen fühlte, das angenehme Gefühl blieb in ihr, tief in ihrer Brust verbreitete es sich, wie kleine Verästelungen, in jeder Faser blühte es auf, und überall sprossen Blüten und kleine Blätter. Dann spürte sie, wie leichte Wellen auf sie zutrieben, sie richtete ihren Blick, der die ganze Zeit in die Herbstsonne und in den himmelblauen wunderschönen Himmel geblickt hatte, wieder auf das Wasser. Shani kam auf sie zugeschwommen. Etwas verblüfft beobachtete Aradis die weiße Wölfin, die Mutter der kleinen Stummen neben sich. Sie lächelte erfreut, als sie die Stimme der jungen Mutter hörte. Diese Liebe in jeder Silbe, in jedem Atemzug- fasziniert schaute Aradis den beiden Schwimmenden zu. Dann richtete Shani die Aufmerksamkeit auf sie selbst. Aradis blinzelte etwas verlegen, als Shani sich bei ihr bedankte. Warum? Es war doch natürlich, dass man mit Welpen spielte- oder etwa nicht? Aber vielleicht lag es auch daran, dass die kleine Fähe nicht sprechen konnte. Welpen lachten, schnauften, hechelten... redeten. All dies konnte Sharíku einfach nicht. Sicher war es schwierig mit diesem Welpen zu spielen. Oder schwieriger. Schließlich hatte Aradis eigentlich keine großen Probleme damit gehabt. Aber das lag vielleicht auch an ihrer Vernarrtheit in alle Welpen. Doch es gab keinen Zweifel: Sharíku hatte es ihr besonders angetan.
Aradis lächelte nur auf Shanis Worte, es war eine stumme Bestätigung, Worte hätten alles kaputt gemacht, sie hatte sie schon auf der Zunge gehabt- doch es war kein Bedarf nach Worten dagewesen, und so hatte sie nur gelächelt. Das Lächeln jedoch sagte mehr als alle Worte. Ihre Augen strahlten die Weiße vor sich an. Dann sah sie wieder zu Kisha und Daylight hinüber. Die beiden waren ans Ufer geschwommen. Aradis konnte erst den Grund nicht verstehen, dann sah sie jedoch den schwarzen Wolf. Die beiden Fähen unterhielten sich mit ihm. Aradis legte ihren Kopf ein wenig schief. Immer noch kostete es sie keinerlei Anstrengung, sich über Wasser zu halten. Wie unterschiedlich Daylight, weiß, strahlend, lieb und verspielt, im Gegensatz zum Schwarzen, dunkel und... abweisend, aussah! Aradis lächelte unwillkürlich über diese Unterschiede. Doch anscheinend steckte Daylie den Schwarzen mit ihrer Lebensfreude an. Munter redete sie auf den Wolf ein. Aradis' Blick wanderte nun weiter, die Bäume entlang. Ihr Blick stutze. War dort hinten nicht irgendetwas weißes? Aradis kniff ihre grünen Augen zusammen. Ein weiterer Wolf?


Eine Antwort war der strahlenden Weißen gar nicht möglich. Unverhofft und plötzlich sprang eine weitere Fähe aus den hohen Schilfgräsern heraus. Unmerklich zuckte Aryan zusammen. Seine Augen verengten sich ruckartig und er wich zurück. Der schwarze Fang entblößte das scharfe Gebiss des Jungrüden. Ein Schutzmechanismus, den er sich langsam aber sicher in seiner Einsamkeit aufgebaut hatte. Nur das Lachen der Schwarzen zeigte ihm, dass die Situation ungefährlich war. Mit leicht angelegten Ohren senkte er seinen Blick. Die abwehrende Haltung löste sich.

Du gehörst nicht zu ihnen, Bruder. Sie sind so anders als Du. Nur allein ich kann Dich verstehen. Nur allein ich weiß was in dir vorgeht. Dies hier ist Zeitverschwendung, Aryan!,

erklang die süffisante Stimme Cyriells in seinen Ohren. Überzeugend und schützend hätte er sich hinter die Behauptung seines Bruders stellen können, doch der Hüne schien nicht recht die Worte verstehen zu wollen. Daylight, sie war so faszinierend und hatte sein Interesse geweckt. Eine Neugier, die jede Vorsicht in den Schatten stellte und ihn für einen Moment sogar sein Band zu Cyriell vergessen ließ.
Noch nicht. Noch wollte er hier bleiben.

Seine matten Augen blickten zu der schwarzen Wölfin hoch. Es war ein entschuldigender Blick. Sie war so fröhlich gewesen. Daylights Schwester, vermutete der Rüde. Die Witterung verriet sie.

“Aryan“,

wiederholte er.

Es ist ein Fehler Dich mit ihnen einzulassen. Hast Du vergessen, wer ich bin? Ich bin Dein Bruder, der Deiner Schuld wegen tot ist. Aryan, vergesse nicht. Du bist ein Mörder. Und Mörder leben für sich, weil sie nicht in einer Gemeinschaft leben können. Wir ziehen weiter. Stelle die Frage und wir verschwinden. Das bist Du mir schuldig.

Worte, die nicht zu unrecht aus dem Fang seines Bruders glitten. Er war ein Mörder, er hatte ihn umgebracht. Aber es war doch keine Absicht gewesen. Die Einsamkeit war kein schöner Zustand. Man musste im Dunklen verharren, lauschen, sehen, wittern. Man konnte aber nie eine Pfote in das Licht setzen und sich offenbaren. Selbst wenn der Rüde nichts zeigen konnte, so war er gewillt zu lernen. Auch „spielen“ konnte er lernen. Und er wünschte sich bei ihr zu bleiben, bei der weißen Daylight.

Atalya
02.01.2010, 13:58

Daylight reckte leicht den Hals und wollte gerade antworten, als ein lautes „BUH!“ seitens Kisha die kleine Weiße zusammenzucken ließ.

„Hey.“

Brachte sie ihren Missfallen an die Aktion ihrer großen Schwester zum Ausdruck, doch der Versuch ärgerlich zu klingen misslang kläglich, denn sie musste unwillkürlich lachen. Sie lachte, weil für sie die Welt in Ordnung war. Weil Kisha da war, Kisha die sie zum Lachen brachte. Und Amáya, die immer für sie da war. Immer. Und Aryan. Aryan der fremde Schwarze mit den Regen-Augen. Aryan der ihr das Gefühl gab, dass tausend Schmettelinge in ihrem Bauch um die Wette flogen. Wenn er sprach, begannen die Schmetterlinge sogar zu tanzen. Ein wilder, warmer Tanz, der ihr Herz in flüssiges Feuer tauchte. Ein schönes warmes Feuer, an dem sie sich nicht verbrennen konnte. Sie lachte einfach, weil der Himmel blau war. Weil das Gras grün war. Weil der warme Herbwind die bunten Blätter tanzen ließ. Sie lachte, weil ihr Leben schön war. Und als ihr Lachen schließlich verstummte, lachten ihre Augen einfach weiter, strahlten heller denn je, als wollten sie die Sonne übertreffen.
Ihr Blick wanderte von Kisha zu Aryan und blieben schließlich an Aryan hängen, als dieser wieder zu sprechen begann, diesmal nur ein einziges Wort, genau wie zuvor. Doch diesmal sagte er nur seinen Namen. Und in Daylights Gedanken wurde das einzelne Wort - der Name - zu einem kleinen melodiösen Lied. In ihrem Kopf erklang seine Stimme immer und immer wieder, ein verträumter leicht abwesender Ausdruck in den honigfarbenen Augen.
Schließlich war es der Schrei eines Eichehähers, der sie aus ihren Träumen riss und sie überrascht blinzeln ließ. Sie musste Aryan doch noch Kisha vorstellen! Das hatte sie über die Schmetterlinge und das Glück, dass sie durchflutete und ihren Körper kribbeln ließ, als würden Myriaden kleiner Ameisen durch ihre Adern krabbeln, ganz vergessen. Sie wandte sich kurz an Kisha, ehe ihr Blick wieder auf dem Schwarzen lag.

„Das ist meine große Schwester Kisha.“

Stellte die kleine Weiße ihre Patentante vor und schwenkte erneut freudig die Rute. Sie hatte ihm doch noch erklären wollen, was spielen war! Sie begann nun unruhig auf der Stelle zu tänzeln. Sie wollte doch, dass Aryan nicht mehr so traurig dreinschaute. Sicher konnte er auch lachen! Wie sein Lachen wohl klang? Sie wünschte sich er würde einmal für sie lachen, so sehr beschäftigte sie diese Frage. Sie würde ihn einfach zum Lachen bringen, so einfach war das! Sie wusste nur noch nicht wie.

„Spielen.“

Sie blinzelte freundlich.

„Es ist ganz einfach. Es gibt so unendlich viele Spiele. Aber Kisha und ich waren gerade dabei Fangen zu spielen. Ich werde es dir einfach beibringen. Pass auf!“

Daylight schwenkte übermütig die Rute und umrundete den Schwarzen mit leichtfüßig tänzelnden Schritten.

„Ich laufe nun vor dir davon. So schnell ich kann. Dann musst du versuchen mich zu fangen. Sobald du mich berührst, bin ich dran und muss dich fangen. Versuch es!“

Mit einem schelmischen Grinsen stupste sie ihn an, drehte eine Pirouette und jagte davon, stieß sich immer wieder vom Boden ab und übersprang einen halb vermoderten Baumstamm. Mitten im Lauf hielt sie inne, wandte den Kopf und rief lachend:

„Los komm schon, Aryan. Fang mich!“

Sie war einfach glücklich, dass sie einen neuen Spielgefährten, einen neuen Freund gefunden hatte. Jemand der mit ihr lachte und für sie da war, wenn sie ihn brauchte. Der über ihre Träume wachte, damit sie sich nicht fürchten brauchte. Jemand der ihr im Dunkeln den Weg zeigte. Aryan, der der nicht wusste, was spielen war, war ein solcher Spielgefährte, Freund und noch viel mehr. Doch das wusste die junge Fähe noch nicht.


Daylight lachte. Lang und warm. Und selbst Aryans Reaktion ließ sie nicht verstummen. War es einfach die Liebe am Leben? Und selbst ihre Augen tanzten in der puren Freude des Lachens. Ihre goldenen Augen strahlten eine unheimliche Anziehungskraft aus. Zwar verstand der Schwarze nicht soviel von dem befreienden Gefühl des herzlichen Lachens, und dennoch wusste er, dass es etwas Besonderes war.

Und dann lief die weiße Wölfin los. Ausgelassen sprang sie mit leichten Pfoten durch die Herbstlandschaft. Ein kurzer Blick huschte zu der schwarzen Wölfin, die ihm als Kisha vorgestellt wurden war. Schnell aber suchten seine matten Augen wieder das Licht der kleinen Weißen. Er musste sie fangen, das war ein Spiel. Einfach laufen und das schneller als sie. Er verstand. Und setzte nach. Seine Pfoten trommelten schwer über den Boden. Ein tiefes Trommeln. Fast das Geräusch was-

Aryan, bleib stehen!

Der Hüne schüttelte seinen Kopf und verwarf die Worte Cyriells. Er spielte lieber. Lief ihr nach. Es war wie jagen, und das kannte er. Und er konnte es gut. Schon nach einigen Momenten der Ausholjagd hatte er Daylight eingeholt. Für einen Moment überlegte er, wie er sie berühren sollte. Es war ein Moment zu viel. Seine ganze Aufmerksamkeit auf der kleinen Wölfin hatte ihn so blind gemacht, dass er vergaß, einem Baumstamm auszuweichen, der modrig seinen Weg versperrte. Die Pfoten verhedderten sich im Brombeerengestrüpp. Zwar rissen die dornigen Fesseln, doch nun besaß er so viel Sprungkraft das er direkt auf Daylight zu preschte und sie ungeschickt umwarf.

Mit einem leichten Aufprall hatte er die Weiße zu Boden geworfen. Er selbst war direkt auf ihr gelandet. Als er die Augen öffnete konnte er ihr direkt ins Gesicht sehen. Er verharrte. Ein flüchtiges Lächeln huschte über seine Lefzen. Sein Fang öffnete sich einen Spalt und er hauchte leise in ihr Ohr:

“Hab Dich!“

Aryan rappelte sich langsam auf. Ein flaues Gefühl; nicht unangenehm; erfüllte seine Magengegend. Ein seltsames Gefühl. Ein warmes, behagliches. Es gefiel ihm, wollte es missen. Zum ersten Mal erschien ihm es nicht so schwer wie sonst. Er hatte die Schatten verlassen. Die Heimat, die ihn geschützt hatte. Doch nun fragte er sich, wovor denn? Es gab in dieser Welt nichts Grausameres als das, was auf ihm lastete. Die Schuld eines Mordes.

“Du bist“,

wisperte er. Und lief los. Natürlich nicht so schnell wie er konnte. Hungrig der kleinen Weißen näher zu sein, bremste er sich immer wieder und drehte sich um.

Es war der Tag, an dem er lachen lernte, es war der Tag, an dem er spielen lernte. Es war ein Herbsttag, der ihn wieder leben ließ.


Ja, diese erste Begegnung war etwas Besonderes.
Er haute sie um. Oh ja, das tat er wirklich. Der unangenehme Aufprall. Das warme, weiche Fell. Die blauen Augen ganz nah an ihren eigenen. Regen-Blau. Sein Atem auf ihrem Gesicht. Jedes kleinste Detail seiner Gesichtszüge. Seine dunkle, leise Stimme an ihrem Ohr. Sein Herz im Gleichklang mit ihrem. Das unbändige Kribbeln in ihrem Bauch. Alles er. Die. Welt. Blieb. Stehen. Dieser Moment sollte Ewigkeiten dauern, doch zu Daylights Enttäuschung war er viel zu schnell wieder vergangen. Wie ein Blatt, das der Wind davontrug. Denn schon im nächsten Augenblick war der Schwarze wieder auf den Pfoten und stürmte davon. Und die Weiße jagte ihm nach, wie ein kleiner Wirbelwind stob sie zwischen dem bunten Laub hervor und drehte unbändige Pirouette in den Luft. Bald schon hatte die Kleine zu dem Schwarzen aufgeholt. Fang ihn. Fang ihn. Fang ihn. Doch sie brauchte ihn nicht fangen. Er war bei ihr. Er würde immer bei ihr sein, da war sie sich sicher. Sie wusste es einfach. Mit weiten, ausholenden Sprüngen tanzte sie neben ihm her, versuchte hie und da ein Blatt-rot-wie-das-Feuer zu erhaschen, das an ihrer Nase vorbeischwebte. Der Wind umspielte ihr Fell. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie Regen-Auge-Aryan, der neben ihr lief, sie lief schneller, umrundete ihn, tanzte in der Luft. Es fühlte sich an als könne sie den Himmel erreichen. Jetzt war sie wieder neben ihm. Lief ganz nah bei ihm, sodass sich ihre Schultern berührten. Dann umrundete sie ihn erneut, war jedoch nicht schnell genug – wollte es gar nicht sein.
Sie spürte, wie sein Körper über ihren purzelte. Zusammen rollten sie durchs Gras-weich-und-grün. Blauer Himmel über ihr. Dann wieder schwarzes Fell. Blauer Himmel. Schwarzes Fell. Bis die beiden Wölfe schließlich auf der Seite liegen blieben. Pfote an Pfote.

„Ich glaube...“, keuchte die Weiße außer Atem. „Ich hab dich.“

Ihre Augen lachten vor Freude über diesen perfekten Tag. Seine Nähe ließ die Schmetterlinge wieder tanzen, hüpfen, singen. Sie wollte mit ihnen tanzen, hüpfen, singen und gleichzeitig genügte es ihr hier im Gras zu liegen. Umgeben aus einem Kranz bunten Herbstlaubes, ihre Pfoten berührten sachte Aryans, während die letzten Strahlen der Herbstsonne ihren Pelz liebkosten.

Es war der Tag an dem sie dem fremden Schwarzen das Lachen lehrte, an dem sie ihm das Spielen lehrte. Es war der Tag, der sie die Sehnsucht wieder vergessen ließ und an dem in ihrem Herzen eine neue Sehnsucht zu keimen begann. Ein warme Sehnsucht, warm, wie die letzten Sonnenstrahlen des Tages und genauso kostbar, genauso einzigartig und noch viel, viel mehr. Es war alles. Es war der Anfang von allem - der Anfang von Liebe.


Sie rollten den Abhang hinunter. Schneller und schneller. Manchmal sah er ihr weißes Gesicht und manchmal konnte er den Boden erblicken. Es schien eine Ewigkeit anzudauern. Nur um ihrer Wärme nahe zu sein. Als die beiden jungen Wölfe unten angekommen waren, lagen sie Pfote an Pfote und er konnte ihr in die goldenen Augen sehen. Tiefe, strahlende Augen. Der Moment hielt an. Der Herbst schien an ihnen vorbei zu ziehen. Die Blätter tanzten wild um sie herum und doch bargen sie die jungen Wölfe im Bett der bunten Blätter. Die schöne junge Wölfin lag neben ihm und zum ersten Mal in seinem Leben spürte er, wie die Last fiel. Die Ketten sich lösten. Unsicher dessen versuchte er sich zu erheben. Es blieb jedoch bei einem kläglichen Versuch. Es brachte ihn lediglich näher an die Schöne heran. Er wollte es nicht verhindern. Er wollte es.
Aryan spürte etwas, was er nicht kannte. Etwas, was ihm zu schaffen machte, aber um Nichts wichtiger war. Wichtiger, als hier bei Daylight zu sein. Ihre wunderschöne, wärmende Ausstrahlung hielt ihn. Und es war das, was ihn vergessen ließ. Was ihn befreite. Langsam schmiegte sich der schwarze Körper auf den Weißen. Und der Schwarze konnte in die jungen Gesichtszüge sehen. Es schreckte etwas ab. Sie jung, verspielt und unbeschwert. Der junge Schwarze genauso jung wie sie, doch nur schwer behaftet von Schicksal und Mord.

“Ja, Du hast mich“,

wisperte er in ihre Ohren. Er wusste, sie würde genauso empfinden. Er spürte es und es war gut. Besser. Seine Schnauze nährte sich ihrer. Langsam und gewiss, dass sie Zeit hatten. Zeit, die sie hielt und Zeit, die sie nicht fort reißen würde.

“Daylight“,

flüsterte er vorsichtig. Es klang grausam. Viel zu scharf und hart. Aus seiner Schnauze war es kein schöner Name und dennoch, immer noch schön genug, um ihn auszusprechen. Er kam ihr immer dichter und seine Augen versanken im Gold der untergehenden Sonne. In ihren Augen. Und dann schleckte er über ihre Schnauze. Zaghaft und ungewohnt zärtlich. Es mochte abschreckend wirken und etwas herrisch, doch mehr Gefühl wusste er nicht zu zeigen. Er glaubte, sie genauso damit glücklich machen zu können. Nein, er wusste es.

“Du bist ein Sonnenstrahl, warm, herrlich und unglaublich gefühlvoll. Ich habe so etwas noch nie erlebt. Daylight, schöne weiße Fähe. Wölfin mit glanzvollem Erscheinen. Deine Nähe ist mir schöner als das, was ich erlebt habe. Bleibe bei mir!“

Der Schwarze ging die Bindung ein. Hörte die Schreie in seinem Kopf nicht, ignorierte Cyriells Stimme. Glaubte, er sei bereit für etwas, was er nicht kannte.

Sie lehrte ihm Lachen, sie lehrte ihm Spaß. Sie erreichte seine Seele, stahl seine innere Befangenheit. Sie war es, die ihm zeigte was Liebe war. Sie schenkte ihm Liebe:
Ein Anfang, der ihm zeigte, was Liebe war. Und er, Aryan, schenkte ihr sein Herz.


Sie spürte seinen warmen Atem auf dem Gesicht. Sah in seine wunderschönen graublauen Augen und glaubte darin versinken zu können. Es gab nichts Schöneres mehr, nichts Besseres in ihrer perfekten Welt. Nur ihn. Dann spürte sie seine Zunge-warm-und-sanft an ihrer Nase. Es war wie ein Kuss. Und es gab ihr die Gewissheit, dass er genauso fühlte wie sie. Es gab keine Worte, die ausdrücken könnten, was sie für ihn empfand. Und es brauchte auch keine Worte. Er wusste es, ohne, dass sie es ihm sagen musste. Und sie wusste, was er empfand, ohne dass er es ihr sagen musste. Daylight rückte ein Stückchen näher an ihn heran, vergrub das Gesicht in seiner Halsbeuge. Seine Worte schmeichelten ihr. So etwas hatte noch nie jemand zu ihr gesagt und bis zu diesem Zeitpunkt war es nie wichtig gewesen. Tausend Worte gingen ihr durch den Kopf, doch sie waren alle wertlos, unnötig im Vergleich zu dem, was sie empfand. Keines von ihnen traf das, was sie ihm hätte sagen wollen, hätte sagen müssen. Und so schwieg sie. Schmiegte nur den Kopf an das schwarze Fell. Glück durchströmte sie und die kleine Weiße hätte niemals gedacht, dass sie einmal so glücklich sein könnte, wie in diesem Moment. Vollkommen, so schien er ihr. Ihre Welt war wieder heile, die Scherben zusammengesetzt. Es gab nichts mehr, was sie wollte – seine Nähe war alles, was sie zum Leben brauchte. Er war das Licht, dass sie zum Strahlen brachte. Er war alles.

Sie hatte lange geschwiegen, hatte einfach nur die wortlose Verbundenheit zu ihm genossen. Mehr brauchte es nicht, um sie glücklich zu machen. Es brauchte keine tausend Worte, um ihm alles zu sagen, was sie ihm sagen wollte. Es brauchte nur ein einzelnes – und sie hatte es gefunden. Das Richtige.

„Immer.“, wisperte sie in sein Fell. „Immer.“

Immer.


Immer, hatte sie gesagt, immer. Er würde nicht mehr weiterziehen müssen, konnte hier bleiben, hier bei ihr. Er musste nicht mehr suchen, es war nicht mehr wichtig. Nun konnte der schwarze Rüde die Schatten verlassen, er brauchte sie nicht mehr. Es war nicht mehr nötig im Hintergrund zu bleiben und zu warten. Die hübsche Weiße gab ihm das Gefühl etwas gefunden zu haben, dass er beschützen musste. Und Aryan würde sie beschützen, vor allem.

ARYAN!,

rief eine entfernte zornige Stimme. Fast überschlug sich Cyriell.

Du kannst sie nicht glücklich machen. Vergiss unsere Aufgabe nicht, vergiss nicht, wer Du bist! Du bist ein Mörder, ein Wolf der mit Blut befleckt ist. Willst Du auch sie töten? Willst Du sie in Deine Schuld ziehen und sie leiden sehen? Aryan?

Sein Atem stockte und seine Augen weiteten sich. Hatte sein Bruder Recht? Würde er sie in seine Schuld ziehen? Er musste sie doch beschützen, vor allem. Und wenn er Daylight vor sich schützen musste? Würde er sie dann verlassen müssen?

Der Hüne erhob sich und ließ das schöne Gefühl in seiner Brust ersticken. Nein, er durfte sich nicht darauf einlassen. Er konnte es nicht riskieren. Und selbst wenn er es konnte, wollte er es nicht. Aber aufgeben, was man sich nicht mehr wegdenken konnte? Wollte er Daylight aufgeben? Die junge Knospe der Zuneigung zerstören?

“Daylight… ich bin nicht der, der-“,

er stockte und sah dann schließlich zu ihr.

“Ich bin ein Mörder. Wie könnte ich Dich beschützen vor allem bösen, wenn ich selbst Schuld behaftet bin?“

Seine Miene versteinerte sich. Die ganzen Züge des Rüden waren versteift und zeigte nur ein Gefühl, Missmut. Die grauen Augen verengten sich und er drehte sich zu der Weißen um, die immer noch im Bett der Herbstblätter lag. Langsam schritt er auf sie zu, drückte seinen Kopf an ihren. Wollte vergessen, wollte glauben, genießen. Und obwohl seine Zerrissenheit ihn fast verrückt machte, wollte er eigentlich nur bei ihr bleiben und das neue Gefühl der Zuneigung erforschen. Wollte ihm nachgehen, folgen.


Mörder. Daylights perfekte Welt zersprang in tausend Scherben. Eine klirrende Kälte-kalt-wie-der-Schnee-in-den-Bergen breitete sich in ihrem Herzen aus und auch in ihrer Brust zerbrach etwas. Für einen Moment verspürte sie nichts. Einfach nichts. Dann einen Anflug von Angst. Verzweifelung. Hilflosigkeit. Ein Zittern ließ ihren zierlichen Körper erbeben. Er würde ihr nichts tun. Er durfte ihr nichts tun. Er wollte sie doch nur beschützen, das hatte er ihr selbst gesagt. Sie erwiderte seinen Blick, schaute stumm aus ihrer seitlich liegenden Position zu ihr empor, suchte etwas in seinen Augen. Eine Bestätigung seiner Worte, doch sie fand nur nichts. Egal, wie lange sie suchte. Und auch seine Gefühle verrieten ihr nichts. Nichts.
Die Weiße schloss die Augen und verbarg die goldenen Seelenspiegel vor ihm, sie wollte das Nichts nicht länger ertragen müssen – und trotzdem, die warmen Flammen-angenehm-kribbelnd, die ihr Herz umzüngelten verloschen nicht. Sie mochte ihn noch immer. Mochte ihn noch immer sehr. Egal, wie sehr sie sich vor ihm fürchten mochte. Egal, wer er war.
Stille Tränen quollen unter ihren Augenlidern hervor, liefen über ihre weißen Wangen und schimmerten im Abendlicht auf, wie winzige Diamanten und tropften ins Gras hinab, wo sie wie Tautropfen an den Halmen haften blieben. Bevor die Kleine schließlich antwortete schluckte sie schwer, doch der große Knoten in ihrem Hals wollte nicht verschwinden, ihre Stimme klang sanft und ein wenig zittrig und trotz allem lag ein wenig Zärtlichkeit darin.

„Aryan. Mir ist egal, wer oder was du bist. Du hast ein gutes Herz, das weiß ich. Dich kann keine Schuld treffen, bestimmt nicht und selbst wenn es so wäre…“

Sie stockte und öffnete zögernd die von Tränen funkelnden Augen, blinzelte einmal und blickte wieder zu ihm auf.

„Ich-habe-dich-trotzdem-noch-sehr-gern.“

Sie sprach die nächsten Worte sehr schnell und senkte schließlich leicht verlegen die Augenlider. Die Flamme flackerte und jagte ein Kribbeln-nervig-und-trotzdem-schön durch ihren Körper. Das Zittern war versiegt. Er würde ihr nichts tun. Sie wusste es. Die Weiße schmiegte ihren Kopf ganz nah an den des Schwarzen. Spürte seine Wärme und vertrieb die Gedanken an das Nichts und die Kälte. Er war da und er war Wirklichkeit und er war mit Sicherheit nicht böse. Er konnte einfach nicht böse sein. Und selbst wenn er es war, sie mochte ihn trotzdem. Sie würde ihn immer mögen, noch mehr. Sie hatte es ihm selbst gesagt und sie hatte die Wahrheit gesagt, sie hatte es ihm versprochen.
Immer. Egal was geschah. Für immer.


Die dunklen Augen konnten die Angst der weißen Wölfin vernehmen, zitternd lag ihr Leib vor ihm. Zerbrechlich und zugleich so wunderschön. Wie ein Geschöpf aus Glas. Man konnte es so leicht zerstören. Und der schwarze Hüne war nicht direkt der vorsichtigste oder umsichtigste Wolf. Er würde sie beschützen müssen, auch vor sich selbst. Oder vor allem vor sich. Aryan hatte eine andere Aufgabe und sie schien um so viel wichtiger und präsenter als die Suche nach seinem Vater. Oder der Suche nach Cyriells Erlösung. War es nicht seine Erlösung? Die Welt hatte sich einst gegen ihn gewendet und verlassen. Jegliches Glück blieb ihm von da an verwehrt. Doch nun war es so unfassbar, dass er Daylight getroffen hatte. So unfassbar, dass er nicht direkt glauben wollte, dass es für ihn bestimmt war. Er musste kämpfen. Kämpfen für das Recht bei der Weißen bleiben zu können. Die Erinnerungen hatten ihn zwar umhüllt und zogen und zerrten an ihm. Hätte er Schwingen gehabt, hätte er sie nun in voller Pracht ausgebreitet um das Böse von der weißen Seele fern zu halten. Nur Engel hatten Flügel. Und er war gefallen, hatte die reine Unschuld der Kindlichkeit schon früh verloren. Blieb er in diesem Stadium seines Selbst gefangen? War dies sein Ende? Die Weiße sprach Zuversicht aus, glaubte nicht an seine Worte. Ein gutes Herz? Wohl nicht, sonst würde er gehen. Es war egoistisch und fern von jeder guten Absicht anderen gegenüber. Er war kein guter Wolf. Er hatte keine gute Seele, kein Herz. Das einzige was er besaß, bevor er Daylight traf, war der Glaube in seine Aufgabe und einer Erlösung, die ihn von seiner Existenz befreien würde. Konnte er nach wie vor daran glauben, vermochte ihm es jetzt nicht als makaber? Als etwas, was nun kaum noch Wert besitzen durfte? Wenn er jedoch ehrlich in sich hinein sah, konnte er immer noch den Wunsch der Erlösung erkennen. Schwach und doch, er pulsierte. Um so mehr blühte eine seichte Pflanze, eher Knospe, in seinem Herzen auf. Hartnäckig suchte der herrliche Duft den Weg in seine Seele. Hartnäckig und doch weich. Ein Lied erklang in seinen Ohren. Immer und immer wieder. Es flüsterte auf ihn ein und wollte ihm Glauben schenken.
Aryan zweifelte nicht, nein, er zögerte aus Angst. Eine Angst, die er nicht zum ersten mal spürte. In jener Nacht hatte er sie schon einmal schmecken müssen. Die Angst der Einsamkeit. Wenn er an ihrer Seite bleiben wollte, musste er damit rechnen, dass sie irgendwann nicht mehr da sein konnte. Und dann war er wieder allein.

Der weiße Leib beruhigte sich. Ein Moment der Zärtlichkeit ließ die Abendluft erzittern und der Schwarze vergaß, dass er sich eher Vorwürfe machen müsste. Doch wollte er diesen Moment, diesen Augenblick festhalten und nicht wieder aufgeben müssen. Wollte er so dringend bei ihr bleiben.

“Meine Schuld sitzt tief. Kannst Du damit leben, Daylight? Kannst Du mit einem Wolf leben, der immer mit Blut befleckt ist?“,

fragte er leise, sah dabei aber zum See hin. Die Lichter spiegelten sich in der glatten Oberfläche. Herrlich und sanft legten sich wenige Blätter auf das nasse Element. Sie sagte, sie wolle immer bei ihm bleiben. Wollte nicht gehen, doch dieses Versprechen wollte er erst hören, wenn sie sein Schicksal kannte. Die Chance etwas zu entscheiden wenn man die Wahrheit kannte, war doch um einiges schwieriger, wenn auch gewissenhafter. Er wollte sie nicht in Verzweiflung sehen, wenn sie aus seine Lüge aufwachen ließ. Eine Lüge, die er zum teil dennoch aufrechterhalten musste.

Der Schein trog nicht.


Sharíku sah Aradis mit großen Augen, die mit Dankbarkeit und Freude erfüllt waren, an. Sie sog die ermutigenden Worte der Fähe auf, wiederholte sie in ihrem Kopf, immer wieder, um sie nie mehr zu vergessen.

oO(Danke… Aradis, Danke..)

Als sie das laute Platschen hörte, wandte Sharíku sich den beiden spielenden Fähen zu. Fasziniert und gleichzeitig ein bisschen erschrocken sah die kleine, immer unsichere Fähe, wie wild Kisha und Daylight im Wasser herumtobten. War das denn nicht gefährlich? Die Beiden schienen sich ihrer Sache sicher zu sein, sie hatten keine Angst. Sharíku hatte ständig Angst. Sie fürchtete sich vor Fremden, sie fürchtete sich davor, dass ihre Lieben zu Fremden werden könnten, sie fürchtete sich davor, verletzt zu werden, Andere zu verletzen. Sie fürchtete sich davor, was für dunkle Tage die Zukunft bringen konnte und vor den dunklen Erinnerungen der Vergangenheit, die sie nicht mehr aus ihrem Kopf bekam. Hatten die Anderen keine Angst? Konnte man Angst verdrängen, wenn man nur fröhlich genug war? Konnte die kleine Graue wirklich vollkommen glücklich werden, wenn sie immer so viel Angst hatte?
Sharíku seufzte, wollte seufzen, doch man hörte nur eine Veränderung in ihrem Atem, mehr nicht. So war es immer gewesen. So viele Empfindungen, so viele Fragen, so viele Worte! Und noch immer fehlte ihr die Stimme, sie würde immer fehlen.

oO(Ich werde niemals sprechen können. Ich werde niemals ein Lied heulen können. Niemals.)

Wieder wurde sie von der Trauer gepackt. Warum gerade sie? Es war so ungerecht! Sie hatte niemals etwas Böses getan und trotzdem war sie... besonders. Du bist besonders...du wirst es schaffen... Aradis’ Worte kamen ihr in den Sinn. Ermutigende, stärkende Worte. Die Weiße hätte der Stummen kein schöneres Geschenk machen können...

Als Shani zu Sharíku kam, waren die dunkelblauen Augen wieder erfüllt von Glück, aber noch immer mit etwas Angst und Unsicherheit. Es würde ein langer, schwerer Weg werden, diese Angst aus Sharíkus Seele zu verbannen. Vielleicht würde es niemals jemandem gelingen.
Die kleine Fähe strahlte ihre Mutter an. Sie sollte unbedingt sehen, was ihre kleine Tochter gelernt hatte!

oO(Mama, Mama, Sieh nur, was ich kann! Ich schwimme jetzt zu dir, aber halt mich fest, wenn ich untergehe, ja? Halt mich bitte, bitte fest!)

Die Graue paddelte zu Shani, im Grunde war es eine kurze, leichte Strecke, doch für die immer unsichere Sharíku eine aufregende Sache, bis sie ganz dicht bei ihrer über alles geliebten Mama war.


Stjarnij hatte nochewig am See gewartet. Jetzt fasste sie einen Entshluss, sie musste endlich jemanden begrüßen. Mit zittrigen beinen, und weichen Knieen ging Stjarnij langsam auf zwei Wölfe zu, sie standen am Ufer, es sah aus, als hätten sie sich gestritten. Vielleicht war es ein unpassender Moment, nein! Stjarnij wollte sich nicht ständig selber ausweichen. Mit festen Schritten kam sie den beiden immer näher, bis sie vor ihnen stand.

".... Ich... Ich bin Stjarnij."

Sie kam sich in diesem Moment vollkommen dumm vor. Wie diese Worte aus ihr raus gekullert waren. Was würden die Wölfe denn nur sagen?

oO(Bitte, bitte. Hoffentlich habe ich keinen Fehler gemacht, oder die beiden gestört...)

Würden sie sie ingnorieren? Sie senkte ihren Kopf, tief, sie traute sich nicht aufzuschauen. Einer der Wölfe war schwarz, so einen schwarzen Wolf hatte sie nochie gesehen. Sie fand diesen Wolfsehr schön.Schon rutschte ein kleiner Käfer in ihr blickfeld, der sich große mühe machte einen Haufen Erde zu überqueren. Sie stuppste ihn mit der Schnauze an, und schwupps war er drüber. Die Zeit erschien Stjarnij ewig, wie sie da saß und sich nicht traute, nochmal ein Wort zu sagen. Es kamen ihr vor wie Stunden, die sie da saß und abwartete. Warum war sie nur so schüchtern? Sie hatte nie wirklich gelernt, was sie in so einer Sitouation sagen sollte. Das war ihr schon oft passiert, dass sie keine Worte mehr fand, aber so wie jetzt, das war eine Katstrophe. Jetzt versuchte sie sich abzulenken, in dem sie einfach die Augen für kurze Zeit schloss.


Shani sah das Strahlen in Aradis’ Augen sofort. Es war keine direkte Antwort und zeigte ihr doch, dass die Weiße ihre Dankbarkeit annahm und ihre kleine Tochter liebte. Und das war das Wichtige. Niemand Böses durfte zu Sharíku, niemand sie erschrecken, verängstigen, traurig machen … nie würde Shani das erlauben. Sharíku war ihr kleiner Schatz und wer auch immer in ihre Nähe kam, wurde ganz besonders misstrauisch beäugt. Aber Aradis war lieb zu ihr und die kleine Graue schien glücklich. Auch wenn sich in ihren Blick auch Traurigkeit schlich … es würde sie wohl nie loslassen, das Schweigen. Shani hatte schon viele tröstende Worte dafür gefunden und auch wenn keines ihrer Tochter die Stimme schenken konnte, so streichelten sie doch hoffentlich ihre junge Seele. Sharíku sah zu ihr, voller Stolz und fast Übermut, doch dem wurde schon im Keim das Übermütige genommen, sah sie doch ebenso deutlich die Angst und die Unsicherheit. Aber Sharíku konnte doch nichts geschehen. Shani war doch hier. Die Graue kam jetzt auf sie zu gepaddelt, erreichte sie sicher und blieb dann ganz dicht bei ihr. Sanft fuhr die Zunge der Weißen begrüßend über das Fell der Kleinen.

“Das machst du schon so gut. Wenn das deine Geschwister sehen würden … die wären sicher neidisch.“

Sie strahlte ihre Tochter an und senkte dann ein wenig ihre Schulter, um Sharíku die Möglichkeit zu geben, auf ihren Rücken zu kriechen, wenn sie wollte. Shani als Welpe hätte sich niemals in den See getraut, war doch unter ihnen nur gähnende Schwärze und möglicherweise allerlei ungemütliches Getier. Auch jetzt wäre es ihr am Ufer lieber, aber sie würde erst herausgehen, wenn auch ihre Tochter wieder Land unter den Pfoten haben wollte. Wieder lächelte sie zu der Kleinen und schob dann ihre Schnauze ganz nahe an das winzige Ohr.

“Ich liebe dich, mein kleiner Schatz.“

… nie hätte sie gedacht, dass es so schön sein konnte, Mutter zu sein. Aber sicher waren auch nicht alle Mütter so glücklich, wie sie … schließlich hatten nicht alle Mütter eine Tochter wie Sharíku. Sie wurde etwas abgelenkt von den Geschehnissen am Ufer. Zwei Fremde waren aufgetaucht. Der Schwarze schmuste bereits mit Daylight, als würden sie sich schon ewig kennen – vielleicht taten sie es ja? – und eine Graue stand ein wenig unsicher dabei. Auch wenn Daylight und ihr Herzblatt scheinbar eher ungestört sein wollten.

“Aradis, Sharíku, schaut mal. Da ist eine Fremde aufgetaucht … wollen wir sie begrüßen?“


Der Schwarze wirbelte herum. Aus seiner scheinbarer Trance gerissen. Eine graue Wölfin stand vor ihnen, hatte sich bereits schon vorgestellt. Ein beklemmendes Gefühl kroch in seiner Magengegend hoch. Nun wünschte er sich nichts mehr als seine Schatten. Die Schatten, die ihn bergen konnten. Wo er sich verkriechen konnte, wo niemand ihn sah. Wie ein lauerndes Geheimnis. Mit der Dunkelheit eins werden. Ja, plötzlich fühlte er das altbekannte und erdrückende Gefühl der Schuld in ihm hoch. Seine dunklen Augen starrten für eine Weile auf die Wölfin, die sich mit Stjarnij bekannt gemacht hatte. Schließlich glitt sein Blick auf die Wölfe im Wasser. Eben hatte er noch die Zweisamkeit gespürt und nun fühlte er sich wieder fehl am Platz. Ein leichtes Frösteln machte sich bemerkbar. Sein Lächeln verebbte und ein grimmiger Ausdruck fand Platz. Wer war er? In fälschlichen Situationen hätte er das Verhalten einfach nachgeahmt. Hätte damit eine lange Begegnung vermeiden können. Doch Daylight… Ja, was war mit der jungen Wölfin? Hatte sie ihm nicht gerade noch einen Zweck geschenkt, den er nicht aufgeben wollte? Wollte er sie nicht beschützen?

Ein kleiner grauer Welpe schwamm im See. Blaue strahlende Augen. Er kannte die Augen, er hatte sie schon einmal gesehen. Doch nur wo? Wo hatte er diesen Blick schon einmal gesehen?

Lauf! Aryan, Bruder, lauf! Soweit Du kannst. Soweit Deine Pfoten Dich tragen. Ich spüre, Dir geht es nicht gut, Du fühlst Dich in den Schatten wohler. Vergiss´ die junge Weiße, sie kann dir Dein gestohlenes Glück nicht schenken. Bruder, erinnere Dich, wer Du bist. Du bist ein Teil von mir. Lass uns gehen. Ich werde Dir verzeihen.

Cyriells Stimme war sanft, verständnisvoll. Sie zog ihn langsam von der wärmenden Quelle Daylights davon. Seicht und geborgen, nicht so wie er es eben kennen gelernt hatte. Aber so vertraut. Das gewonnene Flackern in seiner Brust erlisch langsam. Doch war er wirklich so unsicher? War er nicht der Rüde, der die Weiße beschützen wollte? Hatte er ihr nicht versprochen? Hartnäckig ließ er eine Pfote hart auf den Boden stampfen. Sein Gesichtsausdruck wurde entschlossener.

“Nein“,

zischte er so leise, dass es hätte nur Cyriell hören können. Nein, er wollte nicht wieder weglaufen. Nein, er wollte nicht fliehen. Und ja, er war Schuld an dem Tod seines Bruders. Und ja, er hatte ihn getötet, nicht mit Absicht, aber hatte es getan. Das war er, Aryan. Der junge Rüde, der schon so früh eine Last auf sich zog. Der Rüde, der keine Familie mehr hatte, der nicht einmal wusste, was Spaß ist. Dieser Rüde wollte eine junge reine Seele beschützen. Daylight. Warum genau er es fühlte, warum genau er so etwas dachte, wusste er selbst nicht. Nur er wusste sein Gefühl eindeutig zu erkennen. Und zu deuten.

“Mein Name ist Aryan.“,

sagte er gerade heraus. Dabei stellte er sich bergend an Daylights Seite.


Die weiße junge Fähe hatte dem Welpen und ihrer Mutter lächelnd zugesehen. Nun wurde es doch ein wenig kühler, vorallem an ihren Pfoten, und so nahm sie das Angebot Shani's dankend an.

"Ja, Shani... oh! Ich glaube, der Schwarze hat sie schon bemerkt...! Lass uns trotzdem rausgehen, sonst sind wir danach zu kaputt, und vielleicht möchte Sharíku noch Geschichten hören? "

fragte sie und sah Shani fragend an. Dann paddelte sie mit fließenden Bewegungen auf das Ufer zu. Jetzt waren schon zwei weitere Wölfe zu diesem Rudel gestoßen... Eine leichte Brise streifte die junge Wölfin, als sie aus dem Wasser stieg und ein wenig über die Steine hüpfte, die sich sonst unangenehm in ihre Ballen gedrückt hätten. Sie fröstelte. Sie durften durch das, immer noch sehr warme, Klima nicht vergessen, dass es Herbst war. Und der Winter stand schon vor der Tür und klopfte an. Die Weiße lächelte leicht, dann schüttelte sie sich dsa Wasser aus ihrem Fell. Die Wassertropfen spritzen umher, sie glitzerten in der Sonne wunderschön bunt und blitzten miteinander um die Wette. Immer noch mit den Pfoten im Wasser stehend, sah sie sich zu Sharíku und Shani um, dann trat sie langsam aus dem Wasser. Ihr Fell trocknete schnell in der Sonne, sie ging mit leisen Schritten auf die drei Wölfe zu.

"Seid gegrüßt, ihr beiden...", sagte sie an Daylight und den Schwarzen gewandt. Sie hatte gerade noch den Namen des Rüden mitgehört, "...und auch du, Fremde! Sei gegrüßt."

sagte sie mit freundlich Stimme und lächelte die Weiße nett an. Auch Aryan lächelte sie an. Daylight und er hatten ziemlich heftig mitrumgetollt, und auch gekuschelt, ... als würden sie sich ewig lang kennen. Aryan hatte sich, etwas schützend, neben Daylight aufgebaut und sah die unbekannte Fähe mit seinen dunklen Augen an. Dann setzte sie sich hin und schaute in die Runde. Hoffentlich kamen Shani und die kleine Sha auch noch... sie mochte die Anwesenheit der beiden Wölfinnen irgendwie, sie fühlte sich geborgen und freundlich behandelt. Und Sharíku mochte sie ja eh sehr... sie drehte ihren Kopf und sah mit ihren smaragdgrünen Augen zu den beiden Fähen zurück.


Sie hatte gerade zu einer Antwort ansetzen wollen. Eine Antwort auf alles. Und vielleicht trotzdem wertlos. Vielleicht würde er nicht auf sie hören. Plötzlich und nur für einen Herzschlag hatte sie schreckliche Angst-die-im-Herzen-wehtut, dass er sie verlassen würde. Doch diese Angst verflog in dem Moment, als eine unsichere Stimme-fremd-und-die-einer-Fähe sie in die wirkliche Realität zurückholte. Es war die einfach Realität, diese Realität, die so weit von all dem entfernt war, was noch vor wenigen Herzschlägen Wirklichkeit gewesen war. So weit entfernt, wie in einer anderen Welt. Vielleicht war es wirklich eine andere Welt? Eine Welt in der so vieles einfacher war. Die Worte, die sie hatte aussprechen wollen gehörten nicht in diese Welt. Hier waren sie bedeutungslos. Sie gehörten in die andere Welt. Eine Welt voller Feuer, das nicht verbrannte und trotz allem voller Eis, eisigem Eis-kälter-als-das-Eis-in-den-Bergen, Eis, das erst schmelzen musste und sie wusste nicht wie. Sie wusste nur das es schmelzen musste und das sie nur Worte hatte, Worte und Gesten und Gefühle, die es zum schmelzen bringen konnten – doch all das war nun weit entfernt. Nicht vergessen, aber in einer anderen Welt. In der Welt, die zu betreten nur Aryan und ihr vergönnt war. Eine Welt, die nur ihnen beiden gehörte. Doch diese Welt war weit entrückt, nun war eine andere Welt wieder wichtig, auch wichtig. Die Welt aller. Und in dieser aller Welt gab es die Fremde Fähe-die-sich-Stjarnij-nannte. Dort gab es auch andere Wölfe. So wie Shani-Mutter-der-Bergwelpen und Aradis-mit-den-grünen-Augen und Sharíku-ohne-Stimme, die sich ihrer kleinen Versammlung nun ebenfalls angeschlossen hatten und ihre Aufmerksamkeit verdienten. Sie alle schoben die andere Welt ganz weit weg. Doch Daylight würde sie wieder betreten, bald, sehr bald, es bedurfte an Antworten und Entscheidungen und Wärme, noch baldiger als bald. Aber nicht jetzt. Erst bald und auch wenn die kleine Weiße sich nach diesem bald sehnte, auch wenn es schmerzte, wandte sie sich nun an die Neuankömmlinge, indem sie auf die Pfoten sprang, an Aryans rechte Seite hüpfte und die vier der Reihe nach ansah. Die Tränen waren getrocknet, sie gehörten in eine andere Welt. Diese andere Welt.
Denk daran, was Banshee tun würde. Lächle, sagte eine eindringliche Stimme in ihrem Kopf und zwang ein zaghaftes Lächeln auf die dunklen Lefzen, doch nur, wer die Jungwölfin wirklich gut kannte, hätte erkennen können, das es nicht echt war.
Als erstes wandte sie sich an Stjarnij. Nun, Banshee-für-immer-geliebte-Mutter war nirgendwo zu sehen, also lag es wohl an ihr die Fremde willkommen zu heißen. Und wenn nicht, nun, dann war es auch nicht schlimm, denn wer mochte es ihr verbieten einer anderen Wölfin ‚Willkommen’ zu sagen?

„Willkommen im Tal der Sternenwinde, Stjarnij.“, begann die kleine Wölfin freundlich und trotzdem gelang es ihr nicht die gleiche Herzlichkeit in ihre Stimme zu legen, wie zuvor bei Aryan.

„Ich bin Daylight, eine Tochter Banshees der Alphawölfin dieses Rudels.“

Ihre eigenen Worte erfüllten die Kleine mit Stolz und wischten einen Teil der Traurigkeit fort.

„Wenn du magst.“, sie lächelte nun ihr wahres, strahlendes Lächeln. „Dann stelle ich sie dir bei Gelegenheit vor. Sie ist wirklich die beste Alphawölfin, die du dir vorstellen kannst.“

Wie um ihre Worte zu unterstreichen schwenkte sie vergnügt die Rute und ließ ihren Blick zu Shani schweifen.

„Hallo Shani.“, erwiderte sie in ihrem fröhlichen Tonfall und nickte ihr zu, ehe sie sich an Aradis wandte.

„Hallo, Aradis.“, sie begegnete einen Herzschlag lang dem Blick der weißen Fähe und senkte schließlich den Kopf, sodass sie mit Sharíku-Welpin-grau-mit-blauen-Augen auf gleicher Höhe war.

„Hallo, kleine Sharíku.“

Sie stupste die Welpin sachte mit der Schnauze an und hob dann wieder den Kopf. Aus den Augenwinkeln erwiderte sie Aryans Blick. Sie sind Freunde, sagten ihre Augen und ein sanftes Lächeln umspielte ihre Lefzen. Auf einmal war es ganz natürlich, das er an ihrer Seite stand, dass er auf sie aufpassen musste, damit ihr nichts passierte. Das er immer da war und das nichts zwischen ihnen war, das sie von einander trennte. Die Worte des Schwarzen vor nur wenigen Augenblicken schienen beinahe vergessen. Doch sie waren es nicht. Aryan-Verwandter-der-Seelen würde seine Antworten bekommen, wenn sie ihre bekam. Antworten, die alles entscheiden würden. Antworten für die Ewigkeiten. Doch sie würde ihre Meinung nicht ändern. Immer. Hatte sie gesagt. Immer. Und immer blieb auch immer, für immer.


Es gibt Momente, die sind einfach vollkommen. Es gibt sie nicht häufig, aber jeder Einzelne ist etwas Besonderes. Bei einigen erinnert man sich noch Jahre später an jedes Detail, andere vergisst man nach wenigen Sekunden... Die Erinnerung an diesen warmen Herbsttag, an dem sie zusammen mit Shani im See schwimmte, würde mindestens als schwache Spur in Sharíkus Gedächtnis haften bleiben.

oO( Wären sie wirklich neidisch, Mami? Können sie nicht schwimmen? Bin ich die Einzige, die das kann? Vielleicht kann ich es ihnen ja beibringen. Dann können sie mir das Sprechen beibringen! Nein, nein, das geht wohl nicht... Aber ich kann es ihnen ja auch so beibringen, sie finden Schwimmen bestimmt auch toll. Aber Jakash zeige ich nur, wie es geht, wenn er mich nicht ärgert! Wenn er mich ärgert und nicht schwimmen kann, dann kann ich einfach ins Wasser springen und dann kann er mir nicht folgen! Oh, und Mami? Ich liebe dich auch! Kann man Fliegen eigentlich genauso leicht lernen wie Schwimmen? Das wäre ganz toll, wegen Rakshee.)

Für diesen Moment rückte die ewige Unsicherheit und Angst in den Hintergrund, machte Platz für die Liebe zu ihrer Mutter, die Liebe zu ihrer ganzen Familie und die Liebe am Leben selbst. Direkt neben ihr der warme Körper ihrer Mutter und um sich herum das kühle Nass, das reichte ihr in diesem Moment, um zufrieden zu sein. Langsam ermüdeten ihre kurzen Beine. Sie kletterte auf Shanis Rücken und stubste sie dankbar mit der Schnauze an. Die kleine Graue drückte ihr Ohr gegen den weißen Körper, um Shanis Herzschlag zu hören. Bu-bumm, bu-bumm, bu-bumm,... Der regelmäßige Rhythmus hatte eine beruhigende Wirkung auf die kleine Fähe. Entspannt schloss sie die Augen, hörte nur noch den Herzschlag Shanis und das Plätschern des Wassers. Sie öffnete die Augen erst wieder, als Shani den Vorschlag machte, eine Fremde zu begrüßen. Wieder etwas ängstlicher beäugte sie die kleine Versammlung am Ufer. Nun ja, besonders böse sahen sie ja nicht aus. Es konnte ja nicht schaden, mal etwas näher zu ihnen zu gehen... Aber nur, wenn Shani oder Aradis ganz nahe bei ihr blieben! Als Aradis dann etwas von Geschichten sagte, war Sharíku nicht mehr zu halten. Sie rutschte von Shanis Rücken wieder ins Wasser und schwamm Aradis hinterher.

oO( Ja bitte, ich will Geschichten hören! Unbedingt! Ob Aradis viele Geschichten kennt? Vielleicht können mir die anderen auch Geschichten erzählen. )

Am Ufer angekommen, sah sie zu Shani zurück, in ihrem Blick die Bitte, mit ihr zu den anderen Wölfen zu gehen. Etwas zaghaft gesellte sie sich zu ihnen, zu Aradis, ihrer Tante Daylight und den beiden Fremden. Die kleine Graue erwiderte Daylights Begrüßung mit einem schüchternen Lächeln und bemerkte staunend den Blick, den ihre Tante dem Schwarzen zuwarf.

oO(Daylight findet so schnell neue Freunde. Ich kann das bestimmt nicht. Mit mir können sie ja gar nicht richtig reden...)


Ein langsames und steig größer werdendes Unwohlsein machte sich in der Brust des Rüden breit. Hatte er sich doch noch eben der weißen Wölfe geöffnet, schien er nun mehr als zuvor fern von eines Rüden, der Gesellschaft zu begrüßen weiß. Sein Blick verfinsterte sich, wohl nicht aus Zorn und Ärger, viel mehr aus der stetigen Unsicherheit und der harten Schuld, die niemand sehen sollte. Die Fassade hielt sich aufrecht und die Mauer stand fest. Wie ein Fels in der Brandung, umspielt mit der Gischt und dem rauen Wind.

Brüderchen,

meldete sich Cyriell abermals. Diesmal sanft und schüchtern. Er zuckte innerlich zusammen, lauschte, brauchte seinen Bruder wieder.

Ich fühle es, Du bist wieder so allein. Aber das brauchst Du nicht, ich bin bei Dir. Du musst mir nur vertrauen und auf meine Worte hören.

Aryan wog sich in den sicheren und vertrauten Worten seines Bruders. Und obwohl er hätte am liebsten die Einsamkeit gesucht, blieb er stehen und starrte zu der eben erschienen Wölfin mit den grünen Augen. Ihr gefolgt war ein dunkelgrauer Welpe, der tiefblaue Augen hatte. Die Augen Cyriells.

Sein Augenmerk suchte Daylight, ersuchte ihre Sicherheit, wich dennoch zurück. Legte ein Stück die Ohren nach hinten. Nun mehr bot er einen seltsamen und sehr distanzierten Eindruck.


Shani spürte, wie glücklich ihre kleine Tochter war und freute sich, dass sie trotz der Stummheit der Welpin ihr Glück schenken konnte. Und sie würde alles daran setzen, das immer und immer wieder zu schaffen. Noch einmal berührte sie sie an der Stirn, dann kletterte die Graue auf ihren Rücken und kuschelte sich in ihr Fell. Die Weiße hatte sich daran gewöhnt, viel zu reden, wenn sie bei ihrer Tochter war. Meist traf sie mit einigen Worten die Gedanken ihrer Tochter, immerhin war es noch relativ leicht die Gedankengänge eines Welpen zu erraten. Wenn Sharíku erst größer war, würde es viel schwerer werden und Shani war sich nicht sicher, wie sie es schaffen sollte, der Grauen trotzdem all das zu schenken, was sie sich wünschte.

“Und wenn wir wieder bei den anderen sind, kannst du deinen Geschwistern zeigen, was du schon kannst. Wenn sie lieb sind, wollen sie es vielleicht von dir lernen. Und sicher können sie dir zeigen, was sie gelernt haben in der Zeit, wo ihr getrennt war. Rakshee wird viel zu erzählen haben. Wenn du magst, kann ich sie fragen, ob sie dir all das zeigt. Auch sie hat dich sehr lieb, Sharíku. Deine ganze Familie … selbst Jakash.“

Aradis wirbelte schon aus dem Wasser, rief noch etwas von Geschichten und war schon zu den drei am Ufer gestoben. Sharíku schien zuerst zu zögern, dann rutschte sie aber schon wieder von ihrem Rücken und schwamm der Weißen nach. Gemächlich folgte Shani ihnen. Sie hatte es nicht eilig, freute sich aber, aus dem Wasser zu können. Am Ufer angekommen schüttelte sie sich erstmal ausgiebig und tappte dann zu ihrer Tochter. Schützend stellte sie sich so, dass die Kleine zwischen ihren Pfoten stand, lächelte aber jedem zu.

“Hallo Daylight. Da hast du ja gleich zwei Fremde aufgetrieben.“

Sie musterte den Schwarzen und die Graue kurz und schenkte auch ihnen ein Lächeln.

“Ich bin Shani und das ist meine Tochter Sharíku. Wollt ihr euch nicht vorstellen?“


Als Aradis aus dem Wasser gestiegen war, lächelte sie Daylight freundlich an. Daylight hatte ihr geantwortet, doch der Schwarze schien sehr wortkarg, seine Miene war hart und undurchdringlich geworden- in wneigen Sekunden war er zu einem völlig anderen Wolf geworden. Etwas scheu klappte Aradis die Ohren nach hinten und blickte betreten drein, ihr kam es so vor, als wären sie dem Schwarzen nicht recht. Vielleicht mochte er die Gesellschaft von mehreren Wölfen nicht so gerne? Dann spürte sie eine sanfte Bewegung, und als sie ein wenig nach links schaute, sah sie, dass Sha gekommen war. Die kleine Sharíku schaute alle mit großen Augen an. Sicher wollte die Kleine Geshcichten hören. Alle Welpen wollten Geschichten hören. Aradis legte den Kopf schief, dann setzte sie sich hin,- sie war aufgestanden, als Shani und Sharíku kamen. Sie erstaunte es in höchstem Maß, dass Sharíkus Gegenwart sie so besänftigte. Und auch Shani war sehr hilfreich. Aradis blickte sichtlich entspannter in die Runde, ihre Ohren stellten sich wieder auf und sie blickte nun vorallem Daylight an. Sie schluckte kurz, ihre Mundhöhle war ganz ausgetrocknet gewesen, sie hatte ein wenig Panik bekommen, schließlich kannte sie Daylight nicht wirklich und den Schwarzen, der sich immer noch nicht vorgestellt hatte, erst recht nicht. Nun wich er sogar ein wenig zurück, seine Miene starr und unbeweglich. Aradis machte er ein wenig Angst. Unbewusst bewegte sie sich ein wenig näher an Shani heran. Sie war nervös. Aber wieder beruhigte die Mutter der Welpin sie. Aradis atmete tief durch, dass sah sie mit ihren grünen Augen wieder Daylight an.

"Vielleicht sollten wir wieder zurück gehen, und... ähm... vielleicht könnten wir ja Sharíku Geschichten erzählen? Wahre Geschichten natürlich, über Engaya und Fenris und...was meinst du denn, Sharíku?"

fragte sie in sanftem Ton und flauschte die Graue kurz und liebevoll. Ach, sie liebte Welpen. Und insbesondere Sharíku. Die grünen Augen blickten in die dunkelblauen. Sie strahlten nun und waren nicht mehr in sich zurückgezogen, sie lächelten die kleine Fähe an und forderten sie sanft und ermutigend auf, eine Meinung zu sagen. Aradis verstand die Kleine irgendwie. Sie verstand es eigentlich auch nicht wirklich. So etwas hatte sie noch nie erlebt, doch wenn sie der Grauen in die Augen sah, sah sie deren Wünsche so scharf, als ob sie sie ihr eben ins Ohr flüstern würde. Sie legte den Kopf ein wenig schief und sah Sharíku abwartend an. Sie wollte die Graue keinesfalls drängen. Sharíku sollte sich nicht in die Enge getrieben fühlen, doch jeder Welpe wollte doch Geshcichten hören, oder etwa nicht? Sie selbst hatte es unheimlich spannend gefunden, als sie noch klein gewesen war.