26.12.2010, 19:05
Das Wasser war eiskalt und schneidend, schien keinen Durst löschen zu können und wollte auch den Atem nicht befreien. Tyraleen hob den Kopf und wandte sich vom Seeufer ab. Sie hatte Durst gehabt, doch schon nach einem Schluck war ihr das beinahe gefrorene Wasser wie Gift vorgekommen. Es schmeckte fremd und schal. Sie war nicht auf dem Rudelplatz, weiter westlich davon gab es viele kleine Stellen, an denen der Wald beinahe das Ufer berührte und so Schutz vor Blicken bot. Langsam zog sie sich zwischen die Bäume zurück, blieb dann aber stehen und drehte sich wieder um. Ihr trüber, goldgelber Blick glitt über den See, der verlassen vor ihr lag. Kein gründelndes Entenvolk und auch sonst keine Gefiederten waren zu sehen. Wo waren sie nur alle hin? Hatte die Kälte sie so schnell dahingerafft? Oder waren sie schon fortgezogen, geflüchtet vor dem Winter, der sich erbarmungslos über das Tal legte? Tyraleen fuhr sich mit der Pfote über das leicht eingefallene Gesicht und leckte halbherzig über ihren Lauf. Ihr sonst schimmerndes Fell schmiegte sich glanzlos und stumpf an ihren Körper, machtlos gegen die Kälte.
In einer plötzlich aufkommenden Welle der Schwäche lehnte sie sich gegen den Baum neben ihr, dessen Blätter faulig an knorrigen Ästen hingen. Ihr Blick senkte sich zu Boden.
27.12.2010, 00:41
Unerbittlich und gnadenlos hielt der Winter das Tal und deren Bewohner gefangen. Trostlos und doch unbeschreiblich schön zugleich. Der natürliche Feind der Fleischfresser übte etwas Faszinierendes auf den Grauen aus. So furchtbar und lebensfeindlich diese Jahreszeit auch war, um so eigenartiger, vielleicht sogar atemberaubender wurde das Land. Und so genoss Tiberius die Stunden allein. Aufmerksam betrachtete er die eigenen, bizarren Formen des Geäst, die in eisiger Starre dem leichten Wind trotzten. Ihr Klirren klang unwirklich und hallte nur dumpf durch das Unterholz. Eigentlich mochte der Rüde die Kälte nicht und zog es stets vor gen Süden zu reisen. Dennoch war er geblieben, trotz aller misslichen Umstände. Eine Erklärung gab es nicht, zumindest keine, die als plausibel galt.
Ihr Fell war stumpf, hatte den gewissen Glanz verloren. Sie lehnte an einem Baum, der Blick zur Erde gerichtet. Beinahe hätte Tiberius sie übersehen. Passte die Wölfin doch perfekt in ihr Umfeld. Regungslos und weiß. Ohne der Umstände zu wissen, spürte der Rüde den natürlichen Instinkt, der ihn wieder umkehren lassen wollte. Kranke oder verletzte Tiere wurden gemieden, um das eigene Leben nicht in Gefahr zu bringen. Ganz dieser Lebensschützenden Triebe trat er auf das stille Geschöpf zu und setzte sich schwungvoll auf die Hinterpfoten. Mit der traurigen und niedergeschlagenen Stimmung des Rudels hatte er schon Bekanntschaft machen dürfen, so war er auf fast jede Reaktion gefasst.
"Der Winter fordert viel und gibt uns nur wenig",
setzte er an, vermied wie bei jedem Gespräch die Vorstellung und sprach das aus, was offensichtlich war, aber eigentlich keiner direkten Ansprache bedurfte.
"Dennoch ist die Landschaft wunderschön - würde man sie sich ansehen",
natürlich war das eine versteckte Botschaft an die zu Boden schauende Wölfin. Um ihr das Aufblicken zu erleichtern, setzte er ein feines, offenes, aber nicht zu breites Lächeln auf die Lefzen.
27.12.2010, 14:42
Tyraleen spürte die Anwesenheit eines Wolfes noch bevor der Wind ihr den Geruch eines Rüden zutrug. Sie kannte ihn nicht. Dennoch sah sie nicht auf, haftete an ihm doch ebenso der schwache Duft des Rudels, sogar Atalya meinte sie zu wittern. Nur die Ohren der Weißen verrieten leicht aufgerichtet, dass sie den fremden Besucher bemerkt hatte und auf seine Schritte lauschte. Er kam näher, dann setzte er sich. In diesem Moment der Schwäche beinahe überrumpelt und nicht fähig einen Fremden angemessen zu begrüßen, behielt Tyraleen ihre Haltung bei bis der Rüde zu sprechen begann. Seine Worte lösten zunächst keine Reaktion aus, erst als er sie beinahe aufforderte aufzusehen, schnippte ihr linkes Ohr. Sie brauchte einige Herzschläge um ihre Stimme wieder zu finden, die von dem kalten Wasser betäubt worden war. Dann sah sie auf und betrachtete flüchtig das leicht gestromte Fell und den bernsteinernen, ihrem sehr ähnlichen, Blick des Rüden.
“Er würde viel mehr geben, käme er zur rechten Zeit.“
Ihr Blick wanderte erneut über den ausgestorbenen See und blieb dann an den Bergen hängen, deren eisige Gipfel in den Wolken versanken.
“Ich kenne keine schönere Welt, als die der Berge. Dort berührt jeder Gipfel die Unendlichkeit und der Schnee ist so ewig, so weit, dass kein Weg versperrt ist – überall nur Schnee und Eis, die dich empfangen, wenn du dich nur auf sie einlässt.“
Lange hatte sie nicht mehr über die Berge und ihre Liebe zu ihnen gesprochen. Der letzte Winter war kein Winter gewesen, erst jetzt, wo die Kälte und die schneeverkündenden Wolken kamen, dachte sie wieder an das Land ihrer Sehnsucht. Ihr Blick wanderte über den See zurück zu dem Rüden.
“Wer bist du?“
27.12.2010, 20:10
Ihre bernsteinfarbenen Augen trafen kurz seinen Blick, bevor sie wieder in die Ferne sahen. Und tatsächlich lag in ihren Zügen etwas, das man mit einer Verletzung gleichsetzen konnte. Vielleicht war die Wölfin ähnlich wie Atalya in das bekannte Drama involviert. Eine gute Freundin der Mutter. Oder, und das konnte der Graue nicht kategorisch ausschließen, es handelte sich um die Verursacherin. Um die getadelte Mutter. Mit seiner Frage würde er noch ein wenig warten. Erst ließ auch er seinen Blick über den gefrorenen, starren See schweifen, um schließlich an den Gipfeln einer Berggruppe hängen zu bleiben. Sie beschrieb die eisigen Felsen mit Hingabe und löste in Tiberius die geliebte Sehnsucht nach Freiheit aus. Natürlich, jeder schneller Läufer liebte die Weite. Keine Grenzen und kein Ende, wenn man im Gegenzug die lebensfeindlichen Bedingungen akzeptierte. Um seine Zustimmung zu bekunden stieß er einen leisen Seufzer aus. Der Atem gefror und ließ kleine, feine Wolken in der Luft tanzen.
Die Frage nach dem 'wer' stellte man ihm oft und eigentlich wollte der Rüde immer mit seiner ganzen Lebensgeschichte herausrücken. In den meisten Fällen stieß er damit allerdings auf Verwunderung, Ablehnung oder Langeweile. Also blieb ihm keine andere Möglichkeit.
"Tiberius",
das war ja auch nicht gelogen – erzählte nur nicht die ganze Wahrheit. Er war nicht einfach nur Tiberius. Dazu gehörte schließlich das gesamte, kompakte Paket geballter Rüdenpower. So wie es auch mit dem Winter zu erklären war. Er war nicht nur hart und skrupellos, sondern auch wunderschön.
"Und wer bist du, dass du einen Grund hast so traurig zu sein und die Abgeschiedenheit suchst?",
zugegebenermaßen war er nicht besonders taktvoll. In den meisten Fällen war aber mit Gewissheit zu sagen, dass der Graue nicht aus böswilliger Absicht agierte. Im Gegenteil. Er fand Interesse an der traurigen Weißen. Mit jedem weiteren Herzschlag rückte der anfängliche Verdacht in die harte Gewissheit. Nicht ohne Grund hatte die Fähe so viel Distanz zu anderen Artgenossen aufgebaut. Und auch die Instinkte hatten dem Rüden erzählt, dass man sie meiden müsse. Sie war nicht verletzt oder krank, nur – ja, versunken in nicht so guten Gedanken.
Kurz schloss er die Lider, sah wie die Umrisse der Berge vor seinem inneren Auge flimmerten. Ihm war klar, dass er zwar eine gute Gesellschaft sein konnte, aber für solche Anlässe nicht genug Feingefühl besaß.
28.12.2010, 01:07
Die Augen des Gestromten waren Tyraleens Blick gefolgt und verrieten durch ihren Ausdruck, den die Weiße von sich selbst kannte, dass der Rüde ahnte oder wusste von was sie sprach. Auch sein leises Seufzen schien so etwas wie Sehnsucht ausdrücken zu wollen, ohne dass es verriet, was der Graue dort oben suchen würde. Mehr Antwort wollte er ihr nicht geben, aber Tyraleen brauchte keine Erklärungen oder neues Wissen, mit dem sie nichts anfangen konnte. Das Alte musste zuerst verstanden werden.
Sein Name war ihr fremd, er musste ein Neuling sein, der entweder bereits begrüßt worden war, oder … auch nicht. Es gab keine Leitwölfe, die diese Aufgabe übernehmen mussten und Tyraleen hatte zunächst ganz andere Hürden zu überwinden, bevor sie sich dieser Position annahm. Sie fragte nicht weiter nach.
“Ich bin Tyraleen. Vielleicht hast du diesen Namen schon gehört. Vielleicht, als du mit meiner Tochter gesprochen hast?“
Ein flüchtiges Lächeln huschte über ihre Lefzen, der feine Geruch Atalyas hing wie Tautropfen in Tiberius‘ Fell, so schwach, dass ihn wohl nur eine Mutter mit ihrem angeborenen Instinkt für jedes Zeichen ihrer Kinder bemerken konnte.
“Oder vielleicht kennst du den Namen Tyraleen nicht, hast nur von der Mutter gehört, die ihren Sohn tötete um ihren Gefährten zu schützen. Die den Falschen hergab um einen ebenso Falschen zu verlieren.“
Ihr Blick hatte sich wieder gesenkt, noch immer an den Baum gelehnt gab sie der Schwäche ihrer Hinterläufe nach und setzte sich langsam auf den gefrorenen Boden.
28.12.2010, 12:24
'Hab´ ich es doch gewusst', wäre wahrscheinlich der unpassendste Ausruf gewesen, der Tiberius einfallen konnte. Die Mutter wäre nicht begeistert gewesen und würde auch nicht hinter dieser Äußerung erkennen, dass der Graue sie nicht verurteilte. Nicht vorverurteilte. Ein eigenes Bild hatte er sich bereits machen können. Und die Umstände zeigten ihm, dass keiner der Betroffenen damit leicht umgehen oder entsprechend großzügig mit der weitgreifenden Art des Rüden hantieren würde. Er wusste also, dass die Weiße zerbrechlich war. Der Druck von außen war schon groß genug und den inneren Konflikt konnte er nur erahnen. Wie eine plötzliche Zustimmung Tyraleens glitt sie schwach auf ihre Hinterläufe und der Blick war wieder gen Boden gesenkt. Tiberius ließ sich davon nicht beirren und würde, ganz seiner Natur, glänzen, eine angenehme Gesellschaft zu sein. Vorzugsweise.
"Atalya erzählte mir von deiner Entscheidung",
damit bekundete er sein Wissen, dass Tyraleen auf eine 'Göttervision' hin handelte. Ob er das nun gut hieß, war ja noch eine ganz andere Sache. Mit den höheren Mächten legte er sich nicht an, beziehungsweise: Es interessierte ihn schlichtweg nicht.
"Erwarte nicht von mir, dass ich dir meine Meinung zu dieser Tat auf die Schnauze binde",
ungewöhnlich weich war der Tenor seiner Stimme geworden. Kein Tadel, aber auch keine Zustimmung. Sie hatte etwas getan, was man nicht rückgängig machen konnte und so wie er Atalya bereits gesagt hatte, war es nicht wichtig zu urteilen, ob es eine richtige oder falsche Entscheidung gab, sondern wie man mit den Umständen umgehen wollte.
"Ob du nun den Falschen gehen ließest, wirst du nie erfahren. Und die Frage, ob es überhaupt eine falsche Wahl gab, wird uns nie einer beantworten können."
Langsam senkte er den Blick der bernsteinfarbenen Augen auf das Antlitz des geschwächten Körpers.
"Du hast deinen Sohn getötet, um das Leben deines Gefährten zu schützen... ja vielleicht. Vielleicht wolltest du deinem Sohn auch nur ersparen, irgendwann seinen Vater zu töten. Es kann sein, dass deine Vision nur Lügen erzählt hat oder dir erlaubte, in die Zukunft zu sehen",
er sprach es so aus, wie er die Dinge betrachtete. Es waren alles Vermutungen und Spekulationen. Unwichtige Details, die das Rudel beschäftigten.
"Es wäre viel leichter, wenn sie alle nachempfinden könnten, was du fühlst. Damit wäre ihnen auch klar, dass du mit deinem eigenen Urteil schon hart genug bestraft bist",
er machte eine kurze Pause und senkte bei seinen nächsten Worten die Stimme,
"Wenn du überhaupt eine Strafe verdient hast",
diese Entscheidung überließ er der Weißen selbst. Wie versprochen hatte er keiner Meinung kund getan. Dennoch ließ er durchblicken, dass er Tyraleen nichts wollte.
(Entschuldige, ich werde immer so schnell ausschweifend...)
02.01.2011, 22:21
Die Erwähnung des Namens ihrer Tochter ließen Tyraleens Ohren leicht zurückzucken. Ihr holpriges Gespräch kam ihr wieder in den Sinn, die Entschuldigung der Grauen für ihre Verurteilung und die Verzweiflung in ihrer Stimme. Wenn sie mit einem Fremden darüber sprach musste sie noch immer viel darüber nachdenken. Nicht anders als Tyraleen selbst. Tiberius Stimme war sanfter geworden, auch wenn er ihr gleich verkündete, seine Meinung für sich behalten zu wollen. Die Weiße war darüber weder erfreut noch traurig, sie hatte schon zu viele Meinungen gehört um bei einer mehr oder weniger allzu viel zu empfinden. Auch wenn Tiberius nach dieser Ankündigung erstaunlich viel zu sagen hatte. Tyraleen ließ ihn sprechen und hörte ihm aufmerksam zu, auch wenn ihr Blick gesenkt blieb. Vielleicht war der Blick von einer solch neutralen Position wie der Gestromte sie einnahm, in irgendeiner Form wertvoll. Am Ende war es aber doch nicht viel Neues, was sie gehört hatte. Die Quintessenz blieb die gleiche: Man wird nie erfahren, was hätte geschehen können und dass niemand daran zweifelte, wie sehr Tyraleen unter ihrer eigenen Entscheidung litt, war für die Weiße auch klar. Das änderte jedoch nichts an der Situation, dass man ihr von nun an misstraute und dass sie grausam war, da sie ihren eigenen Sohn hatte töten können. Ihr Blick hob sich wieder und erwiderte den des Grauen. Sie spürte, dass er ihre Schwäche in allen Facetten sah und konnte doch nichts dagegen tun, als ihren Blick nicht von ihm zu nehmen.
“Theoretisch klingen deine Worte alle richtig und sie zeigen jemanden, der sich Gedanken über beide Seiten gemacht hat. Aber sie helfen praktisch nicht. Sie sind leer - so wie die Aufheiterungen, dass bald alles besser wird.“
Wieder schnippte ihr linkes Ohr leicht zurück und sie bemerkte, dass ihre Worte härter klangen, als sie gemeint waren.
“Entschuldige, ich wollte dir keinen Vorwurf machen. Viel mehr bin ich froh, dass du mich nicht verurteilst. Aber die Theorie lief schon so viele Male in meinem Kopf ab, ohne dass ich mit ihr etwas anfangen konnte. In der Praxis ist mein Sohn tot, hat mein Gefährte mich verraten und geht meine Familie in die Brüche.“
Sie sog die kalte Morgenluft langsam ein und wandte noch immer ihren Blick nicht ab.
“Aber das ist etwas, das dich nicht weiter belasten sollte. Wenn du deine Meinung darüber nicht verraten willst, hast du vielleicht auch keine – was nicht schlimm wäre. Denn für eine Meinung müsstest du sehr viel tiefer in dieses Gestrüpp aus Göttern, Mächten, Familienbeziehungen und unausgesprochenen Erwartungen eintauchen.“
03.01.2011, 13:11
Da war der Rüde ja in eine ganz brisante Situation gerutscht. Als Fremder kam er, als Fremder musste er Geschehen und Vorfall betrachten und als Fremder würde er Position bezihenen müssen, oder? Nein, Tyraleen gewährte ihm offenbar ein Meinungsfreies Leben. Gütig. Anders als es die restlichen Erfahrungen besagten, schien es sogar angebracht. Sie war ohnehin geschwächt, scheninbar nah am Ende ihrer mentalen Kraft - wer könnte ihr es verübeln? Der getrübte Blick aus ihren bersteinfarbenen Augen zeigte Tiberius das ganze Ausmaß der Schwäche. Und vielleicht fühlte er einen Moment lang so etwas wie Verständnis. Obwohl es dem Rüden durchaus erlaubt war zu fühlen wie ein Wolf, betrachtete er die meisten Erlebnisse nüchtern und distanziert. Er hatte keine Familie. Er hatte keine Gefährtin und keine Welpen. Als Vater hätte Tyraleen bestimmt auch seine Schmach und seine Missgunst spüren müssen, zumindest ging der Graue davon aus. Wie erwähnt: er besaß keine Familie.
Er nahm den Blick nicht von ihren Augen, wollte sehen, was in ihr vorging. Ja, er forderte sie direkt auf.
"Natürlich helfen dir Worte nicht",
tatsächlich wurde das Lächeln wieder breiter. Der Rüde nahm ihr den harten Unterton nicht übel. Warum auch?
"Ich habe keine Familie. Keine liebende, fürsorgliche Gefährtin und keine quirligen Welpen. Ich bin ein Junggeselle ohne Ziel und ohne große Bestimmung. Das, was du durchmachst und dir widerfahren ist, kann ich nicht nachvollziehen. Nur erahnen",
er verriet nicht zu viel. Erklärte nur die Schwierigkeit seiner Anteilnahme. Wollte der Weißen damit sagen, dass er neutral und belehrbar war. Er würde es sich anhören, wollte die Weiße etwas erzählen. Und würde sie wortlos sein, so konnte er immer noch schweigend seine Gesellschaft anbieten. Und genau diese Gedanken spiegelten sich auch in seinem Blick wider, mit welchem er noch immer die Weiße ansah.
"Willst du mir etwas über eure Götter, Mächte und Familien erzählen?",
fragte er ungewöhnlich sanft und rückte zwei Zentimeter näher.
"Dann kann ich ja immer noch überlegen, ob ich mich der Mehrheit anschließe und dir meine Meinung verrate",
er zwinkerte ihr zu und ließ verstehen, dass es kein bösgemeinter Spruch gewesen war. Viel mehr sein schwarzer Humor, der Tyraleen helfen sollte.
04.01.2011, 20:44
((Nicht erschrecken ^.~ Ich habe die Legende kopiert, deshalb ist es so ein ellenlanger Text geworden. Wollte sie der Vollständigkeit halber drin haben =) ))
Tyraleen spürte wie die Intensität des Blickes ihres Gegenübers zunahm. Kurz fragte sie sich, ob er sie in irgendeiner Art herausfordern wollte, ließ diesen Gedanken jedoch bald wieder fallen. Sie spielten kein Wer-zuerst-wegschaut-Spiel, sie forschten. Doch Tyraleen war nicht bereit ihr Innerstes preiszugeben, jedenfalls nicht so. Tiberius konnte all das Offensichtliche sehen, ihren Schmerz, ihre Enttäuschung und auch ihren Zorn, aber ob diese oberflächlichen Empfindungen das einzige waren, was Tyraleen bewegte, ließ die Weiße nicht erkennen. Sie erwiderte nur den Blick, unbewegt und immerhin in irgendeinem entferntesten Sinne stark. Sein Lächeln wirkte zuerst fehl am Platze, dann erinnerte es sie daran, dass er eher Freund als Feind war. Ein leichter Schimmer in ihrem Gesicht erwiderte es.
“Sicher wirst auch du irgendwann dein Herz an eine Wölfin hängen und vielleicht auch einmal Leben zeugen. Doch ich hoffe, dass du dennoch niemals nachvollziehen kannst, was ich erlebt habe. Selbst wenn ich keine Tochter des Lebens wäre, würde ich es meinem ärgsten Feind nicht wünschen …“
‘… nicht einmal Averic.‘
Für einen kurzen Moment zog Sehnsucht durch ihren Blick, verfing sich wie Wolken in den Gipfeln der Berge und wurde schließlich von dem leichten Wind vertrieben, den Tiberius‘ Worte in ihrem Kopf auslösten. Er wollte etwas erzählt bekommen und sein Blick sprach von Geduld und dem Angebot ihr beizustehen. Kurz fragte sie sich, was ihn dazu bewegen könnte, ob es Langweile, echtes Interesse oder der Wunsch, sich zu integrieren war. Er schien nicht der Typ Wolf, der sich emotional an dem Leid oder dem Glück anderer beteiligte. Aber vielleicht war es genau das, was der Welt fehlte. Oder zumindest diesem Rudel.
“Wenn es etwas gibt, das mich heute glücklich macht, dann vielleicht, von Engaya sprechen zu dürfen.“
Sie erwiderte das Lächeln des Gescheckten diesmal weniger flüchtig und ließ offen, ob sie seine Meinung nun hören wollte oder nicht. Ihre Gedanken kreisten sowieso bereits um ihre Götter und der Überlegung, wie sie am besten anfangen sollte. Aber wie als Welpe, wie bei jedem Fremden gab es nur einen richtigen Anfang – dem, mit dem alles begonnen hatte. Die Legende von Leben und Tod. Während die ersten Worte in ihrem Kopf Gestalt annahmen spürte sie eine schwache Wärme, die Kraft, die sie immer aus ihrem Glauben schöpfen würde.
“Einst, als die Welt noch nicht ihr heutiges Antlitz trug und uns unwirklich und fremd vorgekommen wäre, lebten alle Wesen in Chaos. Eine jede Art zeugte Nachkommen ohne innezuhalten und doch konnte keiner von ihnen sterben. Tod war ein Wort, welches diese Wesen nicht kannten, doch es gab auch kein Leben. Sie mussten nicht essen und nicht trinken, brauchten keinen Schlaf und sehnten sich auch nicht nach Gemeinschaft und Liebe. Sie waren lebend Tote, ohne je gelebt zu haben oder gestorben zu sein. Es gab auch kein Licht und keine Dunkelheit, nur diffuses Grau. Es gab keine Kälte und keine Wärme, nur Taubheit.
In dieser Welt lebten Wölfe, doch ihr Blick war leer und ihre Herzen ohne Gefühl. Sie empfanden keine Freude, aber auch kein Leid. Sie wandelten auf der Erde ohne Sinn, zeugten Nachkommen und bald gab es zu viele von ihnen. Sie fielen von den Rändern der Welt in das Nichts hinein, ohne dass ein Wesen Kenntnis davon nahm. Bis eines Tages, in zwei Tälern dieser leeren Welt, zwei Welpen geboren wurden. Die Fähe hatte reinweißes Fell, der Rüde Tiefschwarzes. Sie waren die ersten Wölfe, die keinen grauen Pelz trugen. Nicht nur die Farbe ihres Fells unterschied sich von dem anderer Wölfe, auch ihre Herzen waren erfüllt mit der Hoffnung auf eine andere Welt. Alleine brachen sie aus ihren Tälern auf und bald schon begegneten sie sich. Sie erkannten einander als Wölfe, die sich von all den anderen unterschieden und spürten die Macht, die ihnen innewohnte. Gemeinsam zogen sie los, um ihre leere Welt zu verändern und das Grau in Weiß und Schwarz zu trennen. Die Wölfin hauchte ihren Atem über die Lande und ließ Wärme die Herzen der Wesen fluten, der Rüde spie Kälte in eine andere Richtung. Das Grinsen des Schwarzen wurde zu Dunkelheit, das Lächeln der Weißen zu Licht und sie einigten sich darauf, den Tag gerecht aufzuteilen. Daraufhin nahm die Fähe das warme Strahlen ihres rechten Auges und formte aus ihm die Sonne. Das helle Glitzern des linken Auges wurde zum Mond und den vielen Sternen am Nachthimmel. Der schwarze Rüde ließ Schatten aus dem Boden wachsen, wenn die Sonne schien und ließ den Mond Abgabe leisten für jede Nacht, in der er scheinen durfte. Von da an musste der Mond jeden Tag ein Stückchen seiner selbst an den Rüden zahlen. Doch die weiße Fähe schenkte ihm stets etwas zurück, sodass wir heute das Zu- und Abnehmen des Mondes beobachten können. Die beiden Wölfe begannen nun, die Zeit in Jahre aufzuteilen, die von da an einen immerwährenden Kreislauf bilden sollten. Die Hälfte eines Jahres würde die Fähe viel Wärme und Leben spenden dürfen, in der anderen Hälfte würde Kälte und Tod über die Lande ziehen. So war gesichert, dass nie einer der beiden mächtiger werden und eines Tages den anderen verdrängen könnte. Als nächstes wollten die Fähe und der Rüde das Grau ihrer Welt in Farben verwandeln. So begann die Weiße ihr Blut über die Welt zu gießen, schenkte warme Töne, die im Sommer aus den Gesichtern der Blumen lachen und die Fellfarben der Wölfe zieren sollten. Aus dem Blut des Schwarzen wurden die Farben der Kälte und des Eises, er schuf das Blau eines Gletschers und das Grün dunkler Tannen. So verschwand die Leere der farblosen Lande und wurde zu einem Spiel aus Farben, die von da an jedem Lebewesen innewohnten. Dann machten sich die beiden Wölfe daran, Gefühle in die Herzen der Wesen zu sähen. Die weiße Fähe streute Liebe und Zufriedenheit, Glück und Freude und eine jede Art begann vor Fröhlichkeit alles zu vergessen, tollte wild herum und genoss ihre Ausgelassenheit. Doch der schwarze Rüde erkannte, dass keiner von ihnen so überleben konnte und schickte ihnen Sorgen, Hass, Unzufriedenheit und Unglück. Von nun an sollten alle Wesen die helle und die dunkle Seite ihres Daseins erkennen und genießen können. Zum Schluss mussten die beiden Wölfe etwas wahrhaft Großes erschaffen. Die weiße Fähe teilte ihr Herz in unzählbar viele Stücke und gab jedem Wesen einen kleinen Teil, schenkte ihnen Leben und machte aus den Wesen Lebewesen. Auch der Rüde teilte sein Herz in unzählbar viele Stücke und gab jedem Wesen einen kleinen Teil, nahm ihm damit die Unsterblichkeit und brachte den Tod über die Welt. Nunmehr hatten beide Wölfe kein Herz mehr, gehörten nicht mehr in diese Welt und wurden so zu Göttern, die wir noch heute als die Göttin des Lebens und den Gott des Todes kennen.
Seit diesen Tagen, in denen der dunkle Wolf und die helle Wölfin die Welt veränderten, schicken sie zwei Erben zu den Lebenden, damit kein Wolf je vergisst, wie die Welt, in der er lebt entstand und wie wichtig der Tod für das Leben ist. Die Göttin des Lebens schickt eine Tochter, der Gott des Todes einen Sohn, die unsterblich sind. Ihre Aufgabe ist es, das Gleichgewicht der Welt zu halten, niemals darf der Tod über das Leben siegen, doch auch das Gegenteil würde die Ordnung zerstören. Gelingt es den Kindern der Götter nicht, sterben sie und andere Wölfe treten an ihre Stelle.“
Sie hatte an keiner Stelle gezögert, die Worte, die sie so oft gehört und so oft selbst gesagt hatte, waren von ganz alleine geflossen, sie hatte nicht einmal nachdenken müssen. Ihr Blick war auf Tiberius liegen geblieben, doch gesehen hatte sie ihn nicht. Bilder der Vergangenheit waren aufgezogen, von Banshee wie sie ihren Welpen die Legende erzählte und von der kleinen Tyraleen wie sie verwirrt und doch glücklich gelauscht hatte. Erst jetzt, da sie geendet hatte, sah sie wieder den grauen Rüden vor sich und spürte die Kälte auf ihrer Haut. Sie lächelte.
05.01.2011, 19:50
Sie lächelte nicht, doch ein kurzes Aufhellen ihrer Gesichtszüge ließ den Rüden wissen, dass sie seine Gunst nicht als feindlich betrachtete. Er war weder Freund noch Feind. Wie so oft blieb es im Raum stehen und er beließ es bei dem netten Wort 'Bekanntschaft'. Schade. Natürlich wäre Tiberius ein guter Freund, ein souveräner Vater und auch ein geschickter Gefährte. Die Frage stellte sich erst gar nicht. Aber es gab keine Wölfin und auch keinen Wolf, der verstand, was Tiberius Nächte lang nicht schlafen ließ und ihn Tag ein, Tag aus marterte. Keiner würde dahinter sehen, weil es nichts zum betrachten gab. Augenscheinlich gab es keine Probleme. Eigentlich.
Gedankenverloren sahen die bernsteinfarbenen Augen der Weißen scheinbar durch ihn hindurch. Sehnsucht spiegelte sich in ihrem Blick. Er verstand nicht, woran sie dachte, gewährte aber diesen kurzen Moment ihrer glücklicheren Gedanken. Und tatsächlich vollbrachte sie ein kleines Lächeln. Und er erwiderte es nach wie vor. Ohne Mühe. Fast wohlerzogen richtete sich der Gestromte auf, schnippte mit den Ohren und legte den Kopf leicht schief. Tyraleen konnte sich seiner Aufmerksamkeit sicher sein. Er würde ihren Worten lauschen, wissbegierig und ungebunden.
'Es gab keine Kälte und keine Wärme, nur Taubheit.' Tiberius folgte der Erzählung bis zu diesem Satz. Ruckartig – ohne bemerkenswerte Vorwarnung – zog sich seine Brust zusammen. Die Lungenflügel drückten unangenehm gegen die Rippen. Ein Knoten schnürte ihm die Luftzufuhr ab. Rasende Gedanken und doch eine erschreckende Leere. Sein leerer Kopf war gefüllt mit sinnlosen Gedankenströmen. Taubheit. Das taube Gefühl zu wandeln, grau in grau und mit einem erfrorenen Lächeln.
Obwohl diese jähe Reaktion auf ihre Worte hin sehr stark war, sah man seinem Erscheinungsbild keine Veränderung an. Der gerade Sitz, der schiefgelegte Kopf und das Lächeln. Tyraleen durchlebte ein Martyrium der besonders fahrlässigen Art und Tiberius empfand nichts. Er sah ihre Schwäche und ihren Schmerz, doch er empfand nichts. Ihr weißes Fell war hübsch, die Augen unvergleichlich und es regte sich nicht viel. Dieser eine Satz allerdings, konfrontierte den Rüden mit seinem eigenen Zustand. Er war nicht dumm, er wusste um seine Taubheit. Von Anfang an war ihm klar gewesen, dass sein 'Emotionstöpfchen' staubtrocken war.
Erst als sein Gegenüber geendet hatte, richtete er sich wieder ein wenig auf. Nach wie vor hatte er ihr in die Augen geschaut. Endlich lächelte sie. Scheinbar von ihrer Göttin geleitet und erfüllt. Ihr Glaube war ausreichend, um sie selbst in solch einer Situation zu behelligen.
“Es muss schön sein, wenn man etwas hat, an das man selbst zur dunkelsten Stunde glauben kann. Ein besonderes Geschenk, Tyraleen. Ich persönlich glaube an keinen Gott, an keine Macht über mir und auch am Schicksal zweifle ich“,
ob er diesen Zustand wollte, war dahin gestellt.
“Du bist die Tochter des Lebens?“,
das würde ihre unheimliche Anziehungskraft erklären. Wenn sie wirklich gesandt war und es Götter gab, konnte sie ihn auch erlösen. Eine befriedigende Option. Die Zeit würde zeigen, ob sie nur betrog oder aus reinen und wertvollen Absichten handelte.
“Du glaubst wirklich an ihre Existenz?“
07.01.2011, 08:46
Tyraleen war keine Hellseherin und das Lesen in den Augen ihres Gegenübers hatte sie nie so gut beherrscht wie andere. Auch war die Weiße gefangen in ihrer eigenen Erzählung und durchlebte Bilder der Vergangenheit, sodass sie den kleinen Schock, den ihre Worte in Tiberius auslösten, in keinster Weise mitbekam. Doch nachdem sie geendet hatte, den Gefleckten und seine bernsteinernen Augen wieder wirklich sah und die Stille einatmete, merkte sie, dass etwas geschehen war. Die Legende hatte etwas in ihm ausgelöst, auch wenn er sonst nicht sonderlich beeindruckt schien. Forschend aber nicht aufdringlich wurde ihr Blick ein wenig neugieriger – er durfte ruhig wissen, dass an dem Gespür einen Wölfin nicht allzu viel vorbeiging.
Dass er an keine Götter hatte Tyraleen schon zuvor gewusst, auch wenn er es nie erwähnt hatte. Ein Wolf wie er glaubte nicht, kannte nicht das Gefühl selbst zu entscheiden und zu lenken und doch geleitet zu werden. Doch nach seinen Fragen stellte sich heraus, dass er zwar nicht glaubte, ihrem Glauben aber nicht mit dem natürlichen und fast schon höflichen Desinteresse gegenüberstand. Sie hatte noch nie mit einem Wolf, der Engaya und Fenris nicht kannte über ihre Existenz geredet. Nein … um genau zu sein, hatte sie überhaupt noch nie über ihre Existenz geredet. Was daran liegen könnte, dass sie in diesem Tal so deutlich war, dass kein Wolf, der länger blieb die Augen davor verschließen konnte.
“Vielleicht solltest du ein wenig länger bei uns bleiben, dann dürfte dir das Glauben leichter fallen.“
Ihr Lächeln wurde zu einem Schmunzeln, auch wenn die Erinnerung an das Nichts – der deutlichste Götterbeweis, den sie bisher erleben durfte – mehr schmerzte, als zu amüsieren. Die Flucht und Nyotas Tod würden immer damit zusammenhängen und ihr Herz ein wenig zusammenziehen.
“Ich glaube es. Meine Mutter war die Tochter des Lebens und starb an ihren Fehlern … ich spüre Engaya in mir, aber ob sie mir wirklich so nahe ist, weiß ich noch nicht. Ich bin noch jung und mache unübersehbare Fehler. Die Gewissheit wird erst noch kommen.“
Nun würde sie sich der schwierigsten Frage annehmen. Natürlich, Glauben war nur Glauben und sprach schon in seiner Wortherkunft von nicht vorhandenem Wissen. Aber konnte man wirklich sagen, dass sie an das Nichts glaubten und seine Existenz nicht wirklich wussten? Nein, in seiner physischen Realität hatte es nichts mehr mit Glauben zu tun und war doch ein Produkt ihrer Götterwelt. Wie gerne hätte sie es dem Gefleckten gezeigt.
“Du bist hier im Tal Engayas, hier stellt niemand die Frage, ob man wirklich an ihre Existenz glaubt. Hier weiß man davon. Es fängt an im Kleinen, in der leisen Magie, die in der Luft liegt und deinen Körper ab und an durchströmt und den Sternenwinden, die nachts über das Himmelszelt jagen. Doch da manche diese subtilen Zeichen gerne übersehen, gäbe es dann noch diese Eiseskälte mitten im Sommer – ich weiß nicht, warum sie da ist, aber dass sie unnatürlich ist, wissen wir alle. Und schließlich gab es Zeichen, die so groß waren, dass sie sogar Leben kosteten. Wir mussten einst gegen das Nichts ‚kämpfen‘, ein weißer Nebel, der unser Revier und jeden, der ihm zu nahe kam, verschluckte. Ein ganzes Rudel musste davor fliehen.“
Sie hielt inne und betrachtete ihr Gegenüber. Würde er versuchen mit Argumenten dagegen anzugehen und alles Unerklärliche entweder auf Halluzinationen oder die kommende Eiszeit zu schieben? Da ihr noch nie diese Frage gestellt worden war, wusste sie auch nicht, wie man auf ihre Antwort reagieren würde. Nur eines konnte sie sich nicht vorstellen: Dass ihn auch nur ein einziges Argument zum Glauben animieren würde. Denn selbst wenn man wusste – glauben musste man deshalb noch lange nicht.
“Was die Legende betrifft … vieles muss man als Metapher sehen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es tatsächlich einmal Lebewesen gab, die nicht lebten aber auch nicht starben. Doch auch wenn es nur ein Bildnis ist, ergibt die Erzählung Sinn und erinnert uns an die Polarität unseres Seins.“
Wieder schmunzelte sie leicht. Das war nichts, was ihre Mutter ihr erzählt hatte und Tyraleen wusste auch nicht, ob Banshee jemals so differenziert an die alten Legenden herangegangen war. Ihre Tochter aber war kritisch und hatte sehr viel Zeit zum Nachdenken gehabt – gerade jetzt, da jeder sie für verrückt hielt, da sie auf die Weisung eines Gottes gehört und dafür ihren Sohn geopfert hatte.
15.01.2011, 11:33
Das kurze Innehalten hatte die Weißen nicht sehen können, dennoch erkannte Tiberius die Neugier in ihrem Blick. Unverhohlen und bestechlich. Zugegeben: Ein Interesse an seinem Schicksal gab es nur selten und ihm war auch nicht ganz wohl bei dem Gedanken, er müsse oder könne ihr sein Leben anvertrauen. Zumindest auf die kleinen, subtilen Details sollte er verzichten, wenn er vorhatte ihr eine Chance zu geben. Dennoch ließ er Vorsicht wallten. Sein gerade zu offener Blick und das sanfte Lächeln auf sein Gegenüber gerichtet. Ihren Vorschlag länger bleiben zu sollen, um die unerschöpfliche Entdeckung des Glaubens zu machen, empfand er als eine wunderbare Gelegenheit das Leben auf die Probe zu stellen. Nicht der Wunsch seinen Weg den Göttern in die Pfoten zu legen war hierfür ausschlaggebend. Es waren die Wölfe, die es taten. Diejenigen unter ihnen, die liebten, hassten und sogar töteten, weil es ihr Glaube verlangte.
Ihr Lächeln mündete in einem Schmunzeln und die Ohren des Grauen zuckten kurz, gespannt, welche Gedanken ihr diese schöne Geste schenkten. Sie glaubte, weil sie es erlebt hatte. Ihre Mutter war in den bernsteinfarbenen Augen Tyraleens der lebendige Beweis gewesen. Ob nun die Göttin des Lebens wirklich in ihr schlummerte, konnte sie nicht mit einem eindeutigen 'ja' beantworten. Kein Anlass, an ihrer Überzeugung zu zweifeln. So wenig wie sie an das Wissen der Existenz dieser Mächte zweifelte. Tyraleen legte ihm Beweise vor, zeigte ihm auf, in welcher Form sich Tod und Leben bemerkbar machten. Alles Dinge, die der Graue vielleicht sehen, aber nicht spüren konnte.
“Der Glaube versetzt Berge“,
ein Sprichwort, das man so oder aber auch so betrachten konnte. Er führte keine Ermittlung und letztendlich war es nicht an ihm, zu entscheiden.
“Ich glaube dir, dass die Wölfe in diesem Tal eine große Verbindung zu Göttern verspüren. Und auch die eindeutigen Zeichen einer höheren Macht sind beeindruckend und überzeugend. Durchaus“,
damit war immer noch keine klare Aussage getroffen. Tiberius glaubte ihr, aber nicht den Göttern. Nach wie vor hielt er sich bedeckt und legte seine 'Beweise' nicht vor. Geduldig ließ der Graue die Weiße aussprechen. Erwiderte ihr Schmunzeln. Gute Gepflogenheiten bei solch einem Thema, das vielleicht auch ihm helfen konnte. Ein kurzer Moment der Pause trat ein und Stille kam auf, die erfüllt vom Nachgeschmack ihrer Erzählung war. Bitter, herb und doch verlockend süßlich.
Er trat näher an Tyraleen heran, wollte seine nächsten Laute nicht in die Welt rufen. Tatsächlich senkte sich sein Tenor. Keine Angst trieb ihn zu seiner Vorsicht, aber eine Absicherung gegen eventuelle Verfeindungen musste schon sein.
“Wenn du dich mal nicht irrst“,
das bezog sich auf ihre letzte Annahme,
“Einen Zustand, die deine Erzählungen schildern – zwischen weiß und schwarz, Leben und Tod, diese graue Taubheit – ich kenne ihn. Es ist keine Metapher sondern ein reales Gefühl oder noch viel besser: eine Lücke in der göttlichen Beschaffenheit deines Glaubens. Angenommen ich könnte deine Götter sehen, angenommen ich würde ihre Anwesenheit spüren und wüsste, dass sie ganz in meiner Nähe sind, warum diese Taubheit?“,
ungeniert ließ er seine Sätze wirken,
“Natürlich können Götter sich nicht um jedes Schicksal kümmern und mir ist bewusst, dass nicht jeder Wolf mit seinem Leben wichtig für die Gemeinschaft ist, aber war in deinen Legenden nicht die Rede davon, genau dieses Grau aus der Welt zu verbannen? Versteh mich nicht falsch“,
was ja durchaus passieren konnte. Er wollte ihr nicht mit einem entsetzlichen Schlag alle Argumente und Belegungen aus der Pfote reißen.
“Du sagst, du bist noch jung und die Göttin ist dir noch nicht sehr nahe, aber es müsste doch reichen, um mir den Sinn dieser Taubheit aufzuzeigen“,
auch wenn es hätte verzweifelt klingen können, so war es wie jede andere Unterredung. Geschmückt mit einem direkten Augenkontakt und die Erwartung eine ganz plausible Antwort zu bekommen. Ohne dass sie es mitbekam, lud Tiberius eine ordentliche Portion Verantwortung auf ihre Schultern. Ob sie den Anforderungen gerecht werden konnte, spielte für den Gestromten keine Rolle. Der Versuch würde sie sehr wertvoll für ihn machen. Zumindest war es eine Überlegung wert.
((Das ist das unnormale Normale an ihm - geht das so in Ordnung?))
16.01.2011, 21:31
(('türlich, 'türlich ^.^))
Es war kaum zu übersehen, dass sie Tiberius nicht überzeugt hatte. Für ihn waren ihre Worte die einer Gläubigen, einer Wölfin, die ihrer Göttin so tief zugeneigt war, dass jede noch so verrückte Geschichte über Engaya für wahr erklären würde. Tyraleen merkte mit leichtem Unbehagen, dass sie es störte, einen solchen Eindruck hinterlassen zu haben. Da halfen die unverfänglichen und beinahe ausweichenden Worte des Gestromten nicht gerade weiter. Sie wollte sich nicht vorwerfen lassen, blind ihren Göttern hinterher zu tappen und jedes noch so unwichtige kleine Naturereignis als ein Zeichen anzusehen. So war sie nicht, noch nie. Es hatte viel Zeit gebraucht, um sie von dem zu überzeugen, was sie nun glaubte.
Aber sie wusste nicht, was sie hätte sagen sollen. Vielleicht war es die Trauer und die Schwäche, die ihr jede gute Idee für das entscheidende Argument, das ihr noch fehlte, nahmen. Vielleicht war es auch das unverändert freundliche, aufmerksame und ruhige Lächeln Tiberius‘, das ihr die Grundlage für ein Anrennen gegen seine Mauern nahm. Kurzzeitig hatte sie den Wunsch, einfach fort zu gehen, aber aus zwei guten Gründen konnte sie ihm nicht nachgeben. Zum einen wäre es eine Flucht gewesen, raus aus der Diskussion, für die ihr die nötigen Argumente fehlten und zum anderen mochte sie die Unterhaltung an sich und die Einwände und Anregungen des Gestromten. Nur gerade jetzt fühlte sie sich schrecklich, ganz ungeachtet der Tatsache, dass sie sich ohnehin schrecklich fühlte.
Als Tiberius ihr nun plötzlich näher kam, lenkte er sie erfolgreich von ihren Gedanken ab. Sie hatten zuvor einen Abstand gehalten, der für ein Gespräch unter Fremden normal war, nun gab der Gestromte ihrer Unterhaltung etwas Vertrautes, beinahe Intimes, das Tyraleen zunächst für nicht angebracht hielt und ihr Unwohlsein nur noch steigerte. Dann jedoch begann Tiberius zu reden und schon alleine seine deutlich gesenkte Stimme und die neu erwachte Intensität machten deutlich, dass er nun mehr zu sagen hatte, als ein paar langweilevertreibende Bemerkungen. Der verringerte Abstand schien seinen Sinn zu haben und Tyraleen ließ sich darauf ein, offensichtlich eine neue Vertraute zu sein. Was er ihr da nun eigentlich mitteilte, ließ jedoch ein leichtes Stirnkrausen in ihrem Gesicht erscheinen. Er fühlte sich also wie ein Wolf aus ihrer Legende, jene, die weder Licht noch Dunkelheit erkannten. Beinahe hätte sie gelächelt, doch sicher hätte das zu altklug, zu überlegen und zu überzeugt gewirkt. Ihr schien nur die Antwort auf der Pfote zu liegen, die Tiberius offensichtlich nicht sah oder nicht sehen wollte. Oder hatte sie ihn falsch verstanden? Ihre Augen suchten die Intensität seines Blickes.
“Vielleicht liegt es ja nicht an den Göttern, sondern allein an dir? Wenn du sagst, dass alles taub für dich ist, vielleicht lässt du dann nur nicht zu das Glück und ebenso das Leid zu spüren? Wer sagt, dass es die Schuld der Götter ist? Vielleicht versucht Engaya schon lange dir den Weg zu zeigen, aber du bist zu gut darin, das zu übersehen?“
Sie machte eine kurze Pause und wurde sich während dessen bewusst, dass sie sich gerade selbst widersprach, auf eine subtile Art und Weise. Sie lud nun alle Schuld auf Tiberius‘ Schultern, dabei hatte sie zuvor noch von der großen Macht der Götter und alle ihrer seltsamen Einflüsse gepredigt.
“Vielleicht aber hast du auch Recht und es sind wirklich die Götter, die dir etwas sagen möchten, was du nicht verstehst. Aber ich kann es nicht übersetzen, ohne dich zu kennen. Ich sehe nur einen Rüden, der die perfekte Gesellschaft ist und doch wirkt, als würde er nur versuchen, seine endlose Langweile zu überwinden.“
Wenn er schon ehrlich war, konnte sie es ihm ja ruhig gleichmachen.
19.01.2011, 07:31
Es entging ihm nicht, dass mit der kommenden Nähe ihr Unwohlsein wuchs. Es war wohl in erster Linie seinem Fremden-Status anzurechnen. Und offensichtlich Testosteron gesteuert, war gerade seine Geschlechterklasse beim Thema 'Nähe und Auswirkung' nicht sehr beliebt. Aber auf solche Dinge zielte er es nicht ab, zumindest lag die Priorität hierfür unter ihren jetzigem Gesprächsinhalt. Tyraleen ließ sich schließlich auf Tiberius ein und hörte ihm aufmerksam zu, bis sich schließlich ein leichtes Kräuseln auf ihre Stirn legte. Zweifelte sie etwa an seinen Worten oder an ihrer Glaubwürdigkeit, die sich auf dem zweiten Blick mit seiner Götter-Abneigung widersprach? Legenden waren Geschichten, die man Welpen erzählte, um ein gewünschtes Erziehungsziel zu erreichen. Nur manchmal trafen sie voll ins Schwarze. Der Gestromte war nicht sonderlich überrascht, dass es nun an seinem Beispiel war. Auch für seine Art hatte man immer eine religiöse Abhilfe und Erklärung. Nur der überraschende Effekt, den Tyraleen ganz unverhofft ausgelöst hatte, bewegte den Rüden zum vorläufigen Glauben. Es war ein rhetorisches 'nehmen wir mal an' – daraus ergab sich auch der Rest seiner Äußerungen. Er war gespannt auf ihre Erklärung, ging aber nicht davon aus, dass die erhoffte Erlösung so schnell eintreten würde. Vielleicht war für diesen Wunsch auch einfach ein unpassender Moment gewählt. Sie war mit anderen Dingen beschäftigt.
Ihrem Blick gab er nach, behielt das freundlichen Lächeln, auch wenn es nicht mehr angebracht war. Gewohnheit.
Hätte er Wetten abgeschlossen, wäre er wohl als Gewinner daraus hervorgegangen. Die Weiße hinterfragte die Anteilnahme ihrer Götter an seinem Schicksal. Das war die einfachste Erklärung. Wenn der Gestromte ehrlich war, würde er es nicht anders machen. Es gab da nur ein kleines Problem: Würde er seine Taubheit in Stücke reißen können, hätte er es schon längst getan. Leid und Glück waren ihm oft widerfahren und zurück blieb die Leere. Der Wunsch nach einer Gefährtin und Welpen war der letzte Versuch zurück ins volle Leben zu kommen. Und doch lehnte er ihre Ansicht nicht vollkommen ab. Vielleicht war er wirklich einfach nur blind für Zeichen. Ja, er wusste schon förmlich, dass er an solchen Eingebungen vorbei spaziert war.
Die andere Seite der Medaille war allerdings ein Stück interessanter. Für etwas bestimmt zu sein, war ein beruhigender Gedanke. Er führte unweigerlich zu einer Mischung von Selbstüberschätzung und einem gewaltigen Schub Hoffnung. Über ihre ehrliche Aussage zu seinem Erscheinungsbild war der Gestromte allerdings erstaunt. Selten schaffte es sein Gegenüber so treffend eine Meinung zu formulieren, die den Rüden auch wirklich bestens umschrieb. Natürlich war er eine gute Gesellschaft.
“Warum sollte ich mich weigern Leiden und Freude zu empfinden? Sind es nicht die beiden Dinge, die jeden Wolf wieder aufrichten und weitergehen lassen? Nein, ich habe keine Angst – vor nichts und niemanden. So auch nicht vor schlimmen Schicksalsschlägen“,
er wollte nicht unfair sein. Tyraleens Schicksalsschlag war natürlich äußerst schwer und gewaltig. Seine Worte sollten ihre Situation nicht herunterspielen. Keinesfalls. Das konnte sie auch, wenn sie genau hinsah, an seinen Zügen ablesen.
“War das ein Freundschaftsangebot?“,
er lachte kurz auf. Die Situation sollte nicht unter ihren verschieden Ansichten einfrieren. Ihm lag irgendetwas an dem Gespräch. Die bernsteinfarbenen Augen wieder fest auf ihren Blick gerichtet, vermittelte er ihr genau das.
“Es wäre schön, wenn du sehen könntest, dass es nicht nur Langeweile ist. Aber nehme mir nicht übel, wenn es nicht immer ganz so enthusiastisch wirkt“,
ein kurzes Zwinkern deutete an, dass sie schon wusste, was er meinte. Die Taubheit nicht Überhand gewinnen zu lassen, war nicht immer ganz einfach.
“Und wenn es wirklich an deinen Göttern liegt – leg´ ein gutes Wort für mich ein. Lieber würde ich einen Weg voller Leid gehen, als im Angesicht dessen nichts zu empfinden und vielleicht sogar noch zu lächeln“,
obwohl der kleinen Scherze im voranschreitenden Gespräch, meinte er diese Äußerung ernst.
((Ich habe jetzt endlich OpenOffice! ^^))
20.01.2011, 23:42
Das Lächeln, das Tiberius auf den Lefzen behielt, war längst nicht mehr angebracht und Tyraleen fragte sich unwillkürlich, ob er sie ärgern oder einen Spaß mit ihr treiben wollte. Ganz so, als wolle er ihr zeigen, dass er auch auf Teufel komm raus eine angenehme Gesellschaft sein konnte – egal in welcher Situation, Tiberius‘ Superwolflächeln leuchtet in der Dunkelheit und erhellt jedes Gemüt. Ihre Lefzen verzogen sich spöttisch, genauso unpassend zu der Situation und doch eine passende Antwort auf sein Gesicht. Dann wandte sie sich seinen verbalen Antworten zu, die eigentlich zu erwarten gewesen waren. Er war sicher kein Wolf, der sich reumütig vor sie setzen und eingestehen würde, dass er sein taubes Leiden selbst verursacht hat – ganz unabhängig davon, ob es stimmte oder nicht.
“Wer spricht von Angst? Du scheinst mir kein ängstlicher Wolf, viel eher ein zu souveräner, zu selbstbewusster – irgendwie abgeklärt, kalt im Inneren. Ob das nun die Ursache oder nur das Symptom ist, kann ich nicht beurteilen.“
Sie machte eine kurze Pause und ihre Augen verengten sich leicht, nicht feindlich, nur forschend und durchdringend. Das spöttische Grinsen hatte sich verflüchtigt.
“Nein.“ antwortete sie schlicht und musste dann doch lächeln. “Aber vielleicht werden wir auch so Freunde.“
Erstmals wandte sie ihren Blick von ihm ab, nicht um ihm auszuweichen, sondern um in der klaren Kälte des Sees ein paar Gedanken fangen zu können. Sie war kein Therapeut und die Probleme anderer Wölfe waren ihr die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens ziemlich egal gewesen. Seit ihrer Ausbildung zur Priesterin war ihr klar, dass sich das ändern würde, dass Selbstlosigkeit und die über allem stehende Liebe zu jedem Wolf in der Vordergrund treten würde, aber bis zu Tiberius hatte nie jemand ihre Hilfe oder Meinung in einer solchen Art und Weise erbeten. Vielleicht sollte sie sich daran gewöhnen, denn falls sie jemals das hinter sich lassen konnte, was sie getan hatte, würde ihr wohl eine Laufbahn wie die ihrer Mutter bevorstehen. Ihr Blick fand zurück zu Tiberius.
“Ursache oder Symptom – bist du abgeklärt und unnahbar, weil alles taub ist oder ist alles taub, weil du abgeklärt und unnahbar bist? Und wenn die Götter ihre Pfoten im Spiel haben, dann sicher nur verstärkend, vielleicht, um die den Spiegel vor dein Gesicht zu halten.“
Bei seinen nächsten Worten verschloss sich ihr Blick, bevor sie es verhindern konnte, senkten sich ihre Augen zu Boden, auch wenn sie sie wenige Herzschläge später wieder hob. Was auch immer vorher in ihrem goldenen Blick gestanden hatte, war nun verschwunden und hatte einer Leere Platz gemacht. Langsam schüttelte sie den Kopf.
“Ich bin die Falsche für eine Nachricht an die Götter. Sie sind sehr weit entfernt von mir - mehr noch, derjenige, zu dem ich nicht gehöre, ist zu nahe.“
Eine Welle der Schwäche brach sich an ihren Läufen und für einen kurzen Moment meine die Weiße ihr nicht standhalten zu können. Doch der Baum, der noch immer unbeweglich und starr an ihrer Seite stand, stütze sie, nur ihr Blick irrte erneut zu Boden. Ihr zuvor analysierender und erklärender Charakterzug schien wieder unter der Schwere des Erlebten begraben zu sein.
04.02.2011, 09:09
Ganz plötzlich legte sich ein spöttisches Lächeln auf die Lefzen der weißen Tyraleen. Wäre der Gestromte nicht so abgeklärt gewesen, hätte er sich darüber gewundert. Aber er konnte sich ungefähr denken, was die hübsche Fähe zu so einer Grimasse trieb. Er tat ihr allerdings keinen Gefallen und ließ das Lächeln, fast schon in einer stumpfen Dickköpfigkeit, auf seinem Gesicht und konterte damit unbewusst oder gezielt gegen die hässliche Geste. Es stand seinem Gegenüber ganz und gar nicht. Obwohl das traurige Erscheinungsbild ebenfalls unpassend war. Vielleicht war es mit einem ehrlichen, frohen Lachen anders. In Anbetracht ihrer Situation würde das wohl nicht allzu schnell passieren. Ein Grund länger zu bleiben, um herauszufinden, ob sie tatsächlich lachen konnte. Zumindest war Tyraleen nicht auf die Schnauze gefallen und äußerte in einer ehrlichen, konkreten Weise ihr Meinungsbild über den Rüden. Als zustimmende Antwort senkte er den Kopf ein wenig und konnte somit noch tiefer in ihre Augen schauen. Abstreiten war an dieser Stelle unangebracht und Tiberius konnte sich durchaus eingestehen, dass er auf manches Wolfsvolk abgeklärt wirkte. Das war nicht immer ganz unbeabsichtigt. In den meisten Fällen war es allerdings sein flaues Magengefühl, was ihn oft im Stich ließ und nicht verriet, was er fühlen sollte.
“All diese Eigenschaften sind doch ganz nützlich, auch wenn ich verstehen kann, was du meinst. Aber du sagtest selbst, dass ich eine angenehme Gesellschaft sei. Es kann demnach nicht meine völlige Absicht sein. Im Gegenteil. Jeder Wolf wünscht sich doch die Zugehörigkeit, ein Rudel und eine Familie“,
damit dementierte er seine Beteiligung an dem zu selbstbewussten Erscheinungsbild. Er stritt es nicht ab und gab sich dennoch nicht die Schuld an seinem beinahe desinteressierten Verhalten. Einfacher hätte er sich nicht machen können.
Ihr durchdringender Blick legte nichts Neues offen. Das spöttische Grinsen hatte sich verflüchtigt und an Stelle trat ihr schönes Lächeln.
“Ich würde es mir wünschen“,
sie wandte ihren Blick ab und auch Tiberius schloss kurz die Augen. Eine schöne Vorstellung. Eine Freundin, die nicht sofort Reißaus nahm, wenn er seine fünf Minuten bekam und sich in einem Anflug von Ungepflogenheiten alles verbaute. Die Weiße war unglaublich stark und das imponierte dem Rüden. Und sie traf gute Aussagen, verstand die Problematik seines Konfliktes. Ja, wie war es denn nun? War er abgeklärt, weil Alles taub war oder war es taub, weil er abgeklärt war? Auch wenn Tyraleen es nicht sehen konnte, zuckte er kurz mit seinen Schulterblättern. Er wusste die Antwort nicht, ansonsten wäre er wohl schon nicht mehr an diesem Punkt sich die Frage stellen zu müssen. Bei seinen nächsten Worten bekam das Gespräch allerdings noch eine ganz andere Wendung und Tiberius hätte sich am liebsten auf die Zunge gebissen. Er wollte die Wölfin nicht trauriger machen.
“Tyraleen“,
flüsterte der Rüde und trat an ihre freie Seite. Gestützt von dem starren Baum auf der einen Seite und mit dem Fangnetz in Form Tiberius` von der anderen Seite gehalten. Unweigerlich schenkte er ihr Glauben. Die Weiße hoffte auf ihre Götter und es schien ihr die Freude zu rauben, wenn sie daran dachte, dass sie ihrem Gott nicht mehr nahe stand.
Endlich war das Lächeln aus seinem Gesicht gewichen. Nun schienen seine Züge tatsächlich abgeklärt, kalt und unnahbar.
“Wenn du nicht mein Draht zu den Göttern sein kannst, wer soll es sonst sein?“,
es war tatsächlich aufmunternd gemeint.
25.02.2011, 15:13
Tiberius‘ Antwort auf Tyraleens tiefenpsychologische Interpretation seiner Selbst verwirrte die Weiße ein wenig. Sie verstand nicht ganz, was die angenehme Gesellschaft und weitergehend eine Familie mit diesem Thema zu tun hatte. Fast schien es ihr, als wolle der Gestromte davon ablenken, all zu tief in seine Seele vorzudringen. Sie konnte es ihm nicht verübeln, immerhin waren sie sich beide fremd. Aber er hatte ihr von seinen Problemen berichtet, also half sie ihm, sofern er es wünschte. Jetzt schien er das Thema nicht mehr vertiefen zu wollen. Sie nickte.
“Du musst dir darüber bewusst sein, was du möchtest. Wer weiß, vielleicht kann ich oder jemand anderes aus diesem Rudel dir dann irgendwie helfen.“
Sie schenkte ihm ein weiteres Lächeln, diesmal ganz ungezwungen, ein Anflug von Leichtigkeit, vielleicht, weil sie das erdrückende Thema Tiberius‘ Inneres hinter sich gelassen hatten. Ob sie Freunde werden würden, würde die Zeit bringen, etwas anderes fiel der Weißen dabei ein und sie stellte leicht die Ohren auf.
“Wer hat dich eigentlich hier empfangen? Bist du ins Rudel aufgenommen worden?“
So etwas wie eine Pflicht als angehende oder einstige oder mögliche oder beinahe Leitwölfin hatte sie ja auch noch. Das sollte selbst angesichts eines solchen Gespräches nicht vergessen.
Als sich Tiberius näherte, folgte sie seinen Bewegungen mit den Augen und ließ ihn gewähren. Er schien keine andere Absicht zu haben, als sie aufzumuntern, auch wenn seine Methode nicht unbedingt die beste war.
“Ich weiß es nicht. Vielleicht bin ich es ja bald wieder. Bis dahin musst du dich gedulden oder meine Nichte Rakshee fragen. Sie ist Priesterin, ebenso wie Sheena und wie ich … es war. Oder bin. Ich weiß es nicht.“